An Portugals Westküste (04.09. – …)

Am Mittwoch den 4. September lichten wir vor Baiona den Anker und setzen Kurs auf Portugal. Zunächst ist es flautig, das wird sich später am Tag aber gründlich ändern – die Ruhe vor dem Sturm, am Nachmittag soll der Wind auf 30 bis 40 Knoten zulegen. Um da wenigstens nicht mehr voll hineinzugeraten, müssen wir also zunächst erst mal drei Stunden motoren, bis gegen Mittag der Wind einsetzt. Einige Stunden läuft es dann ganz gut, wir überschreiten die vom Rio Miño gebildete Grenze zu Portugal, während der Wind immer weiter zulegt und wir die Segelfläche mehr und mehr verkleinern müssen. Dabei ziehen aber nicht, wie man es als Nordseesegler erwartet, dohende Wolken auf, ganz im Gegenteil: der Himmel ist wolkenlos blau und die Sonne strahlt auf den funkelnden Atlantik, beeindruckende Wellenberge schieben sich von achtern heran, während einem der Nordwind um die Ohren pfeift.

Da wir beim Überschreiten der Grenze die Uhren eine Stunde zurückgestellt haben (Portugal befindet sich in der gleichen Zeitzone wie Großbritannien), ist es erst gegen 16 Uhr als wir die Mündung des Rio Lima anlaufen; der Wind hat inzwischen 25 bis 30 Knoten erreicht und macht durchaus den Eindruck, im gleichen Tempo weiter zulegen zu wollen. So sind wir also ganz froh, nach 36 Seemeilen sicher den Hafen von

Viana do Castelo
Ponte Eiffel, Viana do Castelo

zu erreichen. Bei der Einfahrt in den Rio Lima fällt zunächst die den Fluss überspannende Brücke ins Auge; sie wurde von Gustave Eiffel konstruiert und 1878 fertiggestellt. Die Marina liegt kurz vor der Brücke und ist klein und recht eng, aber man bemüht sich, alle Gäste unterzubringen und schreckt dabei auch vor unkonventionellen Lösungen nicht zurück: wir werden aufgrund der geringen Breite der ‚Orion‘ auf einen Platz tief im Hafen gelotst, wo wir zwischen fünf bis sechs Meter langen Sportfischerbooten etwas deplaciert wirken, aber wir sind glücklich gut untergekommen zu sein – von dem Starkwind draußen ist im Schutz des Hafens nichts mehr zu spüren. Der Charakter der Küste hat sich gegenüber Galicien vollkommen verändert: es gibt keine tief eingeschnittenen Rías mehr, die Küste verläuft sehr gleichförmig von Nord nach Süd, und die in großen Abständen an den Flussmündungen gelegenen Häfen sind die einzigen Zufluchtsmöglichkeiten – weist man ein Boot ab, verurteilt man es dazu, die Nacht durchzufahren.

Praça da Repúblical, Viana do Castelo

Es bleibt noch Zeit, einen Rundgang durch Viana do Castelo zu machen, und das lohnt sich durchaus: die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt zeigt sich sowohl modern und weltoffen, hat sich aber auch viel von ihrem ursprünglichen Charakter bewahrt. Hier stoßen wir erstmals auf mit zum Teil sehr kunstvoll ausgeführten Keramikfliesen – den Azulejos – verkleidete Häuser, eine Hinterlassenschaft der maurischen Herrschaft über die iberische Halbinsel.

Da der Wind am folgenden Donnerstag weiter günstig (und nicht mehr so stark wie zuvor) weht, machen wir uns gleich am Morgen wieder auf den Weg, um die nächste, ebenfalls 36 Seemeilen lange Etappe bis

Leixões

zurückzulegen. Der kurz vor der Mündung des Rio Douro künstlich angelegte Hafen ist praktisch zu einem Vorort von Porto geworden; hier wird ein Viertel des internationalen Güterhandels Portugals umgeschlagen. Die kleine Marina ist zwischen gigantischen Containerbrücken kaum zu finden, und auch recht voll; wir finden zunächst nur Platz am Wartesteiger direkt in der Einfahrt, wo wir die ganze Nacht den Schwell der mit Vollgas ab- und anlegenden Lotsenboote genießen dürfen.

Igreja Paroquial de Leça da Palmeira, Leixões

Erst am nächsten Tag bekommen wir einen richtigen Platz zugewiesen – und da die vergangene Nacht nicht sehr ergiebig war, beschließen wir gleich noch einen Tag länger zu bleiben und den geplanten Ausflug nach Porto um einen Tag zu verschieben. Dafür haben wir Zeit, auch Leixões selbst anzuschauen – allzuviel gibt der im Vergleich zum Hafen winzige Ort zwar nicht her, aber das wird durch die Freundlichkeit der Mitarbeiter der Marina Porto Atlântico mehr als ausgeglichen.

Porto
Paços de Concelho

Am Samstagmorgen nehmen wir dann den Bus nach Porto – 2 € für eine Dreiviertelstunde Fahrt, auch hier ist der öffentliche Verkehr günstig. Die mit einer knappen Viertelmillion Einwohnern zweitgrößte Stadt Portugals ist ans Ufer und die steilen Hänge über dem Rio Douro gebaut. Flussaufwärts befinden sich ausgedehnte Weinanbaugebiete, und seit alten Zeiten werden die Weinfässer auf dem Fluss nach Porto verschifft, wo die berühmten Kellereien wie Graham’s, Taylor’s, Offley, Sandeman usw. ihn zu Portwein veredeln und in die ganze Welt exportieren. Dabei half ein schon sehr altes Handelsabkommen mit England: 1373 vereinbarte man Weinlieferungen im Gegenzug für Fischereirechte, und seit 1703 gibt es eine weitreichende Zollbefreiung. Die historische Verbindung der beiden Länder zeigt sich sowohl in den Namen einiger Portweinhäuser wie auch in der großen Beliebtheit des Getränks in Großbritannien.

Fliesenkunstwerke zieren viele Gebäude von außen ….

Porto hat viel zu bieten: obwohl Dank der markanten Lage seit Jahrtausenden bewohnt, hat sich zwar nicht viel aus der Antike erhalten, aber die zahlreichen Kirchen und Paläste einerseits, sowie die kleinen, schmalen Häuser in der Altstadt andererseits bieten viel zu sehen. Bedingt durch die Lage am Hand legt man dabei allerdings zahlreiche Höhenmeter zurück …

… wie von innen

Sehr beeindruckend sind die zahlreichen Azulejos – gewaltig große Gebäudefassaden oder auch Innenräume sind mit diesen aus unzähligen bemalten Keramikfliesen zusammengesetzten Kunstwerken verziert. Hoch über dem Rio Douro kann man auf der stählernen Ponte Luís I nach Vila Nova de Gaia am gegenüberliegenden Ufer gelangen und die Kellereien besichtigen, oder auch einfach den tollen Blick auf Porto genießen. Unzählige Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein – wirklich eine attraktive Stadt!

Am Cais da Ribeira

Das finden allerdings nicht nur wir – die Menge der Touristen, die sich großflächig durch die ganze Stadt schiebt, ist beeindruckend; die Einheimischen sind deutlich in der Unterzahl. Ungeachtet dessen strahlt die Stadt aber eine gewisse Gelassenheit aus; die weiche Sprache und die entspannte Musik zahlreicher Straßenmusikanten trägt viel dazu bei. So verbringen wir einen schönen Tag in Porto mit vielen Eindrücken, die wir nicht missen möchten.

Blick über Porto
Peniche
Es wird nie langweilig, ihnen zuzuschauen ….

Am Sonntag machen wir uns wieder auf den Weg gen Süden; wir legen eine Nachtfahrt ein und segeln 130 Seemeilen bis zum Fischereihafen Peniche, den wir am Montagnachmittag erreichen. Die Nacht auf See vergeht ohne besondere Ereignisse, der Wind ist nicht besonders kräftig, und wir erreichen gerade 4 Knoten Geschwindigkeit; nur die regelmäßigen Delfinbesuche unterbrechen die Routine, in der Nacht meist durch das prustende Geräusch beim Luftausstoß direkt neben dem Boot zu hören.

Wir queren dabei den Nazaré Canyon, eine Unterwasserschlucht, die sich mit bis zu 5000 Meter tiefem Wasser direkt bis vor die portugiesische Küste erstreckt; dort brechen sich dann die über 20 Meter (!) hohen Wellen im offenen Atlantik. Der Ort Nazaré hält den Rekord für die weltweit höchste surfbare Welle – wir sind froh, der nicht begegnet zu sein.

Noch am Abend legt der Wind zu, und am nächsten Tag weht es mit 7 Beaufort und mehr über die Halbinsel, auf der der Ort liegt – eine gute Gelegenheit, wieder einen Ruhetag einzulegen und sich Peniche anzuschauen. Seit vorgeschichtlicher Zeit siedeln hier Menschen, wie Funde belegen, und leben von der Fischerei; schon die Römer bauten eine exportorientierte Großfischerei auf. Gegenwärtig erkennt man hier aber auch die Probleme der Fischerei: der Fischereihafen ist für zehnmal mehr Boote gebaut, als ihn heute noch benutzen. Inzwischen lebt man wohl eher vom Tourismus – endlos lange Sandstrände schließen die Halbinsel ans Festland an, und zahlreiche Boote bringen Ausflügler auf die vorgelagerte Inselgruppe der Berlengas.

Wir ziehen durch die kleinen Straßen des Ortes, wandern hinaus bis zur Landspitze Cabo Carvoeiro, wo es – neben dem hübschen Leuchtturm – eine zerklüftete Steilküste und bizarre Felsformationen zu bewundern gibt, die von der See und dem beständigen Wind geschaffen wurden. Wunderschön! Am Abend kehren wir in eines der kleinen Lokale ein, welches uns vom sehr netten Hafenmeister empfohlen wurde, und genießen fangfrische Köstlichkeiten – hier gefällt es uns!