Lockdown auf Astypalaia (07.11. – 19.05.)

Noch am Freitagnachmittag besucht uns ein Beamter von der lokalen Polizei, um uns in flüssigstem Englisch über den bevorstehenden Lockdown zu informieren: alle Geschäfte bis auf Lebensmittelläden sind geschlossen, es besteht allgemeine Maskenpflicht auch im Freien, und man darf nicht mehr grundlos seine Wohnung verlassen. Die Liste der möglichen Gründe ist aber um einen entscheidenden Punkt länger als seinerzeit in Spanien: Ausübung körperlicher Betätigung im Freien, mit bis zu zwei Personen, ist erlaubt – man muss sich nur selbst eine Genehmigung ausstellen: ein Zettel, auf den man Name, Anschrift, Ausgangszeit und -grund schreibt, genügt! Davon konnten wir auf Ibiza nur träumen …

Die Corona-Gestrandeten im Hafen von Astypalaia

Auch weiteren, stark von den Erlebnissen im Frühjahr beeinflussten Fragen begegnet der junge Mann mit merklichem Erstaunen: ja, natürlich dürfen wir den Hafen jederzeit verlassen, um irgendwo in der Nähe zu ankern, dabei käme man ja schließlich nicht mit anderen Menschen in Kontakt; und ja, selbstverständlich dürften wir dann dennoch jederzeit zurückkommen, um Schutz zu suchen, einzukaufen oder Wasser zu bunkern; genauso dürften wir auch die ganze Zeit bleiben wenn uns das lieber sei, und kostenlos sei das alles ohnehin – dies sei ja schließlich ein Schutzhafen, dafür sei er ja da. Der Beamte zeigt auch keinerlei Ambitionen, sich irgendwelche Ausweise oder Bootspapiere zeigen zu lassen oder diese gar zu fotokopieren, und freundlich ist er ohnehin – so unterschiedlich kann man also in verschiedenen Ländern mit ein und derselben Problematik umgehen; wir bedanken uns herzlich und denken im Stillen: dreitausend Jahre Zivilisation hinterlassen eben doch ihre Spuren!

Wir ergänzen also noch einige Vorräte und richten uns auf einen mehrwöchigen Aufenthalt in den Gewässern um Astypalaia ein; im Prinzip dürften wir sogar weitersegeln, aber andere Inseln zu besuchen, auf denen man sich dann nichts anschauen kann, erscheint auch nicht so sinnvoll, und dieser Flecken Erde lädt durchaus zum Verweilen ein: es gibt eine große Auswahl an schönen und sicheren Ankerbuchten, und die ganze Stimmung ist sehr entspannt. Am Montag verlassen wir den Hafen, denn es soll wieder windiger werden, und wir fanden es wesentlich angenehmer, letzte Woche bei Starkwind vor Analipsi zu ankern, als am Wochenende im kabbeligen Hafen in die Festmacher zu rucken.

Schöne Aussicht: Abendstimmung über der Bucht von Analipsi

Genau dorthin segeln wir auch zurück und verbringen den Rest der Woche bei meistens sonnigem Wetter und spätsommerlichen Temperaturen (für deutsche Verhältnisse) vor Anker. Der Minimarkt im Dorf ist weiter geöffnet, und man kennt sich bald besser, so dass wir auf Bestellung auch frische Backwaren bekommen, die aus der Chora geliefert werden. Die Besitzerin hat immer Zeit für ein nettes Gespräch und erzählt davon, wie schwer dieses Jahr für die Inselbewohner wat, weil kaum Touristen gekommen sind; hier hat man das Gefühl, dass neben den praktischen Reisebeschränkungen auch die Angst vor möglichen Gefahren viele Ausländer von einer Griechenlandreise abgehalten hat. So stellt sich heraus, dass viele Einheimische ihre Masken aufsetzen, um uns Ausländer nicht abzuschrecken – selbst hält man hier nicht so viel davon … nun, kein Kunststück auf einer 1400-Einwohner-Insel ohne Kontakt zum Rest der Welt, auf der es keinen einzigen (!) Infizierten gab oder gibt, die Sache entspannt zu sehen. Einmal am Tag fährt der Inselpolizist seine Runde und wird vorher per Telefonkette angekündigt, so dass alle schnell ihre Masken aufsetzen können, ihm freundlich zuwinken – und danach die Angelegenheit wieder bis zum kommenden Tag vergessen können. Es würde uns nicht wundern, wenn man mit dem richtigen Klopfzeichen an der Hintertür abends auch Einlass in der Taverne findet …

Inzwischen haben wir auch Gesellschaft bekommen, die österreichische Yacht ‚Vitamine‘ ankert neben uns, und da sich – schon wieder ganz anders als im Frühjahr vor Sant Antoni – wirklich kein Mensch dafür interessiert, was die Segler so untereinander treiben, können wir das eine oder andere Glas Wein zusammen trinken und Seemannsgarn spinnen 🙂

Am 16. November, nach genau einer Woche vor Analipsi, entscheiden wir uns, mal wieder für eine Nacht in den kaum drei Seemeilen entfernten Hafen zu fahren, denn wir müssen Trinkwasser bunkern. Dort erwartet uns eine Überrschung: wir haben die Leinen noch nicht fest, und der Motor läuft noch, als zwei Uniformierte in heller Aufregung auf uns zulaufen und erklären, wir müssten sofort wieder ablegen! Es stellt sich heraus, dass diese nichts davon wussten, dass wir schon seit 14 Tagen auf der Insel sind und dachten, wir kämen von anderswo und hätten womöglich Viren an Bord. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten am nächsten Morgen bringt endgültig Rechtssicherheit: es bleibt dabei, wir dürfen kommen und gehen wie wir wollen, solange wir nicht zwischendurch andere Inseln anlaufen. Mit Regeln, die in einem Sinnzusammenhang mit der Virusausbreitung stehen, können wir ja gut leben, also ist wieder alles gut, und wir wollen auch gleich wieder auslaufen, da die kommende Nacht ausnahmsweise mal schwach windig werden soll und wir so zur Abwechslung eine kleinere Ankerbucht besuchen können.

Ormos Lanta / Kounoupoi

Wir segeln zur kleinen Insel Kounoupoi ganz im Südosten des Astypalaia-Archipels; diese bietet zwei wunderschöne Ankerbuchten, offen nach Osten und Westen, getrennt nur von einem Kiesstrand. Wir entscheiden uns für die westliche Bucht, Ormos Lanta, und ankern auf 5 m Tiefe in perfekt klarem Wasser. Die Insel ist unbewohnt, wir teilen sie nur mit einigen Ziegen; da diese keine Masken tragen, nutzen auch wir die Gelegenheit für eine Wanderung ohne Ausgangserlaubnis und erfrischen uns anschließend mit einem Sprung ins immer noch 23 Grad warme Wasser. Dabei zeigt sich, dass der Anker auf dem recht felsigen Grund nicht gut eingegraben ist; gleich daneben liegt jedoch ein großer Betonklotz von einer alten Muring in viereinhalb Metern Tiefe auf dem Boden, eben einen langen Festmacher durch die eingegossene Kette gefädelt, und schon liegt die ‚Orion‘ sicher für die Nacht.

Sonnenuntergang vor Astypalaia

Der Abend ist wundervoll, und wir bekommen endlich mal wieder uneingeschränkte Sicht auf den Sonnenuntergang; nur eine kleine Mondsichel erhellt den vollkommen wolkenlosen Himmel, so dass Millionen von Sternen funkeln und die Milchstraße so hell leuchtet, dass man in ihrem Schein lesen zu können meint. Ein kleiner Abstecher, der sich unbedingt gelohnt hat!

Mittwoch müssen wir dennoch wieder zurück nach Analipsi segeln, der Nordwind soll im Laufe des Tages wieder zulegen und dann den Rest der Woche mit den üblichen 6 Beaufort wehen, da wollen wir doch lieber in der geräumigeren Ankerbucht liegen.

So kommt es dann auch – und als Zulage gibt es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag noch schwere Gewitter, die sich über mehrere Stunden genau über dem östlichen Flügel der Insel austoben, also ganz in unserer Nähe. Wenn auch das persönliche Risiko bei Blitzschlag im Inneren eines Stahl- (oder allgemein Metall-)bootes denkbar gering ist, so bedeutet ein Volltreffer dennoch den Totalausfall praktisch sämtlicher Elektronik an Bord – alles andere als eine angenehme Vorstellung, hier Ersatz zu beschaffen wäre fast unmöglich. Aber die ‚Orion‘ bleibt verschont, das Gewitter fordert keine weiteren Opfer als den Schlaf dieser Nacht.

Zum Wochenende wird es wieder sonnig, und wir verbringen angenehme Tage vor Anker – etwas langweilig wird es so langsam aber doch auch … zur ‚Abwechslung‘ fahren wir am Montag mal wieder für eine Nacht in den Inselhafen, um die Batterien zu laden – wenn es schon kostenlos Strom gibt, muss man ja nicht den Generator bemühen. Das Anlegemanöver (rückwärts mit Buganker) wird schon zur Routine, ebenso die Begrüßung durch die schottischen Nachbarn, die seit Beginn des Lockdowns im Hafen ausharren.

Dienstag setzt wieder Nordwind ein, und wir segeln zurück zum Ankerplatz nach Analipsi, wo wir die nächsten zwei Tage bei 6 Windstärken und Sonnenschein die Zeit totschlagen.

Bei herrlichem Wetter runden wir die Südostspitze Astypalaias

Zum nächsten Wochenende – dem dritten des Lockdowns – kommt dann die Nachricht, dass dieser um mindestens eine Woche verlängert wird; nun, wir sind nicht wirklich überrascht. Da außerdem Südwind angekündigt ist – ein absolutes Novum nach vier Wochen Nord – beschließen wir, die ganze Insel zu umrunden und eine Ankerbucht auf der anderen Seite aufzusuchen – die ‚Vitamine‘ ankert dort schon seit ein paar Tagen und vermeldet, dass sich der Ausflug lohnt. Unglaubliche 19 Seemeilen legen wir am Freitag zurück – und bekommen auch noch mehr Abwechslung, als uns lieb ist: auf Amwindkurs reißt das Fall des Code Zero, und das Segel landet im Wasser – nicht zum ersten Mal, aber Ende Mai auf den Balearen war es noch die Umlenkrolle, die aufgegeben hat, nun hat sich das statt dessen über einen Schäkel geführte Fall selbst durchgescheuert.

Die fast völlig abgeschlossene Bucht Vathy (die Zufahrt hinten links im Bild)

Mit tropfnassen 60 Quadratmetern Segeltuch an Deck erreichen wir am Nachmittag die Bucht Vathy. Diese misst in Ost-West-Richtung etwa eine Seemeile, in Nord-Süd-Richtung etwa ein Viertel davon, und ist vollkommen von Bergen umschlossen – bis auf eine schlauchartige Öffnung, die man gerade mit einem Kielboot passieren kann. Schwere See gibt es hier nicht, egal was draußen los ist, und die ganze Bucht hat durchgängig brauchbare Wassertiefen zum Ankern – ein Traum! Einzig die Versorgungslage lässt zu wünschen übrig, der gleichnamige Ort zählt stolze 11 Einwohner, und der nächste Supermarkt ist der uns gut bekannte Laden in Analipsi, nun aber 12 Kilometer und 300 Höhenmeter entfernt – pro Weg, versteht sich.

Der Ort Vathy in seiner ganzen Ausdehnung

Aber erst mal sind wir gut versorgt, und am Samstag ist herrliches Wetter und endlich auch mal nicht so viel Wind – die beste Gelegenheit für eine ausgedehnte Wanderung durch die Berge. Die Lockdown-Regeln geben so ausgedehnte Ausflüge zwar nicht unbedingt her, aber wenn diese in Analipsi schon nicht so ernst genommen wurden, dann hier erst recht nicht – die Anfahrt für den Dorfpolizisten führt schließlich auch über die gleiche Schotterpiste, die wir zum Supermarkt laufen müssten, und das tut er doch nicht grundlos seinem schönen Auto an …

Nach dem Passieren der wenigen Häuser befinden wir uns auch bald mitten in der Wildnis; der Feldweg endet an einer kleinen Kirche, und danach bahnen wir uns unseren Weg durch quadratkilometerweise Ziegenland – absolut nichts deutet darauf hin, dass hier schon einmal Menschen waren, es gibt auch keine Andeutung von Pfaden. Das Vorwärtskommen ist entsprechend mühsam, aber die traumhaften Aussichten über die felsige Landschaft und das glitzernde Meer sowie die sommerliche Wärme belohnen uns reichlich – ein wirklich schöner Tag!

Kein Haus, kein Weg – aber jede Menge Ziegen!

 

Die Reste der frühzeitlichen Befestigungen

Auch am Sonntagmorgen lässt sich die Sonne noch blicken, und wir können die Halbinsel direkt hinter unserem Ankerplatz erkunden; hier hat man Relikte alter Besiedelung ausgegraben, man erkennt gut die Reste einer imposanten Befestigungsanlage, außerdem hat man Gräber freigelegt. Laut Internetrecherchen datiert man diese auf das späte vierte bis frühe dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, also in den Übergang von der Jungsteinezeit zur Bronzezeit – faszinierend, welche Aktivitäten die Menschen hier schon vor so langer Zeit entfaltet haben, und welch weitreichende Handelsverbindungen es bereits gab, wie man aus den Funden weiß.

Unsere Ankerbucht

Am Sonntagnachmittag setzt dann der erwartete Südwind ein – und bringt Regen mit sich. Wir warten unter Deck auf die Wiederkehr der Sonne …

Die lässt selbst am übernächsten Tag noch auf sich warten, aber der Wind hat auf Nord zurückgedreht, und das nutzen wir, um zurück in den Hafen auf der Südseite der Insel zu segeln – die Batterien haben mal wieder eine Aufladung nötig, und der Kühlschrank ist auch recht leer. Immer noch drohen Schauer, und recht kühl ist es mit 16° auch, so dass wir tatsächlich in den Tiefen der Schränke nach der Ölzeugjacke suchen – in der Kombination mit der Badehose als ‚Mittelmeer-Ölzeug‘ getragen passt das ganz gut zum Wetter.

An der Südwestseite Astypalaias kreuzen wir unseren Kurs vom 1. November

Die Jacke bleibt aber trocken, und auf der Höhe der Südwestseite der Insel kommt auch die Sonne raus – wir haben die etwas längere Route gegen den Uhrzeigersinn gewählt, um nach genau einem Monat die Umrundung von Astypalaia abzuschließen. Nach 25 Seemeilen (das letzte Stück aufgekreuzt) erreichen wir den Hafen und legen an unserem Stammplatz an, wobei die Nachbarin vom schottischen Boot die Leinen entgegennimmt – alles wie immer …

Die nächsten Tage bleiben wir erst mal hier, erledigen die Einkäufe, waschen per Hand ein paar Sachen durch – und warten gespannt auf Nachrichten von der weiteren Entwicklung. Die kommen am Donnerstag – natürlich gibt es die nächste Lockdown-Verlängerung 🙁 Auf Astypalaia ist es ja richtig nett, aber so langsam bereitet uns die Wetterentwicklung Sorge, nach der stabilen Nordlage im November kündigen sich jetzt immer mehr Südstürme an, und die sind hier deutlich gefährlicher als die Windstärke-7-Schönwetter-Meltemis.

Dennoch verlassen die Nachbarn von der ‚Unda‘ den Hafen – sie haben von der Port Police auf Kreta eine Sondererlaubnis zum Einlaufen bekommen (wohl wegen irgendwelcher Passangelegenheiten – mit Corona und Brexit ist man aber auch wirklich doppelt gestraft), und auf den 90 Seemeilen dahin gibt es eh keine Zwischenstopps. Wir aber müssen wohl weiter ausharren und dabei nervös die Wettervorhersagen studieren …

Astypalaia im Adventsschmuck

Unterdessen ist den ganzen Tag das Dorfverschönerungskomitee tätig und schmückt die Uferpromenade und die Kaianlage mit weihnachtlichem Lichterschmuck (unter den Augen der Port Police ohne Masken zu tragen; na ja, wofür auch auf unserer nach wie vor coronafreien Insel). Das passt zwar nicht so ganz zur Witterung – mit dem Scirocco steigen die Temperaturen wieder über 20 Grad – aber wir freuen uns über das beachtliche Engagement in dieser winzigen Gemeinde!

In der Nacht zum Freitag bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf die Verhältnisse im Hafen bei Südwind: draußen haben sich etwa anderthalb Meter Schwell aufgebaut, und im Hafenbecken wird es ganz schön kabbelig – und das bei einer Windgeschwindigkeit von gerade mal 20 Knoten …

Blick über die Chora und den Hafen; in der Bildmitte winzig klein liegt die ‚Orion‘

Zwei Tage später haben sich die Wolken zusammen mit dem Wind weitgehend verzogen, es weht nur noch eine laue Brise aus Südost; für uns eine Gelegenheit, die erlaubte ‚Sportliche Betätigung im Freien‘ mal etwas auszudehnen und eine ganztägige Wanderung über die Insel zu unternehmen. Wir erklimmen zunächst die Bergflanke über dem Hafen und erhalten von dort die ersten tollen Ausblicke über die Chora; die asphaltierte Straße geht wenige Meter nach den letzten Häusern in eine Schotterpiste über, und dabei bleibt es dann auch. Die Masken wandern in die Hosentasche, wir sehen in den nächsten Stunden keine Handvoll Menschen. Das Wetter ist für unsere Vorstellung dieser Jahreszeit – wir schreiben den 5. Dezember – unbeschreiblich: die vom tiefblauen Himmel strahlende Sonne hat noch ordentlich Kraft, der sanfte Wind ist bei Lufttemperaturen deutlich über 20 Grad mehr als willkommen, denn der Schweiß fließt in Strömen, während wir höher und höher in das gebirgige Innere der Insel vordringen. Feinstes T-Shirt-Wetter – wäre es noch wärmer, würde Bergwandern keinen Spaß mehr machen, so ist es perfekt.

Blick nach Osten über Astypalaia; gut zu erkennen die schmale Inselmitte mit den großen Buchten nach Norden und Süden; rechts der Mitte Analipsi, links hinten Vathi

 

Warum wohl Blau und Weiß die griechischen Farben sind ….

Auch unser Weg ist es: wir bauen langsam und beständig etwa 300 Höhenmeter auf und können dann kilometerweit auf dieser Höhe laufen und die Aussicht genießen. Im Laufe der Wanderung kommen praktisch alle Seiten der äußerst verzweigten Küste mal ins Blickfeld; die Fernsicht ist hervorragend, wir können deutlich im Osten das türkische Festland und im Süden als Andeutung am Horizont sogar die weit entfernte (aber auch sehr hohe) Insel Kreta erkennen. Eigentlich wollten wir nach einigen Kilometern umkehren, aber es gefällt uns so gut, dass wir spontan beschließen, eine große Runde zu gehen, die uns bis in die fast 500 Meter hohen Felsenkämme an der Westküste führt. Die Luft duftet stellenweise so intensiv nach Thymian und Salbei, dass man sich wie mitten in einem Kräutergarten fühlt – ein Traum!

Frühling im Dezember

Am höchsten Punkt unserer Wanderung überwinden wir einen Bergkamm aus steil aufragenden Felsen an einem kleinen Sattel; direkt dahinter finden wir eine hübsche Kapelle über einer sonnenbeschienenen und feuchteren Südwestflanke, auf der unzählige Krokusse blühen – wir fühlen uns in jeder Hinsicht ins Frühjahr versetzt.

Als wir nach knapp 20 Kilometern und 6 Stunden wieder an Bord sind, können wir gar nicht aufhören uns über einen sehr schönen Tag zu freuen – wären nicht die unheilverkündenden Wettervorhersagen, könnte es uns kaum besser gehen als im Lockdown auf Astypalaia

Am Nikolaustag verlassen wir den Hafen wieder, da für den nächsten Tag mal wieder Starkwind aus Süd angekündigt ist; bei (noch) herrlichem Wetter runden wir erneut die Ostseite der Insel und steuern die Bucht Vathi an, die wir ja schon in der Woche zuvor kennengelernt hatten.

Die Kaltfront mit Starkregen und Gewitter ist aber bei weitem nicht das Schlimmste, was der Montag bringt: es wird die Meldung verbreitet, dass das Verbot für Reisen innerhalb Griechenlands bis zum  7. Januar verlängert wird! Und das, während die Wettervorhersagen immer nur mehr Wind und noch mehr Wind vermelden … so langsam fangen wir an, die Situation als wirklich kritisch zu empfinden – und an Absurdität nicht zu überbieten: die ‚Schutzmaßnahmen‘ bringen in einem Gebiet, in dem es überhaupt keine Infizierten gibt, die Gesunden in Lebensgefahr …

Inselspaziergang

Mittwoch ist zur Abwechslung mal wieder ein Schönwettertag mit mäßigem Wind, was wir für einen Landgang nutzen; wir setzen mit dem Dinghi zur Südseite unserer Bucht über und versuchen, von dort einen kürzeren Weg zur Inselmitte zu finden, was uns auch gelingt; so langsam lernen wir wirklich die ganze Insel kennen (die außerhalb der Besiedlungsachse ChoraAnalipsi wirklich praktisch menschenleer ist, von den 11 Einwohnern Vathis abgesehen). Schön ist es hier auch, und nach dem häufigeren Regen der letzten Wochen sprießt sogar überall frischen Grün!

Zum Wochenende wird es wieder regnerischer, erst am Montag dreht der Wind endlich wieder auf Nord – wir wissen ja inzwischen, das bringt beständigeres Wetter! Windiges aber auch – und da es diesmal praktisch keine Lücke mit nutzbarem Wind zwischen Starkwind aus Süd und Starkwind aus Nord gibt, bleiben wir erst mal in Vathi, um feststellen zu können, dass auch der Nordschutz dort sehr gut ist. Somit ist es vor Anker in der Bucht aber auch schwer, die Bedingungen draußen zu beurteilen: am Mittwoch nämlich beschließen wir, wieder die Reise um die Insel anzutreten, da ’nur‘ noch gut 20 Knoten Nordwind angesagt sind. Kaum stecken wie die Nase aus der Einfahrt zur Bucht, zeigt das Anemometer eher 30 Knoten – wahrer Wind, nicht scheinbarer. Und die ersten drei Seemeilen müssen wir nach Norden gegenan …

Angesichts der überschaubaren Distanz beschließen wir trotz der beeindruckenden Wellen, mal ein wenig zu experimentieren, wie man denn ernsthaft bei Windstärke 7 Strecke gegen den Wind machen kann; wir untersuchen drei Möglichkeiten:

    • mit viel Segelfläche: das geht erstaunlich gut – entgegen unserer Erwartung stoppen uns die Wellen keineswegs auf, sondern wir machen bei einem Winkel von 60 Grad zum wahren Wind fast 6 Knoten über Grund. Das hat allerdings seinen Preis: die ‚Orion‘ liegt mit 30 bis 40 Grad auf der Seite (wiederum gemessen, nicht gefühlt – darüber reden wir nicht …), und die durchaus mal 4 Meter messenden Wellen gehen massiv übers gesamte Vorschiff, am Steuerrad kommen die von der Sprayhood abgelenkten Wassermassen dann herunter …
    • mit wenig Segelfläche: das geht erstaunlich schlecht – nur mit Kuttersegel reduziert sich zwar die Lage des Bootes und die Wasserbelastung des Steuermanns drastisch, die Fahrt aber auch, bei gleichem Windwinkel sind kaum noch drei Knoten herauszuholen.
    • unter Maschine gegenan; katastrophal. Gerade mit unserer arg klein bemessenen Schraube bringt der Motor die Kraft nicht aufs Wasser, man hört am Geräusch dass wir nur die See schaumig schlagen; mehr Drehzahl bringt nur mehr Schaum. Die ‚Orion‘ stampft sich mit kaum anderthalb Knoten fest.

Unser Fazit: das Boot kann das verdammt gut, wenn man es entsprechend segelt. Die Crew allerdings braucht definitiv keine 7 Windstärken und dazugehörigen Wellen – die Vorstellung, so statt einer halben Stunde einen ganzen Tag (oder länger) am Steuer zu stehen, ist äußerst abschreckend (von kälterem Wasser als 19 Grad wollen wir mal gar nicht anfangen). Wir müssen wohl doch eingestehen, eher Schönwettersegler zu sein 🙂

Nach dem Runden der Inselspitze sind wir entsprechend froh, abfallen zu können und legen den Rest der Strecke zügig und ohne besondere Vorkommnisse zurück; hinter dem Südostende Astypalaias kommen wir in die Wellenabdeckung, der Wind schafft es aber ganz gut über die Insel: auf Halbwindkurs mit Windstärke 6 und glattem Wasser, ein Traum!

Am Donnerstag bekommen wir Bescheid von der Küstenwache aus Kalamata, wo wir angefragt hatten, ob wir denn unter Umständen dort auch vorzeitig eingelassen würden; nein, keine Chance; und die Tatsache, dass wir seit 7 Wochen vor einer vollkommen virenfreien Insel ankern und somit wohl die uninfektiösesten Menschen Europas sind, spielt dabei auch keine Rolle (wie es ja bei Sachargumenten immer der Fall zu sein scheint, wenn es um Corona geht). Nun ja … die (übrigens ganz ausgesprochen netten und hilfsbereiten!) Kollegen von der lokalen Küstenwache  können daran auch mit ausgedehnten Telefongesprächen nichts ändern, also bleiben wir hier, egal was kommt und wie lange es dauert – vom Problem des Südsturmrisikos mal abgesehen können wir damit ja auch gut leben.

Wir bleiben zwei Nächte im Hafen, am Freitag fahren wir wieder rüber nach Analipsi, um dort zu ankern; der Samstag bringt sonniges Wetter, Sonntag ist es etwas trüber, aber Montag setzt wieder stärkerer Nordwind ein, welcher die Wolken wegpustet.

Nur eine schmale Landbrücke verbindet die beiden Inselhälften

Wir unternehmen eine Wanderung über die Inselmitte zum neueren Fähranleger auf der Nordseite und staunen dabei, wie schmal die Verbindung der beiden Inselhälften tatsächlich ist – viel mehr als eine Straße passt da wirklich nicht drauf! Gäbe es eine Klappbrücke nach holländischem Vorbild, könnte das die Zeit für einen wetterbedingten Wechsel der Inselseite drastisch verkürzen 🙂

Agios Andreas, der neue Fährhafen, hat auf seiner Innsenseite auch Platz für ein paar kleine Boote; mehrere Fischer liegen dort, aber für ein Segelboot wäre gerade noch Platz – für einen möglichen Sturm aus Süd der beste Platz, den wir bislang ausfindig machen konnten. Die Frage, ob man dort denn auch Schutz suchen dürfe, hat übrigens bei der Coast Guard mal wieder Erstaunen ausgelöst: dafür sei ein Hafen doch schließlich da … an unserer deutschen Erwartungshaltung, alles im Zweifelsfall erst mal für verboten zu halten und nur im Ausnahmefall für erlaubt, müssen wir hier doch noch arbeiten, denn in Griechenland ist es eher umgekehrt!

Die ‚Hauptstadt‘ der Insel voraus – T-Shirt-Segeln an Heiligabend

Am Morgen des 24. verlassen wir den Ankerplatz und fahren zurück in den Inselhafen – zum Plätzchenbacken und für die Zubereitung eines opulenten Weihnachtsmenüs lockt der Landstromanschluss 🙂 Das Wetter ist hinreißend: die Luft durchaus kühl, so dass es sich nicht völlig unwinterlich anfühlt, aber die vom unendlich weiten und tiefblauen Himmel strahlende Sonne wärmt so, dass man bequem im T-Shirt segeln kann.

Kaum im Hafen angekommen, knattert ein uns unbekannter Mann auf seinem betagten Moped heran und reicht uns eine Tüte mit selbstgepflückten Orangen und hausgemachtem Gebäck herüber – from the family of my cousin … nun, das engt die Urheberschaft nicht wirklich ein, den jeder Inselbewohner ist Cousin oder Cousine werweißwievielten Grades eines Großteils der jeweils anderen 🙂 Jedenfalls sind wir wirklich ergriffen: wo bekommt man schon Weihnachtsgeschenke von Fremden? Jemandem muss das Schicksal der fern der Heimat gestrandeten Segler wohl zu Herzen gegangen sein! Wir sind einmal mehr aufrichtig beeindruckt davon, mit wieviel Freundlichkeit und Menschlichkeit man uns hier begegnet – in kaum drei Monaten haben die Griechen im Allgemeinen und die Menschen auf Astypalaia im Besonderen unsere Herzen erobert – so vermissen wir zwar unsere Freunde in der Heimat, können uns aber auch auf schöne Weihnachtstage auf unserer Insel am Ende der Welt freuen, die in vielerlei Hinsicht deren wahre Mitte ist …

Schönstes Ausflugswetter am zweiten Weihnachtstag

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir hauptsächlich mit Kochen und Backen, am zweiten Weihnachtstag (der zugleich der 50. Tag des Lockdowns ist …) dagegen steht ein sportlicheres Programm an, denn es herrliches Ausflugswetter: bei gut 20 Grad und Sonnenschein wir wandern zur 8 Kilometer entfernten Bucht Vatses, um die Höhe Spilaio Negrou zu erkunden; nach Überwindung von gut 200 Höhenmetern am Strand von Vatses angekommen, müssen wir feststellen, dass sich der Eingang zur Höhle etwa 150 Meter über unseren Köpfen in der Felswand befindet – also gleich wieder steil bergan, und diesmal völlig ohne Weg und Pfad; ohne GPS-Koordinaten (36.516160°N, 26.315150°E) hätten wir den Eingang niemals gefunden …

Hoch überm Strand von Vatses liegt der Eingang zur Tropfsteinhöhle

Der Lohn der Mühe: nach den ersten paar Metern, die man sich gerade eben durch die Felsen quetschen kann, öffnet sich die Höhle und verzweigt in mehrere Richtungen; große Räume mit zahlreichen, farbenprächtigen Stalagtiten tun sich auf. Man kann ziemlich tief in den Berg hinein, die Luft wird dabei immer wärmer und feuchter. Ein großes Abenteuer jedenfalls, soll hier doch ein Piratenschatz versteckt liegen!

Weihnachtlicher Lichterschmuck in der Chora

Leider ohne Schatz geht es dann den Steilhang wieder herunter bis zum Strand, nur um dann die gleichen Höhenmeter auf dem Rückweg wieder hochzusteigen – der direkte Weg auf gleicher Höhe ist höchstens für Freiwandkletterer gangbar, so schroff ist das Gelände. Nach fast sieben Stunden erreichen wir wieder die ‚Orion‘, die brav im Hafen gewartet hat. Es ist schon nach Sonnenuntergang, und so können wir uns noch am stimmungsvollen Lichterschmuck in der Chora erfreuen – also, wir können Weihnachten auf Astypalaia durchaus weiterempfehlen 🙂

Am Sonntag ist es nach tagelangem Schönwetter wieder unfreundlicher; vor allem erschwert uns der kräftige Südostwind das Leben, der die Gischt über die Hafenmole fliegen lässt und für beträchtlichen Schwell im Hafenbecken sorgt; die schweren, stählernen Ruckdämpfer (die Gummivariante hat schon vor gut einem Jahr in Spanien ihr Leben ausgehaucht) bekommen gut zu tun – und sind auch absolut unverzichtbar. Man versteht auch die Vorzüge der mediterranen Anlegemethode mit Buganker und Heckleinen: lägen wir Längsseits an der Pier, gäbe es garantiert Bruch, gegen die Berg- und Talfahrt wäre Abfendern unmöglich. So sind die Heckleinen mit den Stahlfedern auf 5 Meter herausgelassen, und 40 Meter Ankerkette halten das Boot auf sicherem Abstand zum Land. Entspannt geht aber dennoch anders – bei Südwind taugt der Hafen einfach nichts, und es sind gerade mal 6 bis 7 Windstärken; nicht auszudenken, wie es hier bei Sturm sein wird …

Am Wasserspeicher von Astypalaia

Auch am vorletzten Tag des Jahres unternehmen wir nochmal eine Wanderung, diesmal zu dem kleinen Stausee, welcher die Insel mit Wasser versorgt. Kein spektakuläres Gewässer, aber uns wird bewusst, dass wir seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr so viel  Süßwasser auf einmal gesehen haben. Am Ufer finden wir einen lauschigen Rastplatz unter Laubbäumen, die im Wind rauschen – fast wie Zuhause 🙂

Silvester schließlich verlassen wir nach einer Woche Aufenthalt mal wieder den Hafen – das neue Jahr wollen wir vor Analipsi begrüßen, irgendwie ist uns dieser Ort doch ans Herz gewachsen! Dort verbringen wir die Nacht und den Neujahrstag am Pier des kleinen Fischerhafens – in aller Ruhe, da in Griechenland Feuerwerk zum Jahreswechsel nicht üblich ist (jedenfalls nicht am Ende der Welt).

Der Silvesterabend ist mild, wir können bis Mitternacht im Cockpit sitzen und auf ein Jahr zurückblicken, in welchem wir häufiger am Segeln gehindert waren, als dies möglich war; dennoch haben wir in den 5 nutzbaren Monaten immerhin gut 2.400 Seemeilen zurückgelegt und Griechenland erreicht – was sich nun wirklich gelohnt hat! 🙂

Für Montag den 4. ist schon wieder Starkwind angesagt – aus Südsüdost, was sonst; wir probieren mal was Neues und verholen uns in die Bucht Agrilidi – ja genau, hier waren wir vor 2 Monaten schon einmal. 45 Meter Ankerkette auf 5 Meter Wassertiefe sollten genügen, aber beeindruckend ist es schon, was für Wellen draußen vorbeirollen!

Die Nacht zum Dienstag wird recht unruhig: zwar hält der Anker, aber nachdem kurz nach Mitternacht die Front durchgezogen ist, dreht der Wind innerhalb von Minuten um 120 Grad auf West – die ‚Orion‘ folgt brav und liegt damit nun quer zu den Wellen, die noch für mehrere Stunden von Süden in die Bucht laufen … kein Vergnügen, soviel sei gesagt!

Entsprechend übernächtigt hängen wir den folgenden Tag noch in Agrilidi ab, bevor wir am Mittwoch mal wieder für ein paar Tage in den Hafen übersetzen, um neue Elektronen in die Batterien und Lebensmittel in den Kühlschrank zu bekommen.

Dort ist es wie immer angenehm, die Sonne scheint, wir können Wäsche waschen und täglich frisches Brot kaufen; lange hält die Freude aber nicht an, denn schon am Wochenende setzt wieder der elende Südost ein. Für Dienstag den 12. sind 30 bis 40 Knoten angesagt, und am Ende wieder mit Drehung auf West – uns fällt kein anderer Ort als die große Bucht Vathi ein, wo man das heil überstehen kann. Da wir aber gar keine Lust haben, schon wieder um die Insel zu gurken, greifen wir frohen Mutes den Hinweis der ‚Vitamine‘ auf, es gäbe auf der Ostseite der Insel Kounoupoi (ja, auf deren Westseite waren wir auch schon mal …) mehrere stabile Muringbojen, die man verwenden könne – dass der Ort grundsätzlich gut geschützt ist war uns wohl bekannt, aber wir hatten ihn wegen ungeeigneten Ankergrundes (riesige Steinplatten …) verworfen. So kreuzen wir also Sonntagmorgen gegen den zulegenden Südostwind auf, um Kounoupoi in Augenschein zu nehmen. Nördlich der Insel dann das erste Malheur des Tages: aus dem Nichts erwischt uns beim Verlassen der Windabdeckung eine Fallbö und legt uns 45° auf die Backe – an sich nicht weiter schlimm, der Stabilitätsumfang der ‚Orion‘ fängt da ja gerade mal richtig an; der Aufschlag aufs Wasser ist aber so heftig, dass es eine Relingstütze abknickt und das Relingkleid komplett von den Drähten fetzt. Entsprechend bedient sind wir auch, als wir kurz darauf an der sehr solide aussehenden Leine der Muringboje festmachen können. Doch jetzt fängt der Spaß erst richtig an: die Leine mag zwar gut aussehen, aber das unten daran hängende Betongewicht schleifen wir langsam aber sicher über den Grund – und das bei kaum mehr als 5 Windstärken! Bei der Vorhersage für die nächsten Tage brechen wir also gleich wieder auf, um doch noch nach Vathi zu fahren – nun wenigstens mit Rückenwind, aber immer mehr zulegender Windstärke und Wellenhöhe. Als wir zweieinhalb Stunden später – wieder kurz vorm Ziel – das Vorsegel einrollen wollen, fährt eine Bö mit gepflegten 30 Knoten ins Tuch; die Luvschot beginnt wie wild zu schlagen – und mäht prompt einen der Doradelüfter auf dem Vordeck ab. Wir ankern beim letzten Tageslicht, aber weil das immer noch nicht genügte, hält der Anker nicht, und wir dürfen ihn ein paar Stunden später in finsterster Nacht nochmal neu setzen.

Klar, es geht immer mal was schief, aber das Gefühl, ständig nur noch auf der Flucht vor dem nächsten Südsturm zu sein, während der sichere Platz in der Marina von Kalamata in (politisch bedingt) unerreichbarer Ferne auf uns wartet, ist schon ziemlich frustrierend!

Blick über den kargen, unbewohnten Norden der Insel

Drei Tage später fahren wir zurück in den Inselhafen – wir brauchen Zeit, Ruhe und Landstrom, um die Schäden der letzten Ausfahrt zu beseitigen. Zwischendurch unternehmen wir immer wieder mal Wanderungen in die Berge (obwohl wir die drei möglichen Zugangswege auch langsam kennen …) oder verholen uns bei Nordwind (der leider nur sehr kurze Zwischenspiele gibt) in die Ankerbucht von Analipsi. Wir lernen einen junggebliebenen Vorruheständler aus Deutschland kennen, der seit Jahren hier auf der Insel lebt, und uns viel über Land und Leute erzählen kann, was wir sehr gerne annehmen; nebenbei verbringen wir natürlich die eine oder andere kurzweilige Stunde miteinander 🙂

So nimmt uns der Charme Astypalias und seiner Bewohner immer mehr für die Insel ein, gleichzeitig reißen aber auch die Schwierigkeiten nicht ab: alle paar Tage droht das nächste Tief mit Sturm aus Süd. Für die Nacht vom 26. auf den 27. Januar sind dreieinhalb Meter Welle und Sturmböen bis Stärke 10 abgesagt; wir beschließen dennoch im Hafen zu bleiben, weil uns das nach monatelanger Auseinandersetzung mit dem Thema immer noch sinnvoller erscheint als die Alternativen, da Wind und Welle keinerlei Ostanteil aufweisen sollen (sonst wäre die Einschätzung eine völlig andere!). Dennoch verunsichert es uns ungemein, als am Nachmittag ein freundlicher Mitarbeiter der Coast Guard vorbeikommt und uns warnt, im Hafen könne es gefährlich werden – das sehen wir nicht anders, nur wo bitteschön ist es denn nicht gefährlich?!? Eine schlaflose Nacht später wissen wir, dass über zehntausende Seemeilen gesammelte Erfahrung doch auch etwas wert ist: der Schwell hielt sich in Grenzen, Anker und Leinen hatten keine Schwierigkeiten, das bockende Boot von allen Betonmauern fernzuhalten. Prima – aber in drei Tagen kommt das nächste Tief … Spaß macht das nicht.

Dieses bringt bis zu 9 Windstärken aus Südost – wir weichen daher in die Ankerbucht von Agrilidi aus, wo wir eine weitere schlaflose, aber sichere Nacht verbringen; im Eingangsbereich der Bucht brechen sich die Wellen so hoch, dass wir nicht mehr auf die See hinausschauen können … später zurück im Hafen sehen wir Bilder, wie die Wellen am Vortag die massive Hafenmole überspülten, als sei sie nur Spielzeug.

Zum Ende der ersten Februarwoche stellt sich aber erstmals im neuen Jahr ruhigeres Wetter ein: der Wind geht auf etwa 10 Knoten zurück, und die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel; richtig frühlingshaft ist es, die im Herbst noch so karge Insel erstrahlt in neuem Grün, überall bedecken Blumen die Berge. Wir unternehmen einen kleinen Auflug, segeln ‚einfach mal so‘, ohne vor einem Sturm davonzulaufen … wir haben fast vergessen, wie das ist.

An den ‚Red Rocks‘ der zerklüfteten Südküste

Wir steuern eine als ‚Red Rocks‘ bekannte Stelle an der Südküste an, die im Sommer bei Ausflugsbooten beliebt ist; hier kann man unter günstigen Bedingungen mit dem Boot in einen Einschnitt mit senkrecht abfallenden Felswänden einfahren und längsseits festmachen, wir können das aber nicht ausprobieren, es steht einfach noch zu viel alter Schwell.

Ganz in der Nähe finden wir aber einen Ankerplatz für den Nachmittag; der Wind schläft weitestgehend ein, und in der Sonne wird es so heiß, dass wir gerne kopfüber ins kristallklare und mit knapp 20 Grad noch relativ frische Wasser springen, um uns abzukühlen. Gut gekühlter Weißwein passt hervorragend zur sommerlichen Stimmung, und dem ersten Abendessen vom Grill des neuen Jahres steht auch nichts mehr im Wege 🙂

Der perfekte Abschluss für einen schönen Segeltag

Kurz nach Sonnenuntergang lichten wir den Anker, um noch in den Hafen zurückzufahren; vor uns im Westen färbt sich der Himmel blutrot, bis sich nach einer Weile die Dunkelheit und die Sterne durchsetzen können. Die Lichter der Chora weisen uns den Weg, und wir freuen uns sehr, nach drei Monaten Lockdown mal wieder einen Tag nach unseren Vorstellungen gelebt zu haben!

Allzu lange hält das Wetterglück aber nicht vor: für den kommenden Montag sind schon wieder 7-8 Windstärken aus Südost angesagt …

Entsprechend wiederholt sich am Sonntagmittag mal wieder das Spiel der Vorwoche: gegen Mittag verlassen wir den Hafen uns segeln herüber nach Agrilidi; anders als beim letzten Mal brauchen wir allerdings vier Versuche, bis der Anker zufriedenstellen hält – das dauert, und gibt auch kein besonders Vertrauen für die Dinge, die da kommen … ensprechend wird die Nacht vor dem Sturm schlaflos, und die danach (Adrenalin …) ebenso.

Astypalaias ‚Sollbruchstelle‘

Dienstag ist der Spuk vorbei, wir warten noch bis die Welle sich etwas gelegt hat und segeln am späten Nachmittag zurück in den Hafenort. Dabei wirft die tiefstehende Sonne ein besonders schönes Licht auf die steile Klippe eines Inselchens, bei der man sehr schön den messerscharfen Übergang der braun-brüchigen Gesteine, aus denen die westliche Inselhälfte besteht, in die hellgauen, festen Schichtgesteine, welche die östliche Inselhälfte dominieren, studieren kann – Anschauungsunterricht in Geologie im Vorbeisegeln 🙂

Am Sonntag den 14. Februar – dem einhundertsten Tag des Lockdowns – bekommen wir mal etwas Abwechslung: der nächste Sturm bringt Nordwind! Die Richtung passt uns ja deutlich besser, aber die Stärke kann sich sehen lassen: Sturmtief ‚Medea‘ bringt Wind mit bis zu 60 Knoten – das sind 11 Windstärken bzw. ‚orkanartiger Sturm‘. Die Wellenvorhersage gibt gut 7 Meter charakteristische Wellenhöhe an – das möchte man nicht auf See erleben! Nebenbei wird es saukalt – in Athen fällt ein halber Meter Schnee, Verkehr und Stromversorgung brechen zusammen; selbst hier fällt das Quecksilber auf frische 6 Grad, und es fallen ein paar Schneeflocken (oder besser gesagt, sie fliegen waagerecht an den Fenstern vorbei …). Wir suchen Schutz hinter der Pier von Analipsi und sind hier auch gut aufgehoben, während draußen die Welt untergeht – an Schlaf ist allerdings drei Tage lang kaum zu denken, so laut schreit der Wind im Rigg …

Ein unerwarteter Anblick auf der Pier: ein hübsches Schwein auf Erkundungstour

Nach Durchzug des Sturms herrscht für den Rest des Monats dann eher ein Wetter, wie es im November noch war: wieder wärmer, sehr viel Sonnenschein und abwechselnd kräftiger – aber nicht stürmischer – und in den Pausen schächerer Nordnordwest. Wir wechseln wieder wochenweise zwischen dem Inselhafen (zum Batterieladen und Einkaufen während der Schwachwindtage) und Analipsi, wo wir bei Starkwind aus Nord bestens an der Fischerpier liegen. Viel passieren tut dieser Tage nicht: wir bekommen mal unerwarteten Besuch, erfreuen uns einer halben Stunde Segelns bei den Überfahrten – und warten ansonsten sehnsüchtig auf Neuigkeiten bezüglich eines möglichen Endes des Lockdowns, aber bislang vergeblich …

Agios Nikolaos wacht über Agrilidi

Als ebenso vergeblich erweist sich unser Hoffen, das Winterwetter nun schon hinter uns zu haben – im März kehren die Südostwinde zurück, und wir müssen uns wieder regelmäßig in Agrilidi verstecken. Außerdem jährt sich am 12. März der Beginn des Lockdowns in Spanien: wir blicken mit wenig Begeisterung auf ein Jahr zurück, von dem wir gerade mal 4 Monate nutzen durften – ein gewaltiger Verlust von Lebenszeit, den alle Menschen erleiden, von dem aber niemand wirklich spricht …

Eine Woche später ist Tagundnachtgleiche, der astronomische Frühlingsanfang; das Wetter hat das aber nicht wirklich mitbekommen, es bleibt stark windig. Wenn allerdings gerade mal kein Wind weht und die Sonne vom wolkenlosen Himmel brennt, ist sofort Sommer – die Mittagshöhe beträgt gut 53°, so viel wie bei uns Anfang Mai; die Wassertemperatur verharrt bei etwa 19°C, tiefer wird sie wohl auch nicht mehr sinken.

Mit dem April kommt in Deutschland das Osterfest, hier dagegen müssen wir noch bis Anfang Mai auf den Osterhasen warten – die orthodoxe Kirche berechnet den Frühlingsanfang nach dem julianischen Kalender. Ansonsten schlagen wir die Zeit tot, wenn wir nicht gerade auf der Flucht vor dem nächsten Sturm sind (was alle paar Tage der Fall ist). Am Montag den 5. April probieren wir auf Anraten der Fischer für angekündigte 40 Knoten Südost einen neuen Ankerplatz auf der kleinen Insel Glyno aus – ja, es gibt tatsächliche noch Buchten, in denen wir noch nicht geankert haben 😉

Beängstigend: eine Bootslänge hinterm Heck beginnt die Brandungszone

Dieser erweist sich als gut geschützt, und der Anker hält auch – was er aber auch muss, denn wenige Meter hinter dem Heck peitscht die See das Wasser meterhoch gegen die Felsen. Beruhigend ist das nicht – und da es nur der Höhepunkt einer einwöchigen Phase mit Starkwind aus wechselnden Richtungen ist, sind wir vor Schlafmangel langsam am Ende.

Dennoch raffen wir uns am Mittwoch, als der Sturm durchgezogen ist, zu einem kleinen Spaziergang über die unbewohnte kleine Insel auf, die unseren Ankerplatz umschließt – um einmal mehr festzustellen, wie traumhaft schön unser Gefängnis ist!

Die Ruhe nach dem Sturm: ‚Orion‘ in der Ankerbucht

So vergeht weiter Woche um Woche: es wird immer wärmer, bleibt aber stürmisch. Zu unserer Erbauung bemühen wir uns um die Zuteilung einer temporären griechischen Sozialversicherungsnummer – diese ist Voraussetzung zur Teilnahme am griechischen Impfprogramm. Nicht dass uns persönlich besonders viel an einer Impfung liegen würde, aber wir haben umgekehrt auch kein Problem damit, und wenn das nun die Voraussetzung sein soll, irgendwann mal weiterreisen zu dürfen …

Allerdings endet die ansonsten sensationelle Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Griechen an der Schwelle des zuständigen Bürgerbüros – manche Dinge gleichen sich eben überall auf der Welt 😉 Man ist sich allerdings auch untereinander nicht ganz einig, ob unser Ansinnen nun gerechtfertigt oder unverschämt ist (immerhin rät uns die griechische Regierung, in ebendieser Amtsstube zu erscheinen) und führt eine zehnminütige, äußerst lautstarke Diskussion darüber quer durch den Raum – in dessen Mitte wir stehen und die Köpfe einziehen. Eine filmreife Situation …

Schließlich setzt sich die ‚Bürger-droht-mit-Arbeit‘-Fraktion durch, und wir werden unverrichteter Dinge weggeschickt. Aber Astypalaia wäre nicht Astypalaia, wenn nicht jemand jemanden kennen würde, der den Bürgermeister kennt, welcher daraufhin mit dem preußisch-griechischen Staatsdiener ein dem Hörensagen nach mindestens ebenso lautstarkes Gespräch führt, und eine Woche später bekommen wir Nachricht, dass wir unsere Sozialversicherungsnummer abholen können – geht doch 🙂

Und es kommt sogar noch besser: da man offenbar wegen des etwas suboptimalen Auftritts im Bürgerbüro ein schlechtes Gewissen pflegt, wird uns in Rekordzeit ein Impftermin zugewiesen; das geht zwar im ersten Anlauf nochmal schief, weil die Sozialversicherungnummer noch nicht freigeschaltet war, aber zwei Tage später ist es dann soweit, am 24. April erhalten wir unsere erste Dosis Impfstoff (BioNTech) – und haben damit wohl immer noch alles in den Schatten gestellt, was in Deutschland in unserer Altersgruppe möglich gewesen wäre …

In der letzten Aprilwoche mehren sich die Anzeichen, dass Mitte Mai der Lockdown in Griechenland beendet werden wird – die Infektionszahlen sind zwar dreimal so hoch wie im Februar, als man dies kategorisch abgelehnt hat, aber was stört uns unser Geschwätz von gestern … wir wittern Morgenluft und treffen eine gewagte Entscheidung: wir wollen einen Ausflug machen! Gewagt, weil a) eigentlich ja Segeln nach wie vor verboten ist, wir b) keine Ahnung haben ob wir noch wissen wie das geht und c) ob nicht die Motten inzwischen das Großsegel aufgefressen haben 😉

Syrna voraus!

Ziel ist die 22 Seemeilen entfernte Insel Syrna – diese ist unbewohnt, so dass wir berechtigten Grund haben anzunehmen, dass der Gesetzesverstoß unentdeckt bleiben wird. Am Dienstag den 27. April sind die Bedingungen ideal, nach mehreren Tagen Nordwind der Stärke 7 bis 8 weht sich dieser langsam aus, und wir können bei schönstem Sonnenschein gute Fahrt machen und unser Ziel schon gegen 14 Uhr erreichen, so dass uns noch genug Zeit für eine Inselwanderung bleibt. Wir steuern eine ausgedehnte Bucht mit kobaltblauem Wasser an und machen an einer Muring fest, die dort für schutzsuchende Fischer installiert wurde – ein nützlicher Tipp, denn die Wassertiefe ist beträchtlich.

Etliche Ziegen gibt es, zwei Kapellen und die Reste kleiner Behausungen – unglaublich, dass hier bis vor einigen Jahrzehnten noch Menschen gelebt haben, die Insel ist äußerst karg und trocken. Es existieren keinerlei Pfade, wir müssen uns den Weg querfeldein über Stock und Stein bahnen; aber die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit (keinerlei Mobilfunkempfang!) sowie das Gefühl, die einzigen Menschen im Umkreis dutzender Kilometer zu sein, sind schon ein Erlebnis. Und überhaupt, nach fast einem halben Jahr mal wieder irgendetwas zu unternehmen …

In der Nacht kommt neuer Wind aus Südost auf, so dass es leider etwas unruhig wird am Ankerplatz. Am nächsten Morgen bläst es unerwartet stark mit 7 Beaufort, was uns erst mal schnell zurück nach Astypalaia schiebt; nach einer Stunde ist es aber schlagartig vorbei damit, und den Rest des Rückwegs dümpeln wir eher mit flappenden Segeln in der alten See.

Das Spektakel beginnt!

Mit dem Mai kommt für uns nicht nur das Halbjahresinseljubiläum, sondern nun auch endlich das Osterfest; dieses stellt für die mehrheitlich orthodoxen Griechen das höchste kirchliche Fest und auch überhaupt den Höhepunkt des Jahres dar. So wie bei uns zum Jahreswechsel, wird hier die Nacht vom Samstag zum Sonntag mit einem großen Feuerwerk gefeiert; dem voran geht ein mehrstündiger Gottesdienst, zum dem allerdings heutzutage auch nicht mehr alle Gläubigen das nötige Sitzfleisch mitbringen. Umso größer ist aber die Anteilnahme am Feuerwerk: stundenlang fährt die Dorfjugend schon mit ihren Motorrädern Kreise um den Hafen und trifft Vorbereitungen, die Ungeduldigen zünden die ersten Böller (und was für welche: China-Import, in Deutschland garantiert verboten; die ganze Insel erzittert).

Nach einer Viertelstunde glüht der Himmel

Um Mitternacht ist es dann endlich soweit: am Hafen und auf allen Anhöhen werden bengalische Feuer entzündet, und die ersten Raketen steigen in den Himmel. Da absolut kein Wind weht, bleibt der ganze Rauch im Talkessel hängen, und der Himmel reflektiert die roten Feuer: Astypalaia leuchtet glutrot in der Nacht! Vom Vordeck aus haben wir einen Logenplatz, und die Temperaturen um Mitternacht ermöglichen immer noch, das Schauspiel im T-Shirt zu betrachten; vor sechs Monaten haben wir die Möglichkeit, zu Ostern immer noch auf der Insel festzuhängen, zwar noch als Scherz formuliert, aber nun müssen wir bei aller Frustration doch auch anerkennen, dass wir wohl einen der besten Orte getroffen haben, das griechische Osterfest zu erleben!

Einfach toll!

Nach etwa einer Viertelstunde geht den Feuerwerkern die Munition aus – wir lassen uns berichten, dass man früher dreimal so lange gefeiert hat, aber die wirtschaftliche Lage nach der letztjährigen Katastrophe in Verbindung mit den nicht unbedingt besseren Aussichten für’s laufende Jahr bewirken eben, dass kaum jemand Geld in der Tasche hat. Wer weiß, vielleicht war dies das letzte Feuerwerk für lange Zeit …

Übrigens soll nicht unerwähnt bleiben, dass hier nach wie vor eine nächtliche Ausgangssperre gilt – über der Polizeistation waren aber besonders viele hübsche Raketen zu bewundern 🙂

Ein ziemliches Ärgernis ist, dass uns wenige Tage darauf das Schlauchboot verlassen hat – die verklebten PVC-Säume fallen großflächig auseinander. Also schnell ein neues bestellt und nun hoffen wir, dass es noch rechtzeitig eintrifft.

Mitte Mai überschlagen sich dann förmlich die Ereignisse: zunächst lässt man ab dem 14. offiziell wieder die ersten Touristen ins Land einreisen (und prompt trifft noch am Wochenende eine dicke Charter-Hanse mir lautstarker, bajuwarischer Crew ein – wir sind nicht mehr allein!), dann bekommen wir am Samstag den 15. schon unser neues Schlauchboot geliefert und können unsere zweite Impfdosis und auch am folgenden Montagmorgen das begehrte Lebensberechtgigungszertifikat abholen! Etwas getrübt wird die Freude jedoch davon, dass wie die zweite Dosis deutlich schlechter vertragen und die folgenden Tage schwer angeschlagen sind: Fieber, Schüttelfrost, Kotzerei. Sonntag ist richtig (ja, auch gerne noch mit Ausrufungszeichen!) schlimm, Montag noch schlimm genug, und auch Dienstag ist an Ablegen noch nicht zu denken. Immerhin reicht es für einen Abschiedsbesuch bei unserem Freund in Livadi, und Mittwochmorgen verabschieden wir uns dann auch bei der netten Jungs von der Hellenic Coast Guard sowie bei unserem kugelrunden Hafenkater – der sicher schon bald andere Dosenöffner finden wird – und verlassen zum letzten Mal den Hafen von Astypalaia, nicht ohne im Gemeindehaus ein kleines Dankesschreiben an den Bürgermeister mit Geld für unseren Strom- und Wasserverbrauch zurückgelassen zu haben (kein Liegegeld für einen unfreiwilligen Aufenthalt zahlen zu müssen oder auf Kosten unserer Freunde zu leben sind doch noch zwei verschiedene Dinge, finden wir).

Astypalaia verabschiedet uns in strahlendsten Farben

Chora und Kastro präsentieren sich in schönstem Morgenlicht vor blauem Himmel, als wir gegen 10 Uhr ablegen; weit geht die Reise aber nicht, die üblichen 3 Seemeilen über die Bucht nach Maltezana, denn hier steht der zweite Teil der Abschiedsfeierlichkeiten an (und noch ein schnelles Update der Elektroinstallation einer Reihe Fremdenzimmer auf’s 21. Jahrhundert, aber das nur quasi im Vorübergehen ;-)).

Ganz schön schwer fällt es uns nun doch, nach fast 7 Monaten die Insel zu verlassen; so unnötig und unverhältnismäßig der ganze Lockdown auch war, so sind wir uns doch recht sicher, rein zufällig am noch erträglichsten Ort Europas in dieser schwer zu ertragenden Zeit gelandet zu sein – Ευχαριστώ πολύ, Αστυπάλαια!

 

Inselhopping in den Kykladen (15.10. – 06.11.)

Hinter uns bleibt Monemvasia zurück

Am Mittwochvormittag verbringen wir noch einige Stunden in Monemvasia, denn wir haben es nicht eilig: es weht ein kräftiger Südwest, und mit dem wollen wir in die Kykladen übersetzen, den in einem großen Kreis verstreut liegenden mehreren Dutzend Inseln und Inselchen mitten in der Ägäis. Die Entfernung zu den nächstgelegenen Zielen beträgt 70 bis 80 Seemeilen, zu viel also, um sie innerhalb der inzwischen schon recht zusammengeschrumpften Tagstunden zurückzulegen, eine Nachtfahrt ist also unumgänglich; umgekehrt ist die Entfernung dafür recht gering, daher wollen wir also nicht so früh los, um nicht vor Tagesanbruch anzukommen – denken wir.

Die ersten 8 Stunden der Reise verlaufen auch der Planung und der Wettervorhersage entsprechend: es weht im Mittel mit 5 bis 6 Windstärken, in Böen auch mal mit 7, und mit zunehmendem Abstand zur Peloponnes baut sich ensprechend mehr Welle auf. Bei strahlendem Sonnenschein beste Bedingungen für die ‚Orion‘: die Windfahne übernimmt das Ruder, und nur unter Klüver machen wir noch 4 bis 5 Knoten. Natürlich wäre mehr drin, aber warum sich die Mühe machen das Großsegel zu setzen, es reicht ja auch so – denken wir. Dass nach Sonnenuntergang der Wind etwas nachlässt, irritiert uns noch nicht, das ist hier ja meistens so; da durchgängig noch 15 Knoten Wind für die ganze Nacht angesagt sind, bleibt es also bei der Besegelung.

Sonnenuntergang über der Peloponnes

Dummerweise ist drei Stunden später der Wind komplett weg – nicht aber die Welle: wie ein Korken hüpft das Boot mit schlagendem Segel in der alten See. Mal wieder zeigt sich, dass Flaute ähnlich schlimm sein kann wie Sturm: nach einigen Stunden liegen die Nerven blank, jedes ‚flapp‘ dringt durch den ganzen Körper. Aber erst mal ist es etwas abschreckend, mitten in der Nacht den Gennaker zu setzen, und dann wird auch dies immer sinnloser, denn ohne Wind hilft auch das Leichtwindsegel nicht mehr.

Auch mit dem neuen Tag – für den wohlgemerkt immer noch durchgängig 4 Beaufort angesagt sind! – wird es nicht besser; wir dümpeln noch bis zum Mittag mit 1 bis 2 Knoten Fahrt vor uns hin, bis wir schließlich aufgeben und die letzten 15 Seemeilen motoren. Soweit zum Thema Wettervorhersagen …

Psili Ammos / Serifos
Serifos in Sicht!

Gegen 15 Uhr erreichen wir nach 27 Stunden und 90 Seemeilen – von denen wir die Hälfte im ersten Drittel der Zeit zurückgelegt haben – unser Ziel, die Insel Serifos. Aus der Ferne verrät sich die Insel durch ihr Häubchen aus Konvektionswolken, beim Näherkommen sehen wir eine zerklüftete Felsenküste – der Legende nach König Polydektes, der hier durch eine List Perseus mit Hilfe des Hauptes der Medusa zu Stein erstarrt ist.

Der Strand von Psili Ammon

Dieses Schicksal bleibt uns erspart, wir finden mit Psili Ammos eine kaum bebaute Ankerbucht mit sauberem Sandgrund, klarstem Wasser  und einem feinen Strand, an dem eine Reihe Tamarisken wächst. Ein Bad im 26 Grad warmem Wasser wäscht die wenig erbauliche Nacht ab, und als am Abend der ganze Himmel in malerischen Orangetönen strahlt und sich am Horizont überall andere Inseln abzeichnen, fühlen wir uns so richtig angekommen auf den Kykladen.

Ermoupoli / Syros

Am nächsten Tag werden wir für die enttäuschenden Windverhältnisse vom Donnerstag entschädigt: 10 bis 15 Knoten aus Südsüdost sind angesagt, und weil wir dem nicht trauen, machen wir uns schon um 9 Uhr auf den Weg; aber nachdem wir aus der Windabdeckung unserer Ankerbucht heraus sind, kommt schnell brauchbarer Wind auf, und unter Code 0 machen wir zügige 5 bis 6 Knoten Fahrt – das macht Spaß!

Der Himmel ist mal wieder praktisch wolkenlos, und die Ägäis strahlt in intensivstem Kobaltblau; überall am Horizont zeichnen sich Inseln ab, wir sind ja mittendrin im Inselmeer der Kykladen, die Entfernungen zwischen den benachbarten Inseln betragen oft nur 15 bis 25 Seemeilen. Ein geradezu perfektes Segelrevier: immer angenehme Tagesdistanzen, reichlich Ankermöglichkeiten mit Schutz vor jeder Windrichtung auf allen Inseln, und dazwischen das Gefühl richtigen Seesegelns, das alles bei herrlich warmem, aber nicht zu heißem Wind – was will man mehr?

Ermoupoli voraus!

So dauert es auch nicht lange, bis wir die weiter östlich gelegene Insel Syros erreichen, ihre Südspitze runden und nach 30 Seemeilen den Hafen von Ermoupoli ansteuern können. Der Ort ist mit rund 11000 Einwohnern die größte Ansiedlung auf den ganzen Kykladen und Verwaltungssitz der gesamten Region – dies gibt vielleicht einen Eindruck von der Besiedlungsdichte der Inseln. Wir machen fest in der sogenannten Marina – ein großangelegtes Entwicklungsprojekt, dem kurz vor der Fertigstellung das Geld ausgegangen ist; nun rosten die funktionslosen Strom- und Wassersäulen vor sich hin, aber man kann das Boot sicher festmachen, und kostenlos ist es natürlich auch.

Der Rathausplatz in Ermoupoli

Am Samstag ist es eher bedeckt, und es regnet auch ein paar Tropfen (wirklich nicht viele …); wir nutzen den Tag für Einkäufe und bleiben ansonsten an Bord. Am Sonntag dagegen scheint die Sonne wieder häufiger, und wir machen uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden.

Soooo viele Stufen!

Der Ort wirkt sehr belebt und quirlig – jedenfalls gemessen an der üblichen Verschlafenheit der Kykladen. Es gibt eine große Werft, die für einen etwas industriellen Eindruck sorgt, und an der man von der Marina kommend zunächst vorbeilaufen muss; hat man aber erst mal das eigentliche Zentrum erreicht, findet man eine sehr charmante Reihe von Einkaufs- und Restaurantzeilen vor. Von dort aus zieht sich ein endlos erscheinendes Gewirr von Treppen und Gassen den Berg hoch bis zur Kathedrale; nach gefühlten 1000 Stufen kann man vor dort einen herrlichen Ausblick über die ganze Bucht genießen.

An der Hafenpromenade

Eine Besonderheit der Stadt ist, dass es neben der griechisch-orthodoxen auch eine römisch-katholische Kathedrale gibt; bis zum massiven Zustrom von Flüchtlingen während des griechischen Unabhängigkeitskrieges waren die Bewohner der Insel nämlich mehrheitlich katholisch – ein Umstand, der bis auf die Zeit des vierten Kreuzzugs zurückgeht und dazu führte, dass Syros im Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen unter französischem Schutz stand, was wiederum die Insel zur sicheren Zufluchtsstätte machte. Die orthodoxen Kriegsflüchtlinge erst gründeten das heutige Ermoupoli, welches schnell mit der ursprünglichen Siedlung am gleichen Ort – Ano Syros – zusammenschmolz.

Uns gefällt Ermoupoli gut; wir holen uns zur Belohnung für die Höhenmeter eine unbeschreiblich köstliche Bougatsa und genießen diese mit Blick auf den Stadthafen. So kann man es aushalten!

Phinikas / Syros

Montagmorgen müssen wir Ermoupoli verlassen: für die kommenden Tage ist starker Nordwind angesagt, und dafür finden sich in den Anlagen der ‚Marina‘ nur wenige geschützte Plätze, und die sind natürlich alle mit Dauerliegern belegt. Aber auf der anderen Inselseite gibt es die Bucht von Phinikas, die perfekten Schutz gegen Nordost bietet und in der man sowohl gut ankern als auch am Gemeindeanleger festmachen kann.

Gut besucht: der Gemeindeanleger von Phinikas

Wie legen bei 15 bis 20 Knoten Nordwind ab und machen gute Fahrt bis zur Südostspitze der Insel; dort kommen wir in deren Windabdeckung, so dass wir letztendlich doch rund dreieinhalb Stunden für die 12 Seemeilen brauchen. In Phinikas angekommen, sehen wir, dass es noch gute Liegeplätze an der Mole gibt und entscheiden uns, hier mit Heckanker und Bugleine anzulegen, es gibt nämlich Wasser und Strom, und außerdem wollen wir unbesorgt Landausflüge machen können, während die Starkwindperiode anhält. Später am Nachmittag füllt sich die Mole dann noch bis auf den letzten Platz; in der großen Mehrheit sind es riesige Charteryachten von 44 bis 50 Fuß Länge (und unbeschreiblicher Breite!), die hier anlegen, praktisch alle von Deutschen gechartert.

Gut geschützt: die Bucht von Phinikas

Die gesamte Ägäis ist berüchtigt für ihren starken, sommerlichen Nordwind, den Meltemi; typischerweise bringt dieser hohen Luftdruck und schönes Wetter mit sich, bläst die Segler aber mit 6 bis 8 Windstärken durch, und das gerne auch schon mal tagelang. Ob man bei unserer momentanen Wetterlage Ende Oktober noch von Meltemi oder einfach von gewöhnlichem Nordwind spricht, wissen wir nicht so genau; jedenfalls pustet es drei Tage lang ohne Pause.

Die Mastixdistel bringt Farbe in die karge Landschaft

Wir nutzen die Zeit für eine ausgedehnte Wanderung – die längste seit Pfingsten auf Mallorca: endlich ist es nicht mehr so heiß, und der frische Wind hilft zusätzlich, die Anstiege ohne Hitzekollaps zu bewältigen. Die Landschaft hier auf Syros ist nun, am Ende des langen, heißen, Sommers, schon sehr ausgedörrt; die ausgedehnten Thymianfelder sind besser an ihrem Duft als an den vertrockneten Blättern zu erkennen.

Am Kap Velostasi

Eine große Anzahl an Meerzwiebeln strecken jedoch ihre blattlosen Blütenstände der Sonne entgegen, Mastixdisteln sorgen für leuchtende Farbtupfen im steinigen Boden, und der Blick von den Höhenzügen an der Südwestspitze der Insel, dem Kap Velostasi, über die See und die Bucht von Phinikas ist ohnehin toll. So vergehen zwei Starkwindtage wie im Fluge, und am Donnerstag kann es weitergehen 🙂

Ormos Agios Ioannou / Paros

Weiter geht es dann auch wirklich – allerdings nicht wirklich mit weniger Wind, als an den vergangenen zwei Tagen wehte: die Wettervorhersagen kündigten zwar nur noch 16-18 Knoten Nordwind an, aber als wir langsam den Schutz der Bucht von Phinikas verlassen, sind es schon deutlich über 20 Knoten, und in den folgenden Stunden nähern wir uns auch den 30 Knoten, je mehr Abstand wir zwischen uns und Syros bringen.

Ordentlich Wind auf See …

Das Tagesziel ist die Insel Paros, gut 25 Seemeilen in Richtung Südost; wir haben also Halbwindkurs, und nur unter Klüver macht die ‚Orion‘ sechseinhalb Knoten Fahrt. Später, als wir immer häufiger die Windstärke 7 auf der Anzeige für den wahren Wind sehen, tauschen wir diesen gegen das Kuttersegel – und damit sind es immer noch fünfeinhalb Knoten.

… und herrliche Ruhe in der Ankerbucht

Nun ja, wir hatten uns den Tag etwas weniger sportlich vorgestellt, aber dafür sind wir schneller da: schon kurz nach 15 Uhr stehen wir vor der Einfahrt zur geräumigen Bucht von Naousa auf der Nordseite von Paros. Eigentlich scheint diese Inselseite bei Nordwind ungeeignet, aber die Bucht hat eine derart ausgeprägte Einbuchtung nach Norden, dass man hinter einer Halbinsel perfekten Meltemi-Schutz in idyllisch-einsamer Umgebung findet: ausgewaschene Felsen bilden bizarre Formationen und leuchten in der Sonne, und gleich nebenan steht eine kleine Kapelle (namensgebend für die Ankerbucht, dem Hl. Johannes gewidmet). Der Wind weht unterdessen mit immerhin noch 5 Beaufort weiter, und dabei bleibt es auch über Nacht, aber hier liegen wir prächtig – eigentlich besser als zuletzt im Hafen von Phinikas

Kalantos / Naxos

Am Freitag stellen wir fest, dass sich die Wettervorhersagen inzwischen der Realität angepasst haben. Ursprünglich sollte es kaum noch Wind geben, aber inzwischen hat man auf die 5 Windstärken erhöht, die die ganze Zeit schon wehen; grundsätzlich kommt uns das gelegen, wollen wir doch auch heute ein ganzes Stück segeln, aber zum Verlassen der Bucht von Naousa müssen wir natürlich erst mal gegenan – und gegen die Welle, die inzwischen 4 Tage Zeit hatte, sich aufzubauen: eine feuchte Angelegenheit … aber nach zwei Stunden können wir abfallen und vor dem Wind in die Meerenge zwischen Paros und Naxos einbiegen.

Reger Fährverkehr in der Paros-Naxos-Straße

Diese ist nur zweieinhalb Seemeilen breit und verläuft in Nord-Süd-Richtung, weswegen wir etwas nervös den dort wohl herrschenden Wind- und Seeverhältnissen entgegensehen – wie sich dann zeigt aber unbegründeterweise: es setzt ein kräftiger Strom nach Süd, und der hilft eher, dass die See flacher wird, als dass ein Auflaufen zu beobachten wäre. Der Wind legt auch noch zu, und bald sind es wieder gute 25 Knoten, die uns anschieben; wieder nur unter Klüver, machen wir mit Hilfe des Stroms fast 7 Knoten über Grund. Ein herrliches Gleiten ist das, so genau vor Wind und See; passenderweise hat sich auch die Sonne durchgesetzt, und wir sind nach 28 gesegelten Meilen früh genug an unserem Übernachtungsziel, der Bucht von Kalantos auf der Südseite von Naxos, um noch den Grill anzuwerfen und den – trotz des anhaltenden Nordwindes sommerlichen – Abend angemessen ausklingen zu lassen.

Livadi / Iraklia

Samstag hat es sich mit dem Wind dann auch erledigt – und zwar gleich so gründlich, dass wir keine Chance haben, unter Segeln weiter zu kommen, obwohl unser Ziel nicht gerade weit entfernt liegt: nur 5 Seemeilen südlich von Naxos liegt Iraklia, die erste Insel einer als ‚Kleine Kykladen‚ bekannten Gruppe von 30 Inseln und Inselchen, auf denen insgesamt (!) etwa 600 Menschen leben. Dabei gibt es hier schon sehr lange Menschen, eine Besiedelung bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. konnte nachgewiesen werden.

Unsere Ankerbucht auf Iraklia, von der alten Festung aus gesehen

Wir ankern auf der Ostseite vorm langen Sandstrand von Livadi, gleich unter den Ruinen des Kastro, einer aufs 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr. datierten Festungsanlage. Die Lage ist wunderbar, der Sand fein und weiß, das Wasser hat noch 25 Grad – und wie immer ist praktisch niemand da. Wie wir bei einem Spaziergang nach Agios Georgios, dem 100 Einwohner starken Hafenort, feststellen können, gibt es einige Ferienappartements, und zwei Tavernas haben geöffnet – damit erschöpft sich das Tourismusangebot auf dieser Insel. Wie immer können wir nur staunen, wie viele menschenleere Strände es hier gibt, hinter denen in Spanien achtstöckige Hotels stehen würden …

In Panagia

Am Sonntag wollen wir mal wieder die Beine benutzen und unternehmen eine fünfstündige Wanderung, über Panagia, die Chora der Insel (welches aber heute nur noch drei Dutzend Einwohner zählt) durch die Berge bis zur Tropfsteinhöhle von Agios Ioannis.

In der Höhle Agios Ioannis

Hier muss man sich durch einen kaum 50 Zentimeter hohen Eingang quetschen, um so in eine Reihe von zusammen etwa 2000 Quadratmeter umfassenden Höhlen zu gelangen. Diese sind sicher nicht so spektakulär wie die von Diros, dafür nicht ‚bewirtschaftet‘ und man ist völlig allein. Etwas unheimlich fühlt es sich aber schon an, so ins Innere der Berge vorzudringen …

Die Wanderung selbst ist kräftezehrend, immerhin 400 Höhenmeter sind zu überwinden, und die Sonne brennt heiß vom Himmel; ein paar Cirren machen es aber halbwegs erträglich, und die Aussicht, die sich vom Bergrücken bietet, ist phänomenal: wohin man schaut, rundherum liegen Inseln eingebettet in das blaueste Blau, das man sich nur vorstellen kann!

Panoramablick über Iraklia; am Horizont links Naxos, daneben die Inseln der Kleinen Kykladen
Aligaria / Schinoussa

So gut uns Iraklia gefällt, am Montag ziehen wir dann doch weiter – direkt gegenüber lockt ja die nächste Insel, Schinoussa. Es ist auch schwacher Wind angesagt, und wir lichten hoffnungsvoll unter Segel den Anker, nur um 5 Minuten später hilflos Richtung Felsen zu treiben – es herrscht absolute Flaute. Es sind aber nur 4 Seemeilen bis vor den Strand von Aligari, also muss der Motor nicht allzu lange laufen. Pünktlich mit der Ankunft fängt dann auch der Wind an, sich zu regen … 

Kapelle auf Schinoussa

Wir finden einen schönen Ankerplatz, rundherum stehen einige luxuriöse Villen an Land; die böse Überraschung folgt erst, als wir mit dem Dinghi anlanden: der Strand ist zwar öffentlich, aber das Gelände dahinter nicht, es ist also unmöglich, ihn zu verlassen (und damit auch, ihn von Land zu betreten). Wir probieren mehrere Wege und stehen entweder vor Verbotsschildern oder gleich vor Stacheldraht; schließlich steigen wir wieder ins Dinghi, landen weiter entfernt an einem viel unzugänglicheren Küstenstreifen an und kämpfen uns durch die Wildnis bis zur nächsten Straße. Später finden wir heraus, dass die gesamte Halbinsel, die unsere Bucht einschließt, offenbar einem Entwicklungsprojekt zugehört, welches in einer parkartigen Landschaft mehrere Luxusanwesen errichtet hat – und im Interesse ihrer Besitzer dafür sorgt, dass das gemeine Volk keinen Zugang hat. Gleich drei sogenannte ‚öffentliche‘ Strände sind damit vom Zugang abgeschnitten – ein schlechter Scherz, ihnen noch diesen Namen zu geben. Die Einheimischen machen im Internet ihrem Ärger darüber Luft, nutzen tut ihnen dies aber auch nichts. Schade, dass offenbar auch hier mit genug Geld Gesetze bedeutungslos werden …

Die Insel ist viel flacher als Iraklia, der Weg zur Chora bietet also weniger tolle Aussichten, ist damit aber auch weniger anstrengend; der Ort selbst hübsch anzusehen mit seinen strahlend weißen Häusern, viel los ist hier aber auch nicht gerade. Immerhin gibt es einen Minimarkt, in welchem wir etwas Gemüse erstehen können.

Almyros / Schinoussa

Am Dienstag wollen wir uns nur eben auf die andere Seite der Insel verholen, weil am folgenden Tag ein Frontendurchzug aus Südwest droht. Nach dem Erlebnis des Vortages fahren wir diesmal nicht gleich los, sondern warten erst mal auf den Wind – gegen 13 Uhr geben wir dann auf und motoren gleich um die südliche Halbinsel. Obwohl Schinoussa nicht groß ist, bietet die Insel durch ihre vielen ‚Arme‘ prächtige Ankerbuchten in großer Auswahl; wir ankern auf einer ausgedehnten Sandfläche mit vier bis 5 Metern Tiefe und Schutz von Ost über Süd und West bis Nord – perfekt für das angedrohte Mistwetter.

Die Ruhe vor dem Sturm in der Bucht von Almyros

Dienstagabend ist aber alles noch still und friedlich, und wir genießen den lauen Abend im Cockpit, bis wir alles reinräumen und das Boot regenfest machen. Am Mittwochmorgen geht es dann auch vor 8 Uhr noch los: am Himmel naht eine scharf abgegrenzte Wolkenwand, Böen von fast 30 Knoten fallen aus dem Nichts ein, und dann schüttet es auch schon aus Kübeln. In einer Ankerbucht wie dieser mit Schutz vor der See, genug Platz in alle Richtungen und Sandgrund kein Grund zur Sorge – den Anker haben wir fast mit Vollgas eingefahren, es schaut gerade noch der obere Rand vom Bügel aus dem Boden, der Schaft und die ersten Meter Kette sind nicht mehr zu sehen, wie wir gestern beim Schnorcheln noch überprüft haben (die Sicht auf fünf Meter Tiefe ist wie immer kristallklar). Wir können es uns also an Bord gemütlich machen und das Mistwetter regelrecht genießen: wie schön, nicht draußen sein zu müssen! Endlich kann man mal wieder die Vorhänge aufziehen, die sonst immer die Sonne und Hitze draußen halten sollen, und sogar die Petroleumlampe anzünden – der erste Herbsttag des Jahres!

Paralia Pori / Pano Kouphonisi

In der Nacht ziehen noch die letzten Regenfelder durch, und am Donnerstagmorgen erwartet uns schönstes Rückseitenwetter: der Südwestwind ist auf etwa 5 Windstärken zurückgegangen, und die Sonne strahlt auf einzelne Wolken, die eilig über den Himmel ziehen. Wir können den Anker lichten und uns gleich vom Klüver aus der Ankerbucht ziehen lassen – immer ein gutes Vorzeichen für den Tag, wenn er ohne Motorgeräusche beginnt 🙂

Unterm Regenbogen zieht Kato Kouphonisi vorbei

Nur unter Vorsegel machen wir gute Fahrt, wenn es auch in der aufgelaufenen See etwas schaukelt, aber auch für die heutige Strecke lohnt es sich nicht, das Großsegel auszupacken: sieben Seemeilen sind es entlang der unbewohnten Insel Kato Kouphonisi bis zur Nachbarinsel Pano Kouphonisi, wo wir in der fast kreisrunden Bucht vor Paralia Pori den Anker in gut 4 Meter tiefem Wasser fallen lassen.

Paralia Pori, unsere Ankerbucht auf Pano Kouphonisi

Da es ja noch früh am Tage ist, können wir mit dem Dinghi übersetzen und eine kleine Wanderung unternehmen. Die Landschaft zieht uns völlig in ihren Bann: unsere Bucht leuchtet in sattem Türkis, und die zerklüftete Felsenküste in allen vorstellbaren Terrakotta- und Umbratönen.

Felsformationen an der Küste

Überall hat die See kleine Einbuchtungen geschaffen und Höhlen ausgespült, in denen sich gurgelnd die Wellen brechen, der Wind hat bizarre Formen aus dem weichen Gestein gearbeitet; die Aussicht Richtung Südost auf die bergigen Nachbarinseln Keros und Amorgos ist hinreißend, und die schnell ziehenden Wolkengebilde krönen das sich uns bietende Bild. Jeder Beschreibung spottet aber der Duft: die überall wachsenden Wildkräuter haben den Regen des vergangenen Tages aufgesogen, und nun, von der warmen Sonne beschienen, geben sie ihre ätherischen Düfte in einer Intensität ab, die man kaum für möglich gehalten hätte.

Unser Zen-Strand

Wir finden einen kleinen Strandabschnitt, der vollständig mit kleinen Kieseln bedeckt ist; die kräftige Brandung kann diese in Bewegung versetzten, und beim Zurückziehen jeder Welle rollen sie mit einem feinen Klickern zurück. Dort verharren wir und lassen das gesamte Sinneserlebnis auf uns wirken: die Farben, der Duft, die Geräusche, alles so intensiv und durchdringend … ein kleines Stück vom Paradies!

Kouphonisi / Pano Kouphonisi
Die weißen Häuser von Kouphonisi; im Hintergrund Naxos mit seiner üblichen Wolkenkrone

Am Freitag ist ein Windloch während der Drehung von Südwest auf den üblichen Nordwind angesagt, und das wollen wir für einen Hafentag nutzen; wir motoren gleich nach dem Aufstehen zwei Seemeilen von unserer Ankerbucht in den einzigen Ort und Hafen der Insel, der auch ebenso wie sie heißt. Im kleinen, aber gut geschützten Hafenbecken liegen eine Handvoll Fischerboote, sonst niemand; es gibt sogar Muringleinen, so dass man nicht im Hafen den Anker ausbringen muss – das wissen wir schon zu schätzen, ebenso wie die Stromanschlüsse auf der Pier. Nach einer Stunde erscheint ein alter Seemann mit Piratentuch auf dem Kopf, erkundigt sich, wie lange wir bleiben wollen und kassiert 10 Euro für eine Nacht inklusive Strom – bar auf die Hand und ohne Quittung, versteht sich. Nun, wir sind mit dem Tarif zufrieden, und die örtliche Fischergilde mit dem Gegenwert einer Flasche Ouzo auch – was geht den Fiskus ein Geschäft unter Freunden an, denkt sich der Grieche 😉

Wir brechen danach zu einer Wanderung über den Teil der Insel auf, den wir gestern nicht gesehen haben, erklimmen dabei den mit gut 100 Metern höchsten Punkt der Insel, wo sich eine phantastische Rundumsicht bietet.

Aussicht von der höchsten Erhebung Kouphonisis

Hübsch anzusehen ist auch der kleine Ort mit seinen strahlend weißen Häusern; es gibt eine Bäckerei und einen kleinen Supermarkt, außerdem natürlich zahlreiche Restaurants, die meisten aber geschlossen – vielleicht für immer, wer weiß, wie kleine Familienbetriebe den Einkommensverlust eines ganzen Jahres verkraften werden …

Zurück an Bord werden wir noch Zeugen eines besonderen Erlebnisses: die ‚Orion‘ beginnt unter unseren Füßen merklich zu zittern! Nach kaum einer halben Minute, während wir uns noch fragen, ob wir das geträumt haben, wiederholt sich der Spuk … Recherchen im Internet ergeben, dass sich in der Nähe von Samos – also 150 Kilometer entfernt – ein Erdbeben der Stärke 6.9 ereignet hat, wohl das stärkste Beben in der Ägäis seit Jahren. Erdbeben an sich sind hier aber nicht ungewöhnlich, die Ägäis ist das Gebiet mit der größten Erdbebenhäufigkeit Europas – nun, jetzt wissen wir auch, wie sich das auf dem Wasser anfühlt.

Nikouria / Amorgos
Amorgos liegt voraus und füllt den ganzen Horizont

Am letzten Tag des Oktobers verlassen wir Kouphonisi und halten knapp 20 Seemeilen nach Osten auf Amorgos zu; mal wieder weht eine frische 5 bis 6 aus Nord, wir brauchen nur den Klüver, um 6 Knoten Fahrt zu machen. Unser Ziel ist von Anfang an nicht zu übersehen: etwa 33 Kilometer lang, nur wenige Kilometer breit und über 800 Meter hoch liegt die Insel wie eine riesige Wand quer am Horizont, ein beeindruckender Anblick, darauf zuzusegeln!

Die Einfahrt in die Meerenge zwischen Nikouria und Amorgos

Die besondere Form hat allerdings auch ihre Tücken: Amorgos weist so gut wie keine geschützten Häfen und Ankerbuchten auf, und schon gar nicht an der dem Meltemi abgewandten Südseite. Auf der windzugewandten Nordseite gibt es eine kleine vorgelagerte Insel, Nikouria, die es auch immerhin auf knapp 350 Meter Höhe bringt; bei der Einfahrt in die sich zwischen den Inseln befindliche Bucht sind wir sehr an norwegische Fjorde erinnert, nur dass die Berge viel trockener sind.

Der Vollmond geht über den Bergen auf

Hier finden wir guten Schutz vor der draußen auflaufenden See, der ohnehin schon kräftige Wind wird aber durch die Bergflanken noch verstärkt: direkt überm Wasser erreichen die Fallböen extreme Geschwindigkeiten, heulen laut und peitschen meterhohe Sprühnebel auf – ein abenteuerlicher Ankerplatz in völliger Einsamkeit, und der bald nach Sonnenuntergang aufgehende Vollmond vervollständigt das perfekte Halloween-Szenario 🙂

Ormos Livadi / Astypalaia

Gerne würden wir mehr Zeit auf Amorgos verbringen, aber dazu bräuchte es ruhigeres Wetter, bei dem momentan herrschenden ständigen Nordwind könnten wir nur in dieser Bucht bleiben, die mit ihren Fallwinden zwar ein spektakuläres, aber wirklich kein gemütliches Plätzen ist; also gehen wir kurz nach Sonnenaufgang gegen 7 Uhr in der Frühe Anker auf, um uns an die gut 50 Seemeilen weite Überfahrt nach Astypalaia zu machen. Für den heutigen Sonntag sind nur 4 bis 5 Beaufort Nordwind angesagt – auf längere Sicht eher ein Schwachwindfenster, häufiger sind es hier 5 bis 6, gerne auch 6 bis 7 Windstärken – jeweils im Mittel, die Böen legen gerne nochmal etwas drauf. Dies führt zusammen mit der ungewöhnlich großen Distanz dazu, dass wir nach der Rundung des Südwestendes von Amorgos nach längerer Zeit mal wieder das Großsegel auspacken müssen; so sind wir dann unter Vollzeug mit halbem Wind und 6 bis 7 Knoten unterwegs, während die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel scheint – ein herrlicher Segeltag!

Ormos Livadi, Astypalaia

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir die Bucht von Livadi auf Astypalaia; diese Insel gehört eigentlich gar nicht mehr zu den Kykladen, sondern zum Dodekanes, wurde in der Antike aber noch zu ersteren gezählt, weswegen wir auch unseren Abstecher nach Astypalaia unter der obigen Überschrift belassen. Wir ankern vorm Strand auf 5 m Tiefe auf Sandgrund – der Halt ist hervorragend, was auch gut so ist, denn schon in der kommenden Nacht soll der Wind wieder zulegen.

Die Chora, überragt von der Festungsruine

Am Montag setzen wir mit dem Dinghi zum Strand über und ersteigen den unmittelbar über der Ankerbucht aufragenden Berg mit der Chora der Insel; gekrönt wird diese von den Ruinen einer venezianischen Festungsanlage, die bei dem schweren Erdbeben von 1956 starke Zerstörungen erlitten hat, aber immer noch beeindruckend ist. Die eigentliche Festung ist umgeben von einem Ring ineinandergeschachtelter weißer Häuser, die sich an den steilen Hang schmiegen und durch eine Vielzahl von Treppen verbunden sind.

Die ganze Anlage hat eine starke Wirkung auf uns: die steil aufragenden Festungsmauern, der überwältigende Ausblick von den höchsten Türmen, die zurückhaltende, schlichte Schönheit der strahlend weißen Häuser mit ihren blauen Akzenten und den schon übernatürlich intensiv leuchtenden Bougainvillien -hinreißemd! Der Tourismus ist auf Astypalaia noch wenig entwickelt – die Insel ist einfach zu schwer zu erreichen – und so sind wir praktisch die einzigen Besucher; lediglich einigen Einwohnern begegnet man, die ihren alltäglichen Gewohnheiten nachgehen – etwa an der Straße sitzend ihren Kaffee trinken zum Beispiel – und unzähligen Katzen, die sich in der Sonne räkeln. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig!

Agrilidi / Astypalaia

Am Dienstag zeigt sich der Himmel etwas bedeckter, dafür ist es auch weniger windig; wir wollen das nutzen um die folgende Nacht in einer etwas abgelegeneren Ankerbucht zu verbringen.

Agrilidi – wildromantischer Ankerplatz mitten im Nichts

Ganze 5 Seemeilen sind es hinüber auf die östliche Hälfte der Insel, wo sich eine fjordartige Bucht eine halbe Seemeile tief ins Land hineinschneidet; an deren Ende finden sich eine Kapelle, ein paar verfallene Gebäude mit einem aufgegebenen Olivenhain, etliche Ziegen – und sonst rein gar nichts. Wir wandern um die Bucht herum, trauen uns angesichts des schwächeren Windes trotz des bedeckten Himmels mal wieder ins Wasser (wo es sich bei 24 Grad wärmer als außerhalb anfühlt) und genießen ansonsten die wildromantische Abgeschiedenheit und das Läuten der Ziegenglocken …  

Analipsi / Astypalaia

Früh am nächsten Morgen beginnt der Wind, wieder zuzulegen, weswegen wir uns auf einen geräumigeren Ankerplatz verholen wollen – Astypalaia bietet eine breite Auswahl an Buchten mit Nordschutz, da kann man wählerisch werden …

Blick vom Ankerplatz auf Analipsi

Wir lassen uns mit halbem Wind wieder drei Seemeilen zurück nach Westen schieben und ankern vorm breiten Strand von Analipsi; da es noch früh am Tag ist, setzen wir gleich mit dem Dinghi über und gehen eine Runde durch das winzige Dorf.

Die besonders hübsche Kirche von Analipsi

Es gibt genau zwei Geschäfte: einen Minimarkt und eine Taverne; letztere sieht so einladend aus, dass wir einkehren und einen griechischen Mokka trinken. Es gibt nur wenige, kleine Tische, alles ist liebevoll gestaltet; die Speisekarte ist ein handschriftlich beschriebenes Schulheft und verspricht ausschließlich selbstgemachte Köstlichkeiten.  Spontan beschließen wir, am Abend nochmal wiederzukommen, obwohl der Wind bis dahin noch weiter zugelegt haben soll.

Unsere kleine Taverna

Das tut er dann auch, gegen 18 Uhr bläst es schon mit über 20 Knoten; mit einem etwas flauen Gefühl im Magen lassen wir die ‚Orion‘ mit 30 Metern Kette auf knapp 4 Meter Wassertiefe zurück. Das Abendessen belohnt uns für den kleinen Nervenkitzel: alles ist köstlich, hier wird noch richtig gekocht: nach unserer Bestellung geht der Wirt (und Koch in Personalunion)  erst mal rüber in den Laden und holt frische Zucchini … Die Leute sind unaufgesetzt freundlich, man freut sich wirklich dass es uns schmeckt, auch die Preise sind sehr angemessen. Und als wir wieder am Strand stehen und unser Ankerlicht noch an gleicher Stelle leuchtet, ist wirklich alles perfekt 🙂

Im Laufe der Nacht zum Donnerstag legt der Wind immer weiter zu, mittlere Windstärken von 30 bis 35 Knoten (also immerhin 7 Beaufort) sind für den folgenden Nachmittag angesagt; bei strahlendem Sonnenschein verbringen wir den Tag vor Anker und freuen uns zuschauen zu können, wie der Windgenerator die Batterien füllt.

Lange währt die Freude aber nicht, denn es gibt schlechte Nachrichten aus unerwarteter Richtung: vom Samstag den 7. November an befindet sich ganz Griechenland im Corona-Lockdown! Zwar schießen die Infektionszahlen auch hier seit Wochen in die Höhe, aber noch zwei Tage zuvor hatte die griechische Regierung eine Karte veröffentlicht, in dem das Land in zahlreiche Bezirke eingeteilt ist, für die jeweils eine von drei Warnstufen und damit einhergehende Maßnahmen gelten. Nur für wenige Regionen – rund um Athen und Thessaloniki – galt die höchste Warnstufe, für andere wie auch die südostägäischen Inseln die niedrigste. Ein gut nachvollziehbares Konzept – warum dieses allerdings zwei Tage später schon wieder eingestampft wird und kurzerhand alle Regionen zum Hochrisikogebiet erklärt werden, völlig unabhängig vom Infektionsgeschehen, ist uns völlig schleierhaft …

Aufgrund der schlechten Erfahrungen in Spanien fürchten wir auch eine Schließung der Häfen und verholen uns deshalb am Freitagmittag bei nur leicht nachlassendem Wind noch schnell in den Fischerhafen von Astypalaia, um hier der Dinge zu harren, die da kommen; mit dem wunderschönen Segeln von Insel zu Insel hat es jetzt jedenfalls erst einmal ein Ende, so viel ist sicher 🙁

 

Um die Finger der Peloponnes ( 21.09. – 14.10. )

Am Montagmorgen holen wir nochmal die neuesten Wettervorhersagen ein, die aber keine großen Neuigkeiten bringen, und so lichten wir dann gegen 9 Uhr den Anker (ganz sportlich unter Segeln) und verlassen die Bucht von Portopalo am Südostzipfel Siziliens. Eigentlich sollte gleich am Vormittag ein kräftiger Westwind einsetzen, der zum Nachmittag hin dann auch bis zu Windstärke 6 erreichen soll – nun, diese Wettervorhersage geht als erstes über Bord, als wir nach kaum einer Stunde beschließen, doch den Motor anzuwerfen, um wenigstens nicht länger die Mole von Portopalo anschauen zu müssen …

Zwei Stunden später bessert sich die Lage aber etwas: Westwind kommt auf, und unter Gennaker können wir zufriedenstellende Fahrt machen. Aus den vorhergesagten 20-25 Knoten wird aber auch für den Rest des Tages nichts, aber solange wir vorwärts kommen ist ja alles gut, und so genießen wir den Nachmittag Leichtwindsegeln bei ruhiger See und strahlendem Sonnenschein.

Als die Sonne aber tief im Westen steht, sehen wir, wie sich dort dicke Gewitterwolken aufbauen, wie so häufig in letzter Zeit. Und natürlich kommen die direkt auf uns zu – also erst mal schnell den Gennaker runter. Auf dem Radar beobachten wir, wie die Gewitterzellen Jagd auf uns machen; zwei erwischen uns auch und spülen das Boot gründlich mit Süßwasser. Erst nach Mitternacht beruhigt sich das Wettergeschehen, dafür hält uns das Schiffsaufkommen auf Trab: ein unaufhörlicher Strom von Containerschiffen und Tankern hält genau auf Gegenkurs auf uns zu. Tja, alles was aus den Suezkanal kommt peilt eben auch den südlichsten Punkt Siziliens an … Dank AIS können wir meistens entscheiden wie die Passage ablaufen soll, aber in einem Fall müssen wir per UKW Kontakt aufnehmen und eine beidseitige Kursänderung nach Steuerbord vereinbaren, um nicht frontal zusammenzustoßen – was das 300-Meter-Schiff wohl weniger beeinträchtigen würde als uns …

Der Dienstag bringt zunächst Flaute, am frühen Morgen muss der Motor wieder ran; gegen 11 Uhr kommt aber Wind auf, und den Rest des Tages können wir wieder segeln. Die leichten und wechselhaften Winde bedeuten aber eine Menge Arbeit, weil wir laufend versuchen, die Segelauswahl und -stellung zu optimieren. Davon abgesehen wird es aber ein entspannter Tag – und ein besonderer ist es noch dazu, denn heute ist Äquinoktium, der Tag ist genauso lang wie die folgende Nacht; das muss selbstredend – obwohl auf See – mit einem Glas Wein zum Abendessen gewürdigt werden.

Mittwoch kommt endlich mehr Wind – und dann natürlich gleich reichlich, wie sollte es sonst sein. Es legt immer mehr zu, bis es am Nachmittag 5-6 Beaufort sind, in den Böen sehen wir auch mal die 7. Aber der Wind kommt raum, die Welle ist moderat, die Sonne strahlt – nichts vermittelt ein Schlechtwettergefühl, und das Geschehen ist im Einklang mit den über NAVTEX erhaltenen Wetterberichten, also reffen wir mal nicht und fahren mit vollem Großsegel, Kutter und Klüver, schließlich haben wir was aufzuholen. Der Stundenmittelwert der Fahrt über Grund übersteigt die 5 Knoten, erreicht die 5.5 … na da gehen doch auch 6.0! Tatsächlich, und 6.5 werden es auch noch – im Mittel, wohlgemerkt: zeitweise rauscht die ‚Orion‘ mit 7.5 Knoten durchs Wasser. Das ist ungewohnt, meistens sind wir doch langsamer unterwegs, aber so macht es schon gewaltig Spaß, gerade auch wegen der großen Masse und des schlanken Rumpfes: wir haben geradezu das Gefühl das Wasser zu zerschneiden und im hohen Bogen wegzuschleudern, wenn wir in eine Welle fahren, ohne dass man auch nur die geringste Bremsbeschleunigung spürt.

Nun schmelzen die verbleibenden Seemeilen nur so dahin, der Punkt auf der Karte bewegt sich endlich; am Abend lässt der Wind etwas nach, aber über die ganze Nacht bleibt es noch brauchbar. Erst am Donnerstagmorgen ist es schlagartig vorbei: völlige Flaute. Aber wir sind kaum noch 30 Seemeilen von der griechischen Küste entfernt, und so motoren wir nochmal ein, zwei Stunden, bis wieder neuer Wind – diesmal aus Nordwest – aufkommt und uns am frühen Nachmittag (die Uhren haben wir eine Stunde vorgestellt, Griechenland liegt in der Osteuropäischen Zeitzone) nach 338 Seemeilen und 78 Stunden in die Bucht von Methoni schiebt.

Methoni

Am Donnerstagabend feiern wir noch die geglückte Überfahrt, aber ansonsten ruft erst mal die Koje; erst am Freitag erkunden wir unsere Umgebung. Wir sind am äußersten Finger der Peloponnes (Insel des Pelops, eine Sagengestalt) gelandet. Auf dieser Halbinsel liegen so geschichtsträchtige Städte wie Olympia, Sparta und Korinth – dreitausend Jahre Geschichte liegen vor uns.

In Methoni

Wir setzen mit dem Dinghi über und finden erst mal einen einladenden – und so gar nicht überlaufenen – Badestrand, der die ganze Bucht mit ihrem blaugrünen Wasser einrahmt. Dahinter ein malerischer, kleiner Ort mit so vielen gepflegten alten Häusern – hier vornehmlich aus Naturstein gebaut und nicht verputzt oder gestrichen – wie wir es sonst kaum je gesehen haben; die zahlreichen Tavernen sind äußerst einladend, und selbst das einzige als Strandhotel erkennbare Gebäude hat ganze zwei Stockwerke und ist gut anzusehen. Sind wir etwa endlich jenseits des Massentourismus angekommen?

Wir finden eine ziemlich schicke Konditorei mit unglaublich verführerischen Auslagen – natürlich ohne Preise … in Deutschland hätten wir uns kaum hineingetraut, aber hier müssen wir das Risiko ja mal eingehen, und siehe da: das Preisniveau liegt weit unter dem, was das Ambiente vermuten lässt.

Blick über Methoni, die Ankerbucht und teile der Festung
Das Zugangstor zur inneren Festung

Einzige Attraktion Methonis – wenn man den liebenswerten Ort selbst mal bei Seite lässt – ist die ausgedehnte Festungsruine auf der Südspitze der Halbinsel. Deren Anfänge liegen in unergründlicher Vergangenheit, schließlich wird Methoni schon in der Ilias erwähnt, hier verschwimmen Geschichte und Sagen; sicher ist aber, dass der Ort 620 v. Chr. unter die Herrschaft der Spartaner kam. Viel später, während des römischen Bürgerkrieges, bastelte auch mal Markus Antonius an der Anlage herum; es folgten Zeiten byzantinischer und venezianischer Herrschaft. Vor allem die Venezianer bauten die Festung stark aus – vergeblich aber, 1498 eroberten die Ottomanen Methoni. Erst 1827 wurde die Stadt in Folge des griechischen Unabhängigkeitskrieges wieder Teil des Königreichs Griechenland.

Blick von Süden auf das Seetor

Innerhalb der Festung ist nicht viel erhalten, aber die Anlage ist sehr umfangreich, es gibt viele Wälle, Türme und Mauern zu erklettern – und vor allem erlaubt sie einen hinreißenden Ausblick über die ganze Umgebung und das leuchtend blaue Meer! Wir verbringen einen schönen ersten Tag in Griechenland und nehmen einen sehr guten ersten Eindruck mit – so kann es gerne weitergehen 🙂

Nisos Sapientza

Am Samstagmorgen warten wir erst mal auf eine angekündigte Winddrehung, die uns helfen sollte, unser nächstes Ziel zu erreichen; leider bleibt diese aus: während die aktuellen Wettermodelle behaupten, dass vor Methoni Westwind weht,  haben wir merkwürdigerweise Südost … das ist wohl mehr als knapp daneben 🙂 Irgendwann verlieren wir die Geduld und beschließen, den Motor zu Hilfe zu nehmen, schließlich sind es nur 5 Seemeilen, die wir uns vorgenommen haben.

Die Ankerbucht von Sapientza, Port Longos

Gleich südlich der Bucht von Methoni liegt nämlich die Insel Sapientza, die uns schon am Donnerstag bei unserer Ankunft in Griechenland mit ihren sanften Hängen und tiefgrünen Vegetation begrüßt hat – da müssen wir doch hin! Für den Nachmittag und Abend ist auch mal wieder Starkwind angesagt, doch die Insel bietet dafür eine hervorragend geschützte Bucht – wie wir später feststellen müssen, ist der Schutz gegen Westen fast zu gut: es kommt so wenig Wind über die Berge, dass sich unser Bug eher gegen die Windrichtung nach Osten ausrichtet, was natürlich immer dann, wenn es doch mal ein 30-Knoten-Windstoß bis zu uns schafft, für etwas Verwirrung vor Anker sorgt. Problematisch ist das aber nicht, und wir genießen die völlig einsame Umgebung.

Am nächsten Morgen hat das Wetter sich beruhigt, und wir können einen Landausflug unternehmen. Die etwa 7 Kilometer lange Insel ist unbewohnt und – bis auf einen Leuchtturm – auch völlig unbebaut. Die Hügel sind von dichtem Buschwerk überzogen, alles ist sehr, sehr grün – hier regnet es offenbar doch häufiger als an unseren letzten Aufenthaltsorten. Wir erklimmen den steinigen Pfad zum Leuchtturm mit der Gewissheit, die Insel für uns zu haben (von einer Menge wilder Bergziegen mal abgesehen) – am einzigen Bootssteg liegt nur unser Dinghi.

Blick vom Leuchtturm über Sapientza

Der Leuchtturm stellt sich als aufgegeben heraus, man kann das Gebäude betreten und die Wendeltreppe erklimmen; im letzten Stück geht diese allerdings in eine Stahlkonstruktion über, der der Rost so sehr zugesetzt hat, dass wir uns ihr doch lieber nicht anvertrauen wollen … das macht aber nichts, das Panorama über Insel, Land und See von hier ist umwerfend, die Farben überwältigend – jeder Meter Kraxelei hierher hat sich gelohnt!

Koroni
Segeln bei Traumbedingungen vor Akrotirio Akritas

Kaum zurück vom Landgang, machen wir uns gleich auf den Weg, denn über Mittag soll etwas Wind aufkommen, und heute wollen wir immerhin noch 20 Seemeilen zurücklegen. Wir können noch am Anker das Groß setzen und uns vom Wind aus der Bucht wehen lassen – so fangen Segeltage schon mal gut an! Und es geht auch bestens weiter: die Sonne strahlt, das Meer glitzert dunkelblau, und wir haben schönsten Halbwind um 4 Beaufort, die ‚Orion‘ zeigt sich von ihrer besten Seite – da wird auch mal der Weg zum Ziel!

Blick vom Ankerplatz auf Koroni und die Festungsmauern

Wir runden Akrotirio Akritas, den südlichsten Punkt des westlichsten ‚Fingers‘ des Peloponnes, und fahren damit in den Messenischen Golf ein. Für den morgigen Montag ist eher schlechtes Wetter mit südöstlichen Winden angesagt, wofür wir am Nachmittag Schutz hinter der Landzunge von Koroni und der Hafenmole des Ortes suchen; erst mal aber genießen wir den Abend, und das schon wieder mit Blick auf die Ruinen einer (wenigstens zuletzt) venezianischen Festung: wie schon in Methoni unterhielten die Venezianer hier einen Stützpunkt, um ihre Handelsrouten nach Konstantinopel zu schützen, bis sie diesen an die Osmanen verloren.

Die Klosterkirche innerhalb der Festung

Am Dienstag ist es wie angekündigt grau und regnerisch, der Wind hält sich aber sehr in Grenzen, und wir verbringen einen ruhigen Tag vor Anker; am Mittwochmorgen aber präsentiert sich der Himmel wieder blau und sonnig, und wir setzen mit dem Dinghi über, um den Ort und die Burg – Kastro Koronis – anzuschauen. Nach einem nicht ganz unbeschwerlichen Aufstieg finden wir im Inneren der beeindruckenden Festungsmauern ausgedehnte Olivenhaine, eine Kirche mit angeschlossenem Friedhof und eine Klosteranlage; diese steht Besuchern offen (angemessene Kleidung vorausgesetzt, d.h. bedeckte Knie und Schultern), und man wird von recht betagten orthodoxen Nonnen aufs Freundlichste begrüßt (die in ihrem schwarzen Ornat offenbar keinerlei Probleme mit den Temperaturen haben). Der Klostergarten ist schön angelegt und verströmt zeitlose Ruhe, und von der Akropolis, dem höchsten Punkt der Festung, hat man einen tollen Ausblick über Koroni, den Hafen und den ganzen Messinischen Golf.

Aussicht von der Akropolis über Koroni
Petalidi
Blick vom Ankerplatz vor Petalidi auf die Berge der Mani-Halbinsel im Abendlicht

Kurz nach unserer Rückkehr an Bord frischt der Wind auf – also schnell die Segel gesetzt und hoch mit dem Anker! Bei etwas wechselhaftem aber insgesamt frischen Wind fliegt die Küste nur so vorbei, und nach gerade zwei Stunden sind wir schon am Ende des Messenischen Golfes angekommen, wo wir vor der Kleinstadt Petalidi ankern. Eigentlich wollen wir ja nach Kalamata, aber die dortige Marina verlangt ab Oktober – also übermorgen – nur noch die Hälfte, und da können wir und doch gut noch etwas gedulden 🙂 Das Wetter ist weiter herrlich, und bei Nordwestwind der Ankerplatz so sicher und ruhig, dass wir hier einen schönen Tag verbringen, den wir mit einem köstlichen Abendessen in einer kleinen Taverne abschließen.

Kalamata

Am Donnerstag den 1. Oktober legen wir die letzen 10 Seemeilen bis Kalamata zurück; es wehen gerade mal sechs bis sieben Knoten Wind, und wir befürchten schon motoren zu müssen, aber siehe da, mit dem neuen Code 0 machen wir bei völliger Abwesenheit von Welle immer noch gut 3 Knoten Fahrt – prima! In Kalamata angekommen, machen wir in der Marina fest – keine Selbstverständlichkeit, denn anders als im westlichen Mittelmeer gibt es in Griechenland nur sehr wenige Marinas, also speziell auf Sportboote ausgelegte Häfen mit entsprechender Infrastruktur. Hier werden knapp 24 Euro Liegegeld pro Nacht fällig – auch das eine andere Größenordnung als in Spanien und Italien üblich.

Der Empfang ist freundlich und unkompliziert; da wir ja nicht nach Tunesien fahren konnten brauchen wir auch dringend Diesel, und die örtliche Bootstankstelle ist seit Jahren außer Betrieb, und so fürchten wir schon Probleme – aber die gibt es nicht, der Hafenmeister zückt sein Mobiltelefon und eine Stunde später steht ein Tanklaster auf der Pier. Mit € 1,19 pro Liter kommen wir auch noch wesentlich günstiger davon als in Spanien (€ 1,40) oder Italien (€ 1,60, jeweils Bootstankstellenpreise – Aufschläge von 50% auf den Straßenpreis sind nicht ungewöhnlich), wenn auch nicht so günstig wie es in Tunesien gewesen wäre. Aber daran ist nichts zu ändern, die ‚Orion‘ hat nun wieder 400 Liter Diesel im Bauch und ist damit für viele Monate gerüstet.

Detail einer der vielen orthodoxen Kirchen

Am nächsten Tag erkunden wir Kalamata; berühmt ist die Stadt für die gleichnamigen Oliven, und natürlich decken wir uns auch mit denen sowie einem 5-Liter-Kanister Olivenöl ein, Grundzutat der griechischen Küche. Obwohl die Stadt natürlich uralt ist wie alles hier, gibt es wenig historische Gebäude zu sehen – zu viel ist wohl bei diversen Kriegen und Erdbeben zerstört worden. In der jüngeren griechischen Geschichte aber hat sich Kalamata einen zentralen Platz gesichert, hier nämlich wurde am 23. März 1821 der Beginn des Unabhängigkeitskampfes gegen die türkischen Besatzer erklärt, der schließlich zu Wiedergeburt Griechenlands als selbstständiger Staat führte.

In der Altstadt von Kalamata

Wir finden eine offene, freundliche und lebendige Stadt vor, mit großzügig angelegten Hauptachsen und kleinen, hübschen Sträßchen in der Altstadt. Mit der frischen, klaren Luft aus dem umgebenden Bergen und der sehr warmen Sonne fühlt es sich eher wie Frühling als wie Herbst an – uns gefällt es hier, auch ohne großartige Attraktionen.

In der Nähe des Hafens gibt es auch richtig große Supermärkte, so dass wir auch noch mehrere Einkaufstouren unternehmen – wer weiß, wann sich solche Möglichkeiten wieder bieten …

Am Samstag verlassen wir Kalamata wieder; es weht kaum Wind, aber irgendwo viel weiter im Süden gibt es wohl welchen, weswegen ein beachtlicher Schwell von anderthalb Metern Höhe in den Messenischen Golf rollt. Schutz gegen Süd ist in dieser Bucht kaum zu finden; die Hafenmole von Koroni, unser vorletzter Stopp vor Kalamata, ist das noch das beste Angebot, und so segeln und motoren wir in sieben Stunden die 13 Seemeilen dorthin. Den ganzen Sonntag ankern wir dort bei gutem Schutz gegen den Schwell und völliger Flaute, bevor wir am Montagmorgen zur Überquerung des Meeresarms aufbrechen.

Diros
Die ‚Orion‘ in der Bucht von Diros

Gegenüber liegt die Halbinsel Mani; mit ihren bis 2400 Meter hohen Gebirgszügen ist sie sehr unzugänglich, weswegen sich Fremdherrscher seit Jahrtausenden die Zähne an ihren als streitbar bekannten Bewohnern ausgebissen haben. Wirklich geschützte Ankerbuchten gibt es auch keine, zu steil fallen die Berge ins Meer ab. Nun kommt uns aber zu Gute, dass seit Tagen kein Wind weht: die See ist fast still, die Windrichtung umlaufend bei 0-5 Knoten; es nervt zwar gehörig, dass wir den größeren Teil der 24 Seemeilen langen Überfahrt motoren müssen, aber so können wir in der nach Westen völlig offenen Bucht von Diros ankern.

Hierhin zieht uns nämlich die größte Attraktion der Mani-Halbinsel: die Höhlen von Diros. Wir brauchen nur ein paar Ruderschläge mit dem Dinghi, um das Eingangsgebäude zu erreichen; um ein Ticket zu erweben, muss man dann aber dennoch 200 Meter den Berg herauflaufen …

Der Eintritt ist mit 10 Euro nicht gerade geschenkt, die Höhlen aber wirklich spektakulär: zunächst wird man mit einem kleinen Kahn einige hundert Meter durch den überfluteten Teil der Höhle gestakt, dann steigt man wieder aufs Trockene und geht den Rückweg zu Fuß. Der Weg mit dem Boot ist toll: die kühle Luft, der Geruch des Kalksteins, das völlig unbewegte, kristallklare Wasser, die Stille … und überall die tollsten Tropfsteinformationen! Schade aber, dass wir nur eine drastisch verkürzte Version zu sehen bekommen – Corona-Auflagen … weswegen es signifikant gefährlicher ist, mit der selben Anzahl (maskentragender) Menschen 20 statt 5 Minuten in dem selben Boot zu sitzen, entzieht sich – wie so oft beim Thema Corona – der spontanen Einsicht …

Tropfsteinformationen

Selbst wenn man sich für den Fußweg viel Zeit lässt, ist man aufgrund der verkürzten Bootsroute nach 20 Minuten wieder draußen – die Höhle ist zwar mit einer Gesamtlänge von über 15 Kilometern das längste Höhlensystem Griechenlands, aber nur der geringste Teil liegt über dem Meeresspiegel. Dennoch, was man zu sehen bekommt, ist toll, und die Stimmung geradezu magisch!

Ob dies der Fluss Styx sein könnte, welcher in der griechischen Mythologie in die Unterwelt, das Reich des Hades, führt? Immerhin liegt der Eingang der Sage nach auch auf dieser Halbinsel, allerdings weiter südlich. Unser Fährmann hat sich nicht vorgestellt, aber vielleicht hieß er Charon … 😉

Gerolimenas

Nach der Höhlenbesichtigung machen wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg; es ist nicht viel Wind angesagt, deshalb nehmen wir uns mit 15 Seemeilen auch keine lange Strecke vor, aber selbst diese stellt unsere Geduld auf die Probe … wir nutzen unter Code 0 jeden Knoten Wind, aber zwischenzeitlich treiben wir sogar rückwärts wieder auf die Bucht von Diros zu. Schließlich müssen wir gegen 18 Uhr doch für die letzten Seemeilen den Motor starten, um nicht im Dunkeln ankern zu müssen.

Gerolimenas: sympathisch am Abend …

Dies erweist sich als gute Entscheidung, den der Ankerplatz vor dem kleinen Fischerdorf Gerolimenas erweist sich als recht beengt, und natürlich kommt pünktlich zur Ankunft der erste nennenswerte Wind des Tages auf; da wir alleine sind, finden wir aber einen akzeptablen Platz, wenn auch in Rufweite der Tavenas am Pier – was den Vorteil hat, dass für (durchaus geschmackvolle) musikalische Untermalung gleich gesorgt ist.

… wie am Morgen

Überhaupt überrascht uns Gerolimenas mit der Anzahl der bewirtschafteten Gebäude (die der Gesamtanzahl der Gebäude recht nahe kommt): hier, kurz vorm Ende der Mani-Halbinsel, gibt man sich einige Mühe, den Touristen diesen doch sehr abgelegenen  Ort schmackhaft zu machen, man hat sogar Scheinwerfer installiert, welche die imposante Felswand auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht anstrahlen – kein schlechter Platz, um hier am Wasser seinen Wein zu genießen.

Porto Kagio
Ákra Taínaron

Am nächsten Morgen besuchen wir noch kurz den kleinen Minimarkt, bevor wir unter Segeln den Anker lichten – es weht nämlich Wind aus der Bucht! Das Vergnügen hält aber nicht lange vor – und der kaum vorhandene Wind kommt auch noch (genau entgegengesetzt zur Vorhersage) von vorne! Wir kreuzen tapfer gegen die Flaute an, bis wir schließlich (nach 5 Stunden und ebensovielen Seemeilen) Ákra Taínaron, die südliche Spitze der Mani-Halbinsel und zugleich den südlichsten Punkt des griechischen Festlands sowie – nach dem spanischen Tarifa – das zweitsüdlichste Kap Europas (und, nicht zu vergessen, den vermeintlichen Eingang zum Hades) umrunden und damit vom Messenischen in den Lakonischen Golf wechseln. Normalerweise gilt die Rundung als nicht gerade einfach, weil die hohen Berge der Mani-Halbinsel für kräftige Winde sorgen – nun, heute scheint eine Ausnahme zu sein … wieder müssen wir den Motor zu Hilfe nehmen, um nicht vor dem Kap für die Nacht einzuparken.

Vor Porto Kagio

Nur wenig nördlich finden wir einen Ankerplatz in der Bucht von Porto Kagio; statt wie die anderen Boote vor dem kleinen Ort zu ankern, entscheiden wir uns aber für einen einsamen Strand an der Westseite. Im zweiten Anlauf hält auch der Anker, aber ein Tauchgang enthüllt die ganze Wahrheit: der vermeintliche Sand ist nackter Fels, und die Spitze des Ankers hat sich hinter einer faustgroßen Felsnase verhakt … nun ja, es gefällt uns hier, also hoffen wir darauf, dass sich der Zugwinkel der Kette nicht ändert und wir nicht mitten in der Nacht vom Ankeralarm unsanft geweckt werden 🙂

Elafonisos

Nach einer etwas angespannten Nacht – der Anker hat zwar gehalten, aber darauf zu warten, dass er es nicht tut, ist doch nicht so entspannend – brechen wir am Donnerstagmorgen zur Querung des Lakonischen Golfs auf; knapp 30 Seemeilen liegen vor uns, und heute soll es endlich mal Wind geben!

Die Ostseite von Elafonisos ist schon toll …

Den gibt es auch tatsächlich – je weiter wir uns von den schützenden Bergen der Mani-Halbinsel in unserem Rücken entfernen, desto mehr legt es zu, und entsprechend höher werden die Wellen. Aber dafür sind wir – nur unter Klüver – recht schnell, und schon gegen 15 Uhr liegt unser Ziel, die kleine Insel Elafonisos vor der Südspitze des dritten ‚Fingers‘ der Peloponnes, vor uns. An ihrer Südseite finden sich zwei außerordentlich schöne Ankerbuchten, aber die inzwischen ein bis zwei Meter hohe Windsee läuft zu sehr hinein, so dass wir die Südostpitze der Insel noch runden und vorm Strand von Leukes an der Ostseite trotz 30 Knoten Wind einen ruhigen Ankerplatz finden.

… aber die Ankerbucht an der Südseite stellt das noch in den Schatten!

Auch hier ist es schon sehr schön, aber wir wollen doch auch die Doppelbucht im Süden erleben, und so verholen wir uns am nächsten Morgen, als der Westwind sich gelegt hat, drei Seemeilen zurück in die Bucht von Akra Elena. Diese kleine Halbinsel trennt einen viele Kilometer langen Sandstrand in zwei ungleiche Teile, und in der Tat ist es toll hier: das Wasser ist perfekt klar, und der endlose weiße Sandgrund lässt es in allen Blau- und Türkistönen leuchten. Herrliche Strände erstrecken sich so weit das Auge reicht, und gerade mal eine Handvoll Menschen bevölkern dieses kleine Paradies – keine Hotels, keine lärmende Musik, nichts! So etwas gibt es wohl nur noch in Griechenland: karibische Traumstrände, und niemand ist da … auch keine anderen Yachten, wir sind allein – und bleiben es die nächsten zwei Tage.

Hinreißend: die Doppelbucht im Süden von Elafonisos

Wir landen am Strand an und erwandern die Umgebung der Bucht; von der höchsten Erhebung der Halbinsel bietet sich ein unvergesslicher Anblick: Elafonisos hat sich spontan den Spitzenplatz unserer besten Ankerbuchten erobert!

Ormos Kamili

Am Sonntagmorgen verlassen wir schweren Herzens unsere Traumbucht, für die übernächste Nacht zeichnet sich nämlich ein Frontendurchzug mit Starkwind aus Süd ab, und da wäre es ganz schnell vorbei mit dem Paradies …

Akrotirio Maleas querab

Wir segeln mit noch sehr gemächlichem Wind unter Gennaker gen Osten; nach einigen Stunden runden wir Akrotirio Maleas, das Kap am Südende der Lakonischen Halbinsel – und damit sind wir nun nicht mehr im Ionischen Meer, sondern in der Ägäis! Ein tolles Gefühl, nach weit mehr als 5000 Seemeilen das (inoffizielle) Ziel im Mittelmeer erreicht zu haben 🙂

Wie so häufig frischt es direkt ums Kap etwas auf, aber das Schicksal von Odysseus, der hier auf der Heimreise von einem Sturm 9 Tage gen Süden vertrieben wurde, bleibt uns erspart; wir erreichen am Abend die wenig frequentierte Ankerbucht Ormos Kamili. Zunächst fragen wir uns, warum hier kaum jemand ankern mag, landschaftlich hat sie doch alles zu bieten; erst in der Nacht, als plötzlich Fallwinde aus den Bergen auftreten, erkennen wir ihre Nachteile: der ganze Grund besteht aus PKW-großen Felsplatten mit kaum mal einem Sandflecken dazwischen. Wir haben uns zwar alle Mühe gegeben den Anker in einem solchen zu platzieren, aber mit den einsetzenden Böen schrubbert die Kette über die Felsen, bleibt immer mal wieder in den Kanten hängen, löst sich dann schlagartig – was das Boot mit kleinen Bocksprüngen quittiert. Da der Wind auch stundenlang nicht nachlassen will und mit 5 bis 7 Windstärken auf uns einprügelt (die Wettervorhersage sprach von Windstärke 2 …), wird die Nacht (mal wieder) äußerst unergiebig.

Monemvasia

Dafür sind wir am nächsten Morgen in einer guten Startposition, um uns einen Liegeplatz im nur noch 10 Seemeilen entfernten Stadthafen von Monemvasia zu sichern, wir erwarten nämlich in Anbetracht des angesagten Frontendurchzugs noch einigen Andrang. Der Hafen bietet perfekten Schutz: stabile Betonpiers, teilweise sogar mit Strom- und Wasseranschlüssen, und ein freies WLAN gibt es auch noch – und das alles kostenlos! Unsere Begeisterung wird etwas gedämpft, als jemand auf einem Roller vorgefahren kommt und uns mitteilt, wir dürften hier auf keinen Fall längsseits liegen, nur vor Buganker und Heckleine – in Griechenland ja durchaus üblich, aber wenn 50 Knoten Seitenwind drohen keine allzugute Idee; selbst wenn noch andere Boote kommen, sollten die sich lieber hinter uns einreihen und schließlich Päckchen bilden. Ein anderer Segler rät uns aber, das zu ignorieren, das sei nur ein selbsternannter Ordnungshüter ohne jede Befugnis.. Um sicher zu gehen rufen wir bei der zuständigen Hafenbehörde an, und siehe da, wir können uns auf Englisch verständigen (undenkbar in Spanien!), und man hat auch überhaupt kein Problem mit unserem Ansinnen – warum auch, der Hafen ist halb leer und bleibt es auch zum Abend.

Monemvasia – das bedeutet ’nur ein Zugang‘ …

Die Nacht wird wie erwartet stürmisch, aber am nächsten Morgen ist die Welt wieder in Ordnung, und wir machen uns auf den Weg, das alte Monemvasia zu erkunden. Die byzantinische Gründung liegt am Hang und auf der Spitze einer steil aufragenden Insel, die mit dem Festland nur mit einer kleinen Brücke verbunden ist. Mehrere Befestigungsreihen halten unerwünschte Besucher ab, und das – aufgrund der besonderen Lage – so erfolgreich, dass der Ort als das ‚Gibraltar des Ostens‘ bezeichnet wurde. Was nutzt es aber, eine kleine Festung zu halten, wenn alles drumherum erobert ist – und so durchlief auch Monemvasia die üblichen Phasen osmanischer und venezianischer Herrschaft.

Die Unterstadt ist heute ein wirklich sehenswertes Touristenziel …

Nach der griechischen Unabhängigkeit 1821 wurde der Ort nach und nach verlassen – was den großen Vorteil mit sich bringt, dass bis zu seiner touristischen ‚Wiederentdeckung‘ praktisch nichts verändert worden ist. Die von steilen Mauern geschützte Unterstadt ist ein Gewirr winziger Gassen zwischen den völlig unregelmäßig in den steilen Hang gebauten Häusern, von denen viele liebevoll restauriert sind und Cafés, Restaurants und kleine Hotels beherbergen.

… der Weg auf die Festung beschwerlich …

Eine endlose Treppe führt ganz hinauf in die eigentliche Festung; hier ist viel mehr verfallen, aber dennoch bekommt man noch einen guten Eindruck von der ursprünglichen Anlage – und die Ausblicke von hier oben sind begeisternd! Leicht kann man sich beim Blick herab auf die steile, gewundene Treppe vorstellen, dass dieser Ort praktisch uneinnehmbar war – und die Bewohner ziemlich sportlich, denn schließlich musste ja auch alles und jedes hier heraufgeschleppt werden!