Abschied von den Balearen: Menorca (06.06. – 28.06.)

Die Überfahrt nach Menorca am Samstag, den 6. Juni ähnelt in vielerlei Hinsicht dem vorherigen Segeltag: zunächst mal weht der Wind eher frischer als angesagt, wieder sind wir mit gut 20 Knoten unterwegs, und wieder fahren wir vorm Wind; da die Passage lediglich mit etwa 25 Seemeilen veranschlagt ist, fahren wir nur mit ausgebaumtem Klüver: keine Sorgen um Windzunahme und Halsengefahr, und auf den letzten Knoten Geschwindigkeit können wir dafür ganz gut verzichten.

Wieder liegt die Schwierigkeit eher in der Auswahl des Tagesziels: der südliche Wind macht alle Ankerbuchten an der Südseite der Insel unbrauchbar, und die wesentlich weitere Fahrt bis auf die Nordseite scheuen wir, denn gleich am nächsten Tag soll der Wind ja auf Nordost drehen, dann sieht es ganu umgekehrt aus. Die naheliegende Wahl wäre der Hafen von Ciutadella an der Westküste, welcher Schutz bei allen Wetterlagen bietet, aber der ist ja … gesperrt wegen Corona, da war es wieder. Nun soll es aber zwei kleine Calas in unmittelbarer Nähe geben, die auch halbwegs akzeptablen Schutz bieten könnten; die erste davon, Cala Santandria, laufen wir also zunächst einmal an. Dort erwartet uns aber eine böse Überraschung: der geschützte Teil der Cala ist vollständig mit gelben Bojen abgesperrt, man kann nur noch in der Öffnung ankern, wo sich in unmittelbarer Nähe zwei Meter hohe Wellen an den Felsen brechen. Also nichts wie weg hier, es gibt ja noch eine Alternative, die Cala Degollador, keine Seemeile entfernt.

Dort angekommen glauben wir aber ein Déjà-vu zu erleben: gelbe Sperrbojen verhindern die Einfahrt, und im Außenbereich der – sehr engen – Cala brechen sich die Wellen an schroffen Felswänden. Aus lauter Verzweiflung versuchen wir dennoch ein Ankermanöver – nach der durchwachten Nacht zuvor und einem langen, windigen Tag möchten wir endlich ankommen. Wir bringen Bug- und Heckanker aus, und dennoch liegen wir so nahe an den felsigen Klippen, dass man über das Ausbringen von Fendern nachdenken kann – während das Boot von den aus allen Richtungen reflektierten Wellen herumgeschüttelt wird. Nein, das wird nichts – unter erheblichen Mühen holen wir den Heckanker wieder auf (von Hand, während das Heck anderthalb Meter Fahrstuhl auf und ab fährt …) und machen uns auf den Weg zur Rundung der Insel, weitere 12 Seemeilen …

Solche Absperrungen sind uns grundsätzlich nicht unbekannt: eigentlich dienen sie dem Schutz von Schwimmern und werden zu Beginn der Hauptsaison ausgebracht; häufig jedoch dienen sie auch einfach nur dazu, das Ankern unmöglich zu machen und so die Yachten zu zwingen, sich für 250 Euro eine Nacht in der nahegelegenen Marina zu erkaufen. Im konkreten Fall ist dies überdeutlich: die betreffenden Calas sind extrem lang und schmal, die kurzen Badestrände liegen 100 Meter und mehr von den Absperrungen am Eingang entfernt – so weit schwimmt niemand durch den schmalen Schlauch, um sich dann vom Sog der Wellen an den Felsen zerschmettern zu lassen.

Was in normalen Jahren einfach nur unverschämte Abzocke ist, wird dieses Jahr aber zur allen seemännischen Traditionen widersprechenden Gefährdung der Segler, denn der einzige Schutz bietende Hafen ist ja gesperrt – ein Ärgernis sonder gleichen, und so völlig sinnlos in jeglicher Hinsicht, denn es spült ja noch nicht mal Geld in die Kassen der Marinas. 

Cala Algaiarens
Die Belohnung nach endlos langen anderthalb Tagen

Nach dem Runden des westlichen Endes der Insel verbessert sich der Seegang spürbar, und während wir nach Nordosten und dann Osten segeln, wird es geradezu ruhig auf dem Wasser. So finden wir endlich – nach 40 Seemeilen insgesamt – einen sicheren Ankerplatz in der Cala Algaiarens. Und einen wunderschönen noch dazu: völlig ohne Bebauung bieten sich dem Blick zwei lange Strände dar, dahinter Dünen (eine ziemliche Seltenheit hier!) und bewaldete Hügel; türkisfarben leuchtet eine endlos große Ankerfläche mit 4-5 Metern Wassertiefe – warum nicht gleich so?

Nach einem schnellen Abendessen und einem hinreißenden Abendhimmel nach dem Sonnenuntergang hinter den Klippen fallen wir in die Koje, um nach knapp 40 Stunden endlich zu schlafen ….

Cala Son Saura

Am Sonntagmorgen begrüßt uns unfreundliches Wetter: es regnet schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage, was wir ganz schön unverschämt finden 😉 Überhaupt scheint die mehrwöchige Periode stabilen Sommerwetters jetzt wieder unbeständigerer Witterung zu weichen, die zahlreichen Winddrehungen sprechen ja auch für sich. Wie vorhergesagt dreht der Wind denn auch auf Nordost, und wir müssen wohl oder übel unseren schönen Ankerplatz verlassen – nach den sehr anstrengenden Tagen zuvor wäre uns ein Ruhetag sehr willkommen gewesen.

Innerhalb kurzer Zeit legt der Wind auch ordentlich zu, und wir segeln den gleichen Weg, den wir am Nachmittag zuvor mit Südwest heraufgesegelt sind, vor dem frischen Nordost wieder zurück. Nach der eindrücklichen Erfahrung des Vortages lassen wir Ciutadella sprichwörtlich links liegen und steuern die Südseite der Insel an, um nach 18 Seemeilen in der Cala Son Saura den Anker zu werfen, während sich hinter uns schwarze Gewitterwolken auftürmen. Auch hier ist es schön – wenn auch nicht ganz so spektakulär wie in der Cala zuvor, allerdings gibt es einen gewichtigen Unterschied: der von drei Tagen Südwestwind aufgebaute Schwell ist natürlich nicht gleich verschwunden, und so ankern wir zwar sicher mit ablandigem Wind, aber von Süden rollen lange Wellenzüge heran, die uns nicht besonders ruhig liegen lassen. Die Gewitter ziehen glücklicherweise vorbei, und der zusätzlich ausgebrachte Heckanker verspricht etwas Besserung, aber unruhig bleibt es; natürlich wäre auch heute wieder der Hafen von Ciutadella die richtige Wahl gewesen, aber wir erinnern uns, da war ja was …

Cala Son Saura – ausnahmsweise mal mit bedecktem Himmel

In der Nacht zum Montag lässt der Schwell etwas nach, und die Wetteraussichten erlauben es auch, einen weiteren Tag in der Cala Son Saura zu verbleiben. Leider bleibt es aber bedeckt, die Sonne lässt sich kaum blicken, und wieder regnet es ein paar Tropfen – schade, denn heute gibt es etwas zu feiern: die Balearen sind in Phase 3 der Exit-Strategie eingetreten! Reisen zwischen den Inseln sind wieder erlaubt; damit ist die ‚Orion‘ endlich nicht mehr illegal unterwegs, und wir müssen nicht immer nach Polizeibooten Ausschau halten 😉

Warum aber nach wie vor die Sportboothäfen gesperrt sind, entzieht sich mal wieder jeder vernünftigen Erklärung: mit der Fähre darf man (zusammen mit vielen fremden Menschen auf engem Raum) von Alcúdia nach Ciutadella reisen und dort an Land gehen, als Segler zwar im Prinzip auch, aber nur wenn man ankert und dann mit dem Dinghi anlandet … offenbar wirken sich Steganlagen positiv auf Virenvermehrung aus, wer hätte das gedacht!

Ciutadella
Vorbei zieht der Leuchtturm am Cap d’Artrutx (1859)

Den Dienstag warten wir noch in der Cala Son Saura ab, da für Mittwoch die besten Bedingungen angekündigt sind, um noch einmal einen Anlauf zu unternehmen, Ciutadella einen Besuch abzustatten. So holen wir um kurz nach 8 Uhr bei ziemlicher Flaute die Anker auf und motoren gemächlich die knapp 8 Seemeilen bis zur Cala Santandria, in der wir bereits am Samstag eine Runde gedreht haben.

Heute, praktisch ohne Wind und mit aus nördlicher Richtung laufendem Schwell, sieht es hier ganz anders aus: ohne meterhoch spritzendes Wasser trauen wir uns, in der Öffnung der Cala, gleich vor der Absperrung, die ‚Orion‘ zwischen Bug- und Heckanker so auszurichten, dass der Bug Richtung Meer zeigt und einlaufenden Wellen die geringste Angriffsfläche bietet. Nachdem wir die Lage einige Zeit beobachtet und für sicher befunden haben, landen wir mit dem Dinghi an und machen uns auf den Weg in die etwa 3 Kilometer entfernte Stadt. 

Ciutadella wurde von den Karthagern gegründet und zählt heute etwa 30.000 Einwohner; neben den obligatorischen Besitzerwechseln zwischen Mauren und Christen stand die Stadt – wie der Rest der Insel – von 1708 bis 1802 unter britischer Herrschaft (mit Unterbrechungen und einem französischen Intermezzo). Am 9. Juli 1558 wurde sie bei einem Überfall osmanischer Truppen schwer zerstört, weswegen vor allem die darauf folgenden Jahrhunderte das heutige Stadtbild prägen: barocke und klassizistische Fassaden begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Hauptattraktionen sind der sich endlos lang und schmal bis tief in die Stadt erstreckende Naturhafen, die engen Gassen der gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt sowie die im 14. Jahrhundert errichtete Kathedrale Santa Maria de Ciutadella. Besonders in der Altstadt gefällt es uns gut, wenn es auch wegen der vielen geschlossenen Geschäfte etwas ausgestorben wirkt.

Am Nachmittag ziehen mal wieder drohend schwarze Gewitterwolken auf, so dass wir uns – schwer mit Einkäufen bepackt – auf dem Rückweg ganz schön beeilen; völlig unnötig, wie sich herausstellt, denn kurz nach unserer Rückkehr ist der Spuk vorübergezogen, und wir können den Abend in der Cala Santandria genießen.

Cala Fontanelles
Far de Punta Nati (1913)

Weniger angenehm verläuft die Nacht: zwar bleibt der Ankerplatz sicher, aber der unerwartete Wind am Nachmittag hat doch so viel Welle aufgebaut, dass es in der engen Cala durch das Schlagen der Wellen unter die Felsüberhänge einfach unglaublich laut ist. So hält uns am Donnerstagmorgen nichts davon ab, früh aufzubrechen, was sich als ganz gut herausstellt: der erst für Mittag angekündigte kräftige Südwind ist wohl auch Frühaufsteher, so dass die ‚Orion‘ mal wieder nur unter Klüver zügig vor dem Wind dahineilt, während sie auf dem Weg an die Nordküste das Cabo Nati mit seinem Leuchtfeuer rundet.

‚Blitz‘ und ‚Orion‘ in der Cala Fontanelles

Ziel ist eigentlich die am vergangenen Samstag bereits angelaufene Cala Algaiarens, während wir aber in diese einbiegen wollen, sehen wir in einem Seitenarm, der Cala Fontanelles, die niederländische ‚Blitz‘ ankern, die wir zuletzt auf Mallorca getroffen haben. Für die für den folgenden Freitag angekündigte Winddrehung auf West  ist dieser Platz auch besser geeignet, also ändern wir kurzerhand den Plan und ankern wenige Bootslängen entfernt. Am Abend begießen wir das Wiedersehen mit einigen Flaschen Tinto und verbringen eine ruhige Nacht, da die Hügel den größten Teil der angesagten 25 bis 30 Knoten Südwind abfangen.

Am Freitag zieht es uns an Land, und wir erwandern etwas die Umgebung. Dies ist auf ganz Menorca besonders leicht möglich, da es einen durchgehenden Weg entlang der Küste gibt, den Camí de Cavalls; dieser geht auf das 14. Jahrhundert zurück, wurde zur Erschließung und Verteidigung der Insel angelegt und ist heute ein wunderbarer Wanderweg durch vielerorts noch unberührte Natur mit grandiosen Ausblicken über das Meer.

Blick über die Cala s’Escala, links im Bild der Camí de Cavalls

 

Cala Algaiarens – Strand und Ankergrund paaradiesisch

Wir folgen dem Weg ein Stück die Küste entlang bis zur westlichen Nachbarbucht, biegen dann ins Inland ab und laufen durch lichte Pinienwälder in einem großen Bogen bis zur östlicherer gelegenen Cala Algaiarens, deren weißer Strand und leuchtend türkisfarbenes Wasser auch aus der Perspektive von Land aus begeistern. Ein einmaliger Ankerplatz – den man sich allerdings in einem ‚gewöhnlichen‘ Juni mit 40-50 anderen Yachten teilen müsste; jetzt liegt lediglich ein französischer Katamaran hier …

Fornells

Am Samstagmorgen fällt es uns – ebenso wie der ‚Blitz‘ – recht schwer, den Ankerplatz zu verlassen, zu gut hat es uns hier gefallen; doch die Nordküste verspricht noch so viele tolle Ankerplätze, die besucht werden wollen, also rollen wir schweren Herzens den Klüver aus, während wir den Anker lichten und uns vom Wind aus der Bucht treiben lassen.

Cap de Cavalleria, der nördlichste Punkt der Balearen

Draußen weht mal wieder mehr Wind als angekündigt: West mit gut 20 Knoten, statt der angekündigten 12 Knoten; der schon bereitgestellte Gennaker bleibt also in seinem Sack, und nur unter Vorsegel fahren wir mit 5 Knoten unserem Ziel entgegen, der Bucht von Fornells. Dabei passieren wir den nördlichsten Punkt Menorcas, das Cap de Cavalleria, dessen steile Klippe fast 100 Meter über der See aufragt und einen 1857 erbauten Leuchtturm trägt.

Nach kaum drei Stunden erreichen wir Fornells, welches in einer gegen die anlaufenden Wellen gut geschützten Bucht liegt; aufgrund der eher niedrigen Landbarriere ist sie aber dennoch dem Nordwind stark ausgesetzt, was vielleicht erklärt, warum der Ort trotz der Lage sehr klein und eher jung ist – das Dorf entstand erst im 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Errichtung eines Wehrturms zur Piratenabwehr.

Blick über die Bucht von Fornells

Heute lebt Fornells von der Langustenfischerei und natürlich vom Tourismus, und da dieser ja in diesem Jahr praktisch ausgefallen ist, ist recht wenig los, und der einzige Supermarkt ist noch dauerhaft geschlossen. Das Ankern in der äußerst geräumigen Bucht ist gar nicht so einfach, wie man erwarten sollte: der Grund ist praktisch lückenlos mit Seegras bewachsen, und da darauf nicht geankert werden darf, bleiben nicht viele Möglichkeiten. Eine sind die zahlreichen Muringbojen, die gegen gutes Geld gebucht werden können, eine andere ein winziges Fleckchen Sand direkt hinter der Hafenmole – und dieses nutzen wir, um hier bei wenig Wind eine ruhige Nacht zu verbringen (und außerdem im Schutze der Dunkelheit im Hafen ein paar Kanister Trinkwasser zu ‚organisieren‘).

Cala ’n Tosqueta

Am Sonntag besorgen wir noch frisches Brot und Gebäck in der kleinen Bäckerei, und dann verlassen wir Fornells auch schon wieder; gleich um die Ecke verspricht die Cala ’n Tosqueta eine noch viel schönere Umgebung.

Die kaum 4 Seemeilen legen wir unter Maschine zurück, da kaum Wind weht; dies in Verbindung mit dem sonnigen Wochenende bewirkt, dass auch noch andere auf die gleiche Idee gekommen sind: um die 10 Boote ankern bereits in der kleinen Cala. Wir können noch einen Platz auf Sandgrund finden, müssen aber Bug- und Heckanker ausbringen, um nicht gegen die anderen Ankerlieger zu treiben; die kurz danach eintreffende ‚Blitz‘ geht einfach bei uns längsseits.

Die Beliebtheit ist verständlich: die verwinkelte Bucht verfügt über mehrere Strände und eine kleine Insel, die zusätzlichen Schutz bietet; von Land ist sie unzugänglich, es gibt keine Straßenanbindung und keinerlei Bebauung. Das glitzernde Wasser, die zerklüfteten Felsen, die sensationellen Farben, der weiße Sand, und über allem der Duft von Meer und Rosmarin – ein kleines Paradies!

Cala ’n Tosqueta, ein kleines Paradies

Das bunte Treiben hält nicht lange an, ab 19 Uhr gehört die Cala uns allein, die anderen Boote waren nur lokale Tagesausflügler; den folgenden Montag bleiben wir hier, und lediglich ein einziges Motorboot leistet uns für ein paar Stunden Gesellschaft. Der Tag vergeht mit Wandern entlang der Klippen, Schnorcheln (wir sehen viele verschiedene Fischarten, etliche auch richtig bunt gefärbt; zahlreiche Seeigel bewohnen die Felsspalten), Sonnenbaden und abendlichem Grillen wie im Fluge – und irgendwie auch völlig zeitlos. Für Orte wie diesen lohnt sich der weite Weg ins Mittelmeer!

Cala Presili
Far de Favàritx (1922)

Am Dienstag machen wir uns schweren Herzens wieder auf den Weg Richtung Südosten; eigentlich sollte etwas Wind wehen, es überschreitet aber nie 5 Knoten, womit wir mal wieder motoren müssen, Glücklicherweise ist es nicht weit, nach gut 10 Seemeilen runden wir das Cap Favàritx mit seinem auffälligen Leuchtturm und finden auf der Südseite der gleichnamigen Halbinsel einen Ankerplatz in der Cala Presili, bei der es sich nicht wirklich um eine ins Land einschneidende Ankerbucht handelt, eher eine kleine Delle im Küstenverlauf mit schönem Sandgrund davor.

Alles im blauen Bereich – Cala Presili, im Hintergrund Cap Favàritx

Viel los ist hier nicht, es gibt keinerlei Bebauung, und die Strände sind landseitig nur durch eine Wanderung zu erreichen, so dass man nur wenige Menschen sieht. Umso mehr bietet es sich an, selbst eine Wanderung über die felsige Halbinsel bis zum Leuchtturm zu unternehmen und dabei die – trotz der Trockenheit doch erstaunlich vielfältige – Natur zu bestaunen; so überraschen uns prächtig blühende Dünennarzissen mitten im kargen Gelände, und der ständige Rosmarinduft gehört ohnehin dazu.

Illa d’en Colom

Am Mittwoch geht es weiter, diesmal sogar nur 4 Seemeilen gen Süden; dort liegt die vorgelagerte Illa d’en Colom, eine unbewohnte (und ziemlich unzugängliche) kleine Insel, deren Rückseite halbwegs geschützte Ankerplätze bietet. Gleichzeitig liegt dort an Land das kleine Dorf Es Grau, welches einen Minimarkt bietet, der sogar geöffnet hat und frisches Brot führt.

Parc natural de s’Albufera des Grau
Die im Mittelmeerraum verbreitete Landschildkröte (Testudo hermanni)

Der Ort markiert den Eingang zum Nationalpark s’Albufera mit seiner ausgedehnten Lagune; dieser ist für seinen Vogelreichtum  bekannt, uns begeistern aber vor allem die dort vorkommenden – und auch tatsächlich anzutreffenden – Schildkröten: die sind ja soooo niedlich 🙂

Am Abend werden wir noch Zeugen eines Malheurs: eine französische Segelyacht fährt zu tief in die seichte Passage zwischen der Illa d’en Colom und dem Festland und kommt dort fest. Alle Versuche, die Dehler 43 wieder in tieferes Wasser zu bekommen (so durch Ausbringen des Ankers unter tatkräftiger Mithilfe des Autors), scheitern kläglich, obwohl noch nicht einmal der Wind aufs Flach drückt, lediglich der lange Schwell von etwa einem Meter Höhe hat die Yacht in eine so hoffnungslose Lage gebracht.

Leider gar nicht so stimmungsvoll wie es aussieht: die festgekommende ‚Force 7‘

Ursächlich für die Havarie war das große Vertrauen des Skippers  in die Navionics-Karte auf seinem iPad – diese zeigt einen Detailreichtum, von dem auf der offiziellen spanischen Seekarte, wie sie an Bord der ‚Orion‘ verwendet wird, absolut nichts zu sehen ist (dort ist einfach alles ‚weniger als 5 Meter‘ tief, was Anlass zu größter Vorsicht gibt). Auch schon in anderen Ankerbuchten legte der Vergleich der online zugänglichen Navionics-Karten mit der Realität den Verdacht nahe, dass deren Detailreichtum oftmals eher der Phantasie als einer Vermessung entspringt.

Erst am nächsten Morgen kann ein PS-starkes SAR-Boot aus Mahón die Yacht freischleppen – wer weiß unter welchen Schäden am Kiel …

Cales Coves
Far de l’Illa de l’Aire (1860)

Am Donnerstag runden wir die Südostspitze Menorcas; zunächst mal gibt es dazu Gegenwind, die ersten 10 Seemeilen kreuzen wir gegen frische vier Windstärken an. Das läuft eigentlich ganz gut, dennoch ist es etwas ärgerlich, dass der Wind buchstäblich in dem Augenblick nachlässt, als wir endlich auf einen Halbwindkurs abbiegen können. Doch auch dies ist nicht von Dauer: aus vollständiger Flaute entwickelt sich innerhalb weniger als einer Minute wieder Starkwind jenseits der 20 Knoten. Ein abwechslungsreicher Segeltag …

Vor Anker in den Cales Coves

Am frühen Nachmittag biegen wir in eine kleine Öffnung der Steilküste ein, die sich zu einer zweiarmigen Cala öffnet: die Cales Coves, die Höhlenbuchten. Hier finden sich unzählige kleinere und größere Höhlen, die in der Bronzezeit als Begräbnisstätten angelegt und in den folgenden drei Jahrtausenden immer wieder als Wohnstätten genutzt wurden. Aber der Ort hat noch viel mehr zu bieten als die lange Geschichte, die er ausstrahlt: es ist einfach wunderschön zwischen den steilen Felswänden, das Wasser strahlt mit dem Himmel um die Wette, die Luft ist erfüllt von warmem Duft aromatischer Kräuter und dem Zirpen unzähliger Zikaden.

Bis Freitag liegen wir hier noch mit der ‚Blitz‘ allein, am Samstag dagegen füllt sich die Cala mit unzähligen kleineren Ausflugsbooten, wie wir es am vergangenen Wochenende auch erlebt haben. Glücklicherweise verzichten diese aber auf laute Musikbeschallung, und so verbringen wir eine schöne Zeit an diesem wundervollen Flecken: wir unternehmen kleine Wanderungen in die Umgebung, schnorcheln um die Felsen und genießen die sommerlichen Temperaturen von knapp 30 Grad im Schatten am Nachmittag, während es am Abend angenehm mild ist und ein hinreißender Sternenhimmel über uns funkelt – was will man mehr?!?

Vom mühsam zu ersteigenden Felsplateau bietet sich ein überwältigender Ausblick über die Cales Coves
Maò

Sonntagmittag verlassen wir die Cales Coves und segeln zurück gen Osten, passieren erneut die Illa de l’Aire und laufen dann in die Hafenzufahrt von Maó ein, bei uns besser bekannt unter dem kastilischen Namen Mahón – der örtliche Dialekt spricht dagegen noch etwas kürzer von Mô; gemeint ist immer die Hauptstadt Menorcas (jedenfalls seit der britischen Besatzung, vorher war das Ciutadella). Heute endet nämlich der Alarmzustand in Spanien (für Madrid wohl immer noch Wochen zu früh, für die Balearen eher Monate zu spät), und die Häfen akzeptieren wieder Besucher!

Die Stadt liegt an einem volle drei Seemeilen langen Meeresarm, der durch eine relativ schmale Einfahrt geschützt wird und durchgängig regelmäßige Tiefen und gute Ankergründe aufweist. So verfügt die Stadt über einen der größten Naturhäfen der Welt (über die exakte Reihenfolge streitet man sich offenbar z.B. mit Sydney und Pearl Harbor), was schon den legendären Genueser Großadmiral Andrea Doria (1466 – 1560) zu der Aussage verleitete, es gäbe nur drei wirklich sichere Häfen im Mittelmeer: Juli, August und Mahón. Rundherum finden sich zahlreiche Befestigungen aus der Zeit, als die Bucht den verschiedenen Besitzern als Marinebasis diente; eine davon, die Festung La Mola, erlangte traurige Berühmtheit dadurch, dass sie während der Franco-Diktatur 1939-1975 als Gefängnis und Folterstätte für Regimegegner diente.

Cala Teulera, stadtnahes Naturidyll zwischen alten Seefestungsanlagen

Wir nutzen dieses Geschenk der Natur für die erste Übernachtung vor Anker in der Cala Teulera, bevor wir am nächsten Morgen – gerade noch rechtzeitig vor aufkommendem Starkwind aus Nord – die Marina Menorca anlaufen; hier hat man uns eine Übernachtung zum absoluten Schnäppchenpreis von € 50 angeboten – normalerweise wäre im Juni schon das Doppelte fällig …

die umfangreichen Anlagen der Marina Menorca – nur einer von drei Sportboothäfen in der Stadt

Was für ein besonderer Moment, nach fast 100 Tagen ohne Landstromversorgung das Stromkabel einzustecken, und kurz danach aus einem Schlauch Süßwasser in beliebigen Mengen über das salzverkrustete Deck fließen zu lassen! Und erst mal die Hafendusche – nach drei Monaten ein unvergessliches Erlebnis! Aber der teuer erkaufte Marina-Luxus bringt auch eine Menge Arbeit mit sich: Schrubben, Putzen, Saugen, Spülen, Waschen, Reparieren, und nicht zuletzt das Auffüllen der Vorräte: zum nächsten Supermarkt sind es gut 20 Minuten bergauf, und wir schleppen etliche 20-Kilo-Rucksäcke zum Boot, während uns bei wolkenlosem Himmel der 35 Grad heiße Wind wie aus dem Fön ins Gesicht bläst. Am nächsten Mittag sind wir völlig fertig mit der Welt, haben zwar die Zeit im Hafen optimal genutzt, aber noch nicht einmal etwas von der Stadt gesehen – doch das ist kein Problem, wir verlassen nach über 30 Stunden die Marina und fahren wieder zurück in die Cala Teulera, um dort zu ankern und am nächsten Tag nochmal mit dem Dinghi zurück in die Stadt zu fahren.

Blick über einen Teil des riesigen Naturhafens

Dies erweist sich als sehr lohnend: Maò hat eine sehenswerte Altstadt hoch auf den Felsen über dem Hafen aufzuweisen, viele schöne Geschäfte und Restaurants, wo man gegen kleines Geld (für deutsche Maßstäbe) hervorragende Fischgerichte essen kann, wovon wir auch Gebrauch machen – schließlich ist es voraussichtlich die letzte spanische Stadt, die wir besuchen!

Eine kleine kulinarische Anekdote sei noch angemerkt: angeblich verdankt die allseits beliebte Mayonnaise ihren Namen der Stadt Mahón, da sie während der französischen Besatzung als Abwandlung der lokalen Aioli nach Frankreich und von dort in die Welt gelangt sein soll …

Am Donnerstag den 25. Juni verlassen wir die Cala Teulera und fahren zurück in die Cales Coves, um dort auf passendes Wetter für die Überfahrt nach Sardinien zu warten – und auch einfach, um noch ein paar Tage in dieser tollen Ankerbucht zu verbringen. Am Donnerstagabend sind noch drei andere Yachten da, aber erstaunlicherweise legen diese alle am Freitag ab, so dass wir die Bucht für uns allein haben! Erst am Samstagmittag erscheinen die unvermeidlichen Wochenendausflügler in den Motorbooten, aber glücklicherweise halten diese sich beim Aufdrehen der Radios zurück.

Mit dem Wetter ist es so eine Sache: noch vor ein paar Tagen war zwischen Sonntag und Mittwoch kräftiger Nordwestwind – Mistral – angesagt, der wird aber von Tag zu Tag weniger; nun wollen wir zum einen aber auch nicht mehr wochenlang warten, und zum anderen soll es auch nicht zu viel Wind werden (der Mistral kann auch richtig zulangen, 7 bis 8 Windstärken – bei strahlend blauem Himmel – sind durchaus drin!), also beschließen wir, trotz der bescheidenen Windvorhersage am Sonntag den 28. Juni loszufahren – und uns in Geduld zu üben!