Gefangen auf Ibiza (12.03. – 26.05.)

Am frühen Donnerstagmorgen geht es noch vor Sonnenaufgang los: 50 Seemeilen sind es bis Ibiza, und wir wollen nicht allzu spät ankommen. Es ist Südwind um 10 Knoten angesagt, mit dem neuen Code 0 sollte sich damit ganz gut Fahrt machen lassen.

Bei Sonnenuntergang nähern wir uns Ibiza

Tatsächlich weht zunächst deutlich mehr Wind, dafür aber aus einer viel östlicheren Richtung; damit machen wir einige Stunden sehr  gute Fahrt, bis gegen Mittag der Wind auf das angesagte Maß zurückgeht, ohne aber die Richtung zu ändern. Am Wind kann der Code 0 mit 10 Knoten noch einiges anfangen, vorm Wind dagegen … wir wechseln also auf den Gennaker, und später am Nachmittag auch wieder zurück; so schmilzt der zunächst herausgefahrene Vorsprung dahin, und wir erreichen Ibiza nach 20 Uhr; wenigstens durften wir zuvor noch einen tollen Sonnenuntergang auf See bewundern!

Cala Portinatx

Die für die Ankunft ausgesuchte Ankerbucht begrüßt uns mit einer Überraschung: wir sind nicht allein, ein kanadischer Katamaran ankert dort bereits – um diese Jahreszeit ja eher außergewöhnlich. Da außerdem viele alte Murings oder deren Überreste im Wasser schwimmen, ist es in der Dunkelheit nicht ganz einfach, einen brauchbaren Ankerplatz zu finden, aber nach ein paar vorsichtigen Runden gelingt es uns doch.

Cala Portinatx

Am nächsten Morgen setzen wir gleich mit dem Dinghi zum Strand über, es soll nämlich gleich zwei Supermärkte und eine Bäckerei im Ort Portinatx geben, und wir wollen die Ankunft mit einem anständigen Frühstück feiern – dem ist auch so, aber die Supermärkte sind noch sowas von geschlossen, der ganze Ort ruht noch; die Saison hat hier noch lange nicht begonnen. Ein Baguette können wir aber glücklicherweise erwerben, das Willkommensfrühstück ist gerettet!

Danach halten wir uns aber nicht mehr lange auf, den wir wollen ein paar Seemeilen weiter die Küste entlang in eine andere Ankerbucht, die

Cala Benirràs

Dort angekommen sind wir begeistert: bizarre Felsenformationen in der Einfahrt und unbeschreiblich klares Wasser begrüßen uns, der Schutz gegen Ostwind und Schwell ist prima – was will man mehr!

Cala Benirràs

Am Strand befinden sich einige alte Fischerhütten, außerdem auch zwei einfache Strandbars, die aber – natürlich – noch geschlossen sind. Dennoch zieht die Cala einige Menschen an, die am Strand in der Sonne – und manchmal auch im mit 17 Grad noch recht frischen Wasser – baden oder Yogaübungen auf den Felsen ausführen. Ibiza ist nicht nur für seine Party-Clubs in den Städten bekannt, sondern auch für eine sehr alternative Szene abseits davon – und dieser entlegene Strand scheint den Inselhippies gut zu gefallen, am Abend finden sich Gruppen von Menschen zusammen, die mit rhythmischem Trommeln den Sonnenuntergang begleiten.

Abendstimmung über der Cala

Uns gefällt es auch gut, wir bleiben zwei Tage, machen Landausflüge und genießen die Wärme des Nachmittags und den tollen Abendhimmel; nur weil langsam die Frischvorräte zur Neige gehen und außerdem eine Wetterverschlechterung angesagt ist, machen wir uns am Sonntag wieder auf den Weg. Dass der Wind dabei so günstig weht, dass wir unter Segeln den Anker aufholen können, versüßt noch den Abschied …

Ibizas Nordwestküste bei Cabo Novo

Die vorbeiziehende Nordwestküste Ibizas ist steil und felsig, aber mit einigen 100 Metern weniger hoch und unzugänglich als die Mallorcas. Auch bedecken meist Wälder die Hügel, nur Zivilisation sieht man praktisch keine – eine tolle Landschaft! Der Wind weht nach wie vor aus östlichen Richtungen, was bedingt durch die Abdeckung durch die Steilküste zu sehr abwechslungsreichen Segelbedingungen führt, zwischen 0 und 20 Knoten Wind ist alles drin, aber wir haben es nicht eilig, können die Segel den Maximalwerten anpassen und in den Windlöchern eben etwas länger die spektakulären Steilhänge betrachten 🙂

Sant Antoni de Portmany
Selbst ohne Corona wohl noch vorsaisonbedingt geschlossen: das berühmte Cafe del Mar

Wir ankern noch eine Nacht direkt vorm Strand von Sant Antoni, bevor wir am nächsten Vormittag in den Gemeindehafen einlaufen. Dort sind wir sehr erstaunt, nach 5 Tagen ohne Kontakt mit der Zivilisation feststellen zu müssen, dass die Corona-Panik in der Zwischenzeit auch Spanien fest im Griff hat: wir dürfen nur für die notwendigsten Besorgungen die Steganlagen verlassen, und ob wir überhaupt wieder auslaufen dürfen, ist noch unklar.

Beim Gang zum Supermarkt fühlen wir uns wie in einem Endzeitfilm: die Straßen sind fast menschenleer, nur vermummte Arbeiter sprühen Wege und Wände mit Desinfektionsmitteln ein; den Supermarkt kann man nur einzeln durch eine Schleuse betreten, um dann vor leeren Regalen zu stehen. Alle Restaurants etc. sind geschlossen, und wir erfahren, dass es auch keine Flüge von und zu den Inseln mehr geben soll – na das kann ja noch heiter werden!

Cala Codolar

Mittwoch bekommen wir dann wenigstens doch die Erlaubnis, auszulaufen – allerdings verdeutlicht man, dass wir nirgendwo anders wieder einlaufen dürfen … wir können also in der Umgebung von Sant Antoni ankern, bei Bedarf dort mit dem Dinghi anlanden um einzukaufen, und in Notfällen sogar im Hafen anfragen, um dort nochmal festzumachen … na prima.

Quarantänestation Cala Codolar

Wir segeln knapp 10 Seemeilen aus der Bucht von Sant Antoni heraus, denn diese ist mit ihrer dichten Hotelbebauung nicht unbedingt attraktiv; viel schöner ist es in der Cala Codolar: ein paar Villen überblicken den Ankerplatz, ansonsten Natur und tolle Felsformationen – das kristallklare Wasser bedarf ja keiner Erwähnung mehr. Solange der Wind aus nordöstlicher Richtung weht – und das tut er auf Tage hinaus – können wir hier bleiben; wo wir bei Starkwind aus Nordwest an dieser gesamten Küste unterkommen sollen, steht allerdings in den Sternen, ebenso, wie lange dieser Zustand anhalten soll … die aktuellen Verordnungen gelten zunächst mal bis Ende des Monats, also mindestens zwei Wochen, in denen wir uns am Rande der Legalität bewegen, denn jeder unnötige Aufenthalt im Freien – also auch die Benutzung von Sportbooten – ist ja untersagt, ebenso wie ein Spaziergang an Land, um nach tagelangem Herumsitzen mal die Beine zu benutzen 🙁

Zurück in Sant Antoni

Am Montag den 23. verlassen wir unseren Ankerplatz, da für Dienstag Starkwind und bis 2 Meter Schwell angesagt sind – den möchten wir ungern in der zur See hin offenen Cala abbekommen, die Erinnerung an Cala Figuera wirkt da noch nach.

Sonnenuntergang über der Bucht von Sant Antoni

Die Bucht von Sant Antoni bietet guten Schutz bei den meisten Bedingungen, und man kann mit dem Dinghi bequem an Land kommen, um einzukaufen; wir stellen fest, dass auch einige der hier ankernden oder an Muringbojen liegenden Boote bewohnt sind – es gibt also doch noch mehr Corona-Gefangene. Die Aussicht Richtung Land ist halt weniger schön als draußen in der Natur, aber da sich das Wetter in den nächsten Tagen eh launisch zeigt, ist das nicht so schlimm, und wir bleiben vorerst an diesem gut geschützten Ankerplatz. Die totale Ausgangssperre in Spanien ist inzwischen bis mindestens zum 11. April verlängert worden – das kann noch heiter werden. So vergehen Tag um Tag recht ereignislos – wäre es wenigstens wärmer und sonniger, könnten endlich mal alle erdenklichen Edelstahlteile an Deck poliert werden, aber so …

Osterausflug

Zum Wochenende bessert sich wenigstens das Wetter: für die Karwoche ist Sonnenschein angesagt, und so holen wir am Samstag den 4. April den Anker auf und machen uns wieder auf den Weg zu einem Ankerplatz mit schönerer Aussicht, nachdem wir in Sant Antoni nochmal Frischvorräte ergänzt haben – sonst dürfen wir ja nirgends an Land …

In der Cala Carbò

Wir fahren etwas weiter nach Südwesten als bei unserem letzten Ausflug; Ziel ist eigentlich die Cala d’Hort in knapp 15 Seemeilen Entfernung, doch weil noch einiger Schwell aus Südwest angelaufen kommt und der angedachte Ankerplatz dagegen recht ungeschützt ist, schauen wir uns schon kurz vorher die Cala Carbò an, welche weniger offen ist. Hübsch ist es da, aber auch recht eng, und der Ankergrund besteht aus großen Steinen – kaum möglich den Anker einzugraben, und genug Kette kann man erst recht nicht stecken, in der Breite hat es kaum 25 Meter bis zu den Felsen. Nun liegen da aber zwei hübsche, leuchtend weiße Muringbojen – im klaren Wasser lässt sich mühelos erkennen, dass diese für schwere Boote ausgelegt und in hervorragendem Zustand sind. Bestimmt gehören sie zu der Villa auf der Anhöhe, aber deren Bewohner dürfen ja eh nicht vorbeikommen – auch Fahrten zum Zweitwohnsitz übers Wochenende sind strengstens verboten … also schanghaien wir uns eine und liegen nun prächtig für die nächsten Tage 🙂

Der perfekte Ibiza-Sonnenuntergang

Vorteil dieses Ankerplatzes ist der unversperrte Blick Richtung Westen – die Sonnenuntergänge an Ibizas Westküste sind nicht grundlos berühmt! Uns war in Sant Antoni schon aufgefallen, dass gegen 20 Uhr die Einwohner von ihren Balkons aus johlen und applaudieren – in Zeiten der totalen Ausgangssperre versucht man wohl wenigstens an einigen Traditionen festzuhalten. Hier ist es vollkommen menschenleer, und die Sonne geht nur für uns unter …

Inzwischen gibt es schon wieder schlechte Neuigkeiten: schon eine Woche vor dem Ablauf des Ausnahmezustandes hat die spanische Regierung gleich mal zwei Wochen nachgelegt. Damit sind wir also mindestens bis zum 25. April interniert 🙁

Norwegische Aussicht: die Islas Vedràs

Am Mittwoch ist nach tagelanger Flaute die See so ruhig, dass wir uns um die Ecke in die Cala d’Hort verholen; hier gibt es viel mehr Platz, besten Sandgrund und … einen tollen Ausblick auf die vorgelagerten Islas Vedràs! Fast 400 Meter hoch ragen deren Felsen steil aus dem Meer – wir fühlen uns doch sehr ans nördlichere Norwegen erinnert! Nur wärmer ist es natürlich – bei ständigem Sonnenschein erreichen die Nachmittagstemperaturen 22° im Schatten, und selbst das Wasser schafft die 18°-Marke – immer noch reichlich frisch, aber nach Wochen ohne Dusche gibt es kein Halten mehr …

So vergehen die Tage bis Ostern, das sonnige, ruhige Wetter bleibt uns erhalten; getrübt wird die Zeit nur von der Nachricht, dass der Premierminister seine Meinung kundgetan hat, die Ausgangssperre müsse wohl noch einmal um weitere zwei Wochen verlängert werden – dies zu kommunizieren, bevor auch nur der aktuelle Zeitraum (der ja die zweiwöchige Verlängerung des ursprünglichen Zeitraums ist) abgelaufen und die ja ohnehin bereits erlassene, vierzehntägige Verlängerung begonnen hat, mutet doch etwas übereifrig an. Überhaupt scheint auch die Polizei beim Verteilen von Strafzetteln mit einem Eifer vorzugehen, welcher das übliche Niveau dieses Berufsstandes deutlich übertrifft; insgesamt können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass ein kleiner Teil der spanischen Bevölkerung geradezu begeistert davon ist, den größten Teil einsperren und verfolgen zu dürfen, von ’so viel wie eben nötig‘ kann hier keine Rede sein (exemplarisch sei hier die Überwachung von völlig entlegenen Gebieten mit Drohnen genannt) – merkt man daran vielleicht, dass mit dem Ideengut der Franco-Diktatur nie richtig aufgeräumt wurde?!?

Und wieder Sant Antoni …

Am Dienstag den 14. April verlassen wir die Cala d’Hort und machen uns wieder auf den Weg nach Sant Antoni – nach 10 Tagen ist der Kühlschrank mal wieder leer, und außerdem ist für die folgenden Tage schlechteres Wetter angesagt.

Am Donnerstag besucht uns ein RIB der Guardia Civil – wir hätten doch kürzlich noch weiter südlich geankert, das ginge so aber nicht, einfach woanders hinzufahren! Wir erklären, dass sich vor einem Monat der Hafenkapitän noch anderweitig geäußert hat – egal, jetzt jedenfalls geht das nicht mehr. Auf die Frage, in wiefern wir zur Verbreitung des Virus beitragen, wenn wir ja eh nicht das Ufer betreten dürfen, verzichten wir gleich – dieser Corona-Wahnsinn hat längst das Stadium verlassen, in dem man Sinnfragen stellen konnte. Nun ist es also amtlich: wir können hier versauern und uns noch wochenlang den menschenleeren Strand von Sant Antoni anschauen – die nächste zweiwöchige Verlängerung des Ausnahmezustandes wird nämlich auch gleich verkündet. Als ziemliche Ironie wirkt dabei doch das Zugeständnis, welches die Regierung dabei für die Kinder gemacht hat: bis zum Alter von 13 Jahren dürfen sie ab der nächsten Woche einen Elternteil auf dem einzig zugelassenen Weg zum Supermarkt begleiten! Nach 6 Wochen Wohnungshaft werden sich die Kleinen sicher sehr über diese Abwechslung freuen …

Wie den Medien zu entnehmen ist, ist auch bei den Spaniern die Begeisterung über die Maßnahmen nicht gerade hoch – einerseits hier auf den Inseln, wo der Virus ja schon praktisch kein Thema mehr ist und man sich eher mit der bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit in der völlig vom Tourismus abhängigen Region befasst, andererseits aber auch in Madrid und den anderen Großstädten, wo die Leute nicht verstehen können, warum sie sich zwar zweimal täglich in die überfüllte U-Bahn quetschen müssen, um ihrem Job nachzugehen, aber dann nach Feierabend nicht allein im Wald spazieren gehen dürfen. Tja, wer darin einen Sinn findet, der darf ihn behalten …

Unterdessen hängen wir hier also weiter ab, mit dem abendlichen Applaus als einzige Abwechslung; wie eine gewöhnlich gut unterrichtete Leserin dieses Reiseberichts zu berichten wusste, gibt es diesen inzwischen in ganz Spanien, und wird dort dem Einsatz der Pflegekräfte gewidmet – ob das hier inzwischen auch so verstanden wird, entzieht sich unserer Kenntnis, aber in jedem Fall wurde in Sant Antoni auch schon vor Corona-Zeiten allabendlich dem Sonnenuntergang zugejubelt, im Sommer von mehreren tausend Menschen, die sich am Sunset Strip, dem Westufer der Stadt, versammeln; vielleicht war das ja sogar die Inspiration zum jetzigen, landesweiten Event. Die Pflegekräfte auf Ibiza haben jedenfalls mangels Coronapatienten nicht besonders viel zu tun (momentan gelten noch 63 Menschen auf Ibiza und Formentera als infiziert, bei 160.000 Einwohnern) …

Schlimmer geht immer

Am Freitag den 24. April erwartet uns eine neue Überraschung: die Guardia Civil besucht uns und teilt mit, dass wir bis Montagmorgen die spanischen Gewässer verlassen haben müssen, ansonsten droht eine Geldstrafe von 30.000 Euro – ja, genau die gleiche Polizei, die seit knapp 6 Wochen sagt, dass wir auf keinen Fall wegfahren dürfen. Dass dies praktisch unmöglich ist, stört dabei offenbar wenig …

Nun, was tut man in so einem Fall: man wendet sich an das Deutsche Konsulat in Palma – die sind doch dafür da, die Interessen von Bundesbürgern im Ausland zu vertreten, oder? Dort ist man aber erst mal ganz anderer Ansicht und gibt den hilfreichen Rat, man möge sich an einen spanischen Anwalt wenden und vor dem obersten Gerichtshof auf die Einhaltung von EU-Rechten klagen. Ganz anders die Reaktion beim nächsten Anruf beim Auswärtigen Amt in Deutschland: doch, natürlich würde man helfen! Allerdings hat man dann intern den Fall wieder nach Palma weitergereicht, worauf sich die dortige Leiterin gemeldet und in der Folge ein mehrtägiges Lehrstück darüber abgeliefert hat, wie ein kaiserlich-preußischer Beamte den Bürger auflaufen lässt, wenn dieser zu lästig wird. Nun, Leiterin und Stellvertreter des Deutschen Konsulats in Palma haben sich mit jeder Beschreibung spottender Arroganz den unangefochtenen Spitzenplatz auf der Liste derjenigen Staatsdiener erkämpft, für die jeder Cent der gezahlten Steuern verschwendet ist.

Einziger Lichtblick ist das holländische Boot, welches 100 Meter entfernt ankert: die haben ebenfalls ihre Botschaft kontaktiert und eine völlig verschiedene Auskunft bekommen: selbstverständlich werde man sich der Sache annehmen, sie sollten sich keinerlei Sorgen machen, und auf keinen Fall in See stechen und irgendein Risiko eingehen. Der Hinweis darauf an die deutschen Diplomaten und der Vorschlag, man könne doch mit den holländischen Kollegen Kontakt aufnehmen und an einem Strang ziehen, wurde abschlägig beantwortet: dazu habe man keine Veranlassung. Also, unsere letzten Hoffnungen ruhen auf unseren freundlichen Nachbarn im Westen, die das Gutsherrentum nicht nur der Form nach abgelegt haben …

Phasenweise Lockerungen

Tatsächlich beruhigt sich die Lage wieder, und das ausschließlich Dank des Einsatzes der niederländischen Botschaft: nachdem der Botschafter persönlich tagelang versucht hat, einen Vertreter der lokalen Hafen- oder Polizeibehörde ans Telefon zu bekommen (die sich teilweise auf geradezu komödiantisch anmutende Weise von ihren Sekretärinnen haben verleugnen lassen), ist auf einmal keine Rede mehr von Ausweisungen oder Geldstrafen – das Boot der Guardia Civil schaut noch einmal vorbei, sieht aber gar kein Problem mehr, und danach lassen sie sich die Beamten kein einziges Mal mehr blicken … wieviel man als offizieller Landesvertreter mit nichts weiter als einem Telefon erreichen kann, ist doch erstaunlich – und demaskiert die Aussage der deutschen Amtskollegen ‚wir können nichts für sie tun‘ als eben die dummdreiste Lüge, die sie ist.

Unterdessen stellt der spanische Premierminister einen stufenweisen Plan vor, wie man bis zur Phase 3 schrittweise das Leben im Land wieder zulassen will – und damit das auch ja nicht zu schnell geht, fängt man bei Null an zu zählen … aber selbst die ‚Phase 0‘ bringt für die Menschen schon Fortschritte: man darf erstmals seit fast zwei Monaten wieder einen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen, wenn auch nur in einem engen Radius um die Wohnung und zu festgesetzten Zeiten – aber auf einmal sieht man wieder Menschen (ohne Hund) auf der bislang wie ausgestorben wirkenden Insel.

Zum zweimonatigen Jubiläum des Ausnahmezustandes wird dann sogar wieder das Sporttreiben erlaubt, und theoretisch dürfte man in diesem Rahmen auch sein Segelboot benutzen – für Tagesausflüge im Gebiet der Heimatgemeinde. Nun, was immer das für ausländische Boote bedeutet, zunächst mal ist das Wetter zu instabil, um darüber auch nur nachzudenken, bis zu 35 Knoten Wind schütteln die Ankerlieger ordentlich durch, aber zum Wochenende des 16./17. Mai beruhigt sich das Wetter, und die Wettervorhersagen künden davon, dass der Sommer da ist: soweit man blicken kann nur Tage mit 14 Sonnenstunden, 28 Grad im Schatten und laue Winde. Ab Montag den 25. soll die Phase 2 beginnen und wieder die Überfahrt nach Mallorca erlauben, wovon wir natürlich Gebrauch machen wollen – ob wir die Woche bis dahin schon nutzen, um uns still und heimlich in kleinen Schritten entlang der Küste nach Norden vorzuarbeiten? Falls die Polizei vorbeikommt, können wir ja die niederländische Gastlandflagge als Nationale setzen, und sie werden einen großen Bogen um uns machen 😉

Aufbruch

Am Montag den 18. Mai ist es tatsächlich soweit: wir verlassen die Bucht von Sant Antoni! Zusammen mit zwei anderen Booten machen wir uns auf den Weg zum Nordende der Insel, um bei günstiger Wetter- und Gesetzeslage die Überfahrt nach Mallorca vorzubereiten.

Cala Salada, ein kleines Paradies direkt neben Sant Antoni

Zunächst geht es nicht gerade weit, in der gut 3 Seemeilen entfernten Cala Salada werfen wir den Anker; doch obwohl Sant Antoni noch so nah ist, sind wir in einer anderen Welt: völlig klares Wasser, Natur, keine Plattenbauten. Wir trauen uns einen – außerhalb der Zeitfenster am Morgen und Abend – noch immer illegalen Spaziergang zu machen, da auch einige Einheimische verbotenerweise die Strände nutzen. Am Nachmittag -glücklicherweise wieder zurück an Bord – erleben wir dann ein besonderes Schauspiel: an Land tauchen drei Beamten der Guardia Civil  auf und beginnen, die Personalien der Anwesenden aufzunehmen – neue Einnahmen für die Staatskasse. Am entfernten, von einem felsigen Abschnitt getrennten Bereich des Strandes bekommen die Natursuchenden dies mit und versuchen sich aus dem Staub zu machen, worauf die Polizisten in einer filmreifen Aktion ausschwärmen und versuchen, den Flüchtenden den Weg abzuschneiden – das muss schließlich geahndet werden, man bedenke, wieviel kriminelle Energie dahintersteckt, sich nach neunwöchigem Aufenthalt in einer kleinen Plattenbauwohnung einfach so an den Strand zu begeben! Wir jedenfalls haben vom Boot aus den perfekten Überblick, beobachten die Bewegungen oben auf den Felsen und geben den Flüchtenden Zeichen, in welche Richtung sie laufen müssen, um ihren Verfolgern zu entgehen. Tatsächlich gelingt dies auch einer Gruppe, die sich hinterher herzlich bedankt. Nach Abzug der Beamten gehört der Strand wieder den Senioren und Hundebesitzern, für die er um diese Zeit reserviert ist, sprich: er ist menschenleer.

Die ‚Orion‘ kann noch segeln!

Am Dienstag weht ein schöner Südwest, und wir legen ein längeres Stück entlang der Küste zurück, volle 12 Seemeilen diesmal, und richtig unter Segeln – was für ein tolles Gefühl, nach zwei Monaten Zwangspause wieder den Gennaker leuchten zu sehen! Am Nachmittag erreichen wir den Puerto de Sant Miquel, anders als der Name vermuten lässt kein Hafen, sondern eine große, gut geschützte Bucht. Hier gibt es strandnah ein paar große Hotelburgen (ausgestorben, versteht sich), in jeder anderen Richtung ist es aber rundherum recht hübsch. Auch hier erwandern wir die Umgebung, sehen aber keine Polizei mehr – offenbar sind wir nun weit genug von den ‚Städten‘ entfernt.

Das Wetter ist einfach traumhaft: in der Sonne sehr warm, nachts aber noch angenehm kühl, makellos blauer Himmel und 23° warmes Wasser. Einzig wie es weitergehen soll ist immer noch unsicher: zum einen ist es wenige Tage vor Beginn der Phase 2 immer noch nicht klar, ob es dann erlaubt sein wird, nach Mallorca überzusetzen, zum anderen soll der Wind pünktlich zum 25. auf Nordost drehen und dabei auf längere Sicht bleiben – Gegenwind, was sonst.

So sieht gutes Wetter aus – das Meer vor Puerto de Sant Miquel

Nach zwei Nächten verholen wir uns ein kleines Stück in die nächste Ankerbucht, die Cala Es Canaret; laut Revierführer einer der schönsten Ankerplätze auf Ibiza, die wir auf dem Hinweg Mitte März leider auslassen mussten, weil die See zu unruhig für den eher offenen Ankerplatz war. Nun sieht es ganz anders aus: es weht kaum ein Lüftchen, und das Mittelmeer liegt spiegelglatt vor uns.

Abendhimmel über der Cala Es Canaret

Tatsächlich ist der Ort einfach traumhaft: die Farben des Wassers und der Felsen, die Umgebung (keine Hotels, eine einzige Luxusvilla stellt die einzige Bebauung dar), die das Boot umspielenden Fischschwärme, das Vogelgezwitscher, die Aussicht … besser geht es kaum noch! Einzig allein die Mobilfunkabdeckung lässt zu wünschen übrig, was für das Einholen neuerer Wettervorhersagen etwas nachteilig ist, daher verlassen wir schweren Herzens am Samstag wieder dieses kleine Paradies und fahren ins zwei Seemeilen entfernte Portinatx, welches wir auf dem Hinweg schon besucht haben.

Cala Es Canaret – wirklich der schönste Ankerplatz, den wir auf Ibiza erleben durften
Magische Lichtstimmung in den Grotten

Tatsächlich haben in Portinatx inzwischen ein paar Restaurants und ein Minimarkt den Betrieb aufgenommen, so dass der Ort etwas belebter wirkt als auf dem Hinweg. Nach wie vor weht aber Nordostwind, was für die Überfahrt nach Mallorca denkbar ungünstig ist, so dass wir erst mal hier verweilen. Wir erfreuen uns am nach wie vor traumhaften Wetter, unternehmen Ausflüge mit dem Dinghi in nahegelegene Grotten und hängen ansonsten einfach ab. 

Endlich wieder Leben am Strand von Portinatx!

Am Montag den 25. treten die Balearen in die Phase 2 der Corona-Exit-Strategie ein; nun ist erstmals seit 10 Wochen wieder das Baden im Meer erlaubt, und augenblicklich wandelt sich der Anblick des Strandes: statt ausgestorben vor uns zu liegen, erfüllen nun wieder die Rufe planschender Kinder die ganze Cala. Für die Einheimischen bietet sich eine besondere Situation: zwar sind die meisten von existenziellen Nöten bedroht, dafür haben sie aber erstmals seit vielen Jahrzehnten den Strand für sich alleine. Wir freuen uns mit den Menschen, die endlich wieder in die Freiheit entlassen wurden!

Diese Freiheit erstreckt sich freilich nur auf die Insel, Reisen auf die Nachbarinsel sind nach wie vor untersagt (damit wir auch ja nicht den Virus vom inzwischen völlig coronafreien Ibiza auf das nahezu coronafreie Mallorca tragen); wir wollen aber den für Mittwoch angesagten, halbwegs brauchbaren Wind nutzen und einen Ausbruchversuch unternehmen, zusammen mit der niederländischen ‚Blitz‘ – wenn uns die Polizei anhält, wird deren Flagge sie hoffentlich in die Flucht schlagen 😉

Auf Mallorca (10.02. – 11.03)

Überfahrt

Am frühen Montagmorgen ist es endlich soweit: der Kapitän des Saugbaggers fährt in einem kleinen Boot voraus und weist uns den Weg durch die schmale Rinne, welche aus dem Hafen von El Masnou führt. Glücklicherweise hat sich die Richtung, aus der die Wellen anlaufen, etwas geändert, so dass sich die See nicht mehr auf ganzer Breite der Einfahrt an der Sandbank bricht. Vorsichtig tasten wir uns voran, und tatsächlich schaffen wir es, ohne Grundberührung tieferes Wasser zu erreichen – was für eine Erleichterung! Der freundliche Baggerkapitän bekommt noch eine Flasche Wein hinübergereicht, und dann zeigt der Bug Richtung Mallorca 🙂

Wenigstens für den Vormittag ist eigentlich eher schwächerer Wind angesagt, was ideal zum Ausprobieren des neuen Code Zero sein sollte; aber schon beim Setzen des Großsegels sind es schon 12 bis 15 Knoten, so dass wir doch erst mal nur Klüver- und Kuttersegel dazunehmen. Wie sich 10 Minuten später zeigt, eine gute Entscheidung: es bläst munter mit 25 Knoten und mehr – Windstärke 6, in Böen 7. Definitiv zu viel für das Leichtwindsegel – und eigentlich auch schon für das gesetzte Vollzeug, aber was soll’s, die ‚Orion‘ hat ja genug Ballast im Kiel … so rauschen wir also auf perfektem Halbwindkurs mit über 7 Knoten durchs Wasser – endlich wieder!

Entsprechend werden auch die Wellen langsam höher – die Vorhersage sprach von einem Meter signifikanter Höhe, aber die haben wir schon lange überschritten. Wind und Wellen erreichen ihr Maximum am frühen Nachmittag, als wir im Bereich der Schelfkante segeln, wo die Wassertiefe schnell von unter 100 auf über 1500 Meter abfällt; wir haben inzwischen die Segelfläche reduziert, um nicht ganz so sehr auf der Seite zu liegen, und auch, um nicht zu früh anzukommen – eine Erfahrung, die man auf einem schweren Langkieler nicht so häufig macht 😉 Aber die Strecke bis zum Cap de Formentor, der Nordostspitze Mallorcas, beträgt nur 100 Seemeilen – zu viel, um es selbst bei günstigsten Bedingungen im Laufe eines Tages zu erreichen, aber wenig genug, um bei solchen Geschwindigkeiten mitten in der Nacht anzukommen, und das wollen wir vermeiden. Die letzten Wolken haben sich unterdessen verzogen, die Sonne strahlt, die Wellen glitzern – was will man mehr!

Sonnenuntergang auf halber Strecke nach Mallorca

Am frühen Abend beruhigen sich Wind und Wellen, es weht nur noch mit knapp 20 Knoten (5 Beaufort), und die Wellen bewegen sich nun im Bereich der vorhergesagten Verhältnisse; es bleibt bei einem gemäßigten Amwindkurs, und aufgrund des aufgebauten Vorsprungs können wir nur mit Großsegel ruhig durch die Nacht fahren. Es bietet sich uns ein phantastischer Sonnenuntergang dar, wie so oft weit draußen auf See; der darauf folgende Sternenhimmel steht dem in nichts nach, und bald steht im Süden der Orion am Himmel, und wir rauschen durch die Nacht auf unseren Namensgeber zu.

Magisch: Cap de Formentor im ersten Licht des neuen Tages

Mit dem ersten Licht der Morgendämmerung erreichen wir das Cap de Formentor, sein Leuchtturm hat uns schon seit Stunden den Weg gewiesen. Hoch ragt die bergige Nordküste der Insel auf, und das fahle Licht schält die Klippen wie magisch aus der Dämmerung – für solche Momente lohnen sich die Strapazen einer Nachtfahrt!

Kaum im Windschatten des Kaps hat es sich mit dem Wind natürlich erledigt; wir motoren also noch über die Bucht von Pollença und legen um 10 Uhr an der Mole von Puerto de Bonaire an, um dort ein frischen Brot fürs Frühstück zu kaufen. Ein Mann auf der Mole spricht uns an – auf Deutsch natürlich, damit wir auch wissen, dass wir auf Mallorca sind 🙂 Er klärt uns auf, dass der kleine Supermarkt im Ort nur in der Saison geöffnet ist – bietet sich aber gleich an, uns eben nach Alcúdia zu fahren. Das ist echt nett, und rettet das Willkommensfrühstück!

Ausblick vom Ankerplatz vor Bonaire

So können wir also bald wieder ablegen und ein paar hundert Meter vor der Hafeneinfahrt vor der Playa de Sant Joan auf 3 Meter Wassertiefe über reinem Sandgrund den Anker fallen lassen. Das Wasser ist kristallklar, man meint die Sandkörner zählen zu können; inzwischen ist es 11 Uhr, und die Sonne entwickelt eine enorme Kraft, es wird richtig warm; Kaffee, Brot, Eier und Orangensaft schmecken hervorragend – wir sind definitiv angekommen!

Port de Pollença
Im Hafen von Port de Pollença

Nach einer relativ ruhigen Nacht vor Anker (erst am frühen Morgen kommt etwas Schwell aus Nordost auf) begrüßt uns der neue Tag etwas bewölkt: überm Ligurischen Meer befindet sich ein kleines Randtief, ein Ausläufer des Sturmtiefs, das am vergangenen Wochenende Nord- und Mitteleuropa heimgesucht hat; dieses drückt eine kleine Delle in unser schönes Azorenhoch und ist auch für den Schwell verantwortlich, aber der Effekt ist nur sehr vorübergehend. Dennoch verholen wir uns für den Rest des Tages und die kommende Nacht in den Hafen von Port de Pollença, bei Nordost findet sich in der ganzen Bucht kein vernünftiger Schutz, und eine Dusche ist ja auch nicht zu verachten …

Zahlreiche Havaristen liegen am Strand

Ein Teil des Hafens wird von der Hafenbehörde der Balearen verwaltet, hier kommt man deutlich günstiger unter als in den privaten Marinas; in der Nebensaison zahlen wir keine 23 € pro Nacht, das ist für mallorquinische Verhältnisse äußerst günstig. Der Hafen ist freundlich und modern ausgestattet, der kleine Ort wirkt zu dieser Jahreszeit recht verschlafen, bietet aber gute Einkaufsmöglichkeiten. Beim Rundgang entdecken wir am Strand zahlreiche gestrandete – und zum Teil schwer beschädigte und vollgelaufene – Boote, die sich während des schweren Sturms ‚Gloria‘ vor gut drei Wochen von ihren Murings losgerissen haben; ein schlimmer Anblick! Da sind wir mit unserer Sandbank vor El Masnou ja noch glimpflich davongekommen …

Am Donnerstag ist es mit dem Nordost wieder vorbei, die Bewölkung lockert auch schon wieder auf; wir verlassen den Hafen und ankern die kommende Nacht eine knappe Seemeile entfernt direkt vorm Strand, kaum eine Kabellänge vom Übungsparcours einiger Jollen entfernt, die fleißig den schwachen Wind mit dem Spinnaker einfangen.

Cala Murta

Für Freitag und das Wochenende ist Traumwetter angesagt, bis 21° und strahlender Sonnenschein; dafür haben wir uns eine schöne Ankerbucht gleich vorm Cap de Formentor ausgesucht. Freitagmorgen ist aber von der Sonne nichts zu sehen, im Gegenteil: dichter Nebel hüllt die gesamte Bucht von Pollença ein, wir können den Strand nicht mehr sehen. Wir warten noch ein paar Stunden ab, aber als es nicht besser wird, brechen wir trotzdem auf, um die 6 Seemeilen bis zum Ankerplatz unter vorsichtiger Motorfahrt zurückzulegen. Tatsächlich reißt es kurz vor Erreichen der Küste etwas auf, so dass wir mit akzeptabler Sicht in die Cala Murta einlaufen und einen Sandfleck zum Ankern aussuchen können. Viel Platz ist hier nicht gerade, die Cala ist vielleicht 50 Meter breit; wir bringen zusätzlich den Heckanker aus, um das Schwojen den Bootes zu begrenzen.

In der Cala Murta

Das Wasser der Cala ist schon fast unwirklich klar, so als wäre es gar nicht vorhanden, der Grund unter der ‚Orion‘ besteht aus fast weißem Sand, zum Strand hin von Felsen durchsetzt; in reinem Türkisblau leuchtet es um uns herum.

Nach einer ruhigen Nacht setzt sich am Samstag endlich die Sonne durch; wir setzen mit dem Dinghi zum Kieselstrand über und unternehmen eine kleine Wanderung. Der Weg führt hinauf zur Straße, welche den Leuchtturm am Cap de Formentor mit dem Landesinneren verbindet, und über diese hinweg zu einer Bucht an der Nordseite der Halbinsel, der Cala Figuera.

Wir laufen im strahlenden Sonnenschein durch Pinienwälder und über Bergflanken, die Landschaft bildet einen tollen Kontrast mit dem tiefblauen Himmel – hier ist es wirklich schön! Die Temperaturen erreichen zwar nicht die angekündigten Werte, aber das macht nichts, in der Sonne ist es dennoch herrlich warm; wir beschließen den Tag entsprechend mit dem ersten Grillabend der Saison.

Blick über die Cala Figuera

Am Sonntag hat es die Sonne wieder etwas schwerer, sich durchzusetzen, erst am Nachmittag hat sie die Wolken verscheucht; wir genießen die Ruhe an unserem Ankerplatz, die nur ab und an von Wanderern oder einem Motorboot mit Ausflüglern unterbrochen wird, die sich aber selten länger als eine Viertelstunde in der Cala aufhalten. Ansonsten haben wir den Ort für uns allein – abgesehen von einer Herde liebreizender Esel, die sich ab und zu am Strand blicken lassen.

Port d’Alcúdia

Am Montagvormittag verlassen wir nach drei Tagen die Cala Murta, denn für die kommende Nacht ist viel Wind und Schwell angesagt. Wir segeln 15 Seemeilen gen Süden bei 8-12 Knoten Wind in die Bucht von Alcúdia – Amwindkurs, endlich eine Gelegenheit, den neuen Code Zero mal zu testen! Tatsächlich macht sich das Leichtwindsegel gut, es steht faltenfrei und verleiht uns immerhin 3 bis 4 Knoten Fahrt – bei solchen Bedingungen kämen wir mit unseren schweren Standardsegeln kaum voran, und der leichte Gennaker ist nur bei achterlichem Wind zu gebrauchen.

In Port d’Alcúdia

Am Nachmittag erreichen wir die Marina von Port d’Alcúdia und nutzen die letzten Sonnenstrahlen für einen Rundgang durch den Ort. Alles etwas größer als in Port de Pollença, aber auch hier eher gepflegte Hotels als entsetzliche Bausünden – wir sind positiv überrascht!

Am Abend zieht es sich zu, und der angekündigte Nordnordost setzt ein; am nächsten Morgen ist es aber auch schon wieder vorbei, die Sonne versucht tapfer, die Wolken zu verdrängen, und wir richten uns darauf ein, die Marina auch schon wieder zu verlassen.

Allzu weit haben wir es aber nicht – gleich um die nächste Ecke gibt es einen netten Ankerplatz vorm Strand von Alcanada, wo wir die kommende Nacht verbringen.

Cala Pi de la Posada

Mittwochmorgen begrüßt uns strahlender Sonnenschein – so muss das! Wir machen uns am späten Vormittag auf den Weg zurück in die Bucht von Pollença; da es nicht weit ist, versuchen wir mit dem wenigen Wind noch zu segeln. Dummerweise kreuzen wir dabei vorm Cap de Pinar weit Richtung Osten heraus, als plötzlich Wind aufkommt – exakt vor vorne, natürlich. So muss dann doch noch der Motor mithelfen, um unser Ziel, die ausgedehnte Bucht Cala Pi de la Posada kurz vor Port de Pollença, noch bei gutem Licht zu erreichen – was wichtig ist, um die Beschaffenheit des Grundes gut beurteilen zu können,  in der gesamten Bucht besteht nämlich eigentlich ein Ankerverbot zum Schutz der Neptungraswiesen (Posidonia oceanica). In der Saison werden (selbstverständlich kostenpflichtige) Muringbojen ausgelegt, so früh im Jahr fehlen diese jedoch noch; umso wichtiger ist es, darauf zu achten, Anker und Kette auf Sandgrund und nicht in die Neptungraswiesen zu legen.

Traum in Blau – Cala Pi de la Posada

Am Ankerplatz genießen wir noch die Stunde um Sonnenuntergang, bevor wir eine ruhige Nacht in der von pinienbewachsenen Berghängen umschlossenen Bucht verbringen. 

Der nächste Tag beginnt schon mit wolkenlos blauem Himmel; wir verbringen den ganzen Tag vor Anker und genießen das schöne Wetter. Die Luft ist mit etwa 16 Grad noch eher kühl, aber in der Sonne ist die  Badehose völlig angemessen. Vom Ankerplatz bietet sich ein herrlicher Panoramablick über die Badia de Pollença mit der Ila de Formentor im Vorder- und dem Bergrücken des Penya des Migdia (354 m) im Hintergrund, das Blau des Himmels und des Wassers strahlen um die Wette – so kann man es aushalten! Gerne verbringen wir auch noch eine weitere Nacht an diesem schönen Ort, bevor wir am folgenden Morgen in den nahegelegenen Hafen von Port de Pollença verholen.

Landgang
Ausblick vom Mirador d’es Colomer

Die nächsten Tage verbleibt die ‚Orion‘ im Hafen von Port de Pollença, und wir erkunden das Inselinnere mit dem Mietwagen. Der erste Ausflug führt über die in den 1930er Jahren errichtete Straße zum Cap Formentor; diese führt auf geradezu atemberaubende Weise (für Menschen mit Höhenangst nicht zu empfehlen!) entlang der steilen Bergflanken und bietet hinreißende Panoramablicke über die wilde Gebirgslandschaft und das tiefblaue Meer.

Vom gleichen Straßenbauingenieur, Antonio Paretti, stammt auch die Straße nach Sa Calobra durch die Serra de Tramuntana, welche wir am nächsten Tag bewundern dürfen – eine großartige Leistung, diese Folge von Serpentinen ohne Hilfe von Maschinen in der abweisenden Umgebung zu errichten! Beim Nus de sa Corbata (‚Krawattenknoten‘) überquert sich die Straße in einer 270°-Kurve sogar selbst; ein kleiner Parkplatz ermöglicht es die Aussicht zu genießen, die wahrlich unvergesslich ist.

Am Nus de sa Corbata
Cala de Sa Calobra

Am Ende der Straße gelangt man zum winzigen Ort Sa Calobra, welcher bis zur Fertigstellung der Straße 1932 nur auf dem Seeweg oder über steile Bergpfade zu erreichen war; heute ist der Ort das Ziel zahlreicher Touristen und selbst Ende Februar schon gut besucht …

Neben beeindruckenden Berglandschaften bietet Mallorca auch zahlreiche sehenswerte Ortschaften: wir besuchen Selva, Pollença, Artà, Capdepera und Binissalem; überall finden wir schöne alte Häuser, malerische enge Gassen und freundliche Plätze mit regem Straßenleben. Die Mischung aus römischen und maurischen Einflüssen auf Architektur und Stadtplanung hat ihren besonderen Reiz, und dass vielerorts die Zeit stillzustehen scheint, trägt zum Gesamterlebnis bei.

Immer wieder zieht es uns aber in die Serra de Tramuntana, die vom höchsten Berg Mallorcas, dem 1445 Meter hohen Puig Major, gekrönt wird; die Sonne strahlt Tag für Tag, die Temperaturen sind perfekt zum Bergwandern geeignet, und die Luft duftet nach Rosmarin und Pinienwäldern – hier findet man so viel mehr als Pauschalhotels und Badestrände!

Panoramablick vom Castell d’Alaró (825m) über die Serra de Tramuntana
Es geht weiter

Am Mittwoch lassen wir in Port de Pollença noch einen kleinen Sturm durchziehen, aber am Donnerstag verlassen wir dann den sympathischen Hafen und machen uns daran, die Insel zu umrunden. Zunächst weht noch sehr viel weniger Wind als angekündigt, bis in die Bucht von Alcúdia müssen wir motoren; zum Ausgleich kommt dann umso mehr Wind auf, von vorne natürlich: innerhalb einer Stunde bläst es uns mit 6 bis 7 Beaufort ins Gesicht. Wir kreuzen viele Stunden geduldig gegenan, mit dem zweiten Reff im Groß und Kuttersegel kommen wir durchaus noch vorwärts, nur anstrengend ist es natürlich; erst gegen 19 Uhr finden wir nach 37 Seemeilen  vorm Strand von Cala Millor einen Ankerplatz, der halbwegs Schutz vor den inzwischen ganz beachtlichen Wellen aus Südwest bietet.

Vor Anker in der Cala Mitjana

Am frühen Morgen dreht aber der Wind auf Nordost, und es hat sich mit dem Schutz schnell erledigt; wenigstens können wir nun mit raumem Wind bequem segeln, und so erreichen wir schon gegen Mittag den nächsten Ankerplatz, die völlig im Land eingeschlossene Cala Mitjana. Nicht gerade geräumig, wir legen uns zwischen Bug- und Heckanker, aber ein wahrhaft paradiesischer Platz: zerklüftete Felsen, weißer Sandgrund, türkisfarbenes Wasser und an Land ein ausgedehntes Anwesen, für das die gesamte Umgebung zu einem mediterranen Landschaftsgarten wie aus dem Bilderbuch gestaltet wurde. Ja, so könnte man wohl wohnen – nun, wir können es immerhin für eine Nacht 🙂

Malerisch: Cala Figuera

Am Samstag segeln wir noch ein kleines Stück weiter bis Cala Figuera; hier müssen wir erst mal ein paar Tage pausieren, denn der nächste Sturm steht vor der Tür: bei Windvorhersagen von 40 bis 50 Knoten und 4 Meter charakteristischer Wellenhöhe wollen wir lieber nicht auf See sein.

Blütenpracht bei Santanyi

Der kleine Fischerhafen sollte eigentlich auch über einen Supermarkt verfügen, aber der hat noch Winterpause; so laufen wir am Samstagnachmittag ins 6 Kilometer entfernte Santanyí, um Frischvorräte einzukaufen und die Landschaft anzuschauen, welche sich hier eher flach und unspektakulär gibt, aber dafür Blumenwiesen in einer Pracht und Dichte bietet, wie wir sie selten gesehen haben.

Die See brandet in der Einfahrt zur Cala Figuera

Die folgenden Tage zeigen aber auch mal wieder, wie nahe beim Segeln die außergewöhnlich schönen Erlebnisse und die Tage, an denen man ernsthaft über ein anderes Hobby nachdenkt, beieinanderliegen: während wir auf eine Möglichkeit zur Weiterreise warten und der Wind immer mehr zunimmt, wird die Situation im Hafen immer unerträglicher. Mehr und mehr Schwell arbeitet sich in die Cala und lässt die ‚Orion‘ wie wild an ihren Festmachern zerren, während der Wind in Sturmstärke im Rigg pfeift. Die erste Nacht ist schon schlaflos und kostet einem Festmacher mit Gummiruckdämpfer das Leben, in der zweiten wird es so schlimm, dass wir uns um 2 Uhr in der Frühe auf die andere Seite der Mole zwischen die Fischerboote verholen – glücklicherweise bestätigt der Hafenmeister am nächsten Morgen wenigstens, dass wir dort bleiben dürfen, von ruhiger Lage kann aber auch hier keine Rede sein … und dafür zahlt man auch noch Geld!

Damit haben wir aber noch nicht das Ende unserer Schwierigkeiten in Cala Figuera erreicht: am Dienstagmorgen schrammt ein ablegendes Fischerboot an unserem Heck vorbei und rasiert den Flaggenstock ab. Der Hafenmeister empfiehlt, auf die Rückkehr des Bootes zu warten und dann die Schadensregulierung mit dem Kapitän zu kläre, warnt aber gleichzeitig, dieser sei nicht so ganz zurechnungsfähig … diese Einschätzung finden wir leider am Nachmittag bestätigt: statt sich zu entschuldigen, erweist sich der Fischer als Psychopath erster Güte und droht damit, noch mehr Schaden anzurichten. Wir haben die Wahl, die Polizei zu rufen oder den Hafen vorm Ablegen der Fischerboote zu verlassen – wir wählen letztere Möglichkeit und legen am Mittwoch um kurz nach 3 Uhr in der Frühe ab, als sich der tagelange Sturm endlich gelegt hat.

Palma
Hafen und Kathedrale von Palma

Die Wellen sind noch ganz schön beachtlich, aber glücklicherweise nicht so kurz, und so kommen wir gut voran und erreichen wir am späten Mittag nach 38 Seemeilen Palma, die Inselhauptstadt. Schon aus der Ferne begrüßt einen die beeindruckende Kathedrale über dem sehr ausgedehnten Hafen – neben den Fähr- und Frachthäfen bieten hier 9 (!) Yachthäfen ihre Dienste an. Für einige davon sind wir mindestens 50 Meter zu kurz, und die meisten wollen wir nicht bezahlen; lediglich eine Marina, die als Heimatbasis für Charterboote errichtet wurde, füllt ihre in der Woche leerstehenden Plätze zu akzeptablen Tarifen mit Gastliegern auf. Da in den folgenden Tagen schon wieder Starkwind von 30 bis 40 Knoten angesagt ist, buchen wir uns für 4 Nächte ein und besuchen in den folgenden Tagen die Stadt.

La Llotja de Palma

Nach der Eroberung durch die Römer 123 v. Chr. war Palma über 5 Jahrhunderte wichtige Hafen- und Handelsstadt, bis die Stadt nach dem Untergang des römischen Reiches mehr und mehr an Bedeutung verlor und schließlich 903 unter maurische Herrschaft geriet. Dies führte zu einer Wiederbelebung unter islamischer Ausrichtung, bis die ganze Insel 1229 zurückerobert wurde. Zunächst ein eigenständiges Königreich, dann zu Aragon und schließlich zu Spanien gehörend, stellt heute – natürlich – der Tourismus das wirtschaftliche Fundament Mallorcas dar.

Kathedrale ‚La Seu‘

Neben der Kathedrale gibt es im Stadtbereich 31 weitere Kirchen und unzählige andere historische Bauten, wie den königlichen Palast, das Rathaus und die direkt vor der Marina gelegene, 1447 vollendete Seehandelsbörse Llotja de Palma; aber auch die engen, verwinkelten Gassen der Altstadt sind einen Besuch wert, und die vielen einladenden Restaurants (wir probieren eine köstliche Paella) und Cafés sowieso!

Cala Portals

Am Sonntag hat sich der Wind endlich gelegt, und wir können weiter; leider hat er sich so gründlich gelegt, dass wieder der Motor läuft: es scheint nur noch zu viel Wind oder gar keinen wind zu geben. Zu viel Strecke nehmen wir uns unter diesen Bedingungen nicht vor, nach nur 10 Seemeilen werfen wir in der Cala Portals den Anker.

Cala Portals

Hier ist ganz schön was los: rund ein Dutzend Motor- und Segelboote ankern über die Bucht verteilt, und zahlreiche Sonnenhungrige liegen auf den warmen Felsen rund herum. Ach richtig, es ist Sonntag! Um 17 Uhr verlässt dann auch ein Boot nach dem anderen die Cala, bis wir schließlich allein sind.

In den Höhlen

Da wir auf passendes Wetter für die Überfahrt nach Ibiza warten und es uns in der Cala gut gefällt, bleiben wir gleich drei Nächte. So bleibt auch Zeit, eine kleine Wanderung entlang der Ufer der mehrarmigen Bucht zu unternehmen; dabei erkunden wir beeindruckend große Höhlen, die offenbar seit alter Zeit genutzt und erweitert wurden – ein kleines Abenteuer!

Port d’Andratx
Cap de Cala Figuera

Am Mittwoch den 11. März ziehen wir schließlich weiter zum Hafen von Andratx – bevor wir nach Ibiza übersetzen wäre eine Dusche ganz angenehm. Leider gibt es zwei unangenehme Überraschungen: zunächst weht der angekündigte Wind nicht, so dass wir weitere 12 Seemeilen motoren müssen (okay, das ist eigentlich keine Überraschung mehr), und dann sind die Duschen noch bis Freitag nicht zugänglich wegen Reparatur – dumm gelaufen. Bleibt nur, den Ort anzuschauen und ein paar Einkäufe zu erledigen.

Port d’Andratx

Port d’Andratx wirkt sehr sauber und schick – kein Wunder, wohnt hier doch ein guter Teil der ‚Prominenz‘. Man versucht sich deutlich vom Billigtourismus abzuheben, große Hotels sucht man hier vergeblich, dafür finden wir eine Menge Restaurants, Einrichtungsgeschäfte, Boutiquen und nicht zuletzt Immobilienmakler, die ihre Dienste ausschließlich auf Deutsch bewerben … alles klar. Die Lage des Ortes in einer großen, geschützten Bucht, offen zum Sonnenuntergang und mit bewaldeten Bergen im Hintergrund ist aber wirklich ganz reizvoll; wer gerade ein paar Millionen für eine Finca anzulegen hat, sollte Andratx ruhig in Erwägung ziehen.

 

(Fehl-)Start in die neue Saison (13.01. – 09.02.)

Zurück in El Masnou

Am 13. Januar landen wir wieder in Barcelona und erreichen nach kurzer Fahrt mit dem Zug El Masnou; erfreut stellen wir fest, dass es der ‚Orion‘ gut ergangen ist, sie liegt da wie vor einem Monat 🙂

Der Dienstagmorgen begrüßt uns mit dem Wetter, welches wir zu Hause vermisst haben: wolkenlos blauer Himmel und in der Mittagssonne T-Shirt-Temperaturen, es fühlt sich an wie Frühling. Wir nutzen in den nächsten Tagen das schöne Wetter für eine ganze Reihe von Arbeiten am Boot: für den Gennaker und den neuen Code Zero muss noch eine Aufnahme am Bugspriet vorbereitet werden, mit dem aus Deutschland importierten Epoxyspachtel (in Spanien kennt man nur Polyester) gilt es einigen kleinen Roststellen beizukommen, und schließlich braucht die Toilette neue Dichtungen. Auch packen wir die Fahrräder aus und unternehmen Einkaufstouren, unter anderem ins benachbarte Premià de Mar, 6 Kilometer immer direkt am Strand lang, ein hinreißender Ausblick!

So vergehen fünf Tage wie im Fluge, und auch das schöne Wetter hält genau bis zum Abschluss der Lackarbeiten; am Sonntag setzt dann wie aus dem Nichts starker Nordostwind ein, und es beginnt zu regnen, ab Montag auch heftig. Vier Tage lang stürmt es, bei sehr konstanten mittleren Windstärken um 6 und Böen bis zu 10 Beaufort (an Bord gemessen). Als der Wind immer östlicher dreht beginnt es im Hafen brenzlig zu werden: das gesamte Päckchen der Seite an Seite liegenden Boote beginnt sich immer mehr zu verschieben, und der ganze Druck kommt schließlich bei der ‚Orion‘ an, die ihn an ein Motorboot weitergeben muss, dessen Deck ungefähr anderthalb Meter höher ist als unseres – eine Katastrophe zum Abfendern. Gleichzeitig steigt im ganzen Hafen der Wasserstand immer mehr, die am Heck abgefenderten Boote beginnen gegen die Betonpier zu schlagen, da die Fender herausspringen; bei einem Boot gegenüber ist das Vorstag gebrochen, und die abgerollte Genua knattert waagerecht in der Luft.

Zum Größenvergleich: die Hafenmole ist etwa 6 Meter über Normalnull …

Die Wetterberichte für das angrenzende Seegebiet sprechen von einer charakteristischen Wellenhöhe von 7 Metern; wir trauen uns am Dienstag in einer Regenpause  kurz das Boot zu verlassen und an den angrenzenden Strand zu laufen: der Anblick ist mehr als beeindruckend, die Wellen kommen in einer solchen Höhe angelaufen, dass sie sich schon hunderte Meter vor dem eigentlichen Strand anfangen zu brechen, die See ist ein einziges Inferno.

Wir überstehen den Sturm ohne Schaden, aber nur weil wir an Bord waren; was wenig Begeisterung auslöst ist mitanzusehen, wie das Personal der Marina achtlos an beginnenden Unglücken vorbeiläuft, ohne auch nur eine Hand z.B. zum Verrücken eines Fenders an die richtige Stelle zu rühren – für 450 Euro im Monat darf man wohl nicht zu viel erwarten …

Am Donnerstag ist der Spuk so schnell vorbei wie er begonnen hat: am Morgen regnet es noch etwas, ab 11 Uhr kommt die Sonne durch und es ist sofort wieder warm – bei völliger Flaute. Ein Ausflug mit dem Fahrrad entlang der Strandpromenade zeigt, dass dieser Sturm wohl das Maß des Üblichen deutlich überschritten hat: der Weg, den wir vor 6 Tagen noch so schön fanden, ist auf ganzer Länge verwüstet – überall haben sich tiefe Krater aufgetan, Bäume sind ausgegraben, die viele 100 Kilogramm schweren Betonbänke sind 10 Meter weiter landeinwärts wiederzufinden, vormals mit Holz beplankte Terrassen sind vollständig abgedeckt, und alles ist mit den kopfgroßen Bruchsteinen bedeckt, die einmal die Uferbefestigung bildeten. In Kenntnis des hiesigen Reparaturtempos gehen wir davon aus, dass es so etwas nicht alle Tage gibt … wie war das mit dem Klimawandel?

Ein Blick in die Nachrichten bestätigt dann den Eindruck: Sturm ‚Gloria‘ ist die größte Katastrophe, die spanische Mittelmeerküste und die Balearen seit geraumer Zeit heimgesucht hat. Mindestens 9 Tote hat es gegeben, und im Internet kursierende Videos zeigen 14 Meter hohe Wellen, die zweistöckige Gebäude wie Spielzeug aussehen lassen – die 7 Meter charakteristische Wellenhöhe aus dem Seewetterbericht waren also keine bloße Phantasie …

Im Hafen gefangen

Am Wochenende kristallisiert es sich dann immer deutlicher heraus: wir haben ein Problem! In der Hafeneinfahrt hat sich während des Sturms Sand abgelagert, und der Hafen ist komplett gesperrt; während man zunächst noch in Aussicht stellt, das Problem mit eigenen Mitteln beheben zu können, kommt dann am Montag die ernüchternde Wahrheit ans Licht: ein großer Bagger muss herangeschafft werden, und allein das dauert erst einmal … man reißt sich auch nicht gerade Arme und Beine aus, um die Sache zu beschleunigen.

Ehemals die Hafeneinfahrt, jetzt ein neuer Badestrand …

Wir unternehmen eine Wanderung zum Molenkopf und können das ganze Ausmaß der Katastrophe mit eigenen Augen sehen: man kann fast trockenen Fußes quer über die Hafeneinfahrt laufen. Jemals in Aussicht zu stellen, das in absehbarer Zeit mit lokalen Mitteln zu lösen, war von Anfang an absurd – hat aber erst mal einige Tage gekostet. Nun sind wir also bis auf weiteres gefangen in El Masnou – Ende offen …

Alternativprogramm

Besonders ärgerlich für unsere extra aus Norwegen angereiste Crewverstärkung: eigentlich wollten wir zusammen die Costa Brava bereisen, und das Wetter wäre dazu auch perfekt geeignet, aber der Termin für die Öffnung einer Passage rückt in immer weitere Ferne. So bleibt uns nicht anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen: wir genießen die Sonne, trinken Sangría, polieren Edelstahl und Chrom an Deck und lernen das wichtigste spanische Wort: mañana – morgen …

Arc de Triomf, Barcelona

Natürlich fahren wir auch noch zweimal mit dem Zug nach Barcelona: dort gibt es so viel zu sehen, und uns gefällt die Stadt mit jedem Besuch noch besser. Wir verbringen viel Zeit bei herrlichstem Wetter am sehr ausgedehnten Yachthafen und entdecken immer wieder neue Plätze und Straßen in der Altstadt; so stoßen wir mitten im Trubel der Stadt auf den Innenhof des alten Hospital de la Santa Creu aus dem 15. Jahrhundert: hier zwitschern die Vögel in den Orangenbäumen, ein Brunnen plätschert, und ein Straßenmusiker spielt (hinreißend!) Akkordeon – die Zeit steht still, und man mag gar nicht mehr weggehen …

Unseren letzten Besuch beschließen wir mit einem köstlichen Abendessen in einem kleinen Lokal in der Altstadt und freuen uns, die Stadt kennengelernt zu haben!

Mediterrane Natur wie aus dem Bilderbuch

Zwischendurch unternehmen wir auch einen Ausflug in die Natur: wir fahren eine Station mit der Bahn bis Montgat und wandern von dort in einem großen Bogen durch das bergige Hinterland zurück nach El Masnou, etwa 20 Kilometer. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, und die Hügel erreichen gut 400 Meter Höhe; von hier bietet sich ein hervorragender Ausblick über Barcelona und Umgebung, und natürlich über das strahlend blaue Meer. Die Vegetation wird von Pinien und Zypressen bestimmt, die Luft duftet nach Harz und Rosmarin, ein leichter Wind macht die Wärme angenehm – obwohl die Lufttemperatur im Schatten ’nur‘ 20 Grad erreicht, ist es in der Nachmittagssonne knackig warm, es fühlt sich an wie Frühsommer in Mitteleuropa.

Baggerarbeiten
Einige unserer gut 1000 Mitgefangenen in Port Masnou

Unterdessen ist endlich ein größerer Saugbagger eingetroffen – gearbeitet hat dieser bislang aber nur wenige Stunden: zunächst entstand am Mittwoch wegen eines nördlicher durchziehenden Starkwindfeldes zu viel Schwell, und das Schiff schaukelte den ganzen Tag in einigem Abstand zum Land vor Anker. Donnerstag war das Meer wieder ruhig – statt aber die Arbeit aufzunehmen, fuhr der Saugbagger wieder weg! Die Nachfrage im Hafenbüro ergab, dass man nun wegen einer fehlenden Genehmigung pausiert: offenbar ist den Verantwortlichen in der Zwischenzeit aufgefallen, dass sie zur Wiederherstellung der Strände große Mengen Sand benötigen, und was liegt da näher, als die Genehmigung zum Baggern mit der Auflage zu Verknüpfen, dass der entfernte Sand am Strand aufgeschüttet wird. Da der weit angereiste Saugbagger dies aber nicht leisten kann (er kann nur seinen Laderaum im tiefen Wasser entleeren), passiert erst mal wieder …. nichts.

Fluchtpläne

Zum Wochenende dann die Überraschung: der Kapitän des kleinen Baggers klopft an und erklärt, dass er bald eine schmale Rinne auf 2 Meter Tiefe gebracht hat! Die Überprüfung der Wettervorhersagen ergibt ein günstiges Wetterfenster für Montag, und auch das Hochwasser wird passenderweise für 9 Uhr erwartet – zwar beträgt der Tidenhub ganze 20 Zentimeter und wird normalerweise nicht berücksichtigt, aber wenn es wie hier um jede Handbreit geht … also, wenn nichts dazwischen kommt und wir tatsächlich durch die Ausfahrt kommen, können wir am Montag, den 10. Februar nach gut 2 Monaten El Masnou verlassen und Kurs auf Mallorca nehmen!