Durch den Ärmelkanal (28.05. – …)

Gravelines

Dienstagmittag verlassen wir Nieuwpoort und damit Belgien, um hoch am Wind weiter Richtung Westen zu segeln: Frankreich ist das Tagesziel. Der erste französische Hafen ist Dunkerque (deutsch Dünkirchen), was uns aber als großer Industriehafen einerseits und wegen seiner völligen Zerstörung im 2. Weltkrieg andererseits nicht so attraktiv erscheint; lieber segeln wir noch ein Stück weiter in die Kleinstadt Gravelines.

Dafür hat dieser kleine Hafen so seine Tücken bei der Ansteuerung: als wir versuchen, zwei Stunden vor Hochwasser durch den Zufahrtkanal zu motoren, ist 50 Meter nach den Molenköpfen Schluss: die ‚Orion‘ sitzt sanft rumpelnd auf Sand. Nach den Tidenberechnungen hätte es eigentlich schon passen sollen, aber was hilft’s, wir setzen zurück und dümpeln eine Stunde dumm vor der Einfahrt herum. Beim zweiten Versuch fahren wir vielleicht 10 Meter östlich des ersten Versuchs – und sehen nie weniger als 4 Meter Wassertiefe, obwohl die Flut in der Stunde maximal einen Meter gestiegen sein kann. Glückwunsch, wir haben den einzigen Sandhaufen in der gesamten Zufahrt gefunden …

Im Arsenal der Stadtbefestigung von Gravelines

Nach einer halben Stunde Kanalfahrt und Überwindung eines Sieltores erreichen wir dann den ‚Port de Plaisance‘ in Gravelines. In den nächsten Tagen ist noch stärkerer Gegenwind angesagt, so bleibt genug Zeit den Ort anzuschauen.

Bemerkenswert ist vor allem die gut erhaltene Stadtbefestigung aus dem 17. Jahrhundert: sternförmig umgeben Mauern, Wälle und Wassergräben die Altstadt. Die eigentliche Attraktion ist aber der dadurch in der Stadt entstehende Naturraum: die Wälle sind ein Meer blühender Wildblumen, große Weiden säumen die still daliegenden Gräben und verströmen eine träumerische Ruhe; der (noch) wolkenlos blaue Himmel trägt natürlich auch zum positiven Eindruck bei.

Köstlich: Pâtisseriewaren aus Gravelines

Ein weiterer Aspekt, der uns sehr zusagt, sind die kulinarischen Vorzüge: gleich am Yachthafen finden wir einen französischen Lidl. Alles wie zu Hause, denkt man, aber von wegen: selbst der Discounter  bietet ein Baguette zum Frühstück, wie man es bei uns vergeblich zu kaufen sucht, eine gewaltige Frischfischauswahl, ein umfangreiches Angebot guter Weine und überhaupt viele kleine Leckereien. Noch viel besser kommt es aber in der Stadt: wir entdecken eine kleine Pâtisserie, die verführerische Kunstwerke verkauft – und das nicht teurer als bei uns das Stück Blechkuchen. Hier kann man es aushalten!

Calais

Am Freitag hat der Gegenwind auf eine angenehme Stärke von um die 4 Beaufort nachgelassen, und die Sonne scheint auch noch, also geht es weiter; leider können wir Gravelines nur um Hochwasser verlassen, und dann hat man noch Stunden den Strom gegenan auf dem Weg nach Westen, aber was hilft’s – einige Kreuzschläge machen aus 13 Seemeilen auf der Karte mal eben 23 durchs Wasser, aber die Marina in Calais liegt hinter einer Brücke, die frühestens 2 Stunden vorm nächsten Hochwasser wieder öffnet, also hat es eh keinen Sinn sich zu beeilen. Wir erreichen Calais gegen 17:30 und warten noch 4 Stunden an einer Boje, bis die Brücke öffnet; dabei legen gegenüber die großen Englandfähren quasi im Fünfminutentakt an und ab .

Calais, Tour du Guet (1214)

Die Marina in Calais besticht zunächst mal dadurch, dass sie den bislang von Scheveningen gehaltenen Preisrekord bricht – € 32,60 sind hier fällig. Schade, dass man dafür bei der abendlichen Ankunft noch nicht mal eine Chance hat, an den Code für die Duschen zu kommen und diese so auch zu benutzen …

Da auch hier die Weiterfahrt tidenbedingt erst am nächsten Nachmittag stattfinden kann, bleibt genug Zeit noch durch die Altstadt zu flanieren; obwohl Calais eine lange Geschichte vorzuweisen hat, ist hier leider nicht mehr so viel davon zu sehen, lediglich ein paar alte Gebäude haben die Kriegszerstörungen überlebt. Wir finden aber einen lebendigen Wochenmarkt mit großem Angebot, das entschädigt etwas.

Boulogne-sur-Mer

Am Samstag stehen die Zeichen auf Flaute – wir fahren dennoch los, denn Flaute ist immer noch besser als starker Gegenwind, und den soll es einen Tag später geben. Außerdem ist es mit 23 Seemeilen nicht so weit bis Boulogne-sur-Mer, das richtet der Strom schon fast von selbst …

Cap Gris-Nez

So kommt es dann auch: der Wind weht nicht einmal stark genug um eine Richtung zu bestimmen, und während der Motor gerade mal eingekuppelt ist, fährt die ‚Orion‘ mit über 5 Knoten über Grund. Wir runden dabei das erste Kap dieser Reise, Cap Gris-Nez, welches gleichzeitig die engste Stelle der Straße von Dover markiert: hier befindet sich England nur 33 Kilometer vom europäischen Festland entfernt. Der Tidenstrom erreicht hier 3-4 Knoten bei geringen Wassertiefen – bei der heutigen Flaute können wir dicht unter Land fahren, aber was hier bei Starkwind gegen Strom los ist mag man sich gar nicht vorstellen …

Boulogne, Château d’Aumont (1231) und Notre-Dame-Basilika

So treiben wir also – endlich mal bei sommerlichen Temperaturen – nach Boulogne-sur-Mer, wo wir im recht gut gefüllten Stadthafen (Samstagabend!) noch einen Platz im Päckchen bekommen.
Da am Sonntag der angekündigte frische Südwest weht, bleiben wir im Hafen und schauen uns die Stadt an. Diese hat schon viel erlebt: schon in keltischer Zeit war hier ein Fischerdorf, die Römer haben dann auf dem Hügel die Stadt gegründet – nicht zuletzt, um von hier England zu erobern. Das hatte erheblich später dann auch Napoleon noch einmal vor, allerdings wurde daraus nichts mehr.
Heute findet man unten am Hafen eine eher moderne Innenstadt vor, oben auf dem Hügel aber findet man noch die – gut erhaltene – befestigte Anlage aus dem 13. Jahrhundert, in deren Straßen heute unzählige Restaurants und Cafés auf ihre Gäste warten.

Dieppe

Am Montag weht der Gegenwind mal wieder schwächer, also machen wir uns auf den Weg nach Dieppe; um die 55 Seemeilen geht es nach Südwesten, was sich nicht furchtbar viel anhört – es sei denn, man hat eine volle Tide mit bis zu 3 Knoten Strom gegenan. So ist am Nachmittag, als der Wind langsam einschläft und der Strom endlich dreht, kaum ein Drittel der Strecke geschafft; für den Rest läuft der Motor, bis wir nach Mitternacht endlich am Gästeponton festmachen.

Dieppe, Stadt zwischen Meer und Kreidefelsen

Dienstagmorgen ist das Wetter viel unfreundlicher geworden, schwarze Wolken drohen mit Regen; wir schauen uns schnell die Stadt an, bevor dieser dann wirklich einsetzt.
Durch einen natürlichen Tiefwasserzugang zum perfekten Hafenstandort prädestiniert, ist Dieppe seit langer Zeit ein wichtiger Hafen gewesen; nach einer der (zahlreichen) Zerstörungen wurde die Stadt ab 1694 neu aufgebaut, was sich im barocken Stil der Architektur zeigt. Zu beiden Seiten der ebenen Fläche um den Hafen erheben sich weiße Kreidefelsen zum Meer hin, von denen aus seit dem 12. Jahrhundert eine Burg über die Stadt wacht (das heutige Gemäuer seit 1435).

Château de Dieppe

In der Vergangenheit hat Dieppe zahlreiche Künstler angezogen: Impressionisten wie Pissarro und Delacroix verewigten das besondere Licht in der Region in ihren Bildern; aber auch den erholungssuchenden Städter zog es hierhin, Dieppe wurde im 19. Jahrhundert das erste Seebad Frankreichs.
Heute prägen eine belebte Einkaufsstraße mit Markt, mehrere Kirchen mit aufwendigen Sandsteinfassaden – die leider von den Einflüssen der Zeit und der Umweltverschmutzung zum Teil stark in Mitleidenschaft gezogen sind – und die vielen alten Häuser das Stadtbild. Anders als in Boulogne, wo die neuzeitliche Innenstadt separat vom historischen Stadtkern lag und dieser eher Museumscharakter hatte, ist hier alles noch ganz normal im Gebrauch; dadurch ist es hier lauter und auch durchaus etwas heruntergekommen, aber dafür auch authentischer.

Fécamp

Im Laufe der Nacht zieht der Regen durch, und der Mittwochmorgen erscheint erst mal freundlich; leider ist es aber nicht möglich, auch loszufahren bevor der nächste Regen droht, die Tide steht nämlich wie immer dagegen. Erst um 14:30, als der Himmel sich wieder zugezogen hat, können wir bei Hochwasser losfahren; Wind weht kaum noch, und so motoren wir – vom Tidenstrom angeschoben – gut 30 Seemeilen nach Fécamp, während es immer mal wieder regnet. Ensprechend kommen wir bei Niedrigwasser an, und es ist schon etwas unheimlich, mit wenig Wasser unterm Kiel in die Hafeneinfahrt zu steuern, während links und rechts dunkle, algenbewachsene Mauern fast auf Masthöhe aufragen …

In der Abteikirche Sainte-Trinité

Wieder ist es am nächsten Morgen freundlicher, und da sich der Abfahrtszeitpunkt tidenbedingt immer mehr nach hinten schiebt, bleibt viel Zeit für einen Stadtrundgang.
Fécamp ist nicht sehr groß, hat aber einiges zu bieten: seit dem 7. Jahrhundert Standort eines Klosters, erlangte dieses mehr und mehr an Bedeutung, besonders nachdem die Mönche Wilhelm den Eroberer bei der Schlacht von Hastings 1066 unterstützt hatten, die diesem die Krone von England brachte – und den Mönchen reiche Schenkungen. 

Das Palais Bénédictine

Auch auf die Mönche zurück geht das berühmteste Produkt Fécamps: der Bénédictine-Likör. Seinem Hersteller brachte er solchen Reichtum ein, dass er – als etwas abenteuerliche Mischung aus Produktionsstätte und Museum und unter ebenso abenteuerlicher Vermengung verschiedener Baustile – 1898 das Palais Bénédictine errichten lassen konnte, welches auch heute noch im Besitz der Brennerei ist und besichtigt werden kann.

Hafeneinfahrt, Seepromenade und (Kiesel-)Strand von Fécamp

Das Wetter macht einen prachtvollen Eindruck, als wir am späten Mittag wieder an Bord kommen, doch das täuscht: die Vorhersagen kündigen einen schweren Sturm am Freitag und Samstag an; wir verlassen also noch am Nachmittag Fécamp, um mit der Tide bis zur Seinemündung zu kommen und dort in Honfleur den Sturm abzuwettern.

Honfleur
Cap d’Antifer

Der Plan gelingt auch ganz gut; zunächst scheint noch die Sonne, während die Kalksteinküste vorbeizieht – so sieht sie doch gleich ganz anders aus als im einheitlichen Grau. Als wir uns aber der Seinemündung nähern, bauen sich im Südwesten bereits tiefschwarze Wolkentürme auf. Die Tidenberechnung passt, und die letzten 10 Meilen spült uns die Flut bis in die Schleuse von Honfleur, die wir um 23 Uhr passieren. Kurz danach beginnt es auch zu regnen, und der Wind legt die ganze Nacht beständig zu; den ganzen Freitag regnet und stürmt es, kein Wetter, um das Boot zu verlassen.

Anders aber am Samstag: der Wind hat nachgelassen, die Sonne schaut häufiger mal zwischen den Wolken hervor,  und wir können uns endlich Honfleur anschauen. Der kleine Ort hat rund 8000 Einwohner – und gefühlt doppelt so viele Touristen, die sich die Zeugnisse seiner tausendjährigen Geschichte anschauen wollen. Draußen auf der Seine gibt es einen eigenen Anleger für Kreuzfahrtschiffe, und die Straßen wimmeln vor – vor allem asiatischen – Gästen.
Der Ansturm ist aber durchaus nachvollziehbar: hier scheint die Zeit wirklich stehengeblieben zu sein, das alte Hafenbecken ist umgeben mit jahrhundertealten Häusern, die engen Gassen sind wirklich sehr malerisch, auch die unzähligen Restaurants und Läden fügen sich tatsächlich durchaus gut ein. Besonders außergewöhnlich ist die Kirche Sainte-Catherine: sie wurde im 15. Jahrhundert von Schiffszimmerleuten erbaut – ganz aus Holz. Uns erinnert sie ein wenig an die Stabkirchen in Norwegen …
Berühmte Söhne der Stadt sind Erik Satie und Eugène Boudin; letzterer und viele andere Maler haben in der Stadt gearbeitet, die als eine der Geburtsstätten des Impressionismus gilt.

Sonnenuntergang auf der Baie de Seine

Als wir am Pfingstsonntag Honfleur verlassen wollen, müssen wir eine ganze Weile vor der Schleuse warten; wie es sich für einen Ort mit maritimer Tradition gehört, findet die Pfingstprozession hier auf dem Wasser statt: sicher 100 Fischer und Freizeitboote kommen uns – mit zahlreichen Wimpeln geschmückt – entgegen.
Aufgrund der Tide ist mal wieder eine Nachtfahrt angesagt: da man Honfleur nur mit ablaufendem Wasser verlassen kann, kommen die nähergelegenen Häfen als Ziel nicht in Frage, da diese alle trockenfallen und somit nur bei Hochwasser anzusteuern sind. Nächster passender Hafen ist

Saint-Vaast-La-Hougue

auf der Halbinsel Cotenin, also einmal über die Bucht der Seine, gut 60 Seemeilen. Gleich nach dem Verlassen der Seinemündung queren wir dabei den Nullmeridian, die GPS-Anzeige springt von Ost auf West um – doch ein besonderer Moment, wenn es auch nicht der Äquator ist 🙂
Glücklicherweise hält der Wind auch mal über Nacht durch, so dass wir praktisch die ganze Strecke segeln können und gegen 7 Uhr am nächsten Morgen unser Ziel erreichen. 

Saint-Vaast-La-Hougue ist ein kleiner Fischerort mit einer großen Marina. Spektakuläres gibt es hier nicht, aber der Ort macht einen freundlichen Eindruck; auffällig sind die vielen Gebäude aus großen, kaum behauenen Natursteinen: geologisch unterscheidet sich die Küste hier stark von der restlichen Normandie und ähnelt eher schon der Bretagne, statt des ansonsten allgegenwärtigen Kalksteins gibt es hier ‚richtige‘ Felsen.

Am nächsten Morgen geht es früh weiter – ganz langsam schiebt sich das Vormittagshochwasser weiter und lässt es weniger schlimm erscheinen, in aller Frühe aufzubrechen als mitten in der Nacht anzukommen. Es bleibt aber festzuhalten, dass man bei einer Kanalquerung von Osten nach Westen vorher auf die Tidenzeit achten sollte, denn da man mit dem Vorrücken nach Westen die tägliche Verschiebung der Tide in etwa kompensiert, kann man wochenlang vor dem Problem ungünstiger Tageszeiten stehen – so wie wir.

Es hat kaum 10 Grad so früh am Morgen; aber dafür ist der Wind mal günstig, es regnet nicht, und der Strom schiebt auch von Anfang an kräftig mit. Dies steigert sich immer mehr, bis wir an der Nordostspitze der Cotenin-Halbinsel mit dem ‚Raz de Barfleur‘ dem ersten richtigen Race begegnen – Races sind die Meerengen, in denen die Gezeiten extreme Strom- und Seeverhältnisse erzeugen können. Da die Bedingungen ganz ruhig sind, trauen wir uns näher ran – und staunen nicht schlecht: quer vor der ‚Orion‘ liegt auf einmal eine Wand weißer Brandung! Ein zweiter (und dritter ) Blick auf die Seekarte bestätigt es: nein, da sind keine Untiefen. Also müssen wir da durch … der Strom steigt auf über 4 Knoten, die Wellenhöhe auf locker 2 Meter (während es 5 Minuten vorher kaum 20 Zentimeter waren), und die 12 Tonnen der ‚Orion‘ werden wie Spielzeug hin- und hergeworfen – unheimlich! Aber nach wenigen 100 Metern wird es schon deutlich besser, und ganz allmählich werden auch die Wellen wieder niedriger. Das Erlebnis genügt aber, unseren Respekt vor diesem Phänomen noch mehr zu erhöhen …

Cherbourg
Napoléon zu Pferde, im Hintergrund die Basilique Sainte-Trinité

Dank Strom und Wind erreichen wir noch vor 12 Uhr nach 29 Seemeilen das Tagesziel Cherbourg; auffällig ist schon bei der Annäherung die gewaltige Außenmole (tatsächlich die zweitgrößte der Welt), die sich kilometerlang in die See erstreckt. Dieses Mammutprojekt wurde schon 1783 unter Louis XVI. begonnen und erst 70 Jahre später unter Napoléon III. vollendet – und hat damit ein Königreich, zwei Kaiserreiche und zwei Republiken erlebt, eine zweifellos sehr abwechslungsreiche Episode der französischen Geschichte.

Die Marina Port Chantereyne

Der Hafen bestimmt auch die Stadt Cherbourg: es gibt eine große Marinebasis, ein Fährterminal und den mit 1560 (!) Liegeplätzen größten Yachthafen an der ganzen Kanalküste. Der Rest der 80.000-Einwohner-Stadt beeindruckt eher nicht so, es gibt die üblichen Einkaufsstraßen und ein paar schöne, alte Gebäude, aber kein durchgehend historisches Stadtbild – hier ist wohl zu viel im Krieg, als Cherbourg nach der Landung der Alliierten in der Normandie hart umkämpft war, zerstört worden.

Alderney
Alderney, Braye Harbour

Mittwoch geht es gleich weiter, mal wieder in aller Frühe: diesmal sind es das Cap de la Hague und das anschließende Alderney Race, die zur richtigen Zeit passiert werden wollen. Da Alderney – als britischer Kronbesitz – auch in der Zeitzone 0 liegt, kommen wir schon um 9 Uhr Ortszeit dort an, nachdem wir wieder im Bereich des Kaps durch recht rauhe See gefahren sind. 
Eine Marina mit Schwimmstegen sucht man hier vergeblich, der einzige Hafen verfügt nur über eine Schutzmole und eine Menge Muringbojen; beim Einlaufen kommt auch schon der freundliche Hafenmeister angefahren, überreicht die Einklarierungsformulare und kassiert das Liegegeld (20 Pfund pro Tag).

Da das Wetter erst mal recht unfreundlich bleibt und wir uns die Insel auch richtig anschauen wollen, bleiben wir vorerst hier; Donnerstag kommt die Sonne kaum heraus, aber es bleibt wenigstens halbwegs trocken, und am Freitag ist es sogar freundlicher, so dass wir zwei ausgedehnte Inselwanderungen machen – endlich mal wieder richtiger Landgang!

Was wir sehen gefällt uns richtig gut: Alderney hat einen kleinen Ort mit hübschen alten Häusern, in denen sich einladende Geschäfte und Tea Rooms verbergen, und eine dekorative Kirche inmitten eines Friedhofs mit beeindruckenden alten Grabsteinen aus den vergangenen Jahrhunderten. Die Küste rundum ist felsig und schließt viele kleine Buchten mit weiß leuchtenden Sandstränden ein; auf den Klippen stehen etliche große Befestigungsanlagen aus viktorianischer Zeit (mit einigen weniger dekorativen Ergänzungen aus der Zeit der deutschen Besatzung). Besonders erwähnenswert sind aber die bunt leuchtenden, ungewöhnlichen Blumen, die – geschützt zwischen den von der Sonne aufgewärmten Felsen – in unglaublicher Pracht gedeihen. Ein besonderer Ort!

Alderney-Panorama mit Leuchtturm
Weymouth

Obwohl uns Alderney so gut gefällt wollen wir nach drei Tagen dann auch mal weiter; beim anhaltenden Südwestwind bleibt kaum etwas anderes, als zur Südküste Englands überzusetzen. Die Wetteraussichten sind wenig erbaulich, es soll mit 5 bis 6 Beaufort wehen und dabei kräftig regnen.

Weymouth Beach

Tatsächlich wird es dann aber besser als erwartet: der Wind kommt sehr südlich und überschreitet selten die 25 Knoten, und es regnet auch nur ab und an mal; am Nachmittag kommt sogar die Sonne raus. Allein die Wellenhöhe ist – wohl bedingt durch die starken Gezeitenströme – ganz beachtlich, die ‚Orion‘ wird mal wieder richtig durchgeschüttelt. Wir queren die Hauptschiffahrtslinie durch den Kanal, lassen die Insel Portland und das berüchtigte ‚Portland Race‘ an Backbord liegen und erreichen schließlich – pünktlich zum Abendhochwasser –  Weymouth; wir melden uns über UKW beim Hafenmeister an und bekommen einen Liegeplatz im Stadthafen zugewiesen, mitten unter Cafés, Pubs und Fish&Chips-Buden.

Queen Victoria’s Jubilee Clock

Da am Sonntag der Südwestwind noch mehr zulegt, bleiben wir auch einen Tag und schauen uns die Stadt an; Weymouth ist eines der beliebtesten Seebäder Englands und verfügt über einen langgestreckten Strand vor der Stadt. Es stellt sich uns zunächst die Frage wer sich denn bei einladenden Lufttemperaturen von um die 15 Grad wohl in die erfrischenden Fluten stürzen mag … niemand, natürlich; aber es gibt reichlich Alternativprogramm: buchstäblich alle 20 Meter steht ein Kiosk an der Promenade, der Getränke, Fish&Chips und Eis anbietet, davor verlocken diverse Karussells die Kinder, und Eselreiten am Strand gibt es auch – ein englisches Seebad wie aus dem Bilderbuch der Klischees! Es ist alles nicht besonders schick, hier macht eher die working class Urlaub, aber wir finden es ganz sympathisch. 

Lyme Regis
Aufgewühlte See vor Portland Bill Lighthouse

Montag geht’s weiter, wir wollen nach Westen in die Lyme Bay, und dazu gilt es zunächst die Halbinsel Portland zu umrunden, die sich weit gen Süden in den Kanal erstreckt; Problem dabei ist mal wieder der extreme Gezeitenstrom, der vor der Landspitze als ‚Portland Race‘ Angst und Schrecken verbreitet. Der Wind bläst gerade mal mit 4 Beaufort aus Südwest, und wir haben den Zeitpunkt so gewählt, dass wir gerade bei Stillwasser in den Bereich des Races kommen; aber das Stillwasser währt hier nur einen Augenblick, und 20 Minuten später sehen wir uns schon mit über 4 Knoten Strom um Portland gespült werden, während sich aus dem Nichts eine kurze, steile See aufbaut. Eine halbe Stunde später ist es auch wieder gut, aber mal wieder haben wir einen Eindruck davon bekommen, wie an solchen Orten bei Sturm gegen 10 Knoten Strom das Tor zur Hölle öffnen kann …

Die ‚Orion‘ vor Lyme Regis

Einige Stunden später erreichen wir Lyme Regis ; der kleine Ort verfügt über keinen für die ‚Orion‘ geeigneten Hafen, statt dessen gibt es einige Muringbojen für Gäste vor dem Strand, eine recht schaukelige Angelegenheit.

The Cobb, Lyme Regis

Der Ort ist freundlich, aber nicht unbedingt spektakulär, und weist die bereits bei Weymouth beschriebenen Charakteristika des englischen Seebads auf, nur alles ein wenig kleiner und beschaulicher; berühmt ist vor allem die alte Hafenmauer ‚The Cobb‘, die in Jane Austens Roman ‚Überredung‘ eine Rolle spielt, außerdem im Film ‚The French Lieutenant’s Woman‘ mit Meryl Streep.

Versteinerter Ammonit

Von viel früher her rührt die eigentliche Attraktion der gesamten Gegend: an dem als ‚Jurassic Coast‘ bekannten Küstenabschnitts wurden sowohl sehr viele als auch sehr spektakuläre Fossilienfunde gemacht. Wir suchen natürlich auch die Steilküste ab, finden zwar keinen Dinosaurier, freuen uns aber schon sehr über die unzähligen Ammonitenabdrücke, die stellenweise die Felsen geradzu überziehen!

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Aufbruch: Holland und Belgien (11.05. – 27.05.)

Eigentlich sollte der lange Winter ja genügen, um im Frühjahr das Boot reisefertig zu haben, aber irgendwie klappt es doch nie … so auch zum Beginn dieser Saison: die ‚Orion‘ hat eine feste  Scheibe für die Sprayhood, eine elektrische Ankerwinsch, einen neuen Decksanstrich und viele Kleinigkeiten mehr bekommen, die uns bis zur buchstäblich letzten Minute in Atem gehalten haben – fast hätten wir die Schleusung in Papenburg verpasst, und dann wollte uns der Schlamm in der Einfahrt nicht gehen lassen; beim Versuch das Boot daraus zu befreien hat sich dann auch noch das Relais des Bugstrahlruders verabschiedet. Aber mit PS-kräftiger Unterstützung der ‚Primavera‘ (Danke!!!) haben wir es dann doch noch aus dem Hafen und nach kurzer Fahrt bis

Leer
Ansegeln nach Leer

geschafft. Hier nämlich soll an diesem Wochenende das diesjährige Ansegeln unseres Vereins stattfinden, und so können wir das erste Stück des Weges mit einigen anderen Vereinsbooten zurücklegen und weitere in Leer treffen, die aus Delfzijl angereist sind.

Es wird ein fröhlicher Abend im Clubheim des SV Leer, und am nächsten Vormittag gibt es ein großes Abschiednehmen von den Freunden vom YC Papenburg, die wir einige Zeit nicht wiedersehen werden. Das stimmt schon etwas wehmütig, aber es ist auch schön, vermisst zu werden und etwas zu haben, wohin man eines Tages zurückkehren kann. 

Montagmorgen geht es dann endgültig los,  wir schleusen um 8 Uhr auf die Leda aus und lassen uns vom ablaufenden Wasser Richtung Nordsee ziehen. Etwa bis Eemshaven läuft der Strom mit, dann setzt langsam die Flut ein; laut Wettervorhersage sollte eigentlich ein mäßiger Wind aus Nordnordost dabei helfen, dagegen anzusegeln, leider weiß der aber nichts davon und weht aus Nordwest, sodass noch lange Stunden der Motor laufen muss. Erst kurz vor 17 Uhr biegt das Westerems-Fahrwasser endlich nach Westen ab, und die langersehnte Stille setzt ein. Bei 10 bis 12 Knoten Wind gleitet die ‚Orion‘ unter Vollzeug durch die kaum einen Meter hohe See – das hat den ganzen Winter gefehlt!

Sonnenuntergang vor Schiermonnikoog

Das Wetter bleibt freundlich und der Wind gleichmäßig, nun (wo es nichts mehr ausmacht) dreht er auch endlich auf Nordost. Der Abend schenkt uns einen großartigen Sonnenuntergang, und nach einer ruhigen Nacht (sogar ohne unzähligen Fischern ausweichen zu müssen) erreichen wir am Dienstagvormittag

Vlieland
Vlieland voraus!

Schon in der Ansteuerung begegnen wir etlichen Schiffen der ‚Braunen Flotte‘, die hier ihre Gäste – meist Schulklassen – abladen. Entsprechend groß ist der Trubel rund um den Hafen und im Ort; mit dem Ablegen der Plattbodenschiffe kehrt aber Ruhe ein, und man sieht dass sich um diese Jahreszeit noch nicht viele Urlauber und Yachten auf die Insel verlaufen haben, die Marina ist praktisch leer.

Vlieland ist bekanntlich ein attraktives Ziel, und so bleiben wir gerne etwas länger, auch um den Zeitdruck der letzten Wochen langsam abzubauen. Das Wetter ist perfekt, strahlend stellt die Sonne Strand, Wald und Dorf in ihren schönsten Farben dar; nur recht kalt ist es, der Wind weht nach wie vor aus Nordost. Wir laufen lange am Strand entlang, lassen uns den ersten Kibbeling schmecken und decken uns mit holländischen Spezialitäten ein.

Harlingen

Am folgenden Donnerstag ist uns erst mal nicht klar, wie es weitergehen soll; eigentlich stünde eine Fahrt übers Wattenhoch nach Texel auf dem Programm, aber dafür ist die Tide einfach zu ungünstig: man müsste entweder mitten in der Nacht losfahren oder ankommen, beides nicht so attraktiv. Also entscheiden wir uns um und brechen am frühen Nachmittag, eine Stunde nach Niedrigwasser, mit Ziel Harlingen auf. Es weht ein frischer Wind, 5 bis 6 Beaufort aus Nordost sind vorhergesagt, 6 bis 7 messen wir dann. Im – eigentlich berüchtigten – Seegatt ‚Stortemelk‘ läuft es noch ganz gut, später im ‚Blauwe Slenk‘ wird es aber echt ungemütlich, als 30 Knoten Wind von vorne drücken und drei Knoten Strom von hinten schieben, die ‚Orion‘ wird der Länge nach mit Wattenseewasser gespült.

Harlingen, altes Rathaus

Aber irgendwann ist auch das überstanden, und am frühen Abend laufen wir in Harlingen ein, wo sich auch gleich die Brücke öffnet, die uns in den Noorderhaven einfahren lässt. Hier liegt man mitten im Zentrum der alten und geschäftigen Hafenstadt, direkt vor dem barocken Rathaus aus dem 18. Jahrhundert. Duschen gibt es auch, und das ist gut so, denn auch der Steuermann hat eine Menge Salzwasser abbekommen.

Am nächsten Morgen laufen wir noch bis zum Fischereihafen, bestaunen die gewaltig großen Schäkel und Blöcke im Fischereiausrüstungsladen (CIV) und kaufen fangfrische Seezunge fürs Abendessen. Am späten Vormittag verlassen wir dann Harlingen und machen uns auf den Weg ins Ijsselmeer.

Medemblik
Medemblik: Windmühle am Stadtrand …

Erst geht es am Deich entlang bis zur Schleuse in Kornwerderzand, wo wir gegen Mittag zusammen mit zwei anderen Booten ins Ijsselmeer gehoben werden. Vor dort aus sind es noch 20 Seemeilen bis Medemblik, und obwohl der Himmel bedeckt ist und immer mal ein Schauer droht, segelt sich die Strecke sehr angenehm, mit halbem Wind der Stärke 4 ist die ‚Orion‘ nämlich bestens zufrieden und läuft unter Vollzeug mit über 6 Knoten ihrem Ziel entgegen.

… und der perfekte Liegeplatz

In Medemblik entscheiden wir uns einen Tag zu verweilen, denn erstens ist das Wetter am Samstag sonnig und windstill, zweitens die Stadt bei Sonnenschein sehr attraktiv (erst recht, wenn man einen der Liegeplätze vor dem um 1288 erbauten ‚Kasteel Radboud‘ ergattern kann), und drittens wartet beim Hafenmeister das Paket mit den Ersatzteilen fürs Bugstrahlruder, so dass auch endlich mal wieder repariert werden kann 🙂

Enkhuizen

Am Sonntag ziehen wir dann weiter, nach einem dem Tag angemessenen Frühstück versteht sich; besonders eilig haben wir es nicht, denn bis zum nächsten Ziel Enkhuizen sind es nur 11 Seemeilen. Erfreulicherweise hat sich der Wind wieder eingefunden und bläst nun aus Nord mit 4 bis 5 Beaufort – wieder halber Wind, und staunend sehen wir bis zu 7.5 Knoten auf dem GPS! Unter den geschützten Bedingungen des Ijsselmeers lernen wir ganz neue Geschwindigkeiten kennen … 

Enkhuizen: Einfahrt in den Oude Haven

So erreichen wir gegen Mittag Enkhuizen; schon bei der Einfahrt kann man einen Blick in den historischen Stadtkern werfen. Wir freuen uns einen Liegeplatz im Buitenhaven gleich am Rande des Zentrums zu bekommen; hier ist man mit wenigen Schritten mittendrin und liegt dennoch recht ruhig. Zum Stadtrundgang kommt auch noch ein wenig die Sonne heraus, was will man mehr!

Enkhuizen wirkt etwas städtischer als Medemblick, verfügt über unzählige tolle, alte Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit prachtvollen Giebeln, und natürlich etliche über die ganze Stadt verteilte Häfen, vom Compagnieshaven mit Hunderten von Yachten im Nordosten bis zum Krabbershaven im Südwesten, wo zahlreiche Schiffe der Braunen Flotte liegen.

Hoorn

Montagmorgen ist es leider schon wieder trüb und bedeckt, als wir Enkhuizen verlassen; Tagesziel ist das nur 12 Seemeilen entfernte Hoorn. Auf dem Weg liegt aber zunächst mal das 2003 fertiggestellte Krabbergat-Naviduct, eine weltweite Besonderheit: hier wird der Schiffsverkehr in einer Art Betonwanne durch eine Schleuse und gleichzeitig über eine vielbefahrene Straße geführt, welche dem Deich zwischen Ijssel- und Markermeer folgt. Früher gab es nur eine normale Schleuse mit Klappbrücke, aber die zahlreichen Öffnungen stellten eine zu große Behinderung des Straßenverkehrs dar, sodass man sich zu diesem kostspieligen Bauwerk entschlossen hat.

Hoorn vom Wasser aus gesehen; markant der Hoofdtoren von 1532

In Hoorn angekommen, betreten wir mal wieder geschichtsträchtigen Boden: die Stadt war einer der Stützpunkte der 1602 gegründeten Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC), der Handelsgesellschaft welche das Monopol auf den Handel mit den niederländischen Kolonien in Südostasien innehatte. Diese hatte im Laufe von zwei Jahrhunderten ca. 4700 Schiffe unter ihrer Flagge fahren und brachte den Niederlanden unermesslichen Reichtum – weniger Glück hatten selbstredend die Ureinwohner der Kolonien. 

Das Statencollege von 1632 beherbergt heute das Westfriesische Museum

Auch das berühmt-berüchtige Kap Hoorn verdankt seinen Namen der Stadt Hoorn: der niederländische Seefahrer Willem Cornelisz Schouten beschrieb am 29. Januar 1616 erstmals den südlichsten Punkt Südamerikas und benannte ihn nach seinem Geburtsort.

Heute ist Hoorn eine geschäftige Einkaufsstadt mit etwa 73.000 Einwohnern, in deren Stadtbild noch zahlreiche Gebäude von der großen Vergangenheit zeugen; die zahlreichen Hafenbecken dienen allerdings nur noch der Freizeitschiffahrt, einen Handelshafen mit Warenumschlag gibt es nicht mehr.

Marken
Im Hafen von Marken

Mit kräftigem Rückenwind geht es am Dienstag einen kleinen Schlag Richtung Süden nach Marken; die ehemalige Insel (seit 1957 durch einen Deich mit dem Festland verbunden) beherbergt ein sehr kleines – ebenfalls ehemaliges – Fischerdorf sowie unzählige Touristen. Zweifellos ist es am Hafen mit seinen alten Holzhäusern ganz nett, aber was eine Million Besucher im Jahr – wie es scheint hauptsächlich Südländer, die verfroren und verloren durch die Straßen ziehen – hier wollen bleibt uns etwas verborgen …

Amsterdam

Für die kommenden Tage steht nun Kontrastprogramm an: nach dem Dörfchen Marken führt uns der Weg in die Großstadt Amsterdam. Das allerdings zunächst mal unter Motor, denn der uns seit Tagen begleitende kräftige Wind hat sich ausgeweht. Ein Gutes bringt das aber mit sich: ab Mittag, als wir durch die Oranjesluizen ins IJ schleusen, kommt langsam aber sicher endlich mal wieder die Sonne heraus.

Wir steuern den Sixhaven an, der am Nordufer des IJ direkt gegenüber des Hauptbahnhofs liegt; unmittelbar östlich und westlich des Hafens pendeln kostenlose Fähren rund um die Uhr zum Hauptbahnhof. So liegt man recht günstig und ruhig und dennoch in perfekter Ausgangslage für einen Stadtbummel; wir freuen uns über den guten Tipp, der uns hierhin geführt hat! Noch bevor wir uns am nächsten Tag in die Stadt stürzen wartet aber auch am Mittwoch noch ein besonderes Erlebnis: Einkaufen im nahegelegenen Jumbo-Supermarkt, der eine ganze ehemalige Hafenhalle einnimmt und sowohl vom Ambiente wie auch vom Angebot keine Wünsche offen lässt.

Am Donnerstag nehmen wir dann die Fähre und setzen in die Innenstadt über. Die Sonne scheint, und Amsterdam zeigt sich von seiner besten Seite: sehr lebendig und vielfältig, aber dennoch nicht zu laut und stressig. Egal wohin man geht, überall laden Straßen und Grachten zum Schauen und Cafés zum Verweilen ein – hier gefällt es uns! Einzig den Tag zu überstehen ohne von einem der tausenden Radfahrer überfahren zu werden ist eine gewisse Herausforderung …

So laufen wir viele Stunden auf und ab durch die Stadt, stöbern auf dem Flohmarkt, amüsieren uns über den aus den zahllosen Coffeeshops auf die Straßen flutenden Duft, genießen perfekt zubereiteten Cappuccino mit Blick auf die Grachten und freuen uns endlich, erschöpft zurück zum Sixhaven auf die ‚Orion‘ zu kommen.

Scheveningen
Scheveningen voraus!

Am Freitag geht es schon früh los, den heute stehen ein paar Meilen mehr auf dem Programm: zunächst 15 durch den Noordzeekanaal bis Ijmuiden, dort durch die Schleusen zurück auf die Nordsee und dann nochmal gut 25 Meilen immer am Strand lang bis Scheveningen.

Die Fahrt durch den Kanal ist eher ereignislos und die Umgebung doch recht industriell geprägt, durch die der zahlreichen Berufsschiffahrt ständig zu widmende Aufmerksamkeit vergeht die Zeit aber doch recht schnell; die Schleusung ist wie immer in Holland völlig problemlos, und wir freuen uns wieder auf der Nordsee zu sein.

Strandpromenade und Pier

Zunächst will der Wind noch nicht so recht und die Tide läuft noch entgegen, aber gegen Mittag ändert sich das, und bei 10 bis 12 Knoten Wind aus Nordwest und strahlendem Sonnenschein lassen wir die Küste vorbeiziehen, bis wir am frühen Nachmittag Scheveningen erreichen. Das inzwischen zu Den Haag gehörende ehemalige kleine Fischerdorf hat sich zum größten Seebad der Niederlande entwickelt – und so in etwas fühlt es sich auch an: um einen unscheinbaren Ortskern herum sind gigantische Hotel- und Gastronomiekomplexe entstanden; sogar eine Seebrücke mit Riesenrad gibt es, ganz im Stil der britischen Seebäder. Für uns ist der Ort nun keine rechte Attraktion, aber der Yachtclub Scheveningen hat einen sehr netten Hafenmeister und Gästeplätze für müde Segler, außerdem gibt’s am quirligen Hafen natürlich eine Kibbeling-Bude, was will man also nach einem langen Tag auf See mehr …

Zeebrugge / Brugge

Samstagmorgen geht es noch früher weiter als am Tag zuvor, es steht nämlich ein wirklich langer Schlag bevor: Zeebrugge in Belgien ist der Zielhafen. 66 Seemeilen sind zurückzulegen, und dazwischen gibt es auch nicht wirklich eine Möglichkeit, einen Zwischenstopp einzulegen. Ursache dafür sind die niederländischen Deltawerke, mit denen in den 70er und 80er Jahren das Rhein-Maas-Delta sowie die Oosterschelde durch Dämme vom Meer abgetrennt wurden; der Zugang zu allen Häfen innerhalb ist seitdem nur noch durch Schleusen möglich, was doch einen großen Aufwand und Zeitverlust mit sich bringt.

Blick über den Hafen von Zeebrugge

Wir legen also die Strecke in einem Stück zurück, und das auch noch unter Motor, auf Wind wartet man nämlich an diesem Tag vergeblich; entsprechend froh sind wir, am Abend Zeebrugge zu erreichen. Hier erwartet und ein sehr bemühter Hafenmeister – und sonst nicht viel. Zeebrugge wurde erst um 1900 als Hafenstandort gegründet, und entsprechend ist es hier auch: ein gigantischer Industriehafen, ein paar Häuser hinter der Schnellstraße und natürlich eine ‚Frituur‘, damit hat es sich.

Am Sonntag gibt es kräftigen Gegenwind, also bleiben wir im Hafen und packen die Fahrräder aus, um ins knapp 20 Kilometer entfernte Brügge zu fahren; eigentlich wollten wir das per Boot über einen Verbindungskanal tun, doch dann sind wir per Zufall darüber gestolpert dass man zum Befahren der belgischen Binnengewässer eine 40 Euro teure Vignette braucht, was auch streng überprüft wird- für 12 Kanalkilometer etwas zu teuer.

Brugge – oder auf Deutsch Brügge – ist das genaue Gegenteil von Zeebrugge: eine Stadt, die eine reiche Geschichte vorzuweisen hat. Das Stadtrecht wurde 1128 verliehen, und im 13. bis 15. Jahrhundert blühte der Handel auf, auch die Hanse unterhielt ein Kontor in Brügge. Hilfreich dabei war, dass die Stadt damals noch über einen Meeresarm direkten Zugang zur Nordsee hatte; zum Ende des 15. Jahrhunderts versandete dieser, und die goldenen Zeiten waren vorbei. Erhalten sind aber zahllose steinerne Zeugen dieser Zeit: ein Spaziergang durch Brügge gleicht dem Besuch eines Freilichtmuseums. Begleitet wird man dabei von Zehntausenden von Touristen und abwechselnd – manchmal auch gleichzeitig – dem Duft von frisch gebackenen Waffeln und fachgerecht frittierten Pommes. 

Nieuwpoort

Am Montag weht der Wind wieder (etwas) günstiger, und wir verlassen Zeebrugge zum letzten Schlag in belgischen Gewässern; 34 Seemeilen kreuzen wir auf bis Nieuwpoort. Dabei ziehen Badeort um Badeort an uns vorbei, gehen von See aus betrachtet beinahe nahtlos ineinander über, zugebaut mit gigantischen Hotelklötzen; so erscheint die belgische Küste wie ein einziger langer Plattenbau.

Auch Nieuwpoort bietet wenig mehr als einen Platz zum Übernachten; nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt am nächsten Tag brechen wir in Richtung Frankreich auf!

Heimweg (15.09. – 29.09.)

Nachdem wir fast eine Woche auf Kvitsøy eingeweht waren, konnten wir ja kaum noch glauben, dass sich die Wettervorhersage für Samstag den 15. nicht im letzten Moment noch verschlechtern würde, doch sie blieb auch Samstagmorgen stabil, und so haben wir gegen 8 Uhr bei halbwegs aufgelockertem Himmel und frischem Wind den Hafen verlassen.

Sonne, Wolken und Wellen auf dem Weg nach Süden

Kaum hatten wir den Schutz der letzten Schären verlassen, haben wir Bekanntschaft mit den Wellen gemacht: zweieinhalb bis viereinhalb Meter waren angesagt, und direkt vor Kvitsøy kamen uns die erst mal schräg entgegen, zusammen mit 4 bis 5 Beaufort Wind. Glücklicherweise konnten wir aber schon nach kurzer Zeit auf Südkurs abfallen, so dass wir gute Fahrt gemacht und schon vor 12 Uhr Jærens Rev passiert haben; ab dort kamen die Wellen immer mehr aus Nordwest, unser Kurs war schon östlicher als Süd, so dass sie problemlos von achtern durchgelaufen sind. Beeindruckend war es aber schon, die Atlantikdünung nach mehreren Tagen Starkwind anzuschauen!

Der Wind hatte auch etwas zugelegt und blies den ganzen Tag mit 5 bis 6 Windstärken aus Westnordwest, lediglich beim Durchzug zweier Regenfronten haben wir mal 7 Beaufort gesehen, sonst schien aber auch häufiger mal die Sonne; bei halbem bis raumem Wind war die ‚Orion‘ mit 6 bis 7 Knoten unterwegs, so dass wir schon gegen 16 Uhr nach 47 Seemeilen unser Tagesziel erreicht haben; wie letztes Jahr war dies

Gyarhavn

Längsseits am Felsen in Gyarhavn – am Badesteg links vom Boot war es zu flach

Dieser Naturhafen mit schöner Steganlage sowie Grillhütte mit Kaminofen war uns in bester Erinnerung geblieben; im Unterschied zum vergangenen Jahr waren wir nun aber an einem Wochenende hier, und die Stege waren bereits mit einem halben Dutzend Motorbooten aus Egersund belegt. Offenbar verbringt der halbe Egersunder Bootsverein hier seine Wochenenden – nun, das täten wir ja auch, wenn wir so ein Ziel um die Ecke liegen hätten 🙂

Wir haben aber noch gegenüber einen Liegeplatz längsseits der Felswand gefunden und auch ohne Kaminfeuer einen schönen Nachmittag und Abend verbracht.

Ausblick über die Küstenlandschaft von Gyarhavn Richtung Egersund

Egersund

Die Wettervorhersagen für den Sonntag waren wieder wie in letzter Zeit üblich: Regen und Sturm. 7 bis 8 Windstärken aus Süd sollen es heute sein, also brechen wir zeitig auf und fahren nur ein paar Seemeilen im Schutz von Eigerøya bis zum Gästehafen von Egersund, um dort den Sturm abzuwettern – und mit dem Luxus der Landstromversorgung das nasse Ölzeug zu trocknen.

In der Innenstadt von Egersund – überschaubar …

Am Montagmorgen ist es wieder trocken, und wir erledigen noch Einkäufe in Egersund und schauen uns dabei die Stadt an; wir finden die typischen weißen Holzhäuser vor, die vor allem die Städte Südnorwegens auszeichnen.

Danach verlassen wir den Gästehafen und machen uns wieder auf den Weg nach Südosten; knapp 30 Seemeilen entfernt liegt der nächste größere Einschnitt in der Küste, Flekkefjord mit den vorgelagerten Insel Hidra und Andabeløya. Bei erfreulich moderatem Südwestwind um 4 Beaufort erreichen wir unter vollen Segeln bald unser Ziel

Andabeløy

Der kleine Ort an der Nordspitze der gleichnamigen Insel hat um die 100 Einwohner, der ganze Rest der Insel ist unbewohnt. Da für die nächsten Tage wieder starker Südwind angesagt ist, suchen wir den hiesigen Gästesteg auf, um die Wartezeit bis zum nächsten brauchbaren Wind wenigstens zum Erkunden der Insel nutzen zu können.

Leuchtend grüne Wälder auf Andabeløy

Am Dienstag bietet sich dazu auch die Gelegenheit: bis zum Nachmittag ist noch wolkenloser Himmel angesagt, und so machen wir uns auf den Weg zu einer kleinen Wanderung auf Andabeløy; Brenøyknuten heißt die mit 206 Metern höchste Erhebung. Der Weg dorthin führt durch dichte, grüne Wälder und an mehreren Bergseen vorbei, und vom Gipfel bietet sich ein Ausblick in alle Richtungen, man sieht Flekkefjord, Hidra und den Sund, und im Südwesten Lista. Ein Ausflug, der sich auf jeden Fall gelohnt hat – und aller Wahrscheinlichkeit nach die letzte Wanderung dieses Törns, denn nun beginnt die Phase des Wartens auf besseres Wetter, und wenn das kommt geht es übers Skagerak gen Süden …

Ausblick vom Brenøyknuten (206 m) Richtung Fedafjord und Lista

Flekkefjord

Bis dahin gilt es aber wohl noch einige Tage zu warten; wir beschließen uns noch das eine oder andere Ziel im geschützten Fjordland anzuschauen und fahren dazu am Mittwoch knapp 4 Seemeilen in den Lafjord hinein Richtung Flekkefjord; kurz vor der Stadt gibt es mehrere Naherholungsgebiete, die auch Liegemögliichkeiten für Boote bieten, und wir suchen uns das mit dem stabilsten Pier aus, denn für die kommende Nacht sind die ersten Sturmböen aus Süd angesagt.

Der Donnerstag bringt wieder etwas ruhigeres und vor allem trockenes Wetter – es bläst nur mit 4 – 6 Windstärken aus Südsüdwest (tief im Land, wohlgemerkt). Wir laufen in den nur etwa einen Kilometer entfernten Stadtkern von Flekkefjord und schauen uns die Stadt an.

Die ‚Hollenderbyen‘

Diese hat eine interessante Geschichte als Handelshafen im Holzexport in die Niederlande; es heißt, halb Amsterdam stehe auf Eichenstämmen aus Flekkefjord. Im 17. und 18. Jahrhundert besuchten unzählige Handelsschiffe Flekkefjord, um hauptsächlich Holz aufzukaufen; im Gegenzug brachte man westeuropäische Handelsgüter und die holländische Kultur mit. Das Viertel, in dem die Kaufleute ihre Stützpunkte unterhielten, ist gut erhalten, und die hübschen Holzhäuser weisen in der Tat einige Merkmale auf, die uns recht holländisch vorkommen.

Torsøyene

Unser ‚hurricane hole‘ auf Lille Torsøy

Am Donnerstagnachmittag fahren wir noch ein kleines Stück den Fjord wieder herunter; schon auf dem Weg nach Flekkefjord haben wir uns die Liegeplätze auf Torsøyene angeschaut und für sturmtauglich befunden, also suchen wir uns eine gen Südwesten perfekt geschützte Ecke auf Lille Torsøy und bringen alles an Fendern und Festmachern aus, was wir zu bieten haben. Die Torsøy-Inseln sind mal wieder ein öffentliches Naherholungsgebiet – und haben an soliden Holzstegen Platz für etliche Boote zu bieten; eigentlich ein richtiger kleiner Hafen, es gibt sogar Toiletten, die übliche Grillhütte und Wasseranschlüsse –  nur eben kostenlos, und bei den angesagten Bedingungen natürlich völlig leer.

So ein Tief sieht man nicht alle Tage …

Das Wetterfax, welches wir per Kurzwelle vom DWD empfangen, ist schon beeindruckend – so viele Isobaren mit so wenig Abstand, und der Kern zieht genau über Südnorwegen hinweg. Gegen Abend sollen die stärksten Winde durchziehen, 65 Knoten sind angesagt – Windstärke 12, Orkan … wir ziehen den Kopf ein und warten ab!

Andabeløy

Nachdem wir die Nacht gut überstanden haben holen wir erst mal neue Wettervorhersagen ein – es zeichnet sich eine kleine Chance ab, am Sonntag aufbrechen zu können! Zwar soll es von Sonntag auf Montag immer noch mit 6 bis 7 Windstärken wehen, aber wenigstens aus Nordwest; Dienstag soll der Wind zwar abnehmen, aber dafür auch auf West und Südwest drehen – da nehmen wir doch lieber mehr Wind aus raumen Richtungen.

Um morgen aufbruchbereit zu sein verholen wir uns nochmal nach Andabeløy, wo wir Dienstag schon waren; dort gibt es nochmal Landstrom zum Durchtrocknen des Boots und einen überdachten Raum, in dem wir das Schlauchboot trocknen und einpacken können, und auch sonst alles für die Überfahrt vorbereiten.

Sonntag, 23. September: die Wettervorhersagen sind stabil, wir brechen auf! Nach viereinhalb Monaten verlassen wir Norwegen, genau zur Tag- und Nachtgleiche; unter dem Einfluss eines intensiven Hochs erwarten uns gutes Wetter und 6 bis 7 Windstärken aus Nordwest bei 3 bis 5 Meter Wellenhöhe. Die Fahrt nach Helgoland sollte unter diesen Bedingungen etwa 48 Stunden dauern – auf geht’s!

Überfahrt

Norwegen bleibt im Kielwasser zurück

Während hinter uns die waldigen Hügel um Hidra zurückbleiben, legt der Wind nach und nach immer mehr zu; die ersten 10 Seemeilen fahren wir noch am Wind, da wir den gefährlichen Flachwasserbereichen vor dem Kap Lista ausweichen wollen; dabei weht es mit um die 20 Knoten, und die Sonne scheint – kein Problem soweit. Gegen Abend legt der Wind aber immer mehr zu; statt 6 bis 7 Windstärken  sind es die ganze Zeit immer mindestens 7 Beaufort, und häufig ziehen kleine Unwetterfronten durch, die kurzzeitig Regen, Hagel und Wind um die 9 Beaufort mitbringen; einmal messen wir auch 50 Knoten, das ist Windstärke 10 …

So bleibt es für etwa 36 Stunden, und entsprechend baut sich auch die See auf; der über Kurzwelle empfangene Seewetterbericht des DWD spricht schon von 4 Metern signifikanter Wellenhöhe – bis 8 Meter sind also drin, und so sieht es auch aus (anfühlen tut es sich natürlich noch viel schlimmer).

Sonnenuntergang mit Regenwolken

Wir fahren nur mit dem Großsegel im dritten Reff noch mittlere Geschwindigkeiten von bis zu 7 Knoten, wenn wir gerade so ein Wellenmonster runterrutschen zeigt die Logge auch mal über 9 Knoten an. Beim Durchgang jeder Welle neigt das Boot sich bis zu 60 Grad nach Lee, dann 30 Grad nach Luv – und das wiederholt sich ungefähr alle 5 Sekunden – für 36 Stunden! Unheimlich, das alles, besonders bei Nacht … aber wir überlassen das Steuern der Aries und ziehen das Luk hinter uns zu – was auch gut so ist, etwa einmal pro Stunde kommt uns auch eine Welle im Cockpit besuchen.

Helgoland voraus!

Erst am frühen Dienstagmorgen flaut es endlich ab, und wir sind heilfroh, als wir nach genau 48 Stunden und 277 Seemeilen auf Helgoland festmachen; positiv bleibt festzuhalten, dass die ‚Orion‘ offenbar mit solchen Bedingungen keine Probleme hat – wie man allerdings dabei schlafen soll, ist uns ein Rätsel, und so wollen wir jetzt erst mal nur ausruhen …

Helgoland

Am Mittwoch hat der Wind auf Südwest gedreht und fast zu alter Stärke zurückgefunden; wir werden also in jedem Fall noch etwas bleiben. Der Hafen ist ungewöhnlich leer  – ein Nachbar (mit einem wesentlich größeren Boot) erzählt uns, dass sie am Sonntag von Esbjerg herübergekommen sind – 80 Seemeilen, sie werden also am späten Abend auf Helgoland angekommen sein; die Fahrt sei der absolute Horror gewesen, so ein Sturm. Wir fühlen uns auf einmal gar nicht mehr so schlecht, dass uns die dreieinhalbfache Zeit und Strecke im gleichen Gebiet keinen großen Spaß gemacht hat …

Auch der Hafenmeister ist etwas erstaunt, dass wir Dienstagmorgen reingekommen sind – da war doch seit Tagen niemand unterwegs … nun ja, so schlimm war es nun auch wieder nicht; schon seltsam, dass die vielen 18-Meter-25-Tonnen-Yachten offenbar auch nur bis Windstärke 6 gesegelt werden. Wir zahlen jedenfalls das Liegegeld und die Kurtaxe (und haben damit so viel Hafengeld ausgegeben wie in Norwegen in drei Wochen) und beginnen mit der Erholung – Kur ist angesagt!

Starkwind auf Helgoland

Nach der kurzen Entspannung am Dienstag findet der Wind am Mittwoch wieder fast zu gewohnter Stärke zurück – mit 6 bis 7 Beaufort fegt es über Helgoland, nur jetzt aus Südwest. Das hatten die Wettermodelle auch schon am vergangenen Wochenende so vorhergesagt – so gesehen hat es sich als richtig erwiesen, am Sonntag aufzubrechen, später wäre nur Gegenwind gekommen. Aber als wir auf dem Oberland fast wegfliegen wird uns doch nachträglich noch etwas mulmig, dass wir bei noch etwas mehr Wind unterwegs waren – gut, dass der Vorwindkurs den scheinbaren Wind um eine Windstärke verringert.

Am Donnerstag weht es immer noch aus Südwest, aber etwas schwächer; wir erledigen die einschlägigen Einkäufe und gönnen uns zum Törnabschluss noch ein leckeres Abendessen – denn morgen soll der Wind auf Nordnordwest drehen – ideal für die 80 Seemeilen entlang der ostfriesischen Küste bis Borkum.

Borkum

Der Windpark vor Borkum Riff begrüßt uns

So kommt es dann auch – mal wieder mit etwas mehr Wind als erwartet, aber die Richtung passt, mit 5 bis 6 Beaufort weht es aus Nordnordwest, so dass wir mit einem gemäßigten Amwindkurs zum Teil beachtliche Geschwindigkeiten um siebeneinhalb Knoten herausfahren können; um Punkt 22 Uhr machen wir nach gut 14 Stunden Fahrt im Schutzhafen Borkum fest. Nun fehlen quasi nur noch die letzten Meter … die kommen morgen, gleich um 8 Uhr geht es weiter!

Papenburg

Die ‚Picard‘ begrüßt uns vor Emden

Am Samstagmorgen zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite: aufgelockerter Himmel und ein angenehmer Westwind um 4 Windstärken erwarten uns auf der Ems, es gibt kaum Welle; wir können endlich mal wieder Vollzeug setzen und gleiten mit einsetzendem Flutstrom auf Emden zu.

Dort erwartet uns die erste Überraschung: die ‚Picard‘ begrüßt uns mit voller Festbeflaggung! Weiter vor Jemgum können wir den J24 des Vereins zuwinken, und vor der Seeschleuse gibt es die erste Kaffee- und Kuchen-Runde … so kommt man doch gerne zurück in die Heimat!

Knapp 3000 Seemeilen in fast 5 Monaten liegen hinter uns; Wetter und Wind waren häufiger widrig als freundlich, aber die sonnigen Tage haben uns dafür entschädigt: Nordnorwegen ist ein unglaublich schönes Stück der Welt!

Westküste (16.08. – 14.09.)

Am Donnerstag den 16. soll es laut Wettervorhersage etwas besser sein – weniger Regen, weniger Gegenwind. Davon ermutigt laufen wir nach dem Frühstück aus und setzen Kurs Süd auf die Sula-Inselgruppe vor der Sognefjordmündung; doch die Realität sieht anders aus: im strömenden Regen kämpfen wir genau gegen 6 – 7 Beaufort und 2 Meter Welle an. Nach 19 Seemeilen haben wir die Nase gestrichen voll davon und laufen

Nåra

Das gastfreundliche Dorf Nåra

auf Ytre Sula an. Der gut geschützt in einem kleinen Sund gelegene Ort besteht aus einer Handvoll Wohnhäusern und einem kleinen Laden; letzterer bietet einen Gästesteg an, der sogar kostenlos ist, wenn man keinen Landstrom braucht.

Hier bleiben wir gerne länger: am Freitag ist immer noch kräftiger Gegenwind, aber etwas trockener, und wir machen einen Landgang und sammeln viele Blaubeeren; am Samstag regnet es wieder anhaltend. Die freundliche Dame von Laden zeigt uns auch noch, wo wir kostenlos eine Dusche benutzen können – in einer kleinen Ferienwohnung in einem Nebengebäude, die bei Nichtvermietung einfach offensteht … hier ist die Welt noch in Ordnung!

Leuchtfeuer Sogneoksen vor Kvernøyna mit meterhoher Brandung

Sonntag geht es endlich weiter: nach tagelangem Starkwind ist es nun zwar etwas flautig, es läuft aber noch eine beachtliche alte Dünung vom Atlantik herein, die sich spektakulär an den vorbeiziehenden Felseninselchen bricht. Mit viel Geduld erreichen wir nach 16 Seemeilen unter Segeln die Naturbucht auf der Insel

Børilden

Freundlicherweise hat der norwegische Seglerverband KNBF hier eine (mal wieder: kostenlose) Muringboje ausgelegt, das Anlegemanöver dauert also keine Minute. Die Umgebung ist völlig unbebaut und recht hübsch, und im Wasser schwimmen etliche Makrelen; nicht lange dauert es, bis 6 davon gefangen sind und ein köstliches Abendessen vom Grill abgeben!

Uttoskevågen

Uttoskevågen / Toska

Montag hält das bessere Wetter an, nun gibt es sogar etwas mehr Wind dazu: 4 Windstärken aus Nordwest, perfekt um weiter nach Süden zu fahren. Eigentlich guter Wind für eine größere Tagesdistanz, aber nach 18 Seemeilen kommen wir an der Insel Toska vorbei, die eine sehr verwinkelte und reizvolle Ankerbucht für uns bereit hält, in der auch wieder eine KNBF-Muringboje ausliegt – da können wir nicht vorbeisegeln und verbringen eine Nacht in dieser – ebenfalls völlig unbebauten – Bucht.

Kollevåg

Kollevåg / Askøyna

Für Dienstagabend ist eine neue Starkwind- und Regenfront angesagt, daher suchen wir einen möglichst geschützten Ort für die kommende Nacht und den Mittwoch; außerdem wäre mal wieder ein Supermarkt von Nutzen. Wind gibt es keinen mehr, und so motoren wir in aller Ruhe weitere 18 Meilen bis Kollevåg; hier gibt es ein Steinpier in einem Naherholungsgebiet direkt vor den Toren Bergens, und gemessen an der geringen Distanz zur zweitgrößten Stadt Norwegens ist es erstaunlich naturnah: die Villen auf der einen Seite verschwinden hinter einer Felswand, die Industrieanlagen auf der anderen Seite hinter einem Hügel.

Ein kleiner Supermarkt ist in einer dreiviertelstündigen Wanderung zu erreichen und versorgt uns Dienstagnachmittag noch mit frischem Brot, bevor es am Mittwoch ausgiebig und in erstaunlichen Mengen regnet – das Dinghi wird zur Badewanne …

Skorpo

Ankerbucht vor Skorpo

Donnerstag ist das Wetter immer noch nicht besonders stabil, und der Wind weht immer noch aus Süd, also kein Tag zum Segeln. Ein kleines Stück verholen wir uns aber, wir wollen wieder in eine Naturbucht, und da bietet sich das Inselchen Skorpo zwei Seemeilen südlich an; auch hier gibt es wieder eine Muringboje von der KNBF.

Unglaublich, welch wildromantische Natur wir hier einen Steinwurf von Bergen entfernt vorfinden; allein die gut ausgelaufenen Trampelpfade auf der Insel zeugen davon, dass hier während der Saison einiges los ist. Zwischen zwei Regengüssen sammeln wir noch Pilze – wenn die sich als essbar erweisen, geht es hier demnächst weiter mit dem Blog …

Lysøya

Ole Bulls Villa auf Lysøya

Am Freitag geht es uns gut, und wir fahren weiter gen Süden; brauchbaren Wind gibt es zwar keinen, aber wenigstens regnet es nicht mehr ununterbrochen. Wir halten unterwegs nochmal zum Einkaufen in Brattholmen (Schwimmsteg direkt am Supermarkt, sehr praktisch) und erreichen nach vierstündiger Motorfahrt die Insel Lysøya; hier gibt es eine sehr geschützte Bucht, die nur über eine schmale Durchfahrt zu erreichen ist – und wieder eine KNBF-Muringboje. Die Insel hat in ihrem Inneren zwei Seen, jede Menge wildromantischer Natur und ein gutes Netz aus Spazierwegen zu bieten – und die Villa des norwegischen Violinisten und Komponisten Ole Bull, der nämlich das alles im 19. Jahrhundert hat anlegen lassen.

Solstraløya

Samstagmorgen das gleiche Bild: Regen und leichter Gegenwind. Wie immer unter Motor laufen wir also unser nächstes Ziel an, das kleine Inselchen Solstraløya. Wir dachten, bei dem Namen (Sonnenstrahlinsel) muss sich doch das Wetter mal bessern … und tatsächlich, kurz nach dem Anlegen (im Regen) lässt sich die Sonne blicken – nicht für lange Zeit, aber genug, um die (recht übersichtliche) Insel zu erkunden.

Solstraløya wird für eine Stunde ihrem Namen gerecht

Hier gibt es mal wieder ein Naherholungsgebiet, welches sich vor allem an Schulklassen zu richten scheint: es gibt eine kleine Freilichtbühne für Aufführungen, die Kinder haben Infotafeln zu allen möglichen Tieren und Pflanzen erstellt, und einen Hühnerstall gebaut – weswegen es auf der Insel freilaufende Hühner gibt. Außerdem gibt es Pilze in Hülle und Fülle – nun, irgendwer muss ja auch die feuchte Witterung mögen … wir sammeln also fleißig um unseren Selbstversuch beim nächsten Abendessen wiederholen zu können.

Am nächsten Tag  laufen wir

Kalsundholmen

an der Südspitze von Huftarøy an – unter Motor, natürlich; der wenige Wind kommt wie immer von vorne. Wenigstens ist es trockener, und die Sonne scheint ab und an – man wird bescheiden …

Die Ankerbucht bei Kalsundholmen

Auch in dieser Bucht hat der KNBF eine Muringboje ausgelegt; wir nutzen das Angebot gerne, ist doch in der Nacht auch noch ein Frontendurchzug angekündigt – schon praktisch, wenn man nicht immer mit einem Ohr wach bleiben und auf die Ankerkette hören muss.

Die Sonne bequemt sich auch noch etwas zu verweilen, und so können wir noch einen Landgang unternehmen, bevor es sich gegen Abend immer mehr zuzieht.

Smedaholmen

Smedaholmen

Der Montag bringt wieder das gewohnte Wetter: Gegenwind und Regen. Wir motoren gegen 5-6 Beaufort aus Südsüdost bis Fitjar auf Stord, wo wir – wie so häufig – direkt am Sparmarkt anlegen, Einkäufe erledigen und sogar duschen können. Bleiben wollen wir in dieser Großstadt (fast 2000 Einwohner …) aber nicht, wir ziehen noch ein kleines Stück weiter und finden bei Smedaholmen wieder einen kosenlosen Schwimmsteg mitten in der Natur.  Die Insel ist recht grün und bewaldet, wieder gibt es unzählige Pilze zu entdecken.

Langøya

Langøya

Für Dienstag ist endlich besseres Wetter angesagt; so recht will sich aber die versprochene Sonne nicht zeigen, doch immerhin bleibt es trocken. Wind gibt es auch keinen, wir ziehen also nur ein kleines Stück weiter und finden mit Langøya ein weiteres, hübsches Inselchen mit öffentlichem Schwimmsteg. Wie immer sind wir das einzige Boot, die Saison ist hier definitiv vorüber …

Die Insel ist deutlich karger als Smedaholmen, es gibt kaum Bäume; in einer geschützen Senke jedoch finden wir einige alte Apfelbäume, offenbar muss es hier mal eine Besiedlung gegeben haben. Da am Mittwoch wieder ausgesprochenes Mistwetter angesagt ist (Starkwind aus Südsüdost und Regen), können wir hier wenigstens mit frischem Apfelkuchen auf bessere Zeiten warten …

Røvær

Leuchtfeuer Ringholmen

Donnerstag soll dann endlich Nordwind aufkommen – und auch noch die Sonne scheinen! Hochmotiviert fahren wir also los, um mal etwas mehr Strecke zurückzulegen, aber in den ersten Stunden, die wir den Stokksund zwischen den großen Inseln Bømlo und Stord hinunterfahren, ist von Wind nicht viel zu spüren … erst als wir den offeneren Bømlafjord (quasi die Mündung des Hardangerfjordes) erreichen, setzt sich der Wind durch, und bei um die 15 Knoten aus Nordnordwest gleiten wir auf die sonnige See hinaus.

Der Hafen von Røvær

Tagesziel ist nach 33 Seemeilen Røvær, eine Inselgruppe direkt vor der Einfahrt nach Haugesund. Hier waren wir letztes Jahr schon einmal, und wie wir beim Blick ins Logbuch feststellen, sogar zum gleichen Datum, dem 30. August. Wie vor einem Jahr gefällt es uns gut hier; neu hinzugekommen ist ein interessantes Informationszentrum über das Meer und seine Nutzung durch den Menschen, welches wir uns noch anschauen können.

Am nächsten Morgen verlassen wir Røvær, diesmal durch die extrem schmale südliche Ausfahrt, die auch noch von einer 16-Meter-Brücke überspannt wird – aber wir haben ja Niedrigwasser, alles geht gut. Wir steuern – wie üblich – Haugesund wegen seiner guten Versorgungsmöglichkeiten an, bleiben dort über Mittag und kaufen einen Berg Obst und Gemüse, und fahren zum Abend noch weiter bis

Dragøya

Dies war im vergangenen Jahr unser erster Naturhafen – und dieses Jahr ist das Wetter sogar noch besser, wir genießen das saftige Grün im Inneren der Insel, wandern durch knietiefes Moos und lassen den Abend bei einem Lagerfeuer am Anleger ausklingen.

Auf Dragøya

Samstag geht es weiter, wir kreuzen gegen den Wind den Karmsund hinunter, was bei schönem Wetter und einer nicht allzu großen Tagesdistanz ja auch Spaß macht; nach nur 10 Seemeilen machen wir an der KNBF-Muringboje auf

Vesterøy

fest.  Diese Insel ist größer als Dragøya, bietet sogar richtige Wanderwege durch eine abwechslungsreiche Landschaft – sumpfige Täler, Wälder und Hochebenen wechseln sich ab – und mal wieder etliche Pilze.

Am Sonntag den 2. September hat der Südwind Stärke 5 bis 6 erreicht, und die Sonne scheint auch nicht mehr; wir beschließen einen Ruhetag an der Muringboje einzulegen und auf besseren Wind zu warten.

Toftøy

Montag gibt es wieder Sonne – nur keinen Wind. Erst geben wir uns noch sportlich und kreuzen gegen 2 bis 3 Windstärken auf, dann verlässt und genau in der kaum 60 Meter breiten Durchfahrt unter der Brücke zwischen Ognøya und Austre Bokn der (Gegen-) Wind und wir parken zwischen den Brückenpfeilern ein … den Rest der bescheidenen 11 Seemeilen muss also mal wieder der Motor ran.

Die Ankerbucht auf Toftøy

Auf Toftøy erwartet uns wieder eine Muringboje der KNBF in einer malerischen Bucht mit einer steilen Felsenwand auf der einen Seite, und im Inneren der Insel saftige, grüne Wiesen mit zahlreichen Schafen. Wirklich schön hier – bei dem Namen hatten wir ja auch einiges erwartet 😉

Dennoch ziehen wir am nächsten Tag weiter, diesmal eine noch kürzere Distanz von nur gut 5 Seemeilen bis

Talgjeholmen

Bei Sonnenschein und wenig Wind erscheinen uns diese kleinen Inselsprünge genau richtig: selbst mit kaum einem Knoten Fahrt kann man noch auskommen wenn das Ziel so nah ist, und gegen Mittag schon da zu sein eröffnet viele Möglichkeiten, den Nachmittag zu gestalten: Inselwanderungen, Angeltouren oder Schlauchbootausflüge.

Auf Talgjeholmen nutzen wir wieder eine Muringboje des KNBF (ja, es gibt eine Menge davon!) und tun all dies: wir fahren mit dem Schlauchboot zum Einkaufen zweieinhalb Seemeilen weiter,  erkunden die kleine Insel zu Fuß und fangen ein paar Makrelen zum Abendessen vom Grill. Ein malerischer Sonnenuntergang rundet den Tag ab – was will man mehr?

Blick von Talgjeholmen über Talgje

Sauøya

Der Name der nächsten Insel erscheint nicht so verlockend, auf Norwegisch bedeutet er aber ‚Schafsinsel‘ – als ob das nicht auf so ziemlich jedes Fleckchen Land hier zutreffen würde …

Sauøya mit Steganlage

Wir fahren wieder nur kurz, nach 7 Seemeilen sind wir am Ziel; ausnahmsweise erwartet uns mal statt einer Muringboje eine solide Steganlage aus Holz mit Grillplatz und Picknicktischen, die norwegische Version des Naherholungsgebiets – kostenlos natürlich, und um diese Jahreszeit völlig menschenleer.

Das Wetter am Mittwoch gibt sich zunächst recht bedeckt, später am Tag kommt aber nochmal die Sonne richtig durch – perfekt um die Cockpitpolster auf dem warmen Holz auszubreiten und den Nachmittag über nochmal Sonne zu tanken, bevor sich diese für längere Zeit verabschiedet.

Fister

Der Wetterbericht sieht nämlich bedrohlich aus: nichts als Regen auf 10 Tage voraus. Aber glücklicherweise ist auf die Wettervorhersage für nächste Woche ja nicht allzuviel zu geben …

Zunächst aber trifft die Prognose zu: in der Nacht beginnt es zu regnen und hört auch nicht mehr auf. Gegen Mittag motoren wir ein kleines Stück herüber zur Festlandsküste, um im Ort Fister einen ‚richtigen‘  Hafen mit Stromanschluss aufzusuchen (wichtig für den Luftentfeuchter, um nicht bei lebendigem Leib zu verschimmeln). Nun ja, allzuviel hat Fister nicht zu bieten – das kleine Pier sieht reichlich baufällig aus, und die Vereinsgebäude mit den Duschen sind abgeschlossen – die Saison ist eben vorbei … aber aus den Anschlüssen kommt Strom, und wir können uns trocknen und dem fallenden Regen zuhören …

Rossøysundet

Am Freitag regnet es nur leicht, und der Wind soll schwach aus Ost kommen; wir verlassen also den Hafen und nehmen Kurs Südwest zur Insel Rossøya. Als wir den Schutz der Bucht von Fister verlassen haben staunen wir nicht schlecht: von wegen wenig Wind, mit 5 bis 6 weht es aus Nordost, und als wir die Einmündung des Årdalsfjords passieren, der in dieser Richtung verläuft, können wir kurz auch mal Windstärke 8 vom Windmesser ablesen. So legen wir die kurze Strecke nur mit Vorsegel in erstaunlicher Zeit zurück und haben einen langen Nachmittag zur Erkundung der Insel.

Felsformation an der Küste von Rossøya

Diese ist ein Naherholungsgebiet und mit einem großzügigen, stabilen Holzpier zur freien Nutzung versehen; im vergangenen Jahr waren wir schon einmal hier und wissen daher, was uns erwartet. Als wir ankommen sind wir noch allein und die Insel gehört uns, während wir einen Spaziergang rund um die Insel unternehmen; am Abend treffen dann noch mehrere Motor- und Segelboote ein – ach ja, Freitagabend!

Tau

Auch am Samstag besuchen wir ein bekanntes Ziel: Tau, eine kleine Stadt am südöstlichen Ende der großen Bucht hinter Stavanger; letztes Jahr haben wir hier etliche Tage auf passendes Wetter für einen Ausflug zum Preikestolen am Lysefjord gewartet. Diesmal wollen wir nur einkaufen und – duschen! Der Ort selbst gibt auch nicht viel mehr her, aber die Einrichtungen des (enorm großen!) Sportboothafens sind sehr gut gepflegt und einladend.

Lineholmen

Küstenlandschaft auf Line

Sonntag geht es bei kräftigem Südwind und häufigen Regenschauern weiter Richtung Stavanger; in Lineholmen finden wir ein Naherholungsgebiet mit KNBF-Muring, wo wir die Nacht verbringen. Eine Regenpause am Nachmittag nutzen wir aber auch, um mit dem Dinghi zum Steg überzusetzen und die Insel zu erkunden. Mal wieder können wir nur staunen, dass es solche Angebote in unmittelbarer Nähe der – für norwegische Verhältnisse – Großstadt Stavanger gibt; von der Südseite der Insel scheinen die großen Industriehafenanlagen gegenüber so nah, und hier findet man malerische Natur …

Kvitsøy

Ydstebøhamn / Kvitsøy

Am folgenden Montagmorgen verlassen wir die Bucht von Stavanger und begeben uns nach Kvitsøy – wie schon im letzten Jahr wollen wir von hier den Absprung Richtung Süden wagen. Bis Egersund folgt ein 45 Seemeilen langer Küstenabschnitt vor Jærens Rev und Obrestad, der keinerlei vorgelagerte Inseln oder schützende Häfen zu bieten hat und dem vorherrschenden Südwestwind voll ausgesetzt ist – da soll das Wetter wenigstens halbwegs passen. Ursprünglich hatten wir mal den Mittwoch im Visier, aber nun hat sich der angesagte Westwind schon auf 6 bis 7 Beaufort erhöht (was allein uns ja noch nicht völlig abschrecken würde), und die Wellenhöhe auf 4 bis 8 Meter – und da hört es wirklich auf. Sieht also so aus, als könnten wir längere Zeit hier verbringen ..

Tag 2 (Dienstag): Regen, Hagel, Gewitter und Südsüdwest um 6, Böen bis 8 – kein Tag um das Boot weiter als bis zum Supermarkt zu verlassen.

Tag 3 (Mittwoch): wie befürchtet ist es noch schlimmer als gestern, die signifikante Wellenhöhe hat sich auf knapp 5 Meter erhöht (d.h. bis 9 Meter sind drin), und es bläst mit 7 bis 9 Beaufort in Böen aus Südwest – wir bleiben.

Tag 4 (Donnerstag): gutes Wetter heute, zwischen den Regenschauern kommt immer mal die Sonne durch (gerne auch gleichzeitig mit dem Regen), und es hat nur noch 6 Windstärken, aber wieder aus Südwest … noch ein Hafentag, aber wenigstens hat’s heute für einen Inselspaziergang gereicht!

Tag 5 (Freitag): heute wieder weniger Sonne und immer noch viel Wind aus der falschen Richtung … aber: für morgen zeichnet sich ein brauchbareres Wetterfenster ab! ‚Nur‘ noch 2 bis 4 Meter Welle und 5 bis 6 Windstärken – aus West statt Südwest! Keine Traumbedingungen, aber die besten seit einer Woche … hoffen wir mal, morgen Kvitsøy und damit die norwegische Westküste verlassen zu können!

Rund Stadlandet (01.08. – 15.08.)

Prächtiges Segeln gen Südwest

Der August beginnt mit viel Sonne und auch noch brauchbarem Wind; wir verlassen Grip und segeln an Kristiansund vorbei Richtung Südwest – von nun an nähern wir uns langsam aber sicher Stadlandet, welches wir im Mai bei Starkwind überwunden haben. Wie wird es dort wohl auf dem Rückweg sein?

Nächstes richtiges Ziel ist die Insel Ona, welche wir schon auf dem Hinweg besucht haben; für heute ist uns das aber zu weit, wir wollen lieber früh ankommen und legen nach nur 17 Seemeilen am Gästesteg in

Kråkholmen

an. Den sonnigen Nachmittag nutzen wir für eine Fahrradtour in den nahegelegenen Ort Vevang, wo es auch einen Supermarkt gibt. Der Hafen gehört einem Sportbootverein und ist recht klein und verschlafen, aber auch ganz sympathisch.

Donnerstagmorgen brechen wir auf und fahren an der – etwas berüchtigten weil ungeschützten – Küste vor Bud entlang; bei fast gänzlicher Abwesenheit von Wind stellt sich dieser Abschnitt aber recht harmlos dar und wird von uns unter Motor abgefahren. Nach 23 Seemeilen erreichen wir wieder

Ona

wo es uns auf dem Hinweg gut gefallen hat; nun zieht sich aber pünktlich mit unserer Ankunft der Himmel zu, und es beginnt zu regnen – kein Ausflugswetter. Wenigstens gibt es zur Abwechslung mal wieder eine heiße Dusche …

Austnes / Haramsøya

Der Freitag bringt Westwind um 4 Beaufort und damit endlich wieder Segelwind für uns; wir legen unter Segeln ab, fahren aber genau in der engen Hafeneinfahrt der Schnellfähre direkt vor den Bug – da muss doch mal kurz der Motor ran. Dennoch kommen wir nach knapp 20 Seemeilen auf Haramsøya mit deutlich unter einer Stunde Motorbetrieb an – so muss das!

Hier gibt es mal wieder eine Einkaufsmöglichkeit, sonst ist es aber recht unspektakulär. So verlassen wir Austnes am nächsten Morgen wieder und nehmen Kurs Richtung Süden.

Borgarøya / Ulsteinfjorden

Gegen Mittag fahren wir an Ålesund vorbei, und der (Gegen-)Wind frischt immer mehr auf; das letzte Stück durch den Breidsund bis Flø wird ganz schön mühsam, 20 Knoten Wind und 2 Meter hohe, kurze Wellen bremsen uns ganz schön aus, wir brauchen 2 Stunden für 6 Seemeilen.

Entsprechend froh sind wir, als wir Richtung Ulstein abbiegen und nach kurzer Zeit am Schwimmsteg vor Borgarøya festmachen können. Dieser bietet nicht nur kostenloses und sicheres Liegen vor der Kulisse einer historischen Ansiedlung, sondern auch noch – ebenso kostenlosen! – Landstrom. Da das Wetter am folgenden Sonntag noch schlechter werden soll, beschließen wir gleich zwei Nächte hier zu bleiben – und so hören wir den größten Teil des Sonntags den Wind um den Mast heulen und den Regen aufs Deck prasseln.

Volda

Montagmorgen ist es wieder halbwegs trocken, brauchbaren Wind gibt es aber wieder keinen, als wir den Ulsteinfjord Richtung Süden durch ein Gewirr von Inseln und Passagen verlassen. Auf Einladung von Jonny von der ‚Fri‘, den wir in Mausundvær kennengelernt haben, besuchen wir Volda und verbringen einen sehr schönen Tag mit ihm und seiner Freundin Guro; wir machen zusammen einen Autoausflug ins Hinterland – welches man ja sonst als Segler nie zu sehen bekommt. Dabei besichtigen wir das Union Hotel in Øye, ein prächtiger Holzbau von 1891, dessen Gästeliste sich wie das Who’s Who des frühen 20. Jahrhunderts liest; obwohl das Hotel nach wie vor in Betrieb ist, kann man die nicht vermieteten Zimmer anschauen, und jedes davon ist eine Sehenswürdigkeit für sich!

Gerne würden wir noch bleiben, aber es zeichnet sich ein gutes Wetterfenster für die Rundung von Stadlandet ab; so verlassen wir am frühen Dienstagnachmittag Volda wieder und fahren 20 Seemeilen bis

Bringsinghaug / Kvamsøya

einem der letzen Häfen vor dem Kap. Damit erschöpft sich auch die Bedeutung des Ortes – falls von einem solchen überhaupt die Rede sein kann.

Am Mittwochmorgen brechen wir also auf; Wind ist nur wenig angesagt, aber die Wellenhöhe soll immer noch bis zu drei Metern betragen. Das mag auch zutreffen, es handelt sich jedoch nur um die lange Dünung, die vom Atlantik auf das Kap rollt, und bereitet uns nicht die geringsten Schwierigkeiten. Was für ein Unterschied zur Umrundung im Mai …

Zielhafen hinter dem Kap ist

Klostervågen / Selja

Die Klosterruine auf Selja

welches wir am frühen Nachmittag erreichen. Hier befinden sich die Ruinen eines ab etwa 1100 erbauten Benediktinerklosters; in alten Zeiten bedeutende Pilgerstätte zu Ehren der heiligen Sunniva, die hier der Legende nach Zuflucht in einer Höhle suchte (und darin umkam).

Rugsund Handelsstad

Der alte Handelsplatz Rugsund

Am Donnerstag machen wir uns wieder auf dem Weg gen Süden; wir fahren nun in den geschützten Fahrwassern zwischen zahlreichen, großen Inseln, die der eigentlichen Fjordküste vorgelagert sind bzw. in diese übergehen – ohne einen Blick in die Karte ist nämlich selten klar, was hier Festland und was Insel ist.

Wir machen einen Einkaufsstop in Måløy und erreichen am Nachmittag Rugsund, wo wir am Gästesteg der alten Handelsstation festmachen. Dazu kommt sogar kurz die Sonne heraus; für den kommenden Tag ist aber Sturm und Dauerregen angesagt, so dass wir beschließen, hier gleich bis Samstag zu bleiben.

Auch am Samstag brechen wir erst spät auf, nach einer guten Seemeile liegt nämlich ein Hindernis im Weg: die Rugsund-Brücke, laut Karte 15 Meter über Hochwasser – etwa anderthalb Meter zu wenig für die ‚Orion‘. Also warten wir aufs Niedrigwasser, ehe wir aufbrechen – nur um dann feststellen zu müssen, dass dies nicht nötig gewesen wäre, die Brücke erweist sich nämlich als deutlich höher (wir schätzen etwa 17 Meter über Hochwasser). Die Einheimischen behaupten das auch, nur wäre es schön, wenn das nach etlichen Jahren mal in der Karte korrigiert worden wäre …

Direkt nach dieser spannenden Passage passieren wir den Hornelen, mit 860 Metern die höchste Seeklippe Europas; unmittelbar darunter fühlt man sich sehr, sehr klein, und selbst ein passierendes Seeschiff von 100 Metern Länge wird zu einer Spielzeugausgabe seiner selbst …

Ansonsten bietet der restliche Tag hauptsächlich Gegenwind und bedeckten Himmel, so dass wir ganz froh sind, nach 19 Uhr endlich das Tagesziel zu erreichen: einen kleinen Naturhafen auf der Insel Hovden, den der Bootsclub Florø mit einem soliden Schwimmsteg und einer kleinen, liebevoll eingerichteten  Schutzhütte versehen hat – zur freien Benutzung durch jeden Reisenden!

Svanøybukta

Am Sonntag geht es weiter, und endlich scheint mal wieder die Sonne – dafür gibt es nur äußerst schwachen Wind, ein bis zwei Windstärken aus Südwest. Viel ist das für die schwere ‚Orion‘ nicht gerade, aber dafür ist die Tagesdistanz mit 16 Seemeilen auch gering, und wir haben den ganzen Tag Zeit … also dümpeln wir 7 Stunden unter Gennaker an Florø vorbei bis Svanøya. Die Insel erweist sich als nur mäßig hügelig, aber dafür mit ungewöhnlich dichtem Wald bedeckt – als sattgrüner Flecken erscheint sie am Horizont.

Der Gästeanleger in Svanøybukta gehört zum Landhandel und bietet allerlei Annehmlichleiten: Einkaufsmöglichkeit, Strom, Dusche und Benutzung von Waschmaschine und Wäschetrockner. Unbezahlbar allerdings ist der vom Liegeplatz aus gebotene Abendhimmel …

Bulandet

Dennoch verlassen wir die schöne Insel gleich am nächsten Morgen wieder, denn für den Montag ist endlich mal wieder brauchbarer Segelwind angesagt: mit gut 10 Knoten aus Nordost soll es wehen … wieder raus auf die kleinen, vorgelagerten Inseln soll unser Weg führen, gut 23 Seemeilen, da kann man schon wenigstens etwas Wind gebrauchen. Die Realität sieht leider anders aus: Windstärke 1 wird nicht überschritten, und die Richtung ist eher Nordwest … mal wieder muss also der Motor ran. Zwischendurch gönnen wir uns zwar drei Stunden lang die Ruhe unter Segeln, schaffen in dieser Zeit aber nur 5 Seemeilen … so wird das nichts.

Etwas frustriert über das ewige Motoren erreichen wir schließlich Bulandet, die westlichste, dauerhaft bewohnte Inselgruppe des Landes, welche sich selbst gerne als ‚Venedig Norwegens‘ bezeichnet – wegen der vielen Brücken, die die unzähligen Inselchen verbinden. Ansonsten hält sich die Ähnlichkeit aber in Grenzen: das Wasser ist kristallklar und stinkt nicht, überall unberührte Natur, keine Touristen, und statt Tauben gibt es Möwen und Seeadler … hier bietet es sich an, am nächsten Tag die Fahrräder auszupacken und eine ausgedehnte Radtour zu unternehmen. Wir können die ganze Inselgruppe entlang bis Værlandet im Osten fahren, und das lohnt sich: tolle Ausblicke alle paar Meter, durchweg hübsche und gepflegte Häuser und vielerlei liebevolle Dekoration in Vorgärten und an Wegkreuzungen … schön hier!

Bulandet, Inselreich weit draußen im Meer

Der anhaltende Sonnenschein trägt dazu natürlich viel bei – und am Mittwoch ist es vorbei damit. In der Nacht beginnt es zu regnen und mit 20 bis 25 Knoten aus Süd zu wehen, und den Wettervorhersagen nach wird sich daran auch in den nächsten Tagen nichts ändern; wir verkriechen uns also unter Deck, trinken Tee und warten auf besseres Wetter …

Rørvik bis Kristiansund (22.07. – 31.07.)

Valøy

Endlich – ein Papageientaucher!

Weiter geht’s Richtung Süden, wir passieren Rørvik und verlassen damit das Helgeland. Anders als die meisten Boote (und wir auf dem Hinweg) tun wir das aber nicht durch den schmalen Sund von Rørvik, sondern 10 – 12 Seemeilen weiter westlich durch die vorgelagerten Inseln. Das Wetter am Sonntag ist halbwegs freundlich, nur Wind gibt es kaum, wir motoren 38 Seemeilen; Höhepunkt des Tages ist ein einzelner Papageientaucher, der seelenruhig mitten auf dem Meer schwimmt – und dafür haben wir uns auf diversen Inseln schon zu Klettertouren verleiten lassen!

Zielhafen am Abend ist Valøy, ein verschlafener, aber netter Ort mit einer Handvoll Häusern; es gibt noch nicht mal einen Aushang, wieviel Liegegeld man entrichten soll – was für ein Kontrast zur gar nicht so weit entfernten Hauptroute der Freizeitschifffahrt! Der nächste Supermarkt ist eine Dreiviertelstunde mit dem Fahrrad entfernt – eine schöne Tour am Montagvormittag.

Nordøyan

Am frühen Nachmittag brechen wir dann wieder auf; da die Flaute inzwischen in Gegenwind übergegangen ist, legen wir nur ein kurzes Stück von 10 Seemeilen bis Nordøyan zurück.

Die Insel beherbergt ein Leuchtfeuer und ist seit dessen Automatisierung nicht mehr permanent bewohnt. Einige der Nachfahren der früher hier lebenden Fischer bemühen sich um den Erhalt der historischen Gebäude, diese treffen wir zufällig an und bekommen viel von der Geschichte des Ortes erzählt, unter anderem vom Schiffbruch der Hurtigrutendampfers St. Swithin am 21. Oktober 1962, der zahlreiche Opfer forderte.

Der Himmel ist inzwischen wolkenlos, wir haben die Insel für uns allein und genießen die besondere Atmosphäre dieses abgelegenen Ortes!

Sørgjæslingan

Nach dem Regen in Sørgjæslingan

Am nächsten Morgen ist der Gegenwind kräftiger geworden, wir warten erst mal ab bis der Südwest wieder etwas nachlässt und fahren dann kaum 10 Seemeilen weiter nach Sørgjæslingan; auch diese Insel ist ein alter Fischerort, vor 100 Jahren sollen hier während der Saison mehrere Tausend Menschen gelebt haben – heute unvorstellbar, wenn man die kleine Insel mit ihren wenigen Häusern sieht. Dennoch ist hier mehr los, etliche Sommerhäuser sind bewohnt, und der historische Laden öffnet zweimal täglich für eine Stunde (verkauft aber heutzutage eher Andenken als Lebensmittel).  Ein paar Regenfelder ziehen auf, am Abend setzt sich aber die Sonne nochmal durch und schenkt uns einen Regenbogen.

Villa Hamn

Wieder können wir erst spät aufbrechen, nur 13 Seemeilen liegen vor uns, und bei schwachem Westwind erreichen wir in Richtung Südosten die Festlandküste bei Flatanger bzw. die ihr vorgelagerte Insel Villa. Für die Nacht machen wir fest an einem kleinen Anlegesteg, der für Besucher des Leuchtfeuers Villa gedacht ist; dieses war 1839 als kohlenbefeuerter Leuchtturm erbaut worden und das erste Leuchtfeuer überhaupt in Norwegen nördlich Trondheims.

Am nächsten Morgen scheint auch mal wieder die Sonne, so dass es lohnend erscheint, den gut 100 Meter hohen Berg auf Villa zu besteigen; die Aussicht ist mal wieder toll …

Aussicht vom Villafjellet über die Küstenlandschaft vor Flatanger

Was für ein Unterschied zum Hinweg, als wir uns tagelang bei grauem Himmel und Gegenwind im Schutz der 1000 Inselchen nach Rørvik vorgekämpft haben … so ist es deutlich besser!

Halten

Gegen Mittag legt auch der Wind zu, und so brechen wir auf zur langen Überfahrt nach Halten, einer kleinen Insel, welche das Ende der sich von Frøya im Südwesten herauf erstreckenden Inselkette markiert. 43 Seemeilen lang ist die Überfahrt, und ein zunehmend kräftiger Nordostwind (zum Abend  5 bis 6 Beaufort) schiebt uns herüber – endlich mal wieder machen wir ordentlich Strecke unter Segeln!

Halten empfängt uns mit einer besonderen Atmosphäre der Abgeschiedenheit – hier ist man wirklich weit draußen. Dennoch ist die Insel, wenigstens in den Sommermonaten, bewohnt; der Leuchtturm ist natürlich – wie überall – längst automatisiert.

Überall sehen wir unzählige Seevögel, und auch ein paar Papageientaucher – nach denen wir doch so lange gesucht haben – spazieren einfach so auf der Hafenmole herum …

Mausundvær

Auch der Freitagnachmittag hält noch etwas Nordostwind für uns bereit, so dass wir 27 Seemeilen die Inselkette entlang bis Mausundvær segeln können. Es ist auch den ganzen Tag sonnig, dennoch ist es im Wind kalt, und die vorm Wind weit offen stehenden Segel werfen auch noch Schatten aufs Boot. Erst in der Windabdeckung des alten Fischereihafens ändert sich das schlagartig, und wir verbringen einen schönen, langen Abend bei sommerlichen Temperaturen und Rosé im Cockpit unseres norwegischen Nachbarn von der ‚Fri‘.

Sula

Leuchtfeuer Sula

Samstag dreht der Wind zunehmend auf Ost und wird wieder stärker; wir erledigen noch Einkäufe und fahren dann noch ein kleines Stück weiter nach Sula, wo wir den für den kommenden Tag angesagten Frontendurchzug abwarten wollen.

Erst mal aber scheint noch prächtig die Sonne, es wird annähernd 30 Grad warm, und das an einem Haus gesehene Schild ‚Costa del Sula‘ bestimmt das Motto des Abends.

Am Sonntag ist es dann tatsächlich regnerisch und der Wind dreht auf Südwest – ein Hafentag, der es auch erlaubt endlich mal den Reisebericht weiterzuschreiben 🙂

Veiholmen

Im inneren Hafen von Veiholmen

Am nächsten Tag ist das schöne Wetter zurück, wir verlassen Sula und fahren bei wenig Wind auf die Insel Veiholmen, nördlich Smøla; noch ein kleiner Fischerort mit einem äußerst verwinkelten Hafen – mehrmals denkt man, es ginge nicht mehr weiter, um dann unmittelbar vor einem Felsen rechtwinklig abzubiegen. Gutes Angelglück unterwegs beschert uns ein Abendessen frisch vom Grill, und der Ort mit all seinen gepflegten Holzhäusern ist hübsch anzusehen.

Grip

Grip – wenn der tägliche Ausflugsdampfer abgelegt hat herrscht hier Ruhe …

Am letzten Tag des Monats geht es schließlich (mit ebenso wenig Wind wie am Vortag) nach Grip – wieder eine alte Fischersiedlung auf den Außenschären vor Kristiansund. Hier ist allerdings deutlich weniger los als auf Veiholmen – kein Geschäft und keine permanente Besiedlung, aber auch hier sind die alten Häuser als Sommerhäuser liebevoll restauriert.

Helgeland (10.07. – 21.07.)

Selvågen / Fleina

Der Küstenabschnitt, der nun vor uns liegt, gehört zum Helgeland, dem südlichen Teil der norwegischen Provinz Nordland; vor der Christianisierung Norwegens war dies mal ein eigenes Königreich, welches in vielen der alten nordischen Sagas eine Rolle spielt.

Blick von Selvågen auf Fugløya

Über 30 Seemeilen fahren wir bei wenig Wind und ruhigem Wasser durch diese von unzähligen Inseln vorm Panorama der Gebirge auf dem Festland geprägte Landschaft; am Abend ankern wir wieder, diesmal in der Bucht Selvågen auf der Insel Fleina. Die Ankerbucht ist nicht ganz so spektakulär wie die letzte, bietet aber dafür einen schönen Blick auf die Nordseite der Insel Fugløy – diejenige, von der aus wir vor genau einem Monat die Überfahrt auf die Lofoten unternommen haben; hier schließt sich somit der Kreis …

Bolga

Kurz nach dem Aufbruch am nächsten Tag kreuzen wir also unser Fahrwasser vom Hinweg; ansonsten führt uns der Weg wie am Vortag weiter Richtung Süden, diesmal sogar mit raumem Wind unter Segeln. Am Horizont zeichnet sich bereits der Svartisen-Gletscher ab, welchen wir am nächsten Tag besuchen wollen.

Engen / Holandsfjord

Es sind von Bolga aus nur 15 Seemeilen in den Holandsfjord hinein bis Engen, wo der Engabreen, einer der vielen Ausläufer des Svartisen-Gletschers, fast bis an den Meeresspiegel heranreicht. Seit Tagen versprechen die Meteorologen vom norwegischen Wetterdienst für den Donnerstag blendendes Wetter: wolkenlose Sonne rund um die Uhr. Entsprechend erstaunt sind wir, als wir nach dem Aufstehen nur eine einzige, durchgängige Wolkendecke sehen … schnell nochmal die Vorhersagen aktualisiert, aber es bleibt dabei: während draußen alles grau ist, behaupten die Wettertrolle unverändert, dass zur jetzigen Zeit an ebendiesem Ort die Sonne strahlt … na, dann kann es sich ja nur um ein lokales Phänomen handeln, denken wir, und fahren die 15 Seemeilen in den Fjord. Dabei ändert sich aber nichts: den gesamten Tag sehen wir kein noch so kleines Stückchen Himmel und keinen Sonnenstrahl, während die laufend aktualisierten Wetterberichte im Internet unverändert von strahlendem Sonnenschein künden. Offenbar muss es ein zweites Norwegen in einem Paralleluniversum geben, für das der Wetterbericht gemacht ist …

Am kommenden Morgen ist das Wetter zwar alles andere als schön, aber wenigstens hängen die Wolken etwas höher, so dass man wenigstens die Gletscherzunge erkennen kann.

Wir verabschieden uns mit diesem Anblick und fahren zurück Richtung Meer, an Bolga vorbei und weit hinaus bis zur kleinen Insel

Myken

Myken: klein, aber fein

Früher ein Zufluchtsort für die Fischer, zählt die Insel heute noch 9 feste Einwohner – und zahlreiche Sommerhäuser. Immerhin befindet sich hier auch die nördlichste Whiskybrennerei der Welt, und die einzige oberhalb des Polarkreises …

Am Samstag setzen wir unseren Weg gen Süden fort, weiter entlang der äußersten Kette vorgelagerter Inseln; nächstes Ziel ist

Træna

Die markanten Gipfel von Sanna / Træna

eine weitaus bevölkerungsreichere Inselgruppe mit immerhin 456 Einwohnern – verteilt auf die 5 bewohnten von insgesamt über 1000 Inseln und Inselchen … dafür wurden auf Træna aber schon 9000 Jahre alte Besiedelungsspuren gefunden, mit die ältesten in ganz Norwegen.

Damit überschreiten wir auch wieder den Polarkreis – und auf dem Weg nach Süden werden nun die Nächte auch wieder spürbar länger, aktuell geht die Sonne schon für gut zwei Stunden unter. Dies sind aber eher theoretische Werte, denn das Wetter ist anhaltend schlecht, die Sonne lässt sich eh nicht blicken; am Sonntag bläst es dann auch noch mit über 20 Knoten aus Südsüdwest, so dass wir den Tag im Hafen verbringen.

Am Montag den 16. scheint erfreulicherweise endlich mal wieder die Sonne, so dass sich Træna zum Abschied nochmal in seiner ganzen Pracht zeigt. Den ganzen Tag sieht man am Horizont die drei Gipfel immer kleiner werden, bis sie sich schließlich wie ein Scherenschnitt vom Horizont abheben. Wir setzen über nach

Lovund

ein weiteres kleines Inselchen mit einem beeindruckend großen Berg darauf. Hier soll es mal wieder eine große Population an Papageientauchern geben: 40.000 Brutpaare, von denen wir – wie immer – keine Feder zu sehen bekommen. Dafür bietet Lovund aber schöne Wanderwege – und einen tollen Sonnenuntergang!

Skagavågen / Dønna

Dønnmannen (858 m)

Nächste Station ist die Ankerbucht Skagavågen auf der Insel Dønna; es ist zunächst nur schwach windig, und wir fahren erst gegen Mittag in Lovund los, aber dann weht für den Rest des Tages ein beständiger Wind aus Nordnordost mit 8 bis 10 Knoten – genug, um die gut 20 Seemeilen unter ausgebaumtem Gennaker zurücklegen zu können, bei fast glatter See im Schutz der zahlreichen Schären und strahlender Sonne – so macht das Spaß! Von der Ankerbucht aus haben wir einen Auslick auf den größten Berg der Insel Dønna, den Dønnmannen.

Brasøy

Am folgenden Tag geht es weiter nach Brasøy, eine kleine Ansiedlung verteilt über ein paar Inseln südlich von Dønna, die immerhin über einen Bootsverein und einen Gästesteg verfügt – für den Abend ist nämlich ein Kaltfrontdurchzug angesagt, und den wollen wir lieber fest am Steg erleben. Es weht und regnet dann auch ergiebig, aber am nächsten Vormittag ist es wieder trocken, und nachdem wir uns noch im Miniladen versorgt haben, fahren wir weiter gen Südwesten bis

Hamnøya / Vega

einer Ankerbucht im Südwesten der Insel Vega. Im weiten Umkreis finden sich keine Spuren menschlicher Aktivität – keine Sommerhäuser, Stromleitungen, noch nicht mal Pfade an Land. Pünktlich zur Ankunft ist auch der Himmel endlich aufgerissen, und so genießen wir die Abgeschiedenheit und den nächsten Sonnenuntergang …

Die wildromantische Ankerbucht Hamnøya auf Vega

Am folgenden Tag steht Kontrastprogramm an: wir fahren nach

Brønnøysund

Vollbesetzter Gästehafen von Brønnøysund

obwohl wir schon auf dem Hinweg hier waren; aber die Einkaufsmöglichkeiten und vor allem die im Liegegeld eingeschlossene Benutzung von Waschmaschine und Trockner sind verlockend. Aber was für eine Überraschung: während im Juni der Gästehafen ruhig und überschaubar war, platzt er jetzt aus allen Nähten; unzählige Boote kommen und gehen und konkurrieren um zu wenige Liegeplätze. So eine Unruhe sind wir nicht mehr gewohnt …

Aber wir decken uns mit Frischwaren ein und lassen die Waschmaschine mehrmals für uns arbeiten, tanken am nächsten Tag noch etwas Diesel und fahren dann weiter bis

Vågøya / Lyngværet

Ein Schwimmsteg in doppelter Hinsicht …

Unser ‚Cruising Guide‘ verspricht hier eine gute Ankerbucht; umso erstaunter sind wir, als wir – gut geschützt im Sund zwischen zwei Schären – einen frei schwimmenden Steg mit Picknicktisch und Grill finden! Kurz nach uns trifft noch ein norwegischer Katamaran ein und macht an der anderen Seite der Plattform fest; so genießen wir den letzten Abend im schönen Helgeland, bevor es am nächsten Tag weiter gen Süden geht.

Durch den Raftsund Richtung Bodø (04.07. – 09.07.)

Raftsund und Trollfjord

Einfahrt in den Trollfjord

Direkt südlich des letzten Ankerplatzes liegt die Einfahrt in den Raftsund, eine die Lofotenkette zwischen Austvågøya und Hinnøya durchschneidende Meerenge. Auch hier setzt gezeitenabhängig ein Strom von bis zu 4 Knoten, den es zu berücksichtigen gilt.

Wir kommen zur richtigen Zeit und gleiten so zügig unter der Raftsundbrücke und durch die Engstelle hindurch. Auf etwa halber Länge  zweigt ein kleiner Seitenarm nach Westen ab, der Trollfjord. Hier fand um 1880 ein geschichtliches Ereignis statt: die ‚Schlacht am Trollfjord‘. Dabei versuchte die aufkommende industrielle Fischerei mit ihren Dampfschiffen den traditionellen Lofotenfischern in ihren Ruderbooten der Zutritt zum Fjord zu verwehren, um ihn mit großen Senknetzen selbst leerfischen zu können; die Fischer wehrten sich, enterten die Dampfer und erzwangen den Zutritt – man sollte eben Wikinger nicht provozieren …

Der Trollfjord

Heute geht es hier friedlicher zu, am Ende des Fjordes liegt ein kleines Wasserkraftwerk, dessen Steganlagen kostenlos von Sportbooten genutzt werden dürfen, solange sie den Arbeitsbooten nicht im Weg sind . Zweimal täglich kann man das Spektakel bewundern, wenn die Hurtigrutenschiffe durch die nur 100 Meter breite Einfahrt in den Fjord kommen – und neben den 1000 Meter aufsteigenden Felswänden äußerst klein aussehen. Sie wenden im breiteren Ende – immer noch auf sehr engem Raum – und fahren wieder heraus, nachdem die Fahrgäste ihre Fotos gemacht haben.

Im Raftsund

Wir übernachten an der Wasserkraftstation und fahren am nächsten Mittag – wieder mit südsetzendem Strom – weiter durch den Raftsund. Nicht nur der Trollfjord, auch die restliche Strecke ist landschaftlich sehr reizvoll: immer säumen schroffe, schneebedeckte Berge das tiefblaue Wasser. Selbst Kaiser Wilhelm II. hat hier schon seinen Urlaub verbracht und die Berge bestiegen, im kleinen Ort Digermulen am Südende des Raftsundes heißt der Hausberg heute noch ‚Keiservarden‘.

Wir fahren noch ein kleines Stück weiter und übernachten in einer hübschen Naturbucht, der Gullvika, zur Abwechslung mal wieder bei Grillwetter.

Skrova

Von dort ist es dann am nächsten Tag nicht mehr weit bis Skrova, einem alten Fischer- und Walfängerdorf, verstreut über einige Schäreninseln liegend. Für uns ist es die letzte Station auf den Lofoten, denn schon am nächsten Tag wollen wir den Vestfjord überqueren und wieder die Festlandküste erreichen.

Nordskot

So kommt es dann auch, der Samstag beschert halbwegs brauchbaren Wind und immerhin trockenes Wetter, und so segeln wir zurück über den Vestfjord, der an dieser Stelle nur noch 20 Seemeilen breit ist. Am frühen Nachmittag erreichen wir den kleinen Ort Nordskot an der Festlandsküste, wo der örtliche Bootsverein einen Gästeanleger unterhält. Es gibt auch einen kleinen Laden, der hat aber am Samstagnachmittag schon geschlossen – offenbar haben wir die touristischen Schwerpunkte nun hinter uns gelassen. Weniger schön ist es hier deswegen nicht …

Blick über die Bucht von Nordskot

Am Sonntag ist es regnerisch, wir bleiben im Hafen; Montagmorgen hat auch der Laden wieder geöffnet und beschert uns die erste Dusche seit zwei Wochen 🙂

Frisch und sauber machen wir uns auf den Weg nach Südwesten – natürlich mit Gegenwind. So erreichen wir erst gegen Abend die Ankerbucht bei

Osholmen

vor der Insel Landegode, welche mit ihren markanten Gipfeln schon aus weiter Ferne zu sehen ist; kaum ist der Anker eingefahren kommt auch endlich die Sonne raus und schenkt uns einen langen Abend im Cockpit – und wahrscheinlich den letzten mit Mitternachtssonne, denn wir fahren nun doch zügig Richtung Polarkreis, und Mittsommer liegt auch schon ein paar Wochen zurück …

Still liegt die Ankerbucht im Schein der Mitternachtssonne

Vesterålen (28.06. – 03.07.)

Nordvågen

Am Donnerstag den 28. verlassen wir Laukvik und damit die Lofoten; nur etwa 20 Seemeilen lang ist die Überfahrt zum Eidsfjord, welcher sich tief in die Vesterålen-Insel Langøya erstreckt. Das Wetter ist auch ganz passabel, wir kommen sogar bei Sonnenschein in der gut geschützten Ankerbucht Nordvågen an; am nächsten Tag regnet es aber schon wieder ergiebig, so dass wir den Freitag dort ohne Landausflug an Bord verbringen.

Stokmarknes

Samstag ist es wieder freundlicher, und vor allem die Aussichten für Sonntag und Montag sind gut, so dass wir den Anker lichten und weiter Richtung Hinnøya fahren; dabei kommen wir gegen Mittag an Stokmarknes auf Hadseløy vorbei, wo wir Station machen.

Das Hurtigruten-Museum mit der ‚Finnmarken‘ in Stokmarknes

Stokmarknes ist der Geburtsort der Hurtigruten; hier begründete 1893 der Kapitän Richard With die weltberühmte Postschifflinie, deren Schiffe bis heute die norwegische Küste zwischen Bergen und Kirkenes befahren. In einem Museum, zu dem auch die an Land gezogene, 1963 gebaute ‚Finnmarken‘ gehört, kann man sich über die Geschichte der Hurtigruten informieren.

Ansonsten ist Stokmarknes mit gut 3000 Einwohnern übersichtlich, und wir fahren am Nachmittag weiter in den

Lonkanfjord

Lonkanfjord mit Møysalen

an dessen südöstlichem Ende wir schließlich wieder den Anker werfen.

Der Fjord erstreckt sich einige Seemeilen durch grüne, dicht bewaldete Hügel von nur einigen 100 Metern Höhe, endet aber vor schroffen Bergen, die vom Møysalen, dem mit 1262 Metern höchsten Berg der Lofoten und Vesterålen, überragt werden. Da uns am Sonntagmorgen ein wolkenloser Himmel begrüßt, beschließen wir eine Wanderung in die Berge.

Der Weg ist abwechslungsreich, man erlebt die völlig unterschiedlichen Höhenabschnitte; auf gut 900 Metern Höhe erreichen wir einen Vorgipfel, der schon eine tolle Aussicht über die Inselwelten und das Gebirge bietet.

Blick auf den Møysalen (1262 m)

Auf die letzten 300 Höhenmeter bis auf den Møysalen müssen wir verzichten, denn der Rest des Weges erfordert Steigeisen und Seilsicherung, aber wir sind auch so begeistert von der Wanderung.

Auch am Montag ist der Himmel zunächst noch wolkenlos, und so fahren wir nur ein kleines Stück aus dem Fjord wieder heraus und ankern erneut in

Brottøya / Skipøyosen

Die kleine Insel liegt direkt vor dem Eingang in den Raftsund, der Richtung Süden wieder durch die Lofoten in den Vestfjord führt und bietet eine Ankerbucht mit Sandstrand und in allen Türkis- und Blautönen schimmerndem Wasser – ein idealer Ort zur Erholung von der Bergtour am Vortag, zum Grillen und zum Genießen der Mitternachtssonne – bislang hat die sich ja immer hinter Wolken oder Bergen versteckt. Zwar tauchen gegen Abend Wolken auf, aber die lassen den mitternächtlichen Himmel nur noch spektakulärer aussehen …

Kaum zu glauben, wie gewaltig der Wetterunterschied ist: bei bedecktem Himmel und Regen ist es kalt hier, die Mittagstemperaturen erreichen kaum 10 Grad; wenn aber der Himmel wolkenlos ist, verdoppeln sich die Temperaturen innerhalb eines Tages (die Sonne hat ja auch 24 Stunden Zeit dafür …), und am Nachmittag ist es hochsommerlich.

Am Dienstag ist es aber auch schon wieder vorbei damit, die Wolken vom Vorabend haben Regen und Wind gebracht – da bleiben wir besser noch einen Tag hier vor Anker, bis wir in den Raftsund fahren.

Lofoten (12.06. – 27.06.)

Røst

Gut 50 Seemeilen sind es von Fugløya über den Vestfjord nach Røst am südlichwestlichen Ende der Lofotenkette – nicht ganz am Ende, es gibt noch ein paar kleinere Inseln, auf denen es aber keine Häfen oder Bewohner gibt.  Der Vestfjord genießt keinen guten Ruf hinsichtlich der häufig herrschenden Seeverhältnisse, und obwohl wir uns ruhiges Wetter für die Überfahrt ausgesucht haben werden wir mit einer kurzen, steilen und zum Teil erstaunlich hohen Welle konfrontiert. Auf der ersten Hälfte der Überfahrt haben wir – entgegen der Wettervorhersage – kaum Wind, dann kommen 3-5 Beaufort aus Nordnordwest auf; angesagt waren ganztägig Nordnordost 4. So wird die Überfahrt also länger und anstrengender als erwartet, und nach 12 Stunden sind wir froh, als wir im Hafen von Røst festmachen können.

Am nächsten Morgen wundern wir uns über zahlreiche Menschen auf der Mole; der Anlass ist schnell herausgefunden: am 13. Juni 2018 besucht das norwegische Königspaar die Insel! Harald und Sonja reisen mit dem königlichen Dampfer an und werden mit der Barkasse etwa 25 Meter Luftlinie von der ‚Orion‘ entfernt an Land gesetzt – ohne dass vorher ein Sicherheitskommando unser Boot durchsucht hätte, hier läuft so etwas wohl entspannter. Das finden wir aber nett, dass die sich extra für unseren Besuch die Mühe gemacht haben!

Wir wandern über die Insel und finden überall den Dorsch der letzten Fangsaison, paarweise zum Trocknen auf endlosen Holzgestellen aufgehängt: Stockfisch, den wichtigsten Exportartikel der Lofoten. Überhaupt ist die ganze Insel noch sehr stark vom Fischfang geprägt, der hier noch echte Lebensgrundlage ist und nicht nur zum touristischen Flair beiträgt . Ansonsten ragt der Archipel kaum aus dem Meer auf, in starkem Kontrast zu den steil aufragenden nördlichen und südlichen Nachbarinseln, die sich am Horizont abzeichnen.

Am Donnerstag verlassen wir Røst und wollen weiter zur nächsten Insel:

Værøy

Bei der Überfahrt kommt der Wind schon deutlich stärker und ungünstiger als die Wettervorhersagen es versprochen haben, und am Abend bricht dann der Sturm los: ein – für diese Jahreszeit – ungewöhnliches Sturmtief zieht vor den Lofoten nach Norden und bringt mittlere Winde um 40 Knoten. Wir ziehen den Kopf ein und verstecken uns zwei Tage an Bord, wo wir – gut geschützt im tief ins Land ragenden Hafen – in den Böen bis 60 Knoten Wind messen: Windstärke 11! Die ‚Orion‘ legt sich auf die Seite als würde sie hoch am Wind segeln, die Gischt fliegt waagerecht übers Wasser, und die insgesamt 6 Festmacher haben alle Mühe uns zu halten … ein Erlebnis, welches man nicht auf dem Meer wiederholen möchte!

Am Sonntag ist der Sturm endlich abgeflaut, und endlich scheint mal wieder die Sonne; wir brechen auf in die Berge, denn im Gegensatz zu Røst hat Værøy davon einige zu bieten …

Panoramablick über Værøy vom Hornet

Der Ort Sørland mit dem Hafen wird von drei Seiten von Bergrücken eingeschlossen; wir erklimmen den knapp 440 Meter hohen Håen, von dem aus man einen Postkartenblick auf die südliche Halbinsel mit dem Måhornet und die eingeschlossene Bucht Måstadvika werfen kann. Auf dem Rückweg wandern wir auf dem Bergrücken entlang über den Berg in der Inselmitte und sehen am Horizont schon die Insel Moskenes, unser nächstes Ziel …

Reine

Am 18. verlassen wir Værøy und segeln 23 Seemeilen bis zur Insel Moskenes; dabei passieren wir die berühmt-berüchtigte Meerenge zwischen den Inseln, den Moskenstraumen, ein Gebiet mit zu den weltweit stärksten zählenden Gezeitenströmen auf offener See, welches die reale Vorlage für den ‚Mahlstrom‘ in den Geschichten von Jules Verne, Edgar Alan Poe oder auch Friedrich Schiller bildete. Ganz so dramatisch wie in der Literatur sieht es in der Realität nicht aus, aber in Spitzenzeiten soll der Höhenunterschied des Meeresspiegels im Vestfjord und draußen auf der Barentssee bis zu 5 Meter betragen, was zu Strömungsgeschwindigkeiten von 8 bis 10 Knoten und Wirbeln mit mehreren Dutzend Metern Durchmesser führen kann.

Die Insel Mosken, namensgebend für den Moskenstraumen

Wir sind bei ruhigen Bedingungen unterwegs, und doch bemerken wir urplötzlich, dass die See extrem kabbelig wird; eine halbe Stunde dauert der Spuk, dann ist alles wieder normal. Wir laufen auf etwa der Hälfte von Moskenes den Hafen von Reine an, ein altes Fischerdorf mit 300 Einwohnern und jährlich Tausenden von Besuchern . Wirklich malerisch ist die Lage vor grandioser Bergkulisse, und die ‚Rorbuer‘ (dt. Rudererhütten), die liebevoll restaurierten und heute als (teure) Touristenunterkünfte dienenden alten Hütten der Fischerbootsbesatzungen, tragen zur vollendeten Postkartenidylle bei.

Obligatorisch ist die Wanderung auf den Reinebringen, von dem aus man den besten Blick über Fjord und Berge haben soll; leider meint es das Wetter am nächsten Tag gar nicht gut mit uns, so dass wir an Bord bleiben. Am Mittwoch versprechen die Meteorologen aber mehr Sonne und wir machen uns auf den anstrengenden, steilen Weg – nur um in dichten Wolken anzukommen. Aber nach einer halben Stunde Wartezeit reißt es etwas auf – nicht genug für ein Postkartenfoto, aber immerhin kann man Reine sehen.

Der Donnerstag bringt wieder nur Regen und einen Tag an Bord – und das ausgerechnet an Mittsommer! Da wir aber seit Wochen keine Dunkelheit mehr erlebt haben verliert dieser Tag hier etwas an Bedeutung …

Am Freitag sieht es wieder besser aus: wir fahren mit den Rädern bis Sørvågen und machen uns dort auf zu einer Wanderung auf den Berg  Djupfjordheia, der mit gut 500 Metern schon eine tolle Aussicht bietet. Auch der Weg selbst ist abwechslungsreich und schön zu laufen, wir möchten gar nicht wieder zurückgehen!

Panormablick vom Djupfjordheia

Reine zeigt sich von seiner besten Seite

Samstag ist es wieder grau, windig  und regnerisch; wir beschließen den Tag noch in Reine an Bord zu verbringen und erst Sonntag weiterzuziehen. Tatsächlich lässt sich am Sonntagmorgen die Sonne wieder blicken, und Reine bietet uns doch noch einmal die Perspektiven, für die es berühmt ist …

Die vorbeiziehenden Inseln bieten einen spektakulären Anblick

Die nächste Insel in der Lofotenkette, Flakstadøya, lassen wir an Backbord liegen; mit Nusfjord bietet sie zwar ein vielversprechendes Ziel, aber das wären nur 8 Seemeilen von Reine, und der Wind weht so schön mit 5 Beaufort aus Südsüdwest … und so fahren wir also weiter, während neben uns ein Gipfel nach dem anderen wolkenumkrönt leuchtet, und laufen nach 24 Seemeilen

Stamsund

auf Vestvågøya an. Der Ort ist recht unspektakulär, dafür begegnen wir seit längerer Zeit mal wieder einem Schiff der Hurtigruten – Stamsund ist der erste Hafen auf den Lofoten, der auf deren Route gen Norden liegt. Und nicht zu vergessen, der Anleger gehört zu einem Hotel-Restaurant und bietet daher – für uns erstmals auf den Lofoten – eine heiße Dusche!

Nach dem Genuss dieser Annehmlichkeit brechen wir am Montag wieder auf und legen gut 10 Seemeilen bis

Henningsvær

auf Austvågøy bei immer mehr zunehmendem Wind zurück; für die kommende Nacht und den nächsten Tag ist mal wieder ein Südweststurm angesagt. Wir verstecken uns im Hafen von Henningsvær direkt hinter einer aus beeindruckend großen Felsbrocken gebauten Mole und liegen dort perfekt im Windschatten, so dass wir von diesem Sturm deutlich weniger mitbekommen als vorletzte Woche in Værøy. Am Dienstagabend kommt sogar die Sonne raus und erlaubt uns noch einen Spaziergang durch Henningsvær; auch dieser Ort ist fest in der Hand der Touristen, gleichzeitig aber auch noch ein aktiver Fischereihafen.

Laukvik

Am Mittwochmorgen ist auch dieser Sturm vorübergezogen, und wir brechen wieder auf; vor uns liegt der Gimsøysund, eine Meerenge zwischen den Inseln Vestvågøy und Austvågøy. Tidenabhängig setzt hier der Strom mit über 4 Knoten; wir sind zur richtigen Zeit da und werden rasch Richtung Norden geschoben. Damit sind wir auf der Außenseite der Lofotenkette, von wo wir zu den Vesterålen übersetzen wollen; wir suchen aber noch einen Hafen zum Übernachten auf – Laukvik, ein winziger Ort, dessen Mittelpunkt von einem 100 m²-Supermarkt gebildet wird. In norwegischen Dimensionen also eine Kleinstadt …