Sardinien (29.06. – …)

 Am frühen Sonntagmorgen geht es los, nach einer letztlich dann doch eher unruhigen Nacht, da eine am späten Abend noch in die Cales Coves eingelaufene Yacht meinte, die Nacht für eine laute Party nutzen zu müssen …

Mit allzuviel Wind war ja nicht zu rechnen, so dass wir eher positiv überrascht waren, ab der Illa de l’Aire einige Stunden schön segeln zu können; dann war es aber auch vorbei damit, die nächsten 16 Stunden musste der Motor uns durch die Flaute schieben, damit wir wenigstens am nächsten Tag den weiter östlich wehenden Wind erwischen.

So kommt es tatsächlich auch: am Montag beginnt sich ein zaghafter Nordwestwind zu regen, der am Nachmittag immerhin um 15 Knoten erreicht, so dass die ‚Orion‘ unter Großsegel und Code Zero gute Fahrt macht. Während der gesamten Überfahrt ist der Himmel strahlend blau, und die Sonne brennt auf uns herab – am Nachmittag wird das schon unangenehm, weil man sich nirgendwo an Deck davor verstecken kann; dafür gibt es, wie so oft auf hoher See, die traumhaftesten Sonnenuntergänge und den unglaublichsten Sternenhimmel.

Unser blinder Passagier – keine Maus weit und breit ….

Etwas verblüfft sind wir, als sich am späten Montagnachmittag ein gefiederter Besucher einfindet, der zunächst etliche unterschiedliche Ruheplätze ausprobiert und sich dann für die Dampferleuchte als Nachtquartier entscheidet – was hat der hier verloren, Mäuse gibt es im Umkreis von mehreren 100 Kilometern garantiert keine?!? Wie wir aber später durch fachkundige Beratung erfahren, handelt es sich um einen Turmfalken, der durchaus weite Strecken zurücklegen und das Mittelmeer überqueren kann; unser Exemplar jedenfalls scheint sich schon etwas übernommen zu haben und ist dankbar für die schwimmende Insel. Am nächsten Morgen – wir können noch kein Land sehen, er aber vielleicht schon – macht er sich wieder auf den Weg Richtung Osten.

Capo Caccia

Wenig später zeichnet sich dann auch die Silhouette Sardiniens am Horizont ab, wir brauchen aber noch bis zum Abend, bis wir nach 200 Seemeilen und 60 Stunden die im spektakulären Capo Caccia auslaufende Steilküste erreichen und hinter dem Kap in der ausgedehnten Bucht Porto Conte einen Übernachtungsplatz suchen. Die ganze Umgebung ist ein Meeresschutzgebiet, das Ankern auf Seegras ist verboten – was bedeutet, effektiv überall; aber es gibt ein Feld mit Muringbojen, die kostenlos (!) benutzt werden dürfen. So fällt es uns etwas leichter als auf den Balearen, daran zu glauben, dass es hier um den Naturschutz und nicht ums Geldverdienen geht …

Die Rückseite der Steilküste besteht aus dicht bewaldeten, grünen Hügeln, und die Umgebung ist ruhig und idyllisch – der ideale Ort, um sich auch am folgenden Tag noch vom Schlafmangel der ansonsten ja unproblematischen Überfahrt zu erholen. Die Temperatur stellt dabei neue Rekorde auf, knapp 40 Grad im Schatten wird es am Nachmittag, und das Wasser hat 27 Grad – es ist Juli, der Sommer ist da!

Alghero
Hinter dicken Festungsmauern blickt Alghero aufs Meer

Frisch und ausgeruht legen wir am Donnerstagmorgen die wenigen Seemeilen bis in den Hafen von Alghero zurück. Die Aufnahme in der Marina ist sehr freundlich – und sehr italienisch, Lorenzo, der unsere Leinen entgegennimmt, könnte jeder klischeebeladenen TV-Produktion über Italien entstiegen sein. Die Marina Ser-Mar ist familiengeführt und wirklich sympathisch; nur Duschen kann man uns nicht anbieten, das ist leider wegen Corona verboten … ansonsten scheint man es aber nicht so genau mit den Vorschriften zu nehmen, von den Masken, deren Gebrauch laut offiziellen Verlautbarungen schon beim Anlegevorgang verpflichtend ist (bei knapp 40 Grad im Schatten!), sieht man beim Personal nichts; auch nicht im kleinen Büro, wo es statt dessen einen kräftigen Händedruck gibt – in Spanien unvorstellbar, aber zweieinhalb Jahrtausende Zivilisation lassen sich halt auch durch einen Virus nicht mal eben auslöschen.

Auf der Stadtmauer

Alghero, die mit etwa 44.000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Sardiniens, stellt aufgrund seiner Geschichte den idealen Übergang nach den vielen Monaten in Spanien dar: im Jahre 1354 wurde die Stadt von Katalanen erobert und die einheimische Bevölkerung fast vollständig verdrängt, wodurch Kultur und Baustil sehr stark katalanisch geprägt sind; selbst die Sprache hat sich gehalten, alle Straßenschilder sind zweisprachig, und viele alte Menschen sprechen noch einen katalanischen Dialekt. Dennoch sind wir unverkennbar in Italien: an jeder Ecke gibt es Pizza und Gelato, und die Inneneinrichtungen der Geschäfte scheinen alle zu einer Designausstellung zu gehören.

Alghero: pittoreske Gassen …

Die Häuser, Gassen und Plätze der Stadt bieten aber auch die passende Kulisse: alles ist äußerst pittoresk und strömt förmlich Geschichte aus. Zusammen mit dem Italienisch, welches so betont und melodisch wie wohl kaum eine andere Sprache ist, ergibt sich ein äußerst stimmiges Bild: ja, wir sind in Bella Italia!

… und Plätze durchziehen die Altstadt

Wir laufen Stunden durch die historische Altstadt, essen natürlich ein köstliches Eis, kaufen viel zu viel Lebensmittel ein – alles sieht so verlockend aus – und holen uns zum Abendessen eine Pizza zum Mitnehmen, die wir auf einem lauschigen Platz im Schatten verzehren. Ein kulinarisches Erlebnis, für dessen Beschreibung kaum Worte zu finden sind – mit dem in Deutschland erhältlichen, gleichnamigen Lebensmittel aus oft pakistanisch-chinesisch-türkischer Produktion hat es jedenfalls nichts gemein. Und riesengroß war der Traum mit Mozzarella di Bufala auch noch – und mit 6 € geradezu absurd günstig. Ach, könnte man diesen Künstler seines Fachs doch in die niedersächsische Provinz locken …

Bosa

Am Freitag besuchen wir noch den Markt von Alghero, gegen Mittag verlassen wir dann den Hafen und machen uns auf den Weg weiter nach Süden. Heute weht der Mistral, von dem wir auf der Überfahrt etwas mehr hätten gebrauchen können, umso kräftiger; besonders die Wellen, die sich auf den mehreren hundert Seemeilen Anlaufstrecke aufbauen, sind beeindruckend. Nur unter Vorsegel rauschen wir so mit 6 Knoten dem Tagesziel Bosa entgegen, wo wir einen Liegeplatz in der am Fluss Temo gelegenen Marina finden (im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf den Ruf per UKW reagiert niemand, so dass wir schließlich in eine beliebige freie Box einfahren; beim Besuch beim freundlichen Hafenmeister stellt sich dann heraus, dass das Funkgerät ausgeschaltet war, was aber seinem sonnigen Gemüt keinerlei Kummer bereitet).

Bosa mit dem Castello Malaspina im Hintergrund

Erst am nächsten Vormittag besuchen wir den zwei Kilometer flussaufwärts gelegenen, kleinen Ort, der malerisch von einer Burg aus dem 12. Jahrhundert überragt wird. Hier ist es bei weitem nicht so touristisch wie in Alghero, die alte Bausubstanz ist auch nicht so herausgeputzt, aber dafür sehen wir ein Stück sardischen Alltag – und erstehen allerköstlichste Dolci Sardo, ein Oberbegriff für unzählige Arten kunstvollen Kleingebäcks, für die es eigene Geschäfte gibt, in denen der Einkauf schon zum Erlebnis wird.

Am Nachmittag verlassen wir die Marina, um gleich hinter der Mole an der Mündung des Temo wieder zu ankern – für die Weiterfahrt ist es zu spät und zu windig, aber das Liegegeld für eine weitere Nacht wollen wir uns sparen; zwar ist Bosa mit 42 € der günstigste Ort an der gesamten Küste, aber geschenkt ist es nun auch nicht gerade ….

Cala Saline

Am Sonntag hat es sich erst mal ausgeweht, so dass wir erst gegen Mittag, als sich der erste thermische Wind regt, am Anker das Großsegel setzen und dann diesen aufholen. 19 Seemeilen führt uns der Weg entlang der Küste gen Süden, und das unter idealen Bedingungen: um 10 bis zunehmend 15 Knoten Halbwind, die ‚Orion‘ fühlt sich wohl und rauscht unter Vollzeug durchs Wasser – ach, könnte man den Wind doch fest auf Stärke 4 einstellen …

Vor Capo Mannu

Vorbei zieht eine windgebeutelte Küste, die sich unter dem ständigen Mistral wegzuducken scheint, mit hohen Bergzügen im Hintergrund – Sardiniens Inland verfügt über ausgedehnte Gebirge mit über 1800 Metern Höhe. Schließlich runden wir das Capo Mannu und finden dahinter, am Strand von Cala Saline, zwischen den Orten Porto Mandriola und Putzu Idu, etwas Schutz vor dem wie immer aus Nordwest anrollenden Schwell.

Hochbetrieb am Strand der Cala Saline

Am Strand und in der Bucht ist eine Menge los, und anders als in Spanien hält man hier nicht viel von Absperrungen: Schwimmer, Surfer, Segler und Motorboote tummeln sich in einem bunten Durcheinander. Geht offenbar auch, und macht es uns leicht, einen guten Ankerplatz auf Sand zu finden.

Nach Sonnenuntergang verlegt sich der Badebetrieb in mehrere Beach-Bars, doch der Abstand zu Strand ist groß genug, dass die Musik hinreichend gedämpft in die Koje dringt, um ausreichenden Schlaf zu ermöglichen.

Tharros

Auch am Montag lohnt es sich, mit dem Aufbruch etwas zu warten: erst gegen 11 Uhr regt sich der erste, zaghafte Nordwestwind. Bis zur kommenden Nacht soll dieser aber deutlich zulegen: vom Golfe du Lion weht mal wieder der Mistral mit 8 bis 9 Beaufort übers Mittelmeer; soviel Wind soll hier zwar nicht ankommen, aber genug Schwell: angesagte 3 Meter signifikante Wellenhöhe erfordern den richtigen Zufluchtsort für die Nacht. Der ist an dieser Küste gar nicht so leicht zu finden, nicht umsonst heißt es, dass die meisten Segler die Westküste Sardiniens meiden und lieber die nicht dem Mistral ausgesetzte Ostküste entlangfahren.

Vor Tharros

So sind wir auch nicht allzu zuversichtlich, als wir die hinter der Sinis-Halbinsel liegende Bucht von Tharros anlaufen, doch der Platz erweist sich als hervorragend geschützt, kein bisschen Welle kommt um die Landspitze herum. Wieder einmal zeigt es sich, dass sich die Qualitäten eines Ankerplatzes (oder dessen Mangel an solchen) kaum an der Seekarte ablesen lassen, lokale Gegebenheiten wie der Tiefenverlauf und die Beschaffenheit des Meeresbodens spielen eine zu große Rolle.

Ankern darf man hier nicht, da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, aber es gibt ein Feld mit Muringbojen. Diese sind zwar nicht kostenlos wie in Porto Conte, aber gegen akzeptable 15 € pro Nacht zu benutzen – wenn man erst mal dahintergekommen ist, wie man diesen Obolus zu entrichten hat, die notwendigen Informationen zum nicht unkomplizierten Prozedere (Banküberweisung und anschließende Übermittlung der Überweisungsbestätigung an eine Mailadresse) sind nämlich ausschließlich auf Italienisch in den Tiefen etlicher Untermenüebenen der Webseite zu finden – und die Guardia di Finanza (ja, in Italien gibt es eine eigene Finanzpolizei!) kommt kontrollieren und verhängt empfindliche Bußgelder gegen ahnungslose Ausländer …

Nichts als Ruinen, aber davon eine Menge …

Der hervorragende Schutz dieser Bucht hat schon in der Bronzezeit zu einer Besiedlung geführt; die Phönizier bauten diese zur Stadt aus, die zur Zeit der Punier zu einer bedeutenden Hafenstadt wuchs. Nach der Eroberung durch die Römer war diese unter dem Namen Tharros bekannt. Heute stehen hier nur noch Ruinen – wie und wann es zur Zerstörung oder Aufgabe der Stadt kam, ist nicht genau bekannt.

Das Bojenfeld liegt direkt vor den Ruinen – Baden mit Aussicht auf über 3000 Jahre Geschichte, während wenige 100 Meter entfernt, auf der anderen Seite der Halbinsel, mächtige Wellen gegen die Felsen laufen, das hat schon was!

Wir bleiben noch eine weitere Nacht an der Muringboje vor Tharros, denn auch wenn der Wind sich auf zum Segeln geeignete Stärken beruhigt hat, so steht immer noch ein Schwell von gut 2 Metern, und es gibt voraus in erreichbarer Entfernung keinen einzigen Ankerplatz oder Hafen, in dem man bei solchen Bedingungen übernachten könnte.

Spiaggia di Funtanazza

Tags drauf sieht das anders aus: weniger als 1 Meter Schwell, Tendenz weiter abnehmend – dafür natürlich kein Wind mehr. Doch wie schon zuvor lohnt es sich zu warten: gegen 11 Uhr regt sich das erste Lüftchen aus West, und dann kann man den ganzen Nachmittag herrlich segeln. Der thermische Seewind scheint sich sehr zuverlässig einzustellen, wird – ohne Überlagerung mit ‚echtem‘ Mistral – nicht sehr stark, aber gerade stark genug, um zügiges und entspanntes Vorankommen unter vollem Tuch zu ermöglichen – so dürfte das immer sein!

Vorbei zieht eine Küste, an der sich Strände und felsige Abschnitte abwechseln, mit zunehmend hohen Bergen im Hintergrund, und die sehr dünn besiedelt ist – oder gar nicht, wie das umfangreiche militärische Sperrgebiet ums Capo Frasca. Hier schießt die NATO mit uran- und thoriumhaltiger Munition; die Krebsraten und Missbildungen bei Kindern in der Umgebung steigen dementsprechend, aber das ist natürlich kein Grund, dies zu unterlassen – und direkt nebenan befindet sich das Naturschutzgebiet, in dem man mit dem Anker keinen Posidonia-Halm krümmen darf! Ob da wohl mit zweierlei Maß gemessen wird?

Vor Funtanazza – die Hotelruine gerade nicht im Bild …

Aber im Sommer ruht in Italien alles, auch die so wichtige ‚Verteidigung‘, und so können wir ohne großen Umweg (und ohne beschossen zu werden) durch das äußere Sperrgebiet segeln. Am Nachmittag werfen wir den Anker vorm Strand von Funtanazza – auch hier unberührte Natur, mit einer nicht zu übersehenden Ausnahme: am Ufer steht riesengroß die Ruine einer Ferienanlage, welche für die Familien von Minenarbeitern in den 1950er Jahren errichtet wurde. Das sieht regelrecht unheimlich aus, aber ansonsten ist es hier schön, und tatsächlich wird der Schwell aus Nordwest immer weniger, so dass wir eine ruhige Nacht verbringen.

Spiaggia di Portixeddu
Vor Portixeddu

Am Donnerstag verfolgen wir die gleiche Taktik: erst mal warten bis sich der erste Westwind regt, und dann das Großsegel hoch und den Anker gelichtet, ohne die Maschine zu starten. Die als so zuverlässig gelobte Thermik zeigt sich heute aber prompt launisch: nach 10 Minuten schläft der Wind wieder ein, und die nächsten 6 Stunden dümpeln wir mit einem halben Knoten Fahrt dahin. Gegen 17 Uhr geben wir auf und starten den Motor, der uns in gut einer Stunde durch den Rest der gerade mal 13 Seemeilen langen Tagesstrecke schiebt. Kaum haben wir aber das Capo Pecora gerundet und vorm Strand von Portixeddu den Anker geworfen, kommt kräftiger Wind auf – auch nur für eine Stunde, aber immerhin. Mit der Wettervorhersage hatte jedenfalls all das nicht viel zu tun …

Sonnenuntergang hinterm Capo Pecora

Der Ankerplatz jedenfalls ist sehr schön vor dem winzigen Ort mit seinem langen Strand gelegen und bietet einen tollen Abendhimmel beim Untergang der Sonne hinter den schroffen Felsen; der Grund besteht aus einer ausgedehnten Fläche reinen Sandes, hier gibt es besten Halt für den Anker und eine Menge Platz. Schutz gegen den Nordwestwind und -schwell allerdings sucht man vergebens; für uns kein Problem, denn durch die anhaltende Flaute gibt es auch kaum Schwell, aber es verdeutlicht uns, dass wir ohne diese tagelange Schwachwindphase diese Küste auch nicht so kennenlernen könnten.

Spiaggia di Masua

Für den Freitag steht eine noch kürzere Distanz auf dem Plan: kaum 9 Seemeilen sind es bis zum Ankergrund vor Masua – und das ist auch gut so, denn wieder erfordert es sehr viel Geduld, diese Strecke unter Segeln bei abwechselnden Phasen von 4-5 und 0-1 Knoten Wind  zurückzulegen …

Pan die Zucchero voraus!

Dafür erwartet uns am Ziel eines der Postkartenmotive Sardiniens: die kleine Felseninsel Pan di Zucchero, die dicht vor der nicht weniger spektakulären Steilküste 133 Meter aus dem Meer ragt. Direkt gegenüber befindet sich einer der außergewöhnlichsten ‚Häfen‘ der Welt: Porto Flavia, 1924 als Erzverladehafen errichtet. Die ganze Gegend ist reich an Erzvorkommen, die Anfang des 20. Jahrhunderts so an Bedeutung gewannen, dass man eine neue Lösung für die Verschiffung des Erzes suchte – bis dahin wurde dieses von Hand in Körben am Strand auf kleine Segelschiffe verladen, die dieses dann nach Carloforte brachten, wo es – ebenso in Handarbeit – auf Dampfschiffe umgeladen werden konnte. Für den Transport von tausenden von Tonnen eine unvorstellbare Knochenarbeit – bis der Ingenieur Cesare Vecelli einen ungewöhnlichen Platz für einen Hafen fand: man sprengte hunderte Meter Tunnel und neuen riesige Silos in die Felsen der Steilküste, so dass die Erzfrachter darunter anlegen und per Förderband die Fracht übernehmen konnten; benannt wurde dieses technische Meisterwerk nach der Tochter Vecellis. Inzwischen wird die – weltweit einmalige – Anlage nicht mehr genutzt, kann aber besichtigt werden.

Toll ist auch der Ankerplatz davor: zwischen dem Pan di Zucchero und der Küste findet sich eine halbe Seemeile reinen Sandgrundes, von dem man auch auf 10 Metern Tiefe schon jedes Detail erkennen kann; bei 25 Grad Wassertemperatur wunderbar zur Abkühlung nach dem heißen, windstillen Tag, und das noch mit der Aussicht … der bislang beste Ankerplatz auf Sardinien!

San Pietro / Carloforte

Am Samstag bekommen wir etwas mehr und beständigeren Wind, so dass die Überfahrt nach San Pietro, einer der Sardinien im Südwesten vorgelagerten Inseln, mühelos gelingt; den Samstagabend ankern wir noch vor der kleinen Isola Piana, bevor wir am Sonntagmorgen in den Hafen von Caloforte einlaufen – wie immer gilt es, bei den gepflegten Marinapreisen die Aufenthaltszeit zu maximieren. Der Empfang in der Marina ist aber – wie bislang immer in Italien – ausgesprochen freundlich, und 10 Euro günstiger als im Internet ausgeschrieben ist es dann auch noch – Corona-Rabatt?!?

In Carloforte

Die Vorfahren der heute etwa 6000 Einwohner von Carloforte haben eine bewegte Geschichte hinter sich: ursprünglich aus einer Gegend an der ligurischen Küste stammend, sind sie 1542 auf die Insel Tabarca von der tunesischen Küste ausgewandert, um dort die nächsten 200 Jahre nach Korallen zu tauchen, bis dies nicht mehr einträglich genug war und praktisch die gesamte Einwohnerschaft auf die bis dahin noch unbewohnte Insel San Pietro umsiedelte und Carloforte gründete. Viel Ruhe fanden die Menschen dort aber zunächst nicht: 1798 wurden fast 1000 Einwohner von maurischen Piraten als Sklaven nach Nordafrika verschleppt, bis sie nach 5 Jahren freigekauft werden konnten.

Schöne restaurierte Häuser säumen die kleinen Straßen

So ist Carloforte kulturell gesehen eigentlich kein Teil von Sardinien: die Einwohner sprechen einen mittelalterlichen ligurischen Dialekt, und auch der Baustil mutet eher genuesisch an. Sehenswert ist es allemal: die vor 250 Jahren recht planmäßig angelegte Kleinstadt hat ihren Originalzustand weitgehend erhalten können, es macht Spaß die vielen kleinen Straßen zu erkunden und – wie sollte es anders sein – sich mit einem ausgezeichneten Gelato zu belohnen.

Allein die Versorgungslage ist eher bescheiden – es gibt zwar mehrere kleine Supermärkte, aber allzu gut bestückt sind diese nicht, und einen Wochenmarkt finden wir leider auch nicht; die Lage als Insel vor einer Insel hat wohl ihren Preis.

Punta Nera / Spiaggia di Guidi
Reichlich Ankerplatz für alle: Spiaggia di Guidi

Am Montagnachmittag verlassen wir Carloforte und segeln wenige Seemeilen bis zur Südspitze von San Pietro; wir runden die Punta Nera und finden gleich dahinter einen Ankerplatz vor Spiaggia di Guidi. Hier ist eine Menge los, aber wie immer verschwinden die meisten Boote am frühen Abend, und es kehrt Ruhe ein.

Die Bucht ist weiträumig und hat – anders als der Name andeutet (Spiaggia heißt Strand)- ein eher felsiges Ufer; vor allem fällt uns auf, wie spärlich hier alles bebaut ist; auf den Balearen stünde hier eine Luxusvilla neben der anderen …

Torre Cannai

Dienstagmorgen setzt der Wind schon früher ein, daher lichten wir schon um 10 Uhr den Anker und machen uns auf den Weg zur nächsten Insel, Sant’Antioco; diese kommt im Norden San Pietro recht nahe, erstreckt sich aber viel weiter nach Süden, so dass wir etliche Meilen an ihrer Westküste entlangsegeln, um hinter ihrem Südende Schutz für die nächste Nacht zu finden.

Das ging wohl schief – die ‚CDRY BLUE‘ auf den Felsen

Dabei passieren wir das Wrack des hier am 21. Dezember vergangenen Jahres in einem Sturm auf die Felsen getriebenen Frachters ‚CDRY BLUE‘; der 108 m lange Havarist war mit einer Ladung auf dem Weg von Cagliari nach Alicante (also gerade erst ausgelaufen), als er wegen zu schwerer See beidrehen und hinter Sant’Antioco Schutz suchen wollte – offenbar ist das Manöver misslungen. Dies und die im Internet zu findenden Bilder der italienischen Küstenwache vermitteln einen Eindruck davon, was an Sardiniens Westküste bei Mistral los sein kann …

Torre Cannai, eine sichere Ankerbucht in unberührter Natur

Tatsächlich erleben auch wir eine Zunahme der Windgeschwindigkeit bis auf 6 Beaufort und ansehnliche  Wellenhöhen, als wir Capo Sperone, das Südende der Insel, umrunden; gleich dahinter wird es aber wieder friedlicher, und in der Bucht vor Torre Cannai finden wir wieder einen wunderschönen Ankerplatz mit ausgedehnten Sandflächen und völlig unverbauter Natur – außer dem namensgebenden, alten Turm steht hier nichts. Nach Süden bietet sich ein hinreißender Ausblick auf die Gruppe der drei kleinen Inseln Il Toro, La Vacca und Il Vitello (Stier, Kuh und Kalb), und am Horizont zeichnet sich die bergige Südwestküste Sardiniens ab. Hier möchte man gerne länger bleiben, aber in wenigen Tagen zeichnet sich eine Windzunahme ab, und da wollen wir Sardiniens Südspitze umrundet haben – wir haben ja gerade gesehen, was Sturm hier anzurichten vermag …

Porto Tramatzu
Capo Teulada, die Südspitze Sardiniens

Knapp 20 Seemeilen liegen am Mittwoch vor uns, um die Südspitze Sardiniens, das Capo Teulada, zu runden. Eigentlich sollte schon ab dem frühen Vormittag ein recht gleichmäßiger Nordwestwind um 10 Knoten einsetzten, aber der lässt dann doch auf sich warten, so dass wir dann nach einigen Stunden Dümpelei doch den Gennaker rausholem – und, wie nicht anders zu erwarten, legt von dem Augenblick an der Wind zu. Je näher wir dem Capo Teulada kommen, gewinnen auch die Wellen an Höhe, und so gerät dann auch die Rundung des Kaps zu einer recht sportlichen Angelegenheit – bei über 20 Knoten Wind ist es gar nicht mehr so einfach, den Bergeschlauch über das Leichtwindsegel zu ziehen.

Hinterm Kap beruhigt es sich sehr schnell wieder; im Lee der Bergrücken segeln wir erstmals seit Wochen wieder auf nördlichem Kurs. Eine traumhafte Ankerbucht nach der anderen zieht vorbei, doch das gesamte Gebiet ist – mal wieder – militärisches Sperrgebiet und darf eigentlich nicht befahren werden. Dennoch sehen wir einige Boote dicht unter Land – wie man liest werden die Verbote im Juli/August nicht durchgesetzt, aber nach irgendeiner offiziellen Aussage, ob man nun dort ankern darf oder nicht, haben wir vergeblich das halbe Internet durchsucht.

Hochbetrieb am Strand, aber ansonsten Natur pur: Porto Tramatzu

Die erste ‚legale‘ Ankermöglichkeit – Porto Tramatzu – ist nicht viel weniger hübsch als die vorher passierten Buchten, nur naturgemäß deutlich voller: einige Yachten ankern hier schon, und am Strand herrscht reger Badebetrieb. An kleinen Muringbojen warten rund 25 gut motorisierte RIBs auf Mieter – wir wissen durchaus zu schätzen, dass diese zur Zeit durch Abwesenheit glänzen, sonst müsste man wohl die Weingläser auf dem Cockpittisch festkleben …

Baia di Nora
Capo Spartivento, die Windscheide Südsardiniens

Am Donnerstag ist er dann wieder da, der Mistral; für den Nachmittag sind 6 Beaufort angesagt, am Vormittag weht es noch etwas verhaltener. Da Porto Tramatzu in einem tiefen Einschnitt liegt und wir daher zunächst Südostkurs segeln, freuen wir uns über 4-5 Knoten Fahrt nur unter Vorsegel, bis wir kurz nach 12 Uhr das Capo Spartivento erreichen, und feststellen müssen, dass dieses seinen Namen – ‚den Wind  teilend‘ – nicht umsonst trägt: statt den Nordwest hinter dem Kap in abgeschwächter Form zu erfahren, bekommen wir wild umlaufende Windrichtungen, durchsetzt mit fast völliger Flaute. Verrückt, wenn man bedenkt, dass über hunderte Seemeilen kräftiger Mistral übers Mittelmeer heranweht, aber genau von dieser Ecke an ist man offenbar hinreichend weit ‚hinter‘ den Bergen Sardiniens, um in das Wettersystem der Ostküste zu kommen.

Die Baia di Nora
Römisches Theater, Nora

Wenn wir damit auch windmäßig die Westküste als abgeschlossen betrachten können und auch nicht mehr weit von Cagliari entfernt sind, so bietet dieser Küstenabschnitt aber noch ein besonderes Ziel an: die Baia di Nora bei der kleinen Stadt Pula. Diese bietet nicht nur großflächige Ankergründe mit türkisfarbenem Wasser über weißem Sand vor grüner Bergkulisse – das ist ja nun wirklich nichts Besonderes mehr – sondern eine Ausgrabungsstätte mit den Ruinen der wohl ältesten Stadt Sardiniens, Nora.

Reste luxuriöser Villen …

Im Jahre 1889 wurden durch eine Springflut auf einer kleinen Halbinsel alte Überreste freigelegt; man fing an zu graben – und ist bis heute nicht fertig damit: in Schichten finden sich die Spuren von knapp 3000 Jahren Besiedlung. Die erste Stadtgründung geht auf die Phönizier im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück, Menschen lebten hier aber schon seit der Bronzezeit, wie im phönizischen Tempel wiederverwendete, aus Nuraghen stammende Steinblöcke beweisen. Den Phöniziern folgten die Karthager, bis im Jahre 238 v. Chr. Sardinien von den Römern erobert wurde; aus den darauf folgenden Jahrhunderten stammen die meisten der ausgegrabenen Relikte. So findet man etwa ein gut erhaltenes römisches Theater, die Überreste einer einst beeindruckend großen Therme sowie hunderte Grundmauern von Häusern, einige davon großzügige Villen, deren kunstvolle Mosaikböden zum Teil immer noch vollständig erhalten sind.

… mit teilweise hervorragend erhaltenen Mosaikböden

Man geht zum Teil auf den alten römischen Straßen – ein merkwürdiges Gefühl, die Füße auf jahrtausendealte Pflastersteine zu setzen und sich vorzustellen, wie es damals rundherum ausgesehen haben mag, wie sich der Alltag der hier lebenden Menschen gestaltete, wie belebt wohl das Forum, wie prachtvoll ausgestattet die Thermen waren. Mit dem Untergang des römischen Reiches verfiel die Stadt und versank – wie ganz Europa – in ein tausendjähriges Vergessen.

Abendstimmung überm Ankerfeld in der Baia di Nora

Da dies unser letzter Ankerplatz vor Cagliari ist und es uns gut gefällt, bleiben wir ganze drei Nächte; am Samstag füllt es sich dann auch ganz beträchtlich, sicher 20 Segler ankern mit uns und bleiben auch über Nacht, dazu noch viele kleinere Motorboote, die nur zum Baden kommen – mit so vielen Booten haben wir lange nicht mehr in einer Bucht geankert! Aber Platz ist ja hier genug; fragt sich nur, wieviel weniger in diesem Jahr los ist als üblicherweise – immerhin, die ersten Deutschen auf einem Charterboot sehen wir auch (und ausgerechnet die müssen dadurch negativ auffallen, dass sie eine Bootslänge hinter uns ankern müssen, während eine halbe Seemeile Platz zur Verfügung stünde …).

Cagliari
Cagliari liegt vor uns

Sonntag legen wir dann die letzten 15 Seemeilen bis zu unserem Sommerlager in Cagliari zurück, bei gleichmäßigen 10 Knoten Rückenwind und ruhiger See nochmal schön unter Gennaker; gegen 16 Uhr treffen wir dann in der Marina del Sole ein – hier soll die ‚Orion‘ am Dienstag aus dem Wasser gekrant werden.

Bis dahin bleibt noch eine Menge zu tun: es gilt herauszubekommen wo man Farben und Material zu vernünftigen Preisen bekommen kann, das Dinghi muss gesäubert und zusammengelegt, die Aries, unsere Windsteueranlage, demontiert und gewartet, und die Einzelheiten des Kranvorgangs mit dem Marinapersonal besprochen werden – wir sind nicht wenig nervös, wie das so werden wird …

Die ‚Orion‘ hängt am Haken

Am Dienstag den 21. August ist es dann soweit: die ‚Orion‘ wird mit stehendem Mast aus dem Wasser gehoben, ein ganzes Stück durch den Hafen auf das Lagergelände gefahren und dort auf einem Lagerbock abgesetzt. Dann kann es auch schon losgehen: noch am Dienstag werden alle Anbauteile demontiert, Mittwochmorgen noch ‚eben‘ Farbe besorgt (zwei Stunden mit dem Fahrrad quer durch die Stadt), und dann beginnt das große Schleifen: da die alte Lackierung so sehr gelitten hat, muss richtig viel runter, bis Samstagmittag läuft das Schleifgerät ganztägig – bei 35 Grad im Schatten kein Vergnügen … 

Mit der ersten Schicht Primer sieht es aber schon wieder viel besser aus, und am Sonntag folgt dann auch der Decklack; nur mit den blauen Streifen gibt es ein Problem: damit man bei diesen Temperaturen überhaupt lackieren kann, hat uns das Farbenfachgeschäft einen besonders hochsiedenden Verdünner empfohlen; das hat auch gut funktioniert, aber nun trocknet der Lack halt so langsam, dass er noch nicht abgeklebt werden kann – erst Stress, dann Warten 🙁