Nördliche Sporaden (17.06. – …)

Skyros / Ormos Renes
Skyros voraus!

Nachdem uns am Ende der Kaphireas-Straße der Wind verlassen hat, motoren wir die ganze Nacht gen Norden über die spiegelglatte See; etwa 60 Seemeilen sind es bis Skyros, der südlichsten Insel der Nördlichen Sporaden. Mit Sonnenaufgang zeichnet sich die Insel mit ihren sanft geschwungenen Formen am Horizont ab; beim Näherkommen sehen wir Büsche und Bäume – aber keinerlei Straßen oder Häuser. Dafür riechen wir etwas: der Rest des nächtlichen Landwindes weht uns einen intensiven Kräuterduft entgegen! Aber über zwei Seemeilen, das kann doch eigentlich gar nicht sein …

Ormos Renes, der Kräutergarten von Skyros

Doch als wir in der einsamen und wild-romantischen Bucht Ormos Renes den Anker geworfen haben, erkennen wir die Ursache: die gesamten umgebenden Hügel sind mit Thymian- und Salbeipflanzen bedeckt! Nicht hier und da eine, wie es hier ja häufig vorkommt, sondern wirklich Abertausende, mehrere Quadratkilometer Kräutergarten! Als dann auch noch wilde Ponys am Strand auftauchen, sind wir endgültig überzeugt, den richtigen Ankerplatz ausgesucht zu haben 🙂

Pinien und Olivenbäume bestimmen die Landschaft

Wir erholen uns von der schlaflosen Nacht beim Schnorcheln, Sonnenbaden und Grillen; und auch den folgenden Tag bleiben wir gerne noch hier und unternehmen eine mehrstündige Wanderung durch die Umgebung (wobei wir feststellen, dass die Kräuterdichte langsam auf ein ’normales‘ Niveau absinkt – so extrem ist es nur um unsere Bucht herum; zahllose Bienenvölker wissen das ebenfalls zu schätzen, rundherum summt es überall).

Am Abend gibt es leider noch eine unschöne Überraschung, die so gar nicht zum gelungenen Tag passen will: die Bordtoilette versagt den Dienst. Bis zwei Uhr in der Nacht dauern die Reparaturarbeiten an, in deren Verlauf sich herausstellt, dass die Toilette selbst unschuldig ist, im Zweiwegehahn vorm Abwassertank lag eine Verstopfung vor – nun, wenn man Segler so erzählen hört, muss wohl jeder mal durch diese berühmt-berüchtigte Reparatur durch …

Skyros / Linaria

Am Samstag sind wir also schon wieder etwas übernächtigt, als wir nach 10 Seemeilen Motorfahrt (der Wind scheint sich in dieser Gegend nicht mehr blicken lassen zu wollen) die Marina von Linaria erreichen; über diese haben wir aus diversen Quellen nur das Allerbeste gehört, es sei die bestgeführte Marina Griechenlands.

Der Hafen von Linaria

Wir haben nun bislang nur Kalamata zum Vergleich (Marinas in unserem Sinne gibt es ja hier nicht gerade an jeder Ecke), können aber den Eindruck schnell nachvollziehen: der Hafen ist klein und von einem sehr hübschen Örtchen mit Cafés und Restaurants (aber ohne lärmende Partyschuppen!) umgeben, der Hafenmeister ist äußerst nett und hilfsbereit, es gibt Duschen (allein schon bemerkenswert genug!), und deren Zustand ist äußerst landesuntypisch: voll funktionsfähig, perfekt und ansprechend gefliest, und das Wasser fließt dahin ab wo es hingehört 😉 Zwischen 19 und 20 Uhr gibt es ein besonderes Erlebnis: Licht aus, Diskokugel an, und 80er-Jahre-Hits aus der Musikanlage – klingt schräg, ist es auch, aber total nett und lustig! Und das Gesamtpaket gibt es inklusive Strom, Wasser und WLAN für knapp 19 Euro pro Tag – bezieht man das Preis/Leistungs-Verhältnis mit ein, würden wir auch von der besten Marina des Mittelmeers sprechen!

Überhaupt hat man hier einen Sinn für schrägen Humor: wenn sich die (im Besitz der Inselgemeinde befindliche) Fähre nähert, schallen dramatische Fanfaren von Richard Strauss (den meisten aus Stanley Kubricks Film ‚2001‘ bekannt) aus den Lautsprechern … wir amüsieren uns köstlich!

Das Kastro von Skyros – und da sollen wir hoch?

Am Sonntag wollten wir gerne die Insel mit dem Mietwagen erkunden, doch leider ist bei allen 6 Autovermietungen nichts mehr zu bekommen: es ist Pfingsten (orthodoxer Kalender!), und da platzt die Insel vor griechischen Besuchern aus allen Nähten. Also machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg in die 10 Kilometer entfernte Chora – bergauf und bergab unter sengender Sonne!

Aber die Aussicht belohnt für die Mühe!

Aber der Ausflug lohnt sich, die weißen Häuser mit ihren zum Teil winzigen Treppen und Gassen, die sich die steilen Hänge des Burgbergs heraufziehen, sind wirklich ein Erlebnis, und vom Kastro aus hat man eine überwältigende Aussicht über den Ort, die Berge und die Nordküste der Insel – nachdem man wieder zu Atem gekommen ist nach dem Aufstieg …

In der Chora …

In den breiteren Straßen der Altstadt, in denen sich auch die Geschäfte und die Gastronomie befinden, ist auch entsprechend viel los – aber unangenehm voll ist es noch nicht, und sobald man in die Seitenstraßen geht (speziell bergauf!) ist man schnell allein; auch bis hoch auf die Burg verlaufen sich nur wenige Touristen.

… ist eine Ecke schöner als die andere

Wir freuen uns jedenfalls, die Strapazen der Radtour auf uns genommen zu haben, können auch in den kleinen Geschäften noch frisches Obst erstehen und erholen uns in einem reizenden Café bei einem Freddo Cappuccino, dem griechischen Sommergetränk Nr. 1. Gerne wären wir auch noch in die Bergregionen gefahren, aber mit dem Fahrrad ist das einfach keine Option kurz vor der Sommersonnenwende: zwar erreicht die Sonne hier ’nur‘ eine Mittagshöhe von etwa 75°, aber das fühlt sich schon ganz schön senkrecht an!

Skyros / Paralia Pevkos

Da sich auch am Montag keine Entspannung an der Mietwagenfront abzeichnet und uns die Nächte im – ja ansonsten ganz tollen! – Hafen von Linaria zu stickig sind, verholen wir uns drei Seemeilen vor den nächsten Strand zum Ankern – wieder unter Motor, es will einfach kein Wind aufkommen.

Schön grün: Paralia Pevkos

Der Strand vom Pevkos ist etwas abgelegen, dementsprechend selbst am Feiertag nicht sehr überlaufen; es gibt eine Taverna und ein Café, einige Sonnenschirme mit Liegen, und das war’s – abgesehen von der herrlich grünen Umgebung! Endlich mal wieder Bäume – die umgebenden Hügel sind saftig grün, mit pinkfarbenen Oleanderflecken durchsetzt, und bilden einen reizvollen Farbkontrast zu den beige-rot-braunen Felsen. Das Wasser geht auf 28 Grad, und ist bei doch ziemlicher Hitze der vorzuziehende Aufenthaltsort; hier warten wir erst mal auf Wind …

Zurück in den Kykladen (03.06. – 16.06.)

Kavos Papas, Ikaria

Wir verbringen eine relativ ruhige Nacht an unserem Ankerplatz am Ende der Welt – ab und an erreicht etwas Schwell das Boot, aber Wind haben wir praktisch keinen. Das verleitet uns, am nächsten Morgen das Großsegel gleich ohne Reff zu setzen, schließlich sind nur etwa 12 Knoten Wind für die Überfahrt nach Westen angesagt. Kaum runden wir aber die Inselspitze mit dem Leuchtturm Kavos Papas, bläst es mit 6 Beaufort in die Segel, und die ‚Orion‘ nimmt fast 7 Knoten Fahrt auf – wir hätten es wirklich wissen müssen. Nach wenigen Minuten beruhigt es sich aber auf 12 bis 15 Knoten Wind – der berüchtigte Kap-Effekt …

Mit vollem Tuch gen Mykonos

So rollen wir also auch noch beide Vorsegel aus, und mit halbem Wind und gerade mal einem guten halben Meter Welle machen wir gleichmäßig schnelle Fahrt bei sehr moderater Lage. Die Aries steuert, und uns bleibt nicht zu tun als die Reise zu genießen, vor uns 30 Seemeilen tiefstes Blau bis Mykonos, und überall am Horizont zeichnen sich die Umrisse von Inseln ab. Die Sonne strahlt wie immer, aber es ist dennoch nicht zu heiß, denn der Nordwind bringt kühlere Luft mit. So herrlich sind wir schon sehr lange nicht gesegelt – wie schön es doch ist, wenn der Wind mal weder zu schwach noch zu stark ist und nicht vor vorne kommt 🙂

Einige Zeilen aus dem wohl griechischsten aller griechischen Romane kommen einem in den Sinn:

Glücklich der Mensch, der vor seinem Tode für würdig befunden wird, das Ägäische Meer zu befahren. […] Es gibt keine Freude, die das menschliche Herz so bewegt, so tief in das Paradies versenken kann, als wenn man den Namen jeder einzelnen Insel flüsternd, auf einem Schiff die Wogen dieses Meeres durchfurcht. Nirgends woanders wird man so friedlich und behaglich aus der Wirklichkeit in den Traum versetzt. Die Grenzen verschwimmen, und die Masten selbst des altersschwächsten Schiffes treiben Knospen und Weintrauben. Hier in Griechenland ist das Wunder die sichere Blüte der Notwendigkeit.

Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas

Mykonos / Agia Anna

So erreichen wir schon am frühen Nachmittag Mykonos; die für ihren Party-Tourismus und ihre völlig überzogenen Preise bekannte Insel ist für uns weniger Ziel um ihrer selbst willen, als vielmehr ein guter Ort, um den für die nächsten Tage angekündigten Starkwind abzuwettern.

Agia Anna – anlern, wo andere Austern schlürfen

Wir haben uns dazu diejenige Bucht ausgesucht, die nach den Google-Informationen die geringste Dichte an Party-Clubs direkt am Strand aufweist, Agia Anna. Als wir gerade ankern wollen, schießt ein RIB auf uns zu und fragt, ob die Eigner schon mal in die Bar übersetzen wollen, während die Crew sich um das Boot kümmert – wir lehnen dankend ab und stellen fest, in einer anderen Welt angekommen zu sein (deren dienstbaren Geistern aber seltsamerweise die Fähigkeit zu fehlen scheint, aus dem Anblick des Bootes Rückschlüsse auf den erzielbaren Umsatz zu ziehen). Die Motoryachten der siebenstelligen Preisklasse mit den Bikinischönheiten auf dem Vordeck, die sich hier außer uns noch so tummeln, nehmen das Angebot aber gerne an …

Wir verbringen zwei Tage bei bis zu 30 Knoten Nordwind in dieser Bucht vor Anker; am zweiten Tag lässt der Wind wenigstens soweit nach, dass wir uns trauen, mit dem Dinghi an Land überzusetzen. Viel zu sehen gibt es dort aber nicht, der Minimarkt ist geschlossen, und der Weg bis in den Hauptort der Insel viel zu weit (10 Kilometer). Macht nichts, bei herrlichem Wetter kann man es auch an Bord gut aushalten und zuschauen, wie der Windgenerator die Batterien lädt 🙂

Sonntagmorgen beschließen wir weiterzuziehen; beim Aufholen des Ankers erleben wir aber erst mal eine Überraschung: während der letzten zwei Tage waren zwei junge Männer im Schlauchboot und mit Taucherausrüstung damit beschäftigt, neue Muringleinen- und bojen an die Betonklötze auf dem Grund zu knoten; nun dürfen wir feststellen, dass die beiden Helden eine schöne, dicke Trosse mit Boje an den Bügel unseres Ankers geknotet haben – im sonnendurchfluteten, kristallklaren Wasser auf weißem Sandgrund ist offenbar ein Betonklotz kaum von einem Bügelanker mit Kette und daranhängendem Boot zu unterscheiden …

Rineia / Ormos Parianos

Unser Ziel ist eine Ankerbucht an der Südseite der westlich von Mykonos gelegenen Insel Rineia; diese soll uns als Ausgangspunkt für unseren Besuch für unseren geplanten Besuch auf Delos dienen. Auf dem Weg dorthin passieren wir viele schöne Strände, aber mit zunehmender Annäherung an den Hauptort von Mykonos steigt auch die Bebauungsdichte und die Zahl der vor Anker liegenden Superyachten.

Mykonos: hier ankern die Reichen und Schönen

Auch unsere Zielbucht ist brechend voll, wir können nur noch einen Platz in viel zu flachem Wasser finden; beim Schnorcheln stellen wir fest, dass ein Durchtauchen zwischen Kiel und Grund nicht mehr möglich ist, da sind kaum noch 20 Zentimeter. Aber wie immer leert sich die Bucht gegen Abend, und wir können noch umankern; nur eine Yacht der 60-Meter-Klasse bleibt – und veranstaltet nach Einbruch der Dunkelheit noch ein Privatfeuerwerk für uns 🙂

Delos

Am Montagmorgen motoren wir zwei Seemeilen bis zur Insel Delos; es herrscht ziemliche Flaute, und das ist auch gut so, denn die wenigen Ankerplätze taugen nicht viel, man liegt ziemlich ungeschützt in der Durchfahrt zwischen Delos und Rineia auf sehr durchwachsenem Grund.

Dem Mythos nach schwamm die Insel einst im Meer, bis Poseidon sie an vier diamantenen Säulen befestigte. Artemis und Apollon wurden hier geboren, und so wurde Delos das Zentrum der Verehrung dieser Gottheiten. All die konkurrierenden griechischen Stadtstaaten errichteten Vertretungen und Tempel auf der Insel, und natürlich wollte jeder größer und prächtiger bauen als die Konkurrenz. So wurde Delos eines der Zentren der antiken Welt – bis zu 30.000 Menschen lebten hier, vor zweieinhalbtausend Jahren eine gewaltige Zahl. Auch der Handel blühte, Kaufleute aus der ganzen damals bekannten Welt kamen hierher – und durften auch alle ihre Heiligtümer errichten, religiöse Toleranz war in vorchristlicher Zeit noch gar kein Problem. So blühte Delos über Jahrhunderte, bis es 87 v.Chr. im Mithridatischen Krieg zerstört wurde.

 

Heute ist die Insel ein gewaltiges Trümmerfeld; es gibt keine spektakulären, wiedererrichteten Großbauten, aber die Ausdehnung und die Detail beeindrucken sehr, wie überhaupt schon das Gefühl, auf so geschichtsträchtigem Boden zu wandeln. Die Grundmauern der Tempel- und Wohnbezirke sind umfassend erhalten, so dass man richtiggehend das Gefühl hat, durch die alten Gassen zu gehen; überall sieht man reich verzierte Marmorarbeiten, Säulenteile, Statuenreste, Tonscherben. Man watet quasi knietief durch die Geschichte – ein wirklich toller Ort, wenn man sich für die Antike interessiert! Wir sind froh, dass uns die Flaute einen Besuch ermöglicht hat – außer mit dem eigenen Boot kann man die Insel nur mit dem Ausflugsboot ab Mykonos erreichen.

Rineia / Ormos Kasari

Da das Ankern im Umfeld von Delos nur während der Öffnungszeiten der Ausgrabungsstätten erlaubt ist, ziehen wir nach unserer Rückkehr vom Landgang noch weiter; Ziel für die kommende Nacht ist wieder die Nachbarinsel Rineia, diesmal eine Ankerbucht weiter nördlich. Diese ist wie schon gewohnt von Ausflüglern ab Mykonos gut besucht – verständlich, all diese Buchten sind hervorragend zum Baden geeignet, und das Wasser hat inzwischen schon 24 Grad erreicht.

Nur echt mit Hubschrauber: die Superyacht ‚Ulysses‘

Einer unserer Nachbarn schafft es, unseren Maßstab von ‚groß‘ wieder ein Stück weiterzuschieben: die 2018 gebaute, 116 Meter lange und 250 Millionen Dollar teure ‚Ulysses‘, gerüchteweise im Besitz von Mark Zuckerberg, mit einem 24 Meter langen ‚Beiboot‘ und eigenem Hubschrauberlandeplatz. Man gönnt sich ja sonst nichts …

Syros / Ermoupoli

Wir verlassen am nächsten Morgen den Einzugsbereich von Mykonos mit seinen Superyachten; nicht dass diese nicht in einer halben Stunde das 17 Seemeilen entfernte Ermoupoli auf Syros erreichen könnten, doch in der etwas industriell angehauchten Kykladenhauptstadt gibt es wenig, was diese Klientel anlocken könnte – wir werden sie nicht vermissen!

Die Kykladenhauptstadt Ermoupoli

Für uns schließt sich hier ein Kreis: Mitte Oktober waren wir schon mal in Ermoupoli, und nachdem wir erfreulicherweise trotz angekündigter Flaute Syros doch unter Segeln erreichen konnten (wenn auch mit einiger Geduld), machen wir wieder in der nie fertiggestellten Marina fest. Von hier läuft man nur gut eine Viertelstunde zur einzigen Lidl-Filiale weit und breit – der perfekte Ort, um haltbare Vorräte für die nächsten Wochen einzukaufen: für Discounter-Waren sind die deutschen Supermarktketten europaweit einfach unschlagbar, während man frisches Obst und Gemüse in jedem winzigen griechischen Laden in einer Qualität bekommt, von der man auch auf dem deutschen Wochenmarkt nur träumen kann.

Möchte man hier nicht einkehren?

Gerne verbringen wir auch den folgenden Tag noch in Ermoupoli; schon bei unserem ersten Besuch hat uns der Ort gut gefallen, nun wirkt aber – wohl jahreszeitlich bedingt – alles noch viel lebendiger: viele Geschäfte, die im Oktober schon Winterpause hatten, sind nun geöffnet, und die Straßen quellen über vor gutgelaunter Lebendigkeit. So viele kleine Läden aller Art, Boutiquen mit geschmackvollen Sommersachen,  Obst- und Gemüsehändler mit herrlichen Auslagen (viel aus lokalem Anbau), und vor allem unzählige Restaurants und Cafés: in kleinen Seitengassen zwischen alten Natursteinhäusern nehmen die Tische die gesamte Breite der Straße ein, welche komplett von schattenspendenden Bougainvilleen überrankt wird – besser geht’s doch kaum noch!

Tinos / Ormos Stavros
Windige Überfahrt nach Tinos

Am Donnerstag muss es dann aber doch weitergehen, schließlich droht der Gegenwind immer stärker zu werden; wir steuern die Insel Tinos an, die nordwestlich von Syros liegt. Der Wind kommt recht nördlich mit etwa 5 bis 6 Windstärken, in Böen sehen wir auch gerne mal eine 7; durch die Abdeckung der Insel baut sich keine allzu hohe See auf, so dass wir mit einem Reff im Groß und Kuttersegel gute Höhe laufen können und am frühen Nachmittag in einer kleinen Bucht nördlich des Hafens von Tinos ankern, Ormos Stavros.

Das traurige Ende der ‚Trilye‘

Tinos ist in der altgriechischen Mythologie der Geburtsort des Windgottes Aiolos, und wir verstehen auch bald, wie man auf diese Idee gekommen ist: während der Wind schon auf der ganzen Überfahrt deutlich stärker war als vorhergesagt, legt es zum Abend, wo sich eigentlich Flaute einstellen sollte, immer mehr zu, und wir verbringen eine nicht so ruhige Nacht bei 25 bis 35 Knoten Wind; eine entmastete und auf die Felsen gespülte Segelyacht am Rande der Bucht bietet die passende Kulisse dazu.

Andros / Batsi

Freitagmorgen checken wir alle erdenklichen Quellen für Wettervorhersagen: Nordost, da ist man sich einig, und zwischen 8 und 12 Knoten, je nachdem, welchem Modell man vertrauen mag. Aber warum pfeift es unterdessen weiter mit 25 Knoten um den Mast? Eine absurde Situation, wenn alle Wetterprognosen so wenig mit der Realität zu tun haben, man beginnt an seinem Verstand zu zweifeln – und daran, ob wir nicht einfach nur einen völlig obskuren lokalen Effekt erleben, Wind der durch die Form der Berge vor uns fokussiert wird?

Mit zweitem Reff und Kuttersegel im Lee von Tinos und Andros gegenan

Wir entschließen uns, alles auf die letztere Möglichkeit zu setzen, anstatt einen Tag zu warten (da ist nämlich gar kein Wind mehr angesagt) – und liegen natürlich falsch. Auch eine halbe Seemeile vom Ankerplatz entfernt nimmt der Wind nicht ab, im Gegenteil, wir lesen auch häufig Werte in den 30ern ab. Wenigstens erlaubt die Windrichtung in Verbindung mit der Abwesenheit von Schwell (wir sind schließlich im Lee von Tinos), so eben den Zielkurs anzulegen, und so richten wir uns also darauf ein, die nächsten 30 Seemeilen hoch am Wind gegen eine 6 bis 7 anzukämpfen.

Doch selbst das kommt anders: vor der schmalen Passage zwischen Tinos und der nordwestlichen Nachbarinsel Andros nimmt der Wind plötzlich ab – gerade hier, wo wir eigentlich nochmal mit einer Zunahme gerechnet hätten. Auf einmal können wir sämtliche Reffs wieder ausschütten, und weitere zwei Stunden später müssen wir sogar für die letzten 6 Seemeilen die Maschine starten, da rein gar kein Wind mehr weht. Nun, vielleicht war die vorhergesagte 3 bis 4 als Mittelwert von 0 und 7 zu verstehen …

Batsi auf Andros

Wir erreichen jedenfalls nach einem langen, anstrengenden Tag den Hafen von Batsi auf Andros und bekommen noch einen der wenigen Längsseitsplätze; es gibt sogar einen jungen Hafenmeister, der uns einweist und die Leinen annimmt, außerdem freundlich auf die Wasser- und Stromanschlüsse hinweist. Wohin wir denn zum Bezahlen müssen? Oh, no, the harbour is free of charge … Also, kostenloses Liegen mit Wasser und Strom ist uns ja schon mehrmals in Griechenland begegnet, aber sogar mit Personal?!? Manch ein Deutscher wirft den Griechen mangelnde Geschäftstüchtigkeit vor, wir aber empfinden das anders: Häfen sind für ein Volk von Seefahren von extremer Bedeutung, und Fremde bei sich aufzunehmen eine uralte Form der Gastfreundschaft, so wie man selbst ja auch darauf angewiesen ist, woanders aufgenommen zu werden. Der Chartersegler, der schon mal 200 Euro pro Nacht für eine Muringboje vor Ibiza gezahlt hat, ist so begeistert, dass er mit der vielköpfigen Crew die nächste Taverna stürmt und mindestens den gleichen Betrag dort auf den Kopf haut – ein Geschäftsmodell für die Gemeinde als Ganzes, welches eher auf Langfristigkeit als kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet ist und allen Beteiligten mehr Freude bereitet. Wir finden, von den Griechen kann man etwas lernen …

Auch bei uns schlägt das an: wir bleiben mehrere Tage (wobei natürlich auch die zur Weiterreise unbrauchbaren Wetteraussichten eine Rolle spielen), kaufen fleißig in den örtlichen Geschäften ein und mieten uns für einen Tag ein Auto, um die Insel zu erkunden.

Oleander am Straßenrand

Da gibt es eine Menge zu sehen: die fast 40 Kilometer lange Insel ist überwiegend gebirgig, mehrere Höhenzüge ragen bis knapp 1000 Meter in die Höhe. Dadurch – und ihre Lage näher am Festland – bekommt Andros mehr Regen ab als viele andere Kykladeninseln. Endlose Serpentinenstraßen schneiden sich durch das spärlich besiedelte Inland; es herrscht kaum Verkehr, man kann beliebig langsam fahren und die Aussicht genießen. Die aufs Meer – sei es nach Osten oder Westen – ist eh spektakulär, aber uns begeistert es auch sehr, mal wieder Berge und Täler mit grünem Buschwerk zu sehen. Vielerorts wächst in den feuchteren Einschnitten wilder Oleander und blüht prächtiger als in so manchem Park in nördlicheren Gefilden.

Klein aber sehr hübsch: der ‚Wasserfall‘

Wir machen eine kleine Wanderung in eine Schlucht und besichtigen eine besondere Attraktion: ein echtes Fließgewässer, sogar mit Wasserfall! Weiter geht es nach Chora, dem Hauptort der Insel; hier gibt es einen mittelalterlichen Stadtkern auf einer Landzunge, an deren Ende die nur über eine steile, etwas fragil wirkende Brücke ohne jegliches Geländer zu erreichende Ruine der venezianischen Festung liegt.

Noch weiter draußen, auf einem Felsen in der See, steht der kleine Leuchtturm von Tourlitis, eines der bekanntesten Motive der Insel; er wurde 1897 erbaut, 1943 bei einem deutschen Luftangriff zerstört und in dern 90er Jahren originalgetreu wiederaufgebaut.

 

Die Ruine der Höhenburg von Andros

Weiter führt uns der Weg, immer wieder hoch auf die Bergrücken und hinab ins nächste Tal; wir nehmen eine kleine – etwas abenteuerliche – Stichstraße und erreichen nach einer kleinen Wanderung eine weitere Burgruine, die der Höhenburg von Andros. Hier sind noch umfassende Grundmauern erhalten, vor allem aber lohnt sich der Ausblick von der auf einem schroff aufragenden Felsplateau errichteten Anlage – herrlich!

Panoramablick von der Höhenburg gen Osten

Wir stoßen auch überall auf markierte Wanderwege – eine ziemliche Ausnahme auf den Kykladen. Gerade in der nicht so heißen Jahreszeit ist die Insel sicher ein lohnendes Ziel für Wanderer, und selbst jetzt – Mitte Juni – ist es einige hundert Meter über dem Meeresspiegel doch merklich kühler als unten im Hafen, man kann tatsächlich noch wandern, ohne sofort zu zerfließen.

Am Montag und Dienstag zieht ein Tiefdruckgebiet durch, welches Wolken, unberechenbare Winde und sogar etwas Regen mit sich bringt – da bleiben wir doch lieber im freundlichen und kostenlosen Hafen von Batsi. Das Wetter für die Weiterfahrt will auch mit Bedacht gewählt sein, liegt vor uns doch die Straße von Kaphireas, die Meerenge zwischen Andros und Evvia (Euböa): hier kommt einem normalerweise der Wind kräftig entgegen, und dazu noch das halbe ägäische Meer – 6 bis 7 Knoten Gegenstrom sollen sich unter ungünstigen Bedingungen aufbauen können. Ganz klar, für kleine Boote ist die Meerenge dann unpassierbar, also warten wir auf bessere Bedingungen.

Unter Gennaker durch die Kaphireas-Straße

Am Mittwoch den 16. ist es dann soweit: zwar ist hauptsächlich Flaute angesagt, aber die wenigstens aus Südwest – eine sehr ungewöhnliche Windrichtung, die wir nutzen müssen, auch wenn es auf viele Motorstunden hinausläuft. Wir verlassen am Mittag den Hafen und können auch einige Stunden bei 2 bis 3 Windstärken segeln – langsam, aber wir arbeiten uns stetig durch die gefürchtete Passage, ständig dem sehr dichten Verkehr an Containerschiffen und Tankern ausweichend, die etwas schneller als wir unterwegs sind.

Cavo Doro zum Sonnenuntergang

Am Abend frischt der Wind sogar etwas auf, und wir freuen uns schon auf eine Nachtfahrt unter Gennaker, aber gerade als wir das Cavo Doro passieren, das nördliche Ende der Kaphireas-Straße, ist es schlagartig vorbei damit: mit ein bis zwei Knoten Wind kann auch das Leichtwindsegel nichts mehr anfangen, und so muss der Motor ran und schiebt uns gen Norden heraus aus den Kykladen

Endlich wieder Segeln: im Dodekanes gen Norden (20.05. – 02.06.)

Am 20. Mai ist es endlich soweit: nach sechseinhalb Monaten Lockdown verlassen wir Astypalaia! Einerseits sind wir natürlich sehr froh darum, endlich etwas mehr von Griechenland sehen zu können, nachdem wir ein halbes Jahr unseres Lebens damit verloren haben, unsere 10 Quadratmeter Wohnfläche vor wechselnden Stürmen in Sicherheit zu bringen, andererseits haben wir durch unseren unfreiwilligen Aufenthalt auch nette Menschen kennengelernt und die Insel wirklich lieb gewonnen – aber wir sind uns auch sicher, wiederzukommen, also legen wir am Donnerstagmorgen hochmotiviert ab. Unser Weg soll uns nach Norden führen, bevor der vorherrschende Nordwind im Sommer immer stärker wird (natürlich sind wir viel zu spät dran …); wir folgen dabei zunächst der der türkischen Küste vorgelagerten Inselkette des Dodekanes, welche  – anders als der Name („Zwölf Inseln“) vermuten lässt –  rund 160 Inseln umfasst.

Levitha
Levitha voraus!

Die Windvorhersagen versprechen einen schönen Segeltag: sanfte 12 Knoten aus Südwest sollten uns unter Gennaker langsam aber stetig nach Norden schieben. Nun, in der Realität sind es zunächst nur 5 Knoten, und zwar aus Nordost – kleiner Unterschied; und der Gennaker ist das einzige Segel, welches an diesem Tag nicht zum Einsatz kommen wird. Zwei Stunden motoren wir gegenan, bis wir um die Südostspitze Astypalaias nach Norden abbiegen und endlich unter Großsegel und Code 0 am (Ost-)Wind segeln können. Erst als wir weitere zwei Stunden später aus dem Windschatten der Insel kommen, dreht der Wind auf West – und weht mal mit 18 Knoten, was uns bei der beachtlichen Segelfläche mit sechseinhalb Knoten herrliche Fahrt machen lässt, dann bricht er wieder auf 5 Knoten zusammen, was uns mit anderthalb Knoten und flappendem Tuch in den gar nicht so kleinen Wellen schaukeln lässt. Da wir auch am 6. Tag nach der Impfung gesundheitlich immer noch angeschlagen sind, wird der erste Segeltag nicht so erholsam wie erhofft, so dass wir recht froh sind, nach 10 Stunden endlich die Südbucht der Insel Levitha anzusteuern.

Abendsonne über der Ankerbucht

Hier erwartet uns eine weitere Überraschung: wir sind nicht etwa allein, sondern eine ganze Flottille riesiger Charterboote hat bereits einen Großteil der ausgelegten Muringbojen in Beschlag genommen. Offenbar haben die Charterfirmen keine Zeit verloren und unmittelbar mit der Öffnung Griechenlands die ersten Touristen aufs Wasser geschickt … Wir finden noch eine letzte freie Muring mitten um Feld der restlichen Boote, versuchen den Trubel und die blinkenden Lichterketten auszublenden und fallen erschöpft in die Koje.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon besser aus: die Flottille hat sich in aller Frühe aus dem Staub gemacht, denn der Wind soll ja auf Nord drehen und deutlich zulegen. Wir lassen das neue Dinghi zu Wasser und paddeln an den Anleger, um die Insel zu erkunden. In deren Mitte befinden sich landwirtschaftlich genutzte Flächen, der Rest gehört den Ziegen. Bewohnt und bewirtschaftet wird Levitha von einer einzigen Familie – seit etlichen Generationen. Diese betreibt auch eine einfache Taverna für die hier übernachtenden Boote – was offenbar kein Geheimtipp mehr ist, auch am Freitag kommen neue Boote dazu.

Wir erwandern die kargen Anhöhen, auch um dort etwas Mobilfunkabdeckung zu suchen und die Wettervorhersagen für die kommenden Tage zu aktualisieren, ansonsten ist die Insel die perfekte Kommunikations-Entgiftung: in die Ankerbucht verirrt sich keine elektromagnetische Welle. Selbstredend gibt es keine Straße, zum Bauernhof mit der Wirtschaft führt ein Trampelpfad; überhaupt gibt es nichts als schroff-schöne Landschaft und ganz, ganz viel Ruhe – was uns wirklich sehr gelegen kommt nach den anstrengenden letzten Tagen.

Panoramablick über Levitha

Wir verbringen zwei herrliche Tage an der Muring, während die Sonne auf uns brennt und der kühlende Meltemi mit 7 Windstärken über die Insel pfeift, lesen viel und schauen ansonsten zu, wie der Windgenerator und die Solarzellen die Batterien wieder randvoll laden; am Samstagabend kehren wir in die Taverna ein und genießen ein einfaches, authentisches und köstliches Essen. Levitha ist ein wirklich gelungener Neustart nach so langer Durststrecke!

Leros / Lakki

Am Sonntagmorgen lösen wir die Leine zur Muring und fahren unter Segeln aus der Bucht – sicherheitshalber mit einem Reff im Groß, denn durch die Abdeckung der Insel ist schwer vorherzusagen, wie viel Wind draußen wirklich weht. Schon nach wenigen Minuten erwischen uns Böen von 25 Knoten; wir sind ganz froh um das Reff und etwas nervös, was wohl jenseits des Inselwindschattens auf uns warten mag (wie sehr man sich doch an tagesaktuelle Wettervorhersagen gewöhnt hat und wie seltsam es ist, drei Tage im Funkloch verbracht zu haben!). Nach einer Stunde runden wir das östliche Inselende – und der Wind nimmt ab! Berge können also nicht nur Windabdeckung bieten, sondern auch durch Fallwinde den auf See herrschenden Wind noch verstärken – und dummerweise weiß man vorher nie, welcher der beiden Effekte überwiegen wird …

Kalymnos in einem Traum in Blau

Wir segeln 22 Seemeilen bei nordwestlichen Winden um 4 bis 5 Richtung Nordost, die Insel Leros ist unser Tagesziel – aber egal in welche Richtung man schaut, überall sind bergige Inseln am Horizont! Wir sehen hinter uns noch Amorgos, an Backbord Ikaria und Patmos, voraus Leros, weiter an Steuerbord die beeindruckende Silhouette von Kalymnos und weit entfernt Kos, alles eingebettet in tiefstes Blau – ein toller Anblick!

Die Uferpromenade von Lakki direkt vorm Ankerplatz

Gegen 15 Uhr erreichen wir die tief eingeschnittene und gut geschützte Bucht Lakki mit dem gleichnamigen Ort; früher hieß dieser Portolago – eine italienische Gründung, die während der italienischen Herrschaft über den Dodekanes 1912-43 als Flottenbasis diente. Das merkt man dem Ort an: die Gebäude sehen überhaupt nicht griechisch aus, der italienische Rationalismus der 30er Jahre beherrscht das Stadtbild. Direkt vor der Uferpromenade gibt es einen hervorragenden Ankerplatz, wo wir unseren Segeltag beenden und zu alkoholischen Kaltgetränken übergehen (es gibt noch spanische Sangria an Bord!).  

Gut erhalten: der italienische Palazzo Comunale

Am nächsten Tag erkunden wir den Ort; durch die benachbarte, große Marina gibt es mehrere Läden für Bootszubehör, und Supermärkte sowieso. Die meisten der italienischen Großbauten sind ganz schön heruntergekommen – der Wert des faschistischen Architektur als Baudenkmal darf auch sicher in Frage gestellt werden, dennoch gibt es kaum woanders noch so viel Bausubstanz aus dieser Zeit, vielleicht würde es sich doch lohnen, ein wenig mehr für den Erhalt zu tun. 

Alte Villen mit Blütenpracht in Lakki

Eine weitere Auffälligkeit: hier wachsen Bäume! Auf Astypalaia haben wir ein halbes Jahr nur Zitrusfrüchte, Oliven und Feigen gesehen, doch hier gibt es zahlreiche Pinien, die einen herrlichen Duft verströmen; insgesamt scheint es mehr Wasser zu geben, überall blühen Oleander, Bougainvilleen, Jasmin … der 30 Grad warme Wind weht uns eine betörende Duftkomposition in die Nase – himmlisch! Danach noch ein Bad im mit knapp 23 Grad doch noch erfrischenden Wasser – was will man mehr?!?

Archangelos

Dienstagmorgen nutzen wir noch die Nähe des Ortes für ein richtiges Frühstück mit frischem Brot von der Bäckerei und machen uns dann wieder auf dem Weg – nach Norden, also gegen den Wind. Allzu große Fortschritte sind da nicht zu machen, also kreuzen wir nur bis zu der kleinen Insel Archangelos, welche der Nordküste von Leros vorgelagert ist.

Archangelos: Schöne Ankerbucht mit Lärmquelle

Dort finden wir eine schöne Ankerbucht, in die unmittelbar vor uns eine Charteryacht mit deutschsprachiger Crew einläuft. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen, hier ist genug Platz für zwei Boote; unsere Begeisterung sinkt aber rapide, als nebenan gegen 18 Uhr wieder die Maschine gestartet wird – und läuft, und läuft … nach einer Stunde erkundigen wir uns, wie lange wir den Lärm beim Abendessen noch genießen dürfen – ach, so eine Stunde, sie müssen halt Batterien laden … das hätten sie gerne nach ihrer Ankunft tun können, oder sonst am nächsten Morgen, aber an allen Ankerplätzen der Welt gilt eigentlich die Regel, dass man keinen Lärm mehr macht, wenn die Sonne zum Sinkflug ansetzt – so also kommen Chartersegler zu ihrem guten Ruf!

Leipsoi / Kochlakoura

Nach einer ruhigen Nacht vor Anker machen wir uns wieder auf den Weg, wir wollen zur nächsten größeren Insel übersetzen, Leipsoi; weit ist die nicht weg, aber natürlich gegen den Wind, was die gesegelte Strecke fast verdoppelt. Es läuft aber ganz gut, der Wind ist gleichmäßiger, und wir nehmen das erste Reff aus dem Groß, welches am Vortag noch sicherer schien.

Kochlakoura / Leipsoi

Vom ewigen Gegenwind abgesehen ist das Wetter unbeschreiblich gut: jeden Tag scheint von früh bis spät die Sonne vom wolkenlosen Himmel, und die Reflexionen lassen die dunkelblaue See funkeln – eine Freude, hier segeln zu können! Wir finden bei Kochlakoura eine passende Ankerbucht an der Südostküste von Leipsoi, deren Sandgrund die Farben zum Türkis verschiebt. Tamarisken säumen den langen Strand, die Umgebung ist von buntem Felsgestein dominiert, ein paar gepflegte, kleine Häuser stehen an den Hängen – und allein sind wir auch noch, obwohl mühelos ein Dutzend Yachten unterkämen!

Am nächsten Vormittag laufen wir in den zwei Kilometer entfernten Hafenort der Insel; die Landschaft auf dem Weg dorthin ist überraschend grün, es wird Landwirtschaft betrieben und viel Wein angebaut. Der Fischerhafen hat auch eine Pier für Yachten, der kleine Ort ist freundlich und bietet neben kleinen Läden eine sehr gut sortierte Bäckerei/Konditorei.

Makronisi

Zurück an Bord können wir uns zunächst nicht entscheiden, ob wir nicht noch eine zweite Nacht hier bleiben sollen oder doch weiterziehen; wir entscheiden uns für letzteres, weil wir hoffen noch etwas brauchbaren Wind am Nachmittag mitnehmen zu können – und einen weiteren, vielversprechenden Ankerplatz kennenlernen möchten. Die Hoffnung auf guten Wind wird enttäuscht, wir müssen längere Zeit motoren, aber der Ankerplatz vor der kleinen Insel Makronisi, welche vor der Südküste von Arkoi liegt, hält, was er verspricht: völlige Einsamkeit und hinreißendes Türkis soweit das Auge reicht, ein paradiesisches Plätzchen!

Sonnenuntergang vor Makronisi

Wir schwimmen ein paar Runden und wollen gerade aus dem Wasser steigen, als sich ein RIB der Coast Guard nähert und unsere Papiere kontrollieren will; schlechtes Timing, aber die beiden jungen Beamten sind sehr nett und warten geduldig, bis wir uns notdürftig abgetrocknet haben. Danach ist aber auch unsere Geduld gefordert: der Formularsatz verlangt nach einer unbeschreiblichen Menge Informationen. Wir geben geduldig Auskunft, alle möglichen Dokumente werden abfotografiert – wir haben den Eindruck, dass die Kontrolle für die beiden nochmal eine Stunde Papierkram zurück im Hafen nach sich zieht. Bürokratie kann man hier also auch gut … 

Arkoi

In den Hafen von Arkoi sind es am Freitagmorgen dann nur zwei Seemeilen; es gibt ein Stück Betonkai, an dem rund ein halbes Duzend Boote mit Buganker und Heckleinen festmachen können, keine Strom- oder Wasseranschlüsse, einen geschlossenen Minimarkt und drei äußerst einladende Tavernas. Die wenigen Einwohner sind gewohnt freundlich, die Häuser sehr hübsch anzusehen – ein griechisches Dort wie aus dem Bilderbuch!

Gerne bleiben wir hier auch noch den ganzen Samstag und kehren am Abend in eine der Tavernas ein; wie immer ein positives Erlebnis, auch hier wird alles aus frischen Zutaten auf Bestellung gekocht, und das zu sehr vernünftigen Preisen. Der Wirt spricht sehr gut Englisch, wir unterhalten uns nett und verbringen einen schönen Abend. Nur die Nacht wird leider unerfreulich: die Crews mehrerer Yachten fallen in die andere Taverna ein und motivieren den Wirt dazu, bis nach 3 Uhr die ganze Insel zu beschallen – das hat man davon, nicht in der Einsamkeit zu ankern!

Phournoi / Paralia Vlychada
Blick von Phournoi auf Patmos

Entsprechend müde starten wir am Sonntag, und das Wetter passt sich der Stimmung an: es ist bewölkt! Wir empfinden das als ganz angenehm, weil uns mal nicht die Sonne verbrennt; viel Wind gibt es allerdings auch nicht, so dass wir die letzten Meilen bis zu unserem Ziel am Südende der Insel Phournoi motoren müssen. Diese liegt unter der Lücke zwischen den großen Inseln Ikaria und Samos, welche das nördliche Ende der südlichen Sporaden bilden, aber eigentlich schon nicht mehr zum Dodekanes gehören; durch diese Lage ist Phournoi in besonderem Maße den starken Nordwinden ausgesetzt. So gesehen ist dieser eher flautige Tag eine gute Gelegenheit, die Insel zu besuchen, und wenn es auch nur für eine Übernachtung ist; zum Abend bietet sich aus unserer nach Süden offenen Ankerbucht noch ein bezaubernder Blick auf den Schattenriss von Patmos in Pastelltönen.

Ikaria / Agios Kirykos

Am 31. Mai verlassen wir Phournoi schon wieder, um die letzten 12 Seemeilen Richtung Nordwesten bis Ikaria zurückzulegen; auch heute ist noch wenig Wind angesagt, und das ist eine Chance Strecke gegen den Meltemi gutzumachen, die wir nicht ungenutzt lassen können. Wieder können wir einen Teil der Strecke segeln (wenn auch nur mit sehr viel Geduld) und müssen nur die letzten Meilen motoren, bis wir den neuen Hafen von Agios Kyrikos erreichen.

Ikaria, die Insel mit der eigenen Wolkenkette

Die Insel Ikaria bietet einen beeindruckenden Anblick: auf der ganzen Länge von rund 40 Kilometern ragt ein über 1000 Meter hoher Gebirgszug steil aus dem Meer. Dies führt zum einen zu der bereits erwähnten Windfokussierung in der Passage zu Samos, zum anderen zu üblen Fallböen auf der Leeseite der Insel. Der besagte neue Hafen bietet guten Schutz, ist er doch erst vor wenigen Jahren als kleine, aber moderne Marina angelegt worden; nur für die Inbetriebnahme hat es nie gereicht, so liegt man jetzt hier kostenlos längsseits vor abgeschalteten Stromsäulen.

Ikarus-Mosaik am Hafen

Die kleine Siedlung daneben ist der Hauptort der Insel: da Ikaria nicht über einen internationalen Flughafen verfügt, gehen die Touristenströme weitgehend an der Insel vorbei. Und das trotz des bekannten Namens: hier soll der Sage nach Ikarus auf der Flucht aus dem minotaurischen Labyrinth auf Kreta mit seinen aus Federn und Wachs konstruierten Flügen zu nahe an die Sonne gekommen und tödlich verunglückt sein, als das Wachs schmolz und so das Fluggerät auseinander fiel. Nach übereinstimmender Ansicht der Seglergemeinde wird ihn aber eher der heftige Meltemi gerupft haben …

Im Zentrum von Agios Kirykos

Wir mögen die ‚Inselhauptstadt‘ – es gibt nur kleine Supermärkte mit (wie immer) herrlich frischem Obst und Gemüse, wie es solches in Deutschland für kein Geld der Welt zu kaufen gibt, nette Cafés und Restaurants, duftende Bäckereien und Konditoreien – und freundliche Menschen: am Hafen will ein Handwerker einen Auftrag ausführen und bringt dazu 5 verschiedene Verlängerungskabel und Kabeltrommeln mit, die er aneinandersteckt (eine sehr griechische Herangehensweise); zum Schluss fehlen ihm aber immer noch 10 Meter: wir leihen ihm unser Verlängerungskabel und dürfen uns dafür mit an seinem Strom bedienen, um die Batterien zu laden. So hilft man sich gegenseitig 🙂

Blick auf Therma

Am Dienstag den 1. Juni bekommen wir einen ersten Eindruck von den berüchtigten Fallböen: der Nordwind ist wieder da, und wir haben jede Minute 55 Sekunden Flaute und 5 Sekunden Böen der Stärke 6 – den ganzen Tag. Wir unternehmen eine Wanderung die Küste entlang zum Nachbarort Therma – wie der Name andeutet gibt es hier heiße Quellen, die seit der Antike genutzt werden. Der Ort liegt dekorativ eingebettet in die Berghänge, direkt am Hafen gibt es eine Grotte, in der heißes Wasser aus den Felsen quillt und sich mit dem Seewasser vermischt, und ein kleines Stück weiter die Küste entlang stehen auch noch ein paar antike Mauern. Die eigentliche Attraktion ist aber der Blick aufs Meer: die zerklüfteten Felsen im Vordergrund, das türkisfarbene Wasser in der Brandungszone, und das endlos tiefe und weite Blau dahinter … man kann sich daran kaum satt sehen!

Blick von Ikaria nach Süden: links Samos, in der Mitte Phournoi, rechts am Horizont Patmos
Ikaria / Agios Georgios

Am Mittwochmorgen kaufen wir noch ein Brot in der kleinsten Bäckerei des Ortes – und stellen fest, dass es eines der besten ist, die wir in Griechenland je bekommen haben! Nach einem derart gelungenen Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Südwestende der Insel, knapp 20 Seemeilen sind es bis dorthin.

Den ganzen Tag begleiten uns Ikarias Gebirge

Wie immer ist Nordnordwest angesagt, aber im Windschatten des hohen Bergrückens bekommen wir so ziemlich alles, sowohl was Windrichtung als auch -stärke anbelangt. Kein ganz anspruchsloses Segeln, ist man doch bei Fallböen der Stärke 6 bis 7 ganz froh um ein Reff im Groß, muss dann aber auch mal eine halbe Stunde Flautengedümpel mit gerefftem Tuch aushalten.

Dafür entschädigt die vorbeiziehende Landschaft: praktisch ohne Unterbrechung hält der Gebirgszug seine Höhe von rund 1000 Metern, die Flanken fallen steil ins Meer ab – so sehr, dass sich nur an wenigen Stellen Ortschaften bilden konnten.

Wildromantisches Ankern in der Bucht vor Agios Georgios

Je weiter wir zum Ende der Insel kommen wird es immer noch dünner besiedelt; schließlich lassen wir nach 7 Stunden den Anker auf 10 m Tiefe über Sandgrund in der allerletzten Bucht vor der Südwestspitze fallen, in wildromantischer Umgebung, eingerahmt von steilen Felswänden, die mit hausgroßen Brocken übersät sind. Das Wasser ist völlig klar, trotz der Tiefe sieht man jedes Sandkorn am Grund – und die Farbe erst … 

Natürlich arbeitet sich etwas Schwell um das Kap, aber geschütztere Ankerplätze gibt es an dieser abweisenden Küste nicht, und gen Westen liegen 30 Seemeilen offenes Wasser bis zu den Kykladen vor uns – und die Schönheit dieses Ortes entschädigt für ein wenig Geschaukel 🙂 

 

Lockdown auf Astypalaia (07.11. – 19.05.)

Noch am Freitagnachmittag besucht uns ein Beamter von der lokalen Polizei, um uns in flüssigstem Englisch über den bevorstehenden Lockdown zu informieren: alle Geschäfte bis auf Lebensmittelläden sind geschlossen, es besteht allgemeine Maskenpflicht auch im Freien, und man darf nicht mehr grundlos seine Wohnung verlassen. Die Liste der möglichen Gründe ist aber um einen entscheidenden Punkt länger als seinerzeit in Spanien: Ausübung körperlicher Betätigung im Freien, mit bis zu zwei Personen, ist erlaubt – man muss sich nur selbst eine Genehmigung ausstellen: ein Zettel, auf den man Name, Anschrift, Ausgangszeit und -grund schreibt, genügt! Davon konnten wir auf Ibiza nur träumen …

Die Corona-Gestrandeten im Hafen von Astypalaia

Auch weiteren, stark von den Erlebnissen im Frühjahr beeinflussten Fragen begegnet der junge Mann mit merklichem Erstaunen: ja, natürlich dürfen wir den Hafen jederzeit verlassen, um irgendwo in der Nähe zu ankern, dabei käme man ja schließlich nicht mit anderen Menschen in Kontakt; und ja, selbstverständlich dürften wir dann dennoch jederzeit zurückkommen, um Schutz zu suchen, einzukaufen oder Wasser zu bunkern; genauso dürften wir auch die ganze Zeit bleiben wenn uns das lieber sei, und kostenlos sei das alles ohnehin – dies sei ja schließlich ein Schutzhafen, dafür sei er ja da. Der Beamte zeigt auch keinerlei Ambitionen, sich irgendwelche Ausweise oder Bootspapiere zeigen zu lassen oder diese gar zu fotokopieren, und freundlich ist er ohnehin – so unterschiedlich kann man also in verschiedenen Ländern mit ein und derselben Problematik umgehen; wir bedanken uns herzlich und denken im Stillen: dreitausend Jahre Zivilisation hinterlassen eben doch ihre Spuren!

Wir ergänzen also noch einige Vorräte und richten uns auf einen mehrwöchigen Aufenthalt in den Gewässern um Astypalaia ein; im Prinzip dürften wir sogar weitersegeln, aber andere Inseln zu besuchen, auf denen man sich dann nichts anschauen kann, erscheint auch nicht so sinnvoll, und dieser Flecken Erde lädt durchaus zum Verweilen ein: es gibt eine große Auswahl an schönen und sicheren Ankerbuchten, und die ganze Stimmung ist sehr entspannt. Am Montag verlassen wir den Hafen, denn es soll wieder windiger werden, und wir fanden es wesentlich angenehmer, letzte Woche bei Starkwind vor Analipsi zu ankern, als am Wochenende im kabbeligen Hafen in die Festmacher zu rucken.

Schöne Aussicht: Abendstimmung über der Bucht von Analipsi

Genau dorthin segeln wir auch zurück und verbringen den Rest der Woche bei meistens sonnigem Wetter und spätsommerlichen Temperaturen (für deutsche Verhältnisse) vor Anker. Der Minimarkt im Dorf ist weiter geöffnet, und man kennt sich bald besser, so dass wir auf Bestellung auch frische Backwaren bekommen, die aus der Chora geliefert werden. Die Besitzerin hat immer Zeit für ein nettes Gespräch und erzählt davon, wie schwer dieses Jahr für die Inselbewohner wat, weil kaum Touristen gekommen sind; hier hat man das Gefühl, dass neben den praktischen Reisebeschränkungen auch die Angst vor möglichen Gefahren viele Ausländer von einer Griechenlandreise abgehalten hat. So stellt sich heraus, dass viele Einheimische ihre Masken aufsetzen, um uns Ausländer nicht abzuschrecken – selbst hält man hier nicht so viel davon … nun, kein Kunststück auf einer 1400-Einwohner-Insel ohne Kontakt zum Rest der Welt, auf der es keinen einzigen (!) Infizierten gab oder gibt, die Sache entspannt zu sehen. Einmal am Tag fährt der Inselpolizist seine Runde und wird vorher per Telefonkette angekündigt, so dass alle schnell ihre Masken aufsetzen können, ihm freundlich zuwinken – und danach die Angelegenheit wieder bis zum kommenden Tag vergessen können. Es würde uns nicht wundern, wenn man mit dem richtigen Klopfzeichen an der Hintertür abends auch Einlass in der Taverne findet …

Inzwischen haben wir auch Gesellschaft bekommen, die österreichische Yacht ‚Vitamine‘ ankert neben uns, und da sich – schon wieder ganz anders als im Frühjahr vor Sant Antoni – wirklich kein Mensch dafür interessiert, was die Segler so untereinander treiben, können wir das eine oder andere Glas Wein zusammen trinken und Seemannsgarn spinnen 🙂

Am 16. November, nach genau einer Woche vor Analipsi, entscheiden wir uns, mal wieder für eine Nacht in den kaum drei Seemeilen entfernten Hafen zu fahren, denn wir müssen Trinkwasser bunkern. Dort erwartet uns eine Überrschung: wir haben die Leinen noch nicht fest, und der Motor läuft noch, als zwei Uniformierte in heller Aufregung auf uns zulaufen und erklären, wir müssten sofort wieder ablegen! Es stellt sich heraus, dass diese nichts davon wussten, dass wir schon seit 14 Tagen auf der Insel sind und dachten, wir kämen von anderswo und hätten womöglich Viren an Bord. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten am nächsten Morgen bringt endgültig Rechtssicherheit: es bleibt dabei, wir dürfen kommen und gehen wie wir wollen, solange wir nicht zwischendurch andere Inseln anlaufen. Mit Regeln, die in einem Sinnzusammenhang mit der Virusausbreitung stehen, können wir ja gut leben, also ist wieder alles gut, und wir wollen auch gleich wieder auslaufen, da die kommende Nacht ausnahmsweise mal schwach windig werden soll und wir so zur Abwechslung eine kleinere Ankerbucht besuchen können.

Ormos Lanta / Kounoupoi

Wir segeln zur kleinen Insel Kounoupoi ganz im Südosten des Astypalaia-Archipels; diese bietet zwei wunderschöne Ankerbuchten, offen nach Osten und Westen, getrennt nur von einem Kiesstrand. Wir entscheiden uns für die westliche Bucht, Ormos Lanta, und ankern auf 5 m Tiefe in perfekt klarem Wasser. Die Insel ist unbewohnt, wir teilen sie nur mit einigen Ziegen; da diese keine Masken tragen, nutzen auch wir die Gelegenheit für eine Wanderung ohne Ausgangserlaubnis und erfrischen uns anschließend mit einem Sprung ins immer noch 23 Grad warme Wasser. Dabei zeigt sich, dass der Anker auf dem recht felsigen Grund nicht gut eingegraben ist; gleich daneben liegt jedoch ein großer Betonklotz von einer alten Muring in viereinhalb Metern Tiefe auf dem Boden, eben einen langen Festmacher durch die eingegossene Kette gefädelt, und schon liegt die ‚Orion‘ sicher für die Nacht.

Sonnenuntergang vor Astypalaia

Der Abend ist wundervoll, und wir bekommen endlich mal wieder uneingeschränkte Sicht auf den Sonnenuntergang; nur eine kleine Mondsichel erhellt den vollkommen wolkenlosen Himmel, so dass Millionen von Sternen funkeln und die Milchstraße so hell leuchtet, dass man in ihrem Schein lesen zu können meint. Ein kleiner Abstecher, der sich unbedingt gelohnt hat!

Mittwoch müssen wir dennoch wieder zurück nach Analipsi segeln, der Nordwind soll im Laufe des Tages wieder zulegen und dann den Rest der Woche mit den üblichen 6 Beaufort wehen, da wollen wir doch lieber in der geräumigeren Ankerbucht liegen.

So kommt es dann auch – und als Zulage gibt es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag noch schwere Gewitter, die sich über mehrere Stunden genau über dem östlichen Flügel der Insel austoben, also ganz in unserer Nähe. Wenn auch das persönliche Risiko bei Blitzschlag im Inneren eines Stahl- (oder allgemein Metall-)bootes denkbar gering ist, so bedeutet ein Volltreffer dennoch den Totalausfall praktisch sämtlicher Elektronik an Bord – alles andere als eine angenehme Vorstellung, hier Ersatz zu beschaffen wäre fast unmöglich. Aber die ‚Orion‘ bleibt verschont, das Gewitter fordert keine weiteren Opfer als den Schlaf dieser Nacht.

Zum Wochenende wird es wieder sonnig, und wir verbringen angenehme Tage vor Anker – etwas langweilig wird es so langsam aber doch auch … zur ‚Abwechslung‘ fahren wir am Montag mal wieder für eine Nacht in den Inselhafen, um die Batterien zu laden – wenn es schon kostenlos Strom gibt, muss man ja nicht den Generator bemühen. Das Anlegemanöver (rückwärts mit Buganker) wird schon zur Routine, ebenso die Begrüßung durch die schottischen Nachbarn, die seit Beginn des Lockdowns im Hafen ausharren.

Dienstag setzt wieder Nordwind ein, und wir segeln zurück zum Ankerplatz nach Analipsi, wo wir die nächsten zwei Tage bei 6 Windstärken und Sonnenschein die Zeit totschlagen.

Bei herrlichem Wetter runden wir die Südostspitze Astypalaias

Zum nächsten Wochenende – dem dritten des Lockdowns – kommt dann die Nachricht, dass dieser um mindestens eine Woche verlängert wird; nun, wir sind nicht wirklich überrascht. Da außerdem Südwind angekündigt ist – ein absolutes Novum nach vier Wochen Nord – beschließen wir, die ganze Insel zu umrunden und eine Ankerbucht auf der anderen Seite aufzusuchen – die ‚Vitamine‘ ankert dort schon seit ein paar Tagen und vermeldet, dass sich der Ausflug lohnt. Unglaubliche 19 Seemeilen legen wir am Freitag zurück – und bekommen auch noch mehr Abwechslung, als uns lieb ist: auf Amwindkurs reißt das Fall des Code Zero, und das Segel landet im Wasser – nicht zum ersten Mal, aber Ende Mai auf den Balearen war es noch die Umlenkrolle, die aufgegeben hat, nun hat sich das statt dessen über einen Schäkel geführte Fall selbst durchgescheuert.

Die fast völlig abgeschlossene Bucht Vathy (die Zufahrt hinten links im Bild)

Mit tropfnassen 60 Quadratmetern Segeltuch an Deck erreichen wir am Nachmittag die Bucht Vathy. Diese misst in Ost-West-Richtung etwa eine Seemeile, in Nord-Süd-Richtung etwa ein Viertel davon, und ist vollkommen von Bergen umschlossen – bis auf eine schlauchartige Öffnung, die man gerade mit einem Kielboot passieren kann. Schwere See gibt es hier nicht, egal was draußen los ist, und die ganze Bucht hat durchgängig brauchbare Wassertiefen zum Ankern – ein Traum! Einzig die Versorgungslage lässt zu wünschen übrig, der gleichnamige Ort zählt stolze 11 Einwohner, und der nächste Supermarkt ist der uns gut bekannte Laden in Analipsi, nun aber 12 Kilometer und 300 Höhenmeter entfernt – pro Weg, versteht sich.

Der Ort Vathy in seiner ganzen Ausdehnung

Aber erst mal sind wir gut versorgt, und am Samstag ist herrliches Wetter und endlich auch mal nicht so viel Wind – die beste Gelegenheit für eine ausgedehnte Wanderung durch die Berge. Die Lockdown-Regeln geben so ausgedehnte Ausflüge zwar nicht unbedingt her, aber wenn diese in Analipsi schon nicht so ernst genommen wurden, dann hier erst recht nicht – die Anfahrt für den Dorfpolizisten führt schließlich auch über die gleiche Schotterpiste, die wir zum Supermarkt laufen müssten, und das tut er doch nicht grundlos seinem schönen Auto an …

Nach dem Passieren der wenigen Häuser befinden wir uns auch bald mitten in der Wildnis; der Feldweg endet an einer kleinen Kirche, und danach bahnen wir uns unseren Weg durch quadratkilometerweise Ziegenland – absolut nichts deutet darauf hin, dass hier schon einmal Menschen waren, es gibt auch keine Andeutung von Pfaden. Das Vorwärtskommen ist entsprechend mühsam, aber die traumhaften Aussichten über die felsige Landschaft und das glitzernde Meer sowie die sommerliche Wärme belohnen uns reichlich – ein wirklich schöner Tag!

Kein Haus, kein Weg – aber jede Menge Ziegen!

 

Die Reste der frühzeitlichen Befestigungen

Auch am Sonntagmorgen lässt sich die Sonne noch blicken, und wir können die Halbinsel direkt hinter unserem Ankerplatz erkunden; hier hat man Relikte alter Besiedelung ausgegraben, man erkennt gut die Reste einer imposanten Befestigungsanlage, außerdem hat man Gräber freigelegt. Laut Internetrecherchen datiert man diese auf das späte vierte bis frühe dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, also in den Übergang von der Jungsteinezeit zur Bronzezeit – faszinierend, welche Aktivitäten die Menschen hier schon vor so langer Zeit entfaltet haben, und welch weitreichende Handelsverbindungen es bereits gab, wie man aus den Funden weiß.

Unsere Ankerbucht

Am Sonntagnachmittag setzt dann der erwartete Südwind ein – und bringt Regen mit sich. Wir warten unter Deck auf die Wiederkehr der Sonne …

Die lässt selbst am übernächsten Tag noch auf sich warten, aber der Wind hat auf Nord zurückgedreht, und das nutzen wir, um zurück in den Hafen auf der Südseite der Insel zu segeln – die Batterien haben mal wieder eine Aufladung nötig, und der Kühlschrank ist auch recht leer. Immer noch drohen Schauer, und recht kühl ist es mit 16° auch, so dass wir tatsächlich in den Tiefen der Schränke nach der Ölzeugjacke suchen – in der Kombination mit der Badehose als ‚Mittelmeer-Ölzeug‘ getragen passt das ganz gut zum Wetter.

An der Südwestseite Astypalaias kreuzen wir unseren Kurs vom 1. November

Die Jacke bleibt aber trocken, und auf der Höhe der Südwestseite der Insel kommt auch die Sonne raus – wir haben die etwas längere Route gegen den Uhrzeigersinn gewählt, um nach genau einem Monat die Umrundung von Astypalaia abzuschließen. Nach 25 Seemeilen (das letzte Stück aufgekreuzt) erreichen wir den Hafen und legen an unserem Stammplatz an, wobei die Nachbarin vom schottischen Boot die Leinen entgegennimmt – alles wie immer …

Die nächsten Tage bleiben wir erst mal hier, erledigen die Einkäufe, waschen per Hand ein paar Sachen durch – und warten gespannt auf Nachrichten von der weiteren Entwicklung. Die kommen am Donnerstag – natürlich gibt es die nächste Lockdown-Verlängerung 🙁 Auf Astypalaia ist es ja richtig nett, aber so langsam bereitet uns die Wetterentwicklung Sorge, nach der stabilen Nordlage im November kündigen sich jetzt immer mehr Südstürme an, und die sind hier deutlich gefährlicher als die Windstärke-7-Schönwetter-Meltemis.

Dennoch verlassen die Nachbarn von der ‚Unda‘ den Hafen – sie haben von der Port Police auf Kreta eine Sondererlaubnis zum Einlaufen bekommen (wohl wegen irgendwelcher Passangelegenheiten – mit Corona und Brexit ist man aber auch wirklich doppelt gestraft), und auf den 90 Seemeilen dahin gibt es eh keine Zwischenstopps. Wir aber müssen wohl weiter ausharren und dabei nervös die Wettervorhersagen studieren …

Astypalaia im Adventsschmuck

Unterdessen ist den ganzen Tag das Dorfverschönerungskomitee tätig und schmückt die Uferpromenade und die Kaianlage mit weihnachtlichem Lichterschmuck (unter den Augen der Port Police ohne Masken zu tragen; na ja, wofür auch auf unserer nach wie vor coronafreien Insel). Das passt zwar nicht so ganz zur Witterung – mit dem Scirocco steigen die Temperaturen wieder über 20 Grad – aber wir freuen uns über das beachtliche Engagement in dieser winzigen Gemeinde!

In der Nacht zum Freitag bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf die Verhältnisse im Hafen bei Südwind: draußen haben sich etwa anderthalb Meter Schwell aufgebaut, und im Hafenbecken wird es ganz schön kabbelig – und das bei einer Windgeschwindigkeit von gerade mal 20 Knoten …

Blick über die Chora und den Hafen; in der Bildmitte winzig klein liegt die ‚Orion‘

Zwei Tage später haben sich die Wolken zusammen mit dem Wind weitgehend verzogen, es weht nur noch eine laue Brise aus Südost; für uns eine Gelegenheit, die erlaubte ‚Sportliche Betätigung im Freien‘ mal etwas auszudehnen und eine ganztägige Wanderung über die Insel zu unternehmen. Wir erklimmen zunächst die Bergflanke über dem Hafen und erhalten von dort die ersten tollen Ausblicke über die Chora; die asphaltierte Straße geht wenige Meter nach den letzten Häusern in eine Schotterpiste über, und dabei bleibt es dann auch. Die Masken wandern in die Hosentasche, wir sehen in den nächsten Stunden keine Handvoll Menschen. Das Wetter ist für unsere Vorstellung dieser Jahreszeit – wir schreiben den 5. Dezember – unbeschreiblich: die vom tiefblauen Himmel strahlende Sonne hat noch ordentlich Kraft, der sanfte Wind ist bei Lufttemperaturen deutlich über 20 Grad mehr als willkommen, denn der Schweiß fließt in Strömen, während wir höher und höher in das gebirgige Innere der Insel vordringen. Feinstes T-Shirt-Wetter – wäre es noch wärmer, würde Bergwandern keinen Spaß mehr machen, so ist es perfekt.

Blick nach Osten über Astypalaia; gut zu erkennen die schmale Inselmitte mit den großen Buchten nach Norden und Süden; rechts der Mitte Analipsi, links hinten Vathi

 

Warum wohl Blau und Weiß die griechischen Farben sind ….

Auch unser Weg ist es: wir bauen langsam und beständig etwa 300 Höhenmeter auf und können dann kilometerweit auf dieser Höhe laufen und die Aussicht genießen. Im Laufe der Wanderung kommen praktisch alle Seiten der äußerst verzweigten Küste mal ins Blickfeld; die Fernsicht ist hervorragend, wir können deutlich im Osten das türkische Festland und im Süden als Andeutung am Horizont sogar die weit entfernte (aber auch sehr hohe) Insel Kreta erkennen. Eigentlich wollten wir nach einigen Kilometern umkehren, aber es gefällt uns so gut, dass wir spontan beschließen, eine große Runde zu gehen, die uns bis in die fast 500 Meter hohen Felsenkämme an der Westküste führt. Die Luft duftet stellenweise so intensiv nach Thymian und Salbei, dass man sich wie mitten in einem Kräutergarten fühlt – ein Traum!

Frühling im Dezember

Am höchsten Punkt unserer Wanderung überwinden wir einen Bergkamm aus steil aufragenden Felsen an einem kleinen Sattel; direkt dahinter finden wir eine hübsche Kapelle über einer sonnenbeschienenen und feuchteren Südwestflanke, auf der unzählige Krokusse blühen – wir fühlen uns in jeder Hinsicht ins Frühjahr versetzt.

Als wir nach knapp 20 Kilometern und 6 Stunden wieder an Bord sind, können wir gar nicht aufhören uns über einen sehr schönen Tag zu freuen – wären nicht die unheilverkündenden Wettervorhersagen, könnte es uns kaum besser gehen als im Lockdown auf Astypalaia

Am Nikolaustag verlassen wir den Hafen wieder, da für den nächsten Tag mal wieder Starkwind aus Süd angekündigt ist; bei (noch) herrlichem Wetter runden wir erneut die Ostseite der Insel und steuern die Bucht Vathi an, die wir ja schon in der Woche zuvor kennengelernt hatten.

Die Kaltfront mit Starkregen und Gewitter ist aber bei weitem nicht das Schlimmste, was der Montag bringt: es wird die Meldung verbreitet, dass das Verbot für Reisen innerhalb Griechenlands bis zum  7. Januar verlängert wird! Und das, während die Wettervorhersagen immer nur mehr Wind und noch mehr Wind vermelden … so langsam fangen wir an, die Situation als wirklich kritisch zu empfinden – und an Absurdität nicht zu überbieten: die ‚Schutzmaßnahmen‘ bringen in einem Gebiet, in dem es überhaupt keine Infizierten gibt, die Gesunden in Lebensgefahr …

Inselspaziergang

Mittwoch ist zur Abwechslung mal wieder ein Schönwettertag mit mäßigem Wind, was wir für einen Landgang nutzen; wir setzen mit dem Dinghi zur Südseite unserer Bucht über und versuchen, von dort einen kürzeren Weg zur Inselmitte zu finden, was uns auch gelingt; so langsam lernen wir wirklich die ganze Insel kennen (die außerhalb der Besiedlungsachse ChoraAnalipsi wirklich praktisch menschenleer ist, von den 11 Einwohnern Vathis abgesehen). Schön ist es hier auch, und nach dem häufigeren Regen der letzten Wochen sprießt sogar überall frischen Grün!

Zum Wochenende wird es wieder regnerischer, erst am Montag dreht der Wind endlich wieder auf Nord – wir wissen ja inzwischen, das bringt beständigeres Wetter! Windiges aber auch – und da es diesmal praktisch keine Lücke mit nutzbarem Wind zwischen Starkwind aus Süd und Starkwind aus Nord gibt, bleiben wir erst mal in Vathi, um feststellen zu können, dass auch der Nordschutz dort sehr gut ist. Somit ist es vor Anker in der Bucht aber auch schwer, die Bedingungen draußen zu beurteilen: am Mittwoch nämlich beschließen wir, wieder die Reise um die Insel anzutreten, da ’nur‘ noch gut 20 Knoten Nordwind angesagt sind. Kaum stecken wie die Nase aus der Einfahrt zur Bucht, zeigt das Anemometer eher 30 Knoten – wahrer Wind, nicht scheinbarer. Und die ersten drei Seemeilen müssen wir nach Norden gegenan …

Angesichts der überschaubaren Distanz beschließen wir trotz der beeindruckenden Wellen, mal ein wenig zu experimentieren, wie man denn ernsthaft bei Windstärke 7 Strecke gegen den Wind machen kann; wir untersuchen drei Möglichkeiten:

    • mit viel Segelfläche: das geht erstaunlich gut – entgegen unserer Erwartung stoppen uns die Wellen keineswegs auf, sondern wir machen bei einem Winkel von 60 Grad zum wahren Wind fast 6 Knoten über Grund. Das hat allerdings seinen Preis: die ‚Orion‘ liegt mit 30 bis 40 Grad auf der Seite (wiederum gemessen, nicht gefühlt – darüber reden wir nicht …), und die durchaus mal 4 Meter messenden Wellen gehen massiv übers gesamte Vorschiff, am Steuerrad kommen die von der Sprayhood abgelenkten Wassermassen dann herunter …
    • mit wenig Segelfläche: das geht erstaunlich schlecht – nur mit Kuttersegel reduziert sich zwar die Lage des Bootes und die Wasserbelastung des Steuermanns drastisch, die Fahrt aber auch, bei gleichem Windwinkel sind kaum noch drei Knoten herauszuholen.
    • unter Maschine gegenan; katastrophal. Gerade mit unserer arg klein bemessenen Schraube bringt der Motor die Kraft nicht aufs Wasser, man hört am Geräusch dass wir nur die See schaumig schlagen; mehr Drehzahl bringt nur mehr Schaum. Die ‚Orion‘ stampft sich mit kaum anderthalb Knoten fest.

Unser Fazit: das Boot kann das verdammt gut, wenn man es entsprechend segelt. Die Crew allerdings braucht definitiv keine 7 Windstärken und dazugehörigen Wellen – die Vorstellung, so statt einer halben Stunde einen ganzen Tag (oder länger) am Steuer zu stehen, ist äußerst abschreckend (von kälterem Wasser als 19 Grad wollen wir mal gar nicht anfangen). Wir müssen wohl doch eingestehen, eher Schönwettersegler zu sein 🙂

Nach dem Runden der Inselspitze sind wir entsprechend froh, abfallen zu können und legen den Rest der Strecke zügig und ohne besondere Vorkommnisse zurück; hinter dem Südostende Astypalaias kommen wir in die Wellenabdeckung, der Wind schafft es aber ganz gut über die Insel: auf Halbwindkurs mit Windstärke 6 und glattem Wasser, ein Traum!

Am Donnerstag bekommen wir Bescheid von der Küstenwache aus Kalamata, wo wir angefragt hatten, ob wir denn unter Umständen dort auch vorzeitig eingelassen würden; nein, keine Chance; und die Tatsache, dass wir seit 7 Wochen vor einer vollkommen virenfreien Insel ankern und somit wohl die uninfektiösesten Menschen Europas sind, spielt dabei auch keine Rolle (wie es ja bei Sachargumenten immer der Fall zu sein scheint, wenn es um Corona geht). Nun ja … die (übrigens ganz ausgesprochen netten und hilfsbereiten!) Kollegen von der lokalen Küstenwache  können daran auch mit ausgedehnten Telefongesprächen nichts ändern, also bleiben wir hier, egal was kommt und wie lange es dauert – vom Problem des Südsturmrisikos mal abgesehen können wir damit ja auch gut leben.

Wir bleiben zwei Nächte im Hafen, am Freitag fahren wir wieder rüber nach Analipsi, um dort zu ankern; der Samstag bringt sonniges Wetter, Sonntag ist es etwas trüber, aber Montag setzt wieder stärkerer Nordwind ein, welcher die Wolken wegpustet.

Nur eine schmale Landbrücke verbindet die beiden Inselhälften

Wir unternehmen eine Wanderung über die Inselmitte zum neueren Fähranleger auf der Nordseite und staunen dabei, wie schmal die Verbindung der beiden Inselhälften tatsächlich ist – viel mehr als eine Straße passt da wirklich nicht drauf! Gäbe es eine Klappbrücke nach holländischem Vorbild, könnte das die Zeit für einen wetterbedingten Wechsel der Inselseite drastisch verkürzen 🙂

Agios Andreas, der neue Fährhafen, hat auf seiner Innsenseite auch Platz für ein paar kleine Boote; mehrere Fischer liegen dort, aber für ein Segelboot wäre gerade noch Platz – für einen möglichen Sturm aus Süd der beste Platz, den wir bislang ausfindig machen konnten. Die Frage, ob man dort denn auch Schutz suchen dürfe, hat übrigens bei der Coast Guard mal wieder Erstaunen ausgelöst: dafür sei ein Hafen doch schließlich da … an unserer deutschen Erwartungshaltung, alles im Zweifelsfall erst mal für verboten zu halten und nur im Ausnahmefall für erlaubt, müssen wir hier doch noch arbeiten, denn in Griechenland ist es eher umgekehrt!

Die ‚Hauptstadt‘ der Insel voraus – T-Shirt-Segeln an Heiligabend

Am Morgen des 24. verlassen wir den Ankerplatz und fahren zurück in den Inselhafen – zum Plätzchenbacken und für die Zubereitung eines opulenten Weihnachtsmenüs lockt der Landstromanschluss 🙂 Das Wetter ist hinreißend: die Luft durchaus kühl, so dass es sich nicht völlig unwinterlich anfühlt, aber die vom unendlich weiten und tiefblauen Himmel strahlende Sonne wärmt so, dass man bequem im T-Shirt segeln kann.

Kaum im Hafen angekommen, knattert ein uns unbekannter Mann auf seinem betagten Moped heran und reicht uns eine Tüte mit selbstgepflückten Orangen und hausgemachtem Gebäck herüber – from the family of my cousin … nun, das engt die Urheberschaft nicht wirklich ein, den jeder Inselbewohner ist Cousin oder Cousine werweißwievielten Grades eines Großteils der jeweils anderen 🙂 Jedenfalls sind wir wirklich ergriffen: wo bekommt man schon Weihnachtsgeschenke von Fremden? Jemandem muss das Schicksal der fern der Heimat gestrandeten Segler wohl zu Herzen gegangen sein! Wir sind einmal mehr aufrichtig beeindruckt davon, mit wieviel Freundlichkeit und Menschlichkeit man uns hier begegnet – in kaum drei Monaten haben die Griechen im Allgemeinen und die Menschen auf Astypalaia im Besonderen unsere Herzen erobert – so vermissen wir zwar unsere Freunde in der Heimat, können uns aber auch auf schöne Weihnachtstage auf unserer Insel am Ende der Welt freuen, die in vielerlei Hinsicht deren wahre Mitte ist …

Schönstes Ausflugswetter am zweiten Weihnachtstag

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir hauptsächlich mit Kochen und Backen, am zweiten Weihnachtstag (der zugleich der 50. Tag des Lockdowns ist …) dagegen steht ein sportlicheres Programm an, denn es herrliches Ausflugswetter: bei gut 20 Grad und Sonnenschein wir wandern zur 8 Kilometer entfernten Bucht Vatses, um die Höhe Spilaio Negrou zu erkunden; nach Überwindung von gut 200 Höhenmetern am Strand von Vatses angekommen, müssen wir feststellen, dass sich der Eingang zur Höhle etwa 150 Meter über unseren Köpfen in der Felswand befindet – also gleich wieder steil bergan, und diesmal völlig ohne Weg und Pfad; ohne GPS-Koordinaten (36.516160°N, 26.315150°E) hätten wir den Eingang niemals gefunden …

Hoch überm Strand von Vatses liegt der Eingang zur Tropfsteinhöhle

Der Lohn der Mühe: nach den ersten paar Metern, die man sich gerade eben durch die Felsen quetschen kann, öffnet sich die Höhle und verzweigt in mehrere Richtungen; große Räume mit zahlreichen, farbenprächtigen Stalagtiten tun sich auf. Man kann ziemlich tief in den Berg hinein, die Luft wird dabei immer wärmer und feuchter. Ein großes Abenteuer jedenfalls, soll hier doch ein Piratenschatz versteckt liegen!

Weihnachtlicher Lichterschmuck in der Chora

Leider ohne Schatz geht es dann den Steilhang wieder herunter bis zum Strand, nur um dann die gleichen Höhenmeter auf dem Rückweg wieder hochzusteigen – der direkte Weg auf gleicher Höhe ist höchstens für Freiwandkletterer gangbar, so schroff ist das Gelände. Nach fast sieben Stunden erreichen wir wieder die ‚Orion‘, die brav im Hafen gewartet hat. Es ist schon nach Sonnenuntergang, und so können wir uns noch am stimmungsvollen Lichterschmuck in der Chora erfreuen – also, wir können Weihnachten auf Astypalaia durchaus weiterempfehlen 🙂

Am Sonntag ist es nach tagelangem Schönwetter wieder unfreundlicher; vor allem erschwert uns der kräftige Südostwind das Leben, der die Gischt über die Hafenmole fliegen lässt und für beträchtlichen Schwell im Hafenbecken sorgt; die schweren, stählernen Ruckdämpfer (die Gummivariante hat schon vor gut einem Jahr in Spanien ihr Leben ausgehaucht) bekommen gut zu tun – und sind auch absolut unverzichtbar. Man versteht auch die Vorzüge der mediterranen Anlegemethode mit Buganker und Heckleinen: lägen wir Längsseits an der Pier, gäbe es garantiert Bruch, gegen die Berg- und Talfahrt wäre Abfendern unmöglich. So sind die Heckleinen mit den Stahlfedern auf 5 Meter herausgelassen, und 40 Meter Ankerkette halten das Boot auf sicherem Abstand zum Land. Entspannt geht aber dennoch anders – bei Südwind taugt der Hafen einfach nichts, und es sind gerade mal 6 bis 7 Windstärken; nicht auszudenken, wie es hier bei Sturm sein wird …

Am Wasserspeicher von Astypalaia

Auch am vorletzten Tag des Jahres unternehmen wir nochmal eine Wanderung, diesmal zu dem kleinen Stausee, welcher die Insel mit Wasser versorgt. Kein spektakuläres Gewässer, aber uns wird bewusst, dass wir seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr so viel  Süßwasser auf einmal gesehen haben. Am Ufer finden wir einen lauschigen Rastplatz unter Laubbäumen, die im Wind rauschen – fast wie Zuhause 🙂

Silvester schließlich verlassen wir nach einer Woche Aufenthalt mal wieder den Hafen – das neue Jahr wollen wir vor Analipsi begrüßen, irgendwie ist uns dieser Ort doch ans Herz gewachsen! Dort verbringen wir die Nacht und den Neujahrstag am Pier des kleinen Fischerhafens – in aller Ruhe, da in Griechenland Feuerwerk zum Jahreswechsel nicht üblich ist (jedenfalls nicht am Ende der Welt).

Der Silvesterabend ist mild, wir können bis Mitternacht im Cockpit sitzen und auf ein Jahr zurückblicken, in welchem wir häufiger am Segeln gehindert waren, als dies möglich war; dennoch haben wir in den 5 nutzbaren Monaten immerhin gut 2.400 Seemeilen zurückgelegt und Griechenland erreicht – was sich nun wirklich gelohnt hat! 🙂

Für Montag den 4. ist schon wieder Starkwind angesagt – aus Südsüdost, was sonst; wir probieren mal was Neues und verholen uns in die Bucht Agrilidi – ja genau, hier waren wir vor 2 Monaten schon einmal. 45 Meter Ankerkette auf 5 Meter Wassertiefe sollten genügen, aber beeindruckend ist es schon, was für Wellen draußen vorbeirollen!

Die Nacht zum Dienstag wird recht unruhig: zwar hält der Anker, aber nachdem kurz nach Mitternacht die Front durchgezogen ist, dreht der Wind innerhalb von Minuten um 120 Grad auf West – die ‚Orion‘ folgt brav und liegt damit nun quer zu den Wellen, die noch für mehrere Stunden von Süden in die Bucht laufen … kein Vergnügen, soviel sei gesagt!

Entsprechend übernächtigt hängen wir den folgenden Tag noch in Agrilidi ab, bevor wir am Mittwoch mal wieder für ein paar Tage in den Hafen übersetzen, um neue Elektronen in die Batterien und Lebensmittel in den Kühlschrank zu bekommen.

Dort ist es wie immer angenehm, die Sonne scheint, wir können Wäsche waschen und täglich frisches Brot kaufen; lange hält die Freude aber nicht an, denn schon am Wochenende setzt wieder der elende Südost ein. Für Dienstag den 12. sind 30 bis 40 Knoten angesagt, und am Ende wieder mit Drehung auf West – uns fällt kein anderer Ort als die große Bucht Vathi ein, wo man das heil überstehen kann. Da wir aber gar keine Lust haben, schon wieder um die Insel zu gurken, greifen wir frohen Mutes den Hinweis der ‚Vitamine‘ auf, es gäbe auf der Ostseite der Insel Kounoupoi (ja, auf deren Westseite waren wir auch schon mal …) mehrere stabile Muringbojen, die man verwenden könne – dass der Ort grundsätzlich gut geschützt ist war uns wohl bekannt, aber wir hatten ihn wegen ungeeigneten Ankergrundes (riesige Steinplatten …) verworfen. So kreuzen wir also Sonntagmorgen gegen den zulegenden Südostwind auf, um Kounoupoi in Augenschein zu nehmen. Nördlich der Insel dann das erste Malheur des Tages: aus dem Nichts erwischt uns beim Verlassen der Windabdeckung eine Fallbö und legt uns 45° auf die Backe – an sich nicht weiter schlimm, der Stabilitätsumfang der ‚Orion‘ fängt da ja gerade mal richtig an; der Aufschlag aufs Wasser ist aber so heftig, dass es eine Relingstütze abknickt und das Relingkleid komplett von den Drähten fetzt. Entsprechend bedient sind wir auch, als wir kurz darauf an der sehr solide aussehenden Leine der Muringboje festmachen können. Doch jetzt fängt der Spaß erst richtig an: die Leine mag zwar gut aussehen, aber das unten daran hängende Betongewicht schleifen wir langsam aber sicher über den Grund – und das bei kaum mehr als 5 Windstärken! Bei der Vorhersage für die nächsten Tage brechen wir also gleich wieder auf, um doch noch nach Vathi zu fahren – nun wenigstens mit Rückenwind, aber immer mehr zulegender Windstärke und Wellenhöhe. Als wir zweieinhalb Stunden später – wieder kurz vorm Ziel – das Vorsegel einrollen wollen, fährt eine Bö mit gepflegten 30 Knoten ins Tuch; die Luvschot beginnt wie wild zu schlagen – und mäht prompt einen der Doradelüfter auf dem Vordeck ab. Wir ankern beim letzten Tageslicht, aber weil das immer noch nicht genügte, hält der Anker nicht, und wir dürfen ihn ein paar Stunden später in finsterster Nacht nochmal neu setzen.

Klar, es geht immer mal was schief, aber das Gefühl, ständig nur noch auf der Flucht vor dem nächsten Südsturm zu sein, während der sichere Platz in der Marina von Kalamata in (politisch bedingt) unerreichbarer Ferne auf uns wartet, ist schon ziemlich frustrierend!

Blick über den kargen, unbewohnten Norden der Insel

Drei Tage später fahren wir zurück in den Inselhafen – wir brauchen Zeit, Ruhe und Landstrom, um die Schäden der letzten Ausfahrt zu beseitigen. Zwischendurch unternehmen wir immer wieder mal Wanderungen in die Berge (obwohl wir die drei möglichen Zugangswege auch langsam kennen …) oder verholen uns bei Nordwind (der leider nur sehr kurze Zwischenspiele gibt) in die Ankerbucht von Analipsi. Wir lernen einen junggebliebenen Vorruheständler aus Deutschland kennen, der seit Jahren hier auf der Insel lebt, und uns viel über Land und Leute erzählen kann, was wir sehr gerne annehmen; nebenbei verbringen wir natürlich die eine oder andere kurzweilige Stunde miteinander 🙂

So nimmt uns der Charme Astypalias und seiner Bewohner immer mehr für die Insel ein, gleichzeitig reißen aber auch die Schwierigkeiten nicht ab: alle paar Tage droht das nächste Tief mit Sturm aus Süd. Für die Nacht vom 26. auf den 27. Januar sind dreieinhalb Meter Welle und Sturmböen bis Stärke 10 abgesagt; wir beschließen dennoch im Hafen zu bleiben, weil uns das nach monatelanger Auseinandersetzung mit dem Thema immer noch sinnvoller erscheint als die Alternativen, da Wind und Welle keinerlei Ostanteil aufweisen sollen (sonst wäre die Einschätzung eine völlig andere!). Dennoch verunsichert es uns ungemein, als am Nachmittag ein freundlicher Mitarbeiter der Coast Guard vorbeikommt und uns warnt, im Hafen könne es gefährlich werden – das sehen wir nicht anders, nur wo bitteschön ist es denn nicht gefährlich?!? Eine schlaflose Nacht später wissen wir, dass über zehntausende Seemeilen gesammelte Erfahrung doch auch etwas wert ist: der Schwell hielt sich in Grenzen, Anker und Leinen hatten keine Schwierigkeiten, das bockende Boot von allen Betonmauern fernzuhalten. Prima – aber in drei Tagen kommt das nächste Tief … Spaß macht das nicht.

Dieses bringt bis zu 9 Windstärken aus Südost – wir weichen daher in die Ankerbucht von Agrilidi aus, wo wir eine weitere schlaflose, aber sichere Nacht verbringen; im Eingangsbereich der Bucht brechen sich die Wellen so hoch, dass wir nicht mehr auf die See hinausschauen können … später zurück im Hafen sehen wir Bilder, wie die Wellen am Vortag die massive Hafenmole überspülten, als sei sie nur Spielzeug.

Zum Ende der ersten Februarwoche stellt sich aber erstmals im neuen Jahr ruhigeres Wetter ein: der Wind geht auf etwa 10 Knoten zurück, und die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel; richtig frühlingshaft ist es, die im Herbst noch so karge Insel erstrahlt in neuem Grün, überall bedecken Blumen die Berge. Wir unternehmen einen kleinen Auflug, segeln ‚einfach mal so‘, ohne vor einem Sturm davonzulaufen … wir haben fast vergessen, wie das ist.

An den ‚Red Rocks‘ der zerklüfteten Südküste

Wir steuern eine als ‚Red Rocks‘ bekannte Stelle an der Südküste an, die im Sommer bei Ausflugsbooten beliebt ist; hier kann man unter günstigen Bedingungen mit dem Boot in einen Einschnitt mit senkrecht abfallenden Felswänden einfahren und längsseits festmachen, wir können das aber nicht ausprobieren, es steht einfach noch zu viel alter Schwell.

Ganz in der Nähe finden wir aber einen Ankerplatz für den Nachmittag; der Wind schläft weitestgehend ein, und in der Sonne wird es so heiß, dass wir gerne kopfüber ins kristallklare und mit knapp 20 Grad noch relativ frische Wasser springen, um uns abzukühlen. Gut gekühlter Weißwein passt hervorragend zur sommerlichen Stimmung, und dem ersten Abendessen vom Grill des neuen Jahres steht auch nichts mehr im Wege 🙂

Der perfekte Abschluss für einen schönen Segeltag

Kurz nach Sonnenuntergang lichten wir den Anker, um noch in den Hafen zurückzufahren; vor uns im Westen färbt sich der Himmel blutrot, bis sich nach einer Weile die Dunkelheit und die Sterne durchsetzen können. Die Lichter der Chora weisen uns den Weg, und wir freuen uns sehr, nach drei Monaten Lockdown mal wieder einen Tag nach unseren Vorstellungen gelebt zu haben!

Allzu lange hält das Wetterglück aber nicht vor: für den kommenden Montag sind schon wieder 7-8 Windstärken aus Südost angesagt …

Entsprechend wiederholt sich am Sonntagmittag mal wieder das Spiel der Vorwoche: gegen Mittag verlassen wir den Hafen uns segeln herüber nach Agrilidi; anders als beim letzten Mal brauchen wir allerdings vier Versuche, bis der Anker zufriedenstellen hält – das dauert, und gibt auch kein besonders Vertrauen für die Dinge, die da kommen … ensprechend wird die Nacht vor dem Sturm schlaflos, und die danach (Adrenalin …) ebenso.

Astypalaias ‚Sollbruchstelle‘

Dienstag ist der Spuk vorbei, wir warten noch bis die Welle sich etwas gelegt hat und segeln am späten Nachmittag zurück in den Hafenort. Dabei wirft die tiefstehende Sonne ein besonders schönes Licht auf die steile Klippe eines Inselchens, bei der man sehr schön den messerscharfen Übergang der braun-brüchigen Gesteine, aus denen die westliche Inselhälfte besteht, in die hellgauen, festen Schichtgesteine, welche die östliche Inselhälfte dominieren, studieren kann – Anschauungsunterricht in Geologie im Vorbeisegeln 🙂

Am Sonntag den 14. Februar – dem einhundertsten Tag des Lockdowns – bekommen wir mal etwas Abwechslung: der nächste Sturm bringt Nordwind! Die Richtung passt uns ja deutlich besser, aber die Stärke kann sich sehen lassen: Sturmtief ‚Medea‘ bringt Wind mit bis zu 60 Knoten – das sind 11 Windstärken bzw. ‚orkanartiger Sturm‘. Die Wellenvorhersage gibt gut 7 Meter charakteristische Wellenhöhe an – das möchte man nicht auf See erleben! Nebenbei wird es saukalt – in Athen fällt ein halber Meter Schnee, Verkehr und Stromversorgung brechen zusammen; selbst hier fällt das Quecksilber auf frische 6 Grad, und es fallen ein paar Schneeflocken (oder besser gesagt, sie fliegen waagerecht an den Fenstern vorbei …). Wir suchen Schutz hinter der Pier von Analipsi und sind hier auch gut aufgehoben, während draußen die Welt untergeht – an Schlaf ist allerdings drei Tage lang kaum zu denken, so laut schreit der Wind im Rigg …

Ein unerwarteter Anblick auf der Pier: ein hübsches Schwein auf Erkundungstour

Nach Durchzug des Sturms herrscht für den Rest des Monats dann eher ein Wetter, wie es im November noch war: wieder wärmer, sehr viel Sonnenschein und abwechselnd kräftiger – aber nicht stürmischer – und in den Pausen schächerer Nordnordwest. Wir wechseln wieder wochenweise zwischen dem Inselhafen (zum Batterieladen und Einkaufen während der Schwachwindtage) und Analipsi, wo wir bei Starkwind aus Nord bestens an der Fischerpier liegen. Viel passieren tut dieser Tage nicht: wir bekommen mal unerwarteten Besuch, erfreuen uns einer halben Stunde Segelns bei den Überfahrten – und warten ansonsten sehnsüchtig auf Neuigkeiten bezüglich eines möglichen Endes des Lockdowns, aber bislang vergeblich …

Agios Nikolaos wacht über Agrilidi

Als ebenso vergeblich erweist sich unser Hoffen, das Winterwetter nun schon hinter uns zu haben – im März kehren die Südostwinde zurück, und wir müssen uns wieder regelmäßig in Agrilidi verstecken. Außerdem jährt sich am 12. März der Beginn des Lockdowns in Spanien: wir blicken mit wenig Begeisterung auf ein Jahr zurück, von dem wir gerade mal 4 Monate nutzen durften – ein gewaltiger Verlust von Lebenszeit, den alle Menschen erleiden, von dem aber niemand wirklich spricht …

Eine Woche später ist Tagundnachtgleiche, der astronomische Frühlingsanfang; das Wetter hat das aber nicht wirklich mitbekommen, es bleibt stark windig. Wenn allerdings gerade mal kein Wind weht und die Sonne vom wolkenlosen Himmel brennt, ist sofort Sommer – die Mittagshöhe beträgt gut 53°, so viel wie bei uns Anfang Mai; die Wassertemperatur verharrt bei etwa 19°C, tiefer wird sie wohl auch nicht mehr sinken.

Mit dem April kommt in Deutschland das Osterfest, hier dagegen müssen wir noch bis Anfang Mai auf den Osterhasen warten – die orthodoxe Kirche berechnet den Frühlingsanfang nach dem julianischen Kalender. Ansonsten schlagen wir die Zeit tot, wenn wir nicht gerade auf der Flucht vor dem nächsten Sturm sind (was alle paar Tage der Fall ist). Am Montag den 5. April probieren wir auf Anraten der Fischer für angekündigte 40 Knoten Südost einen neuen Ankerplatz auf der kleinen Insel Glyno aus – ja, es gibt tatsächliche noch Buchten, in denen wir noch nicht geankert haben 😉

Beängstigend: eine Bootslänge hinterm Heck beginnt die Brandungszone

Dieser erweist sich als gut geschützt, und der Anker hält auch – was er aber auch muss, denn wenige Meter hinter dem Heck peitscht die See das Wasser meterhoch gegen die Felsen. Beruhigend ist das nicht – und da es nur der Höhepunkt einer einwöchigen Phase mit Starkwind aus wechselnden Richtungen ist, sind wir vor Schlafmangel langsam am Ende.

Dennoch raffen wir uns am Mittwoch, als der Sturm durchgezogen ist, zu einem kleinen Spaziergang über die unbewohnte kleine Insel auf, die unseren Ankerplatz umschließt – um einmal mehr festzustellen, wie traumhaft schön unser Gefängnis ist!

Die Ruhe nach dem Sturm: ‚Orion‘ in der Ankerbucht

So vergeht weiter Woche um Woche: es wird immer wärmer, bleibt aber stürmisch. Zu unserer Erbauung bemühen wir uns um die Zuteilung einer temporären griechischen Sozialversicherungsnummer – diese ist Voraussetzung zur Teilnahme am griechischen Impfprogramm. Nicht dass uns persönlich besonders viel an einer Impfung liegen würde, aber wir haben umgekehrt auch kein Problem damit, und wenn das nun die Voraussetzung sein soll, irgendwann mal weiterreisen zu dürfen …

Allerdings endet die ansonsten sensationelle Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Griechen an der Schwelle des zuständigen Bürgerbüros – manche Dinge gleichen sich eben überall auf der Welt 😉 Man ist sich allerdings auch untereinander nicht ganz einig, ob unser Ansinnen nun gerechtfertigt oder unverschämt ist (immerhin rät uns die griechische Regierung, in ebendieser Amtsstube zu erscheinen) und führt eine zehnminütige, äußerst lautstarke Diskussion darüber quer durch den Raum – in dessen Mitte wir stehen und die Köpfe einziehen. Eine filmreife Situation …

Schließlich setzt sich die ‚Bürger-droht-mit-Arbeit‘-Fraktion durch, und wir werden unverrichteter Dinge weggeschickt. Aber Astypalaia wäre nicht Astypalaia, wenn nicht jemand jemanden kennen würde, der den Bürgermeister kennt, welcher daraufhin mit dem preußisch-griechischen Staatsdiener ein dem Hörensagen nach mindestens ebenso lautstarkes Gespräch führt, und eine Woche später bekommen wir Nachricht, dass wir unsere Sozialversicherungsnummer abholen können – geht doch 🙂

Und es kommt sogar noch besser: da man offenbar wegen des etwas suboptimalen Auftritts im Bürgerbüro ein schlechtes Gewissen pflegt, wird uns in Rekordzeit ein Impftermin zugewiesen; das geht zwar im ersten Anlauf nochmal schief, weil die Sozialversicherungnummer noch nicht freigeschaltet war, aber zwei Tage später ist es dann soweit, am 24. April erhalten wir unsere erste Dosis Impfstoff (BioNTech) – und haben damit wohl immer noch alles in den Schatten gestellt, was in Deutschland in unserer Altersgruppe möglich gewesen wäre …

In der letzten Aprilwoche mehren sich die Anzeichen, dass Mitte Mai der Lockdown in Griechenland beendet werden wird – die Infektionszahlen sind zwar dreimal so hoch wie im Februar, als man dies kategorisch abgelehnt hat, aber was stört uns unser Geschwätz von gestern … wir wittern Morgenluft und treffen eine gewagte Entscheidung: wir wollen einen Ausflug machen! Gewagt, weil a) eigentlich ja Segeln nach wie vor verboten ist, wir b) keine Ahnung haben ob wir noch wissen wie das geht und c) ob nicht die Motten inzwischen das Großsegel aufgefressen haben 😉

Syrna voraus!

Ziel ist die 22 Seemeilen entfernte Insel Syrna – diese ist unbewohnt, so dass wir berechtigten Grund haben anzunehmen, dass der Gesetzesverstoß unentdeckt bleiben wird. Am Dienstag den 27. April sind die Bedingungen ideal, nach mehreren Tagen Nordwind der Stärke 7 bis 8 weht sich dieser langsam aus, und wir können bei schönstem Sonnenschein gute Fahrt machen und unser Ziel schon gegen 14 Uhr erreichen, so dass uns noch genug Zeit für eine Inselwanderung bleibt. Wir steuern eine ausgedehnte Bucht mit kobaltblauem Wasser an und machen an einer Muring fest, die dort für schutzsuchende Fischer installiert wurde – ein nützlicher Tipp, denn die Wassertiefe ist beträchtlich.

Etliche Ziegen gibt es, zwei Kapellen und die Reste kleiner Behausungen – unglaublich, dass hier bis vor einigen Jahrzehnten noch Menschen gelebt haben, die Insel ist äußerst karg und trocken. Es existieren keinerlei Pfade, wir müssen uns den Weg querfeldein über Stock und Stein bahnen; aber die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit (keinerlei Mobilfunkempfang!) sowie das Gefühl, die einzigen Menschen im Umkreis dutzender Kilometer zu sein, sind schon ein Erlebnis. Und überhaupt, nach fast einem halben Jahr mal wieder irgendetwas zu unternehmen …

In der Nacht kommt neuer Wind aus Südost auf, so dass es leider etwas unruhig wird am Ankerplatz. Am nächsten Morgen bläst es unerwartet stark mit 7 Beaufort, was uns erst mal schnell zurück nach Astypalaia schiebt; nach einer Stunde ist es aber schlagartig vorbei damit, und den Rest des Rückwegs dümpeln wir eher mit flappenden Segeln in der alten See.

Das Spektakel beginnt!

Mit dem Mai kommt für uns nicht nur das Halbjahresinseljubiläum, sondern nun auch endlich das Osterfest; dieses stellt für die mehrheitlich orthodoxen Griechen das höchste kirchliche Fest und auch überhaupt den Höhepunkt des Jahres dar. So wie bei uns zum Jahreswechsel, wird hier die Nacht vom Samstag zum Sonntag mit einem großen Feuerwerk gefeiert; dem voran geht ein mehrstündiger Gottesdienst, zum dem allerdings heutzutage auch nicht mehr alle Gläubigen das nötige Sitzfleisch mitbringen. Umso größer ist aber die Anteilnahme am Feuerwerk: stundenlang fährt die Dorfjugend schon mit ihren Motorrädern Kreise um den Hafen und trifft Vorbereitungen, die Ungeduldigen zünden die ersten Böller (und was für welche: China-Import, in Deutschland garantiert verboten; die ganze Insel erzittert).

Nach einer Viertelstunde glüht der Himmel

Um Mitternacht ist es dann endlich soweit: am Hafen und auf allen Anhöhen werden bengalische Feuer entzündet, und die ersten Raketen steigen in den Himmel. Da absolut kein Wind weht, bleibt der ganze Rauch im Talkessel hängen, und der Himmel reflektiert die roten Feuer: Astypalaia leuchtet glutrot in der Nacht! Vom Vordeck aus haben wir einen Logenplatz, und die Temperaturen um Mitternacht ermöglichen immer noch, das Schauspiel im T-Shirt zu betrachten; vor sechs Monaten haben wir die Möglichkeit, zu Ostern immer noch auf der Insel festzuhängen, zwar noch als Scherz formuliert, aber nun müssen wir bei aller Frustration doch auch anerkennen, dass wir wohl einen der besten Orte getroffen haben, das griechische Osterfest zu erleben!

Einfach toll!

Nach etwa einer Viertelstunde geht den Feuerwerkern die Munition aus – wir lassen uns berichten, dass man früher dreimal so lange gefeiert hat, aber die wirtschaftliche Lage nach der letztjährigen Katastrophe in Verbindung mit den nicht unbedingt besseren Aussichten für’s laufende Jahr bewirken eben, dass kaum jemand Geld in der Tasche hat. Wer weiß, vielleicht war dies das letzte Feuerwerk für lange Zeit …

Übrigens soll nicht unerwähnt bleiben, dass hier nach wie vor eine nächtliche Ausgangssperre gilt – über der Polizeistation waren aber besonders viele hübsche Raketen zu bewundern 🙂

Ein ziemliches Ärgernis ist, dass uns wenige Tage darauf das Schlauchboot verlassen hat – die verklebten PVC-Säume fallen großflächig auseinander. Also schnell ein neues bestellt und nun hoffen wir, dass es noch rechtzeitig eintrifft.

Mitte Mai überschlagen sich dann förmlich die Ereignisse: zunächst lässt man ab dem 14. offiziell wieder die ersten Touristen ins Land einreisen (und prompt trifft noch am Wochenende eine dicke Charter-Hanse mir lautstarker, bajuwarischer Crew ein – wir sind nicht mehr allein!), dann bekommen wir am Samstag den 15. schon unser neues Schlauchboot geliefert und können unsere zweite Impfdosis und auch am folgenden Montagmorgen das begehrte Lebensberechtgigungszertifikat abholen! Etwas getrübt wird die Freude jedoch davon, dass wie die zweite Dosis deutlich schlechter vertragen und die folgenden Tage schwer angeschlagen sind: Fieber, Schüttelfrost, Kotzerei. Sonntag ist richtig (ja, auch gerne noch mit Ausrufungszeichen!) schlimm, Montag noch schlimm genug, und auch Dienstag ist an Ablegen noch nicht zu denken. Immerhin reicht es für einen Abschiedsbesuch bei unserem Freund in Livadi, und Mittwochmorgen verabschieden wir uns dann auch bei der netten Jungs von der Hellenic Coast Guard sowie bei unserem kugelrunden Hafenkater – der sicher schon bald andere Dosenöffner finden wird – und verlassen zum letzten Mal den Hafen von Astypalaia, nicht ohne im Gemeindehaus ein kleines Dankesschreiben an den Bürgermeister mit Geld für unseren Strom- und Wasserverbrauch zurückgelassen zu haben (kein Liegegeld für einen unfreiwilligen Aufenthalt zahlen zu müssen oder auf Kosten unserer Freunde zu leben sind doch noch zwei verschiedene Dinge, finden wir).

Astypalaia verabschiedet uns in strahlendsten Farben

Chora und Kastro präsentieren sich in schönstem Morgenlicht vor blauem Himmel, als wir gegen 10 Uhr ablegen; weit geht die Reise aber nicht, die üblichen 3 Seemeilen über die Bucht nach Maltezana, denn hier steht der zweite Teil der Abschiedsfeierlichkeiten an (und noch ein schnelles Update der Elektroinstallation einer Reihe Fremdenzimmer auf’s 21. Jahrhundert, aber das nur quasi im Vorübergehen ;-)).

Ganz schön schwer fällt es uns nun doch, nach fast 7 Monaten die Insel zu verlassen; so unnötig und unverhältnismäßig der ganze Lockdown auch war, so sind wir uns doch recht sicher, rein zufällig am noch erträglichsten Ort Europas in dieser schwer zu ertragenden Zeit gelandet zu sein – Ευχαριστώ πολύ, Αστυπάλαια!