In Galicien (05.07. – …)

Ría de Viveiro
In Viveiro

Nachdem wir uns in der Marina ausgeschlafen und mit einer Dusche die Restmüdigkeit von der Überfahrt vertrieben haben, schauen wir uns Viveiro an: ein lebendiger Ort voller Straßencafés und Geschäfte, mit kleinen, engen Gassen und großzügigen Plätzen. In der Altstadt sind die Häuser so gebaut, dass sie sich ab der ersten Etage noch verbreitern, so dass nach oben kaum noch der Himmel zu sehen ist – seinem Nachbarn gegenüber kann man wohl fast die Hand reichen. Viel Platz ist aber auch nicht, die Ortschaft ist zwischen Wasser und Felsen in den Hang gebaut.

Zufälligerweise findet an diesem Wochenende ein großes Heavy-Metal-Festival in Viveiro statt, das ‚Resurrection Fest‘, zu dem deutlich mehr Besucher anreisen als die Stadt Einwohner hat, was dazu führt, dass jede Wiese im gesamten Stadtgebiet mit Zelten bedeckt ist und die vorherrschende Kleidungsfarbe im Straßenbild Schwarz ist – ein ziemlich amüsanter Kontrast zur südländischen Fischerort-Stimmung!

Der Strand von Covas mit der ‚Orion‘ – der kleine weiße Punkt am Ende der Felsenkette

Am Nachmittag verlassen wir die Marina und suchen uns einen Ankerplatz vor dem Strand von Covas; Viveiro liegt in einer ausgedehnten, fjordähnlichen Flussmündung, die zahlreiche Seitenbuchten, Felsenküsten und Strände umfasst. Diese Buchten, Rías genannt, bestimmen das Landschaftsbild der galizischen Küste: an der Nordküste, also bis zum Kap Finisterre, sind es die Rías Altas, an der Westküste die Rías Baixas. Der Weg der ‚Orion‘ soll entlang dieser Rías führen, denn sie bieten ein tolles Revier fürs Fahrtensegeln: für fast jede Windrichtung findet man in irgendeiner Seitenbucht sichere Ankerplätze und liegt dabei vor landschaftlich toller Kulisse.

Unser Privatstrand

Den ersten Ankerplatz finden wir gut eine Seemeile weiter vor dem Strand von Covas; etwas seitlich davon gibt es nochmal eine kleine, von Felsen abgetrennte Bucht, die vom Land aus kaum zu erreichen ist – so haben wir sogar unseren Privatstrand!

Hier kann man es aushalten; das Wetter könnte zwar endlich mal besser werden (die Sonne zeigt sich nur zwischendurch mal, meist ist der Himmel immer noch von hochnebelartigen Wolken bedeckt), doch wenigstens ist es dabei beständig über 20 Grad warm. Knapp 20 Grad hat das Wasser – könnte sich die Sonne mal durchsetzen, wäre gleich Badewetter. 

Am Sonntag dreht der Wind langsam auf Nordost, wir fahren also auf die andere Seite der Ría und lassen dort den Anker vor einem neuen Sandstrand fallen – so kann man das aushalten!

Das Ankern ist übrigens bislang ein wahres Vergnügen: anders als in Norwegen, wo Stellen mit nicht zu großer Tiefe selten sind, findet man hier quasi vor jedem Strand einen Quadratkilometer Wasser mit 4 bis 8 Metern Tiefe und einem Grund aus grobkörnigem Sand – man lässt an einer beliebigen Stelle den Anker fallen, lässt 20 bis 30 Meter Kette auslaufen und bringt den Motor auf 2000 Umdrehungen rückwärts – um festzustellen, das sich der Anker innerhalb weniger Dezimeter eingegraben hat und dann mit aller Gewalt nicht mehr weiterzuziehen ist; so kann man ruhig schlafen!

Ría de Cedeira

Nach drei Ruhetagen wollen wir dann aber am  Montag doch mal weiterziehen, vor allem da wieder frischer Nordost angesagt ist, perfekt um das Kap Estaca de Bares zu runden, den nördlichstenn Punkt der iberischen Halbinsel. Wir setzen noch am Anker das Großsegel und können ohne den Motor zu starten aus der Ría segeln – das macht Spaß!

Vor Spaniens Nordküste

Nachdem wir die Abdeckung der Berge überwunden haben, stellt sich dann auch der versprochene Wind mit guten 5 Beaufort ein; mit gut 7 Knoten rauscht die ‚Orion‘ durch die Wellen. Man merkt den Unterschied zur Nordsee: die Wellen kommen uns immer etwas zu hoch für die Windstärke vor; selbst bei Nordost nehmen sie schon 300 Seemeilen Anlauf, bei Westlagen quer über den Atlantik.

Abendstimmung über dem Ankerfeld

Leider ist es mal wieder bedeckt, es regnet auch ein wenig; gegen Mittag setzt sich aber die Sonne durch, und wir genießen die sportliche Fahrt bis zur nächsten geeigneten Flussmündung, der Ría de Cedeira.  Dort findet sich vorm Strand des gleichnamigen Ortes eine ausgedehnte Bucht mit Kartentiefen zwischen 3 und 4 Metern – hier könnten 100 Yachten ankern, es sind aber kaum 10, die es mit uns tun. Der Abend bietet einen tollen Sonnenuntergang über dem Ankerfeld, dazu ein Glas Rotwein, was will man mehr …

Dienstagvormittag ist es wieder bedeckt, aber für den Nachmittag kündigen die Propheten endlich Besserung an, die auch über die nächsten Tage anhalten soll – dann bleiben wir doch erst mal eine Weile hier!

Cedeira, Strand und Seepromenade

Wir fahren mit dem Dinghi bis in die Ortsmitte von Cedeira, was nur um Hochwasser herum möglich ist, ansonsten führt der kleine Fluss nicht genug Wasser. Wir finden einen freundlichen, lebendigen Ort vor, der über einen tollen Sandstrand verfügt, aber nicht nur vom Tourismus bestimmt ist – die Einheimischen scheinen hier noch in der Überzahl zu sein. Es gibt einen Supermarkt, der uns mit frischem Brot und herrlichen Melonen aller Art versorgt – das das lokal verkaufte Obst keine Europareise überstehen muss, kann man bei der Züchtung noch Wert auf solche nebensächlichen Eigenschaften wie Geschmack legen, statt sich auf die Transportfähigkeit zu konzentrieren.

Tatsächlich setzt sich auch nachhaltig die Sonne durch, und wir fühlen uns endlich im Süden angekommen: die Temperaturen im Schatten laut Wetterbericht betragen zwar nur 22 – 24 Grad, aber die Sonne verfügt über eine ganz andere Kraft, als wir es in Norddeutschland kennen; unterm übers Cockpit gespannten Sonnensegel kann man es untätig und in Badesachen gerade aushalten, ohne ins Schwitzen zu kommen, und sich den Tag über von gekühlter Melone ernähren, bevor man am Abend, bei tief stehender Sonne, den Grill anwirft und den Tag bei lokalem Rotwein, Oliven und Käse ausklingen lässt. In der Nacht wird es noch hinreichend kalt, dass man gut schlafen kann – besser geht’s kaum. Überkommt einen doch mal der Übermut und man lässt sich auf sportliche Aktivitäten ein – wie wir es am Mittwoch mit einer mehrstündigen Wanderung über den Cedeira überragenden Bergrücken getan haben – kann man sich in dem mit 20 Grad noch recht frischen Wasser der Bucht abkühlen. Hier lässt es sich aushalten!

Ausblick über die Küste vor Cedeira

So drängt uns auch gar nichts, weiterzuziehen; das Wetter bleibt weiter perfekt, die Ría bietet vollständigen Schutz gegen Schwell, und der örtliche Supermarkt versorgt uns mit frischem Obst und Gebäck. Donnerstag müssen wir uns auch etwas von der Wanderung am Vortag erholen, Freitag sind wir wieder aktiver und fahren mit dem Dinghi zu einer einsamen Felsenbucht mit kleinem Strand, die wir seit Tagen am Cedeira gegenüberliegenden Ufer vom Boot aus anschauen.

Einsame Badebucht, im Hintergrund das Ankerfeld und Cedeira

Wir finden einen weißen Sandstrand, vom Wasser ausgewaschene Felsen und blaugrünes Wasser – einfach toll! Wir bleiben den ganzen Nachmittag, lesen im Schatten der Felsen oder laufen durch die Wellen, die an den Strand spülen.

Am Freitagabend zieht es sich aber etwas zu, und starker Wind kommt auf, in der Nacht zum Samstag werden es in Böen bis zu 8 Windstärken, die über die Ankerbucht fegen – ob da wohl der Anker hält? Er tut es, das Boot bewegt sich im Laufe der Nacht keinen Meter weiter, wie das GPS verrät.

Ría de Ares
Die Küste bei Cabo Prior

Am Samstag bleibt es aber noch sehr windig, und bewölkt ist es auch; wir warten also noch bis Sonntag, um weiterzuziehen. Wieder sind es gut 30 Seemeilen bis zur nächsten Ría, vorbei an der felsigen Küste. Wenn der Wind auch deutlich nachgelassen hat, so steht doch noch einiges an Welle von den vergangenen Tagen; bei 15 bis 20 Knoten Wind stabilisiert der Gennaker das Boot aber hinreichend, und wir erreichen zügig die Ría de Ares, wo wir vorm Strand des gleichnamigen Ortes ankern.

Ares, Seepromenade

Am nächsten Vormittag erfolgt natürlich auch der obligatorische Dinghi-Ausflug nach Ares; der Ort wirkt sehr touristisch, kein Wunder, verfügt er doch auch über einen langen, feinen Badestrand; eine sehenswerte Altstadt oder dergleichen suchen wir aber vergeblich. So bleiben wir auch nur noch bis zum nächsten Morgen und fahren ins nur 9 Seemeilen entfernte

A Coruña

A Coruña ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und mit rund einer Viertelmillion Einwohnern die größte Stadt weit und breit. Ihre Geschichte reicht weit zurück: schon lange vor den Römern wurde der natürliche Hafen von Kelten und Phöniziern genutzt. Der ums Jahr 110 von den Römern erbaute Leuchtturm weist bis heute Schiffen den Weg und ist das Wahrzeichen der Stadt; sehenswert ist aber auch das Rathaus sowie die zahlreichen Kirchen und Klosteranlagen. Die Marina ist etwas zu groß für unseren Geschmack, verbreitet dafür aber den Duft nach der großen, weiten Welt: wir sehen neben unzähligen britischen, französischen, holländischen und auch ein paar deutschen Yachten auch solche aus Russland und aus Canada.

Torre de Hércules, A Coruña

Am späten Mittwochvormittag verlassen wie die Marina Coruña und fahren wieder hinaus aufs Meer; der vor uns liegende Küstenabschnitt hört auf den einladenden Namen Costa da Morte – das verschafft doch gleich Respekt …

Zunächst aber segeln wir noch direkt am Herkulesturm vorbei, dem römischen Leuchtturm, der seit bald 2000 Jahren den Weg nach A Coruña weist – beeindruckend, zumal sich aus dem Jahrtausend nach Ende des Römischen Reiches wenig findet, was heute noch steht.

Isla Sisarga, Costa da Morte

Die Küste des Todes zeigt sich uns glücklicherweise recht freundlich gesonnen – die Sonne scheint, und der Wind kommt ausnahmsweise selbst am Nachmittag mal nicht über Stärke 4 hinaus. Wenn man sich die schroffe, felsige Küstenlinie ohne irgendwelche Zufluchtsmöglichkeiten aber so anschaut, wie sie dem Atlantik ausgesetzt ist und die lange Dünung immer noch viele Meter in die Luft wirft, kann man sich leicht vorstellen, dass in alten Zeiten viele Schiffsreisen hier bei einem Nordweststurm ein fatales Ende genommen haben. Wir können uns aber am Anblick erfreuen, zumal uns wieder Delfine begleiten, und erreichen am Abend nach gut 36 Seemeilen die

Ría de Corme e Laxe

wo wir vor dem kleinen Fischerort Corme den Anker werfen. Wie vorhergesagt schläft in der Nacht der Wind vollständig ein, und das soll auch noch länger so bleiben – aber das macht nichts, hier kann man es wohl eine Weile aushalten.

Corme, Seepromenade

Der Ort hat keinen richtigen Supermarkt, nur kleine Dorfläden, in denen man aber auch ohne Sprachkenntnisse sehr nett behandelt wird und alles bekommt; es gibt eine winzige Bäckerei, die sensationell gutes Brot herstellt, eine Art rustikales Steinofenbaguette aus etwas dunklerem Mehl – ofenfrisch unwiderstehlich!

Wochenmarkt in Corme

Am Freitag ist Wochenmarkt in Corme – ein buntes Treiben, bei dem das ganze Dorf auf den Beinen zu sein scheint. Neben kleinen, gewerblichen Marktständen sitzen alte Damen auf mitgebrachten Schemeln und haben auf einer Decke die Erzeugnisse des eigenen Gartens ausgebreitet: wir kaufen Kartoffeln, Zucchini, hübsch zu Zöpfen geflochtene Zwiebeln und Knoblauch sowie prächtiges Obst, alles zu sehr günstigen Preisen. Wieder fällt die außerordentliche Freundlichkeit der Menschen auf – obwohl wir kein Wort Spanisch sprechen und die Einheimischen kein Englisch (abgesehen vom Personal in den Marinas, aber jedenfalls nicht auf dem Lande) kommen wir gut zurecht, bekommen eine Menge Dinge mit Händen und Füßen erzählt und fühlen uns sehr willkommen.

Am Cabo Roncudo

Wir wandern entlang der Küstenstraße zum Cabo Roncudo und finden großartige Ausblicke über die Ría, quasi hinter jeder neuen Kurve toller als zuvor; es ist in der Sonne gerade so warm, dass man es in Shorts, T-Shirt und Sonnenhut eben noch aushält, in der sanften Brise zu wandern ohne allzusehr ins Schwitzen zu kommen – ein ideales Klima, finden wir. Dafür bleibt das Wasser mit knapp 20 Grad immer noch frisch – was allerdings die Einheimischen nicht davon abhält, die Strände ausgiebig zu nutzen.