Auf Kreta (11.05. – 03.07.)

Kolymvari

Als ersten Hafen auf Kreta steuern wir Kolymvari am westlichen Ende der Bucht von Chania an; die Kleinstadt scheint keine besonderen Attraktionen zu bieten zu haben, und wir wählen den Hafen hauptsächlich deshalb als Ziel, weil wir einerseits nach der Überfahrt nicht sofort in einer engen Bucht ankern, andererseits aber auch nicht gleich in den Trubel von Chania eintauchen wollen. Bei der Anfahrt auf den Hafen sind wir begeistert von der Klarheit des Wassers und dem sandigen Grund: was für ein Farbenrausch!

Im Hafen herrscht nicht unbedingt Überfüllung …

Der Ort erweist sich als gute Wahl: der Hafen ist sehr groß, gut ausgebaut – und praktisch völlig leer. In einem Nebenbecken liegen ein paar lokale Boote, ansonsten können wir unseren Längsseitsplatz an hunderten Metern Betonpier frei wählen.  Offenbart hat man auch hier mal große Pläne gehabt: überall gibt es Strom- und Wassersäulen, die sich in unterschiedlichen Zerfallsstadien befinden und selbstverständlich alle nicht funktionieren. Vielleicht nimmt man aber nach längerer Pause nun die Aktivitäten wieder auf: an der stadtzugewandten Seite der Promenade laufen Bauarbeiten.

Kolymvari: typischer kleiner Badeort

Trotz des unfertigen Zustandes wirkt der Hafen nicht abweisend, im gegenteil, wir fühlen uns wohl; der Ort bietet einladende Gastronomie, einen gut sortierten Supermarkt und vor allem eine Bäckerei und Konditorei, die keine Wünsche offen lassen: wir erwerben das beste Brot, welches wir bislang in Griechenland zu kaufen bekommen haben! Logischerweise (für griechische Verhältnisse) ist der Hafen auch noch kostenlos, und so bleiben wir gerne ein paar Tage, um erst mal so richtig anzukommen – und natürlich gibt es nach den ersten 150 Seemeilen auch noch eine Liste mit Bootsarbeiten, die abgehakt werden möchte …

Paralia Menies
Schöner ankern: Paralia Menies

Am Samstag haben wir uns etwas erholt und wollen langsam wieder etwas Abwechslung: wir beschließen, zu der 7 Seemeilen nördlich an der Spitze der Rodhopos-Halbinsel gelegenen Ankerbucht von Menies zu fahren. Natürlich wollen wir trotz der schwachen Winde segeln – schließlich ist es ja nicht weit … aber in den folgenden Stunden lernen wir die Windverhältnisse in der Bucht von Chania erst mal richtig kennen: nicht nur die Stärke des Windes schwankt lustig zwischen 0 und 10 Knoten, auch die Richtung dreht sich munter im Kreis! Ständig fällt der 60 m² große Code Zero wieder ein und will gewendet werden – wir sind fast 4 Stunden unterwegs, bis wir endlich in der sehr kleinen Bucht auf 7 Meter tiefem Wasser den Anker werfen können.

Reste des Diktynna-Heiligtums

Hinter dem Strand von Menies liegen die Reste eines alten, der minoischen Nymphe Diktynna gewidmeten Heiligtums; davon ist nicht allzu viel übrig, die eigentliche Attraktion des Ortes ist seine Lage: auf dem Landweg gelangt man nur über 20 Kilometer gebirgiger Buckelpiste hierher, die gesamte Halbinsel ist unbesiedelte Wildnis – Natur und Einsamkeit pur. Es erschließt sich einem unmittelbar, weswegen sich dieser Ort für die Verehrung einer der Natur und den Bergen verbundenen Gottheit angeboten hat!

Wir folgen der Schlucht tiefer in die Berge

Wir folgen der tief eingeschnittenen Schlucht ins Innere der Halbinsel; die steilen, zerklüfteten Felswände bilden einen tollen Kontrast zur grünen Vegetation am Talgrund.

Die ‘Orion’ scheint zu schweben

Nach einer Weile finden wir eine Möglichkeit zum Aufstieg; wir klettern die Felsen hinauf (wobei wir gehörig ins Schwitzen kommen: es ist richtig heiß in der Sonne!) und laufen entlang der Felsenkante zurück bis zur Ankerbucht. Von hier bietet sich ein hinreißender Anblick: die ‘Orion’ scheint im türkisfarbenen Wasser geradezu schwerelos zu schweben. und der Ausblick über die Berglandschaft ist grandios!

Was für eine Aussicht!
Chania

Am Dienstag den 17. lösen wir uns schließlich – etwas schweren Herzens – von unserer Ankerbucht und machen uns auf nach Chania, mit rund 54.000 Einwohnern eine richtige Stadt, für Inselverhältnisse sogar eine sehr große. Unsere Erwartungen sind etwas gemischt, schließlich bevorzugen wir kleinere Orte, aber Chania steht auch in dem Ruf, die schönste Stadt Griechenlands zu sein – wir werden sehen!

Chania, Venezianischer Hafen

Sehen können wir zunächst mal den alten venezianischen Hafen und die historische Wasserfront mit der Hasan-Pascha-Moschee von 1645, überragt vom Panorama der schneebedeckten Berge im Hintergrund – beeindruckend! Wir finden einen Liegeplatz an dem für Gäste reservierten Kai – aus dem Cockpit kann man gleich Bestellungen in der nächstgelegenen Taverna aufgeben. Der ganze Ort pulsiert vor Leben, die Straßen sind voller Menschen, und die Zahl der Restaurants und Cafés geht in die Hunderte – und alle haben gut zu tun!

Unser Liegeplatz – mitten im Geschehen

Wir tauchen in die Atmosphäre ein und genießen den Trubel – meistens jedenfalls, unser Liegeplatz macht es definitiv unmöglich, früher als der Rest der Urlauber in die Koje zu gehen 😉 Aber trotz der vielen Menschen wird die Stimmung nie stressig, sondern bleibt vollkommen entspannt, und trotz der gegebenen Möglichkeit, mit all den Touristen den schnellen Euro zu verdienen, bietet die Gastronomie augenscheinlich durchweg hohe Qualität – für schlechtes Essen hat man in Griechenland eben nichts übrig (trotz der unzähligen internationalen Touristen gibt es auch keine Filialen der amerikanischen Fast-Food-Ketten – kein echter Grieche würde deren Machwerke in die Kategorie ‘Nahrungsmittel’ einordnen).

In der Altstadt von Chania

Wir erkunden in den nächsten Tagen die Stadt – und sind begeistert, hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung: liebevoll restaurierte, jahrhundertealte Häuser, leuchtende Blütendächer über schattigen  Plätzen, Geschäfte mit Kunsthandwerk (und zwar größtenteils kretischem, nicht fernöstlichem), und natürlich Tavernen, Tavernen und nochmals Tavernen – hier könnte man ein Jahr lang jeden Abend woanders gut essen! Die massentouristischer ausgerichteten Lokale an der Hafenpromenade mit den mehrsprachigen Speisekarten mit Fotos der Gerichte darauf lassen wir links liegen und suchen uns die kleinen, familiengeführten Tavernen in der zweiten oder dritten Reihe aus – und machen nur beste Erfahrungen! Wir sind im Schlaraffenland – so sind die in der Werftzeit verlorenen Kilos bald wieder drauf …

Am Ende der Woche zieht eine kleine Störung durch, es gibt etwas Regen (womöglich den letzten bis September) und stärkeren Nordwind; der kommt trotz der in Lee liegenden Berge kaum in Chania an, aber die Wellen lassen sich davon nicht abhalten, und nun zeigt sich der Nachteil dieses Hafens: es baut sich ein heftiger Schwell auf, zwei Tage (und Nächte) kann man es an Bord kaum aushalten, und ein solider Festmacher scheuert sich durch. Ankerplätze mit Schutz gegen Nord gibt es weit und breit auch keine – vielleicht der Grund, warum recht wenige Boote in diesem Revier unterwegs zu sein scheinen (im Gästehafen ist vielleicht Platz für 10 bis 12 Boote, die Hälfte ist nicht belegt).

Überall unterm Straßenpflaster stößt man auf die minoischen Fundamente

Wir besuchen das archäologische Museum und staunen über die Besiedlungsgeschichte: man geht davon aus, dass auf Kreta seit mindestens 130.000 Jahren Menschen leben, und Chania als Stadt ist seit mindestens 6000 Jahren bewohnt. Nun, wir können bestätigen, dass man es hier aushalten kann …

Wie in Griechenland üblich, hat die Stadt häufig die Besitzer (und den Namen) gewechselt: in der Jungsteinzeit besiedelt, kam Chania in der minoischen Zeit unter dem Namen Kydonia zu großer Blüte als Handwerks- und Handelszentrum. Die Minoer mussten ab ca. 1450 den Mykenern weichen, diese wiederum wurden ein paar Jahrhunderte später von den Doriern verdrängt, welche die klassisch-griechische Epoche einläuteten; 67 v. Chr. wurde Kreta ans Römische Reich angeschlossen, nach dessen Teilung wurde es byzantinisch,  ums Jahr 900 auch mal für ein gutes Jahrhundert von den Sarazenen erobert, und 1204 schließlich, nach dem Fall Konstantinopels im vierten Kreuzzug, an die Venezianer verscherbelt, die sich bis zur Eroberung durch die Osmanen 1645 daran bereichern konnten. Nach weiteren 250 Jahren muslimischer Fremdherrschaft wurde Kreta endlich wieder an Griechenland angeschlossen, doch bald darauf innerhalb einer Woche im Mai 1941 von Deutschland in der Luftlandeschlacht um Kreta erobert. Die neuen Herren hatten auch nicht viel Freude an der Insel, die folgenden Jahre sind von blutigen Partisanenkämpfen gekennzeichnet. Als die Engländer nach der deutschen Kapitulation im Mai ’45 die deutschen Befestigungen in Chania übernahmen, staunten die Partisanen nicht schlecht, dass diese ihre vorherigen Kriegsgegner nicht etwa entwaffneten, sondern mehr oder weniger mit diesen zusammen gegen die Partisanen vorzugehen begannen, galten diese doch als kommunistisch infiltriert – nun gut, dann bekämpft man von nun an halt die Engländer. Erst seit dem Ende der griechischen Diktatur 1974 ist endlich Ruhe eingekehrt …

An dieser an sich recht unerfreulichen Geschichte fasziniert uns, wie die Kreter über Jahrtausende ihre Identität, Sprache und Religion gegen die jeweiligen Besatzer lebendig erhalten konnten – ein stolzes Volk, ebenso wehrhaft gegenüber seinen Feinden wie gastfreundlich gegenüber seinen Freunden. Im Laufe des vergangenen Winters haben wir mehrfach mit Griechen über unsere Reisepläne gesprochen, und immer ein Leuchten in ihren Augen aufblitzen sehen, wenn wir Kreta erwähnt haben; für viele Griechen ist Kreta das alte Griechenland, die Essenz der griechischen Kultur. Wieder mal muss Alexis Sorbas herhalten:

Diese kretische Landschaft glich einer guten Prosa: geschliffen, knapp, frei von Schwulst, kräftig und verhalten. Sie drückte das Wesentliche mit den einfachsten Mitteln aus. Sie spielte nicht. Sie wandte keine Kunstgriffe an und blieb jeder Rhetorik fern. Was sie zu sagen hatte, das sagte sie mit einer gewissen männlichen Strenge. Aber zwischen den herben Linien dieser kretischen Landschaft entdeckte man eine Empfindsamkeit und Zartheit, die keiner vermutet hätte – in windgeschützten Schluchten dufteten die Zitronen- und Orangenbäume, in der Ferne ergoß sich aus dem endlosen Meere eine grenzenlose Poesie.

Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas

Der ‘Alexis-Sorbas-Strand’ in Stavros

Wir mieten für zwei Tage ein Auto und unternehmen damit Ausflüge in die Umgebung, besuchen die Akrotiri-Halbinsel (und dort einen der Drehorte der Alexis-Sorbas-Verfilmung mit Anthony Quinn – dort findet sich auch das einzige wirklich schlecht bewertete Lokal Kretas), durchwandern die Schlucht von Topolia und waten durch das warme, seichte Wasser des Traumstrandes von Elafonisi.

Im kretischen Hochgebirge

Mit dem Fernbus fahren wir zum Einstieg der die Samaria-Schlucht in den zweieinhalbtausend Meter aufragenden Weißen Bergen; der Abstieg erfolgt auf 16 Kilometern Länge über 1200 Höhenmeter, die Schlucht ist eine der längsten Schluchten Europas und bedeutender Touristenmagnet.

Die ‘Eiserne Pforte’ in der Samaria-Schlucht: 3 m breit, 300 Meter hoch

Technisch ist die Wanderung nicht anspruchsvoll, aber bedingt durch den großen Zustrom von Besuchern, die eher selten zu Fuß gehen, haben die Mitarbeiter des Nationalparks jeden Sommer einige Touristen zu retten, die sich bei 40 Grad im Schatten etwas mit ihrem Vorhaben übernommen haben …

Auch Rosen mögen das kretische Klima

Ebenfalls mit dem Bus (pünktlich, klimatisiert, billig – das geht!) fahren wir zu dem im Vorgebirge gelegenen Botanischen Park von Kreta und verbringen einen interessanten Vormittag inmitten von Blütenpracht und -duft, wobei wir einiges über die einheimischen Pflanzen lernen.

Abendstimmung über dem Hafen von Chania

Zum Wochenende bereiten wir uns langsam auf den Aufbruch vor, genießen noch einmal die wundervollen Hafenduschen, kaufen den halben Wochenmarkt leer (Obst und Gemüse sind eine Sensation, und quasi geschenkt!), besuchen den SB-Waschsalon (Fahrtensegleralltag …) und kehren nochmal in einer sehr netten Taverna ein, bevor wir am Sonntagmorgen die Leinen loswerfen und etwas schweren Herzens Chania verlassen. Es weht zunächst nur wenig Wind, aber gegen Mittag soll kräftiger Westwind aufkommen; die Übergangsphase nutzen wir, um die 15 Seemeilen zurück zur Bucht von Menies zu segeln, wo wir schon vor unserem Besuch in Chania geankert haben und nun eine letzte Nacht verbringen, bevor wir uns am Montag auf die Reise nach Westen machen.

Balos
Die Rodhopos-Halbinsel mit Wolkenmütze

Der am Vortag aufgekommene Westwind weht immer noch recht frisch; laut Vorhersage sollen es nur 13-15 Knoten sein, tatsächlich sind es aber eher 20 Knoten, die uns ins Gesicht blasen. Zwar vermeidet der Fahrtensegler ja eigentlich Amwindkurse, aber besser Gegenwind als gar keiner, denken wir uns, und kreuzen um die Rodhopos– und Gramvousa-Halbinseln bis zu Kretas nordwestlichster Spitze, dem Kap Kokala, auf.

Kap Kokola, der nordwestlichste Punkt Kretas

Aus unserer Ankerbucht sind wir schon mit gerefftem Großsegel gestartet, denn wir wissen ja, dass wir mit Fallböen hinter den Bergflanken zu rechnen haben; als wir offenen Seeraum erreichen und immer noch 6 Beaufort am Windmesser ablesen, beschließen wir, es auch erst mal dabei zu belassen – eine gute Entscheidung, der Wind nimmt auch im weiteren Tagesverlauf kaum ab. Da uns auch ein beträchtlicher Strom entgegensteht, geht es über Grund nur langsam voran, und so geht es auf 17 Uhr, als wir endlich Kap Kokala gerundet haben und in die Bucht von Balos einlaufen.

Ankern in der Bucht von Balos

Nach knapp 30 Seemeilen lassen wir unser Anker im Schutz der Insel Tigani in das kristallklare Wasser der Bucht fallen, welche eine der großen Touristenattraktionen Westkretas darstellt. Nicht ohne Grund, wie wir finden: die Farben sind hinreißend, und die schroff aufragenden Berge bilden einen perfekten Hintergrund.

So richtig überwältigt sind wir aber erst, als wir am nächsten Tag mit dem Dinghi auf die Insel Tigani übersetzen und ihre höchste Erhebung erklettern: aus gut 100 Metern Höhe ist der Ausblick über die Bucht von Balos, die Inseln nördlich, die Strände, die Lagune und die Bergkette einfach atemberaubend! Das Wasser leuchtet in allen Schattierungen von Türkis über Smaragdgrün bis Kobaltblau – wir sitzen eine ganze Weile auf den Felsen und saugen den Anblick in uns auf, an Orten wie dieser lässt sich die Natur so unmittelbar erfahren, dass es einem die Sprache verschlägt …

Panorama von Tigani über die Bucht von Balos
Gramvousa
Das Wrack der Dimitrios P.

Am Mittwoch den 1. Juni dreht der Wind auf Nordost, für uns ein Anlass den Ankerplatz zu wechseln – nicht gerade weit, wir fahren eine Seemeile gen Norden und ankern nun vor der Insel Gramvousa, welche den nördlichen Abschluss der Bucht von Balos bildet. Neben uns am Strand liegt das Wrack der 1968 gestrandeten Dimitrios P., an welcher der Zahn der Zeit aber schon gehörig genagt hat: bald wird von dem beliebten Fotomotiv nichts mehr zu sehen sein.

Das venezianische Kastell auf Gramvousa

Auch diese Insel ist ein Ziel für die Tagesausflugsboote, doch bis etwa 12 Uhr gehört die Insel uns; das nutzen wir aus und machen uns gleich auf den Aufstieg zum venezianischen Kastell aus dem 16. Jahrhundert. Diese zur Verteidigung der venezianischen Besitztümer gegen die Ottomanen errichtete Anlage galt zu ihrer Zeit als uneinnehmbar, und tatsächlich war sie noch lange nach der Besetzung Kretas ein Widerstandsnest. Später wurde sie zum Piratenstützpunkt und verfiel schließlich nach deren Vertreibung.

Im Inneren der Festung steht auch nicht mehr viel, die das 127 m hohe Gipfelplateau der Insel umfassenden Mauern sind aber noch gut erhalten. Höhepunkt des Besuchs der Insel ist aber wieder der Ausblick: die Bucht von Balos mit ihren herrlichen Farben und die zerklüfteten Gipfel der Berge liegen malerisch vor uns!

Die Bucht von Balos, diesmal von Gramvousa aus gesehen; die Insel Tigani ist rechts im Bild
Phalasarna

Donnerstagmorgen verlassen wir die Bucht von Balos endgültig, denn es kommt Starkwind aus Nordost auf, und da wollen wir uns einen besser geschützten Platz suchen – eine Einkaufsmöglichkeit und Mobilfunkabdeckung darf dieser auch gerne haben, all das hat Balos nämlich nicht.

Groß ist die Auswahl an geschützten Ankerplätzen an Kretas Küsten ja nicht gerade; 8 Seemeilen entfernt befindet sich die Bucht von Phalasarna, die über endlose Flächen perfekten Ankergrunds verfügt, und einen Hauch von Schutz gegen Schwell durch eine etwas herausragende Landzunge – besser wird’s nicht. Die Fahrt dorthin dauert nicht lange, vor allem weil der Wind schon zügig aufdreht; wir sind mit kleiner Segelfläche unterwegs, und doch sind wir spätestens dann wach, als uns bei der Ansteuerung der Bucht eine Windbö von 38 Knoten erwischt – die Freuden des Segelns an Bergflanken!

Die Felsten an Kretas Westküste zeigen deutlich die Absenkung der Wasserlinie

Die ‘Orion’ stört das ja bekanntlich nicht so, und nachdem wir alle nicht hinreichend gut gesicherten Gegenstände unter Deck wieder eingesammelt haben, können wir uns einen Platz für unseren Anker auf einer kilometerlangen Sandfläche aussuchen. Um den Halt müssen wir uns hier keine Sorgen machen, nur der rechtwinklig zum Wind in die Bucht einrollende Schwell dürfte auf die Dauer an den Nerven zehren.

Am Nachmittag erreicht der Wind 6 bis 7 Beaufort, bevor er in der Nacht etwas abflaut; am Freitag soll es noch stärker wehen, daher nutzen wir gleich am Morgen die Atempause und versuchen, mit dem Dinghi anzulanden – eine recht feuchte Angelegenheit.

Phalasarna – endloser Sandstrand, sonst nicht viel los

Phalasarna war in der Antike mal eine recht bedeutende Stadt, was sie nicht zuletzt ihrem Hafen verdankte; durch das katastrophale Erdbeben im Jahre 365 wurden Stadt und Hafen völlig zerstört, und die resultierende geologische Landhebung machte es auch unmöglich, hier einen neuen Hafen zu errichten. Heute ist Phalasarna eine Ansammlung von Hotels und Restaurants vor einem kilometerlangen Sandstrand, im Umland ein paar Gewächshäuser, und das war’s. Der einzige Minimarkt führt immerhin Milch und Brot, was will man mehr – wir sehen also zu, dass wir rechtzeitig wieder an Bord sind, bevor der Wind richtig aufdreht, und entspannen dann bei Sturmwind vor Anker – selbstredend bei wolkenlosem Himmel und 30 Grad im Schatten.

Paralia Kedrodasos

Erst am Sonntag hat sich das Wetter soweit beruhigt, dass wir an eine Fortsetzung der Reise denken können. Sobald wir aber aus der Landabdeckung herauskommen, stellen wir fest, dass es immer noch recht motiviert bläst; macht aber nichts, so können wir die 18 Seemeilen entlang der Westküste gen Süden zügig absegeln.

Das Ende dieses Küstenabschnitts markiert die Halbinsel Elafonisi mit ihrem berühmten Traumstrand, den wir schon von Chania aus mit dem Mietwagen besucht hatten. Direkt davor zu ankern ist leider nicht möglich, da sich ein mit Felsen durchsetzter Flachwasserbereich eine Seemeile vom Strand hinaus erstreckt – diesem verdankt das Meer vor Elafonisi ja gerade seine unglaublichen Farben.

Paralia Kedrodasos, ein Paradies abseits der Touristenpfade

Etwas weiter östlich allerdings liegt der Strand von Kedrodasos – und der erweist sich als Geheimtipp, sowohl von Land wie vom Wasser aus: als Strandurlauber muss man nur eine halbe Stunde zu Fuß der Küste von Elafonisi aus nach Osten folgen, und man findet ein Paradies fernab des Trubels: feiner weißer Sandstrand, schattenspendende alte Bäume, und ein Meer, welches dem vor Elafonisi weder in Klarheit noch in Farbintensität nachsteht – alles halt nur ohne Menschenmassen.

Flachwasser ohne Tiefenangabe, unreiner Grund, Felsen – sagt Navionics … endlos viel reiner Sand auf 5 bis 8 m sagt die Realität

Für den Segler sieht der Ankerplatz auf der Seekarte recht schwierig aus – was aber nur daran liegt, dass die Seekarten hier häufiger mal nichts taugen. Ein paar verzeichnete, den Ankerbereich störende Felsen gibt es schlicht und einfach nicht – wenn man auf 10 Metern Tiefe noch die sprichwörtliche Stecknadel auf dem Grund sehen kann, wären die uns wohl aufgefallen. Statt dessen ein über hunderte von Metern gleichmäßig bis dicht zum Strand ansteigender Grund aus reinem, weißen Sand. Hier ist Platz für 100 Boote – und wir sind allein. Der starke Nordostwind der vergangenen Tage hat das Meer zwar wieder etwas abgekühlt, aber auch bei 21 Grad lässt es sich noch gut aushalten, und das Schnorcheln in den kleinen Felsenriffen vorm Strand macht mächtig Spaß.

Palaiochora

Es gefällt uns so gut hier, dass wir ernsthaft erwägen, noch einen Tag zu bleiben – aber für Dienstag ist nur noch Flaute angesagt, also nutzen wir den letzten Wind am Montag, um bis nach Palaiochora zu segeln. Wir befinden uns nun auf der Südküste Kretas, und damit nicht mehr in der Ägäis, sondern im Libyschen Meer – und damit nach dem Verständnis der alten Seefahrer auf ‘hoher See’, in Abgrenzung zum Inselmeer der Ägäis.

Blick vom Kastell über Palaiochora

Palaiochora als Ort ist historisch erst seit 1278 belegt, als ein venezianischer General hier ein Kastell errichten ließ – und damit für griechische Verhältnisse ja quasi eine Neubausiedlung. Man kann nur vermuten, dass es eine ältere Nutzung gab, die Lage auf einer Halbinsel mit dem Burghügel ist nämlich prädestiniert für eine Besiedelung. Das Kastell ist natürlich längst verfallen, und der Ort war schon aufgegeben; erst im 19. Jahrhundert kamen Siedler hierher zurück, und seit den 1970er Jahren haben die Touristen den Ort entdeckt – zunächst die Hippies, die es hier so schön abgelegen fanden. Dies völlig zurecht, denn die Südküste Kretas ist durch die hohen Gebirgszüge völlig von der dichter bevölkerten Nordküste abgetrennt; bis Straßen durch die Berge gebaut wurden, kam man nur per Boot oder Esel hierher.

In Palaiochora

Im Hafen werden wir von einer freundlichen Beamtin der Küstenwache begrüßt – die allerdings nur an ihrem Dienstfahrzeug zu erkennen ist, hier in der Provinz trägt man der Einfachheit halber wohl Jogginghose statt Uniform. Sobald man sich als Schengen-Europäer zu erkennen gegeben hat, lässt das Interesse wie immer schnell nach – wenn wir ‘bei Gelegenheit’ unsere Papiere mailen könnten, das wäre nett. Von Liegegeld ist mal wieder keine Rede …

Möchte man hier nicht einkehren?

Palaiochora ist der Ort mit der höchsten mittleren Jahrestemperatur Griechenlands: 20,8 °C … davon sind wir weit entfernt, in der Mittagssonne und bei völliger Windstille werden wir durchgebraten. Erst am nächsten Tag haben wir uns soweit akklimatisiert, dass wir den Ort erkunden, der etwa eine Viertelstunde vom Hafen entfernt liegt.

Auch für den Badegast ist gesorgt

Was wir sehen, gefällt uns gut: offenbar haben sich mit der langsamen Entwicklung des Tourismus gewachsene Strukturen entwickeln können, nichts wirkt zu groß, zu laut und zu teuer; vielmehr laufen wir durch sehr hübsche Straßen, sehen viele liebevoll gestaltete Häuser, Läden, Restaurants und Cafés – und finden im örtlichen Supermarkt (einen Wochenmarkt gibt es leider nicht) eine gute Auswahl an allerköstlichstem Obst und Gemüse, neben dem Tourismus ist nämlich der Gartenbau die Haupteinnahmequelle der Region. Nun, praktisch immer Sonne und dazu eine gesicherte Wasserversorgung aus den Bergen, wenn das keine guten Voraussetzungen sind! Wir kaufen kleine, krumme, kretische Bananen direkt von der Staude – so schmecken die Dinger also, wenn man sie halbwegs reif erntet!

In der Anydroi-Schlucht ….

Am Mittwoch trauen wir uns sogar trotz der Hitze an eine kleine Wanderung: durch ein schattiges Tal führt der Weg bis ins Bergdorf Anydroi, wo man im zum Café umgebauten alten Schulhaus einkehren und bei herrlichem Blick über Berge und See seinen Freddo genießen kann; zurück wandert man zunächst bergab über Stock und Stein durch die Anydroi-Schlucht bis an den Strand, wo eine kleine Beach-Bar das nächste Kaltgetränk darreicht.

… und am Strand vor ihrer Mündung

So gestärkt geht es dann entlang der Küste zurück nach Palaiochora; insgesamt sind es etwa 16 Kilometer, für die wir uns fast 7 Stunden Zeit lassen – so kann man es gerade aushalten, und die kretischen Schluchten mit ihren klaren Bergbächen und schattigen Bäumen zeigen ja im Kontrast zur Hitze am Strand erst richtig ihre Qualitäten!

Gavdos

Für Donnerstag einigen sich die verschiedenen Wettermodelle ausnahmsweise mal auf eine Windrichtung (West) und -stärke (3 Beaufort) – für uns ein Signal, weiterzuziehen, herrschte doch tagelang nur Flaute (von sturmartigen Fallböen in der Nacht mal abgesehen).

Gavdos voraus

Die Vormittagsstunden müssen wir noch motoren (womit wir aber auch gerechnet haben), aber bis in den Abend haben wir dann beständigen Wind von 8 bis 10 Knoten – mit vollem Groß und Code Zero machen wir damit ganz brauchbare Fahrt, so dass wir kurz vor Sonnenuntergang nach 33 Seemeilen die fernab der kretischen Südküste gelegene Insel Gavdos erreichen.

Die von gerade mal 150 Menschen bewohnte, rund 33 km² große Insel weist so einige Besonderheiten auf; zunächst mal ist sie das südlichste Fleckchen Europas – 300 km südlich liegt Tobruk in Libyen, bis dahin gibt’s nur noch Wasser. Dann finden sich hier einige der ältesten Spuren aus den Anfängen der Menschheit: bis zu 200.000 Jahre alte Artefakte wurden hier gefunden. Auch zu literarischer Berühmtheit gelangte die Insel früh: hier soll laut Homer die Nymphe Kalypso den vom trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus sieben Jahre festgehalten haben (nicht ganz unfreiwillig, wie man zugeben muss) – allerdings beanspruchen auch noch ein paar andere Inseln diesen Ruhm für sich. Unstrittiger ist da schon, dass der Apostel Paulus hier auf seiner Reise nach Rom fast Schiffbruch erlitten hätte (Apostelgeschichte 27:16). Und Tatsache, wenn auch kaum zu glauben, ist, dass sich in den 90ern eine Gruppe von russischen Wissenschaftlern hier niedergelassen hat, um pythagoreische Philosophie zu treiben und nebenbei den Schlüssel zur Unsterblichkeit zu finden … man darf davon ausgehen, dass der Genuss alkoholischer Getränke dabei eine Rolle spielt.

Am Freitag unternehmen wir eine kleine Wanderung vom Hafen Karave (von einem Ort zu sprechen wäre gewagt – es gibt einen winzigen Laden, eine Taverna und die Polizeistation der Insel)  zum Strand von Sarakiniko; dieser ist berühmt für seine tolle Lage zwischen kieferbewachsenen Dünen und einer leuchtend blauen See – und als Traumziel für Camper.

Paralia Sarakiniko, Gavdos

Zelten in der Natur ist in Griechenland zwar generell verboten, aber … wie verschiedentlich angedeutet werden gesetzliche Vorschriften hier zu Lande vor der eventuellen Befolgung einer Sinnhaftigkeitsprüfung unterzogen, und so finden sich etliche Zelte im Schatten der Tamarisken gleich am Strand. Zweifellos ein toller Ort, und mehrere Beach Bars sowie ein weiterer Mini-Markt bieten die Versorgung; man hinterlässt auch keinen Müll und stört niemanden – alles gut.

Am Samstag zieht ein Tiefdruckausläufer über die Insel – was in ganz Europa Sturm und Hagel mit sich bringt, bewirkt hier kräftigen Westwind bei ansonsten ungetrübtem Sonnenschein. Dennoch bleiben wir an Bord, um Landleinen und Fender nachstellen zu können. Am Sonntag ist es aber wieder ruhig, und wir brechen auf, um den allersüdlichsten Punkt der südlichsten Insel zu erwandern – gleich um 8 Uhr, heiß wird es schon bald genug.

Wanderweg nach Trypiti

Der Weg führt zunächst an der Küste entlang bis zum Strand von Korphos – ein weiterer der ‘Orte’ der Insel, der aus drei Häusern besteht – und dann über einen Höhenrücken bis zur Südwestspitze. Man wandert auf einem gut angelegten Weg durch erstaunlich grüne Natur, ständig umgeben von einem betörenden Duft nach Thymian. Nach etwa drei Stunden erreichen wir den Strand von Trypiti; auf der von drei Felsbögen getragenen, seeunterspülten Landspitze ist ein überdimensionaler Stuhl als Kunstprojekt errichten worden (übrigens von den verrückten russischen Wissenschaftlern), auf dem sitzend man ganz Europa überblicken kann – jedenfalls soweit das Auge reicht. Die größte Attraktion für uns ist aber die bizarr zerklüftete Felsenküste selbst und die unbeschreiblichen Farben, in denen sich die See an ihr bricht – einfach toll!

Am Abend kehren wir noch im einzigen ‘Restaurant’ von Karave ein – man könnte auch sagen, Oma Litsa (ein wandelnder Meter unschätzbaren Alters) hat ein paar Tische vor ihre Küche gestellt. Das Essen ist entsprechend – Großmutters Spezialitäten, alles handgemacht aus frischen Zutaten, kein moderner Schnickschnak. Uns jedenfalls schmeckt es hervorragend!

Lendas

Mit Bedauern verlassen wir am Montagmorgen Gavdos – die Insel ist schon etwas Besonderes mit ihrer – selbst für griechische Verhältnisse – extremen Abgelegenheit und den entsprechend wenigen Besuchern. Wir wollen zurück an die kretische Küste, was erneut einen langen Schlag von 40 Seemeilen bedeutet; die Windvorhersagen sind sehr inhomogen: Gavdos liegt in der Windabschattung der Weißen Berge, und da müssen wir uns erst mal rausmotoren; danach soll es dann Nordwind um die 5 Windstärken geben.

Wir nähern uns wieder der kretischen Küste

Wir sind eher positiv überrascht, als schon nach einer guten Stunde brauchbarer Wind einsetzt – allerdings als Südwest statt Nord. Egal, den nehmen wir auch – also schnell den Motor abgestellt und den Code Zero entrollt. In den nächsten – vielen – Stunden dämpft sich unsere Freude aber wieder, denn der Wind will einfach nicht zunehmen, er schwächelt zwischen 5 und 8 Knoten vor sich hin – zu wenig, wenn man viel Strecke vor sich hat. Erst als wir schon längst in dem Bereich sind, für den alle Wettermodelle den Nordwind angesagt haben, kommt er auch – zum Ausgleich für seine Verspätung aber nicht mit Stärke 5, sondern gleich mal 7. Den Code Zero können wir noch schnell gegen den Klüver tauschen, aber das Großsegel bleibt oben. So legen wir also in den letzten 2 Stunden der ganztägigen Fahrt fast ein Drittel der Strecke zurück – bis 8.2 Knoten Fahrt über Grund lesen wir ab! Das macht Spaß, ist aber auch ein wenig unheimlich – müssten wir mit der Menge Tuch an den Wind gehen, gäbe es furchtbar was auf die Mütze!

Magische Abendstimmung über Lendas

Übernachten wollen wir vor dem kleinen Ort Lendas, im Schutz einer hohen Klippe, die den Schwell aus West abhalten soll. Der Plan geht auf – und auch der Wind lässt nach, so dass wir einen ruhigen Abend mit einer magischen Lichtstimmung über den Bergen verbringen können.

Am nächsten Morgen machen wir auch noch das Dinghi klar, denn nach vier Tagen Gavdos brauchen wir ein paar Frischvorräte. In Lendas gibt es den ‘Supermarkt Christina’ – und ebenso reizend wie der Internetauftritt (!) wirkt der kleine Laden selbst. Hier erstehen wir frisches Brot, selbsteingelegte Oliven aus der Nachbarschaft und frisches Obst und Gemüse. Genauso nett wirkt der kleine Ort auf uns – mit seiner Handvoll Unterkünften sicher ein Geheimtipp für den Individualtouristen.

Tsoutsouros

Danach lichten wir den Anker bei schwachen Nordwest – unter Segeln, versteht sich. Die verschiedenen Windvorhersagen für diesen Tag sind sich mal wieder sehr uneinig: wo die aktuelle Abdeckungszone endet und die nächste Windzone anfängt, das sieht jedes Modell anders. Einig sind sie sich nur in einem: aus Nord soll der Wind kommen, den ganzen Tag. Muss man noch irgendetwas dazu sagen, dass wir die nächsten 6 Stunden bei schwachem Südwest die Küste entlangdümpeln?!?

Aber wie tags zuvor: am späten Nachmittag kommt die nächste Windschneise, und zwar richtig! Wieder dreht der Wind innerhalb von 10 Minuten von 5 Knoten Südwest auf 30 Knoten Nord – auf einmal wird es feucht an Bord! Auf den letzten Meilen zu unserem auserkorenen Ankerplatz müssen wir sogar hoch an den Wind, und die Böen erreichen 8 Beaufort – also, Abwechslung ist ja schön und gut, aber das muss doch nicht sein, wenn man sich nach einem langen Tag Flautenschieben schon fast am Ziel wähnt.

Tsotsouros, 7 Windstärken, der Anker sitzt!

Aber irgendwann fällt auch der Anker, und wir kommen zur Ruhe; zwar fegt der Wind immer noch mit 25 Knoten vom Strand heran, aber auf die kurze Distanz baut sich keine Windsee auf, und der Schutz gegen den Schwell ist unerwartet gut, wie überhaupt der gesamte Ankerplatz: eine endlos große Sandfläche mit perfekten Tiefen, die wir – wie immer – für uns allein haben.

Es weht aber die ganze Nacht hindurch unvermindert mit 6 Beaufort, in Böen auch mal 8; so können wir am nächsten Morgen nicht den Ort besuchen, das Risiko, dass unser Dinghi zum fliegenden Gummiteppich wird, ist uns doch zu groß …

Myrtos

Entsprechend stürmisch geht die Fahrt weiter: kaum haben wir ein paar Kabel Entfernung zum schützenden Strand aufgebaut, steigt die Windstärke auf 6 bis 7 Beaufort, in Böen sehen wir alle paar Minuten auch eine 8. Nur unter Kutter kämpft sich die ‘Orion’ voran – wir segeln wieder recht nass.

‘Tourismushochburg’ Myrtos

Nach 7 Seemeilen aber endet der Spuk so schlagartig, wie wir es inzwischen ja schon kennen: für höchstens 5 Minuten tauschen wir noch den Kutter gegen den Klüver, dann geht auch schon der Motor an, um uns die nächsten 10 Meilen bei völliger Flaute bis zum Badeort Myrtos zu schieben.

Wie üblich an Kretas Südküste ist der Ankerplatz recht offen und direkt vor dem Badestrand; dieser ist hier dicht mit Hotels bestückt, für südkretische Verhältnisse schon ein großer, touristischer Ort – in Spanien hätten wir das als ‘intime Atmosphäre’ bezeichnet.

5000 Jahre alte Pflasterarbeiten

Hauptattraktion des Ortes ist die archäologische Ausgrabungsstätte auf dem Hügel neben dem Ort; nach einem kurzen Anstieg kann man hier durch die Fundamente einer Siedlung laufen, die vor etwa 5000 Jahren gegründet wurde und über die ganze minoische Zeit genutzt wurde. Wie immer bei dermaßen alten Orten gibt es nur ein paar Steine zu sehen – aber man erkennt deutlich die Räume der Häuser und den mit farbigen Steinen gepflasterten Vorplatz; schließt man dann die Augen und stellt sich vor, wie hier vor so vielen Jahrtausenden Menschen gelebt haben – schon spannend! Und der Ausblick vom Hügel war damals sicher nicht weniger schön als heute (wahrscheinlich sogar auf deutlich dichtere Bergwälder, und sicher ohne Gewächshäuser …).

Gaïdharonisi

Donnerstagmorgen lichten wir den Anker und verlassen wieder die kretische Südküste, der wir in den vergangenen Tagen dicht gefolgt sind, denn es gibt mal wieder eine vorgelagerte Insel, Gaïdharonisi, für die Touristen auch auch gerne als Chrysi (‘die Goldene’) bezeichnet . Diese ist noch viel kleiner als Gavdos, und es gibt keine permanenten Bewohner; früher gab es während der Saison noch zwei Strandbars, seit diesem Mai ist aber das Anlanden mit Booten aus Naturschutzgründen verboten worden, da die vielen Tagestouristen (bis 200.000 pro Jahr!) die empfindliche Natur der flachen, sandigen Insel kaputtgetrampelt und zugemüllt haben. Unter Naturschutzaspekten gut nachvollziehbar, denn hier gibt es einen einzigartigen Wacholder-Wald, für das über viele Jahre aufgebaute Geschäft mit den Tagesausflüglern aber natürlich eine Katastrophe. Ankern vor der Küste ist noch erlaubt, und wenn man schwimmend den Strand erreicht, darf man diesen auch betreten – aber für diese Form der Unterhaltung wird man sicher deutlich weniger Besucher begeistern können.

Ankerplatz vor Gaïdharonisi

Wir freuen uns, für die Überfahrt noch etwas Westwind mitnehmen zu können, und staunen bei der Annäherung an Chrysi über die Farben: da die Insel und der umgebende Felssockel aus Kalkstein bestehen, wird das Sonnenlicht vom Meeresgrund extrem reflektiert, und das Meer scheint von innen zu leuchten! Ganz übertrieben ist der Beiname also nicht …

Wir ankern auf der Südseite der Insel, verbringen viel Zeit im Wasser und genießen die Ruhe und Schönheit der Umgebung.

Die Ruhe vor dem Sturm

Mit dem Abend setzt Nordwind ein, und wird langsam stärker … und stärker … und noch stärker. In der folgenden Nacht und am ganzen nächsten Tag erleben wir ein Totalversagen sämtlicher meteorologischer Modelle – ob GFS (das amerikanische Wettermodell), ECMWF (das europäische Pendant), ICON (vom Deutschen Wetterdienst) oder die griechische Vorhersage von Meteo.gr: ALLE sind sich einig, dass es schwache, umlaufende Winde gibt – und wir liegen über Nacht in 6 bis 7 Beaufort Nordnordost! Dass es solche Störungen bedingt durch die thermischen Effekte der Gebirge kurzzeitig geben kann, haben wir ja schon erlebt, aber auch am nächsten Morgen wird es nicht besser; wir warten bis zum Mittag, bis wir uns auch nur trauen, mit dem Dinghi überzusetzen – so naß, wie die Überfahrt wird, zählt das als ‘an den Strand schwimmen’, finden wir. Wir wandern auf die Nordseite der Insel, und finden die uralten Bäume in einer dünenartigen Landschaft wirklich wunderschön; aber uns wird etwas flau, als wir die See in Luv sehen: ganz viel Weiß … und da sollen wir gleich durch?

Ierapetra
Zielanlauf auf Ierapetra bei kräftigem Gegenwind

Aber es hilft ja alles nichts – mit stark gerefftem Groß und zunächst noch Klüver machen wir uns auf den Weg zurück zur kretischen Küste. Als wir die Abdeckung verlassen und der mittlere Wind 30 Knoten erreicht, tauschen wir den Klüver gegen den Kutter – und machen mit dieser geringen Segelfläche immer noch 5 Knoten Fahrt! Versteht sich, dass der Sturm uns exakt entgegenweht – hoch am Wind bei 7 bis 8 Windstärken werden die kaum 10 Seemeilen ziemlich lang: erst gegen 19 Uhr erreichen wir Ierapetra und gehen vor dem Strand vor Anker. Wenn einem JEDER Wetterbericht erzählt, dass man gerade durch eine Flaute gefahren ist, kommt man sich schon etwas für dumm verkauft vor …

Am nächsten Morgen landen wir mit dem Dinghi an – nach wie vor nicht ohne Schwierigkeiten, denn 20 Knoten schafft der Nordwind immer noch – und decken uns auf dem Wochenmarkt und in den großen Supermärkten von Ierapetra mit Vorräten ein, denn vor uns liegt die Südostküste Kretas, und da gibt es nicht mehr viel zu kaufen … umso unerfreulicher, dass der Kühlschrank an Bord Probleme macht, als wir ihn mit Bergen von Milch, Yoghurt, Obst und Gemüse befüllt haben: der Verdichter läuft zwar, aber der Verdampfer wird nicht kalt. Ob da Kühlmittel fehlt? Nach einer Weile kühlt er dann doch noch, aber bei jedem neuen Anlaufen das gleiche Problem. Das hat uns bei diesen Temperaturen gerade noch gefehlt … hoffentlich hält er noch eine Weile durch!

Die alte Moschee in Ierapetra

Am Nachmittag lässt der Wind endlich nach, und wir setzen nochmals über, um uns auch den Ort anzuschauen. Ierapetra ist die südlichste Stadt Europas und produziert das Obst und Gemüse für halb Griechenland. Ansonsten finden wir, dass es nicht so viel zu sehen gibt – die allermeiste alte Bausubstanz ist verloren, am Hafen gibt es noch eine venezianische Festung, und selbst von der verhältnismäßig jüngeren Vergangenheit, der Zeit der osmanischen Besatzung, zeugt gerade noch eine halbverfallene Moschee. Ansonsten viel Badetourismus und die dazugehörigen Restaurants, aber nur die der ‘ersten Reihe’ an der Strandpromenade, die traditionelleren Tavernas ohne bebilderte Speisekarten, die man sonst eine Häuserzeile landeinwärts findet, fehlen hier eher. Nicht so unser Fall – aber ein guter Versorgungshafen vor der kargen Ostküste allemal.

Makry Gialos

Am Sonntag ziehen wir also weiter – der Wind hat natürlich über Nacht wieder zugelegt, und wir erleben die gleichen, abwechslungsreichen Windverhältnisse, wie sie inzwischen quasi täglich bewältigen müssen: während am Ankerplatz der mittlere Wind noch mit 6 Beaufort bläst, sind es eine Seemeile weiter draußen schon 7 bis 8; wir sind nur mit Kuttersegel unterwegs, und das recht zügig. Nach anderthalb Stunden wilder Fahrt lässt der Wind schlagartig nach – wir rollen noch für 10 Minuten den Klüver aus, und dann geht auch schon der Motor an: von 38 auf 3 Knoten in 15 Minuten!

Hinter Makry Gialos kollidieren die Windsysteme

Dementsprechend sind wir nicht so motiviert, unter Maschine noch viel Strecke zu machen (obwohl wir natürlich ahnen, dass es am nächsten Tag so weitergehen wird: Abdeckung bleibt Abdeckung), und steuern für die nächste Nacht den Badeort Makry Gialos an – beziehungsweise eigentlich den Strand direkt westlich davon, denn am Hauptstrand stehen uns schon eindeutig zu viele Hotels (wie schnell sich die Maßstäbe verschieben!). Vom Ankerplatz aus lässt sich gut das Schauspiel der sich über dem Gebirgskamm auftürmenden Wolken beobachten, wo der Nordwind von der anderen Inselseite mit dem thermischen Südwind kollidiert …

Kato Zakros

Wie erwartet gibt es vor Makry Gialos am Montagmorgen so wenig Wind wie am Sonntagabend; wir versuchen dennoch tapfer bei 4 bis 5 Knoten thermischem Südwind, uns unter Code Zero aus der Bucht freizukreuzen, und irgendwann das nächste Windfeld zu erreichen. Wir schaffen 6 Seemeilen in 5 Stunden – und müssen also schließlich doch wieder den Motor starten, denn es will sich einfach kein Nordwest einstellen.

Karg und einsam ist die Ostküste Kretas

Die vorbeiziehende Küste wird unterdessen immer karger und einsamer, wir sehen nur noch vereinzelte Siedlungen. Erst kurz vor unserem Tagesziel, als wir die vor Xerokambos gelegenen Kavali-Inseln passieren,  setzt sich wieder der über die Insel wehende Wind durch – und weht fröhlich mit 5 Windstärken über unsere Ankerbucht vor Kato Zakros, als hätten wir keine 20 Seemeilen Flaute hinter uns.

Hier legen wir einen Ankertag ein, denn in Kato Zakros gibt es zwei Attraktionen (abgesehen von dem üblichen tollen Strand mit klarem Wasser und einladenden Tavernas): direkt hinterm Strand wurden die Überreste eines minoischen Palastes ausgegraben, und dahinter erstreckt sich die Schlucht der Toten – die nicht wegen der verdurstenden Wanderer so genannt wird, sondern weil die Minoer hier ihre Toten in Felshöhlen bestattet haben. Zunächst führt die Wanderung bergauf entlang der alten Straße von Kato Zakros nach Ano Zakros, kurz vorm Ort steigt man steil in die Schlucht herab und folgt dieser wieder zurück zum Meer.

Eingebettet in ein karges Felsplateau liegt die Schlucht der Toten
Im grünen Talgrund

Am Grund der Schlucht erwartet uns ein unerwarteter Kontrast zur kargen, trockenen Berglandschaft rundherum: aus Felsspalten entspringen Quellen und bilden einen kleinen Bach, der den Talgrund in ein blühendes Paradies verwandelt; wir erfreuen uns am prächtig blühenden Oleander, ruhen unter schattenspendenden Platanen und Feigenbäumen und lauschen dem Plätschern des Wassers. Ja, die alten Minoer wussten, wo man begraben sein möchte …

Der minoische Palast von Zakros

Auf dem Rückweg besichtigen wir natürlich auch die Ausgrabungsstätte: man sieht umfangreiche Grundmauern eines Palastes mit zahlreichen Nebenräumen, der damals zweigeschossig ausgeführt und damit ein recht großes Gebäude war, drumherum eine ganze Siedlung mit Gebäuden, Bädern, Werkstätten und Straßen. Wie bei derart alten Relikten gewohnt ist nicht viel stehengeblieben, aber der jahrtausendealte Ort berührt uns mit seiner Geschichte, und die zahlreichen Fundstücke bei der Freilegung der Grundmauern geben den Archäologen Einblicke in das Leben der Menschen vor 4000 Jahren.

Zurück am Strand genießen wir zur Belohnung einen erfrischenden Freddo mit Blick auf die ‘Orion’ – die selbstredend als einziges Boot in der Bucht ankert.

Paralia Erimoupoli

Am Mittwoch brechen wir zeitig auf, denn vor uns liegt zwar keine besonders lange Etappe, aber wir erwarten einigen Wind, und das zum Teil von vorne. Ziel ist der Strand von Erimoupoli, welcher den letzten guten Ankerplatz vorm Kap Sideros, der Ostspitze Kretas, darstellt. Bis zum Kap Plaka, welches etwa auf halbem Weg nach Erimoupoli liegt, haben wir mal wieder kräftigen Wind von 6 Beaufort mit 7er Böen, können aber die notwendige Höhe noch laufen; vom Kap an müssen wir dann nach Nordwesten abbiegen, genau gegen den Wind. Entgegen unserer Erwartung nimmt dieser nun, da wir keine hohen Berge mehr in Luv haben, aber ab statt zu – die Starkwinde der letzten Woche spiegeln also offenbar nicht die Windstärke auf Kretas Nordseite wider, vielmehr wird diese durch die Düseneffekte intensiviert.

Vor Anker in der Bucht von Erimoupoli

Wir kreuzen also gegen gerade mal 5 Windstärken auf, und die langgestreckte Kyriamadi-Halbinsel bietet noch Wellenabdeckung – das geht gut, und wir können schon gegen 13 Uhr nach 17 gesegelten Meilen den Anker fallen lassen.

Der Strand von Erimoupoli gilt als Geheimtipp unter Kreta-Urlaubern: es gibt keinerlei Infrastruktur, und man kommt von Land nur mit dem Auto hin, dafür teilt man sich einen herrlichen Sandstrand in wildromantischer Umgebung mit nur wenigen anderen Besuchern – und heute eben der ‘Orion’.  Wir landen mit dem Dinghi am Strand an und wandern gut zwei Kilometer im Inland nach Süden, bis wir die Stichstraße zum Strand von Vaï nehmen.

Im Palmenwald

Diese führt durch den größten natürlichen Palmenhain Europas – während man am ganzen Mittelmeer ja reichlich angepflanzte Palmen als Zierbäume sieht, begegnet man eben nie einem ganzen Wald davon. Natürlich ist auch dieser Bestand bedroht, so dass man den Wald heute nicht mehr betreten darf, nachdem er in der Vergangenheit von dort hausenden Alt-Hippies zugemüllt worden ist – wie war das mit der Naturverbundenheit?!?

Am Strand von Vaï kann man’s aushaltem

Aber von verschiedenen Aussichtspunkten kann man sich immer noch einen guten Eindruck verschaffen, und der am Ende gelegene Strand lohnt noch dazu den Besuch – das finden allerdings hier auch etliche andere Besucher. Dafür gibt’s einen (mit € 3,40 für griechische Verhältnisse etwas überteuerten, aber wenigstens guten) Freddo mit Strandblick – die Vorzüge der Zivilisation.

Blick über die Bucht von Vaï mit dem Palmenstrand

Zurück geht’s am Strand und der Steilküste entlang, ein schmaler und manchmal schwer zu findender Pfad führt bergauf und -ab und bietet dabei herrliche Aussichten.

Byzantinische Basilika in Itanos

Man kommt an der Ausgrabungsstätte des alten Itanos vorbei, in der hellenistischen Zeit ein wichtiger Hafenort, später aber völlig aufgegeben; einige Fundamente wurden freigelegt, am besten zu erkennen sind die Umrisse einer byzantinischen Basilika. Aber selbst wenn man sich nicht für Ruinen interessiert – der Ausblick vom Hügel, auf dem einst Itanos erblühte, ist umwerfend!

Sitia

Wie vorhergesagt öffnet sich am Donnerstag unser Wetterfenster zur Rundung des Kap Sideros – seit zwei Wochen variierte die Windvorhersage dort nur zwischen Nordwest 6 und Nordwest 7, zusammen mit dem an einem solchen Kap zu erwartenden Verstärkungseffekt und dem Gegenstrom keine erbauliche Aussicht, was uns auch durchaus etwas nervös gemacht hat; umso mehr kommt es uns gelegen, dass die Meteorologen für den heutigen Tag ausnahmsweise nur schwachen Wind angesagt haben. In der Tat hat es am Ankerplatz über Nacht drastisch nachgelassen, wir haben nur noch 10 Knoten Nordwest, als wir den Anker lichten; etwas erstaunt sind wir dann aber doch, dass der Wind auf dem Weg zum Kap noch mehr nachlässt, denn vorhergesagt waren immerhin noch 3 bis 4 Beaufort.

Flaute vor Kap Sideros

Vorm Kap selbst verlässt uns der Wind dann ganz – das Wasser wird spiegelglatt, und der Windmesser zeigt eine glatte Null – das haben wir schon sehr lange nicht gesehen! Reichlich absurd, nachdem wir uns so lange vorher Sorgen wegen des möglichen Starkwindes gemacht haben, aber wir müssen genau vorm Leuchtturm den Motor starten …

Wenigstens ermöglicht uns das, eine kleine Abkürzung zu fahren, vor dem Kap liegen nämlich noch zahlreiche Riffe, die man bei aufgewühlter See großräumig hätte umfahren müssen; so aber können wir unter Maschine einen Steinwurf vom Land entfernt innerhalb aller Gefahrenstellen durchfahren.

Nördlich des Kaps stellt sich ein Hauch von Wind ein, wir können wieder segeln, aber sehr langsam – und es wird immer heißer und heißer, während wir uns langsam Sitia nähern. Gegen 17 Uhr machen wir innen an der langen Mole fest; wir bekommen noch Besuch von der Coast Guard, die äußerst freundlich und höflich unser Boot kontrolliert (man hat hier offenbar große Probleme mit Tauchern, die illegal archäologische Relikte vom Meeresgrund bergen und zu Geld machen), zu mehr sind wir dann aber nicht mehr in der Lage – es ist einfach schrecklich heiß so ganz ohne Wind!

Blick über den Hafen von Sitia

Am nächsten Tag bekommen wir auch noch Besuch von einer netten Dame von der Gemeinde – die uns erst mal eine Willkommenstüte überreicht, in der sich neben umfangreichen Informationsmaterial über die kulturellen Angebote von Sitia und Umgebung eine Flasche lokalen Weins und zwei Flaschen besten Olivenöls finden! Sind wir hier etwa in einen Luxushafen geraten? Aber nein, beim Bezahlen später im Gemeindehaus stellen wir fest, dass wir den Standardtarif von € 8,31 pro Tag berechnet bekommen; kann man sich das in irgendeinem anderen Land vorstellen?

Venezianisches Kastell in Sitia

Sitia selbst hat leider außer eines venezianischen Kastells kaum alte Bausubstanz zu bieten, aber für den Segler beste Versorgungsmöglichkeiten und für den Landurlauber eine äußerst reizvolle Umgebung – all die Naturschönheiten der Ostküste, an denen wir in der letzten Woche vorbeigesegelt sind, können von hier mit dem Mietwagen ja leicht erreicht werden; und bestens essen und trinken kann man hier wie immer auch.

Angesichts unseres nach der Rundung von Kap Sideros recht entspannten Zeitplans und der extremen Gastfreundlichkeit hier bleiben wir gerne noch einen Tag länger; es ist auch nicht mehr ganz so heiß, und so futtern wir uns durch die örtliche Gastronomie- und Konditoreiszene, ergänzen die Bordvorräte genießen die Ruhe an unserem Platz an der Hafenmole, wo auch immer ein wenig Wind ins Cockpit steht.

Im archäologischen Museum von Sitia

Auch dem archäologischen Museum statten wir einen Besuch ab: hier kann man viele Fundstücke aus der neolithischen und minoischen Epoche bewundern. Es ist schon eindrucksvoll, aus nächster Nähe die Striche des Pinsels nachvollziehen zu können, mit dem ein Mensch vor 4000 Jahren eine Tonvase bemalt hat …

Spinalonga

Am Sonntagmorgen verlassen wir den Hafen von Sitia; bis zu unserem Zielhafen für den Sommer, Agios Nikolaos, sind es noch gut 20 Seemeilen gegen die vorherrschende Windrichtung, und so wollen wir den für diesen Tag angesagten, mäßigen Gegenwind nutzen, um schon mal einen Ankerplatz in der Nähe zu erreichen. Natürlich kommt es mal wieder anders: statt der versprochenen 10 Knoten Nordwest gibt es die ersten drei Stunden 5, und dann schlagartig 25 Knoten – Übergangszeit 5 Minuten.

Die Festungsinsel Spinalonga in der Einfahrt zur Lagune

Wir kreuzen also unter Klüver auf und erreichen am Nachmittag die rundum geschützte Lagune von Spinalonga, an deren Ostseite wir einen brauchbaren Ankerplatz finden.

Eigentlich war der Plan, hier die nächsten Tage zu entspannen und ein paar Ausflüge mit dem Beiboot zu machen, zur venezianischen Festung auf Spinalonga und in den Ort Elounda im Süden der Lagune, doch leider macht uns der Wind einen Strich durch die Rechnung: am Montagmorgen frischt es nochmal deutlich auf, im Mittel messen wir 6 Beaufort am Ankerplatz, und die Böen erreichen eine stolze 9! Der Anker hält gut, während sich das Boot von den heftigen Böen gebeutelt von der einen auf die andere Seite legt und die abgerissenen Wellenkämme über die Oberfläche jagen, aber an Ausfahrten mit dem Dinghi ist unter solchen Bedingungen nicht zu denken – und das Wetter denkt überhaupt nicht daran, sich zu beruhigen, es geht auch Dienstag und Mittwoch so weiter, und auch in der Nacht gibt es keine Pause – an Schlaf ist da auch nicht wirklich zu denken, selbst wenn man dem Anker vertraut, die Geräusche und Bootsbewegungen sind zu heftig. Wie üblich darf man sich darunter kein Sturmwetter wie auf der Nordsee vorstellen: es zeigt sich keine Wolke am Himmel, und der stürmische Wind hat 33 Grad …

Agios Nikolaos

Am Donnerstag freuen wir uns geradezu, den letzten Hafen vor der Sommerpause anlaufen zu können: dreieinhalb Tage an Bord festzusitzen bei ununterbrochenem Starkwind genügt wirklich …

Beim Verlassen der Lagune zeigt der Windmesser nochmal 44 Knoten – ein kleiner Abschiedsgruß von Spinalonga. Draußen stellen wir schnell fest, dass es wirklich die Verstärkung durch die Berge war, die uns so lange festgesetzt hat: den Rest der Strecke von 10 Seemeilen segeln wir bei kaum halb so viel Wind. Genug sind 5 bis 6 Windstärken aber auch noch, und so sind wir gegen Mittag in der Marina von Agios Nikolaos, wo die ‘Orion’ die heißeste Zeit des Sommers verbringen soll.

Agios Nikolaos von See

Das Anlegemanöver gelingt zum Glück gut – die Marina ist extrem eng, und wenn dann solche Böen einfallen … zum Glück schlucken die Häuser der Stadt aber einen Großteil des Nordwests. Eng aber bleibt es – Boote, die tiefer in der Boxengasse liegen, können den Hafen nur bei Flaute erreichen oder verlassen, der Abstand von Bug zu Bug beträgt bei weitem keine Bootslänge, ein Drehen ist unmöglich.

Geographisch sehr gelungen, architektonisch weniger ….

Die nächsten zwei Tage werden von den Reisevorbereitungen eingenommen: die Vorsegel werden abgeschlagen, das Schlauchboot eingepackt, alles wird gründlich entsalzt und noch alle möglichen Dinge zum Mitbringen notiert. Am Samstagnachmittag reicht es wenigstens noch für einen kleinen Stadtrundgang: der ursprünglich wohl eher kleine Ort ist durch den Tourismus schnell gewachsen und von diesem bestimmt; die Lage verteilt über mehrere Hügel mit einem See in der Mitte ist eigentlich äußerst reizvoll, die Architektur dagegen eher nicht: man sieht praktisch nur charakterlose Betonbauten. Aber wenigstens ragen diese nicht 11 Stockwerke in den Himmel wie vielerorts in Spanien …

Am Sonntag den 3. Juli ist es dann soweit: alle Leinen und Fender werden nochmal kontrolliert, und dann geht es mit dem Bus zum Flughafen in Heraklion!