Aufbruch (11.05. – …)

Eigentlich sollte der lange Winter ja genügen, um im Frühjahr das Boot reisefertig zu haben, aber irgendwie klappt es doch nie … so auch zum Beginn dieser Saison: die ‚Orion‘ hat eine feste  Scheibe für die Sprayhood, eine elektrische Ankerwinsch, einen neuen Decksanstrich und viele Kleinigkeiten mehr bekommen, die uns bis zur buchstäblich letzten Minute in Atem gehalten haben – fast hätten wir die Schleusung in Papenburg verpasst, und dann wollte uns der Schlamm in der Einfahrt nicht gehen lassen; beim Versuch das Boot daraus zu befreien hat sich dann auch noch das Relais des Bugstrahlruders verabschiedet. Aber mit PS-kräftiger Unterstützung der ‚Primavera‘ (Danke!!!) haben wir es dann doch noch aus dem Hafen und nach kurzer Fahrt bis

Leer
Ansegeln nach Leer

geschafft. Hier nämlich soll an diesem Wochenende das diesjährige Ansegeln unseres Vereins stattfinden, und so können wir das erste Stück des Weges mit einigen anderen Vereinsbooten zurücklegen und weitere in Leer treffen, die aus Delfzijl angereist sind.

Es wird ein fröhlicher Abend im Clubheim des SV Leer, und am nächsten Vormittag gibt es ein großes Abschiednehmen von den Freunden vom YC Papenburg, die wir einige Zeit nicht wiedersehen werden. Das stimmt schon etwas wehmütig, aber es ist auch schön, vermisst zu werden und etwas zu haben, wohin man eines Tages zurückkehren kann. 

Montagmorgen geht es dann endgültig los,  wir schleusen um 8 Uhr auf die Leda aus und lassen uns vom ablaufenden Wasser Richtung Nordsee ziehen. Etwa bis Eemshaven läuft der Strom mit, dann setzt langsam die Flut ein; laut Wettervorhersage sollte eigentlich ein mäßiger Wind aus Nordnordost dabei helfen, dagegen anzusegeln, leider weiß der aber nichts davon und weht aus Nordwest, sodass noch lange Stunden der Motor laufen muss. Erst kurz vor 17 Uhr biegt das Westerems-Fahrwasser endlich nach Westen ab, und die langersehnte Stille setzt ein. Bei 10 bis 12 Knoten Wind gleitet die ‚Orion‘ unter Vollzeug durch die kaum einen Meter hohe See – das hat den ganzen Winter gefehlt!

Sonnenuntergang vor Schiermonnikoog

Das Wetter bleibt freundlich und der Wind gleichmäßig, nun (wo es nichts mehr ausmacht) dreht er auch endlich auf Nordost. Der Abend schenkt uns einen großartigen Sonnenuntergang, und nach einer ruhigen Nacht (sogar ohne unzähligen Fischern ausweichen zu müssen) erreichen wir am Dienstagvormittag

Vlieland
Vlieland voraus!

Schon in der Ansteuerung begegnen wir etlichen Schiffen der ‚Braunen Flotte‘, die hier ihre Gäste – meist Schulklassen – abladen. Entsprechend groß ist der Trubel rund um den Hafen und im Ort; mit dem Ablegen der Plattbodenschiffe kehrt aber Ruhe ein, und man sieht dass sich um diese Jahreszeit noch nicht viele Urlauber und Yachten auf die Insel verlaufen haben, die Marina ist praktisch leer.

Vlieland ist bekanntlich ein attraktives Ziel, und so bleiben wir gerne etwas länger, auch um den Zeitdruck der letzten Wochen langsam abzubauen. Das Wetter ist perfekt, strahlend stellt die Sonne Strand, Wald und Dorf in ihren schönsten Farben dar; nur recht kalt ist es, der Wind weht nach wie vor aus Nordost. Wir laufen lange am Strand entlang, lassen uns den ersten Kibbeling schmecken und decken uns mit holländischen Spezialitäten ein.

Harlingen

Am folgenden Donnerstag ist uns erst mal nicht klar, wie es weitergehen soll; eigentlich stünde eine Fahrt übers Wattenhoch nach Texel auf dem Programm, aber dafür ist die Tide einfach zu ungünstig: man müsste entweder mitten in der Nacht losfahren oder ankommen, beides nicht so attraktiv. Also entscheiden wir uns um und brechen am frühen Nachmittag, eine Stunde nach Niedrigwasser, mit Ziel Harlingen auf. Es weht ein frischer Wind, 5 bis 6 Beaufort aus Nordost sind vorhergesagt, 6 bis 7 messen wir dann. Im – eigentlich berüchtigten – Seegatt ‚Stortemelk‘ läuft es noch ganz gut, später im ‚Blauwe Slenk‘ wird es aber echt ungemütlich, als 30 Knoten Wind von vorne drücken und drei Knoten Strom von hinten schieben, die ‚Orion‘ wird der Länge nach mit Wattenseewasser gespült.

Harlingen, altes Rathaus

Aber irgendwann ist auch das überstanden, und am frühen Abend laufen wir in Harlingen ein, wo sich auch gleich die Brücke öffnet, die uns in den Noorderhaven einfahren lässt. Hier liegt man mitten im Zentrum der alten und geschäftigen Hafenstadt, direkt vor dem barocken Rathaus aus dem 18. Jahrhundert. Duschen gibt es auch, und das ist gut so, denn auch der Steuermann hat eine Menge Salzwasser abbekommen.

Am nächsten Morgen laufen wir noch bis zum Fischereihafen, bestaunen die gewaltig großen Schäkel und Blöcke im Fischereiausrüstungsladen (CIV) und kaufen fangfrische Seezunge fürs Abendessen. Am späten Vormittag verlassen wir dann Harlingen und machen uns auf den Weg ins Ijsselmeer.

Medemblik
Medemblik: Windmühle am Stadtrand …

Erst geht es am Deich entlang bis zur Schleuse in Kornwerderzand, wo wir gegen Mittag zusammen mit zwei anderen Booten ins Ijsselmeer gehoben werden. Vor dort aus sind es noch 20 Seemeilen bis Medemblik, und obwohl der Himmel bedeckt ist und immer mal ein Schauer droht, segelt sich die Strecke sehr angenehm, mit halbem Wind der Stärke 4 ist die ‚Orion‘ nämlich bestens zufrieden und läuft unter Vollzeug mit über 6 Knoten ihrem Ziel entgegen.

… und der perfekte Liegeplatz

In Medemblik entscheiden wir uns einen Tag zu verweilen, denn erstens ist das Wetter am Samstag sonnig und windstill, zweitens die Stadt bei Sonnenschein sehr attraktiv (erst recht, wenn man einen der Liegeplätze vor dem um 1288 erbauten ‚Kasteel Radboud‘ ergattern kann), und drittens wartet beim Hafenmeister das Paket mit den Ersatzteilen fürs Bugstrahlruder, so dass auch endlich mal wieder repariert werden kann 🙂

Enkhuizen

Am Sonntag ziehen wir dann weiter, nach einem dem Tag angemessenen Frühstück versteht sich; besonders eilig haben wir es nicht, denn bis zum nächsten Ziel Enkhuizen sind es nur 11 Seemeilen. Erfreulicherweise hat sich der Wind wieder eingefunden und bläst nun aus Nord mit 4 bis 5 Beaufort – wieder halber Wind, und staunend sehen wir bis zu 7.5 Knoten auf dem GPS! Unter den geschützten Bedingungen des Ijsselmeers lernen wir ganz neue Geschwindigkeiten kennen … 

Enkhuizen: Einfahrt in den Oude Haven

So erreichen wir gegen Mittag Enkhuizen; schon bei der Einfahrt kann man einen Blick in den historischen Stadtkern werfen. Wir freuen uns einen Liegeplatz im Buitenhaven gleich am Rande des Zentrums zu bekommen; hier ist man mit wenigen Schritten mittendrin und liegt dennoch recht ruhig. Zum Stadtrundgang kommt auch noch ein wenig die Sonne heraus, was will man mehr!

Enkhuizen wirkt etwas städtischer als Medemblick, verfügt über unzählige tolle, alte Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit prachtvollen Giebeln, und natürlich etliche über die ganze Stadt verteilte Häfen, vom Compagnieshaven mit Hunderten von Yachten im Nordosten bis zum Krabbershaven im Südwesten, wo zahlreiche Schiffe der Braunen Flotte liegen.