Gefangen auf Ibiza (12.03. – 26.05.)

Am frühen Donnerstagmorgen geht es noch vor Sonnenaufgang los: 50 Seemeilen sind es bis Ibiza, und wir wollen nicht allzu spät ankommen. Es ist Südwind um 10 Knoten angesagt, mit dem neuen Code 0 sollte sich damit ganz gut Fahrt machen lassen.

Bei Sonnenuntergang nähern wir uns Ibiza

Tatsächlich weht zunächst deutlich mehr Wind, dafür aber aus einer viel östlicheren Richtung; damit machen wir einige Stunden sehr  gute Fahrt, bis gegen Mittag der Wind auf das angesagte Maß zurückgeht, ohne aber die Richtung zu ändern. Am Wind kann der Code 0 mit 10 Knoten noch einiges anfangen, vorm Wind dagegen … wir wechseln also auf den Gennaker, und später am Nachmittag auch wieder zurück; so schmilzt der zunächst herausgefahrene Vorsprung dahin, und wir erreichen Ibiza nach 20 Uhr; wenigstens durften wir zuvor noch einen tollen Sonnenuntergang auf See bewundern!

Cala Portinatx

Die für die Ankunft ausgesuchte Ankerbucht begrüßt uns mit einer Überraschung: wir sind nicht allein, ein kanadischer Katamaran ankert dort bereits – um diese Jahreszeit ja eher außergewöhnlich. Da außerdem viele alte Murings oder deren Überreste im Wasser schwimmen, ist es in der Dunkelheit nicht ganz einfach, einen brauchbaren Ankerplatz zu finden, aber nach ein paar vorsichtigen Runden gelingt es uns doch.

Cala Portinatx

Am nächsten Morgen setzen wir gleich mit dem Dinghi zum Strand über, es soll nämlich gleich zwei Supermärkte und eine Bäckerei im Ort Portinatx geben, und wir wollen die Ankunft mit einem anständigen Frühstück feiern – dem ist auch so, aber die Supermärkte sind noch sowas von geschlossen, der ganze Ort ruht noch; die Saison hat hier noch lange nicht begonnen. Ein Baguette können wir aber glücklicherweise erwerben, das Willkommensfrühstück ist gerettet!

Danach halten wir uns aber nicht mehr lange auf, den wir wollen ein paar Seemeilen weiter die Küste entlang in eine andere Ankerbucht, die

Cala Benirràs

Dort angekommen sind wir begeistert: bizarre Felsenformationen in der Einfahrt und unbeschreiblich klares Wasser begrüßen uns, der Schutz gegen Ostwind und Schwell ist prima – was will man mehr!

Cala Benirràs

Am Strand befinden sich einige alte Fischerhütten, außerdem auch zwei einfache Strandbars, die aber – natürlich – noch geschlossen sind. Dennoch zieht die Cala einige Menschen an, die am Strand in der Sonne – und manchmal auch im mit 17 Grad noch recht frischen Wasser – baden oder Yogaübungen auf den Felsen ausführen. Ibiza ist nicht nur für seine Party-Clubs in den Städten bekannt, sondern auch für eine sehr alternative Szene abseits davon – und dieser entlegene Strand scheint den Inselhippies gut zu gefallen, am Abend finden sich Gruppen von Menschen zusammen, die mit rhythmischem Trommeln den Sonnenuntergang begleiten.

Abendstimmung über der Cala

Uns gefällt es auch gut, wir bleiben zwei Tage, machen Landausflüge und genießen die Wärme des Nachmittags und den tollen Abendhimmel; nur weil langsam die Frischvorräte zur Neige gehen und außerdem eine Wetterverschlechterung angesagt ist, machen wir uns am Sonntag wieder auf den Weg. Dass der Wind dabei so günstig weht, dass wir unter Segeln den Anker aufholen können, versüßt noch den Abschied …

Ibizas Nordwestküste bei Cabo Novo

Die vorbeiziehende Nordwestküste Ibizas ist steil und felsig, aber mit einigen 100 Metern weniger hoch und unzugänglich als die Mallorcas. Auch bedecken meist Wälder die Hügel, nur Zivilisation sieht man praktisch keine – eine tolle Landschaft! Der Wind weht nach wie vor aus östlichen Richtungen, was bedingt durch die Abdeckung durch die Steilküste zu sehr abwechslungsreichen Segelbedingungen führt, zwischen 0 und 20 Knoten Wind ist alles drin, aber wir haben es nicht eilig, können die Segel den Maximalwerten anpassen und in den Windlöchern eben etwas länger die spektakulären Steilhänge betrachten 🙂

Sant Antoni de Portmany
Selbst ohne Corona wohl noch vorsaisonbedingt geschlossen: das berühmte Cafe del Mar

Wir ankern noch eine Nacht direkt vorm Strand von Sant Antoni, bevor wir am nächsten Vormittag in den Gemeindehafen einlaufen. Dort sind wir sehr erstaunt, nach 5 Tagen ohne Kontakt mit der Zivilisation feststellen zu müssen, dass die Corona-Panik in der Zwischenzeit auch Spanien fest im Griff hat: wir dürfen nur für die notwendigsten Besorgungen die Steganlagen verlassen, und ob wir überhaupt wieder auslaufen dürfen, ist noch unklar.

Beim Gang zum Supermarkt fühlen wir uns wie in einem Endzeitfilm: die Straßen sind fast menschenleer, nur vermummte Arbeiter sprühen Wege und Wände mit Desinfektionsmitteln ein; den Supermarkt kann man nur einzeln durch eine Schleuse betreten, um dann vor leeren Regalen zu stehen. Alle Restaurants etc. sind geschlossen, und wir erfahren, dass es auch keine Flüge von und zu den Inseln mehr geben soll – na das kann ja noch heiter werden!

Cala Codolar

Mittwoch bekommen wir dann wenigstens doch die Erlaubnis, auszulaufen – allerdings verdeutlicht man, dass wir nirgendwo anders wieder einlaufen dürfen … wir können also in der Umgebung von Sant Antoni ankern, bei Bedarf dort mit dem Dinghi anlanden um einzukaufen, und in Notfällen sogar im Hafen anfragen, um dort nochmal festzumachen … na prima.

Quarantänestation Cala Codolar

Wir segeln knapp 10 Seemeilen aus der Bucht von Sant Antoni heraus, denn diese ist mit ihrer dichten Hotelbebauung nicht unbedingt attraktiv; viel schöner ist es in der Cala Codolar: ein paar Villen überblicken den Ankerplatz, ansonsten Natur und tolle Felsformationen – das kristallklare Wasser bedarf ja keiner Erwähnung mehr. Solange der Wind aus nordöstlicher Richtung weht – und das tut er auf Tage hinaus – können wir hier bleiben; wo wir bei Starkwind aus Nordwest an dieser gesamten Küste unterkommen sollen, steht allerdings in den Sternen, ebenso, wie lange dieser Zustand anhalten soll … die aktuellen Verordnungen gelten zunächst mal bis Ende des Monats, also mindestens zwei Wochen, in denen wir uns am Rande der Legalität bewegen, denn jeder unnötige Aufenthalt im Freien – also auch die Benutzung von Sportbooten – ist ja untersagt, ebenso wie ein Spaziergang an Land, um nach tagelangem Herumsitzen mal die Beine zu benutzen 🙁

Zurück in Sant Antoni

Am Montag den 23. verlassen wir unseren Ankerplatz, da für Dienstag Starkwind und bis 2 Meter Schwell angesagt sind – den möchten wir ungern in der zur See hin offenen Cala abbekommen, die Erinnerung an Cala Figuera wirkt da noch nach.

Sonnenuntergang über der Bucht von Sant Antoni

Die Bucht von Sant Antoni bietet guten Schutz bei den meisten Bedingungen, und man kann mit dem Dinghi bequem an Land kommen, um einzukaufen; wir stellen fest, dass auch einige der hier ankernden oder an Muringbojen liegenden Boote bewohnt sind – es gibt also doch noch mehr Corona-Gefangene. Die Aussicht Richtung Land ist halt weniger schön als draußen in der Natur, aber da sich das Wetter in den nächsten Tagen eh launisch zeigt, ist das nicht so schlimm, und wir bleiben vorerst an diesem gut geschützten Ankerplatz. Die totale Ausgangssperre in Spanien ist inzwischen bis mindestens zum 11. April verlängert worden – das kann noch heiter werden. So vergehen Tag um Tag recht ereignislos – wäre es wenigstens wärmer und sonniger, könnten endlich mal alle erdenklichen Edelstahlteile an Deck poliert werden, aber so …

Osterausflug

Zum Wochenende bessert sich wenigstens das Wetter: für die Karwoche ist Sonnenschein angesagt, und so holen wir am Samstag den 4. April den Anker auf und machen uns wieder auf den Weg zu einem Ankerplatz mit schönerer Aussicht, nachdem wir in Sant Antoni nochmal Frischvorräte ergänzt haben – sonst dürfen wir ja nirgends an Land …

In der Cala Carbò

Wir fahren etwas weiter nach Südwesten als bei unserem letzten Ausflug; Ziel ist eigentlich die Cala d’Hort in knapp 15 Seemeilen Entfernung, doch weil noch einiger Schwell aus Südwest angelaufen kommt und der angedachte Ankerplatz dagegen recht ungeschützt ist, schauen wir uns schon kurz vorher die Cala Carbò an, welche weniger offen ist. Hübsch ist es da, aber auch recht eng, und der Ankergrund besteht aus großen Steinen – kaum möglich den Anker einzugraben, und genug Kette kann man erst recht nicht stecken, in der Breite hat es kaum 25 Meter bis zu den Felsen. Nun liegen da aber zwei hübsche, leuchtend weiße Muringbojen – im klaren Wasser lässt sich mühelos erkennen, dass diese für schwere Boote ausgelegt und in hervorragendem Zustand sind. Bestimmt gehören sie zu der Villa auf der Anhöhe, aber deren Bewohner dürfen ja eh nicht vorbeikommen – auch Fahrten zum Zweitwohnsitz übers Wochenende sind strengstens verboten … also schanghaien wir uns eine und liegen nun prächtig für die nächsten Tage 🙂

Der perfekte Ibiza-Sonnenuntergang

Vorteil dieses Ankerplatzes ist der unversperrte Blick Richtung Westen – die Sonnenuntergänge an Ibizas Westküste sind nicht grundlos berühmt! Uns war in Sant Antoni schon aufgefallen, dass gegen 20 Uhr die Einwohner von ihren Balkons aus johlen und applaudieren – in Zeiten der totalen Ausgangssperre versucht man wohl wenigstens an einigen Traditionen festzuhalten. Hier ist es vollkommen menschenleer, und die Sonne geht nur für uns unter …

Inzwischen gibt es schon wieder schlechte Neuigkeiten: schon eine Woche vor dem Ablauf des Ausnahmezustandes hat die spanische Regierung gleich mal zwei Wochen nachgelegt. Damit sind wir also mindestens bis zum 25. April interniert 🙁

Norwegische Aussicht: die Islas Vedràs

Am Mittwoch ist nach tagelanger Flaute die See so ruhig, dass wir uns um die Ecke in die Cala d’Hort verholen; hier gibt es viel mehr Platz, besten Sandgrund und … einen tollen Ausblick auf die vorgelagerten Islas Vedràs! Fast 400 Meter hoch ragen deren Felsen steil aus dem Meer – wir fühlen uns doch sehr ans nördlichere Norwegen erinnert! Nur wärmer ist es natürlich – bei ständigem Sonnenschein erreichen die Nachmittagstemperaturen 22° im Schatten, und selbst das Wasser schafft die 18°-Marke – immer noch reichlich frisch, aber nach Wochen ohne Dusche gibt es kein Halten mehr …

So vergehen die Tage bis Ostern, das sonnige, ruhige Wetter bleibt uns erhalten; getrübt wird die Zeit nur von der Nachricht, dass der Premierminister seine Meinung kundgetan hat, die Ausgangssperre müsse wohl noch einmal um weitere zwei Wochen verlängert werden – dies zu kommunizieren, bevor auch nur der aktuelle Zeitraum (der ja die zweiwöchige Verlängerung des ursprünglichen Zeitraums ist) abgelaufen und die ja ohnehin bereits erlassene, vierzehntägige Verlängerung begonnen hat, mutet doch etwas übereifrig an. Überhaupt scheint auch die Polizei beim Verteilen von Strafzetteln mit einem Eifer vorzugehen, welcher das übliche Niveau dieses Berufsstandes deutlich übertrifft; insgesamt können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass ein kleiner Teil der spanischen Bevölkerung geradezu begeistert davon ist, den größten Teil einsperren und verfolgen zu dürfen, von ’so viel wie eben nötig‘ kann hier keine Rede sein (exemplarisch sei hier die Überwachung von völlig entlegenen Gebieten mit Drohnen genannt) – merkt man daran vielleicht, dass mit dem Ideengut der Franco-Diktatur nie richtig aufgeräumt wurde?!?

Und wieder Sant Antoni …

Am Dienstag den 14. April verlassen wir die Cala d’Hort und machen uns wieder auf den Weg nach Sant Antoni – nach 10 Tagen ist der Kühlschrank mal wieder leer, und außerdem ist für die folgenden Tage schlechteres Wetter angesagt.

Am Donnerstag besucht uns ein RIB der Guardia Civil – wir hätten doch kürzlich noch weiter südlich geankert, das ginge so aber nicht, einfach woanders hinzufahren! Wir erklären, dass sich vor einem Monat der Hafenkapitän noch anderweitig geäußert hat – egal, jetzt jedenfalls geht das nicht mehr. Auf die Frage, in wiefern wir zur Verbreitung des Virus beitragen, wenn wir ja eh nicht das Ufer betreten dürfen, verzichten wir gleich – dieser Corona-Wahnsinn hat längst das Stadium verlassen, in dem man Sinnfragen stellen konnte. Nun ist es also amtlich: wir können hier versauern und uns noch wochenlang den menschenleeren Strand von Sant Antoni anschauen – die nächste zweiwöchige Verlängerung des Ausnahmezustandes wird nämlich auch gleich verkündet. Als ziemliche Ironie wirkt dabei doch das Zugeständnis, welches die Regierung dabei für die Kinder gemacht hat: bis zum Alter von 13 Jahren dürfen sie ab der nächsten Woche einen Elternteil auf dem einzig zugelassenen Weg zum Supermarkt begleiten! Nach 6 Wochen Wohnungshaft werden sich die Kleinen sicher sehr über diese Abwechslung freuen …

Wie den Medien zu entnehmen ist, ist auch bei den Spaniern die Begeisterung über die Maßnahmen nicht gerade hoch – einerseits hier auf den Inseln, wo der Virus ja schon praktisch kein Thema mehr ist und man sich eher mit der bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit in der völlig vom Tourismus abhängigen Region befasst, andererseits aber auch in Madrid und den anderen Großstädten, wo die Leute nicht verstehen können, warum sie sich zwar zweimal täglich in die überfüllte U-Bahn quetschen müssen, um ihrem Job nachzugehen, aber dann nach Feierabend nicht allein im Wald spazieren gehen dürfen. Tja, wer darin einen Sinn findet, der darf ihn behalten …

Unterdessen hängen wir hier also weiter ab, mit dem abendlichen Applaus als einzige Abwechslung; wie eine gewöhnlich gut unterrichtete Leserin dieses Reiseberichts zu berichten wusste, gibt es diesen inzwischen in ganz Spanien, und wird dort dem Einsatz der Pflegekräfte gewidmet – ob das hier inzwischen auch so verstanden wird, entzieht sich unserer Kenntnis, aber in jedem Fall wurde in Sant Antoni auch schon vor Corona-Zeiten allabendlich dem Sonnenuntergang zugejubelt, im Sommer von mehreren tausend Menschen, die sich am Sunset Strip, dem Westufer der Stadt, versammeln; vielleicht war das ja sogar die Inspiration zum jetzigen, landesweiten Event. Die Pflegekräfte auf Ibiza haben jedenfalls mangels Coronapatienten nicht besonders viel zu tun (momentan gelten noch 63 Menschen auf Ibiza und Formentera als infiziert, bei 160.000 Einwohnern) …

Schlimmer geht immer

Am Freitag den 24. April erwartet uns eine neue Überraschung: die Guardia Civil besucht uns und teilt mit, dass wir bis Montagmorgen die spanischen Gewässer verlassen haben müssen, ansonsten droht eine Geldstrafe von 30.000 Euro – ja, genau die gleiche Polizei, die seit knapp 6 Wochen sagt, dass wir auf keinen Fall wegfahren dürfen. Dass dies praktisch unmöglich ist, stört dabei offenbar wenig …

Nun, was tut man in so einem Fall: man wendet sich an das Deutsche Konsulat in Palma – die sind doch dafür da, die Interessen von Bundesbürgern im Ausland zu vertreten, oder? Dort ist man aber erst mal ganz anderer Ansicht und gibt den hilfreichen Rat, man möge sich an einen spanischen Anwalt wenden und vor dem obersten Gerichtshof auf die Einhaltung von EU-Rechten klagen. Ganz anders die Reaktion beim nächsten Anruf beim Auswärtigen Amt in Deutschland: doch, natürlich würde man helfen! Allerdings hat man dann intern den Fall wieder nach Palma weitergereicht, worauf sich die dortige Leiterin gemeldet und in der Folge ein mehrtägiges Lehrstück darüber abgeliefert hat, wie ein kaiserlich-preußischer Beamte den Bürger auflaufen lässt, wenn dieser zu lästig wird. Nun, Leiterin und Stellvertreter des Deutschen Konsulats in Palma haben sich mit jeder Beschreibung spottender Arroganz den unangefochtenen Spitzenplatz auf der Liste derjenigen Staatsdiener erkämpft, für die jeder Cent der gezahlten Steuern verschwendet ist.

Einziger Lichtblick ist das holländische Boot, welches 100 Meter entfernt ankert: die haben ebenfalls ihre Botschaft kontaktiert und eine völlig verschiedene Auskunft bekommen: selbstverständlich werde man sich der Sache annehmen, sie sollten sich keinerlei Sorgen machen, und auf keinen Fall in See stechen und irgendein Risiko eingehen. Der Hinweis darauf an die deutschen Diplomaten und der Vorschlag, man könne doch mit den holländischen Kollegen Kontakt aufnehmen und an einem Strang ziehen, wurde abschlägig beantwortet: dazu habe man keine Veranlassung. Also, unsere letzten Hoffnungen ruhen auf unseren freundlichen Nachbarn im Westen, die das Gutsherrentum nicht nur der Form nach abgelegt haben …

Phasenweise Lockerungen

Tatsächlich beruhigt sich die Lage wieder, und das ausschließlich Dank des Einsatzes der niederländischen Botschaft: nachdem der Botschafter persönlich tagelang versucht hat, einen Vertreter der lokalen Hafen- oder Polizeibehörde ans Telefon zu bekommen (die sich teilweise auf geradezu komödiantisch anmutende Weise von ihren Sekretärinnen haben verleugnen lassen), ist auf einmal keine Rede mehr von Ausweisungen oder Geldstrafen – das Boot der Guardia Civil schaut noch einmal vorbei, sieht aber gar kein Problem mehr, und danach lassen sie sich die Beamten kein einziges Mal mehr blicken … wieviel man als offizieller Landesvertreter mit nichts weiter als einem Telefon erreichen kann, ist doch erstaunlich – und demaskiert die Aussage der deutschen Amtskollegen ‚wir können nichts für sie tun‘ als eben die dummdreiste Lüge, die sie ist.

Unterdessen stellt der spanische Premierminister einen stufenweisen Plan vor, wie man bis zur Phase 3 schrittweise das Leben im Land wieder zulassen will – und damit das auch ja nicht zu schnell geht, fängt man bei Null an zu zählen … aber selbst die ‚Phase 0‘ bringt für die Menschen schon Fortschritte: man darf erstmals seit fast zwei Monaten wieder einen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen, wenn auch nur in einem engen Radius um die Wohnung und zu festgesetzten Zeiten – aber auf einmal sieht man wieder Menschen (ohne Hund) auf der bislang wie ausgestorben wirkenden Insel.

Zum zweimonatigen Jubiläum des Ausnahmezustandes wird dann sogar wieder das Sporttreiben erlaubt, und theoretisch dürfte man in diesem Rahmen auch sein Segelboot benutzen – für Tagesausflüge im Gebiet der Heimatgemeinde. Nun, was immer das für ausländische Boote bedeutet, zunächst mal ist das Wetter zu instabil, um darüber auch nur nachzudenken, bis zu 35 Knoten Wind schütteln die Ankerlieger ordentlich durch, aber zum Wochenende des 16./17. Mai beruhigt sich das Wetter, und die Wettervorhersagen künden davon, dass der Sommer da ist: soweit man blicken kann nur Tage mit 14 Sonnenstunden, 28 Grad im Schatten und laue Winde. Ab Montag den 25. soll die Phase 2 beginnen und wieder die Überfahrt nach Mallorca erlauben, wovon wir natürlich Gebrauch machen wollen – ob wir die Woche bis dahin schon nutzen, um uns still und heimlich in kleinen Schritten entlang der Küste nach Norden vorzuarbeiten? Falls die Polizei vorbeikommt, können wir ja die niederländische Gastlandflagge als Nationale setzen, und sie werden einen großen Bogen um uns machen 😉

Aufbruch

Am Montag den 18. Mai ist es tatsächlich soweit: wir verlassen die Bucht von Sant Antoni! Zusammen mit zwei anderen Booten machen wir uns auf den Weg zum Nordende der Insel, um bei günstiger Wetter- und Gesetzeslage die Überfahrt nach Mallorca vorzubereiten.

Cala Salada, ein kleines Paradies direkt neben Sant Antoni

Zunächst geht es nicht gerade weit, in der gut 3 Seemeilen entfernten Cala Salada werfen wir den Anker; doch obwohl Sant Antoni noch so nah ist, sind wir in einer anderen Welt: völlig klares Wasser, Natur, keine Plattenbauten. Wir trauen uns einen – außerhalb der Zeitfenster am Morgen und Abend – noch immer illegalen Spaziergang zu machen, da auch einige Einheimische verbotenerweise die Strände nutzen. Am Nachmittag -glücklicherweise wieder zurück an Bord – erleben wir dann ein besonderes Schauspiel: an Land tauchen drei Beamten der Guardia Civil  auf und beginnen, die Personalien der Anwesenden aufzunehmen – neue Einnahmen für die Staatskasse. Am entfernten, von einem felsigen Abschnitt getrennten Bereich des Strandes bekommen die Natursuchenden dies mit und versuchen sich aus dem Staub zu machen, worauf die Polizisten in einer filmreifen Aktion ausschwärmen und versuchen, den Flüchtenden den Weg abzuschneiden – das muss schließlich geahndet werden, man bedenke, wieviel kriminelle Energie dahintersteckt, sich nach neunwöchigem Aufenthalt in einer kleinen Plattenbauwohnung einfach so an den Strand zu begeben! Wir jedenfalls haben vom Boot aus den perfekten Überblick, beobachten die Bewegungen oben auf den Felsen und geben den Flüchtenden Zeichen, in welche Richtung sie laufen müssen, um ihren Verfolgern zu entgehen. Tatsächlich gelingt dies auch einer Gruppe, die sich hinterher herzlich bedankt. Nach Abzug der Beamten gehört der Strand wieder den Senioren und Hundebesitzern, für die er um diese Zeit reserviert ist, sprich: er ist menschenleer.

Die ‚Orion‘ kann noch segeln!

Am Dienstag weht ein schöner Südwest, und wir legen ein längeres Stück entlang der Küste zurück, volle 12 Seemeilen diesmal, und richtig unter Segeln – was für ein tolles Gefühl, nach zwei Monaten Zwangspause wieder den Gennaker leuchten zu sehen! Am Nachmittag erreichen wir den Puerto de Sant Miquel, anders als der Name vermuten lässt kein Hafen, sondern eine große, gut geschützte Bucht. Hier gibt es strandnah ein paar große Hotelburgen (ausgestorben, versteht sich), in jeder anderen Richtung ist es aber rundherum recht hübsch. Auch hier erwandern wir die Umgebung, sehen aber keine Polizei mehr – offenbar sind wir nun weit genug von den ‚Städten‘ entfernt.

Das Wetter ist einfach traumhaft: in der Sonne sehr warm, nachts aber noch angenehm kühl, makellos blauer Himmel und 23° warmes Wasser. Einzig wie es weitergehen soll ist immer noch unsicher: zum einen ist es wenige Tage vor Beginn der Phase 2 immer noch nicht klar, ob es dann erlaubt sein wird, nach Mallorca überzusetzen, zum anderen soll der Wind pünktlich zum 25. auf Nordost drehen und dabei auf längere Sicht bleiben – Gegenwind, was sonst.

So sieht gutes Wetter aus – das Meer vor Puerto de Sant Miquel

Nach zwei Nächten verholen wir uns ein kleines Stück in die nächste Ankerbucht, die Cala Es Canaret; laut Revierführer einer der schönsten Ankerplätze auf Ibiza, die wir auf dem Hinweg Mitte März leider auslassen mussten, weil die See zu unruhig für den eher offenen Ankerplatz war. Nun sieht es ganz anders aus: es weht kaum ein Lüftchen, und das Mittelmeer liegt spiegelglatt vor uns.

Abendhimmel über der Cala Es Canaret

Tatsächlich ist der Ort einfach traumhaft: die Farben des Wassers und der Felsen, die Umgebung (keine Hotels, eine einzige Luxusvilla stellt die einzige Bebauung dar), die das Boot umspielenden Fischschwärme, das Vogelgezwitscher, die Aussicht … besser geht es kaum noch! Einzig allein die Mobilfunkabdeckung lässt zu wünschen übrig, was für das Einholen neuerer Wettervorhersagen etwas nachteilig ist, daher verlassen wir schweren Herzens am Samstag wieder dieses kleine Paradies und fahren ins zwei Seemeilen entfernte Portinatx, welches wir auf dem Hinweg schon besucht haben.

Cala Es Canaret – wirklich der schönste Ankerplatz, den wir auf Ibiza erleben durften
Magische Lichtstimmung in den Grotten

Tatsächlich haben in Portinatx inzwischen ein paar Restaurants und ein Minimarkt den Betrieb aufgenommen, so dass der Ort etwas belebter wirkt als auf dem Hinweg. Nach wie vor weht aber Nordostwind, was für die Überfahrt nach Mallorca denkbar ungünstig ist, so dass wir erst mal hier verweilen. Wir erfreuen uns am nach wie vor traumhaften Wetter, unternehmen Ausflüge mit dem Dinghi in nahegelegene Grotten und hängen ansonsten einfach ab. 

Endlich wieder Leben am Strand von Portinatx!

Am Montag den 25. treten die Balearen in die Phase 2 der Corona-Exit-Strategie ein; nun ist erstmals seit 10 Wochen wieder das Baden im Meer erlaubt, und augenblicklich wandelt sich der Anblick des Strandes: statt ausgestorben vor uns zu liegen, erfüllen nun wieder die Rufe planschender Kinder die ganze Cala. Für die Einheimischen bietet sich eine besondere Situation: zwar sind die meisten von existenziellen Nöten bedroht, dafür haben sie aber erstmals seit vielen Jahrzehnten den Strand für sich alleine. Wir freuen uns mit den Menschen, die endlich wieder in die Freiheit entlassen wurden!

Diese Freiheit erstreckt sich freilich nur auf die Insel, Reisen auf die Nachbarinsel sind nach wie vor untersagt (damit wir auch ja nicht den Virus vom inzwischen völlig coronafreien Ibiza auf das nahezu coronafreie Mallorca tragen); wir wollen aber den für Mittwoch angesagten, halbwegs brauchbaren Wind nutzen und einen Ausbruchversuch unternehmen, zusammen mit der niederländischen ‚Blitz‘ – wenn uns die Polizei anhält, wird deren Flagge sie hoffentlich in die Flucht schlagen 😉

Auf Mallorca (10.02. – 11.03)

Überfahrt

Am frühen Montagmorgen ist es endlich soweit: der Kapitän des Saugbaggers fährt in einem kleinen Boot voraus und weist uns den Weg durch die schmale Rinne, welche aus dem Hafen von El Masnou führt. Glücklicherweise hat sich die Richtung, aus der die Wellen anlaufen, etwas geändert, so dass sich die See nicht mehr auf ganzer Breite der Einfahrt an der Sandbank bricht. Vorsichtig tasten wir uns voran, und tatsächlich schaffen wir es, ohne Grundberührung tieferes Wasser zu erreichen – was für eine Erleichterung! Der freundliche Baggerkapitän bekommt noch eine Flasche Wein hinübergereicht, und dann zeigt der Bug Richtung Mallorca 🙂

Wenigstens für den Vormittag ist eigentlich eher schwächerer Wind angesagt, was ideal zum Ausprobieren des neuen Code Zero sein sollte; aber schon beim Setzen des Großsegels sind es schon 12 bis 15 Knoten, so dass wir doch erst mal nur Klüver- und Kuttersegel dazunehmen. Wie sich 10 Minuten später zeigt, eine gute Entscheidung: es bläst munter mit 25 Knoten und mehr – Windstärke 6, in Böen 7. Definitiv zu viel für das Leichtwindsegel – und eigentlich auch schon für das gesetzte Vollzeug, aber was soll’s, die ‚Orion‘ hat ja genug Ballast im Kiel … so rauschen wir also auf perfektem Halbwindkurs mit über 7 Knoten durchs Wasser – endlich wieder!

Entsprechend werden auch die Wellen langsam höher – die Vorhersage sprach von einem Meter signifikanter Höhe, aber die haben wir schon lange überschritten. Wind und Wellen erreichen ihr Maximum am frühen Nachmittag, als wir im Bereich der Schelfkante segeln, wo die Wassertiefe schnell von unter 100 auf über 1500 Meter abfällt; wir haben inzwischen die Segelfläche reduziert, um nicht ganz so sehr auf der Seite zu liegen, und auch, um nicht zu früh anzukommen – eine Erfahrung, die man auf einem schweren Langkieler nicht so häufig macht 😉 Aber die Strecke bis zum Cap de Formentor, der Nordostspitze Mallorcas, beträgt nur 100 Seemeilen – zu viel, um es selbst bei günstigsten Bedingungen im Laufe eines Tages zu erreichen, aber wenig genug, um bei solchen Geschwindigkeiten mitten in der Nacht anzukommen, und das wollen wir vermeiden. Die letzten Wolken haben sich unterdessen verzogen, die Sonne strahlt, die Wellen glitzern – was will man mehr!

Sonnenuntergang auf halber Strecke nach Mallorca

Am frühen Abend beruhigen sich Wind und Wellen, es weht nur noch mit knapp 20 Knoten (5 Beaufort), und die Wellen bewegen sich nun im Bereich der vorhergesagten Verhältnisse; es bleibt bei einem gemäßigten Amwindkurs, und aufgrund des aufgebauten Vorsprungs können wir nur mit Großsegel ruhig durch die Nacht fahren. Es bietet sich uns ein phantastischer Sonnenuntergang dar, wie so oft weit draußen auf See; der darauf folgende Sternenhimmel steht dem in nichts nach, und bald steht im Süden der Orion am Himmel, und wir rauschen durch die Nacht auf unseren Namensgeber zu.

Magisch: Cap de Formentor im ersten Licht des neuen Tages

Mit dem ersten Licht der Morgendämmerung erreichen wir das Cap de Formentor, sein Leuchtturm hat uns schon seit Stunden den Weg gewiesen. Hoch ragt die bergige Nordküste der Insel auf, und das fahle Licht schält die Klippen wie magisch aus der Dämmerung – für solche Momente lohnen sich die Strapazen einer Nachtfahrt!

Kaum im Windschatten des Kaps hat es sich mit dem Wind natürlich erledigt; wir motoren also noch über die Bucht von Pollença und legen um 10 Uhr an der Mole von Puerto de Bonaire an, um dort ein frischen Brot fürs Frühstück zu kaufen. Ein Mann auf der Mole spricht uns an – auf Deutsch natürlich, damit wir auch wissen, dass wir auf Mallorca sind 🙂 Er klärt uns auf, dass der kleine Supermarkt im Ort nur in der Saison geöffnet ist – bietet sich aber gleich an, uns eben nach Alcúdia zu fahren. Das ist echt nett, und rettet das Willkommensfrühstück!

Ausblick vom Ankerplatz vor Bonaire

So können wir also bald wieder ablegen und ein paar hundert Meter vor der Hafeneinfahrt vor der Playa de Sant Joan auf 3 Meter Wassertiefe über reinem Sandgrund den Anker fallen lassen. Das Wasser ist kristallklar, man meint die Sandkörner zählen zu können; inzwischen ist es 11 Uhr, und die Sonne entwickelt eine enorme Kraft, es wird richtig warm; Kaffee, Brot, Eier und Orangensaft schmecken hervorragend – wir sind definitiv angekommen!

Port de Pollença
Im Hafen von Port de Pollença

Nach einer relativ ruhigen Nacht vor Anker (erst am frühen Morgen kommt etwas Schwell aus Nordost auf) begrüßt uns der neue Tag etwas bewölkt: überm Ligurischen Meer befindet sich ein kleines Randtief, ein Ausläufer des Sturmtiefs, das am vergangenen Wochenende Nord- und Mitteleuropa heimgesucht hat; dieses drückt eine kleine Delle in unser schönes Azorenhoch und ist auch für den Schwell verantwortlich, aber der Effekt ist nur sehr vorübergehend. Dennoch verholen wir uns für den Rest des Tages und die kommende Nacht in den Hafen von Port de Pollença, bei Nordost findet sich in der ganzen Bucht kein vernünftiger Schutz, und eine Dusche ist ja auch nicht zu verachten …

Zahlreiche Havaristen liegen am Strand

Ein Teil des Hafens wird von der Hafenbehörde der Balearen verwaltet, hier kommt man deutlich günstiger unter als in den privaten Marinas; in der Nebensaison zahlen wir keine 23 € pro Nacht, das ist für mallorquinische Verhältnisse äußerst günstig. Der Hafen ist freundlich und modern ausgestattet, der kleine Ort wirkt zu dieser Jahreszeit recht verschlafen, bietet aber gute Einkaufsmöglichkeiten. Beim Rundgang entdecken wir am Strand zahlreiche gestrandete – und zum Teil schwer beschädigte und vollgelaufene – Boote, die sich während des schweren Sturms ‚Gloria‘ vor gut drei Wochen von ihren Murings losgerissen haben; ein schlimmer Anblick! Da sind wir mit unserer Sandbank vor El Masnou ja noch glimpflich davongekommen …

Am Donnerstag ist es mit dem Nordost wieder vorbei, die Bewölkung lockert auch schon wieder auf; wir verlassen den Hafen und ankern die kommende Nacht eine knappe Seemeile entfernt direkt vorm Strand, kaum eine Kabellänge vom Übungsparcours einiger Jollen entfernt, die fleißig den schwachen Wind mit dem Spinnaker einfangen.

Cala Murta

Für Freitag und das Wochenende ist Traumwetter angesagt, bis 21° und strahlender Sonnenschein; dafür haben wir uns eine schöne Ankerbucht gleich vorm Cap de Formentor ausgesucht. Freitagmorgen ist aber von der Sonne nichts zu sehen, im Gegenteil: dichter Nebel hüllt die gesamte Bucht von Pollença ein, wir können den Strand nicht mehr sehen. Wir warten noch ein paar Stunden ab, aber als es nicht besser wird, brechen wir trotzdem auf, um die 6 Seemeilen bis zum Ankerplatz unter vorsichtiger Motorfahrt zurückzulegen. Tatsächlich reißt es kurz vor Erreichen der Küste etwas auf, so dass wir mit akzeptabler Sicht in die Cala Murta einlaufen und einen Sandfleck zum Ankern aussuchen können. Viel Platz ist hier nicht gerade, die Cala ist vielleicht 50 Meter breit; wir bringen zusätzlich den Heckanker aus, um das Schwojen den Bootes zu begrenzen.

In der Cala Murta

Das Wasser der Cala ist schon fast unwirklich klar, so als wäre es gar nicht vorhanden, der Grund unter der ‚Orion‘ besteht aus fast weißem Sand, zum Strand hin von Felsen durchsetzt; in reinem Türkisblau leuchtet es um uns herum.

Nach einer ruhigen Nacht setzt sich am Samstag endlich die Sonne durch; wir setzen mit dem Dinghi zum Kieselstrand über und unternehmen eine kleine Wanderung. Der Weg führt hinauf zur Straße, welche den Leuchtturm am Cap de Formentor mit dem Landesinneren verbindet, und über diese hinweg zu einer Bucht an der Nordseite der Halbinsel, der Cala Figuera.

Wir laufen im strahlenden Sonnenschein durch Pinienwälder und über Bergflanken, die Landschaft bildet einen tollen Kontrast mit dem tiefblauen Himmel – hier ist es wirklich schön! Die Temperaturen erreichen zwar nicht die angekündigten Werte, aber das macht nichts, in der Sonne ist es dennoch herrlich warm; wir beschließen den Tag entsprechend mit dem ersten Grillabend der Saison.

Blick über die Cala Figuera

Am Sonntag hat es die Sonne wieder etwas schwerer, sich durchzusetzen, erst am Nachmittag hat sie die Wolken verscheucht; wir genießen die Ruhe an unserem Ankerplatz, die nur ab und an von Wanderern oder einem Motorboot mit Ausflüglern unterbrochen wird, die sich aber selten länger als eine Viertelstunde in der Cala aufhalten. Ansonsten haben wir den Ort für uns allein – abgesehen von einer Herde liebreizender Esel, die sich ab und zu am Strand blicken lassen.

Port d’Alcúdia

Am Montagvormittag verlassen wir nach drei Tagen die Cala Murta, denn für die kommende Nacht ist viel Wind und Schwell angesagt. Wir segeln 15 Seemeilen gen Süden bei 8-12 Knoten Wind in die Bucht von Alcúdia – Amwindkurs, endlich eine Gelegenheit, den neuen Code Zero mal zu testen! Tatsächlich macht sich das Leichtwindsegel gut, es steht faltenfrei und verleiht uns immerhin 3 bis 4 Knoten Fahrt – bei solchen Bedingungen kämen wir mit unseren schweren Standardsegeln kaum voran, und der leichte Gennaker ist nur bei achterlichem Wind zu gebrauchen.

In Port d’Alcúdia

Am Nachmittag erreichen wir die Marina von Port d’Alcúdia und nutzen die letzten Sonnenstrahlen für einen Rundgang durch den Ort. Alles etwas größer als in Port de Pollença, aber auch hier eher gepflegte Hotels als entsetzliche Bausünden – wir sind positiv überrascht!

Am Abend zieht es sich zu, und der angekündigte Nordnordost setzt ein; am nächsten Morgen ist es aber auch schon wieder vorbei, die Sonne versucht tapfer, die Wolken zu verdrängen, und wir richten uns darauf ein, die Marina auch schon wieder zu verlassen.

Allzu weit haben wir es aber nicht – gleich um die nächste Ecke gibt es einen netten Ankerplatz vorm Strand von Alcanada, wo wir die kommende Nacht verbringen.

Cala Pi de la Posada

Mittwochmorgen begrüßt uns strahlender Sonnenschein – so muss das! Wir machen uns am späten Vormittag auf den Weg zurück in die Bucht von Pollença; da es nicht weit ist, versuchen wir mit dem wenigen Wind noch zu segeln. Dummerweise kreuzen wir dabei vorm Cap de Pinar weit Richtung Osten heraus, als plötzlich Wind aufkommt – exakt vor vorne, natürlich. So muss dann doch noch der Motor mithelfen, um unser Ziel, die ausgedehnte Bucht Cala Pi de la Posada kurz vor Port de Pollença, noch bei gutem Licht zu erreichen – was wichtig ist, um die Beschaffenheit des Grundes gut beurteilen zu können,  in der gesamten Bucht besteht nämlich eigentlich ein Ankerverbot zum Schutz der Neptungraswiesen (Posidonia oceanica). In der Saison werden (selbstverständlich kostenpflichtige) Muringbojen ausgelegt, so früh im Jahr fehlen diese jedoch noch; umso wichtiger ist es, darauf zu achten, Anker und Kette auf Sandgrund und nicht in die Neptungraswiesen zu legen.

Traum in Blau – Cala Pi de la Posada

Am Ankerplatz genießen wir noch die Stunde um Sonnenuntergang, bevor wir eine ruhige Nacht in der von pinienbewachsenen Berghängen umschlossenen Bucht verbringen. 

Der nächste Tag beginnt schon mit wolkenlos blauem Himmel; wir verbringen den ganzen Tag vor Anker und genießen das schöne Wetter. Die Luft ist mit etwa 16 Grad noch eher kühl, aber in der Sonne ist die  Badehose völlig angemessen. Vom Ankerplatz bietet sich ein herrlicher Panoramablick über die Badia de Pollença mit der Ila de Formentor im Vorder- und dem Bergrücken des Penya des Migdia (354 m) im Hintergrund, das Blau des Himmels und des Wassers strahlen um die Wette – so kann man es aushalten! Gerne verbringen wir auch noch eine weitere Nacht an diesem schönen Ort, bevor wir am folgenden Morgen in den nahegelegenen Hafen von Port de Pollença verholen.

Landgang
Ausblick vom Mirador d’es Colomer

Die nächsten Tage verbleibt die ‚Orion‘ im Hafen von Port de Pollença, und wir erkunden das Inselinnere mit dem Mietwagen. Der erste Ausflug führt über die in den 1930er Jahren errichtete Straße zum Cap Formentor; diese führt auf geradezu atemberaubende Weise (für Menschen mit Höhenangst nicht zu empfehlen!) entlang der steilen Bergflanken und bietet hinreißende Panoramablicke über die wilde Gebirgslandschaft und das tiefblaue Meer.

Vom gleichen Straßenbauingenieur, Antonio Paretti, stammt auch die Straße nach Sa Calobra durch die Serra de Tramuntana, welche wir am nächsten Tag bewundern dürfen – eine großartige Leistung, diese Folge von Serpentinen ohne Hilfe von Maschinen in der abweisenden Umgebung zu errichten! Beim Nus de sa Corbata (‚Krawattenknoten‘) überquert sich die Straße in einer 270°-Kurve sogar selbst; ein kleiner Parkplatz ermöglicht es die Aussicht zu genießen, die wahrlich unvergesslich ist.

Am Nus de sa Corbata
Cala de Sa Calobra

Am Ende der Straße gelangt man zum winzigen Ort Sa Calobra, welcher bis zur Fertigstellung der Straße 1932 nur auf dem Seeweg oder über steile Bergpfade zu erreichen war; heute ist der Ort das Ziel zahlreicher Touristen und selbst Ende Februar schon gut besucht …

Neben beeindruckenden Berglandschaften bietet Mallorca auch zahlreiche sehenswerte Ortschaften: wir besuchen Selva, Pollença, Artà, Capdepera und Binissalem; überall finden wir schöne alte Häuser, malerische enge Gassen und freundliche Plätze mit regem Straßenleben. Die Mischung aus römischen und maurischen Einflüssen auf Architektur und Stadtplanung hat ihren besonderen Reiz, und dass vielerorts die Zeit stillzustehen scheint, trägt zum Gesamterlebnis bei.

Immer wieder zieht es uns aber in die Serra de Tramuntana, die vom höchsten Berg Mallorcas, dem 1445 Meter hohen Puig Major, gekrönt wird; die Sonne strahlt Tag für Tag, die Temperaturen sind perfekt zum Bergwandern geeignet, und die Luft duftet nach Rosmarin und Pinienwäldern – hier findet man so viel mehr als Pauschalhotels und Badestrände!

Panoramablick vom Castell d’Alaró (825m) über die Serra de Tramuntana
Es geht weiter

Am Mittwoch lassen wir in Port de Pollença noch einen kleinen Sturm durchziehen, aber am Donnerstag verlassen wir dann den sympathischen Hafen und machen uns daran, die Insel zu umrunden. Zunächst weht noch sehr viel weniger Wind als angekündigt, bis in die Bucht von Alcúdia müssen wir motoren; zum Ausgleich kommt dann umso mehr Wind auf, von vorne natürlich: innerhalb einer Stunde bläst es uns mit 6 bis 7 Beaufort ins Gesicht. Wir kreuzen viele Stunden geduldig gegenan, mit dem zweiten Reff im Groß und Kuttersegel kommen wir durchaus noch vorwärts, nur anstrengend ist es natürlich; erst gegen 19 Uhr finden wir nach 37 Seemeilen  vorm Strand von Cala Millor einen Ankerplatz, der halbwegs Schutz vor den inzwischen ganz beachtlichen Wellen aus Südwest bietet.

Vor Anker in der Cala Mitjana

Am frühen Morgen dreht aber der Wind auf Nordost, und es hat sich mit dem Schutz schnell erledigt; wenigstens können wir nun mit raumem Wind bequem segeln, und so erreichen wir schon gegen Mittag den nächsten Ankerplatz, die völlig im Land eingeschlossene Cala Mitjana. Nicht gerade geräumig, wir legen uns zwischen Bug- und Heckanker, aber ein wahrhaft paradiesischer Platz: zerklüftete Felsen, weißer Sandgrund, türkisfarbenes Wasser und an Land ein ausgedehntes Anwesen, für das die gesamte Umgebung zu einem mediterranen Landschaftsgarten wie aus dem Bilderbuch gestaltet wurde. Ja, so könnte man wohl wohnen – nun, wir können es immerhin für eine Nacht 🙂

Malerisch: Cala Figuera

Am Samstag segeln wir noch ein kleines Stück weiter bis Cala Figuera; hier müssen wir erst mal ein paar Tage pausieren, denn der nächste Sturm steht vor der Tür: bei Windvorhersagen von 40 bis 50 Knoten und 4 Meter charakteristischer Wellenhöhe wollen wir lieber nicht auf See sein.

Blütenpracht bei Santanyi

Der kleine Fischerhafen sollte eigentlich auch über einen Supermarkt verfügen, aber der hat noch Winterpause; so laufen wir am Samstagnachmittag ins 6 Kilometer entfernte Santanyí, um Frischvorräte einzukaufen und die Landschaft anzuschauen, welche sich hier eher flach und unspektakulär gibt, aber dafür Blumenwiesen in einer Pracht und Dichte bietet, wie wir sie selten gesehen haben.

Die See brandet in der Einfahrt zur Cala Figuera

Die folgenden Tage zeigen aber auch mal wieder, wie nahe beim Segeln die außergewöhnlich schönen Erlebnisse und die Tage, an denen man ernsthaft über ein anderes Hobby nachdenkt, beieinanderliegen: während wir auf eine Möglichkeit zur Weiterreise warten und der Wind immer mehr zunimmt, wird die Situation im Hafen immer unerträglicher. Mehr und mehr Schwell arbeitet sich in die Cala und lässt die ‚Orion‘ wie wild an ihren Festmachern zerren, während der Wind in Sturmstärke im Rigg pfeift. Die erste Nacht ist schon schlaflos und kostet einem Festmacher mit Gummiruckdämpfer das Leben, in der zweiten wird es so schlimm, dass wir uns um 2 Uhr in der Frühe auf die andere Seite der Mole zwischen die Fischerboote verholen – glücklicherweise bestätigt der Hafenmeister am nächsten Morgen wenigstens, dass wir dort bleiben dürfen, von ruhiger Lage kann aber auch hier keine Rede sein … und dafür zahlt man auch noch Geld!

Damit haben wir aber noch nicht das Ende unserer Schwierigkeiten in Cala Figuera erreicht: am Dienstagmorgen schrammt ein ablegendes Fischerboot an unserem Heck vorbei und rasiert den Flaggenstock ab. Der Hafenmeister empfiehlt, auf die Rückkehr des Bootes zu warten und dann die Schadensregulierung mit dem Kapitän zu kläre, warnt aber gleichzeitig, dieser sei nicht so ganz zurechnungsfähig … diese Einschätzung finden wir leider am Nachmittag bestätigt: statt sich zu entschuldigen, erweist sich der Fischer als Psychopath erster Güte und droht damit, noch mehr Schaden anzurichten. Wir haben die Wahl, die Polizei zu rufen oder den Hafen vorm Ablegen der Fischerboote zu verlassen – wir wählen letztere Möglichkeit und legen am Mittwoch um kurz nach 3 Uhr in der Frühe ab, als sich der tagelange Sturm endlich gelegt hat.

Palma
Hafen und Kathedrale von Palma

Die Wellen sind noch ganz schön beachtlich, aber glücklicherweise nicht so kurz, und so kommen wir gut voran und erreichen wir am späten Mittag nach 38 Seemeilen Palma, die Inselhauptstadt. Schon aus der Ferne begrüßt einen die beeindruckende Kathedrale über dem sehr ausgedehnten Hafen – neben den Fähr- und Frachthäfen bieten hier 9 (!) Yachthäfen ihre Dienste an. Für einige davon sind wir mindestens 50 Meter zu kurz, und die meisten wollen wir nicht bezahlen; lediglich eine Marina, die als Heimatbasis für Charterboote errichtet wurde, füllt ihre in der Woche leerstehenden Plätze zu akzeptablen Tarifen mit Gastliegern auf. Da in den folgenden Tagen schon wieder Starkwind von 30 bis 40 Knoten angesagt ist, buchen wir uns für 4 Nächte ein und besuchen in den folgenden Tagen die Stadt.

La Llotja de Palma

Nach der Eroberung durch die Römer 123 v. Chr. war Palma über 5 Jahrhunderte wichtige Hafen- und Handelsstadt, bis die Stadt nach dem Untergang des römischen Reiches mehr und mehr an Bedeutung verlor und schließlich 903 unter maurische Herrschaft geriet. Dies führte zu einer Wiederbelebung unter islamischer Ausrichtung, bis die ganze Insel 1229 zurückerobert wurde. Zunächst ein eigenständiges Königreich, dann zu Aragon und schließlich zu Spanien gehörend, stellt heute – natürlich – der Tourismus das wirtschaftliche Fundament Mallorcas dar.

Kathedrale ‚La Seu‘

Neben der Kathedrale gibt es im Stadtbereich 31 weitere Kirchen und unzählige andere historische Bauten, wie den königlichen Palast, das Rathaus und die direkt vor der Marina gelegene, 1447 vollendete Seehandelsbörse Llotja de Palma; aber auch die engen, verwinkelten Gassen der Altstadt sind einen Besuch wert, und die vielen einladenden Restaurants (wir probieren eine köstliche Paella) und Cafés sowieso!

Cala Portals

Am Sonntag hat sich der Wind endlich gelegt, und wir können weiter; leider hat er sich so gründlich gelegt, dass wieder der Motor läuft: es scheint nur noch zu viel Wind oder gar keinen wind zu geben. Zu viel Strecke nehmen wir uns unter diesen Bedingungen nicht vor, nach nur 10 Seemeilen werfen wir in der Cala Portals den Anker.

Cala Portals

Hier ist ganz schön was los: rund ein Dutzend Motor- und Segelboote ankern über die Bucht verteilt, und zahlreiche Sonnenhungrige liegen auf den warmen Felsen rund herum. Ach richtig, es ist Sonntag! Um 17 Uhr verlässt dann auch ein Boot nach dem anderen die Cala, bis wir schließlich allein sind.

In den Höhlen

Da wir auf passendes Wetter für die Überfahrt nach Ibiza warten und es uns in der Cala gut gefällt, bleiben wir gleich drei Nächte. So bleibt auch Zeit, eine kleine Wanderung entlang der Ufer der mehrarmigen Bucht zu unternehmen; dabei erkunden wir beeindruckend große Höhlen, die offenbar seit alter Zeit genutzt und erweitert wurden – ein kleines Abenteuer!

Port d’Andratx
Cap de Cala Figuera

Am Mittwoch den 11. März ziehen wir schließlich weiter zum Hafen von Andratx – bevor wir nach Ibiza übersetzen wäre eine Dusche ganz angenehm. Leider gibt es zwei unangenehme Überraschungen: zunächst weht der angekündigte Wind nicht, so dass wir weitere 12 Seemeilen motoren müssen (okay, das ist eigentlich keine Überraschung mehr), und dann sind die Duschen noch bis Freitag nicht zugänglich wegen Reparatur – dumm gelaufen. Bleibt nur, den Ort anzuschauen und ein paar Einkäufe zu erledigen.

Port d’Andratx

Port d’Andratx wirkt sehr sauber und schick – kein Wunder, wohnt hier doch ein guter Teil der ‚Prominenz‘. Man versucht sich deutlich vom Billigtourismus abzuheben, große Hotels sucht man hier vergeblich, dafür finden wir eine Menge Restaurants, Einrichtungsgeschäfte, Boutiquen und nicht zuletzt Immobilienmakler, die ihre Dienste ausschließlich auf Deutsch bewerben … alles klar. Die Lage des Ortes in einer großen, geschützten Bucht, offen zum Sonnenuntergang und mit bewaldeten Bergen im Hintergrund ist aber wirklich ganz reizvoll; wer gerade ein paar Millionen für eine Finca anzulegen hat, sollte Andratx ruhig in Erwägung ziehen.

 

(Fehl-)Start in die neue Saison (13.01. – 09.02.)

Zurück in El Masnou

Am 13. Januar landen wir wieder in Barcelona und erreichen nach kurzer Fahrt mit dem Zug El Masnou; erfreut stellen wir fest, dass es der ‚Orion‘ gut ergangen ist, sie liegt da wie vor einem Monat 🙂

Der Dienstagmorgen begrüßt uns mit dem Wetter, welches wir zu Hause vermisst haben: wolkenlos blauer Himmel und in der Mittagssonne T-Shirt-Temperaturen, es fühlt sich an wie Frühling. Wir nutzen in den nächsten Tagen das schöne Wetter für eine ganze Reihe von Arbeiten am Boot: für den Gennaker und den neuen Code Zero muss noch eine Aufnahme am Bugspriet vorbereitet werden, mit dem aus Deutschland importierten Epoxyspachtel (in Spanien kennt man nur Polyester) gilt es einigen kleinen Roststellen beizukommen, und schließlich braucht die Toilette neue Dichtungen. Auch packen wir die Fahrräder aus und unternehmen Einkaufstouren, unter anderem ins benachbarte Premià de Mar, 6 Kilometer immer direkt am Strand lang, ein hinreißender Ausblick!

So vergehen fünf Tage wie im Fluge, und auch das schöne Wetter hält genau bis zum Abschluss der Lackarbeiten; am Sonntag setzt dann wie aus dem Nichts starker Nordostwind ein, und es beginnt zu regnen, ab Montag auch heftig. Vier Tage lang stürmt es, bei sehr konstanten mittleren Windstärken um 6 und Böen bis zu 10 Beaufort (an Bord gemessen). Als der Wind immer östlicher dreht beginnt es im Hafen brenzlig zu werden: das gesamte Päckchen der Seite an Seite liegenden Boote beginnt sich immer mehr zu verschieben, und der ganze Druck kommt schließlich bei der ‚Orion‘ an, die ihn an ein Motorboot weitergeben muss, dessen Deck ungefähr anderthalb Meter höher ist als unseres – eine Katastrophe zum Abfendern. Gleichzeitig steigt im ganzen Hafen der Wasserstand immer mehr, die am Heck abgefenderten Boote beginnen gegen die Betonpier zu schlagen, da die Fender herausspringen; bei einem Boot gegenüber ist das Vorstag gebrochen, und die abgerollte Genua knattert waagerecht in der Luft.

Zum Größenvergleich: die Hafenmole ist etwa 6 Meter über Normalnull …

Die Wetterberichte für das angrenzende Seegebiet sprechen von einer charakteristischen Wellenhöhe von 7 Metern; wir trauen uns am Dienstag in einer Regenpause  kurz das Boot zu verlassen und an den angrenzenden Strand zu laufen: der Anblick ist mehr als beeindruckend, die Wellen kommen in einer solchen Höhe angelaufen, dass sie sich schon hunderte Meter vor dem eigentlichen Strand anfangen zu brechen, die See ist ein einziges Inferno.

Wir überstehen den Sturm ohne Schaden, aber nur weil wir an Bord waren; was wenig Begeisterung auslöst ist mitanzusehen, wie das Personal der Marina achtlos an beginnenden Unglücken vorbeiläuft, ohne auch nur eine Hand z.B. zum Verrücken eines Fenders an die richtige Stelle zu rühren – für 450 Euro im Monat darf man wohl nicht zu viel erwarten …

Am Donnerstag ist der Spuk so schnell vorbei wie er begonnen hat: am Morgen regnet es noch etwas, ab 11 Uhr kommt die Sonne durch und es ist sofort wieder warm – bei völliger Flaute. Ein Ausflug mit dem Fahrrad entlang der Strandpromenade zeigt, dass dieser Sturm wohl das Maß des Üblichen deutlich überschritten hat: der Weg, den wir vor 6 Tagen noch so schön fanden, ist auf ganzer Länge verwüstet – überall haben sich tiefe Krater aufgetan, Bäume sind ausgegraben, die viele 100 Kilogramm schweren Betonbänke sind 10 Meter weiter landeinwärts wiederzufinden, vormals mit Holz beplankte Terrassen sind vollständig abgedeckt, und alles ist mit den kopfgroßen Bruchsteinen bedeckt, die einmal die Uferbefestigung bildeten. In Kenntnis des hiesigen Reparaturtempos gehen wir davon aus, dass es so etwas nicht alle Tage gibt … wie war das mit dem Klimawandel?

Ein Blick in die Nachrichten bestätigt dann den Eindruck: Sturm ‚Gloria‘ ist die größte Katastrophe, die spanische Mittelmeerküste und die Balearen seit geraumer Zeit heimgesucht hat. Mindestens 9 Tote hat es gegeben, und im Internet kursierende Videos zeigen 14 Meter hohe Wellen, die zweistöckige Gebäude wie Spielzeug aussehen lassen – die 7 Meter charakteristische Wellenhöhe aus dem Seewetterbericht waren also keine bloße Phantasie …

Im Hafen gefangen

Am Wochenende kristallisiert es sich dann immer deutlicher heraus: wir haben ein Problem! In der Hafeneinfahrt hat sich während des Sturms Sand abgelagert, und der Hafen ist komplett gesperrt; während man zunächst noch in Aussicht stellt, das Problem mit eigenen Mitteln beheben zu können, kommt dann am Montag die ernüchternde Wahrheit ans Licht: ein großer Bagger muss herangeschafft werden, und allein das dauert erst einmal … man reißt sich auch nicht gerade Arme und Beine aus, um die Sache zu beschleunigen.

Ehemals die Hafeneinfahrt, jetzt ein neuer Badestrand …

Wir unternehmen eine Wanderung zum Molenkopf und können das ganze Ausmaß der Katastrophe mit eigenen Augen sehen: man kann fast trockenen Fußes quer über die Hafeneinfahrt laufen. Jemals in Aussicht zu stellen, das in absehbarer Zeit mit lokalen Mitteln zu lösen, war von Anfang an absurd – hat aber erst mal einige Tage gekostet. Nun sind wir also bis auf weiteres gefangen in El Masnou – Ende offen …

Alternativprogramm

Besonders ärgerlich für unsere extra aus Norwegen angereiste Crewverstärkung: eigentlich wollten wir zusammen die Costa Brava bereisen, und das Wetter wäre dazu auch perfekt geeignet, aber der Termin für die Öffnung einer Passage rückt in immer weitere Ferne. So bleibt uns nicht anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen: wir genießen die Sonne, trinken Sangría, polieren Edelstahl und Chrom an Deck und lernen das wichtigste spanische Wort: mañana – morgen …

Arc de Triomf, Barcelona

Natürlich fahren wir auch noch zweimal mit dem Zug nach Barcelona: dort gibt es so viel zu sehen, und uns gefällt die Stadt mit jedem Besuch noch besser. Wir verbringen viel Zeit bei herrlichstem Wetter am sehr ausgedehnten Yachthafen und entdecken immer wieder neue Plätze und Straßen in der Altstadt; so stoßen wir mitten im Trubel der Stadt auf den Innenhof des alten Hospital de la Santa Creu aus dem 15. Jahrhundert: hier zwitschern die Vögel in den Orangenbäumen, ein Brunnen plätschert, und ein Straßenmusiker spielt (hinreißend!) Akkordeon – die Zeit steht still, und man mag gar nicht mehr weggehen …

Unseren letzten Besuch beschließen wir mit einem köstlichen Abendessen in einem kleinen Lokal in der Altstadt und freuen uns, die Stadt kennengelernt zu haben!

Mediterrane Natur wie aus dem Bilderbuch

Zwischendurch unternehmen wir auch einen Ausflug in die Natur: wir fahren eine Station mit der Bahn bis Montgat und wandern von dort in einem großen Bogen durch das bergige Hinterland zurück nach El Masnou, etwa 20 Kilometer. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, und die Hügel erreichen gut 400 Meter Höhe; von hier bietet sich ein hervorragender Ausblick über Barcelona und Umgebung, und natürlich über das strahlend blaue Meer. Die Vegetation wird von Pinien und Zypressen bestimmt, die Luft duftet nach Harz und Rosmarin, ein leichter Wind macht die Wärme angenehm – obwohl die Lufttemperatur im Schatten ’nur‘ 20 Grad erreicht, ist es in der Nachmittagssonne knackig warm, es fühlt sich an wie Frühsommer in Mitteleuropa.

Baggerarbeiten
Einige unserer gut 1000 Mitgefangenen in Port Masnou

Unterdessen ist endlich ein größerer Saugbagger eingetroffen – gearbeitet hat dieser bislang aber nur wenige Stunden: zunächst entstand am Mittwoch wegen eines nördlicher durchziehenden Starkwindfeldes zu viel Schwell, und das Schiff schaukelte den ganzen Tag in einigem Abstand zum Land vor Anker. Donnerstag war das Meer wieder ruhig – statt aber die Arbeit aufzunehmen, fuhr der Saugbagger wieder weg! Die Nachfrage im Hafenbüro ergab, dass man nun wegen einer fehlenden Genehmigung pausiert: offenbar ist den Verantwortlichen in der Zwischenzeit aufgefallen, dass sie zur Wiederherstellung der Strände große Mengen Sand benötigen, und was liegt da näher, als die Genehmigung zum Baggern mit der Auflage zu Verknüpfen, dass der entfernte Sand am Strand aufgeschüttet wird. Da der weit angereiste Saugbagger dies aber nicht leisten kann (er kann nur seinen Laderaum im tiefen Wasser entleeren), passiert erst mal wieder …. nichts.

Fluchtpläne

Zum Wochenende dann die Überraschung: der Kapitän des kleinen Baggers klopft an und erklärt, dass er bald eine schmale Rinne auf 2 Meter Tiefe gebracht hat! Die Überprüfung der Wettervorhersagen ergibt ein günstiges Wetterfenster für Montag, und auch das Hochwasser wird passenderweise für 9 Uhr erwartet – zwar beträgt der Tidenhub ganze 20 Zentimeter und wird normalerweise nicht berücksichtigt, aber wenn es wie hier um jede Handbreit geht … also, wenn nichts dazwischen kommt und wir tatsächlich durch die Ausfahrt kommen, können wir am Montag, den 10. Februar nach gut 2 Monaten El Masnou verlassen und Kurs auf Mallorca nehmen! 

Unterwegs nach Barcelona (15.11. – 13.12.)

Am Freitag den 15. November soll der Wind soweit nachlassen, dass wir von Dénia aus der Küste weiter Richtung Nordwesten folgen können – heißt es. Praktisch wehen uns noch frische 6 Beaufort genau ins Gesicht, als wir den Hafen verlassen; wir segeln also mal wieder sehr feucht und mit beträchtlicher Lage hoch am Wind. Schnell vorwärts kommen wir dabei natürlich nicht gerade, so dass wir nach 9 Stunden mit einsetzender Dämmerung erst mal einen Ankerstopp für die Nacht vor

Cullera
Die Burg von Cullera – im Hintergrund …

einlegen müssen. Die Küste bieten guten Schutz vorm immer noch kräftigen Westwind, wozu auch die gewaltigen Hotelbauten direkt am Strand beitragen. Der Ankergrund ist hervorragend und die Wassertiefe perfekt, wir verbringen daher eine ruhige Nacht etwa 100 Meter vom Strand entfernt. Erst mit dem Licht des neuen Tages können wir die ganze Pracht der Betonfront von Cullera bewundern – die Burg aus dem 12. Jahrhundert fällt dagegen kaum noch auf.

Mit deutlich weniger Wind machen wir uns am Samstag gleich wieder auf den Weg; die vorbeiziehende Küste trägt den schönen Namen Costa del Azahar, die Küste der Orangenblüte. Nach insgesamt gut 50 Seemeilen ab Dénia erreichen wir am Nachmittag schließlich die Hauptstadt der Region

València

Das Anlegemanöver in der (2007 für den 32. America’s Cup erbauten) Marina Real Juan Carlos I gerät zu einem kleinen Abenteuer: das Ruder verfängt sich in einer der zahlreichen Muringleinen und kommt geraume Zeit nicht mehr frei, während wir mitten in der Boxengasse versuchen, wieder Kontrolle über das Boot zu bekommen; endlich in der Box angekommen kommt dann die Leine auch noch in die Schraube – ein kurzer, aber erfrischender Tauchgang ist die Folge. Später erkennen wir, dass sich die Muringleinen der uns zugewiesenen Box mit denjenigen der Nachbarbox überkreuzen – kaum möglich, da nicht reinzufahren.

Das Rathaus von València

Am Sonntag ist wieder stürmisches und regnerisches Wetter angesagt, wir checken also gleich für drei Nächte ein, um am Montag noch in Ruhe València anschauen zu können. Der Weg ins historische Stadtzentrum ist recht weit, aber mit dem Bordfahrrad in einer halben Stunde zu bewältigen.

In der Kathedrale

Die Sache mit den Orangen nimmt man in der mit etwa 800.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Spaniens recht ernst: schon entlang der – mit guten Fahrradwegen versehenen – Einfallstraßen stehen überall Orangenbäume, die um diese Zeit zwar keine Blüten mehr, aber dafür prächtig orange leuchtende Früchte aufweisen; man kann also tatsächlich vom Fahrrad aus die Orangen vom Baum pflücken 🙂

Damit erschöpfen sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt aber keineswegs: wir bewundern die prachtvollen Bauten wie die alte Post und das Rathaus, die Seidenbörse, die Kathedrale und den Mercado Central – sowohl das Gebäude als auch die angebotenen Waren, auf einer gewaltigen Fläche alle erdenklichen Lebensmittel in einer Auswahl und Qualität, von der wir zu Hause nur träumen können …

Unter den Straßen schlummert die Vergangenheit

València weist die  – hierzulande ja quasi üblichen – Epochen der römischen, westgotischen, maurischen und schließlich christlichen Herrschaft auf, die alle ihre Spuren hinterlassen haben. In der Nähe der heutigen Kathedrale, an der Kreuzung der römischen Hauptstraßen, besuchen wir eine archäologische Ausgrabungsstätte: unter dem gegenwärtigen Straßenpflaster hat man in verschiedenen Tiefen die ineinander gebauten Überreste von römischen Tempeln und Thermen, der westgotischen Basilika sowie diversen Brunnen und Gräbern gefunden.

Palau de les Arts Reina Sofía (2005)

Es gibt aber auch moderne Architektur zu bewundern: nach verheerenden Überschwemmungen in den 1950er Jahren hat man den die Altstadt umschließenden Fluss Turia an der Stadt vorbeigeleitet und das nun trockengefallene alte Flussbett in eine riesige Parkanlage verwandelt, in der unter anderem auch das neue Opernhaus Palau de les Arts Reina Sofía einen Platz gefunden hat.

Alles in allem empfinden wir Valéncia als gelungene Mischung aus Geschichte und Moderne, eine einladende Stadt, in der sich sicher leben lässt – allein schon wegen der immer sichergestellten Orangenversorgung 🙂

Burriana

Dienstagmorgen müssen wir Valéncia verlassen – jedenfalls wenn wir den kurzen Augenblick brauchbaren Segelwinds nicht verpassen wollen, der sich zwischen Sturmtief und Totenflaute zu behaupten sucht. Mehr als 8 bis 10 Knoten sind es dann auch nicht, aber unter Gennaker lässt sich damit doch ganz gut Fahrt machen. Die Sonne scheint auch kräftig vom blauen Himmel, gleich ist wieder T-Shirt-Wetter angesagt, und so wird es einer der besseren Segeltage in diesem Monat, bis wir nach 28 Seemeilen unser Ziel erreichen, den Hafen von Burriana.

In Burriana

Der eigentliche Ort liegt etwa zwei Kilometer vom Hafen entfernt, aber da wir nach València die Fahrräder erst gar nicht verstaut haben, ist das kein Problem. Viel zu sehen gibt es aber nicht: ein hübscher Platz vor Rathaus und Kirche, drumherum etwas Fußgängerzone bis zum hiesigen Mercado, und das war es auch schon; in der Umgebung quadratkilometerweise Zitrusfruchtplantagen. Dass wir hier dennoch volle fünf Tage verweilen, hat ganz andere Gründe: zunächst ist für das kommende Wochenende der Durchzug eines Orkantiefs mit bis zu 60 Knoten Wind angesagt, was es angeraten erscheinen lässt, sich in einem sicheren Hafen zu verstecken; und dann ist die Marina Burriananova mit einem Übernachtungspreis von 13 Euro in der Nebensaison wohl der mit Abstand günstigste Hafen im Umkreis von 1000 Seemeilen (oder noch viel mehr), so dass man dafür kaum einen besseren Ort finden kann als diesen (warum das so ist, finden wir nicht heraus: wir haben schon an weniger attraktiven Orten das Dreifache bezahlt; offenbar haben sich tausende Yachttouristen verschworen, an Burriana einfach vorbeizufahren). Wir sitzen also den Sturm aus und warten darauf, Montag weiterfahren zu können …

Playa de Torrenostra

Tatsächlich zeigt sich das Wetter am Montagmorgen freundlich: die Sonne scheint, und ein angenehmer Wind erklärt sich bereit, uns anzuschieben. Ganz klar: mal wieder Gennakerwetter. Gleich nach Verlassen des Hafens von Burriana füllt sich dann auch das bunte Gute-Laune-Segel, und wir machen gute Fahrt … aber die Freude währt nicht lange: nach kaum einer Stunde ertönt ein Knall, und eine Erschütterung fährt durch das Boot. Der erste Blick geht zum Bug, ob wir wohl mit Treibgut kollidiert sind, aber es ist die falsche Richtung, denn gleich darauf gleitet der riesengroße Gennaker von oben herab aufs Wasser – und nun ist größte Eile angesagt, denn wenn sich das empfindliche Tuch erst unter den Rumpf gezogen hat, ist es mit Sicherheit zerrissen. Glücklicherweise gelingt das panische Bergemanöver, und das ganze Deck ist bald von nassem, bunten Tuch bedeckt; wie eine Inspektion zeigt, ist der Schäkel des Umlenkblocks, durch den das Fall am Masttopp läuft, einfach durchgebrochen. Es handelt sich um einen einfachen, gestanzten Schäkel – die Investition von 50 Cent mehr bei der Herstellung konnte man bei einem 50-Euro-Block ja auch nicht erwarten … soweit zur Zuverlässigkeit der Arbeitslast-Angaben von Bootsteilen.

Abendhimmel vor Torrenostra

Nach diesem Abenteuer ist es aussichtslos, das angestrebte Tagesziel noch zu erreichen; wir ankern also auf gut halber Strecke zum Ebro-Delta vorm Strand von Torrenostra, einem kleinen Ort mit flachem Motorboothafen und einigen Hotels dahinter. Leider steht vom stürmischen Wetter des Wochenendes noch ein deutlicher Schwell, so dass die ‚Orion‘ mal wieder übel schaukelt; den einzigen Trost an diesem wenig gelungenen Tag bietet der unbeschreibliche Abendhimmel kurz nach Sonnenuntergang …

Vinaròs
Peñíscola

Am nächsten Tag geht es weiter in Richtung des Ebro-Deltas; der Wind weht schwächer, doch mit dem Gennaker könnte man durchaus noch segeln … ach ja, da war ja was … also röhrt auch noch der Motor, während wir bei schönstem Wetter die Küste entlangfahren. Nach gut 10 Seemeilen passieren wir den malerisch gelegenen Fischerort Peñíscola; dessen Altstadt liegt spektakulär auf einem ins Meer ragenden Felsen, gekrönt von einer Templerburg aus dem 13. Jahrhundert. Der Ort zieht unzählige Touristen an uns ist tatsächlich nach der Alhambra von Granada die zweitmeistbesuchte Attraktion Spaniens – und hat mit dieser gemeinsam, dass wir sie nicht zu sehen bekommen, denn der Hafen steht Besuchern nicht offen, und zum längeren Verweilen vor Anker lädt die instabile Wetterlage leider nicht ein.

Das Barockportal der Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción in Vinaròs

Wir fahren statt dessen weiter bis Vinaròs, dem letzten Hafen vorm Ebro-Delta; hier haben wir endlich die Möglichkeit, zunächst den immer noch salzwassertriefenden Gennaker auf dem Steg auszulegen, mit Süßwasser zu spülen und halbwegs zu trocknen, und dann auch noch den Mast zu ersteigen und den Block neu anzubringen. Schließlich bleibt auch noch Zeit für einen kurzen Rundgang durch den Ort, der nicht spektakulär ist, aber ganz freundlich wirkt; bemerkenswertestes Bauwerk ist die Kirche aus dem 16. Jahrhundert, welche den kompakten Namen Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción trägt: noch als Wehrkirche mit beeindruckend dicken Mauern erbaut und einer Burg ähnlicher als einer Kirche, wurde ein Jahrhundert später ein barockes Portal vorgesetzt, welches in heftigem Kontrast zum Rest des Gebäudes steht. Nun ja, wem’s gefällt …

Cabo Roig

Mittwoch ist es dann endlich soweit, wir wollen die Mündung des Ebro passieren – und das ist nicht so einfach, wie es vielleicht scheinen mag. Der zweitlängste Fluss der iberischen Halbinsel hat ein sich über 40 Seemeilen erstreckendes Delta aus Schwemmland aufgespült, welches weit ins Meer hinausragt und den passierenden Segler mit zahlreichen Sandbänken, Riffen und stark veränderlichen Wassertiefen erfreut – aber das ist ja nichts, was einen Wattenseeanwohner erschrecken könnte, nur die Anzahl der Tageslichtstunden ist einfach etwas knapp für die Entfernung. Wir brechen also früh auf, versuchen zunächst den ja glücklicherweise wieder einsatzbereiten Gennaker einzusetzen, aber der Wind erweist sich als zu launisch in Richtung und Stärke, so dass doch wieder der Motor ran muss. Wenigstens bleibt uns aber Gegenwind erspart, so dass wir nach knapp 10 Stunden beim letzten Licht vorm Cabo Roig im Golf von L’Ampolla den Anker fallen lassen können.

Morgenstimmung am Cabo Roig

Wir haben damit Katalonien, die nordöstlichste Region Spaniens, erreicht; von hier an wird die Küste als Costa Daurada, die goldene Küste, bezeichnet. Tatsächlich leuchten die Felsen vor unserem Ankerplatz rot-golden in der Sonne des nächsten Morgens; auch ansonsten gefällt es uns hier, auf den Klippen wachsen üppig grüne Bäume, die von tausenden zwitschernder Vögel bewohnt werden – da kann man über das Hotel direkt überm Cabo auch mal hinwegsehen. Seinen größten Vorteil hat der Ankerplatz aber dem südlich liegenden Ebro-Delta zu verdanken: es bietet Schutz vorm ewigen Schwell, der ansonsten das Ankern an diesen Küsten bislang zu keinem sehr großen Vergnügen gemacht hat. Das finden wir so toll, dass wir beschließen, hier gleich einen Tag zu verweilen – das Wetter spielt auch mit, die Sonne scheint, und am 100 entfernten Strand traut sich sogar jemand ins 16 Grad kalte Wasser …

Tarragona

Freitag geht es dann aber weiter, und zwar gleich ein ganzes Stück – der sich anschließende Küstenstreifen bietet zwar noch einige attraktive Ankerplätze, von denen aber keiner Schutz vor dem auf die Küste zulaufenden Schwell bietet; die Windverhältnisse sind dabei sehr abwechslungsreich, zwischen 2 und 20 Knoten ist alles dabei. Erst ganz kurz vor Tarragona ragt das Cabo de Salou nach Süden hervor; da wir das Liegegeld für die erste Nacht sparen wollen und es hinter der Landzunge ganz still ist, beschließen wir dort noch einmal zu ankern, bevor wir in den direkt gegenüberliegenden Hafen fahren. Zwei Stunden später ändern sich aber auf einmal die Bedingungen, und langer Schwell läuft quer zum Boot um die Ecke – was dann auch für den Rest der sehr unruhigen Nacht so bleibt.

Das römische Amphiteahter direkt am Meer

Nach dem Einklarieren in der Marina am nächsten Vormittag machen wir uns gleich auf den Weg in die Stadt. Tarragona war nach seiner Vereinnahmung durch die Römer 218 v. Chr. unter dem Namen Tarraco Hauptstadt der römischen Provinz Hispania citerior; aus dieser Periode finden sich zahlreiche Überreste (Amphitheater, Circus, Forum Romanum), die zusammen zum Weltkulturerbe erklärt worden sind – zur nicht ungetrübten Freude der Stadtentwickler, denn wo immer man die Baggerschaufel in den Boden senkt dauert es nicht lange bis zum Baustopp …

Wir finden es aber spannend, überall in tiefe Gruben mit alten Mauern schauen zu können – und vor allem, darin die Kontinuität zwischen der Antike und der Gegenwart zu erkennen, denn nichts, so wird uns klar, ist heute zufällig da wo es ist: die Hauptachse der Altstadt ist exakt die der römischen Tempelanlage; die Kathedrale steht genau dort, wo der einst der Tempel zu Ehren Jupiters stand; der große, lange Platz vor dem Rathaus entspricht der Fläche des römischen Circus, und wo heute an seinem Ende das Rathaus steht, haben die Wagenlenker ihre Gespanne um die jähe Kurve steuern müssen – lebendige Geschichte!

Auf der ‚Rambla‘

Aber auch die neueren Aspekte der Stadt sind interessant; so es gibt eine schnurgerade durch die Stadt verlaufende Einkaufsstraße, die Rambla, die sehr großzügig angelegt ist und zum Flanieren einlädt; im breiten Fußgängerbereich in der Mitte der Allee wurde gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut, wobei die Lichterketten mit den Schneeflocken, Sternen und Rentieren mit großer Selbstverständlichkeit in die mit leuchtenden Früchten behängten Orangenbäume gehängt werden – für uns ein ganz schön merkwürdiger Anblick!

Am ‚Balcón del Mediterráneo‘

Was uns an dieser kilometerlangen Straße aber am meisten fasziniert hat ist ihr Ende: man stelle sich das vor, man spaziert eine halbe Stunde auf dieser breiten, schönen Allee zwischen Palmen und Orangenbäumen immer leicht bergauf, und auf einmal steht man vor einem Platz mit einem Denkmal und einem kunstvollen schmiedeeisernen Geländer dahinter und dahinter …. schaut man von einer 40 Meter hohen, senkrecht abfallenden Klippe direkt aufs türkisfarbene Mittelmeer, auf dem ganz klein die weißen Segel der Yachten vorbeiziehen! Balcón del Mediterráneo nennt sich das treffenderweise und ist die ungewöhnlichste, bemerkenswerteste und wunderschönste Integration eines gewaltigen Naturpanoramas ins Herz einer großen Stadt, die man sich nur vorstellen kann – wirklich toll!

Weihnachtsstimmung im ‚Mercat Central‘

Wir verbringen zwei Tage hier, bestaunen die köstlichen Auslagen im Mercat Central, probieren uns durch 30 Sorten der neuen Olivenölernte auf der an diesem Wochenende stattfindenden Messe Fira de l’Oli (und kaufen natürlich auch eine große Flasche der Delikatesse zum kleinen Preis – hier ist so etwas eben normale Ernährungsgrundlage) und essen im Fischerviertel El Serrallo direkt am Hafen köstliche Paella de Marisco und Fideuà.

Für die zwei Nächte zahlen wir gut 65 € Liegegeld (und das ist der günstige Nebensaisonpreis)  – und kommen doch zu dem Schluss, dass es ein Fehler gewesen wäre, Tarragona auszulassen!

Roda de Barà

Am Montag warten wir mit dem Ablegen noch bis nach 12 Uhr, denn dann soll etwas Wind aufkommen; dem ist auch so, aber bei 2 bis 3 Meter Schwell genügen 8 Knoten Wind einfach nicht, das Boot und den Gennaker zu stabilisieren, so dass wir den Versuch zu segeln aufgeben und die wenigstens mit 12 Seemeilen nicht gerade lange Strecke bis Roda de Barà motoren müssen (wild rollend, versteht sich). Die kleine Marina haben wir ausgewählt, weil sie uns zu bezahlbaren Preisen ermöglicht, ein paar Tage zu verweilen – um das nächste Sturmtief durchziehen zu lassen, was sonst …

Arc de Barà

Am Dienstagvormittag herrscht aber noch die Ruhe vor dem Sturm, die letzten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolken, und wir nutzen die Gelegenheit, um die größte (einzige?) Sehenswürdigkeit des Ortes anzuschauen, den Arc de Barà, einen römischen Triumphbogen aus dem Jahre 13 v. Chr., der damals auf der Via Augusta, der wichtigsten römischen Fernstraße,  stand – und heute mitten auf einer modernen spanischen Schnellstraße, deren Fahrspuren sich dazu teilen. Vor dem Bogen steht zwar eine Infotafel, aber wer glaubt, dass die Straßenplaner eine Möglichkeit vorgesehen hätten, diese (und den Bogen) ohne Einsatz seines Lebens fußläufig zu erreichen, der kennt Spanien nicht 😉

Mittwoch geht es dann richtig zur Sache – bis zu 8 Beaufort messen wir am Liegeplatz in der Marina, und unangenehmer Schwell lässt die ‚Orion‘ heftig in die Landleinen rucken. Im Unterschied zu allen Stürmen der letzten 5 Wochen kommt dieser nicht aus Nordwest (Tramontana), sondern aus Nordost; typisch für diesen Levante  sind heftige und andauernde Regenfälle – und tatsächlich schüttet es 36 Stunden lang wie aus Kübeln.

Vallcarca

Erst am Freitag hat sich das Wetter soweit beruhigt, dass wir weiterfahren können; wie üblich gibt es nach dem Sturm nun wieder gar keinen Wind mehr, so dass wir unter Motor die Marina von Roda de Barà verlassen. Ab Mittag können wir sogar noch für zwei Stunden den Gennaker setzen, statt der vorhergesagten 3 Knoten wehen doch auch mal 8 bis 9 …

Kurz vor Vallcarca – von hier sieht’s noch hübsch aus …

Als Übernachtungsstopp haben wir uns Vallcarca ausgesucht; dabei handelt es sich um eine (nicht zuletzt wegen verheerender Umweltverschmutzung) aufgegebene Siedlung um ein altes Zementwerk, gelegen direkt am Naturschutzgebiet des Garraf-Gebirges – eine absurde Kombination und sicher keine landschaftliche Schönheit. Es gibt jedoch eine ausgedehnte, L-förmige Mole, deren Öffnung nach Westen zeigt und die ruhiges Ankern beim aus Nordost anlaufenden Schwell verspricht – doch wie so häufig trügt die Hoffnung, die Wellen werden an der gegenüberliegenden Felsenküste reflektiert und laufen doch in den kleinen Hafen. Aber was tut man sich nicht alles an, um die knapp 40 € Liegegeld des nächstgelegenen Hafens zu sparen …

El Masnou

Am Samstagmorgen hat sich der Schwell gelegt, aber dennoch lädt der Industriehafen nicht zum Verweilen ein; vielmehr zieht es uns auf See, um die letzte Etappe von knapp 30 Seemeilen zum Endpunkt der diesjährigen Reise hinter uns zu bringen. Wind gibt es erst mal praktisch gar keinen, so dass wir zunächst unter Motor fahren; das Wetter ist dabei prächtig, und schon bald können wir die Hafenanlagen von Barcelona sehen. Vor der Hafeneinfahrt ist einiges los, wir schieben uns durch die Lücke zwischen zwei großen Containerschiffen, die von Schleppern begleitet in den Hafen wollen; danach wird es ruhiger, vor der Silhouette der Innenstadt mit ihren markanten Hochhäusern dümpeln Yachten in der Sonne, und selbst eine Flottille Optis übt auf der strahlend blauen See.

Barcelona

Zuletzt kommt auch noch ein Hauch Wind auf, so dass wir noch einmal den Gennaker auspacken und zwei Stunden die Ruhe genießen können, bevor wir kurz vor Sonnenuntergang die Marina von El Masnou erreichen. Die Capitanía ist am Samstagnachmittag nicht mehr geöffnet, und wir werden angewiesen, die erste Nacht am Tankstellenanleger zu verbringen, bevor wir am Sonntagmorgen dann unseren Liegeplatz für die nächsten Wochen zugewiesen bekommen. Der Rest des Sonntags sowie ein Teil des Montags vergeht erst mal mit den anstehenden Bootspflegearbeiten: das Deck wird gewaschen, der Motor bekommt neues Öl, die Ankerkette wird gereinigt, gespült, getrocknet und geölt, die Logge gezogen und von einer ganzen Kolonie Seepocken befreit; für einen kleinen Rundgang durch El Masnou bleibt aber auch noch Zeit.

In El Masnou

Die Kleinstadt ist praktisch ein Vorort von Barcelona und bietet keine spektakulären Sehenswürdigkeiten (von kilometerlangen Traumstränden abgesehen, aber die sind hier ja nichts Besonderes); die hiesige Marina als Winterlager für die ‚Orion‘ auszuwählen war im Wesentlichen ein Kompromiss zwischen der Nähe zu Barcelona und dem Flughafen einerseits – und dem Preis andererseits. Um einmal die Verhältnisse etwas zu beleuchten: für einen Monat im Wasser inkl. Strom und Wasser werden hier knapp 450 € fällig; in den Sportboothäfen des kaum 10 Seemeilen entfernten Barcelona ist es etwa dreimal so teuer. Und die mehreren 1000 Liegeplätze, die dort zu Jahrespreisen ab 15.000 € aufwärts vermietet werden, sind auch alle ausgebucht … 

Der Hafen von El Masnou ist gegen Sturm und See sehr gut geschützt, im Ort gibt es alle Versorgungsmöglichkeiten, Barcelona ist mit der direkt vor der Marina haltenden Bahn in weniger als einer halben Stunde zu erreichen, der Flughafen mit Umsteigen in einer Stunde – wir haben das Gefühl, hier nichts verkehrt gemacht zu haben.

Barcelona

Dienstag fahren wir mit der Bahn nach Barcelona, um uns die Stadt anzuschauen; 25 Minuten dauert die Fahrt, kostet etwa 1,50 €, und die Züge fahren alle paar Minuten – mal wieder sind wir begeistert, wieviel besser und günstiger der öffentliche Verkehr hier funktioniert. Die letzten Stationen fährt der Zug unterirdisch, und wir kommen mitten in der Stadt, am Plaça de Catalunya an; südlich erstrecken sich die alten Stadtviertel, nördlich die Neustadt.

Barcelona hat gut 1,6 Millionen Einwohner und bedeckt eine Fläche von über 100 Quadratkilometern – natürlich ist es aussichtslos, an einem Tag die ganze Stadt anschauen zu wollen. Wir steuern erst mal die bekanntesten Sehenswürdigkeiten an – und schon davon gibt es viele! An erster Stelle sind die berühmten Gebäude des Architekten Antoni Gaudí zu nennen – deren größtes, die Basilika Sagrada Família, wird jährlich von rund 2 Millionen Touristen besichtigt. Aber auch die anderen, über die ganzen Stadt verteilten Bauwerke, sind bemerkenswert: der Stil ist schwer in Worte zu fassen, sicher ist jedoch, dass die Entwürfe unverwechselbar sind und in Erinnerung bleiben!

La Catedral de la Santa Creu i Santa Eulàlia

Natürlich gibt es auch aus älterer Zeit viel zu sehen: neben der Kathedrale aus dem 14./15. Jahrhundert finden sich noch Türme der römischen Stadtmauern und Reste des Aquädukts. Überhaupt ist die gesamte Altstadt, das Barri Gòtic, eine einzige Sehenswürdigkeit: enge, verwinkelte Gassen mit jahrhunderte alten Gebäuden, die heute – bestens restauriert – Geschäfte, Cafés, Restaurants, Boutiquen, Galerien und Museen beheimaten.

In der Altdtadt

Auf gut Glück durch die Straßen zu laufen ist ein Erlebnis, überall gibt es wieder etwas zu entdecken; und das nicht nur in dreieinhalb Straßenzügen wie in vielen anderen Städten, hier ist noch so viel alte Bausubstanz erhalten, dass man stundenlang durch die Straßen laufen kann, ohne die Altstadt zu verlassen.

Plaça Reial

Vom Plaça de Catalunya durch die Altstadt bis zum Hafen erstreckt sich die größte Flaniermeile der Stadt, La Rambla: hier kann man entlang prächtiger Gebäude spazieren, die Wahl zwischen unzähligen Restaurants treffen oder wieder links und rechts in die nächste vielversprechende Seitenstraße eintauchen.

Palau de la Generalitat de Catalunya

Zwischen der Stadt und dem Mittelmeer liegen die Häfen: es gibt einen großen Container- und Fährhafen, den für die Olympischen Spiele 1992 gebauten Port Olímpic und – direkt am Ende der Rambla – die Marina Port Vell. Diese ist fast schon ein Stadtviertel für sich: es gibt ein Riesenrad sowie ein gigantisches Einkaufs- und Freizeitzentrum, welches ein großes Meerwasseraquarium (mit einem 80 Meter langen Glastunnel!) beherbergt. Hier liegt man natürlich sehr zentral – aber eben auch sehr teuer, und alles andere als ruhig: denn natürlich versteht es sich von selbst, dass eine so große Stadt auch verkehrsreich und laut ist, und so sind wir ganz froh, nach einem langen Tag ins ruhige El Masnou zurückkehren zu können!

Saisonende

In 7 Monaten sind wir fast 3200 Seemeilen durch den Englischen Kanal, über die Biskaya, entlang der Küsten Galiziens und Portugals, durch die Straße von Gibraltar und an der spanischen Mittelmeerküste gesegelt; am Mittwoch und Donnerstag stehen noch einige Arbeiten am Boot an, und dann hat sich die ‚Orion‘ ein paar Wochen Pause in der Marina El Masnou verdient, um im neuen Jahr den Törn mit frischer Energie fortsetzen zu können!

 

 

 

Spaniens Südostküste: Costa Blanca (30.10. – 14.11.)

Am Mittwoch den 30. Oktober verlassen wir Garrucha, und kurz danach übersegeln wir auch die Grenze von Andalusien zur Region Murcia. Die vorüberziehende Küste bleibt weiter felsig und zerklüftet, und bei erneutem Gennakerwind segeln wir 20 Seemeilen, bis wir in der Bucht von

El Hornillo
El Hornillo liegt gut geschützt hinter einem hohen Felsen

in der Nähe von Águilas vor Anker gehen; der Yachthafen von Águilas ist uns mal wieder viel zu teuer. Die Bucht ist relativ gut geschützt gegen den üblichen Schwell aus Südwest, aber sehr klein und durch diverse Fischereieinrichtungen und Absperrungen größtenteils belegt; wir finden aber gerade noch Platz und können nach dem Ankermanöver erst mal ins Wasser springen – mit 23 Grad ist es hier so warm wie bisher noch nie auf dieser Reise, der Costa Cálida (warme Küste) genannte Küstenabschnitt macht seinem Namen alle Ehre!

Am letzten Tag des Oktobers geht es genauso weiter die Küste entlang, nur dass der Wind heute noch mehr schwächelt – bei dieser geringen Welle segeln wir ja mittlerweile mit dem Gennaker bis herunter zu 5-6 Knoten Wind, aber bei einem wahren Wind von 2 Knoten hängt der auch nur noch wie ein Sack ins Wasser … so muss also am Anfang und am Ende der Motor helfen, bis wir nach 25 Seemeilen in der

Cala de la Salitrona
Halloween auf der ‚Orion‘

ankern. Diese Bucht wird von der 350 Meter aufragenden Landspitze des Cabo Tiñoso umschlossen und geschützt, die Küste fällt aber steil ab, nur an wenigen Stellen kann man dicht unter Land hinreichend flaches Wasser und einen kleinen Strand zum Anlanden finden. Die Lage ist aber hinreißend: rundherum leuchten die Felsen in allen Farben von Rot über Braun bis Ocker und Gelb, das Wasser lässt auf 6 Metern Tiefe jedes Detail am Meeresgrund erkennen, und es hat immer noch 23 Grad, während die Lufttemperatur am Nachmittag Richtung der 30 Grad geht – und das an Halloween! Für eine herbstliche Kürbissuppe ist es uns viel zu warm, aber ein indisches Dal mit Kürbis und Linsen passt zum Wetter wie zum Anlass …

Am 1. November bleiben wir in der Ankerbucht – schließlich ist Feiertag 🙂 Wir paddeln mit dem Dinghi an den Strand und finden den Einstieg in einen Wanderweg, der durch die Berglandschaft führt. Die ganze Gegend ist unbewohnt und ein Naturschutzgebiet, die Farben und Formen der Felslandschaft vulkanischen Ursprungs beeindruckend; am meisten sind wir aber begeistert vom Duft der in Unmengen wachsenden Wildkräuter: Lavendel, Rosmarin und Thymian säumen unseren Weg. Dieser führt hinaus bis auf die Passhöhe; hier finden wir eine aufgegebene Küstenbatterie des spanischen Militärs, gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts zur Verteidigung der Zufahrt nach Cartagena – zwei riesige Geschütze Kaliber 38.1 cm sind noch an Ort und Stelle. Die Aussicht über die Bucht ist grandios, wozu der strahlende Sonnenschein natürlich beiträgt.

Heiß wird es aber auch wieder, und so sind wir froh, früh aufgebrochen und somit noch vor der Nachmittagshitze wieder zurück an Bord zu sein; diese nutzen wir lieber zum Baden, schwimmen an den Strand und sammeln toll gemusterte Steine in bunten Farben – was wohl zu Hause an Allerheiligen für ein Wetter ist?

Cartagena

Am Samstagmorgen lichten wir den Anker und fahren ein paar Seemeilen über die Bucht bis in den Hafen von Cartagena. Dieser liegt – vor Wind, Wetter und feindlich gesinnten Besuchern gut geschützt – tief in einer von Bergen umschlossenen Bucht, was schon im Altertum dazu geführt hat, dass Cartagena zu einem der bedeutendsten Häfen im Mittelmeer geworden ist.

Blick über Cartagena

Bereits die Phönizier handelten Silber mit den ansässigen Iberern, bis sich die Karthager im Jahre 227 v. Chr. hier niederließen und der Stadt ihren Namen gaben: Cartagena leitet sich vom punischen Qart-ḥadašt ab, was ‚Neue Stadt‘ bedeutet und ebenso namensgebend für Karthago selbst war.

Das römische Theater …

Alles in dieser Stadt atmet Geschichte: von hier brach Hannibal im Jahre 218 v. Chr. mit seinen Kriegselephanten gen Italien auf, welches er nach seiner spektakulären Alpenquerung ja auch erreichte; da er trotz gewonnener Schlachten letztlich aber den Krieg doch verlor, ging die Stadt mit der gesamten iberischen Provinz an die Römer, für die sie Scipio Africanus 209 v. Chr. als Carthago Nova in Besitz nahm.  Darauf folgten 600 Jahre als bedeutende Stadt im römischen Reich, bis sie mit dessen Zerfall im Jahre 425 n. Chr. von den Vandalen erobert wurde. In den folgenden Jahrhunderten wechselte Cartagena häufiger mal den Besitzer, bis es 756 Teil des Emirats von Córdoba wurde. Erst mit der Reconquista wurde Cartagena im Jahre 1269 nach fast 500 Jahren maurischer Herrschaft wieder christlich; es erübrigt sich wohl anzumerken, dass damit der Ärger noch kein Ende hatte: bis zum spanischen Bürgerkrieg  1936-1939, als Cartagena Hochburg der Republikaner war (und der Ort Spaniens, welcher sich am längsten gegen die Truppen des faschistischen Diktators Franco halten konnte), ist hier eine Menge Blut vergossen worden …

… verschmolzen mit den Ruinen der ‚Santa Maria la Vieja

In der Altstadt hat man das Gefühl, dass man in jenen zweieinhalb Jahrtausenden immer wieder munter über die Reste bzw. Trümmer der Vorgänger gebaut hat. Zahlreiche archäologische Ausgrabungsstätten ziehen sich durch die Innenstadt, und selbst als Laie erkennt man mit einem Blick auf die Mauern, dass man vor Relikten unterschiedlicher Jahrtausende steht, die nahtlos ineinander übergehen: hier haben Römer Tempel auf punische Fundamente gebaut, dort mittelalterliche Bürger ihre Häuser auf maurische Ruinen gegründet. Die Kirche Santa Maria la Vieja hat ihre Wurzeln in die Reste eines riesigen römischen Amphitheaters geschlagen – und ist seit der Bombardierung im Bürgerkrieg selbst eine Ruine. Schwer, da den Überblick zu behalten – aber faszinierend ist es allemal.

Cartagena, Calle Mayor

Abgerundet wird das Bild durch die schön angelegten Einkaufs- und Flaniermeilen der Stadt mit ihren neoklassizistischen Bauwerken, unzähligen Restaurants und Cafés – und natürlich mit dem herrlichen mild-warmen Wetter und der Freundlichkeit der Menschen.

Auch das ist Cartagena: Cala Cortina

Eigentlich wollten wir nur übers Wochenende bleiben und werden dann durch eine vier Tage andauernde Sturmwarnung dazu gezwungen, den Aufenthalt zu verlängern, aber für das bessere Erleben der Stadt war das gut so – hier hätte man auch vier Monate verbringen können (was etliche Segler auch tun, im Hafen hat sich bereits eine umfangreiche Gruppe überwinternder Boote häuslich eingerichtet).

Mar Menor / Tomás Maestre
Cabo de Palos

Am Mittwoch ist es tatsächlich weniger windig – wir verlassen den Hafen von Cartagena und müssen sogar zunächst eine Weile motoren, weil die am Cabo de Palos endende Landspitze mit ihren Bergen den Wind abschirmt. Am Nachmittag runden wir das Kap und ändern den Kurs Richtung Norden; die nächsten 12 Seemeilen geht es entlang einer schmalen Landzunge, die das Mar Menor, die größte Salzwasserlagune Europas, vom Mittelmeer abtrennt. Der schmale Streifen Land ist praktisch auf ganzer Länge mit Hotels bebaut – in starkem Kontrast zur Küste südlich des Cabo de Palos, die völlig naturbelassen wirkt; der auf halber Länge gelegene Sportboothafen Tomás Maestre stellt den einzigen schiffbaren Zugang zur Lagune dar.

Abendhimmel über Tomás Maestre

Wegen der langfristig ungünstigen Wettervorhersagen müssen wir auf einen Abstecher ins Mar Menor verzichten und ankern die Nacht auf Donnerstag im Schutz der Hafenbefestigungen; ein wirklich hinreißender Abendhimmel lässt sogar die Silhouette der Hotelklötze hübsch erscheinen.

Santa Pola
Santa Pola: Fischereihafen …

Donnerstag geht es weiter, zunächst am Mar Menor, dann an der Küste entlang. Zunächst ist der Wind eher noch schwächer und achterlich, so dass wir uns trauen den Gennaker zu setzen; ab Mittag frischt es dann aber auf, so dass wir auf den Klüver wechseln und schließlich gegen 16 Uhr bei um 6 Beaufort den Hafen von Santa Pola erreichen. 55 Seemeilen haben wir in den beiden letzten Tagen geschafft – und jetzt ist erst mal wieder Sturm, für Freitag lautet die Vorhersage NW 7, da bleiben wir lieber im Hafen.

… und Kastell im Stadtzentrum

Von den Römern als Portus Ilicitanus gegründet, ist Santa Pola heute stark touristisch geprägt, die ganze Stadt besteht aus Blöcken von Hotel- und Appartementanlagen, hübsch im Rechteckraster angelegt; mittendrin hat der Bauboom immerhin das alte Kastell verschont, und im Stadtpark stoßen wir auch auf Ausgrabungsarbeiten, die ein paar römische Grundmauern freigelegt haben. Ansonsten ist der Ort eher unspektakulär – und im ganztägig heulenden Wind ist es hier sogar trotz des Sonnenscheins erstmals als etwas frisch zu bezeichnen 🙂

Villajoyosa

Für den Samstag verspricht die Vorhersage eine kleine Pause zwischen zwei Sturmwarnungen – mehr als 15 Knoten Wind sollen in der Bucht von Alicante nicht wehen, also machen wir uns frohen Mutes mit vollen Segeln auf den Weg, schließlich wollen wir ja auch etwas Strecke machen. Zunächst entspricht der Wind auch noch den Vorhersagen, als wir jedoch das Cabo de Santa Pola gerundet haben werden aus den 15 Knoten ganz schnell 25, in Böen auch bis 30 Knoten – vielleicht doch etwas viel für Vollzeug … der Klüver ist ja schnell gegen den Kutter getauscht, aber jetzt das Groß reffen grenzt ja an Arbeit, also pflügt sich die ‚Orion‘ auf leichtem Amwindkurs mit gut 7 Knoten und 30 Grad Lage durch die ein bis zwei Meter hohen Wellen. Eine ziemlich feuchte Angelegenheit, aber auch immer wieder eine Freude zu beobachten, wie der scharf geschnittene Bug die Wellen zerteilt und das Wasser bis hinters Heck spritzen lässt, ohne dass irgendein Aufschlag zu vernehmen wäre.

Heißt das hier wegen der endlosen weißen Hotelfronten ‚Costa Blanca‘?

 

Villajoyosa: bunte Altstadthäuser …

Am frühen Nachmittag erreichen wir nach 29 Seemeilen den Hafen von Villajoyosa, wo der Club Nautic noch einen Liegeplatz für uns findet – gleich für zwei Nächte, denn Sonntag ist erst mal wieder – Sturm, was sonst. Das Anlegen erfolgt – wie hier meist üblich – mit zwei Heckleinen zur Pier und einer Muringleine vom Bug, welche von achtern durchgeholt werden muss; das Vergnügen, bei 6 Beaufort von vorne mit dem Langkieler rückwärts einzuparken krönt also den windigen Segeltag.

… direkt vorm Traumstrand

Wie angekündigt fliegen am Sonntag die Palmwedel wieder waagerecht – aber natürlich scheint die Sonne, und im Windschutz der engen Altstadtgassen ist es auch gar nicht mehr kühl, im Gegenteil. Anders als in vielen anderen Orten ist Villajoyosa nicht komplett neu überbaut worden; direkt vom wirklich traumhaft schönen Strand (fein, weiß und sauber) ziehen sich die bunt gestrichenen Häuser der Altstadt den Hang hinauf bis zur teilweise erhaltenen Stadtbefestigung aus dem Mittelalter. Natürlich dürfen drumherum die großen Hotels nicht fehlen, aber insgesamt hat man hier eine ausgewogenere Balance zwischen den Notwendigkeiten der touristischen Nutzung und dem Erhalt einer gewissen Ausstrahlung gefunden als in vielen anderen Orten an diesen sonnenverwöhnten Küsten.

Moraira / El Rinconet

Der Montag bringt uns mal wieder die Flaute zwischen zwei Stürmen: angesagt ist noch ein ganz brauchbarer Wind, tatsächlich regt sich aber kaum ein Ĺüftchen. Nach wie vor sehen wir uns unerwarteten Windverhältnissen gegenüber: zur Reiseplanung konsultieren wir wie viele Fahrtensegler die pilot charts, welche für jedes Seegebiet und jeden Monat die statistische Verteilung der Windverhältnisse angeben, und diese geben hier für den November 15 Knoten aus Nordwest an. Nun ja, wenn abwechselnd 30 Knoten und 0 Knoten gibt, sind das im Mittel natürlich auch 15 Knoten … praktisch ist bald der halbe November vorbei, und 15 Knoten hatten wir nie.

Benidorm: na dann schöne Ferien!

So motoren wir also mal wieder; zunächst passieren wir den bekannten Ferienort Benidorm – und staunen nicht schlecht: eine solche Dichte und Höhe der Bettenburgen haben wir bislang noch nicht gesehen, Benidorm – und nicht etwa New York – ist die Stadt mit den meisten Hochhäusern pro Einwohner weltweit. Möchte man da wirklich Urlaub machen?!?

Am frühen Nachmittag erreichen wir Moraira, wo wir direkt neben dem Ort in der Ankerbucht El Rinconet übernachten; hier scheint man auf landschaftsverträglicheren Tourismus zu setzten, am Strand stehen nur normale Ferienhäuser. Die Nacht ist recht ruhig, nur etwas Schwell  kommt um die Landspitze Punta del Moraira – weit draußen, nördlich der Balearen, stürmt es immer noch heftig.

Dénia
Cabo de la Nao

Dienstagmorgen lassen wir uns vom wenigen Wind am Ankerplatz verleiten, früher aufzubrechen, als wir eigentlich wollten – es steht nämlich die Rundung des Cabo de la Nao an, und das wollten wir erst tun, wenn gegen Mittag der angesagte Wind nachgelassen hat. Unser Verdacht, dass dieser gar nicht weht, erweist sich aber schnell als unbegründet: kaum haben wir uns eine halbe Seemeile von der Küste entfernt, sind unsere 30 Knoten wieder da. Wir legen also in Rekordzeit die letzten Meilen bis zum Kap zurück und verstecken uns dann nochmal in einer kleinen Bucht direkt davor – Windstärke 7 von vorne, das muss nicht sein.

Der Plan geht auf: als wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg machen, weht kaum noch (Gegen-)Wind, und so runden wir ohne Probleme das Cabo de la Nao – sind aber noch hinreichend beeindruckt von der langen, 3 bis 5 Meter hohen Dünung, die von Norden heranrollt und der wir nun ausgesetzt sind, denn von hier an läuft die Küste bis Valencia in Richtung Nordwesten.

Für den Rest der Strecke muss wieder der Motor ran – Windstärke 1 und 7, das bekommen wir doch auch an ein und demselben Tag hin! Wir freuen uns, nach 21 Seemeilen und einem durch den Zwischenstopp doch langen Tag den Hafen von Dénia zu erreichen. Die Einfahrt wird nochmal spannend, denn die besagte Dünung läuft sich hier zu unglaublichen Höhen auf; wir hängen uns dicht an einen Fischkutter – der wird ja wissen, was er tut – und surfen hoch oben auf einem Wellenberg mit hervorragender Aussicht in die Hafeneinfahrt …

In der Burg von Dénia

Wie nicht anders zu erwarten, ist dann erst mal wieder Pause angesagt: am Mittwoch und Donnerstag weht es mit bis zu 8 Beaufort, und zwar genau aus der Richtung, in die wir wollen. Leider verschlechtert sich auch ansonsten das Wetter, es ist grau und regnerisch, wie wir es seit Monaten nicht mehr erlebt haben. Wir finden kaum eine Wetterlücke, um wenigstens kurz durch Dénia zu laufen – was sich durchaus lohnt, eine umfangreiche Burganlage aus dem 11. Jahrhundert wacht über dem Ort, der schon den Römern als Flottenstützpunkt diente und bei besserem Wetter sicher einiges zu bieten hätte.

 

 

 

 

An der Costa del Sol (17.10. – 29.10.)

Nach dem langen, ausgefüllten Tag in Gibraltar hätten wir gerne noch einen Ruhetag in La Línea eingelegt, aber die Windvorhersagen wollen es anders: während am Donnerstag den 17. wenigstens noch ein wenig Wind in Mittelmeer hineinwehen soll, ist für den folgenden Freitag völlige Flaute angesagt, also raffen wir uns auf um den Wind zu nutzen und den Ruhetag noch etwas herauszuschieben. Erst mal aber steuern wir nochmal mit der ‚Orion‘ den Hafen von Gibraltar an, genauer gesagt die steuerfreie Tankstelle: gut 300 Liter Diesel fließen in unseren Tank zum Traumpreis von 64 Pence pro Liter, umgerechnet 74 Cent. Die Menge entspricht unserem Verbrauch seit Alderney: ganz akzeptabel für bald 2000 Seemeilen, jedenfalls erheblich besser als im vergangenen Jahr auf dem Weg in den hohen Norden – der viele Rückenwind vor Spanien und Portugal macht doch eine Menge aus.

Europa Point, Gibraltars Südspitze

Es ist schon Mittag durch als wir Europa Point runden und Kurs ins Mittelmeer setzen – und das empfängt uns in Bestform: die Sonne strahlt, das Wasser blau leuchtend, und 15 Knoten Wind lassen uns unter Gennaker gute Fahrt machen. So ist es noch eine Stunde vor Sonnenuntergang, als wir unser Tagesziel

Estepona
Pico de los Reales, Estepona

erreichen und direkt vorm Strand neben dem Hafen den Anker fallen lassen. Direkt vor uns erhebt sich der beeindruckende Pico de los Reales mit seinen 1452 Metern Höhe und leuchtet im Abendlicht in einem besonders intensiven Rotbraun –  so bergig hatten wir uns die Küste der Costa del Sol gar nicht vorgestellt! Die Nacht vor Anker ist mal wieder recht rollig, spart aber einmal das Liegegeld für den Hafen von Estepona, den wir dann gleich am nächsten Morgen aufsuchen, um hier etwas auszuruhen und Einkäufe zu erledigen.

In der Altstadt von Estepona

Die Marina ist sehr freundlich – es gibt sogar eine Flasche Wein zur Begrüßung – und mit gut 24 € auch noch bezahlbar, wir haben also das Gefühl nichts falsch gemacht zu haben; unmittelbar am Hafen erstrecken sich viele einladende Restaurants, es hat aber eher etwas von entspannter Urlaubsstimmung als von Partymeile. Wir laufen auch in die Stadt und finden hinter den obligatorischen Hotelbauten tatsächlich einen charmanten alten Stadtkern mit hübschen Straßen und Plätzen. Trotz des Massentourismus, für den die Region ja berühmt-berüchtigt ist, finden wir es durchaus nett hier!

Marbella

Daher hätten wir auch nichts gegen einen weiteren Tag Aufenthalt gehabt, aber mal wieder gibt es Wind, den wir nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen – und sogar eine ganze Menge davon: nachdem wir bei den angekündigten 15 Knoten Wind den Gennaker gesetzt haben, frischt es bald auf 20, dann auf 25 Knoten auf. Die ‚Orion‘ schießt mit 8 Knoten Fahrt rauschend durchs glitzernde Wasser – ganz toll, aber eigentlich etwas viel für den Gennaker. Also beschließen wir ihn zu bergen – mit einiger Mühe gelingt es noch, den Bergeschlauch übers Segel zu ziehen, aber herunterkommen mag er dann nicht, obwohl das Fall lose ist. Tja, nun ist guter Rat teuer … wir sichern den Schlauch so gut es geht ums Klüverstag, setzen dahinter das Kuttersegel um etwas Windabdeckung zu erzeugen und laufen so die Marina La Bajadilla in Marbella an. Dort offenbart der Aufstieg in den Mast (wie praktisch sind Maststufen!) die Ursache: das Fall hat es irgendwie geschafft, sich zwischen Rolle und Seitenteil des Blocks zu ziehen – wie immer das möglich ist bei einer 12mm-Leine und einem Spaltmaß von ein paar Zehntel Millimetern (jedenfalls vor der Kaltverformung des Blocks durch das Fall)! Nach diesen Abenteuern verschieben wir die Besichtigung von Marbella auf den nächsten Tag – obwohl da wieder guter Wind angesagt ist …

Sonntagvormittag machen wir uns entlang der Seepromenade auf den Weg in die Innenstadt. Von der Marina La Bajadilla ist diese eine Viertelstunde entfernt; es gibt auch einen zentraler gelegenen Hafen, aber der ist teurer (unser Hafen gehört wieder zu den öffentlichen Einrichtungen Andalusiens) und mitten im dicksten Rummel – wir sind ganz froh über unsere Wahl.

Plaza de los Naranjos, Marbella

Marbella ist viel größer als Estepona – viele Kilometer erstrecken sich Strände und Hotels entlang der Küste. In der Hauptsaison müssen sich hier Zehntausende Menschen tummeln; nun sind es deutlich weniger, und es ist immer noch voll genug. Sicher, die Betonburgen sind keine Zierde, aber auch hier finden wir wieder eine Altstadt hinter den Hochhäusern, die durchaus sehenswert ist: an der Plaza de los Naranjos, wo Orangenbäume Schatten spenden, kann man noch etwas vom mittelalterlichen Marbella erahnen, und die verwinkelten, engen Gassen verraten ihren maurischen Ursprung. Im August möchte man hier nicht sein – allein schon wegen der Temperaturen – aber jetzt in der Nachsaison finden wir die Sonnenküste besser als ihren Ruf!

Benalmádena

Am Montag ist es leider mit dem Wind wieder vorbei, es wehen kaum 5 Knoten; Welle gibt es aber auch nicht, das Meer liegt fast glatt vor uns, und so versuchen wir uns im Minimalwindsegeln: tatsächlich steht der Gennaker ab etwa 3 Knoten, und bei 5 Knoten Wind erreichen wir sensationelle 2,5 Knoten Fahrt! Es mag aber sein, dass da ein knapper Knoten Strom, wie er immer ins Mittelmeer hinein setzt, mitgeholfen hat …

Abendhimmel über Benalmádena

Wie auch immer, da wir uns mit etwa 20 Seemeilen keine allzugroße Distanz vorgenommen haben, bewältigen wir den größten Teil der Strecke geduldig unter Segeln und erreichen kurz vor Sonnenuntergang Benalmádena, was quasi ein Vorort von Málaga ist – die vielstöckigen Hotelbauten zeigen jedenfalls von See aus betrachtet keine Unterbrechung. Dort gibt es auch eine Marina, aber da wir nur übernachten wollen, der Ort nicht viel herzugeben scheint und das Meer so ruhig ist, sparen wir und das Liegegeld und ankern hinter der Hafenmole vorm Strand. Belohnt werden wir mit einem tollen Abendhimmel über dem Hafen!

Caleta de Vélez

Am Dienstag gibt es mehr Wind – aber leider auch drohende, dunkle Wolken. Für Mittwoch ist Starkwind angesagt, und der wirft schon seine Schatten voraus: die Wellen werden höher, der Wind erreicht in Böen bereits 6 Beaufort, und über Land sieht man Gewitter. Auch keine idealen Bedingungen, aber wir nutzen den Wind um etwas Strecke zu machen; knapp 25 Seemeilen sind es bis zum Fischerhafen Caleta de Vélez, den wir in kaum 5 Stunden erreichen.

Stürmische See vor Caleta de Vélez

Der Hafen ist wieder öffentlich und somit preiswert, ein guter Platz um den kleinen Sturm am Mittwoch abzuwettern; viel los ist hier nicht, die Fischerei bestimmt noch das Geschehen, aber das gefällt uns gut – Hotelhochhäuser haben wir langsam genug gesehen. Wir nutzen die Zeit, um mal wieder die Vorräte aufzustocken und eine Dusche zu nehmen, während der Wind über den Hafen pfeift und immer mal wieder ein paar Tropfen Regen (!) fallen. Es ist deutlich kühler, gerade noch 20 Grad – zwar immer noch kein Grund von T-Shirt und kurzen Hosen Abstand zu nehmen, aber irgendwie fühlt es sich doch herbstlich an; den Wettervorhersagen nach soll es aber so nicht bleiben, für die kommende Woche sind wieder 26 Grad und blauer Himmel angesagt.

Puerto de Motril

Donnerstag hat sich der Wind etwas gelegt, aber mit um 20 Knoten weht es immerhin noch – doch wir wollen ja auch weiterkommen, also legen wir nach dem Frühstück ab. Die Wettervorhersage stellt ab Mittag deutlich nachlassende Winde in Aussicht, und damit auch weniger Welle, so dass wir uns vornehmen, die folgende Nacht ankernd vor der Küste zu verbringen.

Die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada überragen die Küstenlandschaft

Der Küstenstreifen, an dem wir entlangsegeln, heißt Costa Tropical – direkt im Hinterland liegen die bis zu knapp 3500 Meter hohen Gipfel der Sierra Nevada, welche die Region vor kontinentalen Winden schützen, während sie der Südwind aus Afrika ungehindert erreichen kann, daher lassen sich hier ganzjährig Datteln, Ananas und Bananen ernten. Tatsächlich kann man von See aus die schneebedeckten Höhenzüge sehen – ein skurriler Kontrast zu den herrschenden Temperaturen in der direkten Umgebung!

Als wir am Nachmittag die in Frage kommenden Ankerplätze erreichen – ‚Buchten‘ wäre ein zu großes Wort, eigentlich ist hier alles zum Meer hin komplett ungeschützt – hat der Wind eher zu- als abgenommen, und zu 25 Knoten auflandigem Wind rollen anderthalb Meter hohe Seen auf den Strand … Ankern kommt beim besten Willen nicht in Frage. Wir müssen also noch etliche Meilen weiter bis zum nächsten Hafen segeln; soweit nicht schlimm, aber leider haben wir schon im Vorfeld herausgefunden, dass die dortige Marina recht teuer ist und wir diese daher eigentlich vermeiden wollten.

Zufallsbegegnung im Hafen von Motril: die ‚Royal Clipper‘, ein Luxuskreuzfahrtschiff und längster Rahsegler der Welt

So bleibt uns aber nichts anderes, wir steuern den großen Fähr- und Industriehafen Puerto de Motril an und dürfen dort für 36 Euro eine Nacht lang unsere Leinen belegen. Die Marina ist eher ein Winterabstellplatz für kleinere Motorboote in Hochregallagern, die Umgebung industriell geprägt – zum reinen Übernachten vollkommen akzeptabel, aber dazu passt einfach der Preis nicht (jedenfalls nicht in der Nebensaison). Wenigstens lässt sich sagen, dass die Mitarbeiter außerordentlich freundlich und hilfsbereit waren – allzuhäufig werden sich auch keine Gastlieger dorthin verirren, wir haben jedenfalls am Abend kein Leben auf der kleinen Steganlage wahrnehmen können.

Ursprünglich hatten wir Motril als Ausgangspunkt für einen Landausflug per Bus nach Granada ausersehen; nachdem wir aber im Internet herausgefunden hatten, dass die Eintrittskarten zur Besichtigung der Alhambra, einer der großartigsten Sehenswürdigkeiten ganz Spaniens, auf Monate im Voraus ausverkauft sind, mussten wir davon Abstand nehmen – schade, wie kann man als Segler schon so lange vorher festlegen, wann man wo sein wird …

La Rábita
Ankern vor La Rábita

Nach einer vom Lärm irgendwelcher Aggregate versüßten Nacht verlassen wir die Marina gleich am Freitagmorgen und machen uns wieder auf den Weg gen Osten. Eigentlich sollte sich schwacher Ostwind eingestellt haben, und wir waren darauf vorbereitet aufzukreuzen; es weht jedoch schlicht gar kein Wind, und so motoren wir gemächlich knapp 20 Seemeilen über das inzwischen spiegelglatte Mittelmeer, bis wir am frühen Nachmittag vorm Strand von La Rábita den Anker fallen lassen. Der Ort ist recht klein, das Fehlen der zwölfstöckigen Hotels finden wir aber sehr sympathisch, und da die totale Flaute noch länger anhalten soll, beschließen wir hier auch den folgenden Samstag vor Anker zu verbringen und bei bestem Grillwetter die Ruhe zu genießen!

Almerimar
‚Marina Village‘ Almerimar

Sonntag geht es dann weiter, bei genauso schönem Wetter wie am Tage zuvor – und genauso wenig Wind … das 20 Seemeilen entferne Almerimar an der Costa de Almería ist das Tagesziel, welches wir nach 5 Motorstunden erreichen. Der Ort ist ein reines Produkt der Tourismusindustrie: mitten im Nichts hat man Luxusappartements rund um eine Marina mit 1100 Liegeplätzen hochgezogen, das Umland besteht aus von mit endlosen Plastikgewächshäusern bedeckter Halbwüste. Sehr stimmungsvoll ist das natürlich nicht – aber halbwegs hübsch gemacht, unterm Strich sind die Liegeplätze direkt zwischen den Wohn- und Gastronomieanlagen eher hübscher gelegen als an so mancher Seefront mit ihren Hotelhochhäusern.

Das Liegegeld ist auch sehr günstig – offenbar hat man bei der Planung vor 20 Jahren noch nicht mit der Wirtsschaftskrise gerechnet und ist unterausgelastet. Viele Boote überwintern auch hier, wofür wirklich (für Mittelmeerverhältnisse) sensationelle Tarife angeboten werden – nicht der schlechteste Ort, aber wir wollen ja noch weiter.

Cabo de Gata / Puerto Genovés

Die Weiterreise am Montag beginnt mal wieder unter Motor; ab Mittag ist zwar etwas Wind angesagt, aber da wir mit einem Schlag die Bucht von Almería überqueren und das Cabo de Gata umrunden wollen, können wir darauf nicht warten.

Am Cabo de Gata

Nach 5 Stunden Motorlärm stellt sich auch wirklich vorsichtig der erste Lufthauch ein; bald können wir den Gennaker setzen und mit zunehmender Fahrt auf das Cabo de Gata zuhalten, welches das Ende der in Ost-West-Richtung verlaufenden Südküste Spaniens markiert. Dieses ist landseitig von einem Naturpark umgeben, daher unbebaut und von wilder Schönheit, spektakuläre Felsformationen wohin man schaut; besonders ins Auge fallen die schneeweißen Einschlüsse unter den rotbraunen Felsen an der Abbruchkante. Beim letzten Abendlicht runden wir das Kap und lassen nach 36 Seemeilen in der Bucht Puerto Genovés den Anker fallen.

Morgenstimmung am Ankerplatz

Diese Ankerbucht hat ausnahmsweise mal ihren Namen zu Recht, sie ist wirklich nur nach Osten zum Meer hin offen und auch ansonsten toll: groß genug für 50 Boote (mit uns sind 4 anwesend), perfekter Ankergrund, kristallklares Wasser – selbst im Dämmerlicht kann man noch in 6 Metern Tiefe die Kette auf dem Sand liegen sehen. Hier würden wir gerne einen Tag bleiben – aber gerade für den Dienstag ist günstiger Wind angesagt, und das müssen wir einfach nutzen.

Garrucha

So können wir auch am Dienstagmorgen bereits unter Segeln den Ankerplatz verlassen und tatsächlich den gesamten Tag schönstes Gennakersegeln genießen; die dabei vorüberziehende Südostküste Andalusiens ist viel interessanter als die Südküste, die eigentliche Costa del Sol – und Sonne gibt es auch hier genug!

Tatsächlich kommen wir bei einer Tagesdistanz von 32 Seemeilen auf 15 Minuten Motorlaufzeit, als wir unseren Liegeplatz im Hafen von Garrucha eingenommen haben – nur für das Anlegemanöver haben wir die Maschine gestartet. Was für eine Wohltat nach den vielen Motorstunden in der vergangenen Woche!

Am Hafen von Garrucha

Garrucha ist ein betriebsamer Fischerei- und Industriehafen, der auch eine neue, ausgedehnte Marina unter öffentlicher Verwaltung umfasst; hier funktioniert es aber wohl nicht so richtig, die Anlagen wirken unfertig, und eine einzige Dusche in einer Sperrholzbude ist auch etwas wenig für etliche 100 Liegeplätze. Der Ort selbst gibt auch nicht viel her – es soll eine Burg aus dem 18. Jahrhundert geben, aber die sind wir nicht in der Lage zu finden … wie immer so etwas möglich ist. Aber einen großen Supermarkt gibt es, und das Wasser in der Bruchbude ist heiß – Segler können sich ja in Bescheidenheit üben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurs Gibraltar: Entlang der Küsten der Algarve und Andalusiens (24.09. – 16.10.)

Ponta de Piedade

Nachdem wir in den frühen Morgenstunden des 24. September das Cabo de São Vicente gerundet haben, folgen wir noch einige Stunden der felsigen Küste (der Wind bleibt dabei sehr launisch, mal frischt er auf, dann verlässt er uns wieder) und runden dabei zuletzt die Ponta de Piedade mit ihren spektakulären Felsformationen, bis wir gegen Mittag nach 80 Seemeilen die Bucht von

Lagos
Ankern vor Lagos

erreichen, unseren ersten Ankerplatz an der Algarve. Die Stadt verfügt auch über eine Marina, welche allerdings – wie alle Häfen an der Algarve – während der Saison fast 50 Euro pro Nacht abruft, weswegen wir dankend verzichten und lieber den Anker vor dem herrlichen, endlos langen Strand fallen lassen. Am Nachmittag kommt nochmal kräftiger Nordwestwind auf (wie jeden Nachmittag, wie wir in den kommenden Tagen noch feststellen werden), aber bei Wassertiefen von 5-6 Metern über kilometerlange Bereiche und einem aus festem Sand bestehenden Ankergrund kann man hier beliebige Winde abwettern, solange sie ablandig kommen. Auch der Schwell hält sich sehr in Grenzen – wir hatten da einige Bedenken, weil man schließlich nach Süden offene See bis zur Küste Afrikas hat, aber die an der Westküste stets rollende Atlantikdünung kommt scheinbar nicht um das Kap. 

Lagos, Seepromenade

Am Donnerstag nutzen wir die Vormittagsflaute, um mit dem Dinghi in die Stadt zu fahren. Lagos war im 15. Jahrhundert Ausgangspunkt zahlreicher Expeditionen entlang der Westküste Afrikas; heute hat es gut 30.000 Einwohner und ist eines der touristischen Zentren an der Algarve. Die gut erhaltene Altstadt, die lange Seepromenade, der viele Kilometer lange Sandstrand längs der Bucht gen Osten sowie die bizarren Felsen der Ponta de Piedade sind die Hauptattraktionen.

Ponta de Piedade: bizarre Felsen …

Freitag wollen wir uns diese Felsen auch aus der Nähe ansehen; nach dem Frühstück fahren wir mit dem Dinghi an der Küste entlang, es weht noch kaum Wind und die See ist recht ruhig. Unzählige Ausflugsboote weisen uns den Weg zu den größten Attraktionen: frei im Wasser stehende Felsentürme, mit dem Boot durchfahrbare Tore und tief in die Felsen eingegrabene Grotten. 

… und traumhafte Strände

Wir bestaunen diese abstrakten Kunstwerke der Natur, kurven um die Felsen und landen – zusammen mit zwei Dutzend Kajakfahrern – an einem kleinen Strand an (was sich als deutlich einfacher erweist als ihn wieder zu verlassen – die Wellen laufen sich ganz ordentlich auf in der engen Bucht). Der ganze Trubel wirkt zwar etwas abschreckend, aber die Attraktivität des Ortes können auch wir nur bestätigen!

Albufeira

Am Freitagvormittag fahren wir nochmal zum Einkaufen in den Ort – vor 14 Uhr gibt es ja eh keinen Wind … dann aber stellt er sich pünktlich ein, und wir lichten den Anker. 

Die Steilküste der Algarve zieht vorbei

Die vorbeiziehende Küste bleibt felsig und steil, Ortschaften liegen eingebettet in kleine Einschnitte in der Landschaft; ihre Häuser leuchten weiß in der Sonne, und anzunehmenderweise handelt es sich bei vielen der größeren Bauten um Hotels. Ansteuerbare Häfen gibt es nicht so viele: Portimão liegt noch zu nahe an Lagos, und der nächste Hafen, Albufeira, ist gleich über 20 Seemeilen entfernt. Da es inzwischen schon um 20 Uhr dunkel wird und der Wind uns auch nicht gerade großzügig mit seiner Anwesenheit beehrt, bricht schon die Nacht herein, als wir vorm Strand von Albufeira den Anker werfen.

Albufeira im Morgenlicht

Da am Samstag der einzige Wind in den Morgenstunden wehen soll, verlassen wir gleich nach Sonnenaufgang den Ankerplatz wieder, ohne den Ort selbst besucht zu haben – auf dem Rückweg kommt man ja auch nochmal hier vorbei; heute sollen es nämlich 25 Seemeilen bis in die Lagune von Faro werden. Die felsige Steilküste weicht dabei mehr und mehr zurück, Sandstrände setzen sich durch. Wieder ist der Wind sehr launisch (was allerdings heute mehr der Vorhersage entspricht als gestern, wo wir mit mehr gerechnet hatten), so dass es früher Nachmittag wird, bis wir nach mehrmaligem Wechsel zwischen diversen Segelkombinationen und Motorbetrieb die Einfahrt in die Lagune ansteuern können.

Ilha da Culatra

Die Lagune wird von vielen Kilometer langen, schmalen Sandinseln gegen das Meer abgegrenzt, zwischen denen sich genau im Süden eine Einfahrt auftut; wir passieren diese kaum eine Stunde vor Hochwasser und staunen nicht schlecht, was für ein Strom da noch steht: das ansonsten flautig-glatte Wasser ist auf einmal aufgewühlt, in großen Strudeln dreht sich gurgelnd die Flut, und wir werden mit fast 8 Knoten über Grund bei langsamer Motorfahrt in die Lagune gespült! Wir folgen der Rückseite der nach Osten verlaufenden Insel, der Ilha da Culatra, und bald beruhigt sich das Wasser, der Strom lässt stark nach. Drei Seemeilen hinter der Einfahrt tut sich ein riesiges Ankerfeld auf, wir zählen weit über 50 Masten – Platz ist aber immer noch, wir bringen zwei Anker aus, um auch bei wechselnder Stromrichtung sicher zu liegen.

Abendstimmung über der Lagune

Während des Nachmittags bringen noch unzählige Ausflugsboote Tagesgäste von Olhão auf die Insel, aber am Abend breitet sich eine Stille geradezu greifbar über der Lagune aus; wir genießen einen magischen Abendhimmel über dem Ankerfeld und verstehen, warum dieser Ort bei den Fahrtenseglern so beliebt ist.

Am nächsten Morgen setzen wir mit dem Dinghi über und erkunden die Insel. Der kleine Ort besteht aus alten Fischerhäusern, in denen heute natürlich etliche Cafés und Restaurants untergebracht sind, aber Fischerei im traditionellen Stil gibt es noch immer; am Hafen sitzen wettergegerbte alte Männer und flicken ihre Netze. Trotz des Zustroms an Tagestouristen gibt es keinerlei große Hotel- und Gastronomiebauten, hier kann man noch einen Rest der vortouristischen Algarve erleben; am sieben Kilometer langen Strand mit sauberem, feinem Sand und türkisblauem Wasser verlaufen sich die paar hundert Badegäste auch schon nach kaum fünf Minuten Laufentfernung vom Ort – hier kann man seinen persönlichen Kilometer Bilderbuchstrand für sich allein haben.

Farol do Cabo de Santa Maria, Ilha da Culatra

Auch am Montag bleiben wir noch am Ankerplatz – es gefällt uns wirklich gut hier, durch die vielen Boote in der Lagune kommt man auch mal mit anderen Seglern ins Gespräch. Wir setzen auch nochmal auf die Insel über, laufen diesmal bis zum Leuchtturm am anderen Ende; den Abend – unseren letzten in Portugal – lassen wir mit einem köstlichen Abendessen in einer kleinen Taverne ausklingen. Wenn wir das nächste Mal vorbeikommen, möchten wir auch gerne mehr Zeit hier verbringen!

Isla Cristina
Unter Gennaker mit Delfinbegleitung nach Osten

Am Dienstag den 1. Oktober verlassen wir die Lagune vor der Ilha da Culatra; wie immer scheint die Sonne, und wenn auch zunächst der Wind etwas zu wünschen übrig lässt, so stellt er sich gegen Mittag doch ein und erlaubt herrliches Segeln unter Gennaker auf einer nach tagelanger Flaute fast glatten See. Auch die Delfine – ziemlich große diesmal, Tümmler vielleicht? – wissen das bunte Segel zu schätzen und springen durch dessen Spiegelbild im Wasser.

Einige Stunden später verlassen wir mit dem Passieren der Mündung des Río Guadiana auch Portugal, wo wir somit den größten Teil des Septembers verbracht haben. Als Segelrevier bot Portugal eher weniger Möglichkeiten als zuvor Galicien – es gibt einfach wenige Häfen (die an der Algarve auch noch sehr teuer sind, weswegen wir dort keinen einzigen angelaufen haben) und kaum geschützte Ankerplätze, aber Land und Leute haben uns außerordentlich gut gefallen, und Porto und Lissabon sind jede Reise wert.

Palmenallee in Isla Cristina

Nun stellen wir aber die Uhr wieder eine Stunde vor, wechseln die Gastlandflagge, und laufen nach gut 35 Seemeilen den kleinen Hafen von Isla Cristina (Stadt und Insel heißen gleich) an. Es ist schon kurz nach Sonnenuntergang, als wir einen Spaziergang durch den Ort machen, aber es ist sommerlich warm, und die Straßen sind voll von Menschen und spielenden Kindern – nach der Nachmittagshitze erwacht man erst jetzt wieder zum Leben. Die Architektur ist deutlich maurisch inspiriert, und die Hauptstraße flankieren zwei Reihen gewaltiger Dattelpalmen, die auch noch voller Früchte hängen – wir fühlen uns nun wirklich wie in Afrika 🙂

Mazagón

Am Mittwoch gibt es sogar durchgängig Wind – wir nutzten die gute Gelegenheit und verlassen Isla Cristina gleich wieder, um 35 Seemeilen gen Osten zu segeln. Tatsächlich können wir die gesamte Strecke unter Gennaker zurücklegen; zum Teil frischt der Wind sogar bis 18 Knoten auf, so dass die ‚Orion‘ mit 7,3 Knoten ihrem Ziel entgegeneilt. So macht Segeln Spaß!

Der Leuchtturm von Mazagón

Entsprechend ist es erst Nachmittag, als wir den Hafen von Mazagón an der Mündung der Ría de Huelva erreichen; dieser wird – genau wie Isla Cristina zuvor – von der andalusischen Hafenverwaltung betrieben, was zu einem Einheitspreis von € 17,33 in der Nebensaison für fast alle Häfen der Region führt. Dafür gibt’s eine tadellose Dusche – die erste seit Sines …

Ansonsten hat der Ort nicht viel zu bieten; es gibt nur ca. 4000 echte Einwohner, aber Häuser für dreimal so viele Menschen, alles Ferienvillen für Sommergäste aus Huelva. Da der Sommer (für südspanische Verhältnisse) vorbei ist, wirkt alles recht ausgestorben; lediglich den kleinen Leuchtturm finden wir recht hübsch.

Chipiona

Selbst für den Donnerstag ist noch etwas Wind übrig, so können wir weitestgehend unter Gennaker Chipiona erreichen – dafür ist es aber auch schon so spät, dass es nicht mehr für einen Rundgang durch die Stadt reicht. Wie sich später herausstellen wird, macht das aber nichts …

Wir schlafen also ein paar Stunden und machen uns dann gleich wieder auf den Weg zum Zwischenziel dieser Woche:

Cádiz

Der Wind hat sich nach drei brauchbaren Tagen aber völlig verausgabt, und so erreichen wir den Hafen der Stadt am späten Mittag nach einigen Stunden Motorfahrt. Da der Tagesablauf in Spanien ja deutlich nach hinten verschoben ist, gelingt es uns am frühen Freitagabend noch einen ganz wichtigen Dienstleister aufzutreiben, der ein seit geraumer Zeit nervendes Problem ganz endgültig löst: einen Zahnarzt.

Am Samstag schlafen wir erst mal aus und bringen dann das Boot etwas in Ordnung, denn die ‚Orion‘ bekommt für eine gute Woche Crewverstärkung; mit deren Anreise klappt auch alles nach Plan, und so können wir am Abend bei herrlichem Sommerwetter im Cockpit unser Wiedersehen feiern!

Cala del Aceite
Nebel über der Cala del Aceite

Leider kommt in der neuen Woche eine Weiterfahrt Richtung Gibraltar nicht in Frage: zunächst hält die gegenwärtige Flaute noch weiter an, und dann setzt zum Teil sehr kräftiger Ostwind ein: gerade in der Straße von Gibraltar verstärkt sich diese Levante genannte Wetterlage gerne mal auf 8 Windstärken – sinnlos, dagegen anzuwollen. Wir beschließen also etwas Urlaubssegeln rund um Cádiz: am Sonntag segeln wir – das letzte Lüftchen nutzend – gut 20 Seemeilen nach Süden und ankern vorm Strand von Cala del Aceite. Der Ankerplatz ist zwar durch den Schwell etwas unruhig (Weingläser leben gefährlich!), aber die Aussicht entschädigt dafür: eine farbenprächtige Steilküste und ein herrlicher Strand davor laden zum Verweilen ein. Am folgenden Tag tun wir das auch, baden im Meer und in der Sonne – Entspannung pur! Etwas erstaunt sind wir, als plötzlich dichter Nebel aufzieht und die kaum 200 m vorm Strand ankernde ‚Orion‘ nicht mehr zu sehen ist – der Spuk verzieht sich aber so schnell wie er gekommen ist, und wir finden glücklicherweise den Rückweg im Dinghi.

Rota
Unser Restaurant in Rota – Lage und Essen hervorragend

Dienstag setzt denn der angekündigte Levante ein: mit frischem Wind im Rücken geht es zurück Richtung Cádiz. Direkt gegenüber in der Bucht liegt Rota, wo wir für die Nacht einkehren und ein hervorragendes Abendessen genießen dürfen.

Der Ort hat eine hübsche Altstadt mit einem maurischen Kastell – und neuere, weniger attraktive Stadtteile, in denen sich die Pubs und Fast-Food-Restaurants für die unzähligen Bediensteten der großen US-Marinebasis direkt nebenan befinden. 

Am nächsten Morgen bleibt noch Zeit für einen Stadtrundgang bei Tageslicht, denn wir haben und keine große Entfernung vorgenommen: gerade 7 Seemeilen geht es über die Bucht von Cádiz bis

Puerto de Santa Maria
Abend in Puerto de Santa Maria

Auch dort machen wir noch einen abendlichen Stadtspaziergang und testen die örtliche Gastronomie – oder sie uns, denn ungewohnte Meeresfrüchte wie frittierte Seeanemonen erweisen sich als ein nicht unumstrittener Genuss. Ansonsten essen wir aber wieder hervorragend und lernen viele neue, leckere Speisen kennen; auch der Ort gefällt, und wie immer können wir die klimatischen Gegebenheiten kaum fassen: auch wenn es auf dem Rückweg zum Boot auf 23 Uhr zugeht, sind kurze Ärmel und Hosenbeine noch absolut angemessen …

Chipiona
Nach Sonnenuntergang in Chipiona

Donnerstag verlassen wir die Bucht von Cádiz und fahren ein Stück zurück nach Norden bis Chipiona, wobei sich endlich auch mal wieder ein paar Delfine blicken lassen. Diesmal sind wir auch früh genug da, um die Stadt noch kennenzulernen – was sich auch durchaus lohnt: die endlose Strandpromenade führt auf den recht dekorativen Leuchtturm zu (der höchste in Spanien übrigens), und in vielen Gärten blühen die prächtigsten Büsche und Bäume – schön, dass wir nochmal hier waren!

Cádiz

Freitag schließlich beenden wir unsere Rundfahrt um Cádiz mit einem letzten Schlag zurück in den Stadthafen; dabei rechnen wir mit kräftigem Gegenwind, der aber eher schwächer ausfällt, so dass wir zuletzt doch noch motoren müssen. Kurz vorm Hafen geht ein Boot des spanischen Zolls längsseits und drei schwarz gekleidete Uniformierte springen an Bord – Routinekontrolle. Man füllt einen Stapel der im Lande heißgeliebten Formulare aus und ist ansonsten sehr freundlich, so dass wir den Besuch als interessante Abwechslung betrachten können.

Am Samstag laufen wir stundenlang durch Cádiz, staunen über prächtige, weit ausladende Bäume in den Parks, hübsche Plätze und enge Straßenzüge – da der Platz für die Jahrtausende alte Stadt durch die Insellage sehr begrenzt ist, musste man halt schon früh in die Höhe bauen. Den anstrengenden aber schönen Tag beschließen wir mit abendlichem Grillen im Cockpit – und leider auch den Besuch unserer Freunde, denn die müssen am folgenden Sonntag wieder ins kalte Deutschland zurückfliegen.

Barbate

Am Montag gibt es endlich wieder Westwind in brauchbarer Stärke – diese Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen und laufen gleich um 9 Uhr aus dem Puerto América in Cadiz aus – gut 40 Seemeilen sind zu schaffen bis zum nächsten Hafen Barbate. Dabei segeln wir nochmal aus der Ferne an Cala del Aceite vorbei und erinnern uns gerne an unseren Badekurzurlaub dort 🙂

Cabo Trafalgar

Am Nachmittag passieren wir das berühmte Cabo Trafalgar: hier besiegte am 21. Oktober 1805 die britische Flotte unter Admiral Nelson die französisch-spanische Armada vernichtend und legte damit den Grundstein für ein gutes Jahrhundert britischer Vorherrschaft auf den Weltmeeren; Nelson selbst allerdings überlebte den Tag nicht, er erlag einer Schussverletzung.

Als wir Barbate erreichen steht die Sonne schon sehr tief; da wir auch am kommenden Dienstag früh losfahren wollen, beschließen wir die Hafengebühr zu sparen und verbringen die Nacht ankernd vorm Strand – mal wieder recht unruhig, es weht kaum Wind, aber der Schwell lässt die ‚Orion‘ schaukeln.

La Línea
Afrika an Steuerbord in Sicht!

Am Dienstag den 15. Oktober gehen wir dann endlich den letzten Schlag durch die Straße von Gibraltar an. Ein leichter Westwind unterstützt unsere Fahrt, und da wir bei Niedrigwasser aufbrechen schiebt auch die Tide über den größeren Teil der Strecke mit – was bei dem zum Teil sehr starken Tidenstrom in der Straße auch dringend nötig ist.

Marina mit Aussicht: Blick von La Línea auf ‚The Rock‘

Erstes Erlebnis ist, dass auf einmal an Steuerbord Land in Sicht kommt: wir können die Küste Afrikas sehen! Zunächst schemenhaft, dann immer deutlicher, und ab etwa der Höhe von Tarifa zum Greifen nahe; gleichzeitig legen Wind und Strom immer mehr zu, so dass wir am frühen Nachmittag mit 25 Knoten Wind im Rücken geradezu auf Gibraltar zufliegen. Bald kommt der charakteristische Felsen in Sicht, wir queren noch die Bucht von Gibraltar und laufen schließlich den Hafen von La Línea an, der auf der spanischen Seite direkt an der Grenze zu Gibraltar liegt.

Gibraltar

Mittwoch überqueren wir zu Fuß die direkt hinter der Marina verlaufende Grenze – und laufen nach der Passkontrolle erst mal über die Start- und Landebahn des Flughafens! Ein etwas absurdes Erlebnis, aber Platz ist in Gibraltar eben Mangelware – wenn ein Flugzeug starten oder landen will, wird eben die Rollbahn so lange abgesperrt.

Die gerade mal gut 6 Quadratkilometer große Halbinsel wurde 1704 durch einen englischen Überfall britisches Territorium; seitdem schlugen alle militärischen und diplomatischen Versuche fehl, dies wieder zu ändern. Heutzutage kann man unter europäischen Ländern zwar kaum noch mit strategischen Notwendigkeiten argumentieren, aber als Steueroase ist Gibraltar so bedeutend, dass es beim gegenwärtigen Status wohl bleiben wird.

Der Felsen von Gibraltar und einer seiner Bewohner

Der größte Teil der Fläche wird von einem gut 400 Meter aufragenden Kalksteinfelsen eingenommen, der weithin sichtbar ist und in antiker Zeit als eine der Säulen des Herakles (neben dem Dschebel Musa in Marokko) galt, die das Ende der Welt markieren. Neben dem Felsen selbst und den zahlreichen Verteidigungsbauwerken darauf und darin sind die bekannteste Attraktion die auf dem Berg lebenden Affen, die einzigen auf dem europäischen Kontinent.

Da die gesamte Bergregion zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, muss man zur Besteigung des Felsens Eintrittsgeld bezahlen; diese Klassifizierung steht in merkwürdigem Kontrast zu der nicht enden wollenden Karawane von Mini-Vans, mit denen Touristen auf den Berg gefahren werden – wer außer uns kommt schon auf die verrückte Idee, bei der Hitze die 400 Höhenmeter zu Fuß zu ersteigen? Entsprechend erschöpft sind wir nach einigen Stunden auf dem Felsen, aber die alles andere als scheuen Affen und die spektakuläre Aussicht entlohnen uns für die Mühe!

Aussicht über Gibraltar und La Línea

 

Teil der alten Stadtmauer von Gibraltar

Am Fuße des Felsens drängen sich das alte Zentrum von Gibraltar, der umfangreiche Hafen sowie die zahlreichen Hochhäuser mit all ihren Banken und Finanzdienstleistern. Die Straßenkultur ist eine merkwürdige Mixtur aus spanischen und britischen Elementen: Tapas-Bars und Fish&Chips-Lokale wechseln sich ab. Umgangssprache ist Englisch, bezahlt wird in Pfund Sterling, gefahren aber (soweit das in Gibraltar überhaupt möglich ist) auf der rechten Straßenseite. Wir nutzen noch einen sehr positiven Aspekt des britischen Kulturraums und genießen ein tolles Abendessen in einem kleinen indischen Take-away, bevor wir uns mit letzter Kraft – wieder übers Rollfeld und durch die Passkontrollen natürlich – zurück zur ‚Orion‘ schleppen.

 

 

An Portugals Westküste (04.09. – 23.09.)

Am Mittwoch den 4. September lichten wir vor Baiona den Anker und setzen Kurs auf Portugal. Zunächst ist es flautig, das wird sich später am Tag aber gründlich ändern – die Ruhe vor dem Sturm, am Nachmittag soll der Wind auf 30 bis 40 Knoten zulegen. Um da wenigstens nicht mehr voll hineinzugeraten, müssen wir also zunächst erst mal drei Stunden motoren, bis gegen Mittag der Wind einsetzt. Einige Stunden läuft es dann ganz gut, wir überschreiten die vom Rio Miño gebildete Grenze zu Portugal, während der Wind immer weiter zulegt und wir die Segelfläche mehr und mehr verkleinern müssen. Dabei ziehen aber nicht, wie man es als Nordseesegler erwartet, dohende Wolken auf, ganz im Gegenteil: der Himmel ist wolkenlos blau und die Sonne strahlt auf den funkelnden Atlantik, beeindruckende Wellenberge schieben sich von achtern heran, während einem der Nordwind um die Ohren pfeift.

Da wir beim Überschreiten der Grenze die Uhren eine Stunde zurückgestellt haben (Portugal befindet sich in der gleichen Zeitzone wie Großbritannien), ist es erst gegen 16 Uhr als wir die Mündung des Rio Lima anlaufen; der Wind hat inzwischen 25 bis 30 Knoten erreicht und macht durchaus den Eindruck, im gleichen Tempo weiter zulegen zu wollen. So sind wir also ganz froh, nach 36 Seemeilen sicher den Hafen von

Viana do Castelo
Ponte Eiffel, Viana do Castelo

zu erreichen. Bei der Einfahrt in den Rio Lima fällt zunächst die den Fluss überspannende Brücke ins Auge; sie wurde von Gustave Eiffel konstruiert und 1878 fertiggestellt. Die Marina liegt kurz vor der Brücke und ist klein und recht eng, aber man bemüht sich, alle Gäste unterzubringen und schreckt dabei auch vor unkonventionellen Lösungen nicht zurück: wir werden aufgrund der geringen Breite der ‚Orion‘ auf einen Platz tief im Hafen gelotst, wo wir zwischen fünf bis sechs Meter langen Sportfischerbooten etwas deplaciert wirken, aber wir sind glücklich gut untergekommen zu sein – von dem Starkwind draußen ist im Schutz des Hafens nichts mehr zu spüren. Der Charakter der Küste hat sich gegenüber Galicien vollkommen verändert: es gibt keine tief eingeschnittenen Rías mehr, die Küste verläuft sehr gleichförmig von Nord nach Süd, und die in großen Abständen an den Flussmündungen gelegenen Häfen sind die einzigen Zufluchtsmöglichkeiten – weist man ein Boot ab, verurteilt man es dazu, die Nacht durchzufahren.

Praça da Repúblical, Viana do Castelo

Es bleibt noch Zeit, einen Rundgang durch Viana do Castelo zu machen, und das lohnt sich durchaus: die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt zeigt sich sowohl modern und weltoffen, hat sich aber auch viel von ihrem ursprünglichen Charakter bewahrt. Hier stoßen wir erstmals auf mit zum Teil sehr kunstvoll ausgeführten Keramikfliesen – den Azulejos – verkleidete Häuser, eine Hinterlassenschaft der maurischen Herrschaft über die iberische Halbinsel.

Da der Wind am folgenden Donnerstag weiter günstig (und nicht mehr so stark wie zuvor) weht, machen wir uns gleich am Morgen wieder auf den Weg, um die nächste, ebenfalls 36 Seemeilen lange Etappe bis

Leixões

zurückzulegen. Der kurz vor der Mündung des Rio Douro künstlich angelegte Hafen ist praktisch zu einem Vorort von Porto geworden; hier wird ein Viertel des internationalen Güterhandels Portugals umgeschlagen. Die kleine Marina ist zwischen gigantischen Containerbrücken kaum zu finden, und auch recht voll; wir finden zunächst nur Platz am Wartesteiger direkt in der Einfahrt, wo wir die ganze Nacht den Schwell der mit Vollgas ab- und anlegenden Lotsenboote genießen dürfen.

Igreja Paroquial de Leça da Palmeira, Leixões

Erst am nächsten Tag bekommen wir einen richtigen Platz zugewiesen – und da die vergangene Nacht nicht sehr ergiebig war, beschließen wir gleich noch einen Tag länger zu bleiben und den geplanten Ausflug nach Porto um einen Tag zu verschieben. Dafür haben wir Zeit, auch Leixões selbst anzuschauen – allzuviel gibt der im Vergleich zum Hafen winzige Ort zwar nicht her, aber das wird durch die Freundlichkeit der Mitarbeiter der Marina Porto Atlântico mehr als ausgeglichen.

Porto
Paços de Concelho

Am Samstagmorgen nehmen wir dann den Bus nach Porto – 2 € für eine Dreiviertelstunde Fahrt, auch hier ist der öffentliche Verkehr günstig. Die mit einer knappen Viertelmillion Einwohnern zweitgrößte Stadt Portugals ist ans Ufer und die steilen Hänge über dem Rio Douro gebaut. Flussaufwärts befinden sich ausgedehnte Weinanbaugebiete, und seit alten Zeiten werden die Weinfässer auf dem Fluss nach Porto verschifft, wo die berühmten Kellereien wie Graham’s, Taylor’s, Offley, Sandeman usw. ihn zu Portwein veredeln und in die ganze Welt exportieren. Dabei half ein schon sehr altes Handelsabkommen mit England: 1373 vereinbarte man Weinlieferungen im Gegenzug für Fischereirechte, und seit 1703 gibt es eine weitreichende Zollbefreiung. Die historische Verbindung der beiden Länder zeigt sich sowohl in den Namen einiger Portweinhäuser wie auch in der großen Beliebtheit des Getränks in Großbritannien.

Fliesenkunstwerke zieren viele Gebäude von außen ….

Porto hat viel zu bieten: obwohl Dank der markanten Lage seit Jahrtausenden bewohnt, hat sich zwar nicht viel aus der Antike erhalten, aber die zahlreichen Kirchen und Paläste einerseits, sowie die kleinen, schmalen Häuser in der Altstadt andererseits bieten viel zu sehen. Bedingt durch die Lage am Hand legt man dabei allerdings zahlreiche Höhenmeter zurück …

… wie von innen

Sehr beeindruckend sind die zahlreichen Azulejos – gewaltig große Gebäudefassaden oder auch Innenräume sind mit diesen aus unzähligen bemalten Keramikfliesen zusammengesetzten Kunstwerken verziert. Hoch über dem Rio Douro kann man auf der stählernen Ponte Luís I nach Vila Nova de Gaia am gegenüberliegenden Ufer gelangen und die Kellereien besichtigen, oder auch einfach den tollen Blick auf Porto genießen. Unzählige Cafés und Restaurants laden zum Verweilen ein – wirklich eine attraktive Stadt!

Am Cais da Ribeira

Das finden allerdings nicht nur wir – die Menge der Touristen, die sich großflächig durch die ganze Stadt schiebt, ist beeindruckend; die Einheimischen sind deutlich in der Unterzahl. Ungeachtet dessen strahlt die Stadt aber eine gewisse Gelassenheit aus; die weiche Sprache und die entspannte Musik zahlreicher Straßenmusikanten trägt viel dazu bei. So verbringen wir einen schönen Tag in Porto mit vielen Eindrücken, die wir nicht missen möchten.

Blick über Porto
Peniche
Es wird nie langweilig, ihnen zuzuschauen ….

Am Sonntag machen wir uns wieder auf den Weg gen Süden; wir legen eine Nachtfahrt ein und segeln 130 Seemeilen bis zum Fischereihafen Peniche, den wir am Montagnachmittag erreichen. Die Nacht auf See vergeht ohne besondere Ereignisse, der Wind ist nicht besonders kräftig, und wir erreichen gerade 4 Knoten Geschwindigkeit; nur die regelmäßigen Delfinbesuche unterbrechen die Routine, in der Nacht meist durch das prustende Geräusch beim Luftausstoß direkt neben dem Boot zu hören.

Wir queren dabei den Nazaré Canyon, eine Unterwasserschlucht, die sich mit bis zu 5000 Meter tiefem Wasser direkt bis vor die portugiesische Küste erstreckt; dort brechen sich dann die über 20 Meter (!) hohen Wellen im offenen Atlantik. Der Ort Nazaré hält den Rekord für die weltweit höchste surfbare Welle – wir sind froh, der nicht begegnet zu sein.

Noch am Abend legt der Wind zu, und am nächsten Tag weht es mit 7 Beaufort und mehr über die Halbinsel, auf der der Ort liegt – eine gute Gelegenheit, wieder einen Ruhetag einzulegen und sich Peniche anzuschauen. Seit vorgeschichtlicher Zeit siedeln hier Menschen, wie Funde belegen, und leben von der Fischerei; schon die Römer bauten eine exportorientierte Großfischerei auf. Gegenwärtig erkennt man hier aber auch die Probleme der Fischerei: der Fischereihafen ist für zehnmal mehr Boote gebaut, als ihn heute noch benutzen. Inzwischen lebt man wohl eher vom Tourismus – endlos lange Sandstrände schließen die Halbinsel ans Festland an, und zahlreiche Boote bringen Ausflügler auf die vorgelagerte Inselgruppe der Berlengas.

Wir ziehen durch die kleinen Straßen des Ortes, wandern hinaus bis zur Landspitze Cabo Carvoeiro, wo es – neben dem hübschen Leuchtturm – eine zerklüftete Steilküste und bizarre Felsformationen zu bewundern gibt, die von der See und dem beständigen Wind geschaffen wurden. Wunderschön! Am Abend kehren wir in eines der kleinen Lokale ein, welches uns vom sehr netten Hafenmeister empfohlen wurde, und genießen fangfrische Köstlichkeiten – hier gefällt es uns!

Cascais

Nichtsdestotrotz müssen wir am Mittwoch weiterziehen – des letzte brauchbare Wind für einige Zeit ist angekündigt. Wir wollen knapp 40 Seemeilen bis direkt vor die Mündung des Tejo segeln, um dort die richtige Tide zur Fahrt flussaufwärts abzuwarten.

Cabo da Roca, der westlichste Punkt Europas

Der Wind zeigt sich dabei ganz schön launig – erst geht es ganz gut los, gegen Mittag ereilt uns aber für eine Stunde Flaute; die segeln wir noch aus, und über den Nachmittag schieben uns dann auch beständige 15-18 Knoten dem Ziel entgegen, was etwa der Vorhersage entspricht. Es geht schon auf 18 Uhr, als der Wind wieder völlig einschläft – da wir nicht im Dunkeln ankommen wollen, starten wir den Motor. Nach kaum einer Stunde aber kommt der Wind noch einmal zurück; zunächst freuen wir uns und stoppen die Maschine wieder, aber dann legt es innerhalb von 5 Minuten von 15 bis auf 30 Knoten zu – und wir haben natürlich immer noch die vollen Segel oben! Da ein Reffmanöver bei sieben Beaufort und drei bis fünf Meter Welle auch kein Vergnügen zu werden verspricht, beschließen wir das auszuhalten bis wir in die Wellenabdeckung durch das Capo da Roca kommen – und so schießt die ‚Orion‘ mit vollem Groß und ausgebaumtem Klüver mit 7 bis 8 Knoten vor dem stürmischen Wind die Wellen hinunter …

Bald passieren wir das  Capo da Roca und damit den westlichsten Punkt des europäischen Kontinents, und in dessen Schutz gelingt es uns dann tatsächlich die Segel zu bergen und den Ankergrund vor Cascais anzulaufen; dort gibt es auch eine Marina, die aber für ihre völlig überzogenen Preisvorstellungen bekannt ist, und so ankern wir lieber die Nacht direkt vorm Hafen.

Seixal

Nach einer eher unruhigen Nacht lichten wir den Anker – unter erheblichen Schwierigkeiten, er hatte sich wohl in irgendwelchem Schrott auf dem Meeresgrund verhakt. Mit auflaufendem Wasser fahren wir den Tejo hinauf, zwei bis drei Knoten Strom schieben uns dabei an.

Vorbei ziehen der Torre de Belém und das Entdeckerdenkmal Padrão dos Descobrimentos, während wir uns auf dem größten Fluss der iberischen Halbinsel langsam der beeindruckenden Ponte 25 de Abril nähern, die Lissabon mit dem südlichen Tejoufer verbindet.

Die ‚Ponte 25 de Abril‘; links Lissabon, rechts die 113m hohe Statue ‚Cristo Rei‘

Eigentlich hätten wir gerne direkt Lissabon angelaufen, aber obwohl es dort sechs große Marinas gibt, ist kein einziger Liegeplatz mehr zu bekommen; so suchen wir nach Alternativen und finden noch eine freie Muringboje in Seixal, einem kleinen Ort in einem Seitenarm des Tejo auf der Lissabon gegenüberliegenden Seite. Der Weg dorthin erinnert schon an die heimische Wattensee: ein betonntes Fahrwasser windet sich zwischen trockenfallenden Sandbänken hindurch.

Seixal von der Muring aus gesehen

Seixal erweist sich als Glücksgriff: der von der Gemeinde verwaltete kleine Anleger und etliche Muringbojen liegen beschaulich in einem ruhigen Gezeitenarm; der Hafenmeister erweist sich als extrem freundlich und hilfbereit und bietet an, jederzeit mit seinem Motorboot den Zubringerdienst an Land zu übernehmen; der Ort ist hübsch und unverbaut, bietet einen großen Supermarkt in Laufweite und sogar Dusche und Waschmaschine in der Touristeninformation – und das für € 7,60  am Tag! Nach Lissabon verkehrt eine Schnellfähre in 15 Minuten für landesüblich kleines Geld, und man landet direkt im Zentrum – was will man mehr? Da auch für eine ganze Weile kein Wind angesagt ist, erkennen wir schnell, dass wir hier länger als nur zwei Nächte bleiben werden …

Lisboa
Historisch: der Torre de Beleḿ von 1521

Den Samstag sowie den folgenden Montag verbringen wir in Lissabon – die Stadt ist viel zu groß um an einem Tag erkundet zu werden. Mit einer guten halben Million Einwohnern größte Stadt Portugals, erstreckt sich Lissabon über zahlreiche Hügel längs des Tejo-Ufers; man legt also sowohl viele Kilometer wie auch Höhenmeter zurück, wenn man zu Fuß unterwegs ist.

Prächtig: der Praça do Comércio

Die Mühe lohnt sich aber: es gibt nicht nur ein sehenswertes Zentrum wie in vielen anderen Städten, sondern jedes Stadtviertel ist eine Attraktion für sich mit ganz eigenem Charakter. Der Ort ist seit 3000 Jahren besiedelt und wurde durch die vielen unterschiedlichen Einflüsse – von Phöniziern über Griechen, Römer, Goten und Mauren – stark geprägt; durch ein katastrophales Erdbeben im Jahre 1755 – gefolgt von einem Tsunami und Großbränden – wurde die Stadt allerdings fast vollständig zerstört, und ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung kam ums Leben. Im Unglück lag aber auch eine Chance zum Neuaufbau: Lissabon wurde mit ungewöhnlich großzügig angelegten Boulevards und Plätzen neu angelegt, welche heute einen lebendigen Kontrast zu den engen Gassen der erhaltenen alten Stadtteile bilden.

Blick über Alfama, zu maurischer Zeit der Stadtkern Lissabons

 

Eine der Standseilbahnen

Bemerkenswert sind auch die Maßnahmen zur Überbrückung der großen Höhenunterschiede: in der Innenstadt gibt es einen 45 Meter hohen freistehenden Personenaufzug sowie drei Standseilbahnen, um die tiefer mit den höher gelegenen Stadtteilen zu verbinden. Ferner prägen die historischen Straßenbahnen das Stadtbild, deren kleine Wagen sich durch schmale Gassen, enge Kurven und über erstaunliche Steigungen bewegen.

​​​Das Entdeckerdenkmal ‚Padrão dos Descobrimentos‘

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich die große Geschichte der portugiesischen Entdecker: angefangen von den Expeditionen entlang der Küsten Afrikas im frühen 15. Jahrhundert unter Heinrich dem Seefahrer, welche die Grundlage für die europäische Expansion darstellten, über die Entdeckung des Seeweges um das Kap der guten Hoffnung bis nach Indien durch Vasco da Gama 1498, die Entdeckung Brasiliens im Jahre 1500 durch Pedro Álvares Cabral bis zur Etablierung der ersten Beziehungen zu Japan ab 1549; auch Fernão de Magalhães (den wir besser als Ferdinand Magellan kennen), der als erster (in spanischem Auftrag) die Welt umsegelte, war Portugiese. Zur Erinnerung an all diese Entdecker steht in Belém am Ufer des Tejo ein monumentales Denkmal, das den Weg in die Ferne weist.

Das Kloster ‚Mosteiro dos Jerónimos‘ aus dem 16. Jahrhundert

Natürlich hat Lissabon auch kulturell einiges zu bieten: etliche Museen laden zum Besuch ein, und in zahlreichen Lokalen kann man den Fado hören, die sehnsuchtsvoll-traurige Musik Portugals. Schließlich sind die unzähligen gastronomischen Angebote zu nennen: in jedem zweiten Haus ist entweder ein Café mit den verlockendsten Gebäckkreationen oder ein Restaurant, aus dem es verführerisch nach frisch gegrilltem Fisch duftet.

Dass die Stadt unter massiven strukturellen Problemen und umfassenden Schäden in der Bausubstanz leidet, vermindert merkwürdigerweise den positiven Eindruck nicht; man scheint den Umstand, dass die großen Zeiten längst Vergangenheit sind, mit einer Würde hinzunehmen, die ihren Ursprung in einer großen, vielfältigen, menschlichen und weltoffenen Kultur zu haben scheint, frei nach dem Motto: was braucht man schon Geld, wenn man Stil hat! Wir können uns dem nur anschließen und einen Besuch in Lissabon – auch mit herkömmlicher Anreise – uneingeschränkt empfehlen.

Sesimbra

So gut es uns auch in Seixal gefällt, irgendwann müssen wir ja doch weiter; erstmal erlaubt eine ausgedehnte Flaute uns noch, die in Lissabon arg strapazierten Füße auszuruhen, aber am Donnerstag ist es dann soweit, wir verlassen mit ablaufendem Wasser den Tejo und können noch einmal Lissabon, die den Fluss überspannende Brücke,  das Entdeckerdenkmal und den Torre de Belém vorüberziehen lassen, bevor wir links abbiegen und entlang der Küste der Setúbal-Halbinsel nach Süden fahren.

Cabo Espichel

Dabei passieren wir das Cabo Espichel, dessen steil und hoch aufragende Felsformationen sehr interessant anzuschauen sind; da das Wasser davor keine Untiefen aufweist, kann man auch relativ dicht unter Land daran vorbeisegeln und sich die gewaltigen Höhlen anschauen, die der Atlantik in die Südküste gefressen hat.

Sesimbra bei Nacht

Allzuviel Wind weht nicht, und so ist es schon früher Abend, als wir nach knapp 40 Seemeilen Sesimbra erreichen und vor dem Ort ankern; für einen kleinen Ausflug mit dem Dinghi in den Ort und eine Einkehr in einem der gemütlichen Straßencafés reicht es aber noch. Nach Einbruch der Dunkelheit funkeln nicht nur die Lichter des Ortes, hoch darüber wird auch die ausgedehnte maurische Burganlage angestrahlt – ein toller Anblick!

Sines

Gleich am nächsten Morgen geht es weiter, denn es zeichnet sich der Durchzug eines Tiefausläufers ab, der Südwestwind und Regen bringen soll, und da wollen wir vorher einen geschützten Hafen erreichen; leider geht dem aber eine Flaute voraus, so dass wir 9 Stunden motoren müssen, um Sines zu erreichen – den nächsten und einzigen Hafen auf der gesamten verbleibenden Westküste. So lange lief der Motor seit der Überfahrt Boulogne-sur-Mer – Dieppe nicht mehr …

Standbild Vasco da Gamas in Sines

Die Vorhersage erweist sich aber als zutreffend: am Abend frischt der Wind auf, und in der Nacht beginnt es ausgiebig zu regnen – wir müssen im Logbuch nachschauen, es ist unser erstes Schietwetter seit dem letzten Tiefausläufer am 8. August; na ja, einmal alle sechs Wochen kann man das ja noch durchgehen lassen 🙂

Den Samstag verbringen wir dann auch in der Marina von Sines; für ein paar Stunden ist es auch mal trocken, so dass wir den Ort anschauen können. Hier wurde Vasco da Gama geboren, vor der Kirche schaut sein Standbild übers Meer hinaus; ansonsten bietet Sines die üblichen verwinkelten Altstadtgassen und einladenden Cafés und Restaurants, und die absolut fair bepreiste Marina hervorragende heiße Duschen.

Am Sonntag könnte es dann eigentlich weiter gehen – nur dass absolut kein Wind weht, und nach dem Motormarathon vom Freitag haben wir erst mal genug von diesem Geräusch; also bleiben wir lieber noch einen Tag länger in Sines und nutzen die Zeit für ein paar anstehende Arbeiten am Boot.

Ums Cabo de São Vicente

Dienstag sieht es mit der Windvorhersage besser aus, wenigstens gut 10 Knoten soll es durchgehend geben, und gen Süden auch etwas mehr; wir brechen erst am frühen Nachmittag auf, denn die 80 Seemeilen um die südwestlichste Ecke Europas, das Cabo de São Vicente, sind ohnehin nicht im Verlauf der Tageslichtstunden zu schaffen, und so kommen wir wenigstens nicht mitten in der Nacht an – es ist der 23. September, heute ist Äquinoktium, es stehen also genau 12 Stunden Tageslicht zur Verfügung.

Beginnende Nacht auf dem Atlantik

Zunächst sieht es auch ganz vielversprechend aus mit dem Wind, es weht mit 12 Knoten aus Nordwest – endlich mal kein Vorwindkurs, und mit halbem Wind machen wir gute Fahrt. Gegen 20 Uhr verlässt uns der Wind aber – entgegen der Vorhersage – praktisch vollständig; die zwei bis drei Meter hohen Atlantikwellen, die von den Stürmen nördlich des Azorenhochs über hunderte Seemeilen heranrollen, stört das aber gar nicht, sie lassen die ‚Orion‘ mit herunterhängenden Segeln wie einen Korken tanzen. Die Alternativen sind also dies hilflos treibend zu ertragen oder zu versuchen, sich unter Maschine aus der Flaute freizufahren; wir entscheiden uns für letzteres, und so röhrt wieder stundenlang der Motor. Den einzigen Trost bieten ein hinreißender Sonnenuntergang mit geradezu unwirklichen Orange- und Violetttönen und eine äußerst sternenklare Nacht: in Fahrtrichtung erstreckt sich hell leuchtend die Milchstraße über das Firmament, als würde sich unser Kielwasser im Himmel spiegeln …

Cabo de São Vicente vor Sonnenaufgang

Erst nach vier Uhr in der Frühe kommt wieder genug Wind auf, um wenigstens einen definierten Kurs steuern zu können; kurz vor Sonnenaufgang passieren wir dann endlich das Kap, von dem der lichtstärkste Leuchtturm Europas seinen Schein über den Atlantik wirft, und erreichen die Südküste Portugals, die Algarve.

  

 

In Galicien (05.07. – 03.09.)

Ría de Viveiro
In Viveiro

Nachdem wir uns in der Marina ausgeschlafen und mit einer Dusche die Restmüdigkeit von der Überfahrt vertrieben haben, schauen wir uns Viveiro an: ein lebendiger Ort voller Straßencafés und Geschäfte, mit kleinen, engen Gassen und großzügigen Plätzen. In der Altstadt sind die Häuser so gebaut, dass sie sich ab der ersten Etage noch verbreitern, so dass nach oben kaum noch der Himmel zu sehen ist – seinem Nachbarn gegenüber kann man wohl fast die Hand reichen. Viel Platz ist aber auch nicht, die Ortschaft ist zwischen Wasser und Felsen in den Hang gebaut.

Zufälligerweise findet an diesem Wochenende ein großes Heavy-Metal-Festival in Viveiro statt, das ‚Resurrection Fest‘, zu dem deutlich mehr Besucher anreisen als die Stadt Einwohner hat, was dazu führt, dass jede Wiese im gesamten Stadtgebiet mit Zelten bedeckt ist und die vorherrschende Kleidungsfarbe im Straßenbild Schwarz ist – ein ziemlich amüsanter Kontrast zur südländischen Fischerort-Stimmung!

Der Strand von Covas mit der ‚Orion‘ – der kleine weiße Punkt am Ende der Felsenkette

Am Nachmittag verlassen wir die Marina und suchen uns einen Ankerplatz vor dem Strand von Covas; Viveiro liegt in einer ausgedehnten, fjordähnlichen Flussmündung, die zahlreiche Seitenbuchten, Felsenküsten und Strände umfasst. Diese Buchten, Rías genannt, bestimmen das Landschaftsbild der galizischen Küste: an der Nordküste, also bis zum Kap Finisterre, sind es die Rías Altas, an der Westküste die Rías Baixas. Der Weg der ‚Orion‘ soll entlang dieser Rías führen, denn sie bieten ein tolles Revier fürs Fahrtensegeln: für fast jede Windrichtung findet man in irgendeiner Seitenbucht sichere Ankerplätze und liegt dabei vor landschaftlich toller Kulisse.

Unser Privatstrand

Den ersten Ankerplatz finden wir gut eine Seemeile weiter vor dem Strand von Covas; etwas seitlich davon gibt es nochmal eine kleine, von Felsen abgetrennte Bucht, die vom Land aus kaum zu erreichen ist – so haben wir sogar unseren Privatstrand!

Hier kann man es aushalten; das Wetter könnte zwar endlich mal besser werden (die Sonne zeigt sich nur zwischendurch mal, meist ist der Himmel immer noch von hochnebelartigen Wolken bedeckt), doch wenigstens ist es dabei beständig über 20 Grad warm. Knapp 20 Grad hat das Wasser – könnte sich die Sonne mal durchsetzen, wäre gleich Badewetter. 

Am Sonntag dreht der Wind langsam auf Nordost, wir fahren also auf die andere Seite der Ría und lassen dort den Anker vor einem neuen Sandstrand fallen – so kann man das aushalten!

Das Ankern ist übrigens bislang ein wahres Vergnügen: anders als in Norwegen, wo Stellen mit nicht zu großer Tiefe selten sind, findet man hier quasi vor jedem Strand einen Quadratkilometer Wasser mit 4 bis 8 Metern Tiefe und einem Grund aus grobkörnigem Sand – man lässt an einer beliebigen Stelle den Anker fallen, lässt 20 bis 30 Meter Kette auslaufen und bringt den Motor auf 2000 Umdrehungen rückwärts – um festzustellen, das sich der Anker innerhalb weniger Dezimeter eingegraben hat und dann mit aller Gewalt nicht mehr weiterzuziehen ist; so kann man ruhig schlafen!

Ría de Cedeira

Nach drei Ruhetagen wollen wir dann aber am  Montag doch mal weiterziehen, vor allem da wieder frischer Nordost angesagt ist, perfekt um das Kap Estaca de Bares zu runden, den nördlichstenn Punkt der iberischen Halbinsel. Wir setzen noch am Anker das Großsegel und können ohne den Motor zu starten aus der Ría segeln – das macht Spaß!

Vor Spaniens Nordküste

Nachdem wir die Abdeckung der Berge überwunden haben, stellt sich dann auch der versprochene Wind mit guten 5 Beaufort ein; mit gut 7 Knoten rauscht die ‚Orion‘ durch die Wellen. Man merkt den Unterschied zur Nordsee: die Wellen kommen uns immer etwas zu hoch für die Windstärke vor; selbst bei Nordost nehmen sie schon 300 Seemeilen Anlauf, bei Westlagen quer über den Atlantik.

Abendstimmung über dem Ankerfeld

Leider ist es mal wieder bedeckt, es regnet auch ein wenig; gegen Mittag setzt sich aber die Sonne durch, und wir genießen die sportliche Fahrt bis zur nächsten geeigneten Flussmündung, der Ría de Cedeira.  Dort findet sich vorm Strand des gleichnamigen Ortes eine ausgedehnte Bucht mit Kartentiefen zwischen 3 und 4 Metern – hier könnten 100 Yachten ankern, es sind aber kaum 10, die es mit uns tun. Der Abend bietet einen tollen Sonnenuntergang über dem Ankerfeld, dazu ein Glas Rotwein, was will man mehr …

Dienstagvormittag ist es wieder bedeckt, aber für den Nachmittag kündigen die Propheten endlich Besserung an, die auch über die nächsten Tage anhalten soll – dann bleiben wir doch erst mal eine Weile hier!

Cedeira, Strand und Seepromenade

Wir fahren mit dem Dinghi bis in die Ortsmitte von Cedeira, was nur um Hochwasser herum möglich ist, ansonsten führt der kleine Fluss nicht genug Wasser. Wir finden einen freundlichen, lebendigen Ort vor, der über einen tollen Sandstrand verfügt, aber nicht nur vom Tourismus bestimmt ist – die Einheimischen scheinen hier noch in der Überzahl zu sein. Es gibt einen Supermarkt, der uns mit frischem Brot und herrlichen Melonen aller Art versorgt – das das lokal verkaufte Obst keine Europareise überstehen muss, kann man bei der Züchtung noch Wert auf solche nebensächlichen Eigenschaften wie Geschmack legen, statt sich auf die Transportfähigkeit zu konzentrieren.

Tatsächlich setzt sich auch nachhaltig die Sonne durch, und wir fühlen uns endlich im Süden angekommen: die Temperaturen im Schatten laut Wetterbericht betragen zwar nur 22 – 24 Grad, aber die Sonne verfügt über eine ganz andere Kraft, als wir es in Norddeutschland kennen; unterm übers Cockpit gespannten Sonnensegel kann man es untätig und in Badesachen gerade aushalten, ohne ins Schwitzen zu kommen, und sich den Tag über von gekühlter Melone ernähren, bevor man am Abend, bei tief stehender Sonne, den Grill anwirft und den Tag bei lokalem Rotwein, Oliven und Käse ausklingen lässt. In der Nacht wird es noch hinreichend kalt, dass man gut schlafen kann – besser geht’s kaum. Überkommt einen doch mal der Übermut und man lässt sich auf sportliche Aktivitäten ein – wie wir es am Mittwoch mit einer mehrstündigen Wanderung über den Cedeira überragenden Bergrücken getan haben – kann man sich in dem mit 20 Grad noch recht frischen Wasser der Bucht abkühlen. Hier lässt es sich aushalten!

Ausblick über die Küste vor Cedeira

So drängt uns auch gar nichts, weiterzuziehen; das Wetter bleibt weiter perfekt, die Ría bietet vollständigen Schutz gegen Schwell, und der örtliche Supermarkt versorgt uns mit frischem Obst und Gebäck. Donnerstag müssen wir uns auch etwas von der Wanderung am Vortag erholen, Freitag sind wir wieder aktiver und fahren mit dem Dinghi zu einer einsamen Felsenbucht mit kleinem Strand, die wir seit Tagen am Cedeira gegenüberliegenden Ufer vom Boot aus anschauen.

Einsame Badebucht, im Hintergrund das Ankerfeld und Cedeira

Wir finden einen weißen Sandstrand, vom Wasser ausgewaschene Felsen und blaugrünes Wasser – einfach toll! Wir bleiben den ganzen Nachmittag, lesen im Schatten der Felsen oder laufen durch die Wellen, die an den Strand spülen.

Am Freitagabend zieht es sich aber etwas zu, und starker Wind kommt auf, in der Nacht zum Samstag werden es in Böen bis zu 8 Windstärken, die über die Ankerbucht fegen – ob da wohl der Anker hält? Er tut es, das Boot bewegt sich im Laufe der Nacht keinen Meter weiter, wie das GPS verrät.

Ría de Ares
Die Küste bei Cabo Prior

Am Samstag bleibt es aber noch sehr windig, und bewölkt ist es auch; wir warten also noch bis Sonntag, um weiterzuziehen. Wieder sind es gut 30 Seemeilen bis zur nächsten Ría, vorbei an der felsigen Küste. Wenn der Wind auch deutlich nachgelassen hat, so steht doch noch einiges an Welle von den vergangenen Tagen; bei 15 bis 20 Knoten Wind stabilisiert der Gennaker das Boot aber hinreichend, und wir erreichen zügig die Ría de Ares, wo wir vorm Strand des gleichnamigen Ortes ankern.

Ares, Seepromenade

Am nächsten Vormittag erfolgt natürlich auch der obligatorische Dinghi-Ausflug nach Ares; der Ort wirkt sehr touristisch, kein Wunder, verfügt er doch auch über einen langen, feinen Badestrand; eine sehenswerte Altstadt oder dergleichen suchen wir aber vergeblich. So bleiben wir auch nur noch bis zum nächsten Morgen und fahren ins nur 9 Seemeilen entfernte

A Coruña

A Coruña ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und mit rund einer Viertelmillion Einwohnern die größte Stadt weit und breit. Ihre Geschichte reicht weit zurück: schon lange vor den Römern wurde der natürliche Hafen von Kelten und Phöniziern genutzt. Der ums Jahr 110 von den Römern erbaute Leuchtturm weist bis heute Schiffen den Weg und ist das Wahrzeichen der Stadt; sehenswert ist aber auch das Rathaus sowie die zahlreichen Kirchen und Klosteranlagen. Die Marina ist etwas zu groß für unseren Geschmack, verbreitet dafür aber den Duft nach der großen, weiten Welt: wir sehen neben unzähligen britischen, französischen, holländischen und auch ein paar deutschen Yachten auch solche aus Russland und aus Canada.

Torre de Hércules, A Coruña

Am späten Mittwochvormittag verlassen wie die Marina Coruña und fahren wieder hinaus aufs Meer; der vor uns liegende Küstenabschnitt hört auf den einladenden Namen Costa da Morte – das verschafft doch gleich Respekt …

Zunächst aber segeln wir noch direkt am Herkulesturm vorbei, dem römischen Leuchtturm, der seit bald 2000 Jahren den Weg nach A Coruña weist – beeindruckend, zumal sich aus dem Jahrtausend nach Ende des Römischen Reiches wenig findet, was heute noch steht.

Isla Sisarga, Costa da Morte

Die Küste des Todes zeigt sich uns glücklicherweise recht freundlich gesonnen – die Sonne scheint, und der Wind kommt ausnahmsweise selbst am Nachmittag mal nicht über Stärke 4 hinaus. Wenn man sich die schroffe, felsige Küstenlinie ohne irgendwelche Zufluchtsmöglichkeiten aber so anschaut, wie sie dem Atlantik ausgesetzt ist und die lange Dünung immer noch viele Meter in die Luft wirft, kann man sich leicht vorstellen, dass in alten Zeiten viele Schiffsreisen hier bei einem Nordweststurm ein fatales Ende genommen haben. Wir können uns aber am Anblick erfreuen, zumal uns wieder Delfine begleiten, und erreichen am Abend nach gut 36 Seemeilen die

Ría de Corme e Laxe

wo wir vor dem kleinen Fischerort Corme den Anker werfen. Wie vorhergesagt schläft in der Nacht der Wind vollständig ein, und das soll auch noch länger so bleiben – aber das macht nichts, hier kann man es wohl eine Weile aushalten.

Corme, Seepromenade

Der Ort hat keinen richtigen Supermarkt, nur kleine Dorfläden, in denen man aber auch ohne Sprachkenntnisse sehr nett behandelt wird und alles bekommt; es gibt eine winzige Bäckerei, die sensationell gutes Brot herstellt, eine Art rustikales Steinofenbaguette aus etwas dunklerem Mehl – ofenfrisch unwiderstehlich!

Wochenmarkt in Corme

Am Freitag ist Wochenmarkt in Corme – ein buntes Treiben, bei dem das ganze Dorf auf den Beinen zu sein scheint. Neben kleinen, gewerblichen Marktständen sitzen alte Damen auf mitgebrachten Schemeln und haben auf einer Decke die Erzeugnisse des eigenen Gartens ausgebreitet: wir kaufen Kartoffeln, Zucchini, hübsch zu Zöpfen geflochtene Zwiebeln und Knoblauch sowie prächtiges Obst, alles zu sehr günstigen Preisen. Wieder fällt die außerordentliche Freundlichkeit der Menschen auf – obwohl wir kein Wort Spanisch sprechen und die Einheimischen kein Englisch (abgesehen vom Personal in den Marinas, aber jedenfalls nicht auf dem Lande) kommen wir gut zurecht, bekommen eine Menge Dinge mit Händen und Füßen erzählt und fühlen uns sehr willkommen.

Am Cabo Roncudo

Wir wandern entlang der Küstenstraße zum Cabo Roncudo und finden großartige Ausblicke über die Ría, quasi hinter jeder neuen Kurve toller als zuvor; es ist in der Sonne gerade so warm, dass man es in Shorts, T-Shirt und Sonnenhut eben noch aushält, in der sanften Brise zu wandern ohne allzusehr ins Schwitzen zu kommen – ein ideales Klima, finden wir. Dafür bleibt das Wasser mit knapp 20 Grad immer noch frisch – was allerdings die Einheimischen nicht davon abhält, die Strände ausgiebig zu nutzen. 

Ría de Camariñas
Das Cabo Vilán

So gut es uns vor Corme auch gefällt, irgendwann muss es auch mal weitergehen, und am Sonntag stellt sich auch noch der dazu passende Wind ein: bei gewohnt blauem Himmel weht ein eher sanfter Nordnordost mit 3 – 4 Beaufort. Wir lichten den Anker, verlassen die Ría und folgen auf Westkurs weiter der Costa da Morte. Dabei passieren wir das Cabo Vilán mit seinen beeindruckenden Felsformationen; ganz in der Nähe des Kaps befindet sich der Cemiterio dos Ingleses, ein Friedhof für die 172 Toten des 1890 im Sturm auf den Klippen zerschellten britischen Marineschulschiffs HMS Serpent – ein Beispiel unter vielen, wofür sich die Costa da Morte ihren Namen verdient hat.

In Camariñas

Unter deutlich besseren Bedingungen und ohne jegliche Verluste erreichen wir nach 20 Seemeilen Camariñas, wo wir in einer großen, gleichbleibend 3 – 7 Meter tiefen Bucht den Anker fallen lassen. Für die Nacht und den folgenden Montag ist eine deutliche Zunahme des Windes vorhergesagt, und so suchen hier rund ein Dutzend Yachten Schutz – womit der Ankerplatz aber alles andere als überfüllt ist.

Der Ort weist einen umfangreicheren Fischereihafen auf; außerdem ist er berühmt für seine traditionellen Spitzenklöppelarbeiten, zahlreiche Geschäfte, ein Klöppelmuseum und ein Denkmal zeugen davon.

Am Dienstag legen wir die wohl kürzeste Tagesdistanz des Törns zurück: ganze zwei Seemeilen sind es quer über die Ría nach

Muxía

Der Fischerort hat einen großen Hafen, in dem auch eine kleine, freundliche Marina platz findet; diese steuern wir an, zum einen weil Boot und Besatzung eine Süßwasserdusche gebrauchen können, zum anderen weil wir vor hier aus einen Tagesausflug nach Santiago de Compostela machen wollen.

Aussicht über Muxía

 

Santuario da Virxe da Barca

Zunächst mal schauen wir uns aber Muxía an; anders als in Camariñas gibt es eine hübsche Altstadt, und man kann einen sehr schön angelegten Weg von der Stadt bis zur Landspitze gehen. Dort gibt es einen Hügel, der eine tolle Aussicht bietet, und die Wallfahrtskirche Santuario da Virxe da Barca; diese liegt unmittelbar an der felsigen Küste, und die Atlantikwellen, die sich an den Felsen brechen, bieten ein großartiges Schauspiel. Wenn man bedenkt, dass dabei kaum Wind wehte … Costa da Morte!

 

Santiago de Compostela
Catedral de Santiago de Compostela

Am frühen Mittwochmorgen steigen wir in Muxía in einen Bus, der uns in anderthalb Stunden knapp 100 Kilometer nach Santiago de Compostela bringt – mit 8€ pro Fahrt übrigens recht günstig. Die knapp 100.000 Einwohner zählende Stadt ist Hauptstadt Galiciens und weltbekannt als Ziel des Jacobswegs, welchem rund 200.000 Pilger jährlich bis Santiago folgen. Diese bestimmen auch das gesamte Leben der Stadt: überall sieht man Wanderer mit Rucksäcken und das Pilgersymbol, die Jakobsmuschel.

Convento de San Domingos de Bonaval

Bemerkenswert ist die Grundlage dieser knapp 1200 Jahre andauernden Pilgerei: der heilige Jakobus wurde der Überlieferung zu Folge im Jahre 44 in Palästina enthauptet; seinen Leichnam gab man in ein Boot, welches man ohne Besatzung auf die See treiben ließ. Dieses legte dann bescheidene 3000 Seemeilen bis Galicien zurück, wo es an Land trieb und man die Gebeine in der Erde bestatte – und die Grabstätte vergaß.

Santiago, Altstadt

Kurzweilige 800 Jahre später ‚entdeckte‘ man die Überreste wieder und konnte sie – sicher nach eingehenden forensischen Untersuchungen – eindeutig Jakobus zuschreiben, womit der nach Rom und Jerusalem wichtigste Pilgerort des Mittelalters geboren war. Ein Schelm, wer da noch Zweifel an der Echtheit hegt …

Convento de San Francisco

Ungeachtet dessen ist die Kathedrale von Santiago ein sehr beeindruckendes und schönes Gebäude (wenn auch ihr Inneres fast vollständig mit Baugerüsten und Planen verhängt war), wie auch die ganze mittelalterliche Altstadt mit ihren engen Gassen und prachtvollen Gebäuden sehr sehenswert ist.  Wir laufen 8 Stunden kreuz und quer durch die Stadt, bevor wir – recht erschöpft, es sind knapp 30 Grad – den Bus zurück nach Muxía nehmen. In jedem Fall ein sehr lohnender Ausflug!

Am Donnerstag regnet es dann ausnahmsweise mal; wir verlassen erst am Nachmittag die Marina von Muxía und ankern 2 Seemeilen entfernt in einer fast unbebauten Bucht der Ría; das Wetter bleibt auch am Freitag noch durchwachsen, so dass wir erst am Samstag die Ría de Camariñas verlassen.

Seno de Corcubión / Fisterra
Cabo Fisterra von See

Weiter geht es nach Süden, bei blauem Himmel und kräftigem Nordnordostwind; erst passieren wir das Cabo Touriñán und eine Weile später das Cabo Fisterra oder Kap Finisterre. Beide Namen leiten sich vom lateinischen finis terrae ab, dem ‚Ende der Welt‘, denn genau dafür hielt man im Altertum diesen Punkt – dahinter gibt es nur noch Wasser! Man hat sich zwar zunächst um ein paar Meter vertan, denn das nördlichere Cabo Touriñán liegt tatsächlich noch etwas westlicher, und wie sich deutlich später herausstellte ja auch noch einen ganzen Kontinent übersehen, aber ungeachtet dessen ist dies schon ein sehr bedeutender Ort.

Der Hafen von Fisterra

Wir wollen ihn uns auch näher anschauen und biegen daher in die Bucht hinter das Kap, Seno de Corcubión, ein und wollen eigentlich vor dem Ort Fisterra ankern, aber die Windabdeckung ist nicht besonders gut, und außerdem gibt es da einen langen, massiven, nagelneuen und völlig unbenutzten Schwimmponton am Fischerhafen – Fragen kostet ja nichts, denken wir uns, und legen erst mal an. Zum Fragen ist aber niemand da, die Capitanía ist unbesetzt und bleibt es auch am folgenden Sonntag – auch gut.

Cabo Fisterra von Land

Wir können also das Boot unbesorgt allein lassen und wandern hinaus zum Leuchtturm am Kap; dort ist eine ganze Menge los, denn Finisterre ist auch der eigentliche Endpunkt des Jakobsweges, viele Pilgerer hängen dieses letzte Stück noch dran, nachdem sie es bis Santiago de Compostela geschafft haben. Der Weg ist sehr schön, die Aussicht toll, und vor allem das Bewusstsein, dass Menschen genau hier seit Jahrtausenden aufs Meer schauen – wirklich ein Erlebnis!

Die Aussicht vom ‚Ende der Welt‘

 

Ankern vor Sardiñeiro

In der Nacht zum Montag sind wir an unserem Liegeplatz zwar offenbar auch niemandem im Weg, aber der Lärm und Schwell, den die ablegenden Fischkutter ab 2 Uhr morgens verbreiten, ist beachtlich – da suchen wir uns doch lieber einen ruhigeren Platz, und finden ihn kaum 2 Seemeilen entfernt in der kleinen Bucht von Sardiñeiro, wo wir dicht am Strand ankern und einen entspannten Tag bei Flaute und Sonne verbringen. Auch den Ort schauen wir uns noch an, dieser besteht aber nur aus einigen Häusern an der Straße nach Fisterra; immerhin eine Bäckerei gibt es.

Ría de Muros e Noia

Dienstagmittag kommt langsam wieder Wind auf, und wir machen uns wieder auf den Weg; Ziel ist die Ría de Muros e Noia, welche zu den Rías Baixas zählt – wir haben damit die Costa da Morte überwunden, von nun an finden sich wieder tief ins Land eingeschnittene Buchten, welche Schutz vor dem Atlantikwetter bieten.

Unsere Eskorte

Das Wetter ist prächtig, der Wind eher mäßig – laues Segeln. Zu unserer großen Freude hat auch eine größere Gruppe Delfine ihren lauen Tag – obwohl wir eigentlich viel zu langsam für sie unterwegs sind, begleiten sie uns über Stunden, springen dicht vor dem Bug durch die Welle, versuchen gleich zu mehreren zwischen Boot und mitgeschlepptem Schlauchboot mitzuschwimmen … einfach nur schön dabei zuzuschauen!

In Muros, alte Markthalle

Am Dienstagabend ankern wir erst mal vor Muros, beschließen dann aber am Mittwochmorgen für einen Tag in die Marina zu fahren – mal ordentlich die Batterien laden, duschen, Wasser bunkern, einkaufen, das übliche Programm … aber der Besuch lohnt sich auch um des Ortes selbst willen: Muros hat noch eine richtige Altstadt mit verwinkelten, schmalen Gassen und alten Häusern – eine erfreuliche Ausnahme, ansonsten zeichnen sich selbst die kleineren Orte ja gerne mal durch mehrstöckige 70er-Jahre-Architektur aus.

Donnerstagmittag verlassen wir die Marina wieder, aber nur um knapp 2 Seemeilen nordöstlich von Muros in der Ensenada de Bornalle wieder den Anker zu werfen – nach über 24 Stunden in der ‚Stadt‘ brauchen wir erst mal einen Ruhetag vorm Strand 😉   

Noia, Iglesia de San Martin …

Freitag sind wir dann wieder etwas aktiver: wir legen erst mal volle 6 Seemeilen bis vor den Ort Freixos zurück, ankern dort die ‚Orion‘ in schon recht flachem Wasser, und fahren dann noch eine Stunde mit dem Dinghi den immer flacher werdenden Rio Tambre hoch bis zur kleinen Stadt Noia.

… und Altstadtansicht

Diese war früher mal als Hafenstadt von einiger Bedeutung, kann aber inzwischen durch die immer mehr verschlickende Zufahrt nicht mehr angelaufen werden. Viele der Gebäude aus den ‚besseren Zeiten‘ haben sich aber erhalten, so dass der Spaziergang durch die Altstadt Noias sehr lohnend ist.

Inzwischen ist etwas mehr Wind als vorhergesagt aufgekommen, so dass die Rückfahrt mit dem Dinghi zu einer sehr feuchten Angelegenheit gerät … aber bei 28 Grad muss man wenigstens nicht frieren.

Ankern vor der Isla de Creba

Die Nacht verbringen wir noch vor Freixos, ansonsten scheint der Ort von See aus gesehen aber nicht viel zu bieten zu haben, und so fahren wir am Samstag gleich nach dem Frühstück 2 Seemeilen zurück bis zur Isla de Creba; hinter dieser kleinen Insel haben wir am Vortag auf dem Weg nach Freixos einen sehr hübschen Ankerplatz erspäht, und genau da wollen wir den perfekt warmen und sonnigen Samstag verbringen – wieder sind knapp 30 Grad angesagt, kaum Wind, und keine Wolke am Himmel.

Ría de Arousa
Passage durch den Canal de Sagres

Sonntagmittag verlassen wir den Ankerplatz – es ist etwas Nordwest aufgekommen, und der soll uns in die nächste Ría bringen. Der Wind ist eher schwach, aber das ist auch ganz gut so: in der Einfahrt liegt der Archipiélago de Sálvora, eine Menge kleiner Inseln und Felsen, deren nördliche Umgehung nur bei ruhigem Wetter möglich ist. In Norwegen war es ja nicht ungewöhnlich, auf ein paar Meter ans Land heranzufahren, hier aber fühlt sich die enge Passage ungewohnt an – und gut markiert ist sie auch nicht gerade. Aber Dank der GPS-Navigation ja alles kein Problem mehr, wir kommen also gut in die Ría de Arousa und ankern vorm Strand von Ribeira .

Vor Ribeira – Ankern, wo andere Urlaub machen

Montag ist es flautig, aber noch schönes Wetter; wir besuchen den Ort – der aber außer den üblichen Einrichtungen für den Badetourismus nicht viel hergibt, aber hervorragende Einkaufsmöglichkeiten bietet – und genießen ansonsten das Nichtstun, während wir den Urlaubern am Badestrand bei deren Nichtstun zuschauen. Mit uns ankern noch ein paar internationale Yachten und tun das gleiche … extrem chillig!

Regenwetter über Puerto de Cabo de Cruz

Ab Dienstag verschlechtert sich das Wetter, zunächst noch bei wenig Wind, aber für Mittwoch/Donnerstag ist der Durchzug eines Sturmfront angesagt. Rechtzeitig dazu verholen wir uns Mittwochmorgen in die Marina von Cabo de Cruz. Der Ort ist winzig, aber mit €22 pro Tag liegen wir hier recht günstig und können den ganzen Donnerstag zuschauen und -hören, wie der Regen aufs Deck prasselt und Böen bis 40 Knoten am Rigg zerren – schlechtes Wetter gibt es hier also tatsächlich auch mal! 

Playa Lobeira Grande, Cabo de Cruz

Am Freitag ist das Schlimmste überstanden, es drohen aber immer noch Schauer, und der Südwest erreicht noch seine 20 Knoten; wir verlassen die Marina, umrunden das Cabo de Cruz und finden eine schöne Ankermöglichkeit gleich auf der Ostseite der Halbinsel, geschützt gegen alle westlichen Winde. Hier gefällt es uns gut, es gibt kaum Bebauung, üppiges Grün und einen tollen Strand – ein guter Ort, um hier ganz chillig das Wochenende zu verbringen, es gibt eh kaum Wind zum Segeln (der hat wohl in den Tagen zuvor seine ganze Kraft verausgabt).

In Rianxo

Auch zum Beginn der neuen Woche bleibt das zunächst so; für die Nacht auf Dienstag ist aber kräftigerer Nordost angesagt, da wird unser Strand schnell zu Legerwall … aber in dieser Ría ist der nächste Windschutz nie weit, wir fahren knappe drei Seemeilen nach Nordost und ankern vorm Badestrand von Rianxo. Um den Ort anzuschauen und auch die Frischvorräte zu ergänzen, landen wir mit dem Dinghi am Strand an und laufen in den Ort; allzuviel zu sehen gibt es nicht, aber Rianxo hat einige nette Gassen und Plätze, und vor allem … einen riesengroßen Supermarkt!

Abendstimmung über der Ría de Arousa

Dienstag und Mittwoch bleibt es flautig – und sonnig, natürlich. Wir bleiben einfach vor unserem Strand liegen und lassen es uns gut gehen: dem Treiben am Strand zuschauen, lesen, am Abend grillen und den Abendhimmel betrachten.

Am Donnerstag ist dann aber mal Wind angesagt – Zeit, eine Ría weiterzuziehen! Wir holen nach dem Frühstück den Anker auf und kommen zunächst ganz gut voran, bis uns vor der Illa de Arousa die Mittagsflaute erwischt – und das gründlich: von 12 bis 15 Uhr legen wir kaum einen Meter zurück, zuletzt fahren wir wegen des einsetzenden Flutstroms sogar rückwärts … aber Geduld hilft, auf den Nachmittagswind ist Verlass, und um 17 Uhr rauschen wir mit fast 7 Knoten Fahrt nach Süden. Ein großes Regattafeld kommt uns entgegen, um die 50 Boote zeigen hoch am Wind vollen Einsatz – alle auf Steuerbordbug. So sind wir – auf Backbordbug – eine Stunde gut beschäftigt, unseren Weg so zu legen, dass wir niemanden zum Ausweichen nötigen – wir haben’s ja nicht eilig 😉

Ría de Pontevedra
Halligalli in Sanxenxo …

Gegen 19 Uhr erreichen wir unser Ziel, die Ría de Pontevedra – und erleben erst mal eine Überraschung: dass die südlicheren Rìas belebter seien als die der Nordküste hatten wir ja gelesen und in der Ría de Arousa war auch etwas mehr los, aber das hier spottet jeder Beschreibung: die Küste zwischen Portonovo und Sanxenxo ist mit einer durchgehenden Front vielstöckiger Hotels zugebaut, der Strand vor Menschen und Sonnenschirmen kaum zu sehen; außerhalb der Absperrung des Schwimmbereichs ankern Dutzende Segel- und Motorboote, fahren unzählige Tretboote kreuz und quer, dazwischen paddeln, schwimmen, surfen Menschen … einige fallen sogar an Paraglidern vom Himmel. Und mitten durch dieses Chaos schiebt sich auch noch gemächlich ein riesiger grauer  Kreuzer der Guardia Civil – ob die die Stand-Up-Paddler auf Einhaltung der Ausweichregeln prüfen? Wir sind jedenfalls schwer beeindruckt, suchen uns ein Ankerplätzchen zwischen drei Motorbooten – im Vertrauen darauf, dass diese nicht über Nacht bleiben – und betrachten staunend das Treiben … 

… und Rummel in Portonovo

Den Freitag verbringen wir bei Flaute und Sonnenschein vor dieser Kulisse – nicht wirklich schön, aber irgendwie interessant, das Treiben so aus der See-Perspektive zu betrachten; Samstag kommt aber Südwind auf, da wollen wir lieber in den Hafen des Club Nautico von Portonovo – wo wir allerdings erst mal einige Stunden warten müssen, bis ein Platz frei wird! Ansonsten ist es hier eher noch unruhiger als vorm benachbarten Strand – direkt am Hafen ist eine große Kirmes aufgebaut, und es gibt Party-Musik bis in den frühen Morgen – und Böller natürlich! Uns war das vorher nicht bekannt, aber wenigstens der Nordwestspanier böllert für sein Leben gerne: praktisch täglich zündet jedes Dorf ein minutenlanges Tagfeuerwerk – nix zu sehen, nur schön laut muss es sein! Skurril …

In Combarro

Sonntagmittag nutzen wir den Nordwestwind und lassen und tiefer in die Ría treiben … keine 7 Seemeilen sind es bis Combarro, und doch liegen Welten dazwischen – der kleine Fischerort ist zwar auch in jeder Hinsicht touristisch, jedoch setzt man hier wohl auf eine völlig andere Zielgruppe: die kleinen, alten Granitsteinhäuser sind restauriert worden, in den zum Teil sehr engen Gassen gibt es unzählige kleine Läden, und an der dem Meer zugewandten Seite reiht sich ein Restaurant an das andere, überall duften Fisch und Meeresfrüchte auf den Grills.

Hórreos

Klar, mit Authentizität braucht man hier nicht zu kommen, die T-Shirts mit galizisch-keltischen Motiven sind sicher alle made in China …aber dennoch sind die alten Häuser und Getreidespeicher – die hórreos – einfach schön anzusehen, überall leuchten Blumen und der Duft lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen – wir finden’s hier um Welten besser als Beton-Badeparadies weiter westlich.

Ankern vor Combarro

Das Wetter in dieser Woche erreicht neue Wärmerekorde: täglich steigen die Temperaturen bis über 30 Grad, 13 Stunden steht die Sonne am wolkenlosen Himmel; Wind gibt es auch kaum noch – aber das macht nichts, denn Combarro ist der richtige Ort, um ein paar Tage zu verweilen. Der Ankerplatz direkt vor der historischen Altstadt ist perfekt – und seltsamerweise gehört er uns allein; der Stadthafen hat auch eine Marina (mit 40 € pro Nacht nicht gerade billig) , wo einiges Kommen und Gehen herrscht, aber ankern mag hier außer uns wohl niemand – uns soll’s recht sein.

Üppige Blütenpracht überall – ob’s wohl was mit der Sonne zu tun hat?

So bleiben wir bis zum Freitag, machen noch den ein oder anderen Ausflug in die idyllische Altstadt (die auch eine Quergasse ab von den Souvenierläden überhaupt nicht mehr überfüllt ist) – und wären wahrscheinlich noch länger geblieben, wenn nicht vor dem Hafen (also einen Steinwurf von unserem Ankerplatz entfernt) eine riesige Bühne mit himmelhohen Lautsprechertürmen für ein Festival am Wochenende aufgebaut worden wäre, beim Soundcheck am Donnerstag zitterte schon das ganze Boot. So haben wir uns dann vor die kaum 2 Seemeilen entfernte Isla Tomba verholt – von dort war der Musik am Abend immer noch gut zu folgen 😉

Auch der neue Ankerplatz gefällt uns – die Insel darf zwar nicht betreten werden, da sie Übungsgelände der nahegelegenen Marineakademie ist, daher ist sie aber auch völlig naturbelassen und unbebaut, man schaut auf dichten grünen Wald und weißen Sandstrand. So bleiben wir gerne nochmal bis Sonntag, dann soll es nämlich endlich wieder Wind geben.

Ría de Vigo

So setzen wir also frohen Sinnes am Sonntagmorgen die Segel und lichten den Anker – um nach kaum einer Stunde, noch in Sichtweite der Insel,  in totaler Flaute einzuparken. Okay, der Wind war ja für die See vor der Ría angesagt, motoren wir also bis dahin … und tatsächlich stoppen wir nach einer Stunde den Motor wieder, denn der Wind erreicht fünf Knoten, in Böen auch sechs. Aber von einem Trend kann keine Rede sein – nach 10 Minuten ist es wieder vorbei; doch man soll ja Geduld haben, und siehe da, nach einer halben Stunde kommt wieder ein Windfeld und bringt für einen Augenblick acht Knoten Wind – um genausoschnell wieder einzuschlafen. Das Spiel wiederholen wir für gut vier Stunden und legen dabei etwa zwei Seemeilen zurück – hauptächlich Dank des Ebbstroms, der aus der Ría setzt. Da für den Nachmittag und genau dieses Stück Wasser 15 bis 20 Knoten angesagt sind, dauert es recht lange bis wir aufgeben – und die restlichen 16 Seemeilen bis in die Ría de Vigo motoren. Dort finden wir am Abend noch einen Platz im traditionsreichen Real Club Náutico de Vigo.

Vigo, Altstadt

Montag schauen wir uns Vigo an; die größte Stadt Galiciens hat seit ihrer Gründung durch die Römer viel erlebt – vor allem Überfälle, Plünderungen und Zerstörungen durch so ziemlich jeden, der vorbeigekommen ist – und hat als große Hafenstadt ihren eigenen Charme. Die spätmittelalterliche Stadtbefestigung hat man zwar dummerweise im 19. Jahrhundert abgerissen um Platz für Erweiterungen zu schaffen, aber die Altstadt weist noch viele verwinkelte Sträßchen und tolle Gebäude auf.

Jules Verne war auch mal hier

Am Hafen erinnern Skulpturen an die zahlreichen Emigranten, die vor allem zur Zeit des Bürgerkrieges ihr Land verlassen mussten; außerdem informiert eine Ausstellung über die Bedeutung Vigos in den Zeiten der Telegaphie: hier endeten die ersten transatlantischen Telegraphenkabel, und die  – britischen und deutschen – Betreibergesellschaften unterhielten große Niederlassungen. Über Jahrzehnte führte jede Kommunikation Europas mit Übersee über – Vigo.

Wir fühlen uns recht wohl und laufen stundenlang durch die Stadt, bis wir am späten Nachmittag den Hafen verlassen und uns einen Ankerplatz in der Nähe suchen. Den finden wir zunächst mal direkt gegenüber vorm Strand von Moaña, da aber erst mal tagelang Flaute angesagt ist und wir noch ein wenig mehr von der Ría sehen wollen, verholen wir uns am Mittwoch in die Ensenada de San Simón, eine ausgedehnte, flache Bucht am Ende der Ría, und ankern direkt vor der gleichnamigen Insel.

Ankerplatz vor der Isla de San Simón

Auf dieser stand vor langer Zeit einmal ein Kloster, später wurde sie als Hospital, Waisenhaus und schließlich während der Franco-Diktatur als Konzentrationslager genutzt; heute beherbergt sie ein Dokumentations- und Begegnungszentrum. Um dieses anschauen zu dürfen, müssten wir allerdings mit der ‚Orion‘ aus der Bucht heraus in den nächsten Hafen fahren, um uns von dort mit einem Ausflugsboot wieder zurück bringen zu lassen – etwas umständlich, wenn man 50 Meter vom Ufer entfernt ankert, doch der direkte Zutritt wird uns leider verwehrt. Später taucht dann auch noch ein Filmteam auf, denen wir im Weg sind – schade, der Ausblick vom Boot auf die waldige Insel war wirklich besonders schön!

Ankerbucht vor Moaña

Einen alternativen Ankerplatz in der Ensenada de San Simón finden wir vorm Ort Cobres; hier liegt man nicht schlecht, aber mit dem Platz vor der Insel kann die Aussicht nicht mithalten. Am Samstag verlassen wir daher die Bucht und fahren zurück nach Moaña, denn fürs Wochenende ist starker Wind aus Nordnordost angesagt, und da bietet die Ensenada de San Simón nicht den rechten Schutz. Eigentlich wollten wir am Sonntag für eine Nacht auch in die Marina, aber dort teilt man uns über Funk recht unfreundlich mit, dass die Marina voll sei – obwohl wir ein halbes Dutzend freie Liegeplätze sehen können, die auch über Nacht nicht besetzt werden.

Blick von Cangas über die Ría auf Vigo

Okay, dann eben in den Nachbarort: in der Marina Cangas empfängt man uns freundlich, das Wasser für die Duschen ist ausnahmsweise mal warm, und Landstrom zum Batterieladen gibt’s auch. Der Ort ist wenig spektakulär, aber es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten, alles in allem sind wir zufrieden.

Denkmal am Hafen von Baiona

Dienstagmittag verlassen wir den Hafen und steuern unser letztes Ziel in Galicien an, die Stadt Baiona. Sie erlangte ihren Platz in der Geschichtsschreibung, als hier im März 1493 die ‚Pinta‘ auf dem Rückweg von Kolumbus erster Amerikareise anlandete – von Baiona ging also die Nachricht um die Welt, dass es einen neuen Kontinent gibt. Heute ist es ein tourismusorientierter Ort mit schönen Stränden und einladenden Restaurants in den Gassen der Altstadt.

Wir ankern vor dem Stadtufer und verbringen hier bei Flaute und Sonnenschein unseren letzten Abend in Galicien – für Mittwoch ist Nordwind angekündigt, und da soll es Richtung Portugal gehen. Wir verlassen die Gegend ungern – fast zwei Monate haben wir uns Zeit gelassen, den relativ kurzen Küstenabschnitt kennenzulernen, und in dieser Zeit haben wir das entspannte Segeln, das tolle Wetter und die freundlichen Menschen hier sehr zu schätzen gelernt.

Blick von Baiona über die Islas Cies und das Castelo de Monte Real

 

 

Über die Biskaya (29.06. – 04.07.)

Am Sonntag den 29. Juni verlassen wir gegen Mittag den Hafen von Falmouth – da wir ja an einer Muringboje liegen und der Wind günstig steht, ganz stilvoll ohne Zuhilfenahme des Motors nur unter Segeln, wie es sich für diesen Weltumseglerhafen gehört! Das Wetter ist zumehmend freundlich, es weht ein mäßiger Nordwest, und die ‚Orion‘ macht gute Fahrt unter Vollzeug. Recht bald beibt Lizard Point hinter uns, der südlichste Punkt Großbrittaniens, und vor uns liegen gut 100 Seemeilen offenes Wasser.

Der Wind lässt zum Abend hin nach, bleibt uns aber bei rund 10 Knoten Stärke erhalten – nicht genug für aufregende Geschwindigkeiten, aber in Verbindung mit der recht glatten See sorgt das für eine so ruhige und gleichbleibende Lage des Bootes, dass in der Nacht sogar mal an Schlaf zu denken ist. Aber auch die Wache ist nicht langweilig: der inzwischen komplett klare Himmel bietet einen Blick aufs Firmament, wie man ihn an Land mit all den Lichtern der Umgebung nie zu sehen bekommt – die Milchstraße scheint so nah und plastisch, einfach toll! Und zur Krönung kommen auch noch Delfine zu Besuch – auf einmal hört man das laute Ausatmen noch bevor man sie sieht, und dann schnellen ein gutes Dutzend der anmutigen Tiere durch unsere Bugwelle, scheinen fasziniert von dem intensiven roten und grünen Licht, welches die Positionsleuchten auf das Wasser werfen, und begleiten unsere Fahrt einige Minuten.

Cap de la Chèvre

Am Sonntagmittag kommt Land in Sicht, die bretonische Küste; vorgelagert liegt die Île d’Ouessant, und zwischen dieser und dem Festland befindet sich die Meerenge des Chenal du Four. Nicht überraschenderweise gibt es auch hier wieder starke Gezeitenströme zu berücksichtigen: gegen 16 Uhr, mit Hochwasser Brest, soll der Strom anfangen, gen Süden zu setzen. Wir sind pünktlich da, und freuen uns über 3 Knoten zusätzliche Geschwindigkeit auf dem Weg Richtung Brest.

Abendstimmung vor Morgat

Dieses lassen wir dann jedoch links liegen, unser Ziel ist der kleine Hafen von Morgat auf der Crozon-Halbinsel; diesen erreichen wir gegen 21:30 am Abend, nach 136 zurückgelegten Seemeilen. Wir übernachten an einer Muringboje vor dem feinen Sandstrand und genießen das Abendlicht auf den Felsen.

Gleich am nächsten Morgen verholen wir uns in den Hafen, der einen Schwimmsteg für Gäste aufweist; als erstes gibt es ein frisches Baguette vom örtlichen Bäcker – wenn eines in England gefehlt hat, dann das!

In Crozon

Später wandern wir in den Hauptort Crozon, um Einkäufe zu erledigen; ein netter kleiner Ort mit bretonischem Flair. Am Nachmittag wird die ‚Orion‘ auf die nächste Passage vorbereitet, die Überquerung der Biskaya selbst: Wasser wird aufgefüllt, alles seefest verstaut, und auch das Schlauchboot wird zusammengefaltet, denn es ist durchaus mit etwas ruppigeren Bedingungen zu rechnen. Der Wetterbericht für die nächsten drei Tage verspricht kräftigen Nordostwind der Stärke 5 bis 6, in Böen bis 7. Mal wieder hätten wir auch eine Windstärke weniger genommen, aber stabiler Nordost ist für die Querung der Biskaya einfach perfekt, das kann man sich nicht entgehen lassen – berüchtigt ist das Seegebiet ja vor allem wegen der extremen Wellenhöhen, die enstehen, wenn die Atlantikdünung aus Südwest gegen den aus mehreren 1000 Meter tiefem Wasser schlagartig aufsteigenden Festlandsockel prallt, und das ist bei Nordostwind kein Problem. Also, da müssen wir wohl durch …

Die bretonische Küste bleibt hinter uns zurück

So stehen wir also am Dienstag den 2. früh auf, holen noch eine Wettervorhersage und ein frisches Baguette ein, und verlassen dann den Hafen von Morgat mit Kurs Südsüdwest … wobei, während des ganzen Vormittags führt der Weg erst mal nur nach Westen, man muss nämlich an der Île de Sein und den vorgelagerten Felsen vorbei, bevor man nach Süden abbiegen kann. Der Wind kommt dabei zunächst mäßig aus Nord, frischt aber langsam auf; als wir am späten Mittag den Kurs ändern können, wechseln wir vom Vollzeug auf die beidseits ausgebaumten Vorsegel, um mit dieser ‚Passatbesegelung‘ vor dem Wind in die Biskaya zu fahren.

Abendliche Begegnung mit der Juan Sebastián de Elcano

Der Wind legt auch tatsächlich zum Abend immer mehr zu, so dass wir gute Geschwindigkeiten um die 7 Knoten laufen; da die Wellen auch Höhen von 2-3 Metern erreicht haben und in sehr kurzer Folge auf das Heck gelaufen kommen, rollt die ‚Orion‘ allerdings ganz erbärmlich dabei. An Schlaf ist in der ersten Nacht nicht zu denken …

Eine Abwechslung stellt nach Sonnenuntergang die Begegnung mit der ‚Juan Sebastián de Elcano‘ dar, dem Segelschulschiff der spanischen Marine – dem einzigen anderen Schiff im Umkreis von hundert Meilen, und wir müssen noch den Kurs korrigieren, um nicht zusammenzustoßen … phänomenal.

Zum Morgen hin nimmt der Wind deutlich ab; wir halten dies für einen vorübergehenden Effekt, da die GRIB-Daten für den ganzen Tag konstante 6 Beaufort aus Nordnordost versprechen, und unternehmen erst mal … nichts. Die ‚Orion‘ rollt munter in den immer noch beachtlichen Wellen, und fährt immer langsamer, da der Wind fehlt. Am Nachmittag wird es immer schlimmer, es braucht dringend mehr Tuch … doch selbst die aktuellen Vorhersagen per NAVTEX kündigen immer noch 6 bis 7 Windstärken mit Böen bis Stärke 9 für die Nacht an – will man da mit Vollzeug reinfahren? Es beginnt also ein beispielloses Segelwechsel-Training: Vorsegelbäume bergen, Groß mit Bullenstander setzen; der Wind legt zu, Groß reffen; der Wind nimmt wieder ab, Groß ausreffen; der Wind kommt zurück, Groß wieder reffen; er lässt wieder nach, ausreffen und Klüver wieder ausbaumen. Nach einigen Stunden unterhaltsamer Bordgymnastik (nicht zu vergessen, das Boot rollt bei all dem wie wild!) zwischen Sorge vor dem Sturm und Kampf mit der Flaute weiß die jüngste NAVTEX-Vorhersage nichts mehr von 9er Böen … also, Klüver ausgebaumt, zur Sicherheit ein Reff ins Groß und Bullenstander gesetzt (alles unter heftigen Verwünschungen auf alle Wetterpropheten dieser Welt, versteht sich), und dabei bleibt es jetzt für die Nacht, komme da was wolle!

Die galizische Küste empfängt uns nebelverhangen

Und es kommt tatsächlich, aber nicht mehr, als die sehr stabile ‚Orion‘ verkraften kann; bis 25 Knoten steigt der mittlere Wind, eine gute Stärke 6, und das Boot rauscht auf raumem Kurs nur so durch die Nacht; zum Morgen wird es aber schon wieder weniger, und nach Sonnenaufgang schütteln wir das Reff aus dem Großsegel und fahren den Rest des Tages mit angenehmen Kurs zum Wind und guter Geschwindigkeit weiter. Erst am späten Nachmittag verlässt uns der Wind dann ganz, so dass wir die letzten zwei Stunden motoren müssen. Als endlich Land in Sicht kommt, meinen wir uns verfahren zu haben: grüne Wälder über schroffen Felsen, alles in Regen und Nebel verhangen: sind wir etwa in Norwegen gelandet? Aber gegen 19 Uhr erreichen wir den Hafen von Viveiro in der gleichnamigen Ría, wo wir nach 325 Seemeilen und 59 Stunden festmachen und feststellen: wir sind in Spanien!