Überführung (27.09. – 19.10.)

Agios Nikolaos

Am 27. September bekommt die ‘Orion’ endlich wieder eine Crew – einen Monat später als geplant und in unerwarteter Zusammensetzung. Statt eines schönen, geruhsamen Herbsttörns im Dodekanes gen Norden müssen wir die Strecke bis Lesvos nun in kürzestmöglicher Zeit zurücklegen – wie es so ist, wenn das Leben mal wieder andere Pläne hat.

Zunächst aber sind einige Vorbereitungsarbeiten angesagt: die Segel müssen wieder angeschlagen und das Boot verproviantiert werden, vor allem aber warten die im Juli noch angekommenen Lithium-Zellen auf ihren Einbau – und der hat es in sich, die Elektronik will nämlich nicht so, wie sie sollte, und zu allem Überfluss sind die Bedingungen sehr widrig: es ist nämlich unerträglich – und für diese Jahreszeit untypisch – heiß auf Kreta, und besonders unten im Bauch der ‘Orion’. Aber nach drei ziemlich quälerischen Tagen funktioniert es zwar noch immer nicht so wie gewünscht, aber die Batterien sind benutzbar, und dem Aufbruch steht nichts mehr im Wege.

Nachtfahrt nach Astypalaia
Kreta bleibt hinter uns zurück

Am Vormittag des 1. Oktober verlassen wir die Marina von Agios Nikolaos mit Kurs Nordnordost; unser Ziel ist Astypalaia in gut 90 Seemeilen Entfernung, welches wir nur über Nacht erreichen können. Zunächst weht sehr wenig Wind, aber am folgenden Tag soll sich das sehr gründlich und nachhaltig ändern, so dass wir uns sagen: jetzt oder nie (jedenfalls nicht so bald) und etliche Motorstunden in Kauf nehmen.

Nächtliche Begegnung mit der ‘Rhapsody of the Seas’ bei Mondschein

Schon bald sichten wir Delfine, und nach wenigen Stunden stellt sich sogar sanfter Ostwind ein, so dass wir mit Großsegel und Code Zero anständig Fahrt machen können; mit der Sonne verschwindet aber auch der Wind, und den größeren Teil der Nacht läuft wieder der Motor. Erst nach 3 Uhr haben wir wieder genug Wind, nun aus Süd; in den nächsten Stunden dreht dieser wie angekündigt südwestlicher und nimmt zu, aber nur ganz langsam; nach Sonnenaufgang aber, als wir Astypalaia schon in Sicht haben, geht es dann ganz schnell, und auf einmal haben wir 6 Beaufort und machen mit zweifach gerefftem Groß und Klüver über 7 Knoten Fahrt – sehr schön!

Astypalaia begrüßt uns stürmisch

Schon im Einflussbereich der Insel legt es dann aber noch weiter zu als angekündigt, und die Böen fallen mit 8 Beaufort über uns her, so dass der Zielanlauf noch recht sportlich wird. Um Viertel vor 11 Uhr sind wir aber längsseits fest an der Fischerpier von Maltezana und können uns nun erst mal von den Strapazen der letzten Tage erholen – der (inzwischen Nord-)Wind wird nämlich die nächsten Tage nicht mehr weniger, und so haben wir einen längeren Zwangsaufenthalt vor uns.

Ausflug nach Agios Ioannis

Der Meltemi scheint kein Ende nehmen zu wollen: Tag um Tag pfeift es über den gut geschützten Liegeplatz hinweg. Zunächst gibt es noch einiges am Boot zu erledigen, so will etwa der vor 9 Monaten bestellte und auf Kreta endlich gelieferte Propeller montiert werden; dann aber sind die Arbeiten durch, und wir mieten ein Auto, um uns auf der Insel umzuschauen und die Zeit zu vertreiben.

Die Chora leuchtet weiß vor der stürmischen See

Dabei können wir immer wieder einen Blick auf die See gen Norden werfen, deren Anblick einen von allen Gedanken, so schlimm sei es doch gar nicht, augenblicklich kuriert. Aber Astypalaia ist schließlich nicht der schlechteste Ort, um etwas zu verweilen …

Astypalaia – Kalymnos

Schließlich werden es ganze 7 Tage, bis wir am Morgen des 9. Oktober die Leinen loswerfen. Für den Tag sind noch 6 bis 7 Windstärken angesagt, aber wir können auch nicht länger warten, denn das darauf folgende, ruhigere Wetter soll nur sehr kurz anhalten …

Sonnenuntergang auf Kalymnos

Glücklicherweise sind es dann aber nur 5 bis 6 Beaufort, und hoch am Wind können wir die Südspitze von Kalymnos anpeilen. Mit zwei Reffs im Groß und Kuttersegel kommen wir gut voran – doch überflüssig zu erwähnen, dass es eine recht feuchte Angelegenheit wird, und die See, die sich in einer Woche Starkwind aufgebaut hat, ist auch nicht zu verachten. Damit es nicht langweilig wird, schlägt unterwegs in den hohen Wellen die Mutter vom Steuerrad los, so dass wir die ‘Orion’ noch eben auf Pinnensteuerung umrüsten; das geht auch sehr gut, nur die Windfahne kann so nicht zum Einsatz kommen, und wir steuern von Hand. Aber nach 44 Seemeilen erreichen wir eine wunderschöne Ankerbucht im Nordwesten der Insel, wo wir die Sonne neben Telendos gerade noch untergehen sehen; hier liegen wir perfekt geschützt an einer zu einer Taverna gehörenden Muring, so dass wir uns bald erschöpft in die Kojen fallen lassen können.

Kalymnos – Chios
Unter Vollzeug kreuzen wir auf

Lange hält die Ruhe aber nicht an, am nächsten Morgen geht es gleich weiter, und diesmal wieder zu einer Nachtfahrt – wir haben nämlich unsere zwei Tage ruhigeren Wetters zugeteilt bekommen, und diese wollen bzw. müssen wir nutzen, um die Meerenge zwischen Ikaria und Samos zu passieren, die bei starkem Nordwind eine Weiterfahrt unmöglich macht.

Abenddämmerung über Patmos …

Wie kaum anders zu erwarten war, gibt es nun zu wenig Wind statt wie zuvor zu viel; wir fahren Vollzeug, und dennoch muss auch immer mal wieder der Motor ran, wenn wir einzuparken drohen. Der wenige Wind kommt auch logischerweise von vorne, und so kreuzen wir den ganzen Tag an Leros, Leipsoi, Arkoi, Patmos und Phournoi vorbei, bis wir in der Nacht die IkariaSamos-Straße passieren.

… und Morgendämmerung über Samos

Am Dienstag gibt es erst recht keinen Wind mehr; am Vormittag versuchen wir noch tapfer zu segeln, aber später muss der Motor ran, damit wir noch bei Tageslicht nach insgesamt 113 Seemeilen Chios erreichen können; hier finden wir einen Platz in der unfertigen Marina – und ein köstliches Abendessen in einem hinreißenden Lokal in der Altstadt 🙂

Chios – Lesvos

Auch Mittwochmorgen geht es gleich weiter – der letzte lange Schlag bis nach Lesvos steht an. Wieder sind wir mit wenig (Gegen-)Wind unterwegs, und spontan beschließen wir, die Fahrt etwas zu verkürzen, indem wir erst mal Plomari, den für uns nächstgelegenen Hafen auf der Insel ansteuern. So gewinnen wir etwas Zeit, die wir in langsames Segeln investieren können, um nicht die ganze Zeit nur motoren zu müssen. Nach  39 Seemeilen in 10 Stunden (von denen immerhin ‘nur’ 2/3 der Zeit der Motor lief) erreichen wir wieder mit Sonnenuntergang Plomari – und freuen uns, auf Lesvos angekommen zu sein!

In Plomari

Da die Rückflüge inzwischen für den 20. gebucht sind, können wir uns nun etwas mehr Zeit lassen und am Donnerstagmorgen erst mal Plomari anschauen. Der Ort ist übersichtlich, zentrale Attraktion ist der Fischerhafen mit seinen vielen, farbenfroh gestrichenen Booten; außerdem gibt es die Ouzodestillerien zu besuchen, denn die Stadt gilt als der Geburtsort des griechischen Nationalgetränks, aber so lange bleiben wir nun auch wieder nicht.

Statt dessen machen wir uns auf den Weg nach Mytilini, wobei wir nach 12 Seemeilen nochmal einen Ankerstopp im Einfahrtsbereich des Kolpos Geras einlegen, um nochmal ein paar Runden im inzwischen ‘nur’ noch 21 Grad warmen Wasser schwimmen zu können; am nächsten Vormittag fahren wir dann die letzten 11 Seemeilen bis Mytilini – wieder unter Motor bei spiegelglatter See.

Insgesamt haben wir 311 Seemeilen in 8 Tagen auf See zurückgelegt – allerdings lief dabei der Motor im Schnitt 4 Stunden pro Tag, so dass wir nur die Hälfte der Strecke gesegelt sind. Es gab entweder zu viel Wind oder zu wenig – aber das ist nicht überraschend, wenn man versucht, in der Ägäis möglichst schnell von Süden nach Norden zu segeln.

Die ‘Orion’ bereitet sich in der Marina Mytilini auf den Winter vor

Es verbleiben fünf Tage, um das Boot für einen Aufenthalt unbestimmter Dauer vorzubereiten – was sich als nicht zu viel erweist, es sind doch über das Offensichtliche – wie das Abschlagen der Segel – hinaus noch eine Menge Kleinigkeiten zu tun, und die vor drei Wochen erst montierte Batterieelektronik muss ja zwecks Fehlersuche auch wieder mit nach Deutschland fahren.

Mittwochmittag ist dann alles geschafft, nur die Taschen müssen noch gepackt werden, damit es am Donnerstag in aller Frühe nach Hause gehen kann; die ‘Orion’ ist bestmöglich vorbereitet und wartet die nächsten Monate drauf, wieder segeln zu dürfen …

 

Rund Kreta (11.05. – 03.07.)

Kolymvari

Als ersten Hafen auf Kreta steuern wir Kolymvari am westlichen Ende der Bucht von Chania an; die Kleinstadt scheint keine besonderen Attraktionen zu bieten zu haben, und wir wählen den Hafen hauptsächlich deshalb als Ziel, weil wir einerseits nach der Überfahrt nicht sofort in einer engen Bucht ankern, andererseits aber auch nicht gleich in den Trubel von Chania eintauchen wollen. Bei der Anfahrt auf den Hafen sind wir begeistert von der Klarheit des Wassers und dem sandigen Grund: was für ein Farbenrausch!

Im Hafen herrscht nicht unbedingt Überfüllung …

Der Ort erweist sich als gute Wahl: der Hafen ist sehr groß, gut ausgebaut – und praktisch völlig leer. In einem Nebenbecken liegen ein paar lokale Boote, ansonsten können wir unseren Längsseitsplatz an hunderten Metern Betonpier frei wählen.  Offenbart hat man auch hier mal große Pläne gehabt: überall gibt es Strom- und Wassersäulen, die sich in unterschiedlichen Zerfallsstadien befinden und selbstverständlich alle nicht funktionieren. Vielleicht nimmt man aber nach längerer Pause nun die Aktivitäten wieder auf: an der stadtzugewandten Seite der Promenade laufen Bauarbeiten.

Kolymvari: typischer kleiner Badeort

Trotz des unfertigen Zustandes wirkt der Hafen nicht abweisend, im gegenteil, wir fühlen uns wohl; der Ort bietet einladende Gastronomie, einen gut sortierten Supermarkt und vor allem eine Bäckerei und Konditorei, die keine Wünsche offen lassen: wir erwerben das beste Brot, welches wir bislang in Griechenland zu kaufen bekommen haben! Logischerweise (für griechische Verhältnisse) ist der Hafen auch noch kostenlos, und so bleiben wir gerne ein paar Tage, um erst mal so richtig anzukommen – und natürlich gibt es nach den ersten 150 Seemeilen auch noch eine Liste mit Bootsarbeiten, die abgehakt werden möchte …

Paralia Menies
Schöner ankern: Paralia Menies

Am Samstag haben wir uns etwas erholt und wollen langsam wieder etwas Abwechslung: wir beschließen, zu der 7 Seemeilen nördlich an der Spitze der Rodhopos-Halbinsel gelegenen Ankerbucht von Menies zu fahren. Natürlich wollen wir trotz der schwachen Winde segeln – schließlich ist es ja nicht weit … aber in den folgenden Stunden lernen wir die Windverhältnisse in der Bucht von Chania erst mal richtig kennen: nicht nur die Stärke des Windes schwankt lustig zwischen 0 und 10 Knoten, auch die Richtung dreht sich munter im Kreis! Ständig fällt der 60 m² große Code Zero wieder ein und will gewendet werden – wir sind fast 4 Stunden unterwegs, bis wir endlich in der sehr kleinen Bucht auf 7 Meter tiefem Wasser den Anker werfen können.

Reste des Diktynna-Heiligtums

Hinter dem Strand von Menies liegen die Reste eines alten, der minoischen Nymphe Diktynna gewidmeten Heiligtums; davon ist nicht allzu viel übrig, die eigentliche Attraktion des Ortes ist seine Lage: auf dem Landweg gelangt man nur über 20 Kilometer gebirgiger Buckelpiste hierher, die gesamte Halbinsel ist unbesiedelte Wildnis – Natur und Einsamkeit pur. Es erschließt sich einem unmittelbar, weswegen sich dieser Ort für die Verehrung einer der Natur und den Bergen verbundenen Gottheit angeboten hat!

Wir folgen der Schlucht tiefer in die Berge

Wir folgen der tief eingeschnittenen Schlucht ins Innere der Halbinsel; die steilen, zerklüfteten Felswände bilden einen tollen Kontrast zur grünen Vegetation am Talgrund.

Die ‘Orion’ scheint zu schweben

Nach einer Weile finden wir eine Möglichkeit zum Aufstieg; wir klettern die Felsen hinauf (wobei wir gehörig ins Schwitzen kommen: es ist richtig heiß in der Sonne!) und laufen entlang der Felsenkante zurück bis zur Ankerbucht. Von hier bietet sich ein hinreißender Anblick: die ‘Orion’ scheint im türkisfarbenen Wasser geradezu schwerelos zu schweben. und der Ausblick über die Berglandschaft ist grandios!

Was für eine Aussicht!
Chania

Am Dienstag den 17. lösen wir uns schließlich – etwas schweren Herzens – von unserer Ankerbucht und machen uns auf nach Chania, mit rund 54.000 Einwohnern eine richtige Stadt, für Inselverhältnisse sogar eine sehr große. Unsere Erwartungen sind etwas gemischt, schließlich bevorzugen wir kleinere Orte, aber Chania steht auch in dem Ruf, die schönste Stadt Griechenlands zu sein – wir werden sehen!

Chania, Venezianischer Hafen

Sehen können wir zunächst mal den alten venezianischen Hafen und die historische Wasserfront mit der Hasan-Pascha-Moschee von 1645, überragt vom Panorama der schneebedeckten Berge im Hintergrund – beeindruckend! Wir finden einen Liegeplatz an dem für Gäste reservierten Kai – aus dem Cockpit kann man gleich Bestellungen in der nächstgelegenen Taverna aufgeben. Der ganze Ort pulsiert vor Leben, die Straßen sind voller Menschen, und die Zahl der Restaurants und Cafés geht in die Hunderte – und alle haben gut zu tun!

Unser Liegeplatz – mitten im Geschehen

Wir tauchen in die Atmosphäre ein und genießen den Trubel – meistens jedenfalls, unser Liegeplatz macht es definitiv unmöglich, früher als der Rest der Urlauber in die Koje zu gehen 😉 Aber trotz der vielen Menschen wird die Stimmung nie stressig, sondern bleibt vollkommen entspannt, und trotz der gegebenen Möglichkeit, mit all den Touristen den schnellen Euro zu verdienen, bietet die Gastronomie augenscheinlich durchweg hohe Qualität – für schlechtes Essen hat man in Griechenland eben nichts übrig (trotz der unzähligen internationalen Touristen gibt es auch keine Filialen der amerikanischen Fast-Food-Ketten – kein echter Grieche würde deren Machwerke in die Kategorie ‘Nahrungsmittel’ einordnen).

In der Altstadt von Chania

Wir erkunden in den nächsten Tagen die Stadt – und sind begeistert, hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung: liebevoll restaurierte, jahrhundertealte Häuser, leuchtende Blütendächer über schattigen  Plätzen, Geschäfte mit Kunsthandwerk (und zwar größtenteils kretischem, nicht fernöstlichem), und natürlich Tavernen, Tavernen und nochmals Tavernen – hier könnte man ein Jahr lang jeden Abend woanders gut essen! Die massentouristischer ausgerichteten Lokale an der Hafenpromenade mit den mehrsprachigen Speisekarten mit Fotos der Gerichte darauf lassen wir links liegen und suchen uns die kleinen, familiengeführten Tavernen in der zweiten oder dritten Reihe aus – und machen nur beste Erfahrungen! Wir sind im Schlaraffenland – so sind die in der Werftzeit verlorenen Kilos bald wieder drauf …

Am Ende der Woche zieht eine kleine Störung durch, es gibt etwas Regen (womöglich den letzten bis September) und stärkeren Nordwind; der kommt trotz der in Lee liegenden Berge kaum in Chania an, aber die Wellen lassen sich davon nicht abhalten, und nun zeigt sich der Nachteil dieses Hafens: es baut sich ein heftiger Schwell auf, zwei Tage (und Nächte) kann man es an Bord kaum aushalten, und ein solider Festmacher scheuert sich durch. Ankerplätze mit Schutz gegen Nord gibt es weit und breit auch keine – vielleicht der Grund, warum recht wenige Boote in diesem Revier unterwegs zu sein scheinen (im Gästehafen ist vielleicht Platz für 10 bis 12 Boote, die Hälfte ist nicht belegt).

Überall unterm Straßenpflaster stößt man auf die minoischen Fundamente

Wir besuchen das archäologische Museum und staunen über die Besiedlungsgeschichte: man geht davon aus, dass auf Kreta seit mindestens 130.000 Jahren Menschen leben, und Chania als Stadt ist seit mindestens 6000 Jahren bewohnt. Nun, wir können bestätigen, dass man es hier aushalten kann …

Wie in Griechenland üblich, hat die Stadt häufig die Besitzer (und den Namen) gewechselt: in der Jungsteinzeit besiedelt, kam Chania in der minoischen Zeit unter dem Namen Kydonia zu großer Blüte als Handwerks- und Handelszentrum. Die Minoer mussten ab ca. 1450 den Mykenern weichen, diese wiederum wurden ein paar Jahrhunderte später von den Doriern verdrängt, welche die klassisch-griechische Epoche einläuteten; 67 v. Chr. wurde Kreta ans Römische Reich angeschlossen, nach dessen Teilung wurde es byzantinisch,  ums Jahr 900 auch mal für ein gutes Jahrhundert von den Sarazenen erobert, und 1204 schließlich, nach dem Fall Konstantinopels im vierten Kreuzzug, an die Venezianer verscherbelt, die sich bis zur Eroberung durch die Osmanen 1645 daran bereichern konnten. Nach weiteren 250 Jahren muslimischer Fremdherrschaft wurde Kreta endlich wieder an Griechenland angeschlossen, doch bald darauf innerhalb einer Woche im Mai 1941 von Deutschland in der Luftlandeschlacht um Kreta erobert. Die neuen Herren hatten auch nicht viel Freude an der Insel, die folgenden Jahre sind von blutigen Partisanenkämpfen gekennzeichnet. Als die Engländer nach der deutschen Kapitulation im Mai ’45 die deutschen Befestigungen in Chania übernahmen, staunten die Partisanen nicht schlecht, dass diese ihre vorherigen Kriegsgegner nicht etwa entwaffneten, sondern mehr oder weniger mit diesen zusammen gegen die Partisanen vorzugehen begannen, galten diese doch als kommunistisch infiltriert – nun gut, dann bekämpft man von nun an halt die Engländer. Erst seit dem Ende der griechischen Diktatur 1974 ist endlich Ruhe eingekehrt …

An dieser an sich recht unerfreulichen Geschichte fasziniert uns, wie die Kreter über Jahrtausende ihre Identität, Sprache und Religion gegen die jeweiligen Besatzer lebendig erhalten konnten – ein stolzes Volk, ebenso wehrhaft gegenüber seinen Feinden wie gastfreundlich gegenüber seinen Freunden. Im Laufe des vergangenen Winters haben wir mehrfach mit Griechen über unsere Reisepläne gesprochen, und immer ein Leuchten in ihren Augen aufblitzen sehen, wenn wir Kreta erwähnt haben; für viele Griechen ist Kreta das alte Griechenland, die Essenz der griechischen Kultur. Wieder mal muss Alexis Sorbas herhalten:

Diese kretische Landschaft glich einer guten Prosa: geschliffen, knapp, frei von Schwulst, kräftig und verhalten. Sie drückte das Wesentliche mit den einfachsten Mitteln aus. Sie spielte nicht. Sie wandte keine Kunstgriffe an und blieb jeder Rhetorik fern. Was sie zu sagen hatte, das sagte sie mit einer gewissen männlichen Strenge. Aber zwischen den herben Linien dieser kretischen Landschaft entdeckte man eine Empfindsamkeit und Zartheit, die keiner vermutet hätte – in windgeschützten Schluchten dufteten die Zitronen- und Orangenbäume, in der Ferne ergoß sich aus dem endlosen Meere eine grenzenlose Poesie.

Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas

Der ‘Alexis-Sorbas-Strand’ in Stavros

Wir mieten für zwei Tage ein Auto und unternehmen damit Ausflüge in die Umgebung, besuchen die Akrotiri-Halbinsel (und dort einen der Drehorte der Alexis-Sorbas-Verfilmung mit Anthony Quinn – dort findet sich auch das einzige wirklich schlecht bewertete Lokal Kretas), durchwandern die Schlucht von Topolia und waten durch das warme, seichte Wasser des Traumstrandes von Elafonisi.

Im kretischen Hochgebirge

Mit dem Fernbus fahren wir zum Einstieg der die Samaria-Schlucht in den zweieinhalbtausend Meter aufragenden Weißen Bergen; der Abstieg erfolgt auf 16 Kilometern Länge über 1200 Höhenmeter, die Schlucht ist eine der längsten Schluchten Europas und bedeutender Touristenmagnet.

Die ‘Eiserne Pforte’ in der Samaria-Schlucht: 3 m breit, 300 Meter hoch

Technisch ist die Wanderung nicht anspruchsvoll, aber bedingt durch den großen Zustrom von Besuchern, die eher selten zu Fuß gehen, haben die Mitarbeiter des Nationalparks jeden Sommer einige Touristen zu retten, die sich bei 40 Grad im Schatten etwas mit ihrem Vorhaben übernommen haben …

Auch Rosen mögen das kretische Klima

Ebenfalls mit dem Bus (pünktlich, klimatisiert, billig – das geht!) fahren wir zu dem im Vorgebirge gelegenen Botanischen Park von Kreta und verbringen einen interessanten Vormittag inmitten von Blütenpracht und -duft, wobei wir einiges über die einheimischen Pflanzen lernen.

Abendstimmung über dem Hafen von Chania

Zum Wochenende bereiten wir uns langsam auf den Aufbruch vor, genießen noch einmal die wundervollen Hafenduschen, kaufen den halben Wochenmarkt leer (Obst und Gemüse sind eine Sensation, und quasi geschenkt!), besuchen den SB-Waschsalon (Fahrtensegleralltag …) und kehren nochmal in einer sehr netten Taverna ein, bevor wir am Sonntagmorgen die Leinen loswerfen und etwas schweren Herzens Chania verlassen. Es weht zunächst nur wenig Wind, aber gegen Mittag soll kräftiger Westwind aufkommen; die Übergangsphase nutzen wir, um die 15 Seemeilen zurück zur Bucht von Menies zu segeln, wo wir schon vor unserem Besuch in Chania geankert haben und nun eine letzte Nacht verbringen, bevor wir uns am Montag auf die Reise nach Westen machen.

Balos
Die Rodhopos-Halbinsel mit Wolkenmütze

Der am Vortag aufgekommene Westwind weht immer noch recht frisch; laut Vorhersage sollen es nur 13-15 Knoten sein, tatsächlich sind es aber eher 20 Knoten, die uns ins Gesicht blasen. Zwar vermeidet der Fahrtensegler ja eigentlich Amwindkurse, aber besser Gegenwind als gar keiner, denken wir uns, und kreuzen um die Rodhopos– und Gramvousa-Halbinseln bis zu Kretas nordwestlichster Spitze, dem Kap Kokala, auf.

Kap Kokola, der nordwestlichste Punkt Kretas

Aus unserer Ankerbucht sind wir schon mit gerefftem Großsegel gestartet, denn wir wissen ja, dass wir mit Fallböen hinter den Bergflanken zu rechnen haben; als wir offenen Seeraum erreichen und immer noch 6 Beaufort am Windmesser ablesen, beschließen wir, es auch erst mal dabei zu belassen – eine gute Entscheidung, der Wind nimmt auch im weiteren Tagesverlauf kaum ab. Da uns auch ein beträchtlicher Strom entgegensteht, geht es über Grund nur langsam voran, und so geht es auf 17 Uhr, als wir endlich Kap Kokala gerundet haben und in die Bucht von Balos einlaufen.

Ankern in der Bucht von Balos

Nach knapp 30 Seemeilen lassen wir unser Anker im Schutz der Insel Tigani in das kristallklare Wasser der Bucht fallen, welche eine der großen Touristenattraktionen Westkretas darstellt. Nicht ohne Grund, wie wir finden: die Farben sind hinreißend, und die schroff aufragenden Berge bilden einen perfekten Hintergrund.

So richtig überwältigt sind wir aber erst, als wir am nächsten Tag mit dem Dinghi auf die Insel Tigani übersetzen und ihre höchste Erhebung erklettern: aus gut 100 Metern Höhe ist der Ausblick über die Bucht von Balos, die Inseln nördlich, die Strände, die Lagune und die Bergkette einfach atemberaubend! Das Wasser leuchtet in allen Schattierungen von Türkis über Smaragdgrün bis Kobaltblau – wir sitzen eine ganze Weile auf den Felsen und saugen den Anblick in uns auf, an Orten wie dieser lässt sich die Natur so unmittelbar erfahren, dass es einem die Sprache verschlägt …

Panorama von Tigani über die Bucht von Balos
Gramvousa
Das Wrack der Dimitrios P.

Am Mittwoch den 1. Juni dreht der Wind auf Nordost, für uns ein Anlass den Ankerplatz zu wechseln – nicht gerade weit, wir fahren eine Seemeile gen Norden und ankern nun vor der Insel Gramvousa, welche den nördlichen Abschluss der Bucht von Balos bildet. Neben uns am Strand liegt das Wrack der 1968 gestrandeten Dimitrios P., an welcher der Zahn der Zeit aber schon gehörig genagt hat: bald wird von dem beliebten Fotomotiv nichts mehr zu sehen sein.

Das venezianische Kastell auf Gramvousa

Auch diese Insel ist ein Ziel für die Tagesausflugsboote, doch bis etwa 12 Uhr gehört die Insel uns; das nutzen wir aus und machen uns gleich auf den Aufstieg zum venezianischen Kastell aus dem 16. Jahrhundert. Diese zur Verteidigung der venezianischen Besitztümer gegen die Ottomanen errichtete Anlage galt zu ihrer Zeit als uneinnehmbar, und tatsächlich war sie noch lange nach der Besetzung Kretas ein Widerstandsnest. Später wurde sie zum Piratenstützpunkt und verfiel schließlich nach deren Vertreibung.

Im Inneren der Festung steht auch nicht mehr viel, die das 127 m hohe Gipfelplateau der Insel umfassenden Mauern sind aber noch gut erhalten. Höhepunkt des Besuchs der Insel ist aber wieder der Ausblick: die Bucht von Balos mit ihren herrlichen Farben und die zerklüfteten Gipfel der Berge liegen malerisch vor uns!

Die Bucht von Balos, diesmal von Gramvousa aus gesehen; die Insel Tigani ist rechts im Bild
Phalasarna

Donnerstagmorgen verlassen wir die Bucht von Balos endgültig, denn es kommt Starkwind aus Nordost auf, und da wollen wir uns einen besser geschützten Platz suchen – eine Einkaufsmöglichkeit und Mobilfunkabdeckung darf dieser auch gerne haben, all das hat Balos nämlich nicht.

Groß ist die Auswahl an geschützten Ankerplätzen an Kretas Küsten ja nicht gerade; 8 Seemeilen entfernt befindet sich die Bucht von Phalasarna, die über endlose Flächen perfekten Ankergrunds verfügt, und einen Hauch von Schutz gegen Schwell durch eine etwas herausragende Landzunge – besser wird’s nicht. Die Fahrt dorthin dauert nicht lange, vor allem weil der Wind schon zügig aufdreht; wir sind mit kleiner Segelfläche unterwegs, und doch sind wir spätestens dann wach, als uns bei der Ansteuerung der Bucht eine Windbö von 38 Knoten erwischt – die Freuden des Segelns an Bergflanken!

Die Felsten an Kretas Westküste zeigen deutlich die Absenkung der Wasserlinie

Die ‘Orion’ stört das ja bekanntlich nicht so, und nachdem wir alle nicht hinreichend gut gesicherten Gegenstände unter Deck wieder eingesammelt haben, können wir uns einen Platz für unseren Anker auf einer kilometerlangen Sandfläche aussuchen. Um den Halt müssen wir uns hier keine Sorgen machen, nur der rechtwinklig zum Wind in die Bucht einrollende Schwell dürfte auf die Dauer an den Nerven zehren.

Am Nachmittag erreicht der Wind 6 bis 7 Beaufort, bevor er in der Nacht etwas abflaut; am Freitag soll es noch stärker wehen, daher nutzen wir gleich am Morgen die Atempause und versuchen, mit dem Dinghi anzulanden – eine recht feuchte Angelegenheit.

Phalasarna – endloser Sandstrand, sonst nicht viel los

Phalasarna war in der Antike mal eine recht bedeutende Stadt, was sie nicht zuletzt ihrem Hafen verdankte; durch das katastrophale Erdbeben im Jahre 365 wurden Stadt und Hafen völlig zerstört, und die resultierende geologische Landhebung machte es auch unmöglich, hier einen neuen Hafen zu errichten. Heute ist Phalasarna eine Ansammlung von Hotels und Restaurants vor einem kilometerlangen Sandstrand, im Umland ein paar Gewächshäuser, und das war’s. Der einzige Minimarkt führt immerhin Milch und Brot, was will man mehr – wir sehen also zu, dass wir rechtzeitig wieder an Bord sind, bevor der Wind richtig aufdreht, und entspannen dann bei Sturmwind vor Anker – selbstredend bei wolkenlosem Himmel und 30 Grad im Schatten.

Paralia Kedrodasos

Erst am Sonntag hat sich das Wetter soweit beruhigt, dass wir an eine Fortsetzung der Reise denken können. Sobald wir aber aus der Landabdeckung herauskommen, stellen wir fest, dass es immer noch recht motiviert bläst; macht aber nichts, so können wir die 18 Seemeilen entlang der Westküste gen Süden zügig absegeln.

Das Ende dieses Küstenabschnitts markiert die Halbinsel Elafonisi mit ihrem berühmten Traumstrand, den wir schon von Chania aus mit dem Mietwagen besucht hatten. Direkt davor zu ankern ist leider nicht möglich, da sich ein mit Felsen durchsetzter Flachwasserbereich eine Seemeile vom Strand hinaus erstreckt – diesem verdankt das Meer vor Elafonisi ja gerade seine unglaublichen Farben.

Paralia Kedrodasos, ein Paradies abseits der Touristenpfade

Etwas weiter östlich allerdings liegt der Strand von Kedrodasos – und der erweist sich als Geheimtipp, sowohl von Land wie vom Wasser aus: als Strandurlauber muss man nur eine halbe Stunde zu Fuß der Küste von Elafonisi aus nach Osten folgen, und man findet ein Paradies fernab des Trubels: feiner weißer Sandstrand, schattenspendende alte Bäume, und ein Meer, welches dem vor Elafonisi weder in Klarheit noch in Farbintensität nachsteht – alles halt nur ohne Menschenmassen.

Flachwasser ohne Tiefenangabe, unreiner Grund, Felsen – sagt Navionics … endlos viel reiner Sand auf 5 bis 8 m sagt die Realität

Für den Segler sieht der Ankerplatz auf der Seekarte recht schwierig aus – was aber nur daran liegt, dass die Seekarten hier häufiger mal nichts taugen. Ein paar verzeichnete, den Ankerbereich störende Felsen gibt es schlicht und einfach nicht – wenn man auf 10 Metern Tiefe noch die sprichwörtliche Stecknadel auf dem Grund sehen kann, wären die uns wohl aufgefallen. Statt dessen ein über hunderte von Metern gleichmäßig bis dicht zum Strand ansteigender Grund aus reinem, weißen Sand. Hier ist Platz für 100 Boote – und wir sind allein. Der starke Nordostwind der vergangenen Tage hat das Meer zwar wieder etwas abgekühlt, aber auch bei 21 Grad lässt es sich noch gut aushalten, und das Schnorcheln in den kleinen Felsenriffen vorm Strand macht mächtig Spaß.

Palaiochora

Es gefällt uns so gut hier, dass wir ernsthaft erwägen, noch einen Tag zu bleiben – aber für Dienstag ist nur noch Flaute angesagt, also nutzen wir den letzten Wind am Montag, um bis nach Palaiochora zu segeln. Wir befinden uns nun auf der Südküste Kretas, und damit nicht mehr in der Ägäis, sondern im Libyschen Meer – und damit nach dem Verständnis der alten Seefahrer auf ‘hoher See’, in Abgrenzung zum Inselmeer der Ägäis.

Blick vom Kastell über Palaiochora

Palaiochora als Ort ist historisch erst seit 1278 belegt, als ein venezianischer General hier ein Kastell errichten ließ – und damit für griechische Verhältnisse ja quasi eine Neubausiedlung. Man kann nur vermuten, dass es eine ältere Nutzung gab, die Lage auf einer Halbinsel mit dem Burghügel ist nämlich prädestiniert für eine Besiedelung. Das Kastell ist natürlich längst verfallen, und der Ort war schon aufgegeben; erst im 19. Jahrhundert kamen Siedler hierher zurück, und seit den 1970er Jahren haben die Touristen den Ort entdeckt – zunächst die Hippies, die es hier so schön abgelegen fanden. Dies völlig zurecht, denn die Südküste Kretas ist durch die hohen Gebirgszüge völlig von der dichter bevölkerten Nordküste abgetrennt; bis Straßen durch die Berge gebaut wurden, kam man nur per Boot oder Esel hierher.

In Palaiochora

Im Hafen werden wir von einer freundlichen Beamtin der Küstenwache begrüßt – die allerdings nur an ihrem Dienstfahrzeug zu erkennen ist, hier in der Provinz trägt man der Einfachheit halber wohl Jogginghose statt Uniform. Sobald man sich als Schengen-Europäer zu erkennen gegeben hat, lässt das Interesse wie immer schnell nach – wenn wir ‘bei Gelegenheit’ unsere Papiere mailen könnten, das wäre nett. Von Liegegeld ist mal wieder keine Rede …

Möchte man hier nicht einkehren?

Palaiochora ist der Ort mit der höchsten mittleren Jahrestemperatur Griechenlands: 20,8 °C … davon sind wir weit entfernt, in der Mittagssonne und bei völliger Windstille werden wir durchgebraten. Erst am nächsten Tag haben wir uns soweit akklimatisiert, dass wir den Ort erkunden, der etwa eine Viertelstunde vom Hafen entfernt liegt.

Auch für den Badegast ist gesorgt

Was wir sehen, gefällt uns gut: offenbar haben sich mit der langsamen Entwicklung des Tourismus gewachsene Strukturen entwickeln können, nichts wirkt zu groß, zu laut und zu teuer; vielmehr laufen wir durch sehr hübsche Straßen, sehen viele liebevoll gestaltete Häuser, Läden, Restaurants und Cafés – und finden im örtlichen Supermarkt (einen Wochenmarkt gibt es leider nicht) eine gute Auswahl an allerköstlichstem Obst und Gemüse, neben dem Tourismus ist nämlich der Gartenbau die Haupteinnahmequelle der Region. Nun, praktisch immer Sonne und dazu eine gesicherte Wasserversorgung aus den Bergen, wenn das keine guten Voraussetzungen sind! Wir kaufen kleine, krumme, kretische Bananen direkt von der Staude – so schmecken die Dinger also, wenn man sie halbwegs reif erntet!

In der Anydroi-Schlucht ….

Am Mittwoch trauen wir uns sogar trotz der Hitze an eine kleine Wanderung: durch ein schattiges Tal führt der Weg bis ins Bergdorf Anydroi, wo man im zum Café umgebauten alten Schulhaus einkehren und bei herrlichem Blick über Berge und See seinen Freddo genießen kann; zurück wandert man zunächst bergab über Stock und Stein durch die Anydroi-Schlucht bis an den Strand, wo eine kleine Beach-Bar das nächste Kaltgetränk darreicht.

… und am Strand vor ihrer Mündung

So gestärkt geht es dann entlang der Küste zurück nach Palaiochora; insgesamt sind es etwa 16 Kilometer, für die wir uns fast 7 Stunden Zeit lassen – so kann man es gerade aushalten, und die kretischen Schluchten mit ihren klaren Bergbächen und schattigen Bäumen zeigen ja im Kontrast zur Hitze am Strand erst richtig ihre Qualitäten!

Gavdos

Für Donnerstag einigen sich die verschiedenen Wettermodelle ausnahmsweise mal auf eine Windrichtung (West) und -stärke (3 Beaufort) – für uns ein Signal, weiterzuziehen, herrschte doch tagelang nur Flaute (von sturmartigen Fallböen in der Nacht mal abgesehen).

Gavdos voraus

Die Vormittagsstunden müssen wir noch motoren (womit wir aber auch gerechnet haben), aber bis in den Abend haben wir dann beständigen Wind von 8 bis 10 Knoten – mit vollem Groß und Code Zero machen wir damit ganz brauchbare Fahrt, so dass wir kurz vor Sonnenuntergang nach 33 Seemeilen die fernab der kretischen Südküste gelegene Insel Gavdos erreichen.

Die von gerade mal 150 Menschen bewohnte, rund 33 km² große Insel weist so einige Besonderheiten auf; zunächst mal ist sie das südlichste Fleckchen Europas – 300 km südlich liegt Tobruk in Libyen, bis dahin gibt’s nur noch Wasser. Dann finden sich hier einige der ältesten Spuren aus den Anfängen der Menschheit: bis zu 200.000 Jahre alte Artefakte wurden hier gefunden. Auch zu literarischer Berühmtheit gelangte die Insel früh: hier soll laut Homer die Nymphe Kalypso den vom trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus sieben Jahre festgehalten haben (nicht ganz unfreiwillig, wie man zugeben muss) – allerdings beanspruchen auch noch ein paar andere Inseln diesen Ruhm für sich. Unstrittiger ist da schon, dass der Apostel Paulus hier auf seiner Reise nach Rom fast Schiffbruch erlitten hätte (Apostelgeschichte 27:16). Und Tatsache, wenn auch kaum zu glauben, ist, dass sich in den 90ern eine Gruppe von russischen Wissenschaftlern hier niedergelassen hat, um pythagoreische Philosophie zu treiben und nebenbei den Schlüssel zur Unsterblichkeit zu finden … man darf davon ausgehen, dass der Genuss alkoholischer Getränke dabei eine Rolle spielt.

Am Freitag unternehmen wir eine kleine Wanderung vom Hafen Karave (von einem Ort zu sprechen wäre gewagt – es gibt einen winzigen Laden, eine Taverna und die Polizeistation der Insel)  zum Strand von Sarakiniko; dieser ist berühmt für seine tolle Lage zwischen kieferbewachsenen Dünen und einer leuchtend blauen See – und als Traumziel für Camper.

Paralia Sarakiniko, Gavdos

Zelten in der Natur ist in Griechenland zwar generell verboten, aber … wie verschiedentlich angedeutet werden gesetzliche Vorschriften hier zu Lande vor der eventuellen Befolgung einer Sinnhaftigkeitsprüfung unterzogen, und so finden sich etliche Zelte im Schatten der Tamarisken gleich am Strand. Zweifellos ein toller Ort, und mehrere Beach Bars sowie ein weiterer Mini-Markt bieten die Versorgung; man hinterlässt auch keinen Müll und stört niemanden – alles gut.

Am Samstag zieht ein Tiefdruckausläufer über die Insel – was in ganz Europa Sturm und Hagel mit sich bringt, bewirkt hier kräftigen Westwind bei ansonsten ungetrübtem Sonnenschein. Dennoch bleiben wir an Bord, um Landleinen und Fender nachstellen zu können. Am Sonntag ist es aber wieder ruhig, und wir brechen auf, um den allersüdlichsten Punkt der südlichsten Insel zu erwandern – gleich um 8 Uhr, heiß wird es schon bald genug.

Wanderweg nach Trypiti

Der Weg führt zunächst an der Küste entlang bis zum Strand von Korphos – ein weiterer der ‘Orte’ der Insel, der aus drei Häusern besteht – und dann über einen Höhenrücken bis zur Südwestspitze. Man wandert auf einem gut angelegten Weg durch erstaunlich grüne Natur, ständig umgeben von einem betörenden Duft nach Thymian. Nach etwa drei Stunden erreichen wir den Strand von Trypiti; auf der von drei Felsbögen getragenen, seeunterspülten Landspitze ist ein überdimensionaler Stuhl als Kunstprojekt errichten worden (übrigens von den verrückten russischen Wissenschaftlern), auf dem sitzend man ganz Europa überblicken kann – jedenfalls soweit das Auge reicht. Die größte Attraktion für uns ist aber die bizarr zerklüftete Felsenküste selbst und die unbeschreiblichen Farben, in denen sich die See an ihr bricht – einfach toll!

Am Abend kehren wir noch im einzigen ‘Restaurant’ von Karave ein – man könnte auch sagen, Oma Litsa (ein wandelnder Meter unschätzbaren Alters) hat ein paar Tische vor ihre Küche gestellt. Das Essen ist entsprechend – Großmutters Spezialitäten, alles handgemacht aus frischen Zutaten, kein moderner Schnickschnak. Uns jedenfalls schmeckt es hervorragend!

Lendas

Mit Bedauern verlassen wir am Montagmorgen Gavdos – die Insel ist schon etwas Besonderes mit ihrer – selbst für griechische Verhältnisse – extremen Abgelegenheit und den entsprechend wenigen Besuchern. Wir wollen zurück an die kretische Küste, was erneut einen langen Schlag von 40 Seemeilen bedeutet; die Windvorhersagen sind sehr inhomogen: Gavdos liegt in der Windabschattung der Weißen Berge, und da müssen wir uns erst mal rausmotoren; danach soll es dann Nordwind um die 5 Windstärken geben.

Wir nähern uns wieder der kretischen Küste

Wir sind eher positiv überrascht, als schon nach einer guten Stunde brauchbarer Wind einsetzt – allerdings als Südwest statt Nord. Egal, den nehmen wir auch – also schnell den Motor abgestellt und den Code Zero entrollt. In den nächsten – vielen – Stunden dämpft sich unsere Freude aber wieder, denn der Wind will einfach nicht zunehmen, er schwächelt zwischen 5 und 8 Knoten vor sich hin – zu wenig, wenn man viel Strecke vor sich hat. Erst als wir schon längst in dem Bereich sind, für den alle Wettermodelle den Nordwind angesagt haben, kommt er auch – zum Ausgleich für seine Verspätung aber nicht mit Stärke 5, sondern gleich mal 7. Den Code Zero können wir noch schnell gegen den Klüver tauschen, aber das Großsegel bleibt oben. So legen wir also in den letzten 2 Stunden der ganztägigen Fahrt fast ein Drittel der Strecke zurück – bis 8.2 Knoten Fahrt über Grund lesen wir ab! Das macht Spaß, ist aber auch ein wenig unheimlich – müssten wir mit der Menge Tuch an den Wind gehen, gäbe es furchtbar was auf die Mütze!

Magische Abendstimmung über Lendas

Übernachten wollen wir vor dem kleinen Ort Lendas, im Schutz einer hohen Klippe, die den Schwell aus West abhalten soll. Der Plan geht auf – und auch der Wind lässt nach, so dass wir einen ruhigen Abend mit einer magischen Lichtstimmung über den Bergen verbringen können.

Am nächsten Morgen machen wir auch noch das Dinghi klar, denn nach vier Tagen Gavdos brauchen wir ein paar Frischvorräte. In Lendas gibt es den ‘Supermarkt Christina’ – und ebenso reizend wie der Internetauftritt (!) wirkt der kleine Laden selbst. Hier erstehen wir frisches Brot, selbsteingelegte Oliven aus der Nachbarschaft und frisches Obst und Gemüse. Genauso nett wirkt der kleine Ort auf uns – mit seiner Handvoll Unterkünften sicher ein Geheimtipp für den Individualtouristen.

Tsoutsouros

Danach lichten wir den Anker bei schwachen Nordwest – unter Segeln, versteht sich. Die verschiedenen Windvorhersagen für diesen Tag sind sich mal wieder sehr uneinig: wo die aktuelle Abdeckungszone endet und die nächste Windzone anfängt, das sieht jedes Modell anders. Einig sind sie sich nur in einem: aus Nord soll der Wind kommen, den ganzen Tag. Muss man noch irgendetwas dazu sagen, dass wir die nächsten 6 Stunden bei schwachem Südwest die Küste entlangdümpeln?!?

Aber wie tags zuvor: am späten Nachmittag kommt die nächste Windschneise, und zwar richtig! Wieder dreht der Wind innerhalb von 10 Minuten von 5 Knoten Südwest auf 30 Knoten Nord – auf einmal wird es feucht an Bord! Auf den letzten Meilen zu unserem auserkorenen Ankerplatz müssen wir sogar hoch an den Wind, und die Böen erreichen 8 Beaufort – also, Abwechslung ist ja schön und gut, aber das muss doch nicht sein, wenn man sich nach einem langen Tag Flautenschieben schon fast am Ziel wähnt.

Tsotsouros, 7 Windstärken, der Anker sitzt!

Aber irgendwann fällt auch der Anker, und wir kommen zur Ruhe; zwar fegt der Wind immer noch mit 25 Knoten vom Strand heran, aber auf die kurze Distanz baut sich keine Windsee auf, und der Schutz gegen den Schwell ist unerwartet gut, wie überhaupt der gesamte Ankerplatz: eine endlos große Sandfläche mit perfekten Tiefen, die wir – wie immer – für uns allein haben.

Es weht aber die ganze Nacht hindurch unvermindert mit 6 Beaufort, in Böen auch mal 8; so können wir am nächsten Morgen nicht den Ort besuchen, das Risiko, dass unser Dinghi zum fliegenden Gummiteppich wird, ist uns doch zu groß …

Myrtos

Entsprechend stürmisch geht die Fahrt weiter: kaum haben wir ein paar Kabel Entfernung zum schützenden Strand aufgebaut, steigt die Windstärke auf 6 bis 7 Beaufort, in Böen sehen wir alle paar Minuten auch eine 8. Nur unter Kutter kämpft sich die ‘Orion’ voran – wir segeln wieder recht nass.

‘Tourismushochburg’ Myrtos

Nach 7 Seemeilen aber endet der Spuk so schlagartig, wie wir es inzwischen ja schon kennen: für höchstens 5 Minuten tauschen wir noch den Kutter gegen den Klüver, dann geht auch schon der Motor an, um uns die nächsten 10 Meilen bei völliger Flaute bis zum Badeort Myrtos zu schieben.

Wie üblich an Kretas Südküste ist der Ankerplatz recht offen und direkt vor dem Badestrand; dieser ist hier dicht mit Hotels bestückt, für südkretische Verhältnisse schon ein großer, touristischer Ort – in Spanien hätten wir das als ‘intime Atmosphäre’ bezeichnet.

5000 Jahre alte Pflasterarbeiten

Hauptattraktion des Ortes ist die archäologische Ausgrabungsstätte auf dem Hügel neben dem Ort; nach einem kurzen Anstieg kann man hier durch die Fundamente einer Siedlung laufen, die vor etwa 5000 Jahren gegründet wurde und über die ganze minoische Zeit genutzt wurde. Wie immer bei dermaßen alten Orten gibt es nur ein paar Steine zu sehen – aber man erkennt deutlich die Räume der Häuser und den mit farbigen Steinen gepflasterten Vorplatz; schließt man dann die Augen und stellt sich vor, wie hier vor so vielen Jahrtausenden Menschen gelebt haben – schon spannend! Und der Ausblick vom Hügel war damals sicher nicht weniger schön als heute (wahrscheinlich sogar auf deutlich dichtere Bergwälder, und sicher ohne Gewächshäuser …).

Gaïdharonisi

Donnerstagmorgen lichten wir den Anker und verlassen wieder die kretische Südküste, der wir in den vergangenen Tagen dicht gefolgt sind, denn es gibt mal wieder eine vorgelagerte Insel, Gaïdharonisi, für die Touristen auch auch gerne als Chrysi (‘die Goldene’) bezeichnet . Diese ist noch viel kleiner als Gavdos, und es gibt keine permanenten Bewohner; früher gab es während der Saison noch zwei Strandbars, seit diesem Mai ist aber das Anlanden mit Booten aus Naturschutzgründen verboten worden, da die vielen Tagestouristen (bis 200.000 pro Jahr!) die empfindliche Natur der flachen, sandigen Insel kaputtgetrampelt und zugemüllt haben. Unter Naturschutzaspekten gut nachvollziehbar, denn hier gibt es einen einzigartigen Wacholder-Wald, für das über viele Jahre aufgebaute Geschäft mit den Tagesausflüglern aber natürlich eine Katastrophe. Ankern vor der Küste ist noch erlaubt, und wenn man schwimmend den Strand erreicht, darf man diesen auch betreten – aber für diese Form der Unterhaltung wird man sicher deutlich weniger Besucher begeistern können.

Ankerplatz vor Gaïdharonisi

Wir freuen uns, für die Überfahrt noch etwas Westwind mitnehmen zu können, und staunen bei der Annäherung an Chrysi über die Farben: da die Insel und der umgebende Felssockel aus Kalkstein bestehen, wird das Sonnenlicht vom Meeresgrund extrem reflektiert, und das Meer scheint von innen zu leuchten! Ganz übertrieben ist der Beiname also nicht …

Wir ankern auf der Südseite der Insel, verbringen viel Zeit im Wasser und genießen die Ruhe und Schönheit der Umgebung.

Die Ruhe vor dem Sturm

Mit dem Abend setzt Nordwind ein, und wird langsam stärker … und stärker … und noch stärker. In der folgenden Nacht und am ganzen nächsten Tag erleben wir ein Totalversagen sämtlicher meteorologischer Modelle – ob GFS (das amerikanische Wettermodell), ECMWF (das europäische Pendant), ICON (vom Deutschen Wetterdienst) oder die griechische Vorhersage von Meteo.gr: ALLE sind sich einig, dass es schwache, umlaufende Winde gibt – und wir liegen über Nacht in 6 bis 7 Beaufort Nordnordost! Dass es solche Störungen bedingt durch die thermischen Effekte der Gebirge kurzzeitig geben kann, haben wir ja schon erlebt, aber auch am nächsten Morgen wird es nicht besser; wir warten bis zum Mittag, bis wir uns auch nur trauen, mit dem Dinghi überzusetzen – so naß, wie die Überfahrt wird, zählt das als ‘an den Strand schwimmen’, finden wir. Wir wandern auf die Nordseite der Insel, und finden die uralten Bäume in einer dünenartigen Landschaft wirklich wunderschön; aber uns wird etwas flau, als wir die See in Luv sehen: ganz viel Weiß … und da sollen wir gleich durch?

Ierapetra
Zielanlauf auf Ierapetra bei kräftigem Gegenwind

Aber es hilft ja alles nichts – mit stark gerefftem Groß und zunächst noch Klüver machen wir uns auf den Weg zurück zur kretischen Küste. Als wir die Abdeckung verlassen und der mittlere Wind 30 Knoten erreicht, tauschen wir den Klüver gegen den Kutter – und machen mit dieser geringen Segelfläche immer noch 5 Knoten Fahrt! Versteht sich, dass der Sturm uns exakt entgegenweht – hoch am Wind bei 7 bis 8 Windstärken werden die kaum 10 Seemeilen ziemlich lang: erst gegen 19 Uhr erreichen wir Ierapetra und gehen vor dem Strand vor Anker. Wenn einem JEDER Wetterbericht erzählt, dass man gerade durch eine Flaute gefahren ist, kommt man sich schon etwas für dumm verkauft vor …

Am nächsten Morgen landen wir mit dem Dinghi an – nach wie vor nicht ohne Schwierigkeiten, denn 20 Knoten schafft der Nordwind immer noch – und decken uns auf dem Wochenmarkt und in den großen Supermärkten von Ierapetra mit Vorräten ein, denn vor uns liegt die Südostküste Kretas, und da gibt es nicht mehr viel zu kaufen … umso unerfreulicher, dass der Kühlschrank an Bord Probleme macht, als wir ihn mit Bergen von Milch, Yoghurt, Obst und Gemüse befüllt haben: der Verdichter läuft zwar, aber der Verdampfer wird nicht kalt. Ob da Kühlmittel fehlt? Nach einer Weile kühlt er dann doch noch, aber bei jedem neuen Anlaufen das gleiche Problem. Das hat uns bei diesen Temperaturen gerade noch gefehlt … hoffentlich hält er noch eine Weile durch!

Die alte Moschee in Ierapetra

Am Nachmittag lässt der Wind endlich nach, und wir setzen nochmals über, um uns auch den Ort anzuschauen. Ierapetra ist die südlichste Stadt Europas und produziert das Obst und Gemüse für halb Griechenland. Ansonsten finden wir, dass es nicht so viel zu sehen gibt – die allermeiste alte Bausubstanz ist verloren, am Hafen gibt es noch eine venezianische Festung, und selbst von der verhältnismäßig jüngeren Vergangenheit, der Zeit der osmanischen Besatzung, zeugt gerade noch eine halbverfallene Moschee. Ansonsten viel Badetourismus und die dazugehörigen Restaurants, aber nur die der ‘ersten Reihe’ an der Strandpromenade, die traditionelleren Tavernas ohne bebilderte Speisekarten, die man sonst eine Häuserzeile landeinwärts findet, fehlen hier eher. Nicht so unser Fall – aber ein guter Versorgungshafen vor der kargen Ostküste allemal.

Makry Gialos

Am Sonntag ziehen wir also weiter – der Wind hat natürlich über Nacht wieder zugelegt, und wir erleben die gleichen, abwechslungsreichen Windverhältnisse, wie sie inzwischen quasi täglich bewältigen müssen: während am Ankerplatz der mittlere Wind noch mit 6 Beaufort bläst, sind es eine Seemeile weiter draußen schon 7 bis 8; wir sind nur mit Kuttersegel unterwegs, und das recht zügig. Nach anderthalb Stunden wilder Fahrt lässt der Wind schlagartig nach – wir rollen noch für 10 Minuten den Klüver aus, und dann geht auch schon der Motor an: von 38 auf 3 Knoten in 15 Minuten!

Hinter Makry Gialos kollidieren die Windsysteme

Dementsprechend sind wir nicht so motiviert, unter Maschine noch viel Strecke zu machen (obwohl wir natürlich ahnen, dass es am nächsten Tag so weitergehen wird: Abdeckung bleibt Abdeckung), und steuern für die nächste Nacht den Badeort Makry Gialos an – beziehungsweise eigentlich den Strand direkt westlich davon, denn am Hauptstrand stehen uns schon eindeutig zu viele Hotels (wie schnell sich die Maßstäbe verschieben!). Vom Ankerplatz aus lässt sich gut das Schauspiel der sich über dem Gebirgskamm auftürmenden Wolken beobachten, wo der Nordwind von der anderen Inselseite mit dem thermischen Südwind kollidiert …

Kato Zakros

Wie erwartet gibt es vor Makry Gialos am Montagmorgen so wenig Wind wie am Sonntagabend; wir versuchen dennoch tapfer bei 4 bis 5 Knoten thermischem Südwind, uns unter Code Zero aus der Bucht freizukreuzen, und irgendwann das nächste Windfeld zu erreichen. Wir schaffen 6 Seemeilen in 5 Stunden – und müssen also schließlich doch wieder den Motor starten, denn es will sich einfach kein Nordwest einstellen.

Karg und einsam ist die Ostküste Kretas

Die vorbeiziehende Küste wird unterdessen immer karger und einsamer, wir sehen nur noch vereinzelte Siedlungen. Erst kurz vor unserem Tagesziel, als wir die vor Xerokambos gelegenen Kavali-Inseln passieren,  setzt sich wieder der über die Insel wehende Wind durch – und weht fröhlich mit 5 Windstärken über unsere Ankerbucht vor Kato Zakros, als hätten wir keine 20 Seemeilen Flaute hinter uns.

Hier legen wir einen Ankertag ein, denn in Kato Zakros gibt es zwei Attraktionen (abgesehen von dem üblichen tollen Strand mit klarem Wasser und einladenden Tavernas): direkt hinterm Strand wurden die Überreste eines minoischen Palastes ausgegraben, und dahinter erstreckt sich die Schlucht der Toten – die nicht wegen der verdurstenden Wanderer so genannt wird, sondern weil die Minoer hier ihre Toten in Felshöhlen bestattet haben. Zunächst führt die Wanderung bergauf entlang der alten Straße von Kato Zakros nach Ano Zakros, kurz vorm Ort steigt man steil in die Schlucht herab und folgt dieser wieder zurück zum Meer.

Eingebettet in ein karges Felsplateau liegt die Schlucht der Toten
Im grünen Talgrund

Am Grund der Schlucht erwartet uns ein unerwarteter Kontrast zur kargen, trockenen Berglandschaft rundherum: aus Felsspalten entspringen Quellen und bilden einen kleinen Bach, der den Talgrund in ein blühendes Paradies verwandelt; wir erfreuen uns am prächtig blühenden Oleander, ruhen unter schattenspendenden Platanen und Feigenbäumen und lauschen dem Plätschern des Wassers. Ja, die alten Minoer wussten, wo man begraben sein möchte …

Der minoische Palast von Zakros

Auf dem Rückweg besichtigen wir natürlich auch die Ausgrabungsstätte: man sieht umfangreiche Grundmauern eines Palastes mit zahlreichen Nebenräumen, der damals zweigeschossig ausgeführt und damit ein recht großes Gebäude war, drumherum eine ganze Siedlung mit Gebäuden, Bädern, Werkstätten und Straßen. Wie bei derart alten Relikten gewohnt ist nicht viel stehengeblieben, aber der jahrtausendealte Ort berührt uns mit seiner Geschichte, und die zahlreichen Fundstücke bei der Freilegung der Grundmauern geben den Archäologen Einblicke in das Leben der Menschen vor 4000 Jahren.

Zurück am Strand genießen wir zur Belohnung einen erfrischenden Freddo mit Blick auf die ‘Orion’ – die selbstredend als einziges Boot in der Bucht ankert.

Paralia Erimoupoli

Am Mittwoch brechen wir zeitig auf, denn vor uns liegt zwar keine besonders lange Etappe, aber wir erwarten einigen Wind, und das zum Teil von vorne. Ziel ist der Strand von Erimoupoli, welcher den letzten guten Ankerplatz vorm Kap Sideros, der Ostspitze Kretas, darstellt. Bis zum Kap Plaka, welches etwa auf halbem Weg nach Erimoupoli liegt, haben wir mal wieder kräftigen Wind von 6 Beaufort mit 7er Böen, können aber die notwendige Höhe noch laufen; vom Kap an müssen wir dann nach Nordwesten abbiegen, genau gegen den Wind. Entgegen unserer Erwartung nimmt dieser nun, da wir keine hohen Berge mehr in Luv haben, aber ab statt zu – die Starkwinde der letzten Woche spiegeln also offenbar nicht die Windstärke auf Kretas Nordseite wider, vielmehr wird diese durch die Düseneffekte intensiviert.

Vor Anker in der Bucht von Erimoupoli

Wir kreuzen also gegen gerade mal 5 Windstärken auf, und die langgestreckte Kyriamadi-Halbinsel bietet noch Wellenabdeckung – das geht gut, und wir können schon gegen 13 Uhr nach 17 gesegelten Meilen den Anker fallen lassen.

Der Strand von Erimoupoli gilt als Geheimtipp unter Kreta-Urlaubern: es gibt keinerlei Infrastruktur, und man kommt von Land nur mit dem Auto hin, dafür teilt man sich einen herrlichen Sandstrand in wildromantischer Umgebung mit nur wenigen anderen Besuchern – und heute eben der ‘Orion’.  Wir landen mit dem Dinghi am Strand an und wandern gut zwei Kilometer im Inland nach Süden, bis wir die Stichstraße zum Strand von Vaï nehmen.

Im Palmenwald

Diese führt durch den größten natürlichen Palmenhain Europas – während man am ganzen Mittelmeer ja reichlich angepflanzte Palmen als Zierbäume sieht, begegnet man eben nie einem ganzen Wald davon. Natürlich ist auch dieser Bestand bedroht, so dass man den Wald heute nicht mehr betreten darf, nachdem er in der Vergangenheit von dort hausenden Alt-Hippies zugemüllt worden ist – wie war das mit der Naturverbundenheit?!?

Am Strand von Vaï kann man’s aushaltem

Aber von verschiedenen Aussichtspunkten kann man sich immer noch einen guten Eindruck verschaffen, und der am Ende gelegene Strand lohnt noch dazu den Besuch – das finden allerdings hier auch etliche andere Besucher. Dafür gibt’s einen (mit € 3,40 für griechische Verhältnisse etwas überteuerten, aber wenigstens guten) Freddo mit Strandblick – die Vorzüge der Zivilisation.

Blick über die Bucht von Vaï mit dem Palmenstrand

Zurück geht’s am Strand und der Steilküste entlang, ein schmaler und manchmal schwer zu findender Pfad führt bergauf und -ab und bietet dabei herrliche Aussichten.

Byzantinische Basilika in Itanos

Man kommt an der Ausgrabungsstätte des alten Itanos vorbei, in der hellenistischen Zeit ein wichtiger Hafenort, später aber völlig aufgegeben; einige Fundamente wurden freigelegt, am besten zu erkennen sind die Umrisse einer byzantinischen Basilika. Aber selbst wenn man sich nicht für Ruinen interessiert – der Ausblick vom Hügel, auf dem einst Itanos erblühte, ist umwerfend!

Sitia

Wie vorhergesagt öffnet sich am Donnerstag unser Wetterfenster zur Rundung des Kap Sideros – seit zwei Wochen variierte die Windvorhersage dort nur zwischen Nordwest 6 und Nordwest 7, zusammen mit dem an einem solchen Kap zu erwartenden Verstärkungseffekt und dem Gegenstrom keine erbauliche Aussicht, was uns auch durchaus etwas nervös gemacht hat; umso mehr kommt es uns gelegen, dass die Meteorologen für den heutigen Tag ausnahmsweise nur schwachen Wind angesagt haben. In der Tat hat es am Ankerplatz über Nacht drastisch nachgelassen, wir haben nur noch 10 Knoten Nordwest, als wir den Anker lichten; etwas erstaunt sind wir dann aber doch, dass der Wind auf dem Weg zum Kap noch mehr nachlässt, denn vorhergesagt waren immerhin noch 3 bis 4 Beaufort.

Flaute vor Kap Sideros

Vorm Kap selbst verlässt uns der Wind dann ganz – das Wasser wird spiegelglatt, und der Windmesser zeigt eine glatte Null – das haben wir schon sehr lange nicht gesehen! Reichlich absurd, nachdem wir uns so lange vorher Sorgen wegen des möglichen Starkwindes gemacht haben, aber wir müssen genau vorm Leuchtturm den Motor starten …

Wenigstens ermöglicht uns das, eine kleine Abkürzung zu fahren, vor dem Kap liegen nämlich noch zahlreiche Riffe, die man bei aufgewühlter See großräumig hätte umfahren müssen; so aber können wir unter Maschine einen Steinwurf vom Land entfernt innerhalb aller Gefahrenstellen durchfahren.

Nördlich des Kaps stellt sich ein Hauch von Wind ein, wir können wieder segeln, aber sehr langsam – und es wird immer heißer und heißer, während wir uns langsam Sitia nähern. Gegen 17 Uhr machen wir innen an der langen Mole fest; wir bekommen noch Besuch von der Coast Guard, die äußerst freundlich und höflich unser Boot kontrolliert (man hat hier offenbar große Probleme mit Tauchern, die illegal archäologische Relikte vom Meeresgrund bergen und zu Geld machen), zu mehr sind wir dann aber nicht mehr in der Lage – es ist einfach schrecklich heiß so ganz ohne Wind!

Blick über den Hafen von Sitia

Am nächsten Tag bekommen wir auch noch Besuch von einer netten Dame von der Gemeinde – die uns erst mal eine Willkommenstüte überreicht, in der sich neben umfangreichen Informationsmaterial über die kulturellen Angebote von Sitia und Umgebung eine Flasche lokalen Weins und zwei Flaschen besten Olivenöls finden! Sind wir hier etwa in einen Luxushafen geraten? Aber nein, beim Bezahlen später im Gemeindehaus stellen wir fest, dass wir den Standardtarif von € 8,31 pro Tag berechnet bekommen; kann man sich das in irgendeinem anderen Land vorstellen?

Venezianisches Kastell in Sitia

Sitia selbst hat leider außer eines venezianischen Kastells kaum alte Bausubstanz zu bieten, aber für den Segler beste Versorgungsmöglichkeiten und für den Landurlauber eine äußerst reizvolle Umgebung – all die Naturschönheiten der Ostküste, an denen wir in der letzten Woche vorbeigesegelt sind, können von hier mit dem Mietwagen ja leicht erreicht werden; und bestens essen und trinken kann man hier wie immer auch.

Angesichts unseres nach der Rundung von Kap Sideros recht entspannten Zeitplans und der extremen Gastfreundlichkeit hier bleiben wir gerne noch einen Tag länger; es ist auch nicht mehr ganz so heiß, und so futtern wir uns durch die örtliche Gastronomie- und Konditoreiszene, ergänzen die Bordvorräte genießen die Ruhe an unserem Platz an der Hafenmole, wo auch immer ein wenig Wind ins Cockpit steht.

Im archäologischen Museum von Sitia

Auch dem archäologischen Museum statten wir einen Besuch ab: hier kann man viele Fundstücke aus der neolithischen und minoischen Epoche bewundern. Es ist schon eindrucksvoll, aus nächster Nähe die Striche des Pinsels nachvollziehen zu können, mit dem ein Mensch vor 4000 Jahren eine Tonvase bemalt hat …

Spinalonga

Am Sonntagmorgen verlassen wir den Hafen von Sitia; bis zu unserem Zielhafen für den Sommer, Agios Nikolaos, sind es noch gut 20 Seemeilen gegen die vorherrschende Windrichtung, und so wollen wir den für diesen Tag angesagten, mäßigen Gegenwind nutzen, um schon mal einen Ankerplatz in der Nähe zu erreichen. Natürlich kommt es mal wieder anders: statt der versprochenen 10 Knoten Nordwest gibt es die ersten drei Stunden 5, und dann schlagartig 25 Knoten – Übergangszeit 5 Minuten.

Die Festungsinsel Spinalonga in der Einfahrt zur Lagune

Wir kreuzen also unter Klüver auf und erreichen am Nachmittag die rundum geschützte Lagune von Spinalonga, an deren Ostseite wir einen brauchbaren Ankerplatz finden.

Eigentlich war der Plan, hier die nächsten Tage zu entspannen und ein paar Ausflüge mit dem Beiboot zu machen, zur venezianischen Festung auf Spinalonga und in den Ort Elounda im Süden der Lagune, doch leider macht uns der Wind einen Strich durch die Rechnung: am Montagmorgen frischt es nochmal deutlich auf, im Mittel messen wir 6 Beaufort am Ankerplatz, und die Böen erreichen eine stolze 9! Der Anker hält gut, während sich das Boot von den heftigen Böen gebeutelt von der einen auf die andere Seite legt und die abgerissenen Wellenkämme über die Oberfläche jagen, aber an Ausfahrten mit dem Dinghi ist unter solchen Bedingungen nicht zu denken – und das Wetter denkt überhaupt nicht daran, sich zu beruhigen, es geht auch Dienstag und Mittwoch so weiter, und auch in der Nacht gibt es keine Pause – an Schlaf ist da auch nicht wirklich zu denken, selbst wenn man dem Anker vertraut, die Geräusche und Bootsbewegungen sind zu heftig. Wie üblich darf man sich darunter kein Sturmwetter wie auf der Nordsee vorstellen: es zeigt sich keine Wolke am Himmel, und der stürmische Wind hat 33 Grad …

Agios Nikolaos

Am Donnerstag freuen wir uns geradezu, den letzten Hafen vor der Sommerpause anlaufen zu können: dreieinhalb Tage an Bord festzusitzen bei ununterbrochenem Starkwind genügt wirklich …

Beim Verlassen der Lagune zeigt der Windmesser nochmal 44 Knoten – ein kleiner Abschiedsgruß von Spinalonga. Draußen stellen wir schnell fest, dass es wirklich die Verstärkung durch die Berge war, die uns so lange festgesetzt hat: den Rest der Strecke von 10 Seemeilen segeln wir bei kaum halb so viel Wind. Genug sind 5 bis 6 Windstärken aber auch noch, und so sind wir gegen Mittag in der Marina von Agios Nikolaos, wo die ‘Orion’ die heißeste Zeit des Sommers verbringen soll.

Agios Nikolaos von See

Das Anlegemanöver gelingt zum Glück gut – die Marina ist extrem eng, und wenn dann solche Böen einfallen … zum Glück schlucken die Häuser der Stadt aber einen Großteil des Nordwests. Eng aber bleibt es – Boote, die tiefer in der Boxengasse liegen, können den Hafen nur bei Flaute erreichen oder verlassen, der Abstand von Bug zu Bug beträgt bei weitem keine Bootslänge, ein Drehen ist unmöglich.

Geographisch sehr gelungen, architektonisch weniger ….

Die nächsten zwei Tage werden von den Reisevorbereitungen eingenommen: die Vorsegel werden abgeschlagen, das Schlauchboot eingepackt, alles wird gründlich entsalzt und noch alle möglichen Dinge zum Mitbringen notiert. Am Samstagnachmittag reicht es wenigstens noch für einen kleinen Stadtrundgang: der ursprünglich wohl eher kleine Ort ist durch den Tourismus schnell gewachsen und von diesem bestimmt; die Lage verteilt über mehrere Hügel mit einem See in der Mitte ist eigentlich äußerst reizvoll, die Architektur dagegen eher nicht: man sieht praktisch nur charakterlose Betonbauten. Aber wenigstens ragen diese nicht 11 Stockwerke in den Himmel wie vielerorts in Spanien …

Am Sonntag den 3. Juli ist es dann soweit: alle Leinen und Fender werden nochmal kontrolliert, und dann geht es mit dem Bus zum Flughafen in Heraklion!

Aufbruch (27.04. – 10.05.)

Astypalaia

Dass das Boot wieder im Wasser schwimmt, bedeutet noch lange nicht das Ende der Arbeiten, wie wir wieder einmal feststellen müssen: das Anschlagen der Segel und des gesamten laufenden Gutes nimmt Tage in Anspruch, und das Aufklaren des Bombeneinschlags unter Deck ist nicht weniger anspruchsvoll! Am Donnerstag sind wir so weit, dass wir eine kleine Probefahrt zum Inselchen Koutsomiti unternehmen können: beim Ablegemanöver (unter Segel natürlich …) entrollt sich der Klüver nicht, da die Schoten nicht richtig geführt sind, und der sportlich angedachte Auftritt gerät zum Hafenkino erster Güte; der Rest des Ausflugs verläuft aber reibungslos.

Drei Tage und unzählige Arbeiten später unternehmen wir die nächste Probefahrt, diesmal nach Kounoupoi und mit einer Übernachtung; auf dem Rückweg haben wir auch 6 Beaufort Gegenwind und können uns so davon überzeugen, dass das Boot über den Winter das Segeln nicht verlernt hat – ganz im Gegenteil, mit frischem Antifouling laufen wir 6 bis 7 Knoten am Wind!

Zurück in Maltezana stehen noch die Reinigung von Katerinas Zimmer aus sowie etliche Ladungen Wäsche – wir dürfen auch noch ihre Waschmaschine benutzen, was eine ganz große Erleichterung darstellt. Am Donnerstag nehmen wir Abschied und setzen über zum Inselhafen – da werden Erinnerungen wach, wie oft sind wir doch diese Strecke im Lockdown-Winter gesegelt! Freitag geht es noch eben zum Zahnarzt, und nach einem langen Abschiedsabend bei Maroula brechen wir am Samstagmorgen auf, um die Insel tatsächlich zu verlassen – fast etwas überstürzt, aber wir wollen zügig Kreta erreichen, und die Windvorhersagen taugen nur für die erste Hälfte der neuen Woche noch …

Anafi / Paralia Monastiri

Erstes Ziel ist die gut 30 Seemeilen westlich gelegene Kykladeninsel Anafi; es ist Nordwind um 4 Beaufort angesagt, aber kaum dass wir die Abdeckung Astypalaias verlassen haben, weht es deutlich kräftiger, so dass wir ganz froh sind, noch mit einem Reff im Großsegel losgefahren zu sein. Wieder freuen wir uns über die schnelle Fahrt von über 7 Knoten, die wir nur dem frischen Antifouling zuschreiben können – oder ist die ‘Orion’ durch das Sandstrahlen so viel leichter geworden? 😉 Wer weiß, was die gesammelten Lackschichten von 40 Jahren wiegen mögen …

Kap Kalamos, Anafi

Nach einigen Stunden ragt das beeindruckende Ostkap von Anafi vor uns auf: über 460 Meter steigt der Kalksteinfelsen Kalamos senkrecht aus dem Meer, nach Gibraltar der zweitgrößte Monolith im gesamten Mittelmeerraum! Oben auf dem Gipfel steht das 1715 erbaute Kloster Panagia Kalamiotissa; in einer kleinen Bucht an der Südseite des Felsens werfen wir den Anker und verbringen eine halbwegs ruhige Nacht – ein wenig Schwell kommt doch um die Ecke, aber daran werden wir uns gewöhnen müssen, vor uns liegen viele Nächte in eher offenen Ankerbuchten.

Paralia Monastiri

Am Sonntagmorgen setzen wir mit dem Schlauchboot über; der ganze Grund vorm Strand ist weißer Sand, der sanft ansteigt, die Farbe ein Traum – und weit und breit keine Menschenseele! Wir genießen kurz und machen uns dann an den unvermeidlichen Aufstieg zum Kloster:

Panagia Kalamiotissa

der Weg ist schmal und steil, aber irgendwann ist es geschafft, und wir können den Ausblick vom strahlend weißen Gemäuer über die Insel und das Meer genießen; zwar ist die Fernsicht heute nicht besonders gut, doch wenigstens bedeutet das, dass uns auch die Sonne nicht allzu sehr auf den Pelz brennt. Das Kloster ist heute nicht mehr bewohnt, und auch auf dem Hin- und Rückweg sehen wir niemanden.

Der Abstieg ist viel schneller geschafft, und nach dem Belohnungskaffee zurück an Bord segeln wir noch drei Seemeilen bequem nur unter Vorsegel bis zum Strand vor dem kleinen Inselhafen, um dort erneut zu ankern.

Anafi / Paralia Klisidi

Hier spüren wir in der Nacht den Schwell deutlicher, besonders als später der Wind nachlässt und das Boot nicht mehr ausrichtet; der Hafen ist jedoch keine echte Alternative, da er zur Zeit umgebaut wird und die ohnehin kleine Fläche größtenteils von einem Arbeitsponton ausgefüllt wird. Nicht, dass hier jemand ein Problem damit hätte, wenn wir einfach an diesem Ponton festmachen würden, aber wir ankern ja auch ganz gerne …

Die Chora von Anafi

Am Montagmorgen setzen wir wieder zum Strand über, der hier auch noch aus allerschönstem Sand (statt wie häufig auf den Inseln aus feinem Kies) besteht – und wieder menschenleer ist. Auf Anafi leben 271 Menschen – größtenteils in der Chora, zu der wir erst mal wieder aufsteigen müssen.

Die Mühe lohnt sich aber: uns erwartet ein wunderschönes Inseldorf mit größtenteils liebevoll gepflegten, strahlend weißen Häusern und zahlreichen Farbtupfern in Form von lackierten Holzelementen und natürlich prächtigen Blumen. Es gibt einige Tavernas und Cafés – aber die Ströme des Massentourismus gehen an dieser Insel offenbar noch völlig vorüber. Alles verströmt Ruhe und Gelassenheit; natürlich ist es auch noch früh im Jahr, aber selbst im Sommer kann es hier nicht furchtbar voll werden – dazu fehlen einfach auch die Unterkünfte. Wie wir schon auf dem Weg zum Kloster festgestellt haben, verfügt die Insel sogar über ein gut gekennzeichnetes Netz von Wanderwegen – also, wer noch ein Ziel für einen naturnahen Urlaub mit Bergwandern, Badetagen an Traumstränden und köstlichem Essen sucht … natürlich gibt es einen Haken: gerade zweimal pro Woche kommt die Fähre von Piräus, und das dauert auch noch 10 Stunden.

Thira / Akrotiri

Gegen Mittag sind wir zurück an Bord, und inzwischen ist auch wieder Wind aufgekommen – genug, um die 20 Seemeilen zur nächsten Insel Thira noch in Angriff zu nehmen. Diese ist die größte Insel im Santorini-Archipel und auf Deutsch besser unter diesem Namen bekannt, im Griechischen bezeichnet man aber nur die gesamte Inselgruppe so. Die außergewöhnliche Geographie – die Inseln ThiraThirasia und Aspronisi bilden Fragmente eines Rings, in dessen Zentrum die Inseln Palea Kameni und Nea Kameni liegen – verdankt die Inselgruppe einer gewaltigen Vulkaneruption vor rund 3500 Jahren, bei der das gesamte Zentrum des Vulkans weggesprengt wurde und eine bis zu 700 Meter tiefe Caldera geschaffen hat. Bimsstein- und Ascheregen gingen damals über dem gesamten östlichen Mittelmeer nieder, und ein Tsunami verwüstete die Küsten – die Spuren davon lassen sich bis heute finden.

Ankerplatz vor Akrotiri

Zur Zeit der Eruption, in der späten Bronzezeit, blühte auf Thira die minoische Kultur, welche heute als die früheste Hochkultur Europas angesehen wird. In Akrotiri hat man im vergangenen Jahrhundert die von Vulkanasche hervorragend konservierten Reste einer bronzezeitlichen Stadt ausgegraben – ein sensationeller Fund, der weiter zur Assoziation Thiras mit dem Atlantis-Mythos beitrug.

Die Ausgrabungstätte – sicher eine der interessantesten Fundstätten überhaupt – hätten wir uns auch sehr gerne angesehen, und so ankern wir direkt vorm Dorf Akrotiri; leider müssen wir aber feststellen, dass ausgerechnet am folgenden Dienstag dort Ruhetag ist – das läuft ja wieder mit! Zwei weitere Tage dort zu bleiben und erst am Donnerstag weiterzusegeln ist leider keine Option – da müssten wir die 100 Seemeilen bis Kreta motoren, es ist nämlich eine ausgedehnte Flaute angesagt.

Wir verbringen also nur eine Nacht vor Thira und setzen keinen Fuß an Land, und dennoch können wir nicht umhin zu bemerken, wie sehr sich die Inselgruppe von ihrem Nachbarn Anafi unterscheidet: dort Einsamkeit und Stille, hier eines der touristischen Hauptziele in Griechenland – auf der Innenseite der Insel laden täglich Kreuzfahrtschiffe ihre Andenkenkäufer zu Tausdenden aus. In Akrotiri boomt offenbar der Sonnenuntergangstourismus: gegen 19 Uhr füllt sich die gesamte See mit Katamaranen (ausnahmslos unter Motor, nicht ein Segel wird gesetzt), von denen aus die zahlende Kundschaft die Sonne überm Meer versinken sieht. Wir zählen 24 solcher Ausflugsboote in unmittelbarer Umgebung unseres Ankerplatzes – mehr Boote als wir in den letzten Monaten auf Astypalaia zusammen gesehen haben. Eine Stunde später ist der Spuk vorüber, und wir verbringen eine schaukelige, aber ansonsten ruhige Nacht.

Überfahrt nach Kreta
Hinter uns bleibt Thira zurück

Am Dienstagmorgen setzten wir am Anker die Segel und lassen uns langsam aus dem Windschatten Thiras treiben; hinter uns bleiben die bizarr geformten Felsen aus vulkanischem Gestein zurück. Kaum ist der Seeraum nach Norden offen, fasst uns auch schon der Wind: mit fast 20 Knoten schiebt uns ein frischer Nordnordwest nach Südwesten. Wir laufen mehr Höhe als es für den direkten Weg nötig wäre, denn weiter südlich und später am Tag sagen die Modelle stark nachlassende Winde voraus, und so segeln wir lieber in einem Bogen gen Kreta, als allzu bald in die Flaute zu kommen.

Sonnenuntergang – für uns allein und kostenlos …

Tatsächlich lässt der Wind bald nach, aber da wir mit dem im Winter umgebauten Masttop endlich den Code Zero vernünftig fahren können, können wir auch bei nur 8 bis 10 Knoten Wind noch schnelle Fahrt machen. Am Abend lässt es dann weiter nach, und die Richtung wird auch noch ungünstiger; mit dem 60 Quadratmeter großen Leichtwindsegel können wir aber immer noch am Wind 2 bis 3 Knoten Fahrt machen und kommen so gut durch die Nacht.

Schneebedeckte Gipfel begrüßen uns auf Kreta

Am Morgen ist Kreta in Sicht – schneebedeckte Berggipfel leuchten über der tiefblauen See, ein erhabener Anblick! Leider ist der Wind nun völlig dahin – wir müssen die letzten 15 Seemeilen motoren, bis wir nach insgesamt 99 Seemeilen kretischen Boden betreten können.

Werftzeit (14.02. – 26.04.)

Hochmotiviert kommen wir am Morgen des 14. Februar aufs Werftgelände und freuen uns, die Orion unversehrt so vorzufinden, wie wir sie verlassen haben. Für den ersten Arbeitstag sind nur ein paar kleine Dinge geplant, bei denen eigentlich nichts schiefgehen kann – sollte man denken … die kurz vor der Abreise im Dezember ausgefallene Batterieüberwachung hat zu Hause einen neuen DC/DC-Wandler bekommen und muss ‘nur’ wieder eingesetzt werden. Dabei fällt aber eine Mutter unter die Batterieblöcke und ist weder mit Spiegeln noch mit Endoskopkamera wiederzufinden, also werden erst mal 240 kg Batterien ausgebaut; als mehrere Stunden später alles wieder an seinem Platz und die reparierte Elektronik eingebaut ist, gibt es eine böse Überraschung: die Sttrommessung funktioniert nicht! Das ließ sich zu Hause mangels Batterien nicht mal so eben ausprobieren, und wer rechnet schon damit, dass an einer Schaltung zwei verschiedenen Dinge gleichzeitig ausfallen! Am Ende eines unerwartet langen Arbeitstages funktioniert also genau so viel oder wenig wie vorher: Frustration statt Motivation ist die Folge – wie es so oft bei Bootsprojekten passiert, es kann halt eine Menge schiefgehen, und oft ist das dringend benötigte Ersatzteil in weiter Ferne …

Auf dem Weg zum Boatyard

Der Rest der ersten Woche läuft aber besser, und das Wetter ist auch angenehm mild und sonnig, so dass wir den Rumpf auf das anstehende Sandstrahlen vorbereiten können, indem wir alle möglichen Anbauteile abmontieren – tatsächlich sind das mehrere Tage Arbeit. Wir fahren täglich mit den Fahrrädern über den kleinen Hügel von Maltezana nach Schinontas und können dabei immer wieder den herrlichen Panoramablick über die Südbucht von Astypalaia mit ihren Inseln und die weißen Häuser der Chora genießen – arbeiten, wo andere Urlaub machen!

In der letzen Februarwoche verschlechtert sich das Wetter aber drastisch: es wird kalt und regnerisch. Wir können unmöglich mit dem Sandstrahlen anfangen, und auch die sonstigen noch anstehenden Arbeiten sind bald erledigt, so dass wir tagelang bei einstelligen Temperaturen und Dauerregen auf unserem winzigen Zimmer ohne Heizung hocken, welches sich alsbald in eine Tropfsteinhöhle verwandelt – der letzte Winter mit seinen paar Regentagen war wohl nicht repräsentativ (dieser ist es aber auch nicht, wie uns die Einheimischen versichern – so viel geregnet hat es seit Jahrzehnten nicht mehr!).

Erst in der zweiten Märzwoche kann es endlich losgehen – wir haben erst mal ein paar hundert Kilo Strahlgut zum Ausprobieren der Gerätschaften und Abschätzen des Gesamtbedarfs, Nachschub soll aus Athen ja jederzeit  innerhalb von zwei bis drei Tagen eintreffen können. Am ersten Tag schaffen wir aber fast nichts, da uns dauernd der Luftschlauch verstopft; erst nach Stunden kommen wir dahinter, dass das Strahlgut wohl gebraucht, d.h. vom Boden aufgefegter Dreck ist. Erst nachdem wir es mühsam durch ein Sieb reinigen, ist es brauchbar – und wir können uns auf die Probleme mit dem Kompressor konzentrieren, dieser ist nämlich uralt, braucht zum Starten grundsätzlich ein Überbrückungskabel vom Traktor und manchmal auch eine Propanfackel an den Dieselleitungen. Aus der Lichtmaschine kracht es bedenklich, Stücke der Permanentmagnete poltern darin herum, und der Keilriemen hat nur noch einen Bruchteil seines vorgesehenen Materialquerschnitts – alles sehr griechisch, aber es läuft dann doch.

So ordern wir also zwei Kubikmetersäcke Strahlgut und erwarten deren Eintreffen am Donnerstag – da kommt aber nichts, mit der Begründung, dass es in Athen geregnet hat; offenbar hat sich die Erfindung der Plastikplane dort noch nicht herumgesprochen. Gut, dann halt Freitag – dummerweise wird wegen Starkwind aber die Fähre abgesagt … bleibt Sonntag als nächster Abfahrttermin; wer aber soll an einem Sonntag den LKW auf die Fähre fahren? Montag, denken wir, kann dann ja wirklich nichts mehr schiefgehen – weit gefehlt! Wie sich herausstellt, wartet der Spediteur nämlich darauf, dass sein für die Insel bestimmter LKW voll wird, bevor er ihn losschickt – das Fährticket kostet ja schließlich immer gleich. Dienstag geht keine Fähre, und Mttwoch geschieht das Wunder: der LKW wird auf die Fähre gebracht, Donnerstagmorgen ist der Sand auf der Insel! Auf der Insel bedeutet aber nicht etwa bei uns: da der LKW von hinten nach vorne vollgeladen wurde, muss er nun von vorne nach hinten entladen werden, und das dauert noch den gesamten Donnerstag, so dass erst am Freitagvormittag der Sand auf dem Boatyard eintrifft. 8 Tage lang sind wir also täglich mit der Erwartung zur Arbeit gefahren, heute endlich anfangen zu können – um immer wieder enttäuscht zu werden. 8 Tage herrlichen Wetters – und pünktlich mit dem Eintreffen des Sandes fallen die Temperaturen wieder um 10 Grad. Da der einsetzende Nordwind knochentrocken ist, kann man dabei zwar arbeiten, aber welches Vergnügen das bei 30 Knoten Wind und 6 Grad Mittagstemperatur bereitet, kann man sich wohl vorstellen … und das alles in dem Bewusstsein, vorher 8 Tage bei perfekten Bedingungen Löcher in die Luft gestarrt zu haben. Wenigstens löst der Starkwind alle Fragen der Arbeitssicherheit: immer schön in Luv stehen, und eine Corona-Maske genügt …

Die ‘Orion’ nach dem Sandstrahlen

Nach einer Woche echter Quälerei ist es dann soweit: die ‘Orion’ erstrahlt in einem neuen Kleid aus Intershield 300! Nun geht es aber erst mal richtig los: Schicht um Schicht muss von diesem extrem harten und belastbaren Korrosionsschutzanstrich aufgebracht und dann im Überwasserbereich entlang der Schweißnähte etwas gespachtelt und geschliffen werden (erstaunlich wenig, die Fertigungsqualität der Feltz-Werft ist bemerkenswert!). Darauf kommen zwei Schichten Primer (Intergard 263), und schließlich im Überwasserbereich drei Lagen 2K-Polyurethanlack sowie die blauen Streifen und unter Wasser mehrere Schichten Antifouling. Die Höhe des Wasserpasses legen wir dabei mit dem Lasernivelliergerät fest – zum nicht geringen Erstaunen der Fischer, die so etwas noch nicht erlebt haben. Vielleicht schüttelt der eine oder andere alte Kapitän sein weises Haupt ob der sehr deutschen Herangehensweise, aber das Ergebnis überzeugt: wir werden mit Komplimenten für die gelungene Arbeit geradezu überschüttet.

Darüber vergehen Wochen, und wegen der massiven Zeitverluste zuerst durch das schlechte Wetter und dann durch die Lieferverzögerung beim Strahlgut arbeiten wir 7 Tage die Woche von 9 bis 19 Uhr durch, um irgendwie unser Ziel, bis zum orthodoxen Osterfest wieder im Wasser zu sein, noch erreichen zu können. Bei der Lieferung der weißen Farbe wiederholt sich fast das Drama der Sandlieferung: wieder verlässt unser Eimer tagelang das Speditionsgelände in Athen nicht. Schließlich teilt Nikitas, der Besitzer des Boatyards, der Spedition mit, wohin sie sich ihre Farbe stecken können, und bittet einen Freund in Athen, einen zweiten Eimer Farbe vom Händler zu holen und ihn persönlich auf der Fähre abzustellen; von dort holt ihn Nikitas dann um 5 Uhr morgens für uns ab …

Frühling auf dem Boatyard

Unterdessen ist auf Astypalaia der Frühling angekommen: statt wie beim Sandstrahlen zu frieren, kann man nun im T-Shirt arbeiten und muss aufpassen, dass einem der Schweiß nicht in die frische Farbe tropft. Rundherum verwandelt sich die Insel in ein Blütenmeer, besonders auf dem Boatyard bedecken wahre Teppiche aus vielfarbigen Blumen den überall herumliegenden Schrott – eine wirkliche Pracht! Wenigstens dafür war der viele Regen gut …

Endlich: der Anstrich ist vollständig!

Trotz all unserer Bemühungen verfehlen wir knapp unser Ziel: am orthodoxen Gründonnerstag ist zwar der Überwasseranstrich vollständig, und das Boot kann auf den Sliptrailer gesetzt werden, aber es fehlt noch eine Lage Antifouling, und auch Reling und Anbauteile müssen noch montiert werden, so dass wir auch das Osterwochenende noch durcharbeiten müssen.

Osterfeuerwerk über dem Kastro

Lediglich den Samstagabend und den Sonntagnachmittag nehmen wir uns frei, um das große Osterfeuerwerk in der Chora zu erleben und unserer Einladung zum Osteressen nachzukommen; Montag müssen wir dafür bis in die Dunkelheit arbeiten, um Dienstagmorgen fertig zu sein.

Dienstagmittag sind wir dann auf dem Sliptrailer am Strand angekommen; damit sollte ja eigentlich nichts mehr schiefgehen können … aber wie so oft kommt es anders: da die ‘Orion’ wegen ihres Tiefgangs nicht genug Wasser zum Aufschwimmen hat, muss wie schon im Dezember eine Verlängerung an die Deichsel des Sliptrailers angebracht werden, um den Trailer weiter ins Wasser schieben zu können. Dazu muss logischerweise die Verbindung zwischen Traktor und Trailer kurzzeitig getrennt werden; ganz griechisch wird dazu eine Abrollsicherung in Form eines mittelgroßen Steins unter eines (!) der Räder des Trailers gelegt, der Kupplungsbolzen gezogen – und schon springt der Stein zur Seite, und 24 Tonnen Trailer machen sich zusammen mit 12 Tonnen Boot auf den ungebremsten Weg in die Fluten! Wir werden arg durchgeschüttelt, als der Trailer das Ende der ausgelegten Betonplatten erreicht und mit zunehmender Geschwindigkeit über den Meeresboden rumpelt; schließlich schwimmt die ‘Orion’ auf und schießt mit schäumender Heckwelle rückwärts in die See! Der Trailer kommt offenbar irgendwann zum Stillstand – in etlichen Metern Tiefe und viele Dutzend Meter vom Strand entfernt. So haben wir uns das nicht vorgestellt – unter Deck herrscht ziemliches Chaos, und eine Überprüfung der neu eingesetzten Borddurchlässe musste ja nun auch entfallen; glücklicherweise ist aber alles dicht, der Motor startet auch, und wir können uns auf den kurzen Weg an die Pier von Maltezana machen, wo wir noch am gleichen Abend mit dem Kranaufsatz des Traktors den Mast stellen. Der Trailer wird erst drei Tage später geborgen – unter Einsatz von viel Stahlseil und des uns schon aus dem letzten Jahr bekannten Radladers.

Fertig aufgeriggt erstrahlt die ‘Orion’ im neuen Gewand

Wir blicken zurück auf eine sehr arbeitsreiche Zeit; mit viel Eigenleistung konnten wir den Rumpf perfekt konservieren und haben dazu kaum mehr als die Materialkosten investieren müssen. Die unzuverlässigen Lieferungen (na ja, eigentlich kann man von zuverlässigen Nichtlieferungen sprechen) haben uns viel Nerven gekostet, aber der Pragmatismus und die Hilfsbereitschaft von Nikitas, dem Besitzer des Boatyards, haben immer irgendwie zu einer Lösung geführt; und pünktlich fertig geworden ist hier schließlich seit dem Parthenon vor zweieinhalbtausend Jahren nichts mehr …

Landgang: Athen (09.-11.12. / 11.-13.02.)

Während die ‘Orion’ sicher auf dem Boatyard von Astypalaia steht, legen wir einen Zwischenstopp in Athen ein – das bietet sich an, denn egal ob man die Insel mit dem Flugzeug oder mit der Fähre verlässt, in Athen muss man immer umsteigen. Wir entscheiden uns für den einstündigen Flug mit der Propellermaschine – eine problemlose Art zu reisen, wenn nicht gerade mal wieder eine Herde Ziegen die Startbahn von Astypalaia blockiert …

Blick über Athen

Mit gut drei Millionen Einwohnern im Stadtgebiet und vier bis fünf Millionen im gesamten Ballungsraum (so genau weiß man das nicht, da es keine Meldepflicht gibt) ist die griechische Hauptstadt gewaltig groß – fast die Hälfte der Landesbevölkerung lebt hier!

Enspanntes Leben in der Metropole

Erwartet haben wir daher eine lärmende, abgasverseuchte Betonwüste – doch schon auf den ersten Blick überrascht uns die Stadt: zwar sind eine Unmenge Menschen in der U-Bahn und auf den Straßen unterwegs, aber das Treiben wirkt eher lebendig als hektisch, und die Häuser wachsen nicht so hoch in den Himmel wie in vielen anderen Großstädten. Das mag an der langen Entwicklungsgeschichte liegen: seit 7500 Jahren leben hier kontinuierlich Menschen, womit Athen eine der ältesten Siedlungen Europas ist, und diese sehr langsam gewachsene Struktur spürt man; Hochhäuser zu bauen ist ohnehin verboten, da diese das historische Stadtbild zerstören würden – sehr weise!

Überall im Stadtbild finden sich Spuren der Antike

Auch trägt durchaus positiv zum Eindruck bei, dass Griechenland seit langer Zeit eher nicht im Reichtum lebt – das hat der Stadt die charakterlosen Glasfassaden der Büro- und Verwaltungsgebäude der nordwesteuropäischen Großstädte erspart. Natürlich gibt es auch die Kehrseite: etliche Gebäude sind bis zur Unbewohnbarkeit verfallen, was aber irgendwie ins Stadtbild passt, denn dieses ist natürlich ohnehin von Ruinen durchzogen – nirgendwo kann man eine Baggerschaufel ansetzen, ohne auf jahrtausendealte Überreste zu stoßen. Viele davon hat man freigelegt und restauriert, so dass sich überall im Stadtgebiet Freiflächen mit Säulenreihen und Tempelfundamenten finden.

Die Akropolis bei Nacht

Über all dem wacht die antike Stadtfestung, die Akropolis – welche trotz der starken Zerstörung während der Belagerung durch die Venezianer 1687 einen eindrucksvollen Anblick bietet.

Die Akropolis ist natürlich auch das touristische Ziel Nr. 1 in Athen; allerdings ist der Vormittag des 10. Dezember ausnahmsweise (Athen zählt 348 Sonnentage!) mal völlig verregnet, so dass wir beschließen, statt dessen lieber das Archäologische Nationalmuseum zu besuchen.

Die von Heinrich Schliemann ausgegrabene ‘Maske des Agamemnon’

Die 11.000 Exponate umfassende Sammlung anzuschauen ist mehr als tagesfüllend: man findet nicht nur die zu erwartenden Statuen aus der hellenistischen Epoche, sondern auch interessante Stücke aus prähistorischer Zeit, welche belegen, wie weit fortgeschritten Kunsthandwerk und Kultur schon in der Zeit vor aller Geschichtsschreibung waren.

Poseidon vom Kap Artemision, 460 v. Chr.

Wirklich beeindruckend sind die Details der Marmor- und Bronzearbeiten aus der Blütezeit der altgriechischen Kultur: schaut man sich die Naturtreue  der Körperformen und die Lebendigkeit der Bewegungsdynamik an, so wird klar, dass die großen Künstler der Renaissance wenig neu erfunden, sondern vielmehr jahrtausendelang verschüttetes Können wiederentdeckt haben. Manche Werke gehen sogar schon über das Ziel einer möglichst naturalistischen Wiedergabe hinaus und zeigen abstrakte Elemente, wie im Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts.

Aphrodite, Pan und Eros, ca. 100 v. Chr.

Man muss kein großer Kunstliebhaber sein, um sich vom direkten, unmittelbaren Kontakt mit dem, was ganz offensichtlich die Grundlage unserer abendländischen Kultur  ist, berühren zu lassen – damit hat alles angefangen, was uns heute umtreibt.

Neben den Wundern der Kunst beherbergt das Museum auch eine naturwissenschaftlich-technische Sensation: den Mechanismus von Antikythera, 1900 in einem Schiffswrack entdeckt; dabei handelt es sich um einen aus Zahnrädern gebauten Analogrechner zur Darstellung astronomischer Größen.

Pferd mit Jockey, um 150 v. Chr.

Bis zu diesem Fund war man der Ansicht, die bekannten Erkenntnisse der alten Griechen in Mathematik und Astronomie seien eher philosophischer Natur gewesen, aber bis zur Renaissance nie in konkrete Technologie umgesetzt worden – und dann findet man diesen Mechanismus, welcher aus unzähligen Zahnrädern und anderen feinmechanischen Teilen besteht, darunter fortgeschrittene Mechanismen wie Umlaufrädergetriebe und Kurbelschleifen, mit dem selbst die Mondanomalien korrekt wiedergegeben werden können! Unglaublich, was man alles schon einmal gekonnt – und wieder vergessen hat …

Im Februar kehren wir nach Griechenland zurück und planen wieder einen Aufenthalt in Athen ein – nicht nur dass wir dieses Mal die Akropolis anschauen wollen, die Stadt hat uns auch einfach gut gefallen. Das Wetter ist schon frühlingshaft mild, und in der Altstadt Athens brodelt das Leben: alle Cafés und Kneipen sind bis auf den letzten Platz besetzt, und die Straßen voller Menschen. Nach der coronabedingten Weltuntergangsstimmung in Deutschland tut es schon unbeschreiblich gut, diesen Ausdruck nicht zu unterdrückender Lebendigkeit zu erleben!

Durch die Propyläen strömen die Besucher auf die Akropolis

Auch auf der Akropolis ist einiges los, dem Vernehmen nach aber ist das nichts gegen die Menschenmassen, die sich im Sommer täglich durch das Gelände wälzen – gut, dass wir nicht in der Saison hier sind! Der gut 150 Meter hohe, plateauförmige Berg beherbergt die ältesten Teile Athens; nach der Zerstörung durch die Perser wurde das Areal unter Perikles, einem der gewählten (!) Oberhäupter der Athener, in der Zeit zwischen 467 v. Chr. und 406 v. Chr. neu bebaut.

Der Parthenon-Tempel

Das bekannteste und herausragendste Bauwerk ist wohl der Parthenon-Tempel, welcher der Stadtgöttin Athene gewidmet war und ein 11 Meter hohes Standbild der Göttin, bestehend aus Elfenbein und Gold (über eine Tonne!), beherbergte (von dem nur kleine Nachbildungen die Jahrtausende überdauert haben). Sowohl die Architektur als auch die künstlerische Bauausschmückung sind einzigartig, was selbst aus den Resten, welche die bereits erwähnte Zerstörung durch die Venezianer 1687 sowie den dreisten Kunstraub durch Lord Elgin Anfang des 19. Jahrhunderts überlebt haben, noch zu ersehen ist.

Perfekte Harmonie der Proportionen

Bei einem Gebäude dieses Ausmaßes (ca. 30 x 70 Meter Grundfläche, knapp 14 Meter Höhe) spielen für die möglichst harmonische Wahrnehmung perspektivische Effekte eine große Rolle. Tatsächlich ist praktisch nichts an dem Gebäude gerade oder gleichmäßig: die Grundlinien sind konkav, die Säulen kippen nach innen und sind je nach Position im Gebäude unterschiedlich geformt. In der Summe aber sieht unser Auge nur eines: Harmonie und Perfektion – nicht ohne Grund gilt der Parthenon als eines der bedeutendsten Bauwerke der Welt. Wer’s nicht glaubt, schaue sich im Vergleich Kopien wie z.B. die Walhalla in Regensburg an – größer, aber unausgewogener, weil man von den Feinheiten des Originals 1842 noch nichts (bzw. nichts mehr) wusste.

Das Erechtheion mit der Karyatidenhalle

Auch die anderen erhaltenen Bauwerke sind beeindruckend und haben den Maßstab für abendländische Architektur definiert, so etwa die Propyläen, die Torhallen im Zugang zum Tempelbezirk (kopiert z.B. im Brandenburger Tor), das Erechtheion mit seinen großartigen Karyatiden oder der Niketempel.

Das Dionysos-Theater an der Akropolis

An den Hängen der Akropolis liegt das rund 17.000 Zuschauern Platz bietende Dionysostheater – nicht irgendein weiteres antikes Theater, sondern das Theater überhaupt: hier wurden die berühmten klassischen Tragödien von AischylosSophokles und Euripides  uraufgeführt, und es gilt als die Geburtsstätte des klassischen Dramas – und damit richtungsweisend für unsere gesamte Literatur.

Nach so viel bedeutungsschwerer Geschichte verbringen wir den Rest des Tages mit Spaziergängen durch die Stadt, wobei selbstverständlich kulinarische Aspekte nicht fehlen dürfen – das Preisniveau ist in Athen etwas höher als in der griechischen Provinz, aber für deutsche Verhältnisse immer noch äußerst moderat, und die Auswahl und Qualität lassen wirklich keine Wünsche offen.

Am Sonntag fahren wir mit der U-Bahn nach Piräus, wo sich seit seit dem Altertum der Hafen Athens befindet; von hier steuern regelmäßige Fähren die ganze ägäische Inselwelt an, und eine davon bringt uns in rund achtstündiger Fahrt zurück nach Astypalaia.

Durch den Dodekanes ins Winterlager (24.10. – 01.12.)

Am Sonntagmorgen, den 24. Oktober, verlassen wir den Hafen von Ormos Marathokambou auf Samos mit Südostkurs; vor uns liegt der Dodekanes, wo unsere Sommerrunde nach Nordgriechenland Ende Mai dieses Jahres begonnen hat. Wir sind also wieder in vertrauten Gewässern, allerdings haben wir uns hier vor 5 Monaten nicht allzu viel Zeit lassen können, und so gibt es noch genügend Inseln und Buchten, die wir noch nicht kennen.

Das erste Ziel soll Agathonisi sein, die nördlichste bewohnte Insel im Dodekanes; 22 Seemeilen sind es bis dorthin, und die Wettervorhersagen versprechen Nordwestwind zwischen 4 und 6 Beaufort – na, denken wir, da kann ja nichts schiefgehen! Wie so häufig unterscheidet sich die Realität aber signifikant von allen Wettermodellen: auf den ersten zwei bis drei Seemeilen schieben uns noch Fallwinde von bis zu 20 Knoten an, und dann kommt der Wind auf einmal innerhalb weniger Minuten völlig zum Erliegen; ja, nach einer Weile stellt sich sogar ein schwacher Südwind von drei oder vier Knoten ein – was soll man denn damit anfangen?

Wir beschließen notgedrungen, uns aus der Windabdeckung von Samos herauszumotoren – was grundsätzlich auch gelingt, allerdings erst, als die Küste von Agathonisi schon zum Greifen nahe ist; dann setzt der Wind fast eben so plötzlich wieder ein, wie er drei Stunden zuvor verschwunden war. Wir lernen daraus, dass die gut 1400 Meter hohe Insel Samos offenbar in der Lage ist, kräftigen Nordwind auf rund 15 Seemeilen völlig zu verschlucken …

Agios Georgios / Agathonisi
Karg und recht flach: Agathonisi

Wir umrunden die kleine Insel und laufen – nun bei 20 Knoten Gegenwind, was denn sonst – in die nach Süden offene Bucht von Agios Georgios ein. Dort gibt es einen Fähranleger, der sich naheliegenderweise für einen längeren Aufenthalt verbietet, eine schöne Sandfläche zum Ankern, in deren Mitte eine sehr raumgreifende Hanse 558 schwojt, und schließlich den Anleger für die Fischer; dort steigt der Grund zum Kai hin schnell an, aber die ‘Orion’ ist hier mit ihrem Tiefenprofil mal wieder im Vorteil – während wir vom Bugspriet noch einen langen Schritt an Land machen können, hätte es bei unserem ankernden Nachbarn schon längst geknirscht.

Die ‘Orion’ im Fischerhafen von Agios Georgios

Die Insel hat vielleicht 100 Einwohner, ein Café, eine Taverna, einen Minimarkt – und unzählige Ziegen. Sehr beschaulich geht es hier zu, für Ruhesuchende das richtige Ziel; allerdings ist der größte Teil der kargen Insel praktisch unzugänglich, man kann nur über erstaunlich gut ausgebaute Straßen zwischen den drei Ortsteilen laufen, sonst gibt es nur Wildnis. Für einen Tag aber ein nettes Ziel, besonders wenn draußen der Meltemi mit inzwischen 6 bis 7 Windstärken bläst und man hier bei gutem Schutz in der Sonne abhängen kann 🙂

Limani / Arkoi
Rauschefahrt nach Arkoi

Dienstagmorgen zieht es uns weiter: knapp 20 Seemeilen westlich liegt die Insel Arkoi, und der immer noch kräftige Nordwind trägt uns mit gerefftem Groß und Klüver in rauschender Fahrt dorthin – eigentlich hätte man bei dem tollen Wind auch gleich bis Patmos durchsegeln können, aber wir fanden es im Mai auf Arkoi so nett, dass wir dort noch einmal Station machen wollten. Wir kommen also schon am späten Mittag an, und so fällt es uns nicht ganz so schwer, den eigentlich vorgesehenen Aufenthaltstag auf Arkoi wegen der weiteren Wetterentwicklung zu streichen; wir kehren am Abend nochmal in der Taverna von Nikolas ein und legen am Mittwochmorgen wieder ab.

Skala / Patmos

Immer noch weht der Nordwind, allerdings etwas schwächer als am Vortag; es reicht aber völlig, um die 12 Seemeilen bis in den Hafen der Nachbarinsel Patmos unter Segeln zurückzulegen. Nach dem winzigen Hafen von Arkoi ein ziemlicher Kontrast: rund um eine geräumige Bucht ziehen sich die Hafenanlagen, die groß genug sind, um Kreuzfahrtschiffe aufzunehmen.

In Skala Patmos

Aufgrund dessen hatten wir keine allzu großen Erwartungen an die Insel, fürchteten wir doch Massentourismus à la Mykonos; wir werden aber positiv überrascht: der Hafenort Skala ist wirklich hübsch mit seinen weißen Häusern und steingepflasterten Straßen, die Gastronomie bietet keine überteuerte Massenabspeisung, sondern die in Griechenland übliche hohe Qualität zu vernünftigen Preisen – und über die Andenkenläden mit Made-in-China-Nippes kann man ja auch mal hinwegsehen 🙂

Am Donnerstag den 28. wollen wir die Insel erkunden: eigentlich war schon ein Mietwagen angedacht, aber beim Kartenstudium stellen wir fest, dass sich die Hauptsehenswürdigkeiten von Patmos in einer längeren Rundwanderung erreichen lassen, und so entscheiden wir uns gegen das Auto.

Das Johanneskloster über der Chora

Zunächst geht es eine gute Stunde stramm bergauf in die Chora; dabei führt die Straße an der Johannesgrotte vorbei, welcher die Insel ihre Berühmtheit im Umfeld der orthodoxen Kirche verdankt: hier hat der Prophet Johannes, der in römischer Verbannung auf der Insel weilte, das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes, niedergeschrieben – diesem Umstand verdankt Patmos den in unseren Ohren etwas seltsamen Beinamen ‘Insel der Apokalypse’. Jener Johannes ist übrigens nach neuerem Stand der Geschichtsforschung nicht identisch mit dem Apostel Johannes, wie man früher angenommen hat; nichtsdestotrotz ist diesem das 1088 gegründete Kloster, dessen burgartige Erscheinung sich über der Chora erhebt, gewidmet.

Nach dem Festumzug kehrt wieder Ruhe ein

In der Chora geraten wir mitten in die Feierlichkeiten zum 28. Oktober, dem Ochi-Tag (gr. όχι = nein) – hier gedenkt man in Griechenland den Ereignissen von 1940, als Mussolini den Griechen anbot, sich wehrlos den Streitkräften Italiens zu ergeben, statt von diesen gewaltsam überrannt zu werden; die Griechen lehnten ab, und fügten in der Folge den zahlen- und ausrüstungsmäßig weit überlegenen Italienern eine vernichtende Niederlage zu – das hatte der Diktator sich wohl anders vorgestellt.

In der Chora von Patmos

Zur Feier des Tages marschiert die örtliche Militärgarnison (ca. 20 Mann) auf, und sämtliche Schulkinder der Insel nehmen an dem Umzug teil – die Straßen wimmeln vor Menschen. Mit dem Ende des Umzugs kehrt aber bald wieder Ruhe ein, und wir können die verwinkelten Straßen des Ortes erkunden. Viele der Gebäude sind gut erhalten und in strahlendem Weiß gestrichen, ein echtes Bilderbuchdorf, das verständlicherweise im Sommer so viele Besucher anzieht; jetzt ist natürlich nichts mehr los, nachdem sich die Umzugsteilnehmer zerstreut haben, gehört der Ort uns quasi allein. Die Kontraste von tiefblauem Himmel, weißen Mauern und leuchtenden Bougainvilleen faszinieren uns immer wieder – ein Fest für’s Auge!

Blick über Chora, Skala und den Hafen von Patmos

Hier ist die Wanderung aber noch nicht zu Ende: wir steigen von der Chora hinab ins nächste Tal, um dann auf den Profitis Ilias zu steigen, mit 269 Metern die höchste Erhebung der Insel.

Profitis Ilias (269 m)

Die gleichnamige Kapelle nimmt praktisch die gesamte Fläche des Felsendoms ein, aber man kann mit etwas Kletterei einen Rastplatz mit grandioser Aussicht über Patmos und die umgebende Inselwelt erreichen; wir können Ikaria, Fournoi, Samos, Arkoi, Leipsoi, Leros, Levitha und schemenhaft selbst noch Amorgos sehen – und stellen einmal mehr fest, dass der Dodekanes wie zum Segeln gemacht ist!

Nach dem langen Rückweg bis zum Hafen sind wir einigermaßen erschöpft, aber nicht zu sehr, um der lokalen Gastronomie noch einen Besuch abzustatten – wie immer nehmen wir eine positive Erinnerung mit.

Paralia Kambos / Leipsoi

Am Freitag verlassen wir Patmos schon wieder – gerne hätten wir noch ein paar Ankerbuchten kennengelernt, aber es ist der vorerst letzte Tag mit passendem Wind, und so wollen wir noch ein Stückchen weiterkommen; um dies zu ermöglichen, hatten wir auch unseren Aufenthalt auf Arkoi schon verkürzt.

Ankern vor Paralia Kambos

Wir segeln bei frischem Nordnordwest zur Nachbarinsel Leipsoi; hier waren wir im Mai schon mal, haben damals aber an der Südseite geankert, während wir jetzt die große Bucht anlaufen, in welcher der Hauptort der Insel und der einzige Hafen liegen. Wir ankern direkt neben dem Hafen vorm Strand von Kambos, um den laut Wettervorhersage letzten sonnigen Abend für einige Tage in der Natur zu genießen – und den Hafen erst anlaufen zu müssen, wenn kein so starker (Seiten-)Wind mehr das Anlegemanöver verkompliziert.

Limani / Leipsoi
Blick von der Pier über den Hafen

Am Samstagmorgen ist dies wie angekündigt der Fall, und wir machen mit dem Heck voran an der Pier von Leipsoi fest. Da das Wetter noch viel länger stabil bleibt als vorhergesagt – das Einsetzen des Regens wurde inzwischen auf Sonntag verschoben – können wir noch in aller Ruhe einen entspannten Tag an Bord und im Ort verbringen, wobei letzteres unvermeidlich mit der Aufnahme weiterer kalorienreicher Köstlichkeiten verbunden ist: die Konditorei im Ort ist umwerfend gut!

Dicke Wolken über Leipsoi

Am Sonntag ist es dann tatsächlich bewölkt, und über den ganzen Tag verteilt fallen auch wirklich mehrmals ein paar Tropfen Regen – so richtig regnet es hier ja eher selten. Es ist aber unfreundlich genug, um das Boot kaum zu verlassen; eine gute Gelegenheit, sich einiger anstehenden Arbeiten an Bord anzunehmen, aber auch, um einfach mal nichts zu tun – man mag es ja kaum für möglich halten, aber die Tage sind ganz schön ausgefüllt, Langeweile kommt jedenfalls nicht auf. Am späten Nachmittag reißt die Wolkendecke auch auf, und wir bekommen mal einen anderen Abendhimmel zu sehen: dramatisch werden die dicken Wolken von der untergehenden Sonne angestrahlt. Dass das jetzt wegen der in der vergangenen Nacht erfolgten Zeitumstellung schon eine Stunde früher geschieht, ist allerdings nicht so schön …

Paralia Blephoutis / Leros

Am Morgen des 1. November ist der Himmel wieder blau, und zum Mittag hin hat sich ein ganz leichter Nordwind angesagt; eine gute Gelegenheit, ein wenig Strecke nach Süden gutzumachen, und uns dabei eine Ankerbucht mit Südschutz zu suchen, für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist nämlich kräftiger Südwind angesagt.

Die Nordküste von Leros liegt vor uns

Wir segeln also nur mit Klüver bei 6 bis 8 Knoten Wind auf Leros zu; natürlich ginge das schneller, wenn wir den Gennaker rausholen würden, aber bei gerade mal 8 Seemeilen Tagesdistanz siegt die Faulheit … wir kriechen also ganz friedlich mit ein bis 2 Knoten Fahrt über die fast völlig glatte See – perfekt, um in der Sonne zu liegen und ein Buch zu lesen, während der Autopilot den Kurs hält.

Ruhiges Wasser in der Bucht von Blephoutis

Am späten Mittag erreichen wir eine tief eingeschnittene und nur über eine schmale Durchfahrt von Norden zugängliche Bucht im Norden von Leros und ankern vorm Strand von Blephoutis auf  5 bis 6 Meter Tiefe über reinem Sandgrund – hier kann der Südwind kommen. Wir nutzen die Wärme der Nachmittagssonne und springen in das mit 20 Grad zwar nicht mehr wirklich warme, aber dafür kristallklare und verlockend leuchtende Wasser – und müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass heute der November begonnen hat!

Der Dienstag beginnt mit völliger Windstille, aber im Laufe des Vormittags setzt langsam der angekündigte Südwind ein; dabei ist es noch fast wolkenlos sonnig und deutlich über 20 Grad warm. Wir genießen die Ruhe in der hübschen Ankerbucht und das herrliche Wetter; mit dem Südwind soll es sich wieder zuziehen und etwas regnen, noch ist davon aber nichts zu sehen.

Agia Marina / Leros

Nachdem es in der Nacht auf Mittwoch den angekündigten Südwind und tatsächlich etwas Regen gegeben hat, sieht es am nächsten Morgen schon wieder ganz freundlich aus, und der Wind hat auch an Stärke verloren; wir lassen uns davon unter Klüver aus der Bucht heraustragen und halten an der Ostküste der Insel auf die nächste große Bucht zu. Dort liegt der Fischerhafen von Agia Marina, wo wir einen Liegeplatz an der Seite des kleinen Fähranlegers finden; uns ist zwar nicht so ganz klar ob wir dort liegen dürfen, aber wenn nicht, so sagen wir uns nach einem Jahr Griechenland-Erfahrung, wird uns das schon jemand mitteilen – was nicht explizit verboten ist, ist normalerweise erlaubt.

Die Johanniterburg über Agia Marina

Agia Marina erweist sich als netter kleiner Ort; hier – und nicht im deutlich größeren Lakki – befindet sich auch die Gemeindeverwaltung der Insel. Überragt werden Ort und Bucht von der immer noch imposanten Johanniter-Festung aus dem 14. Jahrhundert; der Weg dort hinauf erweist sich als äußerst schweißtreibend, denn der Südwind hat auch eine Temperaturerhöhung mit sich gebracht: über 25 Grad sind es im Schatten – den man aber auf dem gesamten Aufstieg vergeblich sucht. Es lohnt sich dennoch, die Mühe auf sich zu nehmen,  sowohl für die Festung selbst wie auch für den Ausblick, der sich von dort über Leros bietet.

Der Strand von Platanos

Wir bleiben am Donnerstag noch in Agia Marina, denn wir wollen noch ein wenig die Umgebung erkunden, und Wind gibt es auch keinen. Wir unternehmen eine Wanderung, die uns über Platanos auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel bis an die Bucht von Lakki und zurück führt. Platanos verfügt über einen schönen Strand aus ganz feinem Kies und stimmungsvollen Cafés an dessen Rand, von denen aus sich eine tolle Aussicht gen Süden bis nach Kalymnos genießen lässt – herrlich, hier mit einem Freddo in der Wärme zu chillen!

Auch am Freitag ist noch kein brauchbarer Wind in Sicht, aber die Flaute ändert ihre Richtung: es läuft leichter Schwell aus Nord in die Bucht, Vorbote einer Winddrehung. Nun erhebt auch tatsächlich jemand Anspruch auf unseren Liegeplatz: ein Kreuzer der griechischen Küstenwache möchte dort anlegen. Die Uniformierten fragen aber sehr höflich, ob es uns etwas ausmachen würde, das Boot etwas in Richtung der Fischer zu verholen, und nehmen auch gleich die Leinen, um zu helfen – ach, wäre der Umgang mit Seglern (die man hier als ‘Gäste’ in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes versteht) doch überall so!

Paralia Vromolithos / Leros

Wegen des Schwells und des aufkommenden Nordwindes verlassen wir aber später doch noch unseren Liegeplatz – nicht ohne vorher nochmal die einfach göttliche Konditorei gleich am Hafen zu besuchen …

Paralia Vromolithos

Wir motoren um die Halbinsel, um diejenige Bucht zu erreichen, die wir am Vortag umwandert haben. Wir finden vor Vromolithos ein ausgedehntes Bojenfeld und machen uns der Faulheit halber dort für die Nacht fest – während der Saison wird hier wohl eine Gebühr erhoben, jetzt aber offensichtlich nicht mehr.

Den Nachmittag verbringen wir mit Schnorcheln (auf über 8 Meter Wassertiefe erkennt man jedes Sandkorn am Boden) und Lesen, in der Sonne fühlt es sich hochsommerlich an – am 5. November!

Palionisos / Kalymnos
Die Berge von Kalymnos schrumpfen Superyachten zu Spielzeugbooten

Am Samstag gibt es dann endlich Nordwind – wirklich nicht viel, aber gerade genug um uns die kaum 12 Seemeilen bis hinüber nach Kalymnos vorzunehmen. Leider gibt es deutlich mehr Dünung als der Wind erwarten ließe, und so schaukeln wir uns unter heiß brennender Sonne gen Süden.

Beeindruckend ist die Silhouette der 700 Meter hohen Insel, die sich gegen die Sonne im Südwesten wie ein Scherenschnitt abzeichnet; der Nordteil der Insel fällt steil ins Meer ab und ist praktisch unbewohnt.

Palionisos – drei Tavernen und ein Bojenfeld

Erste Ankermöglichkeit an der Ostküste ist Palionisos – von einem Ort zu sprechen wäre schon übertrieben, es gibt nur drei Tavernen, die einige Muringbojen ausgelegt haben, um Segler anzulocken; erst seit 2009 führt eine Schotterstraße hierher, vorher war die Siedlung nur zu Fuß und per Boot zu erreichen. Die Einfahrt erinnert an einen norwegischen Fjord, so steil ragen zu beiden Seiten die Felsen auf; am Ende der Bucht angeln wir uns eine der Bojen und verbringen eine ruhige Nacht – die leider recht früh beginnt, weil die Sonne schon am Nachmittag hinter dem Gebirge verschwindet.

Vathy / Kalymnos

Am Sonntag gibt es weiter Flaute aus nördlichen Richtungen – wieder nehmen wir uns nur eine kurze Strecke von gut 7 Seemeilen vor, damit wir nicht nur motoren müssen, und tatsächlich können wir unter Segeln den größeren Teil der Strecke zurücklegen; erst als wir auch noch in die Abdeckung der Insel geraten, fällt die Fahrt auf unter einen Knoten, und wir werfen für die letzte halbe Stunde den Motor an.

Die Einfahrt in den Hafen von Vathy

Die Einfahrt ist ähnlich fjordartig wie in Palionisos, dahinter tut sich aber ein kleines Fischerdorf vor einem fruchtbaren Tal auf. Es gibt einen kleinen Anleger mit Platz für drei oder vier Gäste; wir bekommen vom rührigen Hafenmeister Manolis einen Platz zugewiesen, er organisiert auch gleich eine Landstromversorgung per Kabeltrommel – den Strom müssen wir bezahlen, der Liegeplatz kostet … nichts!

Die Lage zwischen hohen Felsen ist wirklich attraktiv, das Wasser leuchtet in herrlichem Türkis, die Häuser sind gepflegt, die Tavernen einladend – was für ein schöner Ort! Im Sommer wird es hier wohl auch recht voll mit Tagesausflüglern aus Kos, nun aber ist es ganz ruhig. Autovermietungen gibt es nur im Hauptort der Insel, aber Manolis organisiert für uns gleich die Überstellung eines Mietwagens für den nächsten Tag nach Vathy – was will man mehr.

Blick über den Hafen von Pothia

Am nächsten Morgen holt uns also Nikos, der Besitzer des Autoverleihs, mit einem kleinen Nissan ab, und wir fahren zusammen nach Pothia, dem Hauptort der Insel, von wo wir unsere Erkundung beginnen. Ähnlich wie Lakki auf Leros kann Pothia seine italienische Vergangenheit nicht leugnen, die alten Gebäude und Villen befinden sich aber in wesentlich besserem Zustand als dort. Der große Hafen wirkt sehr lebendig, und man flaniert an unzähligen Cafés entlang, während man ihn umrundet.

In den Ruinen des Kastro von Kalymnos

Nach dem Hafenbummel fahren wir mit dem Auto zunächst in Richtung der Chora, die heute mit dem Hafenort Pothia zusammengewachsen ist. Hier gibt es – wie es sich für jede griechische Insel gehört – auch ein Kastro, welches allerdings stark verfallen ist; nichtsdestotrotz lohnt sich der Aufstieg für den tollen Ausblick über die Insel.

Kalymnos war lange Zeit als Insel der Schwammtaucher bekannt; in den letzten Jahren sind die Erträge aber stark zurückgegangen, da die Schwämme durch noch unbekannte Ursachen dezimiert werden – die Meeresverschmutzung ist dabei kein unwahrscheinlicher Kandidat. Die qualitativ besten Schwämme werden aus großer Tiefe geholt; dies war früher eine sehr gefährliche Arbeit, da es durch zu schnelles Auftauchen zur Taucherkrankheit  kommt. Dies war so verbreitet, dass die dadurch bedingten Lähmungen in die traditionellen Tänze der Insel eingegangen sind.

Die Gebirgszüge von Kalymnos sind ein Paradies für Kletterer

Heute verdient man sein Geld ungefährlicher: die ungemein steilen Höhenzüge der Insel sind zu einem beliebten Ziel für Sportkletterer aus aller Welt geworden, und während die Segelsaison sich ihrem Ende entgegen neigt, nimmt die Kletterei jetzt, wo es nicht mehr so heiß ist, erst mal richtig Fahrt auf; auf unserer Fahrt entlang der Westküste sehen wir hauptsächlich mit Kletterausrüstung behängte Sportler, die sich auf den Weg zu den Touren machen.

Telendos vor der Westküste von Kalymnos

Hinreißend ist der Ausblick von der Küstenstraße auf die vorgelagerte Insel Telendos, die steil aus dem Meer aufragt – das Spiel der Sonne auf dem Wasser, die Farben des Meeres und der Felsen sind ein visueller Genuss.

Endpunkt der Straße und auch einer der Höhepunkte des Ausflugs ist der Ort Emborios weiter im Norden der Insel; der Ausblick, der sich vom Kiesstrand des Ortes nach Süden bietet, ist wirklich wunderschön – hier, denken wir, würden wir auch gerne mal ankern!

Zum Tagesabschluss fahren wir schließlich noch an den Strand von Kantouni, wo wir die Sonne im Meer versinken sehen … immer wieder wunderschön.

Vlichadhia / Kalymnos

Im Laufe des Dienstags soll dann endlich Nordwind einsetzen; wir wollen den besten Absprungort zur Überfahrt nach Astypalaia ansteuern und beschließen also, erst mal abzuwarten, um vielleicht den Wind schon nutzen zu können. Es wird aber Nachmittag, ohne dass sich ein Lüftchen rührt, und so müssen wir schließlich die gut 7 Seemeilen nach Vlichadhia motoren, um noch beim letzten Tageslicht eine gute Stelle zum Ankern auswählen zu können.

Guter Ankerplatz: die Bucht von Vlichadhia

Nach einem windstillen und beschaulichen Abend in der hübschen Ankerbucht geht es dann um drei Uhr in der Nacht los: plötzlich kommt Wind auf, und binnen kürzester Zeit ergreifen Böen von über 30 Knoten die ‘Orion’. Der Anker hält, aber der Rest der Nacht wird nicht sehr erholsam …

Am Mittwoch geht es genauso weiter: durchgängig 7 Beaufort den ganzen Tag, in Böen bis zu 9, See 2,6 Meter charakteristische Wellenhöhe lautet die Vorhersage; da bleiben wir lieber noch vor Anker und lassen uns bei strahlendem Sonnenschein (Meltemiwetter!) den Wind um die Ohren pfeifen – so ist es eben, wochenlang Flaute und dann viel zu viel Wind.

Maltezana / Astypalaia
Aufbruch bei Sonnenaufgang über Kos

In der Nacht zum Donnerstag scheint es sich tatsächlich etwas beruhigt zu haben, in unserer Ankerbucht messen wir kaum noch 12 Knoten Wind; da auch die aktuellen Vorhersagen in den Morgenstunden noch 5, später dann nur noch 4 Windstärken versprechen, binden wir nur ein Reff ins Groß und lichten gleich nach Sonnenaufgang um 7 Uhr den Anker, um aus der Bucht zu segeln und uns auf die knapp 40 Seemeilen lange Überfahrt nach Astypalaia zu machen..

Während wir uns langsam von der Küste entfernen, nimmt die Windgeschwindigkeit ab statt zu; nach einer halben Stunde haben wir völlige Flaute und müssen uns tatsächlich unter Motor dort herausschieben – denn dass es sich nur um die Abdeckung von Kalymnos handelt, das ist uns schon klar.

Rauschende Fahrt bei knackigem Wind

Nach einer weiteren halben Stunde sehen wir dann voraus weiße Kronen auf den Wellen, und schlagartig ist der Wind wieder da, aber nicht mit den angekündigten 5 Beaufort, sondern mit knackigen 7 Windstärken, in den Spitzen lesen wir auch 36 Knoten ab (Windstärke 8) – und das mit nur einmal gerefftem Groß und vollem Klüver! Die Wellen wachsen innerhalb weniger Minuten zu beeindruckenden Bergen; trotz des raumen Windeinfallwinkels schieben wir ordentlich Lage, während die ‘Orion’ mit über 8 Knoten durchs Wasser schießt – schön schnell, aber doch etwas unheimlich, wir sind definitiv übertakelt. Richtig wäre natürlich, das zweite Reff ins Groß zu binden und den Klüver gegen den Kutter zu tauschen, das ergibt einen ausgewogenen Segeldruckpunkt – aber das Groß reffen bei stürmischem Wind und drei bis fünf Meter hohen Wellen grenzt ja an Arbeit, also beschließen wir das Groß im ersten Reff zu belassen und dafür gar kein Vorsegel zu setzen – natürlich wird das Boot so luvgierig durch das Drehmoment des weit offenen Großsegels, aber eine Viertelumdrehung des Steuerrads genügt, um dies zu kompensieren, und unsere Aries-Windsteueranlage kommt offenbar auch damit klar – also erfreuen wir uns die nächsten Stunden an immer noch gut 6 Knoten Fahrt und der glitzernden Sonne auf der aufgewühlten See!

Astypalaia voraus!

Bald können wir Astypalaia am Horizont ausmachen, und schnell kommt die Insel näher. Am frühen Mittag geht der Wind tatsächlich etwas zurück, wir messen nur noch eine 6 im Mittel, und die Böen erreichen gerade die 7; wir können nun auch das Kuttersegel hinzunehmen, und gegen 14 Uhr haben wir die Insel umrundet und legen an der Pier von Maltezana an – hätten wir geahnt, dass wir so schnell unterwegs sind, hätten wir auch ausschlafen können.

Von hier sind wir nach dem endlosen Lockdown-Winter vor knapp 6 Monaten und rund 1600 Seemeilen zu unserer Runde durch die nördliche Ägäis aufgebrochen, und nun zurückzukehren fühlt sich fast wie eine Heimkehr an – der Fischer, der unsere Leinen annimmt, begrüßt uns gleich als alte Bekannte, und bald schon heißen uns unsere Freunde, die wir im letzten Winter hier gewonnen haben, herzlich willkommen auf Astypalaia!

Skala / Astypalaia
Chora und Skala – ein vertrauter Anblick!

Freitag weht dann endlich wirklich nicht mehr so viel Wind, und wir verholen uns die drei Seemeilen bis in den Hafen der Insel – wie oft haben wir diese Strecke schon zurückgelegt! Nach dem Anlegen begrüßt uns auch unser Hafenkater und holt sich die lange vermissten Streichel- und Futtereinheiten ab; er ist gesprächig wie immer und wohlgenährter denn je, offenbar hatte er einen guten Sommer 🙂

Auch hier verbringen wir einige (sehr!) lange Wiedersehens-Abende – und leben uns schnell wieder ein, so als seien wir kaum weg gewesen. Nach dem Wochenende verholen wir uns nochmal nach Maltezana, dann wieder zurück in den Hafen, wie immer es der Wind so will; auch ein Ausflug zum Ankern in die Bucht von Glyno bei 7 bis 8 Windstärken aus Südost bleibt uns nicht erspart – letztes Jahr um diese Zeit hatten wir noch stabilen Nordwind, nun ist es viel unbeständiger. Auf der Insel wartet man allerdings verzweifelt auf Regen, da sich der Wassersepeicher über den Sommer bedrohlich geleert hat, wir wollen uns also über ein paar Wolken nicht beschweren …

Winterlager
Die letzten Seemeilen des Jahres

Am 1. Dezember ist es dann soweit: es ist sonniges Wetter und kaum Wind angesagt, also begeben wir uns an die Pier von Maltezana, wo gegen Mittag Nikitas vom Boatyard mit einem großen Schlepper mit Kranausleger ankommt, um erst mal unseren Mast zu legen – was keine Probleme bereitet, wir haben da ja genug Übung. Interessanter wird schon der Transport zum etwa einen Kilometer entfernten Werftgelände: ein mit Mais beladener LKW bekommt unseren Mast kurzerhand oben aufgelegt und nimmt ihn eben mit …

Zusammen sind wir stark!

Wir fahren danach um die Ecke zum Strand von Schoinondas, wo schon der Slipwagen auf uns wartet: das Einfahren und Fixieren des Bootes läuft erst mal völlig problemlos, nur als der Schlepper den (gewaltig schweren!) Slipwagen zusammen mit der ‘Orion’ auf den Strand ziehen will, gibt es Ärger: die Räder drehen durch und graben sich tief in den Sand. Aber zum Glück gibt es ja hier für alles eine Lösung: binnen kurzer Zeit kommt ein großer Radlader angefahren und wird mit Stahlseilen noch vor den Schlepper gespannt! Ob das europäischen Standards entspricht darf angezweifelt werden, aber es funktioniert – bald darauf stehen wir auf dem Strand und wenig später, nach einer gemächlichen Fahrt über 100 Meter Straße, erreichen wir den Boatyard. Der Kiel wird unterfüttert, der Slipwagen hydraulisch abgesenkt, sechs massive Stützen in Position gebracht – und nach insgesamt 5 Stunden sind wir auf unserem Winterplatz angekommen!

Entlang den ostägäischen Inseln gen Süden (04.10. – 23.10.)

Am Montagmorgen den 4. Oktober verlassen wir nach fast zwei Wochen endlich Limnos – nicht, dass es uns hier nicht gefallen hätte, aber die Saison ist selbst in der Ägäis nicht endlos …

Wir legen mit dem ersten Licht der Morgendämmerung ab, denn uns trennen etwa 60 Seemeilen vom nächstgelegenen Hafen auf der Insel Lesvos, unserem nächsten Ziel. Laut Vorhersage sollen auch heute auf der vor uns liegenden Strecke um die 22 Knoten Wind aus Nordnordost wehen, also eine kleine Windstärke 6; die charakteristische Wellenhöhe ist wie erhofft auf etwa anderthalb Meter gesunken – wie gesagt, laut Vorhersage. Die Realität sieht zunächst mal ganz anders aus: als wir den Hafen von Myrina verlassen, kann der Windmesser kaum mehr als 10 Knoten vermelden – damit kommen wir nie nach Lesvos! Also muss tatsächlich erst mal eine Stunde der Motor mitlaufen, während über Limnos malerisch die Sonne aufgeht. Von den zunächst eingebundenen zwei Reffs im Großsegel schütten wir eines gleich mal wieder aus – Vollzeug zu setzen trauen wir uns dann aber doch nicht.

Rauschende Fahrt bei prächtigem Wetter

Mit gutem Grund, denn wenig später stellen wir fest, dass es mal wieder nur die Abdeckung durch die Insel war, die uns getäuscht hat: kaum haben wir freie Sicht nach Osten, legt der Wind immer mehr zu, und der Motor hat Ruhe. Gegen Mittag haben wir die angesagten Windstärken erreicht, und da wir uns zwischenzeitlich nicht motivieren konnten das zweite Reff wieder einzubinden, gleiten wir leicht übertakelt mit gut 6 Knoten bei halbem bis raumem Wind durch die Wellen! Das macht so viel Spaß, wer mag denn da auf die Bremse treten?!

Lesvos voraus!

Aber natürlich kommt, was kommen musste: zum Nachmittag legt der Wind auch weiter zu und erreicht die 7 Beaufort, in Böen auch häufiger mal die 8; wir ersetzen noch den Klüver durch das kleinere Kuttersegel, aber das Groß fassen wir nicht an – es läuft doch soooo schön! Und so ziehen wir eben häufiger mal die Leereling durchs Wasser, ziehen den Kopf ein wenn mal wieder eine Welle übers Deck bricht und erfreuen uns ansonsten über 7 Knoten Fahrt – damit erreichen wir Lesvos noch deutlich vor Sonnenuntergang, wer hätte das gedacht!

Sigri / Lesvos
Dämmerung über den Inseln vor Sigri

Der starke Wind bleibt uns bis zuletzt erhalten, aber vor unserem Ziel, dem Ort Sigri, liegt eine längliche Insel vorgelagert, die eine große, gut geschützte Bucht bildet; kaum haben wir das Südende der Insel passiert, sind die hohen Wellen verschwunden, und wir können problemlos die Segel herunterholen und einen Ankerplatz südlich der Halbinsel, auf der Sigri liegt, ansteuern; der Ankergrund ist zwar nicht so berauschend, wir brauchen zwei Anläufe, bis das Eisen hält (und das kommt bei unserem Ankergeschirr wirklich selten vor), aber die Windabdeckung ist so gut, dass es darauf nicht wirklich ankommt. Wir freuen uns über die erfolgreiche Überfahrt, genießen noch die unbeschreiblichen Farbverläufe des Abendhimmels nach Sonnenuntergang  und verbringen schließlich eine ruhige, lange Nacht vor Anker.

Ormos Apothikes / Lesvos

Am nächsten Morgen schlafen wir zwar verdientermaßen aus, machen uns dann aber gleich auf den Weg, ohne vorher noch den Ort Sigri anzuschauen – Lesvos ist immerhin die drittgrößte Insel Griechenlands, und wir wollen die kommenden zwei Tage, an denen noch der Meltemi wehen soll, ausnutzen, um entlang der Südküste Strecke zu machen.

Tatsächlich können wir gut segeln, im Wellenlee der Insel müssen wir uns nicht mehr mit brechenden Wellen herumschlagen, aber genug Wind kommt über die hohen Bergketten – wenn auch recht ungleichmäßig, von 5 bis 25 Knoten ist alles drin. Gut, dass die ‘Orion’ letzteres auch mit viel Tuch geduldig hinnimmt – und voll Salz ist vom Vortag ja eh schon alles.

Entlang der Südwestküste von Lesvos

Die vorbeiziehende Küste im Südosten der Insel ist wieder deutlich gebirgiger als es Limnos war, aber ebenso trocken. Lesvos weist zwei sehr große Einbuchtungen auf, die nur über schmale Passagen mit dem Meer verbunden sind und quasi Binnenseecharakter haben, den Kolpos Kallonis und den Kolpos Geras; noch in der Zufahrt zum Kolpos Kallonis – die übrigens betonnt ist, das sieht man hierzulande nicht gerade häufig! – liegt eine Ankerbucht vor einer Flussmündung, Ormos Apothikes, die unser Tagesziel darstellt.

Hübscher und ruhiger Ankerplatz: Apothikes

Wir folgen also erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einem betonnten Fahrwasser durch die felsige Einfahrt und können wenig später den Anker vor der Flussmündung auf schlammigem Grund werfen. Der Halt ist ausgezeichnet, und am nächsten Morgen verstehen wir auch, warum: der Schlamm ist sehr fest und zäh, wir haben offenbar den Anker vollständig darin vergraben, denn er ist bis zum Ende mit dem klebrigen Zeug überzogen, als er wieder ans Tageslicht kommt.

Paralia Tsilia / Lesvos

Auch am Mittwoch geht die Reise weiter entlang der Küste: wir können unter Vorsegel den Ankerplatz im Kolpos Kallonis verlassen und machen zunächst gute Fahrt bei unverändert abwechslungsreichen Windverhältnissen.

Da kommt kein Lüftchen vorbei!

Erst als wir in den Bereich der Insel kommen, wo die fast 1000 Meter hohen Gebirgsketten bis dicht an die Küste reichen, erfahren wir so massive Windabdeckung, dass für eine Stunde der Motor helfen muss – verrückt genug, wenn man gerade noch mit gerefftem Tuch auf der Seite gelegen hat! Dafür wird die Landschaft ab hier viel grüner, und auf der Höhe des Ortes Plomari hat uns auch der Wind wieder eingeholt, und wir können den Rest der Strecke bis kurz vor die Einfahrt in den Kolpos Geras wieder segeln.

Idyllische Kulisse vor Tsilia

Hier ist es landschaftlich besonders reizvoll, die Küste bietet wild zerklüftete Felsen, vorgelagerte Inselchen und tief eingeschnittene Buchten. In einer davon finden wir für die Nacht einen guten Ankerplatz vorm Strand von Tsilia; hier gibt es zwei Häuser, eine hübsche Kapelle und die Ruinen einer alten Olivenpresse – Idylle am Ende der Welt. Nach einem Abendessen vom Bordgrill verbringen wir hier begleitet vom Bimmeln der Ziegenglocken eine ruhige Nacht – hier könnte man auch länger bleiben!

Skala Loutron / Lesvos

Wir müssen aber am nächsten Tag weiterziehen, denn zum einen brauchen wir langsam mal eine Einkaufsmöglichkeit, und zum anderen kündigt sich schlechteres Wetter an, und das wollen wir lieber im Schutz des Kolpos Geras abwettern. Dorthin ist es nicht mehr weit, quasi um die nächste Ecke beginnt die Zufahrt; diese ist aber einige Seemeilen lang, und bei Flaute aus variablen Richtungen müssen wir diese Strecke motoren.

Die Bucht von Loutra

Dabei zieht ein schöner Ankerplatz nach dem anderen an uns vorbei: von Felsen eingerahmte Sandstrände vor Olivenhainen, was für eine schöne Gegend! Gegen Mittag lassen wir vor Skala Loutron den Anker fallen; der Ort liegt in der letzten Einbuchtung, bevor sich die Zufahrt in den eigentlichen Kolpos aufweitet.

Endlose Olivenhaine auf dem Weg nach Loutra

Die nächste Einkaufsmöglichkeit erfordert eine halbstündige Wanderung hinauf in den eigentlichen Ort Loutra; diese führt durch ausgedehnte Olivenhaine, so dass einem der Weg nicht lang wird. Wir erstehen noch die üblichen Köstlichkeiten in der Bäckerei und verbringen dann eine sehr ruhige Nacht an unserem Ankerplatz.

Blick von der Kapelle über Skala Loutron (im Vordergrund) und Loutra (hinten am Berghang)

Auch am nächsten Tag ist das Wetter zunächst noch schön, so dass wir zunächst noch einmal nach Loutra und sodann auf einen kleinen Berg neben unserer Ankerbucht wandern können; über einen steilen, aber gut ausgebauten Weg gelangt man zur Kapelle Panagia Apsili, von der sich ein schöner Blick über die Bucht und das Tal bietet – dafür hat sich wie immer die Mühe gelohnt. Am Nachmittag zieht es sich dann immer mehr zu, und für den Abend erwarten wir ausgiebigen Regen – ja, das gibt es tatsächlich auch mal!

Mytilini / Lesvos

Am Samstagmorgen ist aber die Welt wieder in Ordnung, die Sonne scheint; dafür gibt es aber leider gar keinen Wind, so dass wir die 13 Seemeilen um die Südostspitze der Insel unter Motor zurücklegen müssen. Unser Ziel ist Mytilini, die Hauptstadt der Insel, und dort laufen wir statt des Stadthafens die dortige Marina an – dort soll es viel ruhiger sein, es gibt Strom und Wasser und vor allem: eine richtige, heiße Dusche! Mit knapp 19 € pro Nacht ist es dort zwar für griechische Verhältnisse teuer, aber wir können uns ja noch an andere Maßstäbe erinnern, und so genießen wir erst mal für eine halbe Stunde das herabregnende Wasser 🙂

Der Ort selbst genießt keinen allzu guten Ruf, da es hier in den vergangenen Jahren zu großen Problemen im Zusammenhang mit dem nahegelegenen Flüchtlingslager bei Moria gekommen war; die Tourismusbranche hat darunter noch mehr zu leiden gehabt als es im restlichen Land wegen Covid-19 der Fall war.  In dem für 2.800 Menschen konzipierten Lager waren bis zu 20.000 Menschen unter entsetzlichen Umständen untergebracht; naheliegenderweise kam es mit der Zeit zu immer mehr Protesten, die auf eine schnellere Bearbeitung der Asylanträge drängten, und diese wiederum wurden von der griechischen Polizei mit Tränengaseinsätzen beantwortet – tja, wer möchte da noch Urlaub machen.

Eskaliert ist die Lage dann im September letzten Jahres, als im Lager die ersten Covid-Infektionen festgestellt und daraufhin das Lager komplett abgeriegelt wurde – über Abstand und Hygiene braucht man bei einer derartigen Überfüllung wohl nicht mehr zu diskutieren, und was wird wohl passieren, wenn man 20.000 Menschen auf engstem Raum hinter Stacheldraht einsperrt und dann dem Gerücht Vorschub leistet, dass alle dort sterben werden?! Es kam zur Massenpanik und dem bekannten Großbrand, bei dem das Lager vollständig zerstört wurde.

Agios Therapon, Mytilini

Heute ist das Vergangenheit; das Lager wurde nicht wieder aufgebaut, und außer massiver Präsenz der Küstenwache auf See bemerken wir nichts von der Flüchtlingsproblematik. Mytilini verfügt auch über eine Altstadt mit gemütlichen Tavernen und Cafés, das unvermeidliche Kastro und die architektonisch aus der Reihe fallende Kirche Agios Therapon; ansonsten fanden wir aber z.B. Kavala oder zuletzt Myrina auf Limnos ansprechender.

Aber Lesvos besteht ja nicht nur aus der Hauptstadt; am Sonntag mieten wir mal wieder ein Auto, um mehr von der Insel ansehen zu können. Wer sich übrigens über die Schreibweise gewundert hat: auf Griechisch heißt die Insel ‘Λέσβος’, und der Buchstabe ‘β’, zu dem wir ‘beta’ sagen, wurde zwar im Altgriechischen wie unser ‘b’ ausgesprochen, aber im Neugriechischen eben nicht mehr – heute heißt er hier ‘vita’ und die Schreibweise mit ‘v’ gibt also das wieder, was man sagen muss, wenn man nach dem Weg hierhin fragt und verstanden werden möchte 🙂

Aquädukt bei Moria

Zunächst besuchen wir in einem Tal bei Moria (ja, am ehemaligen Lager sind wir auch vorbeigefahren – entsetzlich!) das spätrömische Aquädukt, welches dazu diente, die Stadt Mytilini aus dem Gebirge im Inselinneren mit Wasser zu versorgen; man wandert durch die vollständig mit Olivenbäumen bewachsene Talsohle darauf zu und kann am Fundament angekommen seine Hand auf die vor fast 2000 Jahren behauenen Steinblöcke legen und mit dem Kopf im Nacken die 27 Meter hohen Bögen bestaunen – von Absperrungen hält man hier ja nicht so viel. Schon beeindruckend, mit den Fingern die Meißelspuren zu verfolgen, die der Steinmetz vor so langer Zeit hinterlassen hat … und wunderschön gelegen ist das Bauwerk allemal.

Berglandschaft auf Lesvos

Weiter geht es in Richtung der Nordküste; dabei fahren wir durch ausgedehnte Bergregionen, die Höhen von bis zu annähernd 1000 Metern erreichen. Die Landschaft ist im ganzen Inselinneren recht grün, und malerische, kleine Dörfer schmiegen sich in die Bergflanken.

Petra mit Agia

Eine sehr schöne Strecke, an deren Ende zwei vielbesuchte Orte auf der Insel liegen: da ist zunächst das kleine Küstenörtchen Petra, berühmt für seine hoch auf einem Felsendom mitten im Ort thronende Kirche Panagia Glykofiloussa; von hier genießt man einen schönen Ausblick über die Küste.

Vor dort ist es nicht mehr weit bis Mithymna; der Ort wurde in einen äußerst steilen Berghang gebaut und wird von einem gut erhaltenen Kastro überragt – von dort kann man die nur 5 Seemeilen entfernte Küste der Türkei betrachten. Seine Beliebtheit bei den Touristen verdankt der Ort seiner ungewöhnlichen Lage: die Häuser sind in beträchtlicher Höhe auf verbreiterte und befestigte Felsvorsprünge erbaut, und die verschiedenen Ebenen des Ortes sind nur über treppenartige Gassen verbunden – für Autos gibt es hier keinen Platz und viel zu große Steigungen. Hat man die Höhe erst mal erklommen, findet man weinüberrankte Gassen und dekorative Bruchsteingemäuer – in denen sich natürlich ausschließlich Restaurants, Cafés, Boutiquen und kleine Hotels befinden. Trotz der ausschließlich touristischen Nutzung aber ein sehenswerter Ort, und wir finden auch ein winziges Café, dessen Außenbereich einfach aus kleinen Tischchen und großen Kissen auf den Stufen der angrenzenden Seitengasse besteht – also, schöner kann’s ja kaum noch werden!

Bei Polichnitos …

Weiter geht’s zurück durch die Berge und am Nordrand des großen Kolpos Kallonis entlang; hier gibt es auch von Menschenhand geschaffene Lagunen zur Salzgewinnung, und wir können sogar Flamingos im flachen Wasser beobachten. Ziel ist aber der Ort Polichnitos, oder besser gesagt das Gebiet mit heißen Quellen in der Nähe des Ortes: mitten im Nichts sprudelt hier fast kochend heißes Wasser aus dem Boden! In so heißem Wasser kann nicht viel leben – bestimmte Bakterien aber schon, und diese verleihen dem Grund intensiv rote Farben! Wo es sich langsam etwas abkühlt können auch einfache Grünalgen überdauern, die auch sehr intensiv gefärbt sind; dazu kommen reinweiß auskristallisierte Salze.

… wird’s bunt!

Die ganze Umgebung sieht also aus, als sei hier ein großer Farbkasten ausgeleert worden, und über all dem steigen Dampfschwaden auf – märchenhaft!

Früher sind diese Quellen natürlich auch für Bäder genutzt worden, und an etlichen Orten auf der Insel kann man sich auch in solchen Wellness-Spas verwöhnen lassen; hier jedoch sind die alten Badehäuser verfallen, manche seit langem, manche sehen erst kürzlich geschlossen aus – nun, wirtschaftliche Krisen gab es hier ja genug.

Weiter fahren wir durch eine hügelige Landschaft, die uns durch ihre Üppigkeit erstaunt: richtig dichte, grüne Wälder gibt es, und das in großer Ausdehnung; immer wieder sehen wir Ausschilderungen von Wanderwegen – Lesvos muss auch für Wanderer ein empfehlenswertes Ziel sein!

Agiasos: touristischer Hotspot der Insel

Zuletzt besuchen wir noch das Bergdorf Agiasos – und bekommen den Mund nicht mehr zu vor Staunen, was hier los ist! Hunderte Autos sowie einige Reisebusse parken in der einzigen Zufahrtsstraße, und der – zugegebenermaßen recht hübsche – Ort wimmelt vor Menschen. Alle Geschäfte sind geöffnet – es ist Sonntag! – und bieten Töpferware, Lederwaren, Essbares und einfach Nippes an, ein großes Restaurant und Café liegt neben dem anderen. Kristallisationskeim dieser Beliebtheit scheint neben der einsamen Lage im Gebirge die äußerst prächtig ausgestattete Kirche zu sein – aber als Ort für unser Abendessen, wie wir das eigentlich geplant hatten, scheint uns das doch weniger geeignet zu sein, da haben wir es doch gerne weniger touristisch.

Daher biegen wir kurz vor Mytilini noch in ein unscheinbares Dorf ab und setzen uns dort in die Taverna zu den Einheimischen; das bringt zwar mit sich, dass die Bedienung einen roten Kopf bekommt weil sie kein Englisch kann, aber wenn wir etwas auf Griechisch verstehen, dann sind es die Namen von Gerichten 🙂 So kommen wir zu einem einfachen, aber authentischen, frisch gekochten (und sehr reichhaltigen!) Abendessen, für das wir sagenhafte 13,50 € bezahlen dürfen – zusammen wohlgemerkt. Einfach nicht zu fassen …

Nach all den greifbaren Schönheiten sei zum Schluss nicht unerwähnt gelassen, dass Lesvos der Welt auch große immaterielle Güter hinterlassen hat: die Insel war im 7. Jahrhundert v. Chr. die Wirkungsstätte der großen Dichterin Sappho, die als wichtigste Lyrikerin der Antike gilt; ihr Schaffen hat die Kulturgeschichte der Menschheit von der römischen Antike bis ins 20. Jahrhundert stark beeinflusst – und ihre die weibliche Schönheit besingenden Lieder haben zur geläufigen Adjektivierung des Inselnamens geführt (dies aber wohl eher aufgrund mittelalterlicher – also 2000 Jahre später ausgeübter – Versuche, ihr Werk zu schmähen).

Phteli / Lesvos
Aussicht vom Ankerplatz vor Phteli

Am Montag verlassen wir Mytilini und fahren zurück zur Einfahrt in den Kolpos Geras; hier gibt es mit der kleinen Bucht Phteli einen der ganz wenigen Plätze an der Südküste, die Schutz vor südlichen Winden bieten. Die soll es nämlich am Dienstag geben, zusammen mit Regen – schon wieder! Das wollen wir vor anker durchziehen lassen, um dann am Mittwoch die Weiterreise gen Süden antreten zu können.

Wie meistens fällt der Regen nicht sehr üppig aus, und auch der Wind hält sich in den Anker nicht wirklich herausfordernden Grenzen, so dass wir einen ruhigen Tag in der Bucht mit schönem Ausblick auf die östlichen Bergzüge und … mal wieder Olivenhaine verbringen.

Paralia Bilali / Oinoussa

Mittwoch um 8 Uhr gehen wir dann Anker auf und verlassen Lesvos endgültig; die Windvorhersage für den Tag ist nicht gerade berauschend, aber wenigstens soll der schwache Wind nicht auch noch genau von vorne kommen …

Die erste Stunde legen wir unter Motor zurück, dann haben wir uns soweit aus dem Windschatten der Insel freigefahren, dass wir tatsächlich die Fahrt unter Segeln fortsetzen können; teilweise weht es mit bis zu 18 Knoten aus Nordwest – doppelt so viel wie vorhergesagt – und wir machen gute Fahrt am Wind. Das Vergnügen hält aber nicht lange an, nach zwei Stunden hat sich der WInd auf 6 Knoten reduziert, und damit machen wir einfach nicht genug Fahrt, um die Tagesdistanz von knapp 40 Seemeilen bis Sonnenuntergang zu bewältigen, und so muss für den Rest der strecke wieder der Motor ran.

Chios begrüßt uns mit drohenden Wolken

Das Wetter ist weniger sonnig als vorhergesagt, während wir uns den verteilten Landmassen im Süden entgegenschieben: steuerbord voraus die Insel Chios, recht voraus die viel kleinere Insel Oinoussa und backbord voraus – viel näher als die beiden anderen – die türkische Küste, die wir in wenigen Seemeilen Abstand passieren. Wir fahren durch die Lücke zwischen Chios und Oinoussa, biegen nach Osten ab und suchen uns die erste geeignete Ankerbucht, Paralia Bilali; das Inseldorf mit seinem gut geschützten Hafen liegt nur eine Seemeile weiter, aber da wir ohnehin keine Zeit haben anzulanden und die Insel anzuschauen, können wir ebensogut hier ankern.

Chios Marina / Chios

Am Donnerstagmorgen ziehen wir nämlich gleich weiter, um die letzten 10 Seemeilen bis zur Chios Marina zurückzulegen; dabei handelt es sich um eine weitere der vielen, nie fertiggestellten Marinas in Griechenland; Molen und Piers bieten Schutz, sonst gibt es nichts, kostet aber eben auch nichts. Und Schutz brauchen wir, denn auch wenn an diesem Morgen die Sonne strahlt und gerade mal ein sanfter Südwind einsetzt, so kommt doch der Kern des Sturmtiefs auf uns zu, dessen Vorboten schon seit einer Woche das Wetter bestimmen und zu der ungewöhnlichen Häufigkeit von Wolken und Regenwetter führten.

Vor uns liegt Chios

Bevor wir aber den Hafen erreichen, haben wir noch eine kleine Begegnung mit zwei schwer bewaffneten Schnellbooten der griechischen Küstenwache: während wir gerade eine Wende fahren, um nicht vor den Bug eines großen Frachters zu kommen und unsere Aufmerksamkeit also eher nach vorne als nach achtern gerichtet war, kamen diese mit höchster Geschwindigkeit hinter uns auf und wollen wohl gerade längsseits kommen, als wir den Kurs um 90 Grad änderten und anfingen, wie wild an den Schoten zu reißen – nachdem sie aber befunden haben dass es sich nicht um einen Fluchtversuch handeln kann, haben sie geduldig gewartet bis die ‘Orion’ wieder auf Kurs war, um uns dann ihre Fragen zu stellen: woher wir denn kämen, doch wohl nicht aus der Türkei? Nein – dann ist ja alles gut. Und vollständige Papiere hätten wir auch an Bord? Ja, sicher – na, dann schönen Tag noch, und mit 45 Knoten brausen sie schon wieder davon …

Das waren aber noch nicht genug Erlebnisse für einen Vormittag: nach dem Einlaufen in die Marina haben wir wie üblich eine kleine Runde gedreht, um mögliche Liegeplätze auszukundschaften; und als wir uns gerade einen ausgesucht hatten und darauf zusteuern wollten, kam auf einmal dicker, schwarzer Qualm aus dem Auspuff, und der Motor brachte keinen Schub mehr aufs Wasser, mehr Gas führte nur zu mehr Qualm. Unnötig zu erwähnen, dass der Südwind inzwischen schon aufgefrischt war und uns hilflos quer übers Hafenbecken zu treiben begann – auf die dort liegenden Boote zu. Glücklicherweise war die Crew eines australischen Seglers zum Helfen auf die Pier gekommen, und so konnten wir ihnen schnell noch lange Leinen zuwerfen, mit deren Hilfe wir dann die ‘Orion’ sicher an die Pier ziehen konnten – das war knapp!

Sicher festgemacht war der Fehler auch schnell gefunden: die auf dem Ende des Schalldämpfers der Verbrennungsluftansaugung sitzende Schaumgummikappe war in den Schalldämpfer und durch diesen hindurch bis zu einem Krümmer direkt am Motor gesaugt worden, und hat dort – gut komprimiert – dafür gesorgt, dass praktisch keine Luft mehr durchkommt. Verstopfung beseitigt, und der Motor atmet wieder befreit auf. Kleine Ursache, große Wirkung – und natürlich passiert so etwas im ungelegensten Moment!

Zwischen Marina und Hafen liegen die historischen Windmühlen von Chios

Nachdem wir uns etwas von der Aufregung erholt hatten, sind wir noch bis zum gut 20 Minuten entfernten Ortskern gelaufen; ein sehr großer Stadthafen liegt eingebettet in einladende Einkaufsstraßen, und direkt daneben die imposanten Mauern einer alten Festung – ungewöhnlicherweise mal nicht auf einem Felsengipfel erbaut, sondern nach Art einer Wasserburg im flachen Land. Der Ort spricht uns durchaus an, aber bevor wir ihn und die Insel weiter erkunden können, müssen wir erst mal zurück an Bord, denn die ersten Wolken verfinstern die Sonne.

Am Abend trinken wir mit unseren australischen Rettern das eine oder andere Glas Wein (und lernen dabei, dass es Kängurus in Wirklichkeit gar nicht gibt – ein so absurdes Tier kann doch nur ein Scherz sein, mit dem die Australier seit Jahrhunderten den Rest der Welt zum Besten halten ;-)) und warten zusammen auf die Kaltfront des riesigen Tiefs – diese erreicht uns erst am frühen Freitagmorgen, dafür aber richtig: Böen von 40 Knoten fegen über die Marina, und heftige Gewitter mit anhaltenden Regenfällen verbreiten Weltuntergangsstimmung. Gut, dass wir sicher an sechs Festmacherleinen hängen: da kann man in Ruhe abwarten und Tee trinken …

Den ganzen Freitag und Samstag bestimmt das Sturmtief noch das Wetter: immer wieder schütteln heftige Böen das Rigg, und es regnet kräftig. Am Sonntag aber scheint es überstanden zu sein, nur noch wenige Wolken ziehen über Chios, und wir beschließen, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.

Im Dorf Pyrgi zieren geometrische Muster aus Kratzputz fast alle Fassaden

Chios ist die fünftgrößte Insel Griechenlands und vor allem bekannt für ihren Mastix-Anbau: durch Anritzen der Rinde des Mastix-Strauchs wird die harzige Substanz gewonnen, welche seit der Bronzezeit für ein bemerkenswert breites Anwendungsspektrum geschätzt wird: als wasserbeständiger Lack, Firnis, Dichtungsmittel, Räucherwerk bei kultischen Handlungen, zur Einbalsamierung von Mumien im alten Ägypten, als Heilmittel gegen eine Vielzahl von Beschwerden und als Gewürz- oder Aromatisierungszutat in der Küche, wobei letztere Anwendung heute überwiegt: auf der Insel gibt es Mastix-Süßigkeiten in allen Variationen zu kaufen.

Wandgemälde in Olympi

Da die Gewinnung aufwändig ist, war Mastix ein kostbares Handelsgut, und seine Erzeuger erlangten einen gewissen Wohlstand, was wiederum Piraten anzog; daher wurden die Dörfer der Mastix-Bauern als Wehrdörfer angelegt: nach außen hin bieten sie eine geschlossene Front, die nur durch wenige Tore betreten werden kann, und im inneren findet sich ein völlig unsystematisches Gewirr von Gassen, Durchgängen, Gewölben, Kehren, Sackgassen und Verbindungselementen, welches einen konzentrierten Vorstoß von Eindringlichen unmöglich macht. Erbaut ist alles aus dem grob gebrochenen, lokalen Vulkangestein.

Zeitreise ins Mittelalter

Was die Mastix-Dörfer auf Chios so besonders macht, ist ihr Erhaltungszustand: alles steht noch so da wie im Mittelalter angelegt! Man fühlt sich wie ein Zeitreisender, wenn man durch die verschlungenen Pfade und Tunnel läuft – und oft genug folgt man dem falschen Weg und landet vor einer massiven Wand, bevor man es auf den zentralen Platz geschafft hat.

Einige Häuser sind liebevoll renoviert und beherbergen Tavernas, Cafés und Unterkünfte, sehr viele aber stehen auch leer, womöglich schon sehr lange, denn für den mittelalterlichen Originalzustand gibt es sehr traurige Gründe: als Vergeltung für den griechischen Freiheitskampf ermordeten die osmanischen Besatzer im April 1822 rund 25.000 Einwohner und verkauften die restlichen 45.000 in die Sklaverei, wodurch die Entwicklung der Insel zu einem abrupten Halt kam; erst 1912 wurde die Insel endlich wieder Bestandteil Griechenlands, aber die darauf folgenden Jahrzehnte waren nun auch nicht unbedingt geeignet, den Glanz vergangener Zeiten wiedererstehen zu lassen.

Farbenrausch am Paralia Didima

Neben den Mastix-Dörfern bietet sie Insel aber auch eine Menge schöner Natur: während der Süden eher hügelig ist, ragen im Norden Berge bis knapp 1300 Meter in die Höhe. Ausgedehnte Wälder bezeugen, dass es hier genug Regenfälle gibt, und die aus zerklüftetem Vulkangestein bestehende Küste umschließt viele traumhafte Buchten und Strände, darunter solche Besonderheiten wie den Strand Mavra Volia, der vollständig aus rundgeschliffenen, schwarzen Lava-Kieseln besteht.

Der schwarze Strand Mavra Volia

Bemerkenswert ist übrigens auch, mit wie vielen Besuchern man all dies teilen muss: während man in den Mastix-Dörfern noch vereinzelte Touristen trifft, hat man die gesamte Bergregion im Norden quasi für sich allein! Hier gibt es kaum noch Dörfer, die Natur selbst ist die Attraktion; wir erklimmen in Serpentinen die Bergflanken und bewundern das Licht der schon tiefer stehenden Sonne auf den Gipfeln, während sich der Tag – und damit unser Ausflug – langsam dem Ende entgegen neigt.

Emborio / Chios

Ab Montag versprechen die Wetterdienste endlich wieder Nordwind; dies wollen wir uns zu Nutze machen, um auf die nächste Insel weiterzureisen: nach Samos soll es gehen! Allerdings ist der Weg dahin recht weit und der Wind soll erst im Tagesverlauf an Kraft gewinnen, und so beschließen wir, noch eine Übernachtung an der Südspitze von Chios einzulegen. Viel günstiger wäre ein Stopp an der türkischen Küste, aber so einfach, wie wir das aus dem Schengen-Raum gewohnt sind, ist es ja nun leider nicht überall: wir müssten einen offiziellen Hafen anlaufen und dort einklarieren – und zurück in Griechenland das gleiche Spiel nochmal! Also, mal eben in der Türkei übernachten ist nicht …

Analipseos-Kapelle, Emporio

Stattdessen steuern wir also die kleine Bucht von Emborio an, den letzten Ankerplatz an der Südostküste, welcher noch Schutz gegen Nordwind und -welle bieten kann; und tatsächlich, schon beim Heransegeln an den Küstenabschnitt fällt uns das Tuch ein, und in der Ankerbucht bekommen wir die ganze Nacht nichts davon mit, wie der Nordwind laut Vorhersagen immer mehr zulegt – so soll das sein! Auch die Umgebung ist still und friedlich, wir schauen auf eine kleine Kapelle, in den wenigen Häusern des Ortes ist nicht viel los – die Saison ist vorüber. Gleich nebenan liegt übrigens Mavra Volia, der schwarze Strand – aber da waren wir ja gestern mit dem Auto, also bleiben wir an Bord und genießen den Abend!

Limnionas / Samos
Hinter uns leuchtet die Morgensonne auf Chios

Mit Sonnenaufgang lichten wir den Anker und verlassen Chios – zunächst unter Motor, denn es wehen kaum 5 Knoten Wind in unserer Ankerbucht. Wir sind schon recht verunsichert, ob der von allen Vorhersagen angekündigte Starkwind nun eintrifft oder nicht, aber wir haben ja am Vortag das Ausmaß der Abdeckung durch die Küste erlebt; daher motoren wir mit zweifach gerefftem Großsegel ohne Wind auf Kurs Südost, was sich schon etwas merkwürdig anfühlt 🙂

Aber wir müssen nicht lange warten: zwei bis drei Seemeilen ab der Küste stellt sich ein schöner Nordwind von 15 bis 20 Knoten ein! Der Motor hat Ruhe, und mit Klüver und reduziertem Großsegel machen wir gute Fahrt Richtung Samos.

Samos begrüßt uns mit Föhnfrisur

Gegen Mittag wundern wir uns aber doch langsam, denn die vorhergesagten Windstärken sind noch nicht erreicht – sollen wir nicht doch ausreffen? Aber gut, dass wir uns dagegen entscheiden: gegen 15 Uhr, als wir langsam in den Bereich der Winddüse zwischen den hoch aufragenden Inseln Samos und Ikaria kommen, legt es binnen kürzester Zeit auf die angesagten 6 Beaufort zu – und darüber hinaus! Wir jagen mit 7 Knoten Samos entgegen, bis wir bei rasch zunehmender Wellenhöhe immer mehr Wasser in Lee übernehmen und vom Klüver- auf das Kuttersegel wechseln; damit machen wir immer noch über 5 Knoten, das genügt! Die über 1400 Meter aufragenden Gebirge bewirken die Bildung einer großen Konvektionswolke über der Nordflanke der Insel – am sonst wolkenlosen Himmel ein bemerkenswerter Anblick.

Erst nach dem Runden des Südwestkaps Agios Domenikos deckt uns die Insel vom Wind ab – aber kurz vorm ersten möglichen Ankerplatz ist der Wind wieder voll da, ja, er wird sogar noch durch den mächtigen Berg vor uns verstärkt und pfeift in Böen von 35 Knoten über den Ankerplatz! Immer wieder begegnen wir hier zwei Situationen: hinter bergigen Inseln gibt es entweder gar keinen Wind oder doppelt so viel wie davor – aber welchen der beiden Effekte eine Insel machen wird, weiß man erst, wenn man da ist …

Ankern mit Gebirgsaussicht

Wir lassen uns davon aber nicht abschrecken, der Ankergrund ist hervorragend und die Aussicht auf die majestätische Felswand direkt vor uns hinreißend, also freuen wir uns über 46 schnell zurückgelegte Seemeilen und vertrauen uns unserem Ankergeschirr an, während stürmische Winde am Rigg zerren – durchaus gemütlich 🙂

Im Laufe der Nacht lässt der Wind aber nach, und so verbringen wir eine gute erste Nacht vor Anker auf Samos.

Ormos Marathokambou / Samos

Am Mittwochmorgen weht so wenig Wind, dass wir unter Motor den Ankerplatz verlassen müssen; unser Ziel ist der Hafen von Ormos Marathokambou, nur wenige Seemeilen östlich gelegen. Wir staunen nicht schlecht, als wir 20 Minuten später wieder 30 Knoten vom Windmesser ablesen können – in Wahrheit hat der Wind also über Nacht gar nicht abgenommen, sondern nur geringfügig die Richtung geändert, so dass er nun östlich des Gebirges über die Insel fegt statt westlich wie in der Nacht zuvor; eine weitere Erfahrung zum Thema ‘Windabdeckung oder Windverstärkung’ …

Abendhimmel über dem Kerkis-Gebirge

Wir beschließen jedenfalls, dass uns das zu heftig ist um in einen unbekannten, kleinen Hafen einzulaufen, zumal sich vorm Strand direkt westlich des Hafens hervorragender Ankergrund anbietet, dem die Mole noch zusätzlichen Schwellschutz schenkt; wir ankern also wieder, und bekommen nach einem entspannten Nachmittag einen sensationellen Abendhimmel über den Bergen von Samos geboten.

Blick über Ormos Marathokambou

Am nächsten Morgen fahren wir eben um die Mole und biegen in den Hafen ein – und stellen zunächst mal fest, dass man auch bei Starkwind hätte einlaufen können, der Yachthafen bietet so viel Platz an nagelneuen Piers, dass man zu jeder Windrichtung passende Längsseitsplätze finden kann … aber besser etwas zu umsichtig, als bei 35 Knoten Seitenwind rückwärts vor Buganker anlegen zu müssen und dabei in den Nachbarn zu dengeln!

Hafenpromenade, Ormos Marathokambou

Trotz des gepflegten Erscheinungsbildes und der funktionierenden Strom- und Wasseranschlüsse  ist das Liegen kostenlos – hier soll mal eine Marina entstehen, aber ob das Wirklichkeit wird, bevor die Anlagen wieder verfallen sind, das weiß man in Griechenland nie …

Uns jedenfalls gefällt der Hafen wie auch der kleine Ort – der mit etlichen Tavernas, einem Minimarkt, zwei Bäckereien und einer Tankstelle mit angeschlossener Autovermietung alles bietet, was man braucht – auf den ersten Blick, und wir reservieren uns gleich einen Mietwagen für den folgenden Tag.

Der berühmte Satz …

Am Freitag erkunden wir also Samos; unser Weg führt uns zunächst an der Südküste entlang bis zum Ort Pythagoreio, benannt nach dem berühmtesten Sohn der Insel: Pythagoras von Samos (ca. 570 – 510 v. Chr.). Dem nach dem Philosophen und Mathematiker benannten Dreieckssatz konnte wohl in den letzten zweieinhalbtausend Jahren niemand in der Schule entgehen (sofern er denn eine besucht hat – wir klammern also das Mittelalter mal aus).

… und sein Namensgeber

Pythagoras befindet sich aber in guter Gesellschaft: auch der Philosoph Epikur wurde hier geboren (341 v. Chr.), ebenso wie der Astronom Aristarchos (310 v. Chr.), auf den das erste heliozentrische Weltbild zurückgeführt wird; auch der Historiker Herodot, der ‘Vater der Geschichtsschreibung’, lebte zeitweise auf der Insel. Beschäftigt man sich mit dem Leben und Wirken solcher Menschen, muss man doch staunen, in welcher Blüte die Wissenschaften im alten Griechenland standen – ein Wissen, welches wir dann zwei Jahrtausende später während der Renaissance ‘wiederentdecken’ durften.

Pythagoreio

Pythagoreio jedenfalls ist ein recht touristischer Hafenort mit einer ausgedehnten Seepromenade, an deren Ende dem Namensgeber ein Denkmal gesetzt wurde; auch ein paar hübsche Altstadtgassen gibt es, an der Ruine der türkischen Festung gelegen. Nicht weit entfernt befand sich im Altertum eine gewaltige, der Göttin Hera gewidmete Tempelanlage, von der leider bis auf eine einzige Säule nichts stehengeblieben ist.

Blick über Samos-Stadt

Weiter geht die Fahrt an die Nordküste der Insel; hier befindet sich an einer tief eingeschnittenen Bucht der Hauptort der Insel, Kato Vathy oder einfach nur Samos genannt. Obwohl hier auch nur knapp 7000 Menschen leben, kommt der Ort uns schon recht städtisch vor – viel Verkehr, viele Menschen, so etwas ist man ja kaum noch gewohnt 😉

Beim Erdbeben vom 30. Oktober letzen Jahres, welches wir auf Pano Kouphonisi erlebt haben, sind hier zwei Menschen ums Leben gekommen, und zahlreiche historische Gebäude schwer beschädigt worden; wir sehen einige arg in Mitleidenschaft gezogene Fassaden, die weiträumig abgesperrt sind und durchaus den Eindruck machen, zeitnah ganz zusammenbrechen zu können (der Grad der Baufälligkeit, bei dem man hier ein Gebäude absperren zu müssen glaubt, unterscheidet sich signifikant von den in Deutschland angewandten Kriterien 😉 ).

Zum Höhepunkt des Tages wird für uns die Fahrt entlang der Nordseite des Ambelos-Gebirges zurück in den Westen der Insel; wir machen einen Abstecher ins Bergdorf Manolates, lassen dort das Auto stehen und wandern gut zwei Stunden in 400 bis 600 Metern Höhe durch die bezaubernde Berglandschaft zum Nachbardorf Stavrinides. Üppig grüne und intensiv duftende Nadelwälder wechseln sich mit zerklüfteten Felsen und Olivenhainen ab; da wir häufig im Schatten der Berge gehen, lässt sich die Temperatur sehr gut aushalten. Die Wanderwege sind zahlreich und gut gekennzeichnet (hier zu Lande nicht unbedingt die Regel), womit sich Samos wirklich auch für einen Wanderurlaub empfiehlt.

Bergpanorama auf Samos

Über den Hafenort Karlovasi fahren wir zurück nach Ormos Marathokambou; der Tag ist schnell vergangen, und wir haben eine sehr vielseitige und schöne Insel kennengelernt.

Dort verbringen wir auch noch den Samstag – es ist herrliches Wetter, um sich im Cockpit die an Bergwanderungen nicht mehr gewöhnten Beine erholen zu lassen, außerdem stehen ein paar Bootspflegearbeiten an; Wind weht auch keiner, aber das soll sich morgen ändern – dann geht die Reise weiter!

 

 

Im Thrakischen Meer (04.09. – 03.10.)

Nach einer kurzen Nacht verlassen wir am Samstagmorgen die Bucht von Porto Koupho und setzen nach dem Runden der Südspitze Sithonias Kurs auf den Berg Athos; wie wir es schon früher in diesem Seegebiet erlebt haben, läuft uns eine in Relation zum mäßigen (Gegen-)Wind hohe Welle entgegen, was in einem recht unbefriedigenden Vorwärtskommen resultiert; nach einiger Zeit müssen wir wieder den Motor hinzunehmen, um nicht immer tiefer in den Singitischen Golf hineingedrückt zu werden. Wir werden wieder an den Perserkönig Xerxes und sein Kanalbauprojekt quer durch den Isthmus von Athos erinnert – so schlecht war die Idee gar nicht, gäbe es den Kanal heute noch, bliebe uns etliche Mühe erspart!

Den ganzen Tag begleitet uns der heilige Berg Athos

Es ist schon 18 Uhr, als wir endlich die Südostspitze von Athos runden und den Kurs deutlich nördlicher setzen können, so dass der den ganzen Tag wehende Südost vom Gegen- zum Halbwind wird; erfreut stoppen wir den Motor und setzen alle Segel. Kaum sind wir damit fertig – es sind wirklich keine 10 Minuten vergangen! – als der Wind schlagartig einschläft … es ist schon etwas deprimierend, dass der Wind, welcher  uns 9 Stunden beständig entgegenwehte, in dem Moment stirbt, in dem wir ihn gebrauchen könnten! Und es bleibt dabei, der Wind erreicht keine drei Knoten mehr; der Schwell  ist aber natürlich noch da, so dass es unmöglich ist, das Boot unter Segeln zu stabilisieren – statt einer Nacht ruhigen Segelns können wir den Motor also gleich wieder starten und uns weitere 8 Stunden zudröhnen lassen 🙁

Rosoukremos / Thasos
Erst am nächsten Morgen sehen wir den Strand von Rosoukremos vor unseren Ankerplatz

Wir motoren also ins Thrakische Meer, das nördliche Nebenmeer der Ägäis, welches sich von Athos im Westen bis zur Halbinsel Gallipoli im Osten erstreckt. Kurz vor zwei Uhr in der Nacht erreichen wir nach 60 Seemeilen die Insel Thasos; wir ankern in tiefer Finsternis – bald ist Neumond – vorm Strand von Rosoukremos, was aber auf reinem Sandgrund kein Problem darstellt, nur etwas unheimlich ist es, die Wellen am Strand voraus hören zu können, ohne wirklich etwas zu sehen; die Wunder moderner GPS-Navigation …

Nach einigen Stunden Schlaf und einem ausgiebigen Bad, bei dem wir auch den zahlreichen Seepocken zu Leibe rücken, welche sich während des Aufenthalts in Thessaloniki auf dem Unterwasserschiff breit gemacht haben, verholen wir uns in den nahe gelegenen Hafen von

Limenaria / Thasos

Hier finden wir einen perfekten Längsseitsplatz an der nagelneuen Kaimauer, der es uns erlaubt, auch bei dem für die nächsten Tage angesagten Starkwind die ‘Orion’ mal alleine zu lassen. Auch für hübsche Strom- und Wassersäulen haben die EU-Gelder noch gereicht; nur die Verbindung mit dem Stromnetz lässt wohl seit mehreren Jahren auf sich warten – ja, wir sind eben in Griechenland 🙂 Dafür ist es nett und völlig kostenlos, wer wird sich da über fehlenden Strom beschweren …

Sicherer Hafen: Limenaria

Den Sonntagnachmittag sowie den ganzen Montag hängen wir erst mal in Limenaria ab – der Alarmstart in Thessaloniki und die folgenden drei langen Tage hängen uns doch noch nach. Aber gelohnt hat es sich, letzten Donnerstag konnten wir ja wirklich toll segeln, und am heutigen Montag setzt der Meltemi auch wie angekündigt in solcher Stärke ein, dass eine spätere Überfahrt nach Thasos völlig unmöglich gewesen wäre.

Dienstag weht es auf See immer noch mit 8 bis 9 Windstärken, wovon wir aber im Hafen von Limenaria nur die Hälfte abbekommen; inzwischen wieder ausgeruhter, mieten wir uns ein Auto und erkunden die Insel.

Thasos: weiße Klippen und grüne Pinienwälder prägen die Insel

Thasos ist die nördlichste Insel der Ägäis; sie ist annähernd rund und durchgehend gebirgig, das Ypsarion-Massiv ragt über 1200 Meter aus dem Meer. Dadurch findet man auf der Insel eine Vielzahl von Bodenschätzen wie Gold, Silber, Kupfer und Blei, die hier seit dem Altertum abgebaut und verarbeitet werden. Aber auch das Gestein selbst ist begehrt: überall auf der Insel findet man Marmor, der von der Antike bis zur heutigen Zeit abgebaut und exportiert wird. Als Folge davon sind die Nebenprodukte des Abbaus – Marmorbrocken und -schotter – überall auf der Insel als Baumaterial zu finden. Für uns, die wir an die Kostbarkeit des Materials gewöhnt sind, ist es schon merkwürdig, Hafenmolen aus Marmorbrocken zu sehen oder auf schneeweißen Schotterpisten in die Berge zu fahren …

Das Kloster des Erzengels Michael blickt über die stürmische See gen Athos am Horizont

Durchgängig befahrbar ist nur eine etwa 100 Kilometer lange Ringstraße um die Insel; von dort ziehen sich Stichstraßen zu den Bergdörfern, die früher die Besiedelungszentren waren, ihre Bedeutung jedoch an die Küstenorte abtreten mussten, als die Zeit der regelmäßigen Piratenüberfälle vorüber war. So sind von der ehemaligen Hauptstadt Kastro nur noch Ruinen übrig, die allerdings in neuerer Zeit wieder zu Ferienhäusern aufgebaut werden.

Wir erfreuen uns an der wilden Küstenlandschaft – der heftig auf die Nordostseite der Insel treffende Meltemi trägt seinen Teil dazu bei – und den grünen Gebirgslandschaften. Überall sieht man noch Spuren der Waldbrände, die vor einigen Jahren die Insel heimgesucht haben; viele Bäume haben die Feuer aber auch überlebt, nur ihre schwarz-verkohlte Rinde kündet noch von der Katastrophe.

Viel los in Panagia und anderswo auf Thasos

Die Dörfer sind lebendig und von vielen Touristen, vor allem aus den Balkanstaaten, besucht; zum Teil ist es uns tatsächlich etwas zu voll, die winzigen Dorfdurchfahrten kollabieren unter dem Ansturm der Mietwagen. Um die heutige Inselhauptstadt Limena finden sich zahlreiche Ausgrabungen aus der Antike, selten sind aber mehr als die Fundamente von Tempeln und Gebäuden erhalten. Die in die steilen Hänge gebauten Bergdörfer erfordern zum Teil gute Nerven beim Befahren mit einem PKW – Esel wären hier angebrachter – und leben heute von den Touristen, denen sich hier zahlreiche Tavernen zur Einkehr anbieten.

Der ‘Wasserfall’

Wir machen auch eine Wanderung zu einem kleinen Stausee, aus dem sich ein ‘Wasserfall’ ergießt – nun, bei gutem Willen kann man den Wasserstrahl als armdick bezeichnen, der ein paar Meter an den Felsen herabfließt 🙂 Aber für Wasserfälle kommt man ja auch nicht nach Thasos, eher schon für Olivenhaine – über Kilometer ziehen sich im Tal von Maries die jahrhundertealten, knorrigen Bäume.

Leider zeigt sich der Himmel an unserem Ausflugstag meistens bedeckt – damit rechnet man ja gar nicht mehr nach monatelangem Sonnenschein! Aber wir versuchen die Vorteile zu sehen: es ist nicht so heiß, wenn man mal herumlaufen möchte 🙂

Die nächsten zwei  Tage kommt es noch dicker: nicht nur, dass sich Wolken am Himmel breit machen, es regnet auch noch! Das haben wir nicht gebucht … also bleiben wir an Bord im Hafen von Limenaria und verlassen das Boot nur, um mal wieder zu erleben, wie nett, lecker und preiswert man hier ein Abendessen in der Taverna bekommt 🙂

Kavala
Hafen, Altstadt und Kastro von Kavalla begrüßen den Seefahrer

Am Freitagmorgen scheint aber wieder die Sonne, wie sich das gehört, und so verlassen wir bei schwachem Wind den Hafen, um nördlichen Kurs auf die größere Hafenstadt Kavala zu nehmen. Nach einiger Zeit stellt sich sogar sanfter Südwind ein, mit dem wir bis vor die Hafenmolen segeln können – offenbar der gleiche thermische Wind, den wir schon um Chalkidiki kennengelernt haben und der sich immer dann durchsetzt, wenn es keinen ‘echten’ Wind gibt.

Wir freuen uns, noch einen Platz an der äußersten Pier zu bekommen, die laut Revierführer für Gäste vorgesehen sein soll. Stromsäulen gibt es auch – allerdings braucht man für die eine Chipkarte. Kein Problem, denken wir, und laufen zur Hafenverwaltung, um uns anzumelden. Dort ist aber Freitag um 17 Uhr schon geschlossen … die Hafenpolizei in der Etage darüber rückt die Telefonnummer eines gewissen Pavlos raus, den sollen wir anrufen – der meldet sich aber nicht und ruft auch nicht zurück. Zurück am Hafen raten uns zum hiesigen Yachtclub gehörende Einheimische, zum Schrankenhäuschen am Parkplatz zu gehen, die verkauften auch die Karten; der nach einer halben Stunde aufgetriebene Parkplatzwärter weiß davon aber nichts und schickt uns zum anderen Parkplatz am entferntesten Ende des Hafens; dort bekommen wir nach einer halben Stunde Fußmarsch von seinem dortigen Kollegen aber die gleiche Antwort. Gegenüber ist das Fährterminal, dort sprechen wir jemanden von der Küstenwache an; der freundliche Offizier zückt sein Smartphone und telefoniert 10 Minuten, bis er schließlich die gleiche Telefonnummer ermittelt hat, die wir schon von der Hafenpolizei bekommen hatten; bei dem auf Griechisch geführten Gespräch fielen keine uns bekannten Schimpfworte (aber wir kennen ja auch nur die Grundausstattung), doch danach kündigte Pavlos ganz hilfsbereit an, uns eine Karte zum Boot zu bringen – was er dann auch um kurz nach 20 Uhr getan hat, nachdem wir den ganzen Weg dorthin zurückgelaufen waren. Die Karte samt 32 Euro Guthaben und normalerweise fälliger Kaution hat er uns dann einfach so dagelassen – ach, wir sehen uns schon noch … so haben wir in drei Stunden mal wieder alle Vor- und Nachteile Griechenlands auf einmal präsentiert bekommen: nichts läuft, aber alle sind nett, hilfsbereit und vertrauensvoll.

Kavala, Fischereihafen und Neustadt

Am Samstag erkunden wir die Stadt; Kavala hat etwa 70.000 Einwohner, wirkt aber auf uns eher größer, da die zur Verfügung stehende Fläche durch die umliegenden Berge begrenzt ist und sich daher die Häuser dicht an dicht drängen und in die Höhe wachsen. Vor 2700 Jahren wurde die Stadt als Kolonie von Thasos gegründet – man kann ermessen, welche Bedeutung damals die Insel hatte. Die nächsten Jahrtausende vergehen mit der landestypischen Abfolge römisch – byzantinisch – venezianisch – osmanisch, von denen jede Epoche ihre Baudenkmäler hinterlassen hat: so gibt es ein hervorragend erhaltenes römisches Aquädukt, eine ebenso sehenswerte byzantinische Burg, sowie das prächtige Geburtshaus von Muhammad Ali (nein, nicht der Boxer …).

Wir besichtigen das Kastro, von dessen Turm sich eine herrliche Aussicht über die ganze Stadt und das Umland bietet, und laufen durch die steilen Gassen der Altstadt. Die näher am Hafen gelegene Neustadt hat architektonisch wenig zu bieten, aber die Fußgängerzone mit ihren vielen kleinen Geschäften, Cafés und Restaurants wirkt einladend und bietet sich zum Shopping und Ausgehen an. Direkt an unserem Ende des Hafens gibt es einen kleinen Vergnügungspark mit Riesenrad, welches am Abend bunt beleuchtet ist. Wir fühlen uns hier wohl!

Blick vom Turm des Kastros über Hafen, Stadt und Berge

Unseren ‘Kartenbeauftragten’ Pavlos sehen wir übrigens weder am Samstag noch am Sonntagvormittag wieder; die Chipkarte deponieren wir zusammen mit dem großzügig aufgerundeten Stromverbrauch von knapp drei Euro im Café – von einem eventuellen Liegegeld war nie die Rede …

Limenas / Thasos

Sonntagmittag verlassen wir Kavala, um mit Hilfe des nachmittäglichen Seewindes die 17 Seemeilen bis Limenas, dem Haupthafen von Thasos an der Nordseite der Insel, zurückzulegen – und tatsächlich geht der Plan auf, wir können nach dem Setzen der Segel den Motor ausschalten und mit halbem Wind von rund 10 Knoten durch die fast völlig glatte See gleiten – sehr schön ist das!

Blick über den alten Hafen von Limenas

Der neue Hafen von Limenas bietet dem Sportbootfahrer nichts außer endlos viel Platz längsseits an den langen Molen – dafür kostet er natürlich auch nichts. Nebenan im alten Hafen ist es gemütlicher, aber auch enger und recht untief, hier liegen eigentlich nur Fischer und ein paar einheimische Segelboote, die Tagestouren anbieten. Wir bleiben am Montag noch hier, um nochmal in Ruhe durch den recht touristischen und dennoch wirklich netten Ort gehen zu können, den wir im Rahmen unserer Autorundfahrt letzte Woche nur kurz besuchen konnten. Diesmal schaffen wir es auch, das antike Theater zu finden – nur ist es dummerweise wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen … macht nichts, Ruinen hatten wir ja schon reichlich 🙂

Aliki / Thasos

Dienstag kehren wir den Plan vom Sonntag um: wir brechen gleich nach dem Frühstück auf, um noch den nächtlichen Landwind mitnehmen zu können für eine Reise entlang der Ostküste nach Süden. Zunächst ist dieser aber einfach zu schwach, und wir müssen noch motoren; als wir aber aus der Passage zwischen Thasos und dem Festland herauskommen, wird der Wind kräftiger, und wir können einige Stunden unter Gennaker segeln.

Golden Beach, Thasos

Vorbei zieht der ‘Golden Beach‘, einer der meistbeworbenen Strände von Thasos – nicht ohne Grund, wir blicken auf kilometerweise besten Sandstrand, und vor allem der Hintergrund ist beeindruckend: statt einer Wand aus Beton wie an den meisten Stränden Spaniens zieht sich dort eine majestätische Bergkette von über 1000 Metern Höhe entlang. Immer wieder fallen die schneeweißen Flecken in den bewaldeten Berghängen auf: hier wird der Marmor, das weiße Gold der Insel Thasos, abgebaut.

Marmorklippen säumen die Einfahrt nach Aliki

Am späten Mittag erreichen wir die Ankerbucht Aliki; hier bildet eine kleine Halbinsel perfekten Schutz vor dem praktisch ständigen Schwell aus Nordost und rahmt einen Badestrand ein, der es zwar an Länge nicht mit dem ‘Golden Beach‘ aufnehmen kann, aber ansonsten sicher zum Schönsten gehört, was die Insel zu bieten hat: die Spitze der Halbinsel besteht nämlich auch großenteils aus Marmor, und so segelt man an weißen Klippen entlang und ankert auf einem Sandgrund, der so weiß und gleichmäßig ist, dass man sich kaum wagt, seinen Anker darauf fallen zu lassen 😉

Perfekt: vor Anker in Aliki

Am Strand herrscht reger Badebetrieb; es hat heute wieder knapp 30 Grad bei wolkenlosem Himmel, in der Sonne fühlt es sich noch beliebig viel wärmer an – da kommt es ganz gelegen, dass das Wasser schon etwas erfrischender ist als noch im Juli auf Chalkidiki. Wir schnorcheln entlang der spektakulär zerklüfteten Marmorfelsen bis zur Spitze der Halbinsel; hier finden sich Reste eines antiken Steinbruchs, wo man seit 2000 Jahren unfertige Säulentrommeln bewundern und auf tonnenschweren Liegen aus rundgeschliffenem, glitzernd-weißen Marmor in der Sonne baden kann. Wirklich überall stehen Schwärme aus dutzenden bis hunderten Fischen – ein besonderes Erlebnis, durch diese hindurchzutauchen und die Koordination der Bewegung der unzähligen kleinen Fische zu beobachten: der Schwarm verhält sich wie ein formbarer Organismus, öffnet geschmeidig eine Lücke für den Schwimmer und schließt diese wieder nahtlos.

Perfekter Schutz, perfekter Ankergrund, regelmäßige Tiefen und wunderschöne Umgebung: sicher ist Aliki einer unserer schönsten Ankerplätze – und überhaupt, nachdem wir so viele Tage in Häfen gelegen haben, tut es wirklich gut, mal wieder in einer richtigen Naturbucht zu ankern!

Kamariotissa / Samothraki

Nach einer ruhigen Nacht verlassen wir relativ früh am Mittwochmorgen den Ankerplatz; für den Vormittag ist etwas Nordwind versprochen, der gegen Mittag nach vorübergehender Flaute durch Südwind ersetzt werden soll. Das ist zwar keine berauschende Vorhersage für die gut 35 Seemeilen lange Überfahrt nach Samothraki, doch immer noch besser als Gegenwind …

Wie ein einziger Fels erhebt sich Samothraki aus dem Meer

Der Nordwind erhebt sich nicht über eine Geschwindigkeit von vier bis 5 Knoten – damit lässt sich nichts anfangen, also läuft bis zu Mittag mal wieder der Motor. Ab 13 Uhr beginnt aber der Wind tatsächlich aus Südwest zu wehen und schwingt sich auf 8 bis 9 Knoten auf, so dass wir endlich den Gennaker setzen und die zweite Tageshälfte angenehm segeln können; bald beginnt sich auch der Umriss von Samothraki am Horizont abzuzeichnen. Die Insel ist deutlich kleiner als Thasos, ragt aber mit über 1600 Metern noch höher aus dem Wasser auf; aus der Entfernung meint man auf einen einzigen, aus dem Meer aufragenden Felsen zuzufahren.

Als wir gegen 19 Uhr den Hafen von Kamariotissa (den einzigen brauchbaren auf der Insel) erreichen, ist es sehr warm und feucht, und am Himmel ziehen sich drohende Wolkenberge zusammen – gerade noch rechtzeitig! Kurz darauf zieht ein Gewitter über uns hinweg und bringt auch etwas Regen mit, danach klärt sich er Himmel aber schnell wieder auf.

Auch am nächsten Tag strahlendes Wetter – wir erkunden den Ort und die hiesigen Einkaufsmöglichkeiten (mit dem Schwerpunkt auf den ‘Ζαχαροπλαστεία’, den Konditoreien …) und erholen uns ansonsten vom doch recht langen Schlag am Vortag (wir staunen immer wieder, wie erschöpft man doch nach 12 Stunden Wind und Sonne ist, auch wenn man im engeren Sinne keine harte Arbeit geleistet hat).

Die alte Chora schmiegt sich in die Berghänge

Freitag aber wollen wir mehr von der Insel sehen: wir fahren mit dem (immerhin mehrmals täglich verkehrenden) Linienbus für landesüblich kleines Geld in die Chora, die alte Inselhauptstadt. Während die Menschen früher auf allen ägäischen Inseln eher in den Bergen gesiedelt haben, um sich besser vor Piratenüberfällen schützen zu können, haben in jüngerer Vergangenheit diese Siedlungen meist zu Gunsten der Hafenorte an Bedeutung verloren und sind teilweise völlig verlassen und verfallen; auf Samothraki dagegen hat dieser Vorgang erst viel später eingesetzt, einfach weil es aufgrund der abweisenden Küste keinen attraktiven Hafenort gab. Erst in den 90er Jahren wurde der Hafen von Kamariotissa mit einer künstlichen Schutzmole versehen, so dass der Ort wachsen konnte und heute Besiedelungs- und Verwaltungszentrum der Insel ist; die Chora jedoch ist nach wie vor ein lebendiger Ort – und sehr malerisch noch dazu: in den steilen Berghang schmiegen sich viele alte Häuser um enge Gassen und Treppen, unter alten Platanen sitzt man vor den Cafés und Tavernas; darüber wachen die Ruinen des alten Kastros, welche man kostenlos besichtigen kann und dazu sogar noch einen Infoflyer ausgehändigt bekommt.

Tempelreste im ‘Heiligtum der großen Götter’

Gestärkt von einem großen griechischen Mokka und köstlichem Gebäck machen wir uns auf den Fußmarsch Richtung Norden nach Paleopoli – diese ‘alte Stadt’ ist zwar heute praktisch nicht mehr existent, aber hier befinden sich die berühmtesten archäologischen Stätten der Insel, das ‘Heiligtum der großen Götter’. Dabei handelt es sich um das wichtigste Heiligtum der Kabiren-Verehrung, eines Mysterienkults, von dessen Herkunft und Inhalt man heute nur noch wenig weiß – und der gerade deshalb natürlich die Phantasie der Menschen anregt. Mythologisch sind die Kabiren jedenfalls eng mit der Seefahrt verknüpft, also kann es für einen Segler in jedem Fall nicht verkehrt sein, die Reste ihrer Tempel besucht zu haben 🙂

Blick auf den Platz der Initiation

Der berühmteste Fund der Ausgrabungen wurde 1863 getätigt: da fand der damalige französische Vizekonsul im Osmanischen Reich die Bruchstücke der Nike von Samothrake, einer überlebensgroßen Skulptur der Siegesgöttin, die seitdem das Vorbild für zahlreiche ähnliche Darstellungen weltweit geworden ist, so zum Beispiel in Berlin auf der Siegessäule. Die Statue wurde damals nach Paris verbracht, wo sie heute noch im Louvre zu besichtigen ist; seit der NS-Zeit nennt man so etwas Kunstraub, aber vorher war das offenbar ganz normal …

Marmor-Lego: noch viel zu tun für die Archäologen …

Der besonderen Atmosphäre im Gelände des Heiligtums kann man sich auch nach Jahrtausenden kaum entziehen; ein tief eingeschnittenes Tal umrahmend, liegen die Tempelruinen unter dem majestätischen Panorama des zentralen Gebirges. Leicht kann man sich vorstellen, dass der Vorläufer des Kabirenkults die Verehrung lokaler Naturgottheiten war – immerhin ist eine Besiedelung der Insel seit 8000 Jahren belegt, da stellt die hellenische Zeit ja nur die ‘jüngere Vergangenheit’ dar.

Zum Abschluss eines gelungenen Tages wandern wir noch eine gute Stunde entlang der Küstenstraße nach Kamariotissa zurück; dabei ist es ganz schön warm, aber wir sind froh, dass solche Ausflüge nach der extremen Hitze im Sommer überhaupt wieder möglich sind.

Aussichten fürs Wochenende: Blick vom Liegeplatz über den Hafen

Der Samstag sollte eigentlich ein ruhiger Tag zur Erholung werden: da die Busse auf der Insel am Wochenende nicht fahren, sind wir erst mal an weiteren Ausflügen gehindert. Ab späten Nachmittag wird es aber doch noch aufregend: ein Gewitter zieht über die Insel, wie wir selten eines erlebt haben. Binnen Minuten steigt der Luftdruck um 5 Hektopascal, während die Temperatur um ebensoviele Grade sinkt, der Wind dreht um 180 Grad, und aus dem Nichts erfassen Böen mit bis zu 54 Knoten das Boot – das ist fast Windstärke 11! Das Wasser im Hafen scheint zu kochen, die Boote reißen wild an ihren Leinen, und Gischt fliegt über die meterhohe Betonmole – na, wenn einen so etwas auf See erwischt ….

Nach einer halben Stunde ist der Spuk weitestgehend vorbei, dafür hält der Abend noch eine unangenehme Überraschung für uns bereit: mit dem Versiegen des Solarstroms schaltet sich der Kühlschrank ab. Wie kann das, die Batterien sind doch noch zu 76% voll?!? Aber die Spannung ist viel zu niedrig, da stimmt was nicht … nach kurzer Zeit ist der Verursacher identifiziert: eine der 12 Zellen, die (zu je drei Zellen im 6V-Block) in Reihe geschaltet unsere Verbraucherbatterie ergeben, ist defekt und liefert keine Spannung mehr – da hilft es auch nichts, wenn die anderen 11 sich noch so viel Mühe geben. Wir müssen also zusehen, dass wir irgendwo Ersatz für einen der 6V-Blöcke auftreiben können … aber höchstwahrscheinlich nicht auf Samothraki und ganz sicher nicht am Sonntag.

Am Montag fahren die Busse wieder, und so können wir einen weiteren Ausflug machen; diesmal steht eine Wanderung auf der wasserreichen Nordseite der Insel auf dem Programm. Der Bus fährt schon um 6:30 (um die Schulkinder aus den kleinen Siedlungen abzuholen) und danach erst wieder am frühen Nachmittag, also müssen wir früh raus.

Wir folgen dem Fluss Phonias stromaufwärts

Der freundliche Busfahrer setzt uns auf einem Parkplatz an der Mündung des Flusses Phonias ab; von hier führt uns der Weg im ersten Tageslicht zunächst sanft ansteigend durch einen märchenhaften Wald aus uralten Platanen, knorrig und ausladend, häufig mit Höhlen im Stamm, die groß genug sind um einen Menschen aufzunehmen.

Ein richtiger Wasserfall!

Schon bald erreichen wir den ersten Wasserfall, der sich aus 15 Metern Höhe in ein Becken ergießt, im welchem das Wasser durch die natürliche Bodenform aufgestaut wird; solche Pools heißen ‘vathra‘ und sind auf der Insel in großer Zahl zu finden. Für norwegische Verhältnisse sind die Wassermengen nicht beeindruckend, aber dieser Wasserfall stellt alles in den Schatten, was wir in Griechenland bislang gesehen haben! Überhaupt ist es faszinierend, wie völlig anders die Welt auf dieser Seite der Gebirgskette aussieht: während die dem Hafen zugewandte Seite braun, trocken und abweisend ist, hüllen sich die gegenüberliegenden Bergflanken in dichtes, geradezu urwaldartig anmutendes Grün – ein herrlicher Anblick für den an Trockenheit etwas übersättigten Reisenden!

Immer tiefer führt uns der Pfad in die Berge

Die Beschaffenheit des Weges ändert sich nun schlagartig: es geht steil bergauf, in den Felsen sind sogar eiserne Krampen geschlagen, um den Aufstieg zu erleichtern; passend dazu warnen große Schilder den flipfloptragenden Touristen davor, sich tiefer in die Natur zu begeben.

Der mit 35 m höchste Wasserfall Samothrakis

Wir lassen und nicht abschrecken und kraxeln schweißtreibende anderthalb Stunden steil Bergauf, lassen dabei die Abzweigung zum nächsten Wasserfall erst mal links liegen und erreichen schließlich den Endpunkt des Weges; hier stürzt das Wasser des Phonias 35 Meter in die Tiefe, natürlich wieder in einen natürlichen Pool – der höchste Wasserfall der Insel liegt vor uns.

Gerne wären wir noch tiefer ins Gebirge gewandert, aber der Pfad endet hier, und wir finden auch keine Möglichkeit auf eigene Faust weiterzuwandern, zu steil sind die umliegenden Felswände; wir machen uns also auf den Rückweg, nur dass wir diesmal zum zweiten Wasserfall abbiegen. Dieser hat zwar keine so große Fallhöhe, aber das vathra, in das er sich ergießt, ist zweifelsohne das Schönste seiner Art.

Ein herrlicher Ort der Ruhe

In allen Grüntönen schimmert das kristallklare Wasser und lockt mit seiner Frische den verschwitzten Wanderer; bildhübsch ist die Umgebung mit ihren glattgeschliffenen Felsformationen und alten Platanen – ein toller Ort für eine ausgiebige Rast. Wir profitieren nun davon, so früh aufgebrochen zu sein – alles hier gehört noch uns allein, wir haben bislang keine Menschenseele getroffen.

Bäume wie aus dem Zauberwald

Dies ändert sich, als wir auf dem Rückweg wieder den ersten Wasserfall und damit das Ende des steilen Abschnitts erreichen; auf einmal füllen etliche Ausflügler die Wege, und die magische Stimmung des frühen Morgens ist dahin. Schön ist es dennoch, denn nun flutet das Sonnenlicht ins Flusstal, lässt die Steine im Flussbett weiß leuchten und spielt mit den Blättern der Bäume.

Alter Wachtturm an der Mündung des Phonias

Wir gehen noch ein Stück weiter bis zur Mündung des Phonias ins Meer; hier steht die Ruine eines mittelalterlichen Wachturms, welcher einen weiten Ausblick entlang der ganzen Nordküste ermöglichte. In der Nähe befindet sich auch eine Taverna mit Tischen unter – wie sollte es anders sein – großen Platanen; hier genießen wir einen Kaffee und verbringen die Wartezeit, bis unser Busfahrer uns – zur Begrüßung hupend, man kennt sich ja nun – wieder aufsammelt und zurück nach Kamariotissa bringt.

Dort suchen wir uns am Abend noch ein nettes Lokal für ein Abschiedsessen (und werden – wie immer – problemlos fündig), denn in der Nacht soll der Wind auf Nordost drehen: gute Bedingungen für eine Fortsetzung der Reise.

Mourtzephlos / Limnos

So verlassen wir am Dienstagmorgen den Hafen von Kamariotissa; die verschiedenen Wettermodelle sagen sehr unterschiedliche Windstärken voraus, und so rechnen wir mit allem zwischen 5 und 25 Knoten. Im Schutz der über 1600 Meter  hohen Berge von Samothraki ist wenig Wind zu spüren, doch kaum verlassen wir den Hafen, frischt es erheblich auf, und beachtliche Wellen rollen von Nordosten heran. Bald können wir auf Südsüdwestkurs abfallen und rauschen  nur unter Klüver mit 5 Knoten die Wellenberge hinunter – also liegen doch die Modelle richtig, die 5 bis 6 Windstärken angesagt haben, denken wir. Es dauert aber keine Stunde, bis der Wind innerhalb von Minuten zunächst einschläft – und dann sogar die Richtung umkehrt und von vorne kommt! Was ist das, liegen doch die Schwachwindvorhersagen richtiger oder sind wir einfach in den Windschatten der Insel geraten? Wir müssen tatsächlich motoren, aber nach einer Stunde bekommen wir die Antwort: so schnell, wie der Wind weg war, ist er auch wieder da, nun aber mit 6 bis 7 Beaufort, in Böen auch gerne mal 8 – stürmischer Wind!

Erst am Nachmittag kommt die viel flachere Insel Limnos in Sicht

Das ist mehr, als irgendein Modell vorhergesagt hat – wir reduzieren zeitweise die Besegelung noch weiter und machen nur unter Kutter immer noch 6 Knoten Fahrt. Wie immer fühlt sich das Heulen im Rigg etwas unheimlich an, und die beeindruckenden Wellen schaffen es auch alle paar Minuten mal bis übers ganze Boot, aber die ‘Orion’ hat damit keine Probleme und eilt, von der Windsteueranlage perfekt auf Kurs gehalten, dem Ziel entgegen: der Insel Limnos, die wir nach etwa 40 Seemeilen und 9 Stunden erreichen.

Sonnenuntergang am Kap Mourtzephlos

Erstmöglicher Ankerplatz ist der Strand hinter dem Nordwestkap Mourtzephlos; dort liegen wir bestens geschützt vor der 2 Meter hohen See, die weiter draußen vorbeizieht; nur der Wind schafft es mühelos über die flache Landbrücke und hält sich die ganze Nacht noch bei 20 bis 25 Knoten – typisch für den Meltemi, der gerne auch über Nacht weht, während den meisten anderen Winden im Mittelmeer mit Sonnenuntergang die Puste ausgeht. Wie bekommen zur Belohnung für den windigen Tag einen klaren und tiefroten Sonnenuntergang geboten und müssen uns über Nacht erst mal wieder daran gewöhnen, dass der Anker auch bei kräftigem Wind hält – seit unserer Übernachtung vor Tinos im Juni haben wir nicht mehr bei ernsthaftem Wind geankert.

Myrina / Limnos
Blick vom Hafen auf den Burgberg von Myrina

Am Mittwochmorgen geht es gleich weiter in den Hafen von Myrina; die 8 Seemeilen legen wir bei anhaltendem Nordost, aber im Wellenschutz der Insel, ganz schnell und bequem zurück, so dass wir noch vor Mittag dort mit dem Heck zum Kai anlegen – was sich als gut erweist, denn später wird es noch ziemlich voll im Hafen.

Myrina ist mit über 5000 Einwohnern der größte Ort auf Limnos und auch der Fährhafen; hier hoffen wir Ersatz für unsere ausgefallene Batterie zu bekommen – und damit vergeht auch unser erster Nachmittag hier: der in etwa 20 Minuten fußläufig zu erreichende Autoteilehändler ist etwas überfordert mit unserem Anliegen, aber – wie immer – so hilfsbereit wie nur möglich. Die Dame des Hauses beginnt herumzutelefonieren; die ersten Großhändler erweisen sich als auch nicht ergiebig, und so bittet sie uns, später nochmal wiederzukommen, um in Ruhe nach unserer Batterie suchen zu können. Wie erledigen ein paar Einkäufe – Limnos hat einen Lidl! – und kommen zur Lagebesprechung zurück, zu der auch der Sohn der Familie hinzugezogen wird, dessen Englisch belastbarer ist. Nach wie vor gibt es aber kein Ergebnis: man wartet auf verschiedene Rückrufe und will sich melden. Das geschieht dann am gleichen Abend, als unerwartet die ganze Familie am Kai steht – um uns zu erzählen, dass es immer noch keine Ergebnisse gibt, aber noch mehrere Möglichkeiten offen sind.

Auch am folgenden Tag besuchen wir zweimal den Laden; inzwischen ist in Athen noch eine baugleiche Batterie aufgetaucht, aber die liegt schon lange auf Lager, und es muss erst getestet werden, ob die noch taugt; alternativ gäbe es ein etwas anderes Modell, aber das hat sehr lange Lieferzeit und ist teuer. Wir sind also immer noch nicht weiter, aber die ganze Familie ist im Einsatz, um uns zu helfen – wir müssen an unser kleines Stromdrama in Kavala denken: in Deutschland wäre es wahrscheinlich viel einfacher, so eine Batterie zu kaufen, aber wenn nicht, würde niemand sich so viel Mühe geben, das Problem zu lösen …

Unter wildem Wein flaniert man durch Myrina

Dazwischen können wir uns endlich auch mal um die uns umgebenden Sehenswürdigkeiten kümmern, und davon gibt es eine Menge: der Hafen liegt malerisch unter dem Kastro aus dem 13. Jahrhundert, der Ort verfügt über eine langgezogene Einkaufsstraße, die ganz mit wildem Wein überrankt ist und in der Sommerhitze herrliche Kühle verspricht. Die Geschichte der Insel reicht natürlich wie immer noch viel weiter zurück: es wurden 15.000 Jahre alte Besiedlungsspuren gefunden, und in der Frühbronzezeit, vor 6.000 Jahren, kam der Insel bereits große Bedeutung als Handelsknotenpunkt in der Ägäis zu – die damals entstandene Siedlung Poliochni gilt als älteste Stadt Europas!

Die Festungsanlagen ziehen sich über den gesamten Berg

Wir steigen zum Kastro auf, welches sich als beeindruckend umfangreiche Anlage erweist: der ganze Berg ist überzogen mit zinnenbewehrten Mauern, Bastionen, Türmen und Gebäuden, die zum Teil gut erhalten bzw. restauriert sind. Zahlreiche Infotafeln führen den Besucher durch die Anlage – wir sind mehr als erstaunt, dass es all das ohne Eintrittsgeld zu sehen gibt!

 

Neben der Festungsanlage selbst ist es der Ausblick von hier oben, der begeistert: an der Küste erstrecken sich zu beiden Seiten des Burgbergs die Ortsteile von Myrina mit dem Hafen im Süden und den ausgedehnten Stränden im Norden, und die Sonne funkelt auf dem tiefblauen Meer – auch heute ist es noch gut windig!

Blick vom Kastro über Myrina und Limnos

Auch am Freitagvormittag steht die Batterie im Mittelpunkt des Geschehens: die im Lager in Athen ‘gefundene’ ist für brauchbar befunden worden und soll sich nun auf den Weg nach Limnos machen; für uns zusammen mit dem schwachwindigen und sonnig-warmen Wetter, welches für Wochenende angesagt ist, Grund genug, erst mal dem Hafen den Rücken zu kehren und uns ein paar schöne Ankerplätze im Süden der Insel anzuschauen!

Ormos Kondias / Limnos
Vorbei am Akrotiri Tiganis

Wir kreuzen einige Seemeilen gegen den schwachen Südwind auf, bis wir um das Südwestkap der Insel abfallen können; dort lockt uns schon ein sehr interessant aussehender Ankerplatz, der aber gegen Wind und See aus Süd keinen Schutz bietet; wir fahren also noch einige Seemeilen weiter, bis wir in die Bucht von Kondias einbiegen und dort hinter einem kleinen Vorsprung auch gute Abdeckung finden; zunächst nehmen wir an, weit und breit das einzige Boot zu sein, denn begegnet ist uns auf dem Wasser niemand; nach einiger Zeit läuft aber noch ein Boot unter deutscher Flagge ein und ankert neben uns – aus Essen sind die zwei Herren, erfahren wir. Die Welt ist doch klein!

Abendstimmung über Limnos

Ein besonderer Tag ist heute auch, denn seit genau einem Jahr sind wir in griechischen Gewässern unterwegs. Passend dazu schenkt uns die Natur mal wieder einen wunderschönen Abend: zwar ist die Südseite von Limnos sehr, sehr karg und trocken, aber in der tiefstehenden Sonne verfärben sich die niedrigen Hügel in den tollsten Rot-, Braun- und Ockertönen, wirklich hübsch anzusehen 🙂

Kobi / Limnos
Unter Vollzeug entlang der Südküste

Am Samstagmorgen schwimmen wir erst mal ein paar Runden ums Boot, dann geht es ein Stück weiter die Küste entlang nach Osten, zunächst noch mit ein wenig Südwind, wir setzen alle Segel und freuen uns am Segeln nur so zum Spaß, ohne ein Ziel erreichen zu müssen. Am Nachmittag wird der Wind aber immer schwächen, so dass wir schließlich mit weniger als einem Knoten durch die stille See gleiten, bis letztendlich doch der Motor ran muss, um uns die letzte Seemeile bis auf einen geeigneten Ankerplatz zu schieben.

Blick auf Agios Efstratios vom Ankerplatz

Diesen finden wir hinter der kleinen Insel Kobi, die mit einer Kette von kaum aus dem Wasser ragenden Felsen mit dem Festland verbunden ist. Dieses Riff bietet perfekten Schutz vorm Schwell, lässt aber den freien Blick Richtung Südwesten zu, wo sich am Abendhimmel die Nachbarinsel Agios Efstratios abzeichnet – wieder eingebettet in ein prächtiges Farbenspiel. Dazu gibt’s Abendessen vom Grill, mit Pilzen, Halloumi, Brot mit Avokado-Dip, Salat aus roter Beete und Feta … so lässt es sich aushalten!

Die Bucht von Moudros, an deren Eingang wir nun ankern, spielte übrigens eine wichtige Rolle im Ersten Weltkrieg: zunächst wurden hier die alliierten Truppen für die Invasion der Gallipoli-Halbinsel zusammengezogen, und am 30. Oktober 1918 wurde in Moudros der Waffenstillstand unterzeichnet, welcher das Ende des osmanischen Reiches besiegelte – und den Auslöser des Kampfes eines gewissen Kemal Atatürk für den heutigen Staat Türkei darstellte.

Akrotiri Tiganis / Limnos

Sonntag machen wir uns auf den Rückweg Richtung Akrotiri Tiganis, nun mit nördlichem Wind, so dass wir den am Freitag ausgelassenen Ankerplatz direkt hinterm Kap ansteuern können. Dabei haben wir einen schönen Blick auf den Berg Athos in der Ferne, der über einer Schicht aus Dunst zu schweben scheint, mit seiner eigenen kleinen Wolkenkrone, während ansonsten der Himmel völlig wolkenlos ist – sehr dekorativ!

Die Fischer warten auf die Abendausfahrt

Wir machen gute Fahrt, und schon gegen 14 Uhr steuern wir die kleine, zu drei Seiten geschlossene Bucht an. Die Einfahrt weist einige Untiefen auf, aber sowohl auf den über die Seekarten gelegten Satellitenbildern als auch in der hoch stehenden Mittagssonne lassen sich diese gut erkennen und umfahren. Drinnen angekommen, finden wir eine schöne Sandfläche, auf welcher der Anker guten Halt findet. Später leisten uns auch noch ein paar Fischerboote Gesellschaft, die sich hier ein paar Stunden ausruhen, bevor es in der Abenddämmerung wieder hinaus geht.

Myrina / Limnos

Montagmorgen geht es nach einem erfrischenden Bad dann zurück nach Myrina; der Nordwind weht schon etwas stärker, bis morgen soll er sich zum Meltemi entwickeln, und dann wollen wir hoffentlich unsere Batterie im Empfang nehmen …

Dienstagnachmittag bringt uns tatsächlich der Händler die Ersatzbatterie netterweise bis ans Boot – bei knapp 50 Kilo Gewicht eine mehr als willkommene Gefälligkeit. Leider zeigt sich, dass der Lieferant in Athen sie bei der Überprüfung nur bis zur Hälfte geladen hat – wie bekommen wir nun einen einzelnen 6V-Block auf den Ladestand der anderen drei, bevor wir sie zusammenschalten können? Wir finden eine provisorische Lösung, aber nur mit 2 Ampere Ladestrom – das dauert Tage!

Macht aber nichts, denn der angekündigte Meltemi hat sich inzwischen eingestellt, und zwar ordentlich: Dienstag wäre die letzte Chance zum Weitersegeln gewesen, seit Mittwoch bläst es in Sturmstärke, die signifikante Wellenhöhe schwankt zwischen zwei und drei Metern – da muss man wirklich nicht unterwegs sein. Als Alternativprogramm mieten wir uns am Donnerstag mal wieder ein Auto (mit 30 € wirklich recht günstig) und schauen uns den Rest der Insel an.

Da gibt es sehr viel zu sehen: die geologische Entstehung aus gefalteten Sedimentschichten und vulkanischer Aktivität hat zu vielen Besonderheiten geführt: an der Nordküste, am Kap Falakro, gibt es bizarr geformte Lavalandschaften zu bestaunen. Die Erosion hat hier wundersame, einförmige Gebilde geschaffen, die aus mehreren Schichten zu bestehen scheinen, und überhaupt sind die glatten, geschwungenen Formen der Felsen in ihren leuchtenden Sand- bis Brauntönen toll anzuschauen.

Panagia Kakaviotissa

Auch finden sich im gebirgigen Teil der Insel zahlreiche Grotten verschiedenster Größe in den Felsen, die auf uns den Eindruck machen, als seien hier beim Erkalten der Lava Gasblasen eingeschlossen worden. Zum Teil sind diese so groß, dass man eine kleine Kirche hineinbauen konnte: Panagia Kakaviotissa, die weltweit einzige Kirche ohne Dach – das braucht sie nicht, denn der Felsenüberhang schützt das gesamte Gebäude.

Endlose Weite der Salzseen

Der größte Teil der Insel ist aber flach; im Zentrum findet sich etwas Landwirtschaft, hier wächst auch der auf der Insel erzeugte Wein, und im Osten gibt es ausgedehnte Lagunen, die größtenteils trockenfallen und Salzseen bilden. Im Frühjahr, wenn die Seen noch mehr Wasser führen, lassen sich hier Flamingos und zahlreiche andere Vogelarten beobachten, nun im Herbst beeindrucken sie mit ihrer endlos wirkenden, leuchtend weißen und spiegelglatten Fläche.

Im Theater von Hephaistia

Auch an Hinterlassenschaften der Antike gibt es einiges zu sehen: bei Kondopouli besuchen wir das Theater von Hephaistia. Diese etwa 1000 v. Chr. gegründete Stadt war einst sehr mächtig und ist nach Hephaistos, dem antiken Gott des Feuers und der Schmiedekunst, benannt; der Sage nach soll dieser in den Vulkanen unter Limnos sein Schmiedefeuer betreiben.

Reste des Kabiren-Heiligtums

Wie auf Samothraki gibt es auch hier ein den Kabiren gewidmetes Heiligtum, wovon aber weniger erhalten ist; zur Besichtigung der Ausgrabung gibt es aber ungewöhnlich gut ausgearbeitete Informationen, und außerdem kann man vom Ausgrabungsgelände zu einer zum Meer hin offenen Höhle absteigen, die nur zu betreten ist, indem man sich durch einen engen Spalt im Felsen zwängt und einige Meter durch knietiefes Wasser watet.

In der Höhle des Philoktetes

Hier soll der Sagenheld Philoktetes 10 Jahre gelebt haben, bevor er von Odysseus durch eine List bewogen wurde, in den schon fast ebenso lang andauernden Kampf um Troja (welches Limnos gleich gegenüber an der Küste der heutigen Türkei liegt) einzugreifen.

Weiter schauen wir uns noch einige der kleineren Dörfer der Insel an, finden in Kondias eine sehr dekorativ gelegene Reihe alter Windmühlen und besuchen die allein auf einem Inselchen gelegene Kapelle Agios Nikolaos. Rund 10 Stunden sind wir unterwegs und freuen uns, eine weitere Insel kennengelernt zu haben, die wieder anders ist als die zuvor besuchten Inseln, aber genauso sehenswert.

Auch am Freitag und Samstag lässt der Meltemi noch nicht wirklich nach; wir machen uns ein paar ruhige Tage im Hafen von Myrina, besuchen ein gerade stattfindendes Kurzfilmfestival mit internationalen Beiträgen und verbringen einen netten Abend mit unseren britischen Hafennachbarn in der Taverne. Am Sonntag lässt der Wind endlich etwas nach, so dass wir für den Montagmorgen die Weiterreise planen.

Chalkidiki (08.07. – 04.08. / 01.09.-03.09.)

Am Donnerstag den 8. Juli soll es endlich den Wind geben, der uns den letzten größeren Seeschlag bis zum Sommerziel Thessaloniki ohne endlose Motorfahrt ermöglichen soll – nach fast vier Wochen Dauerflaute und Hitzewelle sehnlichst herbeigewünscht und kaum noch für möglich gehalten. Als in der letzten Nacht in der Ankerbucht auf Kyra Panagia der Nordost noch nicht wie angekündigt aufkommen will, befürchten wir schon das Schlimmste, brechen aber dennoch kurz vor Sonnenaufgang auf – in der ersten Tageshälfte ist mehr Wind als am Nachmittag angesagt.

Sonnenaufgang über Gioura

Bei gerade mal 7 bis 8 Knoten segeln wir in den neuen Tag – wenigstens kommt der Wind östlicher und damit für uns günstiger als angesagt, und ein herrlicher Sonnenaufgang tröstet uns über die magere Windstärke hinweg.

Dann geschieht das Unerwartete: statt zum Mittag hin abzuflauen, wird der Wind stärker: bei einem gemäßigten Amwindkurs laufen wir unter Vollzeug zeitweise über 5 Knoten – so können wir ohne Motorunterstützung ans Ziel kommen!

Sithonia / Porto Koupho
Da soll es eine Lücke geben?

Am frühen Nachmittag liegen nach 40 Seemeilen die steilen Felsenklippen von Sithonia vor uns, dem mittleren Finger der Chalkidiki-Halbinsel. Die Einfahrt in den Naturhafen von Porto Koupho ist spektakulär: man fährt auf hohe, zerklüftete Felswände zu, und erst kurz vor der Einfahrt kann man diese als solche erkennen; dahinter tut sich eine ausgedehnte Bucht auf, mit langen Stränden und dem kleinen Ort gleichen Namens.

Der ausgedehnte Naturhafen Porto Koupho.

Die wenigen Plätze am Kai sind belegt, wie ankern also davor – wie etliche andere Yachten auch, der Hafen ist sehr beliebt. Nicht ohne Grund: während draußen der ganztägige Nordost einen knappen Meter See aufgebaut hat, ist das Innere der Bucht völlig frei von Schwell. Nur das Wasser ist nicht so klar, wie wir es von den Inseln gewohnt sind, bei etwa 5 Metern Tiefe gerät der Grund außer Sicht – wir ankern also blind auf knapp 15 Metern. Der Schutz durch die umliegenden Berge ist gut, nur einzelne Böen arbeiten sich hin und wieder in die Bucht; wir verbringen eine ruhige Nacht und landen am nächsten Morgen noch am Stadthafen an, um im einzigen Supermarkt Einkäufe zu erledigen – der Ort ist erstaunlich klein für seine Lage an so einem hervorragenden Naturhafen.

Sithonia / Paralia Azapiko

Eigentlich zieht es uns an die Ostküste Sithonias, aber da der Meltemi, der uns am Vortag so freundlich zur Chalkidiki getragen hat, noch einige Tage wehen soll, beschließen wir erst mal ein Stück die Westküste heraufzufahren, um besseren Schutz vor dem aus Nordost heranrollenden Schwell zu haben. Wie immer wenn es irgendwie möglich ist verlassen wir unseren Ankerplatz unter Segeln – was sich aber im Talkessel von Porto Koupho als Herausforderung erweist, da der Wind sich sowohl in Richtung als auch in Stärke – zwischen 3 und 30 Knoten ist alles drin – als sehr abwechslungsreich erweist. Nachdem wir mehrmals unter Vollzeug die Relingdrähte durchs Wasser gezogen haben, um kurz darauf wieder in der Flaute einzuparken, erreichen wir endlich die offene See, und der Wind wird gleichmäßiger.

Große, alte Bäume am Strand von Azapiko

Ohne eigentliches Ziel werfen wir schon nach 7 Seemeilen den Anker vor einem hübschen Strand; eine kleine Strandbar lässt Reggae statt wummernder Bässe erklingen – hier kann man bleiben. Richtig toll aber finden wir die riesigen Bäume am Ufer: gerade noch haben wir uns darüber gefreut, überhaupt mal wieder einen Baum zu sehen, und nun gibt es hier gewaltige Nadelhözer, deren Stämme sicher einen Meter messen – das haben wir vermisst!

Abendhimmel über Akrotirio Papadhia

Etwas weniger begeistert uns, dass das Wasser auch hier nicht wirklich klar ist, es gibt wohl einfach viel mehr Schwebstoffe organischer Herkunft als auf den – klein und felsig, einsam in der Ägäis gelegenen – Inseln. Dafür ist das Wasser noch wärmer – was aber bei der anhaltenden Affenhitze kein Vorteil ist, bei über 30 Grad ist der Kopfsprung kaum noch erfrischend. Erst nach Sonnenuntergang wird es erträglich – langsam verstehen wir, warum in Griechenland niemand vor 21 Uhr ans Abendessen denkt.

Sithonia / Agia Kyriaki
Felsenküste bei Agia Kyriaki

Auch am Samstag segeln wir nur einen kleinen Schlag – an dieser Küste findet sich ein schöner Ankerplatz neben dem anderen. Im 6 Seemeilen nordwestlich gelegenen Agia Kyriaki gibt es einen Campingplatz (und nicht viel sonst), zu dem ein Supermarkt gehört; wir ankern vorm Strand und fahren mit dem Dinghi zum Einkaufen, frisches Obst und Gemüse sind immer willkommen. Nur ein kleines Stück nördlich der Siedlung, hinter einer felsigen Halbinsel, finden wir eine kleine Bucht mit dekorativer Umgebung und gutem Schutz vor dem uns immer noch  inzwischen aus Süd nachlaufenden Schwell; wir legen eine Landleine an die Felsen, um den Bug aus der Bucht herauszeigen zu lassen, und alles ist gut.

Sithonia / Akrotiri Sithonias

Am Sonntag segeln wir dann die Strecke der vergangenen zwei Tage wieder zurück – es ist der letzte Tag, für den etwas Nordost angesagt ist, am Montag wollen wir uns dann auf die Ostseite von Sithonia trauen. Bis zur Höhe von Porto Koupho kommen wit auch ganz gut voran, nur für das letzte Stück bis zum Ende der Halbinsel muss der Motor ran.

Hinter dem Kap verbergen sich mehrere Strände, vor denen man ankern kann und Schutz vor dem Schwell aus Ost findet; wir entscheiden und für einen ohne Straßenanbindung, der deswegen auf der Google-Karte ‘Secret Beach’ heißt – das klingt doch gut! Als ganz so geheim erweist er sich dann doch nicht, ein paar wenige Menschen sehen wir; insgesamt aber ein sehr ruhiges Fleckchen, an dem die Abendsonne die terrakottafarbenen Felsen dekorativ zum Glühen bringt.

Der ‘Geheime Strand’ liegt verborgen ganz am Ende der Halbinsel Sithonia
Sithonia / Sarti
Kaum Wind, aber viel Schwell am Akrotiri Sithonias

Montagmorgen geht es dann ums Kap auf die Ostseite von Sithonia; die Wetterdienste geben nur 0,1 m Schwell aus Ost an, das sollte sich ja machen lassen. Leider sieht die Realität mal wieder anders aus: als wir – wie erwartet bei Flaute und unter Motor – die Nase um die Ecke strecken, laufen uns Wellen von einem Meter Höhe entgegen. Überflüssig zu erwähnen, welch berauschende Fahrt über Grund wir damit machen …

Nach einer Stunde Rodeo können wir endlich den Kurs etwas nördlicher setzen und werden wenigstens schneller; der Motor läuft aber 4 Stunden, bis wir vor dem ausgedehnten Strand von Sarti den Anker werfen – und den Heckanker gleich hinterher, um den Bug im hier immer noch einen halben Meter hohen Schwell zu halten. Die Anlandung im Dinghi am Strand gerät in der beträchtlichen Brandung zu einem kleinen Abenteuer, aber wir wollen im größten Supermarkt weit und breit einkaufen, und einen Freddo Espresso in einer der zahlreichen Strandbars haben wir uns auch verdient.

Strandbar in Sarti: Blick auf Athos inklusive

Besonderes Highlight an dieser Küste ist der Blick quer über den Singitischen Golf auf den Berg Athos, dessen Spitze das Meer um mehr als 2000 Meter überragt. Die zahlreichen Klöster der Mönchsrepublik sind auf diese Entfernung natürlich nicht zu erkennen, aber die Silhouette des Berges ist ein toller Anblick!

Gar nicht überlaufen ist Sartis toller Strand

Sarti ist der größte Badeort der Gegend mit seinem kilometerlangen Sandstrand; entsprechend touristisch geprägt ist das Dorf, welches wir aber dennoch ganz sympathisch finden – natürlich gibt es unzählige Restaurants, Bars, Kramläden und Hotels, aber anders als es in Spanien an einem vergleichbaren Strand der Fall wäre, haben diese selten mehr als ein Dutzend Zimmer – zwölfstöckige Bettenbunker wie auf Mallorca sucht man hier vergeblich.

Die ‘Orion’ vorm Strand von Sarti

Gegen Abend beruhigt sich auch wie erhofft der Schwell etwas, so dass wir nach einem Abendessen mit Blick auf das Treiben der Badenden eine halbwegs brauchbare Nacht vorm Strand von Sarti verbringen – so weit es die unverändert grausamen Temperaturen an Bord eben zulassen …

Sithonia / Dhiaporos – Koukos

Dienstagmorgen warten wir nach der Erfahrung vom Vortag erst mal etwas, bis der Wind östlicher kommt; gegen 11 Uhr können wir unsere beiden Anker aufholen und uns langsam von einer sanften Brise nur unter Klüver auf die See hinaustragen lassen. Tatsächlich dreht der Wind weiter, so dass wir bald sogar den Gennaker setzen können und erstaunlich gute Fahrt machen – eine unerwartete Freude, bei der Wettervorhersage haben wir befürchtet, auch die zweite Hälfte der Strecke bis zur Insel Dhiaporos motoren zu müssen.

Sonnenuntergang über Dhiaporos

Gegen 16 Uhr erreichen wir die enge Passage im Süden der Insel; dahinter öffnet sich ein lagunenartiger Sund mit eher geringen Wassertiefen, sandigem Grund und perfektem Schutz vor Schwell. Die Zahl der möglichen Ankerplätze ist schier endlos; wir entscheiden uns für den Strand vor Koukos an der Südseite von Dhiaporos. Die Insel ist eher flach, mit ihren Bäumen, Wiesen und rundgeschliffenen Felsen mutet sie fast etwas schwedisch an; ein paat Villen stehen darauf, sonst nichts. Wir bekommen einen schönen Sonnenuntergang geboten und genießen eine sehr, sehr ruhige Nacht.

Vourvourou, Welthauptstadt der Bootsverleiher

Den nächsten Tag beschließen wir, hier zu bleiben, und mit dem Dinghi einen Ausflug eine gute Seemeile nach Süden zum Dorf Vourvourou zu unternehmen. Hier dreht sich alles um den Wassersport: auf zwei Kilometern Länge reiht sich ein Motorboot-, Jetski- oder Kajakverleih an den anderen; so etwas wie einen Dorfkern finden wir nicht, wohl aber natürlich Restaurants, Cafés und Supermärkte zur Versorgung der zahlreichen Gäste – die, betrachtet man die Autokennzeichen, quasi ausschließlich aus den Balkanstaaten anreisen. Fremdsprachenkenntnisse scheinen dort nicht hoch im Kurs zu stehen: die junge Kellnerin im Café erstrahlt förmlich, als wir ihr ein ‘Ευχαριστώ πολύ’ schenken 🙂

Sithonia / Elia Agiou Nikolaou
Abendstimmung über der Insel Elia

Donnerstag ziehen wir ein kleines Stück weiter: ganze zwei Seemeilen geht es nach Norden durch den Sund bis zum Inselchen Elia; dahinter gibt es einen Ankerplatz von 5 bis 6 m Tiefe auf Sandgrund – und entsprechend herrlichen Farben! Das Wasser ist hier auch endlich wieder etwas klarer als an unseren bisherigen Ankerplätzen auf Sithonia, also beste Schnorchelbedingungen, wozu auch die dekorativ geformten Felsen am Ufer beitragen, in deren Spalten sich vielerlei bunte Fische tummeln. Ab und an leistet uns ein kleines Motorboot für einen Badestopp Gesellschaft, ansonsten bleiben wir allein – erstaunlich, wir finden diesen Ankerplatz noch viel besser als den letzten!

Sithonia / Paralia Lagonisi

Unsere Tagesdistanzen werden immer kürzer: es geht eine Seemeile um eine Landzunge in die Nachbarbucht; als wir in diese hineinschauen können, laden uns gleich mehrere Uferstreifen zum Ankern ein. Wir entscheiden uns ausnahmsweise mal gegen den mit dem naturbelassensten Hintergrund, denn gegenüber liegt Lagonisi, einer der schönsten Strände Sithonias.

Wasserspaß am familienfreundlichen Traumstrand: Lagonisi

Entsprechend ist hier eine Menge los, aber zur Abwechslung finden wir es auch mal ganz interessant, vor einem Badeparadies zu ankern: der Trubel am Strand, die Tretboote, die planschenden Kinder – solange die Strandbar keine unerträgliche Musik spielt (und hier hört man rein gar nichts), ist das ganz schön, sozusagen ein Strandurlaub auf Zeit.

Ankern im Farbenrausch

Und die Sandfläche, auf der wir ankern, ist sehr ausgedehnt, so dass wir mitten in einem türkisblauen Traum liegen – und schnorcheln kann man hier natürlich auch hervorragend, über den weißen Sand zu gleiten fühlt sich so schwerelos an, und über dem sich am Rand des Strandes anschließenden Felsenriff gibt es auch eine Menge zu sehen. Große Schwärme winziger Fische bewegen sich über den sonnendurchfluteten Seegraswiesen wie eine Einheit – ebenso rätselhaft wie faszinierend, wie die sich koordinieren!

Sithonia / Ormos Panagias

Am Samstag fahren wir wieder eine Bucht weiter – in Luftlinie nur wenige 100 Meter … Ziel ist die Marina Panagia, die gegenüber dem Dorf Ormos Panagias liegt. Diese ist gar nicht so klein, aber kaum auf Gäste ausgerichtet, und so sind wir froh, hier einen Platz zu bekommen, denn sowohl unsere Wasservorräte als auch unser Batteriestand brauchen etwas Nachschub; 20 Euro Liegegeld inklusive Strom und Wasser sind für griechische Verhältnisse gar nicht so wenig, aber als erste kostenpflichtige Übernachtung seit Linaria auf Skyros wohl finanzierbar 🙂

Marina Panagia

Wir fahren mit dem Dinghi zum Einkaufen über die Bucht ins Dorf, welches hauptsächlich auf Tagesfahrten zur Athos-Halbinsel ausgerichtet ist; einen Supermarkt und ein Café mit gutem Freddo und hervorrragender Portokalopita (sirupgetränkter Orangenkuchen) gibt es aber auch. Dann wandern wir noch zu einem Hofverkauf eines lokalen Olivenbauern – wir erwerben zwei Kanister Öl und einige Pfund sensationell guter Oliven zu einem Preis, der einem nach deutschen Maßstäben das Gefühl gibt, die armen Leute bestohlen zu haben …

Sithonia / Dhiaporos – Kriphtos

In der Nacht zum Sonntag kommt ausnahmsweise mal Wind auf, in der Marina liegen wir aber gut geschützt. Wir warten noch bis zum Mittag, und als es sich dann etwas beruhigt hat, legen wir ab und fahren rund drei Seemeilen zurück zur Insel Dhiaporos; diese hat an ihrer Nordseite einen fjordartigen Einschnitt von mehr als einer halben Seemeile Tiefe, welcher perfekten Schutz vor dem vom Wind aufgeworfenen Schwell verspricht.

Sturmsicher: die EInfahrt nach Kriphtos

Dem ist dann auch so, nach etwa einem Meter Wellenhöhe vor der Einfahrt liegen wir tief in der Bucht völlig still – jedenfalls was die See betrifft: es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen der kleinen Charter-Motorboote, deren Gashebel nur zwei Stellungen kennt, von denen eine mit ‘Baden’ beschriftet ist 😉 Ab 19 Uhr kehrt aber Ruhe ein, und in der Nacht teilen wir uns die geräumige Bucht mit nur einer anderen Segelyacht. Dadurch, dass erstmals seit geraumer Zeit ein paar Wolken den Himmel bedecken, ist es auch etwas weniger heiß im Boot, was die Nacht umso ergiebiger macht …

Sithonia / Dhiaporos – Agios Isidhoros

Ausnahmsweise mal halbwegs ausgeruht verlegen wir uns am Montagmorgen auf die Außenseite von Dhiaporos hinter die kleine Insel Agios Isidhoros.

Die ‘Blaue Lagune’ wird ihrem Namen gerecht

Der Sund zwischen den Inseln wird von der Tourismusbranche als ‘Blue Lagoon’ vermarktet; ganz übertrieben ist das nicht, das Farbspiel des Wassers über ausgedehnten Sandflächen ist wirklich hinreißend – wie so oft hier, die Farben sind für uns mit die tiefsten Eindrücke, die wir in der Ägäis aufnehmen.

Landschaft auf Dhiaporos

Die Landschaft auf den Inseln ist aber auch durchaus reizvoll: zwar recht trocken, aber auch Mitte Juli noch nicht völlig verdorrt, und die Hügelrücken sind mit großen, schattenspendenden Bäumen bewachsen. Wäre es nicht so heiß, könnte man hier auch ein herrliches Picknick veranstalten 🙂

Kunstwerke der Natur

Von den zahlreichen Besuchern – über den Tag besuchen uns sicher um die 100 Motorboote, jedes davon mit der charakteristischen Vollgas-Welle sowohl bei der Ankunft wie auch bei der Abfahrt – betritt aber niemand das Ufer; es ist auch wirklich zu heiß, die hier eingefügten Fotos sind teuer erkauft. Ein Rätsel ist uns, dass bei dem Aufkommen von Badenden und gut motorisierten Booten mit schlecht bis nicht ausgebildeten Bootsführern (40 PS – ‘no license required!’) das Wasser nicht eher rot als blau ist …

Athos / Amouliani – Paralia Kalopigado

Der Dienstagmorgen empfängt uns mit einem ungewöhnlichen Anblick: dicke Wolken hängen am Himmel, und es regnet einige Tropfen! Aber schon gegen 10 Uhr beginnt es aufzureißen, und bald danach stellen sich die kleinen Motorboote wieder ein: wir zählen knapp 50 in unserer Bucht!

Eigentlich wollten wir noch einen Tag bleiben, aber das ist uns doch zu voll, und außerdem ist für den Nachmittag etwas Südostwind angesagt – eine gute Gelegenheit, den Singitischen Golf zu queren und die vor der schmalsten Stelle der Athos-Halbinsel gelegene Insel Amouliani zu besuchen; hier, bei der Ortschaft Trypiti, ließ der persische Großkönig Xerxes der I. um 480 v. Chr. einen Kanal ausheben, um seine Flotte ohne den gefährlichen Umweg um den Berg Athos in den Krieg gegen die Griechen schicken zu können. Geholfen hat es ihm nichts – nach der Niederlage in der Seeschlacht bei Salamis musste er sich nach Kleinasien zurückziehen, womit die Grundlage für den Aufstiegs Athens – und letztendlich einer europäischen Kultur, wie wir sie heute kennen – gelegt war.

Die ‘Orion’ macht Strandurlaub

Am Strand von Kalopigado auf Amouliani spürt man aber wenig vom Hauch der großen Weltgeschichte: fröhliche Menschen genießen das kühle Nass (nun ja … über 30 Grad sind nicht mehr wirklich kühl), eine kleine Beach Bar serviert die Getränke an die Liegestühle. Die Charterbootquote ist dramatisch abgefallen, und überhaupt geht es hier etwas ruhiger zu als gegenüber um Dhiaporos herum – vielleicht dämpft der schwere Schatten der nahen Mönchsrepublik den Badetourismus etwas 😉

Ruhig und beschaulich: Amouliani Downtown

Am Mittwochmorgen landen wir mit dem Dinghi am Strand an und wandern ins knapp anderthalb Kilometer entfernt liegende Inseldorf, bevor die Sonne zu hoch am Himmel steht und jede Bewegung unmöglich macht; auch hier geht es ruhig zu, aber mehrere gutsortierte Supermärkte und eine Bäckerei versorgen uns mit Frischwaren für die kommenden Tage – prima!

Sithonia / Paralia Klimataria

Am Donnerstag brechen wir früh auf: für den Vormittag ist etwas Nordwind angesagt, der dann immer östlicher drehen soll, und bevor das geschieht, wollen wir ein möglichst langes Stück an der Küste von Athos entlangsegeln – in gebührender Entfernung, versteht sich, denn ein gewisser Mindestabstand ist einzuhalten. Anlanden ist streng verboten, die Mönchsrepublik darf nur nach langfristiger Voranmeldung betreten werden, der Zutritt ist auf 10 ausländische Besucher pro Tag kontingentiert, und Frauen dürfen grundsätzlich schon mal gar nicht herein. Hier ist die Zeit vor 1000 Jahren stehengeblieben …

Der Berg Athos

Von den beeindruckenden Klöstern sieht man so leider nicht besonders viel, aber der ‘Heilige Berg’ Athos selbst löst sich langsam aus seinem eigenen Schatten und bietet einen tollen Anblick, wie er so – mit spitzem Gipfel, wie ein anständiger Berg zu sein hat, und einer kleinen Wolkenkrone – über 2000 Meter steil aus dem Wasser aufragt.

Zauberhafter Abendhimmel  über Sithonia

Die angekündigte Winddrehung wird leider – wie so häufig – von einer stundenlangen, nicht angekündigten Flaute begleitet, so dass unser Tag auch nach hinten lang wird – wir müssen ja noch nach Sithonia hinüber, mangels Ansteuerbarkeit von Athos. Irgendwann haben wir uns aber auch – bei beträchtlichem, unangenehmen Schwell, der von Osten um das Ende von Athos zu kommen scheint – bis zum Strand von Klimataria in der Nähe von Sykia vorangedümpelt. Zwischen Bug- und Heckanker liegen wir ausgerichtet zum Schwell vorm Badestrand mit den üblichen Strandbars und Restaurants, genießen einen zauberhaften Abendhimmel und haben eine gute Position für die Nacht gefunden – denken wir …

Sithonia – Porto Koupho

Mitten in der Nacht dreht der Wind plötzlich wieder auf, nur aus einer neuen Richtung: er weht diagonal über den Singitischen Golf und baut binnen kürzester Zeit eine Windsee auf, die nicht zu unserer Ausrichtung passen will. Die ‘Orion’ beginnt an der Kette zu stampfen; als sich auch noch durch das fortwährende Rucken an der Kette langsam aber sicher der Anker in Bewegung zu setzen beginnt, meldet sich der Ankeralarm, und um 5 Uhr ist die Nacht endgültig vorüber. Wir schauen uns beim Morgenkaffee noch in aller Ruhe an, wie die Felsen hinter uns beharrlich näher rücken, und als es hell genug ist, beschließen wir, gleich loszufahren statt nochmal umzuankern.

Abendliche Ruhe über Porto Koupho – stilles Wasser wie auf dem Ententeich

Bedingt durch diesen unfreiwillig frühen Aufbruch runden wir schon gegen 11 Uhr das Akrotiri Sithonias und beschließen aufgrund unserer Erschöpfung, die Fahrt nicht mehr weiter als bis Porto Koupho fortzusetzen, unserem ersten Ankerplatz auf Chalkidiki vor gut zwei Wochen. Da an der Pier gerade ein Platz frei ist, gehen wir kurz längsseits, füllen unseren Wassertank und tragen größere Mengen Getränke die wenigen Schritte vom kleinen Supermarkt zum Boot – das ist doch einfacher als mit dem Dinghi! Danach suchen wir uns noch einen Platz im Ankerfeld – wir wissen nicht so genau, ob wohl noch jemand den Platz an der Pier beansprucht, und besonders geeignet ist diese für uns auch nicht mit ihren herausstehenden Moniereisen und den alten Autoreifen …

Sithonia – Stiladhari

Nach einer wie erhofft sehr ruhigen Nacht vor Anker in Porto Koupho können wir am Samstagvormittag unter Segeln aus der Bucht fahren; wie beim letzten Mal erleben wir sehr abwechslungsreiche Windverhältnisse in der Ausfahrt, sind diesmal aber besser vorbereitet: wir fahren nur unter Klüver, und müssen hinterher dankenswerterweise nicht eine halbe Stunde aufräumen unter Deck …

Blick vom Ankerplatz vor Stiladhari zurück auf Porto Koupho

Sechs Seemeilen können wir hoch am Nordost segeln, bis wir uns einen Ankerplatz vorm Strand des Ortes Stiladhari – eigentlich eher eine Siedlung von ein paar Ferienhäusern – suchen. Den Platz hatten wir erspäht, als wir vor zwei Wochen ganz in der Nähe vor Azapiko geankert haben; die Umgebung ist die gleiche, aber anders als dort gibt es keine Strandbar – Ruhe pur. Am Nachmittag wird diese etwas vom thermischen Südwind gestört, der recht kräftig einsetzt und laut die Wellen unter unser vom Heckanker fixiertes Heck schlagen lässt, aber gegen Abend legt sich dieser erwartungsgemäß wieder, und in der Nacht hört man nur das leise Rauschen der Wellen auf dem Strand. Außerdem kühlt es sich im Boot auf paradiesische 27 Grad ab – das hatten wir schon sehr lange nicht mehr!

Sithonia – Diaporti
Über kaum auszumachende Landbrücke von Diaporti sieht man herüber in die Bucht von Azapiko – die Boote liegen schon dahinter!

Die Entfernung vom Vortag können wir am Sonntag nochmal halbieren – und das ist noch erstaunlich viel, denn unseren neuen Ankerplatz kann man vom alten aus schon sehen! Um dorthin zu gelangen, müssen wir aber die Halbinsel Punta umrunden; diese ist nur durch eine umspülte Kiesbrücke mit dem Land verbunden, über welche man leicht hinwegblicken kann, und auf deren Rückseite befindet sich unser Tagesziel.

Am Nachmittag schwimmen wir herüber zu diesem besonderen Strand; die Verbindung ist so schmal, dass man mit je einem Bein in den zwei verschiedenen Buchten stehen kann 🙂 Die Sonne scheint heute wieder heißer, aber wenigstens bietet das Wasser noch etwas Erfrischung …

Sithonia / Agia Kyriaki

Montagmorgen scheint es erst mal vorbei zu sein mit dem wenigen Wind, den es zuletzt noch gab; wir müssen unseren Ankerplatz unter Maschine verlassen und stolze drei Seemeilen bis zum nächsten Ziel motoren – und das auch nur, weil einige Untiefen im Weg liegen, der direkte Weg wäre noch viel kürzer.

Unsere Ankerbucht: gut geschützt und Natur pur

In der Nähe von Agia Kyriaki haben wir vor gut zwei Wochen schon einmal geankert; damals hatten wir uns eine Bucht direkt südlich des Ortes angeschaut, diese war aber schon mit so vielen Tagesausflüglern besetzt, das wir uns nicht noch dazwischenquetschen wollten. Diesmal sieht es anders aus: um 10 Uhr ist noch niemand da, wir können uns einen schönen Sandflecken für den Buganker suchen und eine Heckleine zu den Felsen zwischen zwei kleinen Stränden ausbringen. Die kleine Bucht ist gut geschützt vor Schwell und Wind, und rundherum sieht man ausschließlich Strand, Felsen, Bäume und Buschwerk – kein Haus, keine Straße. Diese verläuft aber nur 30 Meter hinterm Strand, gut verborgen durch die dichte Vegetation, so dass wir den kleinen Supermarkt auf dem Campingplatz fußläufig erreichen können – prima!

Gleich in der Nachbarbucht liegt Agia Kyriaki

Außer uns haben nur zwei Camper am Strand ihr Zelt aufgeschlagen (ja, so etwas ist in Griechenland möglich!); später besucht uns noch eine riesige Motoryacht und beglückt uns einige Stunden lang mit dem Lärm ihres Generators, verzieht sich aber glücklicherweise am Nachmittag wieder – das hätten wir nicht die ganze Nacht 20 Meter neben der Koje haben müssen.

Blick vom Strand über unsere Ankerbucht

Wir finden es ganz bezaubernd hier, um die Felsen herum lässt es sich schön schnorcheln, und die Temperaturen sind auch halbwegs erträglich; diesbezüglich erreichen uns aber schlechte Nachrichten: nach der frühesten Hitzewelle aller Zeiten und der ausgedehntesten Hitzewelle seit langem erreicht uns nun die dritte Hitzewelle dieses Sommers (die Unterbrechungen fanden wir eher schwer auszumachen). Diese wird als schlimmste Hitzewelle seit 34 Jahren angekündigt: bis 44 Grad sind fürs kommende Wochenende angesagt! Das kann heiter werden …

Kelyfos
Die ‘Schildkröte’ Kelyfos

Aufgrund der grausigen Wetteraussichten beschließen wir, uns so lange es geht noch zu schonen, und bleiben ganze drei Nächte in der Ankerbucht, die wir als eine der schönsten auf Chalkidiki empfinden. Am Donnerstag geht es dann aber doch weiter, schließlich sind es noch rund 70 Seemeilen bis Thessaloniki, wo wir am Sonntag eintreffen möchten; wir verlassen Sithonia und fahren zur 5 Seemeilen vorgelagert liegenden Insel Kelyfos, die wegen ihrer Form auch als die ‘Schildkröte’ bezeichnet wird – eine durchaus zutreffende Assoziation, wie wir finden.

Die bizarr geformten Felsen sind auch unter Wasser sehenswert

Wir finden einen Ankerplatz auf der Nordwestseite vor einer bizarr geformten Felsenküste, leider nur auf recht großer Wassertiefe von knapp 20 Metern – für schlechteres Wetter wäre das nichts, aber davon kann ja keine Rede sein. Das Schnorcheln um die zerklüfteten Felsen ist besonders schön – einerseits, weil das Wasser hier draußen noch etwas klarer als an der Küste von Sithonia ist, andererseits auch, weil es ein bis zwei Grad kälter ist 🙂 So weit ist es also schon gekommen, dass wir uns nach kälterem Wasser sehnen …

Kassandra / Nea Potidaia

Am Freitag warten wir erst mal bis nach 11 Uhr, bevor wir die ‘Schildkröte’ verlassen; um diese Zeit kommt meist etwas thermischer Südwind auf, und den wollen wir nutzen für unsere Fahrt bis zum Ende des Toronäischen Golfs. Hier, bei der Ortschaft Nea Potidaia aus der Halbinsel Kassandra, gibt es einen Kanal hinüber in den Thermaischen Golf, und den wollen wir passieren.

Unter Gennaker nach Kassandra

Erst mal liegen aber 20 Seemeilen vor uns; glücklicherweise ist der mit 6 bis 8 Knoten wehende Südwind zwar recht schwach, aber sehr beständig, und die See ist ziemlich glatt, so dass wir den Gennaker setzen können und mit um die 3 Knoten sanft dahingleiten – ein sehr schönes Segeln ist das! Dabei zieht die Küste von Kassandra vorbei; der westlichste ‘Finger’ von Chalkidiki ist deutlich flacher als Sithonia (von Athos ganz zu schweigen) und verfügt über ausgedehnte Strände, aber einen eher wenig strukturierten Küstenverlauf.

Nea Potidaia / Kassandra: nichts als kilometerweise Strand

Etwas verleidet wird einem der Tag nur durch die Temperaturen: die vergangene Nacht war schon unerträglich und schlaflos, und den ganzen Tag suchen wir auch nur verzweifelt nach Schatten (wozu ein Gennaker bei Südwind keinen wertvollen Beitrag leistet, der wirft seinen Schatten voraus ins Wasser). Aber immerhin müssen wir nicht nur motoren (was wir schon befürchtet hatten), und erreichen gegen 18 Uhr den Strand von Nea Potidaia, wo wir ankern, um die Passage des Kanals am kommenden Morgen bei Windstille angehen zu können.

Akra Epanomis

Am letzen Tag des Monats Juli geht es früh los – geschlafen haben wir wegen der Hitze ohnehin praktisch gar nicht, und da können wir auch gleich die Zeit direkt nach Sonnenaufgang nutzen, wo es noch nicht so heiß ist.

Der Kanal von Nea Potidaia

Wind weht auch keiner, und das passt uns ganz gut für die als erstes anstehende Querung des Kanals von Nea Potidaia. In Norwegen wäre die Passage einer 17-Meter-Brücke völlig alltäglich, hier aber ist es die einzige Brücke weit und breit – und die Angaben in den nautischen Veröffentlichungen zu Durchfahrthöhe und Kanaltiefe sind spärlich (um es vorsichtig auszudrücken).

Sieht schlimm aus, aber passt!

Es ist also die schlechte Informationslage, die uns etwas nervös sein lässt: ist die Brücke richtig vermessen? Ist der Kanal nicht versandet und ewig nicht mehr gebaggert? Also tasten wir uns gaaanz langsam an das Bauwerk heran – und siehe da, die Antenne im Masttopp flutscht ohne Berührung unter der Brücke hindurch, und auch nach unten haben wir nie weniger als einen guten Meter Wasser unter dem Kiel – sehr schön!

Nach der Passage macht sich nun die Abwesenheit von Wind eher störend bemerkbar: wir müssen erst mal stundenlang motoren, bis wir gegen Mittag für einige Stunden segeln können, allerdings so langsam, dass wir in dieser Zeit kaum ein Viertel der Gesamtstrecke von 28 Seemeilen zurücklegen. Wir erreichen gegen 18 Uhr das Kap von Epanomi – eine lange Landzunge aus reinem Sand, die sich immer schmaler werdend in die See streckt und noch über eine weitere Seemeile in Untiefen ausläuft; dahinter ankern wir für die Nacht.

Wildcamperparadies: Akra Epanomis

Für die Schifffahrt ein Hindernis, für die Camper ein Traum: über Kilometer ist der Strand übersät mit Autos, Caravans und Zelten – anders als in Deutschland darf man hier offenbar einfach irgendwo in der Natur sein Zelt aufschlagen (oder falls man es nicht darf, stört sich niemand daran). Bei den herrschenden Temperaturen sicher eine rettende Zuflucht für viele Menschen aus der nahen Großstadt …

Thessaloniki
Nimmt den ganzen Horizont ein: Thessaloniki

Am Sonntag den 1. August machen wir uns auf zum letzten Seeschlag vor der Sommerpause; 16 Seemeilen sind es bis zur Marina Aretsou bei Thessaloniki, wo wir einen Liegeplatz für  den August reserviert haben – wir fahren komplett unter Maschine, es gibt einfach keinen Wind. Auf den letzten Meilen schält sich langsam die mit 325.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Griechenlands (man beachte den Abstand zu Athen mit seinen 5 Millionen- halb Griechenland wohnt in der Hauptstadt!) aus dem Dunst – so eine große Stadt haben wir lange nicht mehr gesehen!

Die Aufnahme in der Marina ist sehr freundlich, wir sind nur erstaunt, wie wenig los ist – von den 260 Liegeplätzen sind vielleicht 60 belegt. Wir erfahren aber, das die meisten Plätze vermietet sind – die Boote sind wohl wegen der Corona-Situation gar nicht erst ins Wasser gekommen dieses Jahr …

Montag stehen erst mal Bootsarbeiten an: Motor- und Batterieservice, großes Aufräumen, Vorratseinkäufe (es gibt einen Lidl in anderthalb Kilometern Entfernung!) und nach 10 Monaten brauchen wir auch mal wieder Treibstoff: ein Kleinlaster von der Tankstelle bringt uns ohne Aufpreis 300 Liter Diesel, und wir sind wieder mal erfreut, wie gut das klappt – überteuerte Bootstankstellen hat und braucht hier niemand. Außerdem ergreifen wir überlebensnotwendige Maßnahmen: wir buchen uns für drei Nächte in ein Hotel direkt an der Marina ein, stellen die Klimaanlage auf Maximalleistung und bekommen erstmals seit zwei Monaten wieder Luft in der Nacht …

So gestärkt, trauen wir uns am Dienstag in die Stadt – für 90 Cent mit dem Bus, der alle paar Minuten fährt, bequem zu erreichen. Thessaloniki wurde 315 v. Chr. vom makedonischen König Kassandros gegründet; benannt nach seiner Frau, einer Halbschwester Alexanders des Großen – und der begegnet einem natürlich überall in der Stadt. Menschen lebten hier allerdings schon viel länger: in der Nähe wurde der Schädel eines frühen Hominiden gefunden, der mindestens 200.000 Jahre alt sein soll.

‘Aléxandros o Mégas’

Der große Alexander zog aus, um die Bedrohung des Kleinstaates Makedonien durch das übermächtige Perserreich zu beenden – und tat dies so gründlich, dass er mit seiner Armee den indischen Subkontinent erreichte, bevor er umkehrte. Dafür, dass er im Alter von 33 Jahren verstarb, hat er einen beachtlichen Einfluss auf die Weltgeschichte gehabt: mit ihm begann die dreihundertjährige Zeit des Hellenismus, die erst mit der römischen Eroberung endete und letztlich die Grundlage unserer heutigen europäischen Kultur darstellt.

Der ‘Weiße Turm’, das Wahrzeichen der Stadt

Die heutige Stadt zeigt noch einige archäologische Spuren aus dieser Zeit, ferner natürlich die Großbauten der römischen Periode, und aus der sich daran anschließenden byzantinischen Zeit hauptsächlich Kirchenbauten, welche die ältesten erhaltenen christlichen Kirchen überhaupt sind. Mit der Eroberung von Byzanz durch die Ottomanen 1430 begann eine fünfhundertjährige Periode, aus der leider nicht mehr viel erhalten ist, da ein Großfeuer 1890 große Teile der Stadt verwüstete. Was heute den Kernbereich der Stadt darstellt sind daher größtenteils recht gesichtslose Zweckbauten der Nachkriegszeit – architektonisch wahrlich keine Perlen. Dazwischen läuft man größere Distanzen zwischen den archäologischen Stätten und historischen Gebäuden – bei weit über 40 Grad im Schatten eine ziemliche Tortur.

Im archäologischen Museum

Unser Plan, den Nachmittag zur ‘Erholung’ im klimatisierten archäologischen Museum zu verbringen, geht auch nicht so recht auf: wenn man sich halb tot endlich in die mäßig kühlen Räume geschleppt hat und dann drei Stunden durch die Maske atmen muss, ist man vom Regen in die Traufe gelangt …

Interessant ist es dennoch, im Museum wie auch ansonsten in der Stadt: den Mangel an architektonischer Schönheit kompensiert Thessaloniki durch eine freundliche Stimmung, ein umwerfendes kulinarisches Angebot und eine tolle Lage mit ständigem Meerblick! Wenn es doch nur nicht so entsetzlich heiß wäre … Wir gönnen uns noch ein leckeres Abendessen im alten Hafenviertel Ladadika, bevor wir ins rettende, klimatisierte Hotelzimmer zurückkehren.

Am Mittwoch den 4. August bereiten wir die ‘Orion’ für ihre Zeit allein in der Marina Thessaloniki vor – nochmal ein schlimmer Tag bei extremen Hitzewerten. Als wir Donnerstagmorgen den klimatisierten Flughafen erreichen, sind wir wirklich froh, dies erst mal hinter uns lassen zu können.

Kassandra / Nea Potidaia

Vier Wochen später ist es mit gut 30 Grad immer noch warm in Thessaloniki, aber kein Vergleich zur Hitze im Juli: man kann sich noch bewegen, und vor allem kühlt es in der Nacht vernünftig ab. Wir verbringen einen etwas stressigen Nachmittag, weil wir das Boot unbedingt bis zum Donnerstagmorgen abreisefertig haben wollen, da ist nämlich guter Nordwestwind angesagt!

Bei aufgewühlter See bleibt Thessaloniki hinter uns zurück

Den gibt es auch, sogar etwas mehr als erwartet: mit 6 bis 7 Windstärken weht es über die Bucht von Thessaloniki, und die ‘Orion’ fliegt – nur unter Klüversegel – mit gut 6 Knoten Fahrt nach Süden! In Windeseile erreichen wir das Kap von Epanomis und beschließen, dass wir auch gleich den Rest der Strecke bis Kassandra noch schaffen können 🙂

Der Olymp, Wohnsitz der antiken Götter

Der Wind dreht etwas mit und bleibt uns auch am Nachmittag noch mit Stärke 4 bis 5 erhalten, so dass wir vor 19 Uhr nach 42 Seemeilen den Kanal von Nea Potidaia erreichen. Pünktlich dazu schläft der Wind zunächst ein und dreht dann auf Südost, so dass wir auf der Westseite der Kanalmündung ankern können. Wir bekommen zum Ende dieses sehr schönen Segeltags auch noch einen tollen Sonnenuntergang geboten; danach zeichnet sich am feuerroten Abendhimmel deutlich der Umriss des knapp 3000 Meter hohen Olymp-Massivs ab, welches man den ganzen Tag nur am Horizont erahnen konnte – so wünschen uns Zeus & Co. noch eine gute Weiterreise! 🙂

Sithonia / Porto Koupho

Am Freitag ist unser Windglück aber vorbei: zunächst motoren wir in der Morgenflaute durch den Kanal, der jetzt bei der zweiten Passage nicht mehr so spannend ist – wir vertrauen mal darauf, dass er nicht in 5 Wochen völlig versandet ist. Danach will sich aber der angekündigte Ostwind nicht einstellen; erst am späten Vormittag frischt es auf, aber aus Südost statt Ost: genau unsere Fahrtrichtung.

Noch einmal in Porto Koupho

Wir wollen bis zum Ende Sithonias, und das ist kreuzend nicht zu schaffen, also muss stundenlang der Motor ran. Zu allem Überfluss baut sich eine kurze und steile Welle auf, und den Strom haben wir auch noch gegen uns, so dass wir zeitweise kaum noch 2 Knoten über Grund schaffen … entsprechend genervt sind wir, als wir nach über 10 Stunden endlich das gerade mal 35 Seemeilen entfernte Porto Koupho erreichen; wir ankern diesmal am Südende der Bucht, um am nächsten Tag gleich wieder herausfahren zu können; ein gutes Abendessen und die herrliche Abendstimmung über der Bucht bauen uns aber wieder etwas auf, und die hervorragend geschützte Bucht schenkt und eine ruhige Nacht vor Anker.

 

 

 

 

Nördliche Sporaden (17.06. – 07.07.)

Skyros / Ormos Renes
Skyros voraus!

Nachdem uns am Ende der Kaphireas-Straße der Wind verlassen hat, motoren wir die ganze Nacht gen Norden über die spiegelglatte See; etwa 60 Seemeilen sind es bis Skyros, der südlichsten Insel der Nördlichen Sporaden. Mit Sonnenaufgang zeichnet sich die Insel mit ihren sanft geschwungenen Formen am Horizont ab; beim Näherkommen sehen wir Büsche und Bäume – aber keinerlei Straßen oder Häuser. Dafür riechen wir etwas: der Rest des nächtlichen Landwindes weht uns einen intensiven Kräuterduft entgegen! Aber über zwei Seemeilen, das kann doch eigentlich gar nicht sein …

Ormos Renes, der Kräutergarten von Skyros

Doch als wir in der einsamen und wild-romantischen Bucht Ormos Renes den Anker geworfen haben, erkennen wir die Ursache: die gesamten umgebenden Hügel sind mit Thymian- und Salbeipflanzen bedeckt! Nicht hier und da eine, wie es hier ja häufig vorkommt, sondern wirklich Abertausende, mehrere Quadratkilometer Kräutergarten! Als dann auch noch wilde Ponys am Strand auftauchen, sind wir endgültig überzeugt, den richtigen Ankerplatz ausgesucht zu haben 🙂

Pinien und Olivenbäume bestimmen die Landschaft

Wir erholen uns von der schlaflosen Nacht beim Schnorcheln, Sonnenbaden und Grillen; und auch den folgenden Tag bleiben wir gerne noch hier und unternehmen eine mehrstündige Wanderung durch die Umgebung (wobei wir feststellen, dass die Kräuterdichte langsam auf ein ‘normales’ Niveau absinkt – so extrem ist es nur um unsere Bucht herum; zahllose Bienenvölker wissen das ebenfalls zu schätzen, rundherum summt es überall).

Am Abend gibt es leider noch eine unschöne Überraschung, die so gar nicht zum gelungenen Tag passen will: die Bordtoilette versagt den Dienst. Bis zwei Uhr in der Nacht dauern die Reparaturarbeiten an, in deren Verlauf sich herausstellt, dass die Toilette selbst unschuldig ist, im Zweiwegehahn vorm Abwassertank lag eine Verstopfung vor – nun, wenn man Segler so erzählen hört, muss wohl jeder mal durch diese berühmt-berüchtigte Reparatur durch …

Skyros / Linaria

Am Samstag sind wir also schon wieder etwas übernächtigt, als wir nach 10 Seemeilen Motorfahrt (der Wind scheint sich in dieser Gegend nicht mehr blicken lassen zu wollen) die Marina von Linaria erreichen; über diese haben wir aus diversen Quellen nur das Allerbeste gehört, es sei die bestgeführte Marina Griechenlands.

Der Hafen von Linaria

Wir haben nun bislang nur Kalamata zum Vergleich (Marinas in unserem Sinne gibt es ja hier nicht gerade an jeder Ecke), können aber den Eindruck schnell nachvollziehen: der Hafen ist klein und von einem sehr hübschen Örtchen mit Cafés und Restaurants (aber ohne lärmende Partyschuppen!) umgeben, der Hafenmeister ist äußerst nett und hilfsbereit, es gibt Duschen (allein schon bemerkenswert genug!), und deren Zustand ist äußerst landesuntypisch: voll funktionsfähig, perfekt und ansprechend gefliest, und das Wasser fließt dahin ab wo es hingehört 😉 Zwischen 19 und 20 Uhr gibt es ein besonderes Erlebnis: Licht aus, Diskokugel an, und 80er-Jahre-Hits aus der Musikanlage – klingt schräg, ist es auch, aber total nett und lustig! Und das Gesamtpaket gibt es inklusive Strom, Wasser und WLAN für knapp 19 Euro pro Tag – bezieht man das Preis/Leistungs-Verhältnis mit ein, würden wir auch von der besten Marina des Mittelmeers sprechen!

Überhaupt hat man hier einen Sinn für schrägen Humor: wenn sich die (im Besitz der Inselgemeinde befindliche) Fähre nähert, schallen dramatische Fanfaren von Richard Strauss (den meisten aus Stanley Kubricks Film ‘2001’ bekannt) aus den Lautsprechern … wir amüsieren uns köstlich!

Das Kastro von Skyros – und da sollen wir hoch?

Am Sonntag wollten wir gerne die Insel mit dem Mietwagen erkunden, doch leider ist bei allen 6 Autovermietungen nichts mehr zu bekommen: es ist Pfingsten (orthodoxer Kalender!), und da platzt die Insel vor griechischen Besuchern aus allen Nähten. Also machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg in die 10 Kilometer entfernte Chora – bergauf und bergab unter sengender Sonne!

Aber die Aussicht belohnt für die Mühe!

Aber der Ausflug lohnt sich, die weißen Häuser mit ihren zum Teil winzigen Treppen und Gassen, die sich die steilen Hänge des Burgbergs heraufziehen, sind wirklich ein Erlebnis, und vom Kastro aus hat man eine überwältigende Aussicht über den Ort, die Berge und die Nordküste der Insel – nachdem man wieder zu Atem gekommen ist nach dem Aufstieg …

In der Chora …

In den breiteren Straßen der Altstadt, in denen sich auch die Geschäfte und die Gastronomie befinden, ist auch entsprechend viel los – aber unangenehm voll ist es noch nicht, und sobald man in die Seitenstraßen geht (speziell bergauf!) ist man schnell allein; auch bis hoch auf die Burg verlaufen sich nur wenige Touristen.

… ist eine Ecke schöner als die andere

Wir freuen uns jedenfalls, die Strapazen der Radtour auf uns genommen zu haben, können auch in den kleinen Geschäften noch frisches Obst erstehen und erholen uns in einem reizenden Café bei einem Freddo Cappuccino, dem griechischen Sommergetränk Nr. 1. Gerne wären wir auch noch in die Bergregionen gefahren, aber mit dem Fahrrad ist das einfach keine Option kurz vor der Sommersonnenwende: zwar erreicht die Sonne hier ‘nur’ eine Mittagshöhe von etwa 75°, aber das fühlt sich schon ganz schön senkrecht an!

Skyros / Paralia Pevkos

Da sich auch am Montag keine Entspannung an der Mietwagenfront abzeichnet und uns die Nächte im – ja ansonsten ganz tollen! – Hafen von Linaria zu stickig sind, verholen wir uns drei Seemeilen vor den nächsten Strand zum Ankern – wieder unter Motor, es will einfach kein Wind aufkommen.

Schön grün: Paralia Pevkos

Der Strand vom Pevkos ist etwas abgelegen, dementsprechend selbst am Feiertag nicht sehr überlaufen; es gibt eine Taverna und ein Café, einige Sonnenschirme mit Liegen, und das war’s – abgesehen von der herrlich grünen Umgebung! Endlich mal wieder Bäume – die umgebenden Hügel sind saftig grün, mit pinkfarbenen Oleanderflecken durchsetzt, und bilden einen reizvollen Farbkontrast zu den beige-rot-braunen Felsen. Das Wasser geht auf 28 Grad, und ist bei doch ziemlicher Hitze der vorzuziehende Aufenthaltsort; hier warten wir erst mal auf Wind …

Ab Dienstag leistet uns dabei die ‘Aino’ aus Finnland Gesellschaft, die wir schon auf Andros kennengelernt haben; wir verbringen nette Stunden miteinander und warten ansonsten auf Wind und Abkühlung – beides vergeblich. Am Freitag gibt die ‘Aino’ auf und verlässt Skyros unter Motor; wir haben noch genug von der letzten langen Motorfahrt und wollen weiter abwarten, verholen uns aber noch einmal in den netten Hafen von Linaria, um Einkäufe zu ergänzen – wenn es doch nur nicht so heiß wäre, es wird mit jedem Tag schlimmer, mittlerweile sind es am Abend fast 38 Grad unter Deck, und bei völliger Flaute ist es unmöglich, in der Nacht einen nennenswerten Luftaustausch zu erzielen – das macht keinen Spaß!

Skyros / Ormos Oros

Ab Samstag ist eine langsame Windzunahme angekündigt; wir visieren den Montag zum endgültigen Verlassen von Skyros an und wollen und bis dahin in kleinen Schritten von Ankerbucht zu Ankerbucht vorarbeiten. Nach dem Verlassen des Hafens weht es tatsächlich mit rund 10 Knoten – nicht viel, aber nach den letzten 10 Tagen schon eine Sensation! Natürlich exakt auf die Nase, aber es ist ja nicht weit, also beschließen wir zu kreuzen; leider dreht der Wind in den kommenden drei Stunden langsam mit, so dass wir unserem Ziel noch nicht ernsthaft nähergekommen sind, als urplötzlich der Wind auf mittlere 25 bis 30 Knoten auffrischt – damit hat nun niemand gerechnet! Das Boot ist nach ewigem Flautengedümpel nicht unbedingt auf 7 bis 8 Windstärken eingerichtet (vorsichtig ausgedrückt …), uns fliegen alle möglichen Dinge um die Ohren, und so starten wir doch den Motor und stampfen die letzten zwei Seemeilen im Schneckentempo gegen die plötzlich aufgewühlte See – das hätten wir auch drei Stunden früher bei viel weniger Wind mit deutlich mehr Fahrt haben können!

So viel Grün haben wir lange nicht gesehen: Ormos Oros

So erreichen wir das eigentlich nur 5 Seemeilen entfernte Ziel Ormos Oros an der Nordwestküste von Skyros nach gut 11 Seemeilen Fahrt in vier Stunden, von denen anderthalb der Motor lief – eine desaströse Bilanz für den ersten Segeltag seit langem! Aber unser Ankerplatz tröstet uns darüber hinweg: hier wächst üppiger Wald, hohe Klippen ragen aus türkisblauem Wasser, Marmorfelsen leuchten blendend weiß aus dem satten Grün – und das völlig ohne Straßenzugang und Spuren menschlichen Wirkens! Ein ganz toller Ankerplatz, der auch so guten Schutz vor dem unverändert blasenden Starkwind bietet, dass sich unmittelbar unter den Klippen die Windrichtung umkehrt und eine sanfte Brise in die Bucht hineinweht. Wir sind froh, diese Bucht nicht verpasst zu haben!

Skyros / Skyropoula

Sonntag geht es wieder ein kleines Stück weiter: 6 Seemeilen sind es bis zu der vorgelagerten Insel Skyropoula. Diesmal klappt es besser mit dem Segeln: wir können unter Klüver den Anker lichten und die ganze Strecke bis zum Einlaufen in die angepeilte Bucht bei 12 bis 15 Knoten halbem Wind auch nur unter Vorsegel zurücklegen – bequem und dennoch halbwegs zügig. Aus der Nähe erweist sich auch das aus größerer Entfernung recht felsig wirkende Skyropoula als recht grün, auch wenn es hier eher Buschwerk als Bäume gibt. Aber dann der Blick in die Bucht: endlos viel rein weißer Sandgrund, der dem Wasser eine hinreißende Farbe verleiht!

Schorchelparadies: die Bucht Limani auf Skyropoula

Die Ufer bestehen aus stark zerklüfteten Felsen – ein Paradies zum Schnorcheln, wie wir wenig später feststellen dürfen: viele bunte Fische beleben die bizarr geformte Unterwasserwelt, zahllose Seeigel bewohnen die Unterwasserhänge; und auf einem kleinen Stück tief in der Bucht weichen sogar die Felsen zurück und der feine Sandgrund reicht bis zum Strand. Schon die zweite Ankerbucht in Folge ein Volltreffer!

Die Sonne brennt zwar  unverändert unbarmherzig vom Himmel, aber der leichte Wind hält sich den ganzen Tag und macht das Leben etwas erträglicher – wenigstens geht Luft durchs Boot …

Skantzoura / Prasso

Am Montagmorgen verlassen wir den Skyros-Archipel, nachdem wir seit 10 Tagen dem dafür angekündigten Wind entgegengesehen haben. Aber die Realität bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück: statt der angekündigten 9 Knoten Nord gibt es 5 Knoten Nordwest – also zu wenig und auch noch genau gegenan! Natürlich kreuzen wir tapfer auf; als wir aber nach 6 Stunden auf See ganze 7 Seemeilen in die richtige Richtung gutgemacht haben, müssen wir einsehen, dass es so nicht weitergehen kann – bis Alonnisos sind es noch 25 Seemeilen … also muss schon wieder der Motor ran.

Abendstimmung auf Skantzoura

Weitere drei Stunden später sind wir vom Lärm so zermürbt, dass wir beschließen, eine Übernachtung auf der Skantzoura-Inselgruppe einzulegen; diese gehört zu einem Naturschutzgebiet, und eigentlich ist Ankern dort nur tagsüber erlaubt. Da wir aber gründlich die Nase voll vom Motoren haben und außerdem den Sinn dieser Einschränkung nicht wirklich erkennen können, beschließen wir, erst mal bis Sonnenuntergang zu ankern und zu sehen, ob uns jemand vertreiben kommt – was natürlich nicht der Fall ist. Wir verbringen also eine ruhige Nacht vor dem Inselchen Prasso und brechen gleich am nächsten Morgen wieder auf.

Alonnisos / Marpounda

Endlich meint es der Wind etwas besser mit uns: zwar ist er mit 6 bis 8 Knoten immer noch recht schwach, aber er weht halbwegs beständig und kommt aus Nordost (wie es hier eigentlich vollkommen normal ist). Außerdem gibt es praktisch keinen Schwell, so dass selbst mit dem wenigen Wind der Gennaker problemlos steht und wir zwei bis drei Konten Fahrt machen können – nicht schnell, aber wunderschön ruhig und entspannt!

Sehr entspannt geht es nach Alonnisos

So kommt man auch zum Ziel, und gegen Mittag liegt die Passage zwischen den Inseln Skopelos und Alonnisos vor uns. Gleich hinter der Südwestspitze von Alonnisos finden wir einen hübschen Ankerplatz direkt an einer farbenprächtigen Steilküste mit einem kleinen Strand davor und weißen Ferienhäusern zwischen den Bäumen – wir fühlen uns etwas an die Algarve erinnert. Das Wasser hat 29 Grad, und – wie eigentlich inzwischen jeden Tag – springen wir erst mal herein. Die felsigen Ufer bieten reichlich Lebensraum für Fische, wir schwimmen inmitten von Schwärmen hunderter Minifische, und in größerer Tiefe stehen auch zahlreiche größere Exemplare; nur wie wir die auf unseren Teller bekommen sollen wissen wir leider nicht …

Ankern, wo andere Urlaub machen: Marpunda / Alonnisos
Skopelos

Am letzten Tag des Monats Juni verlassen wir Alonnisos auch schon wieder – aber nur vorübergehend; wir wollen und die westliche Nachbarinsel Skopelos anschauen, und da zum Wochenende Westwind angesagt ist, sollten wir vorher dort hinsegeln, um dann mit Rückenwind nach Alonnisos zurückkehren zu können.

Einladend: Skopelos begrüßt seine Gäste

Eigentlich verspricht die Wettervorhersage auch für den Hinweg noch schwachen Rückenwind, praktisch ist es aber sehr schwacher Gegenwind, so dass wir zwar noch unter Segeln den Anker aufholen können, aber nach einer guten halben Stunde aufgeben und den Motor starten müssen. Wenigstens ist es nicht weit, nach 6 Seemeilen laufen wir in den geräumigen Hafen des Hauptortes von Skopelos ein, der praktischerweise genauso heißt. Der Anblick von See ist einladend: zwischen grünen Bergflanken schmiegen sich die weißen Häuser des Ortes an die Hänge über dem Hafen. Platz genug gibt es auch – allerdings ist es gut, dass wir so früh sind, später am Tag wird sich der Hafen mit einer Unmenge riesiger Charteryachten füllen.

Lichte Wälder lassen einen in der Hitze durchatmen

Für den Donnerstag mieten wir uns ein Auto – um die Insel zu erkunden natürlich, aber der Nebeneffekt, einige Stunden die Klimanlage genießen zu dürfen, spielt auch eine gewisse Rolle; es ist einfach unerträglich heiß (der sehr nette junge Mann von der Autovermietung bestätigt einmal mehr: nein, normal ist das nicht, selbst im August wäre das noch außergewöhnlich, so heiß wird es normalerweise nicht – da haben wir ja mal wieder richtig Glück gehabt!). Verfahren kann man sich schwerlich, es gibt nur eine Hauptstraße, die die verschiedenen kleineren Orte der Insel verbindet.

Postkartenmotiv: Küste bei Amarandos

Wir sind zunächst einmal begeistert von den waldigen Bergen, durch die wir fahren: so einen richtigen Wald haben wir lange nicht gesehen! Einigen Stichstraßen folgen wir zu besonders spektakulären Küstenlandschaften, Stränden oder Sehenswürdigkeiten – dazu ist anzumerken, dass auf Skopelos 2008 Teile des Musicalfilms ‘Mamma Mia!’ gedreht wurden, und diese Drehorte üben offenbar eine gewaltige Anziehungskraft auf internationale Besucher aus; an der Kapelle Agios Ioannis ist es noch nicht einmal mehr möglich, einen Parkplatz zu finden.

Toll gelegen, aber zu voll: Agios Ioannis

Wir machen fortan einen Bogen um diese Rummelplätze und genießen die 99% der Insel, die still und beschaulich sind – und ebenso schön. Besonders die Wälder haben es uns angetan; nahe des nördlichen Inselendes lassen wir das Auto stehen und wandern eine Stunde einen Küstenweg entlang zum Leuchtturm von Gourdouni, immer abwechselnd durch Wald und offene Abschnitte – mit dem leichten Seewind lassen sich auch diese aushalten.

In Loutraki

Auch die Dörfer sind sehenswert; wir besuchen Glossa und Loutraki, wo wir uns in einem netten Café erholen. Dort kommt ein Polizist an unseren Tisch und bittet sehr freundlich darum, das Auto umzuparken – wir haben ein gut verstecktes Halteverbotsschild übersehen; der Beamte entschuldigt sich fast dafür, dass es da steht. In Deutschland hätte man das Problem mit einem Strafzettel gelöst …

In der Chora

Die Altstadt des Hauptortes besticht wie üblich durch schattige Gassen und weiße Häuser mit überquellender Blütenpracht. Bei den herrschenden Temperaturen zeigen sich die Vorteile dieser Architektur: zwischen den Häusern ist es vergleichsweise kühl, und es geht immer ein leichter Windhauch. Ganz anders an Bord: am Abend sind es 40 Grad unter Deck, und auch als gegen Mitternacht endlich der angekündigte Westwind einsetzt, gibt es eher eine böse Überraschung: dieser ist noch heißer, die Temperaturen steigen wieder! Völlig absurd, um zwei Uhr in der Nacht in kräftigem Wind von 20 Knoten zu stehen, der glühend heiß aus einem riesigen Fön zu kommen scheint …

Alonnisos / Chrisi Milia

Völlig übernächtigt verlassen wir am frühen Freitagmorgen den Hafen von Skopelos – es soll am Vormittag noch etwas Nordwestwind geben, und den wollen wir nutzen.

Abwechslung am Ankerplatz: weiße Klippen vor Chrisi Milia, …

Tatsächlich weht auch eine leichte Brise, die sich in der Passage zwischen den Inseln sogar noch etwas verstärkt. Da wir nicht weit kommen müssen, können wir nur unter Klüver langsam dahingleiten, bis wir gegen Mittag nach 10 Seemeilen unser Ziel erreichen, die Ankerbucht vor Chrisi Milia auf Alonnisos. Diese ist von weißen Klippen umgeben, an deren Saum es sich hervorragend schnorcheln lässt – und das Wasser ist erfreulicherweise ‘nur’ 28 Grad warm, so dass man sich sogar etwas darin abkühlen kann 🙂

Alonnisos / Kokkinokastro

In der Nacht ziehen Gewitter über die nördliche Ägäis; wir bekommen davon auf Alonnisos nichts mit, aber die Luft kühlt sich etwas ab – welch unbeschreibliche Wohltat! Erstmals seit Wochen können wir eine Nacht richtig schlafen – leider ist aber laut Wettervorhersage das Vergnügen nicht von Dauer, die nächsten Nächte sollen schon wieder stetig wärmer werden.

… rote Klippen vor Kokkinokastro, …

Wir beschließen, den Tag zur Erholung zu nutzen, und fahren nur eine Viertelstunde unter Motor um die Ecke in die übernächste Ankerbucht (ja, kein Tippfehler: auf einer Strecke von 1.2 Seemeilen haben wir eine weitere Ankermöglichkeit auf ausgedehnten Sandflächen vor langem Strand links liegen lassen), um eine etwas andere Aussicht genießen zu können: hier sind die Klippen rot! Abgesehen davon ist das Programm identisch: schwimmen, schnorcheln, gekühlte Melone essen, und ansonsten vor der Sonne verstecken so gut es eben geht …

Peristera / Paralia Vasiliko
… und auf Peristera alles im grünen Bereich

Sonntag kommt tatsächlich ein wenig Wind auf; diesen lassen wir nicht ungenutzt, und segeln die beeindruckende Strecke von 5 Seemeilen auf die direkt östlich von Alonnisos liegende Insel Peristera. Der Ankerplatz vorm kleinen Strand von Vasiliko hat relativ tiefes Wasser, wir müssen auf fast 15 Metern Tiefe ankern, da der einzige Platz näher am Strand bereits von einem Motorboot besetzt ist; das hat den Nachteil, dass man beim Schnorcheln den Grund kaum mehr erkennen kann, halten tut das Grundgeschirr aber auch hier bestens. Am Nachmittag füllt sich die Bucht weiter: zwei Segler und zwei Charterkatamarane leisten uns Gesellschaft. So voll haben wir es ja schon lange nicht mehr erlebt! Aber es sind ruhige Zeitgenossen, und so verbringen wir einen entspannten Abend in grüner Umgebung.

Alonnisos / Steni Vala

Am Montag hat es sich mit dem Wind wieder völlig erledigt; das ist uns aber mal ganz recht so, denn unser Tagesziel liegt nur gut zwei Seemeilen entfernt genau gegenüber auf Alonnisos, und gilt als ziemlich problematisch in der Ansteuerung, da möchten wir nicht bei viel Wind reinfahren: der kleine Fischerhafen von Steni Vala hat vorm Kai nur sehr unzureichende Wassertiefen. Die großen Charterboote, die hier mit Buganker und Heck voraus anlegen, müssen mindestens zwei Meter vorm Ufer aufstoppen, sonst bohrt sich die empfindliche Ruderanlage in die Felsen; ein unmögliches Manöver, wenn nicht jemand an Land die Leinen fängt, denn springen kann so weit niemand.

Der nette, aber nicht sehr tiefe Fischerhafen von Steni Vala

Wir sind sehr froh um die klassische (um das Wort ‘altmodisch’ zu vermeiden) Rumpfform der ‘Orion’ und ihre Skandinavienausrüstung: völlig entspannt lassen wir den Heckanker fallen und schieben den endlos langen Bug bis über die Kaimauer. So ein undramatisches Anlegemanöver sieht man hier nicht alle Tage – wer weiß, wie viele Kautionen dieser Hafen schon gekostet hat!

Der winzige Ort besteht nur aus ein paar Cafés und Restaurants, die sich auch auf die Versorgung von Seglern spezialisiert haben: es gibt einen gut sortierten Supermarkt, und man kann sich an eine garantiert nicht VDE-konforme Elektroinstallation anstöpseln sowie Wasser aus dem Schlauch nehmen, wenn man bei dem Lokal, vor dem man angelegt hat, einkehrt – eine gute Regelung, finden wir!

Kyra Panagia / Agios Petros

Am Dienstagmorgen verlassen wir aus Steni Vala, nachdem wir noch etwas Hafenkino genießen durften: die große Charteryacht rechts neben uns holt zusammen mit ihrem Anker gleich auch den unseres linken Nachbarn hoch – sehr zu dessen Begeisterung, versteht sich. Das kann passieren, wenn es so eng ist – befremdlicher ist, wie ungeschickt sich die vielköpfige Crew anschickt, die fremde Kette von der eigenen Fluke herunterzuziehen; das dauert locker 10 Minuten, während dessen unser Nachbar keinen Halt gegen die Kaimauer hat … gut, dass es nicht windig ist.

Wir segeln im Sund zwischen Alonnisos und Peristeri gen Nordosten zur gut 10 Seemeilen entfernten Insel Kyra Panagia; diese ist unbewohnt und gehört zur Schutzzone A des Alonnisos Marine Park, wie auch schon Skantzoura; im Unterschied zur letzteren Insel darf man hier aber über Nacht ankern. Der hier vorkommenden Mönchsrobbe begegnen wir leider nicht, wohl aber finden wir eine traumhaft schöne Ankerbucht, ganz geschlossen mit einem kleinen Inselchen in der Einfahrt, reinem weißen Sandgrund und 5 bis 6 Meter türkisfarbenem Wasser darüber – und vielen andere Yachten, die sich das auch anschauen wollen. An Land darf man nicht, aus Naturschutzgründen, wohl aber stundenlang mit dem Jetski durchs Ankerfeld düsen – das verstehe, wer will.

Agios Petros auf Kyra Panagia: nach Abzug der Jetskis eine wahre Idylle
Kyra Panagia / Ormos Planitis

Bevor wir Kyra Panagia und damit die Nördlichen Sporaden verlassen, wollen wir uns noch die zweite Ankerbucht im Norden anschauen; Wind gibt es keinen, also motoren wir einmal um die Insel herum. Dies gestaltet sich kurzweiliger als gedacht, die zerklüftete Felsenküste mit ihren zahlreichen Aushöhlungen bietet viel zu sehen.

Die zerklüftete Küste Kyra Panagias

Nach anderthalb Stunden erreichen wir die ausgedehnte Bucht Ormos Planitis, welche durch eine schmale und nur wenige Meter tiefe Einfahrt von der See getrennt ist; dahinter öffnet sich eine ausgedehnte Wasserfläche mit angenehmen Wassertiefen und gutem Halt auf schlammigem Grund – hier können dutzende Yachten Schutz finden. Wir sind ein wenig an die Bucht Vathy auf Astypalaia erinnert, in der wir im Winter einige Male Zuflucht gesucht haben; auch diese vertieft sich nach einer flachen Durchfahrt und weist durch die Kesselform eine ähnliche Bodenbeschaffenheit auf, ebenso wie eine milchig-türkise Farbe des Wassers – das ist zwar zum Schnorcheln nicht so spannend, aber im strahlenden Sonnenschein ein toller Anblick. Da Ormos Planitis aber eine unregelmäßigere Form hat und damit für jede Windrichtung das ideale Fleckchen bereit hält, ist sie unser neuer Spitzenreiter auf der Liste der natürlichen Sturmzufluchten 🙂

Platz für alle: Ormos Planitis

Auch hier leiten uns einige andere Yachten Gesellschaft, aber bei den Ausmaßen der Bucht fühlt es sich nicht voll an; vielleicht schreckt der Ort auch ein bestimmtes Publikum ab, es gibt nämlich absolut keinen Mobilfunkempfang 😉 Wir verbringen einen entpannten Nachmittag mit dem üblichen Abkühlungsprogramm und ohne Jetski, sowie eine ruhige, wenn auch etwas kurze Nacht – am nächsten Morgen wollen wir nämlich früh aufbrechen und Richtung Chalkidiki segeln, es ist tatsächlich endlich etwas Wind angesagt!