Lockdown auf Astypalaia (07.11. – …)

Noch am Freitagnachmittag besucht uns ein Beamter von der lokalen Polizei, um uns in flüssigstem Englisch über den bevorstehenden Lockdown zu informieren: alle Geschäfte bis auf Lebensmittelläden sind geschlossen, es besteht allgemeine Maskenpflicht auch im Freien, und man darf nicht mehr grundlos seine Wohnung verlassen. Die Liste der möglichen Gründe ist aber um einen entscheidenden Punkt länger als seinerzeit in Spanien: Ausübung körperlicher Betätigung im Freien, mit bis zu zwei Personen, ist erlaubt – man muss sich nur selbst eine Genehmigung ausstellen: ein Zettel, auf den man Name, Anschrift, Ausgangszeit und -grund schreibt, genügt! Davon konnten wir auf Ibiza nur träumen …

Die Corona-Gestrandeten im Hafen von Astypalaia

Auch weiteren, stark von den Erlebnissen im Frühjahr beeinflussten Fragen begegnet der junge Mann mit merklichem Erstaunen: ja, natürlich dürfen wir den Hafen jederzeit verlassen, um irgendwo in der Nähe zu ankern, dabei käme man ja schließlich nicht mit anderen Menschen in Kontakt; und ja, selbstverständlich dürften wir dann dennoch jederzeit zurückkommen, um Schutz zu suchen, einzukaufen oder Wasser zu bunkern; genauso dürften wir auch die ganze Zeit bleiben wenn uns das lieber sei, und kostenlos sei das alles ohnehin – dies sei ja schließlich ein Schutzhafen, dafür sei er ja da. Der Beamte zeigt auch keinerlei Ambitionen, sich irgendwelche Ausweise oder Bootspapiere zeigen zu lassen oder diese gar zu fotokopieren, und freundlich ist er ohnehin – so unterschiedlich kann man also in verschiedenen Ländern mit ein und derselben Problematik umgehen; wir bedanken uns herzlich und denken im Stillen: dreitausend Jahre Zivilisation hinterlassen eben doch ihre Spuren!

Wir ergänzen also noch einige Vorräte und richten uns auf einen mehrwöchigen Aufenthalt in den Gewässern um Astypalaia ein; im Prinzip dürften wir sogar weitersegeln, aber andere Inseln zu besuchen, auf denen man sich dann nichts anschauen kann, erscheint auch nicht so sinnvoll, und dieser Flecken Erde lädt durchaus zum Verweilen ein: es gibt eine große Auswahl an schönen und sicheren Ankerbuchten, und die ganze Stimmung ist sehr entspannt. Am Montag verlassen wir den Hafen, denn es soll wieder windiger werden, und wir fanden es wesentlich angenehmer, letzte Woche bei Starkwind vor Analipsi zu ankern, als am Wochenende im kabbeligen Hafen in die Festmacher zu rucken.

Schöne Aussicht: Abendstimmung über der Bucht von Analipsi

Genau dorthin segeln wir auch zurück und verbringen den Rest der Woche bei meistens sonnigem Wetter und spätsommerlichen Temperaturen (für deutsche Verhältnisse) vor Anker. Der Minimarkt im Dorf ist weiter geöffnet, und man kennt sich bald besser, so dass wir auf Bestellung auch frische Backwaren bekommen, die aus der Chora geliefert werden. Die Besitzerin hat immer Zeit für ein nettes Gespräch und erzählt davon, wie schwer dieses Jahr für die Inselbewohner wat, weil kaum Touristen gekommen sind; hier hat man das Gefühl, dass neben den praktischen Reisebeschränkungen auch die Angst vor möglichen Gefahren viele Ausländer von einer Griechenlandreise abgehalten hat. So stellt sich heraus, dass viele Einheimische ihre Masken aufsetzen, um uns Ausländer nicht abzuschrecken – selbst hält man hier nicht so viel davon … nun, kein Kunststück auf einer 1400-Einwohner-Insel ohne Kontakt zum Rest der Welt, auf der es keinen einzigen (!) Infizierten gab oder gibt, die Sache entspannt zu sehen. Einmal am Tag fährt der Inselpolizist seine Runde und wird vorher per Telefonkette angekündigt, so dass alle schnell ihre Masken aufsetzen können, ihm freundlich zuwinken – und danach die Angelegenheit wieder bis zum kommenden Tag vergessen können. Es würde uns nicht wundern, wenn man mit dem richtigen Klopfzeichen an der Hintertür abends auch Einlass in der Taverne findet …

Inzwischen haben wir auch Gesellschaft bekommen, die österreichische Yacht ‚Vitamine‘ ankert neben uns, und da sich – schon wieder ganz anders als im Frühjahr vor Sant Antoni – wirklich kein Mensch dafür interessiert, was die Segler so untereinander treiben, können wir das eine oder andere Glas Wein zusammen trinken und Seemannsgarn spinnen 🙂

Am 16. November, nach genau einer Woche vor Analipsi, entscheiden wir uns, mal wieder für eine Nacht in den kaum drei Seemeilen entfernten Hafen zu fahren, denn wir müssen Trinkwasser bunkern. Dort erwartet uns eine Überrschung: wir haben die Leinen noch nicht fest, und der Motor läuft noch, als zwei Uniformierte in heller Aufregung auf uns zulaufen und erklären, wir müssten sofort wieder ablegen! Es stellt sich heraus, dass diese nichts davon wussten, dass wir schon seit 14 Tagen auf der Insel sind und dachten, wir kämen von anderswo und hätten womöglich Viren an Bord. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten am nächsten Morgen bringt endgültig Rechtssicherheit: es bleibt dabei, wir dürfen kommen und gehen wie wir wollen, solange wir nicht zwischendurch andere Inseln anlaufen. Mit Regeln, die in einem Sinnzusammenhang mit der Virusausbreitung stehen, können wir ja gut leben, also ist wieder alles gut, und wir wollen auch gleich wieder auslaufen, da die kommende Nacht ausnahmsweise mal schwach windig werden soll und wir so zur Abwechslung eine kleinere Ankerbucht besuchen können.

Ormos Lanta / Kounoupoi

Wir segeln zur kleinen Insel Kounoupoi ganz im Südosten des Astypalaia-Archipels; diese bietet zwei wunderschöne Ankerbuchten, offen nach Osten und Westen, getrennt nur von einem Kiesstrand. Wir entscheiden uns für die westliche Bucht, Ormos Lanta, und ankern auf 5 m Tiefe in perfekt klarem Wasser. Die Insel ist unbewohnt, wir teilen sie nur mit einigen Ziegen; da diese keine Masken tragen, nutzen auch wir die Gelegenheit für eine Wanderung ohne Ausgangserlaubnis und erfrischen uns anschließend mit einem Sprung ins immer noch 23 Grad warme Wasser. Dabei zeigt sich, dass der Anker auf dem recht felsigen Grund nicht gut eingegraben ist; gleich daneben liegt jedoch ein großer Betonklotz von einer alten Muring in viereinhalb Metern Tiefe auf dem Boden, eben einen langen Festmacher durch die eingegossene Kette gefädelt, und schon liegt die ‚Orion‘ sicher für die Nacht.

Sonnenuntergang vor Astypalaia

Der Abend ist wundervoll, und wir bekommen endlich mal wieder uneingeschränkte Sicht auf den Sonnenuntergang; nur eine kleine Mondsichel erhellt den vollkommen wolkenlosen Himmel, so dass Millionen von Sternen funkeln und die Milchstraße so hell leuchtet, dass man in ihrem Schein lesen zu können meint. Ein kleiner Abstecher, der sich unbedingt gelohnt hat!

Mittwoch müssen wir dennoch wieder zurück nach Analipsi segeln, der Nordwind soll im Laufe des Tages wieder zulegen und dann den Rest der Woche mit den üblichen 6 Beaufort wehen, da wollen wir doch lieber in der geräumigeren Ankerbucht liegen.

So kommt es dann auch – und als Zulage gibt es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag noch schwere Gewitter, die sich über mehrere Stunden genau über dem östlichen Flügel der Insel austoben, also ganz in unserer Nähe. Wenn auch das persönliche Risiko bei Blitzschlag im Inneren eines Stahl- (oder allgemein Metall-)bootes denkbar gering ist, so bedeutet ein Volltreffer dennoch den Totalausfall praktisch sämtlicher Elektronik an Bord – alles andere als eine angenehme Vorstellung, hier Ersatz zu beschaffen wäre fast unmöglich. Aber die ‚Orion‘ bleibt verschont, das Gewitter fordert keine weiteren Opfer als den Schlaf dieser Nacht.

Zum Wochenende wird es wieder sonnig, und wir verbringen angenehme Tage vor Anker – etwas langweilig wird es so langsam aber doch auch … zur ‚Abwechslung‘ fahren wir am Montag mal wieder für eine Nacht in den Inselhafen, um die Batterien zu laden – wenn es schon kostenlos Strom gibt, muss man ja nicht den Generator bemühen. Das Anlegemanöver (rückwärts mit Buganker) wird schon zur Routine, ebenso die Begrüßung durch die schottischen Nachbarn, die seit Beginn des Lockdowns im Hafen ausharren.

Dienstag setzt wieder Nordwind ein, und wir segeln zurück zum Ankerplatz nach Analipsi, wo wir die nächsten zwei Tage bei 6 Windstärken und Sonnenschein die Zeit totschlagen.

Bei herrlichem Wetter runden wir die Südostspitze Astypalaias

Zum nächsten Wochenende – dem dritten des Lockdowns – kommt dann die Nachricht, dass dieser um mindestens eine Woche verlängert wird; nun, wir sind nicht wirklich überrascht. Da außerdem Südwind angekündigt ist – ein absolutes Novum nach vier Wochen Nord – beschließen wir, die ganze Insel zu umrunden und eine Ankerbucht auf der anderen Seite aufzusuchen – die ‚Vitamine‘ ankert dort schon seit ein paar Tagen und vermeldet, dass sich der Ausflug lohnt. Unglaubliche 19 Seemeilen legen wir am Freitag zurück – und bekommen auch noch mehr Abwechslung, als uns lieb ist: auf Amwindkurs reißt das Fall des Code Zero, und das Segel landet im Wasser – nicht zum ersten Mal, aber Ende Mai auf den Balearen war es noch die Umlenkrolle, die aufgegeben hat, nun hat sich das statt dessen über einen Schäkel geführte Fall selbst durchgescheuert.

Die fast völlig abgeschlossene Bucht Vathy (die Zufahrt hinten links im Bild)

Mit tropfnassen 60 Quadratmetern Segeltuch an Deck erreichen wir am Nachmittag die Bucht Vathy. Diese misst in Ost-West-Richtung etwa eine Seemeile, in Nord-Süd-Richtung etwa ein Viertel davon, und ist vollkommen von Bergen umschlossen – bis auf eine schlauchartige Öffnung, die man gerade mit einem Kielboot passieren kann. Schwere See gibt es hier nicht, egal was draußen los ist, und die ganze Bucht hat durchgängig brauchbare Wassertiefen zum Ankern – ein Traum! Einzig die Versorgungslage lässt zu wünschen übrig, der gleichnamige Ort zählt stolze 11 Einwohner, und der nächste Supermarkt ist der uns gut bekannte Laden in Analipsi, nun aber 12 Kilometer und 300 Höhenmeter entfernt – pro Weg, versteht sich.

Der Ort Vathy in seiner ganzen Ausdehnung

Aber erst mal sind wir gut versorgt, und am Samstag ist herrliches Wetter und endlich auch mal nicht so viel Wind – die beste Gelegenheit für eine ausgedehnte Wanderung durch die Berge. Die Lockdown-Regeln geben so ausgedehnte Ausflüge zwar nicht unbedingt her, aber wenn diese in Analipsi schon nicht so ernst genommen wurden, dann hier erst recht nicht – die Anfahrt für den Dorfpolizisten führt schließlich auch über die gleiche Schotterpiste, die wir zum Supermarkt laufen müssten, und das tut er doch nicht grundlos seinem schönen Auto an …

Nach dem Passieren der wenigen Häuser befinden wir uns auch bald mitten in der Wildnis; der Feldweg endet an einer kleinen Kirche, und danach bahnen wir uns unseren Weg durch quadratkilometerweise Ziegenland – absolut nichts deutet darauf hin, dass hier schon einmal Menschen waren, es gibt auch keine Andeutung von Pfaden. Das Vorwärtskommen ist entsprechend mühsam, aber die traumhaften Aussichten über die felsige Landschaft und das glitzernde Meer sowie die sommerliche Wärme belohnen uns reichlich – ein wirklich schöner Tag!

Kein Haus, kein Weg – aber jede Menge Ziegen!
Die Reste der frühzeitlichen Befestigungen

Auch am Sonntagmorgen lässt sich die Sonne noch blicken, und wir können die Halbinsel direkt hinter unserem Ankerplatz erkunden; hier hat man Relikte alter Besiedelung ausgegraben, man erkennt gut die Reste einer imposanten Befestigungsanlage, außerdem hat man Gräber freigelegt. Laut Internetrecherchen datiert man diese auf das späte vierte bis frühe dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, also in den Übergang von der Jungsteinezeit zur Bronzezeit – faszinierend, welche Aktivitäten die Menschen hier schon vor so langer Zeit entfaltet haben, und welch weitreichende Handelsverbindungen es bereits gab, wie man aus den Funden weiß.

Unsere Ankerbucht

Am Sonntagnachmittag setzt dann der erwartete Südwind ein – und bringt Regen mit sich. Wir warten unter Deck auf die Wiederkehr der Sonne …

Die lässt selbst am übernächsten Tag noch auf sich warten, aber der Wind hat auf Nord zurückgedreht, und das nutzen wir, um zurück in den Hafen auf der Südseite der Insel zu segeln – die Batterien haben mal wieder eine Aufladung nötig, und der Kühlschrank ist auch recht leer. Immer noch drohen Schauer, und recht kühl ist es mit 16° auch, so dass wir tatsächlich in den Tiefen der Schränke nach der Ölzeugjacke suchen – in der Kombination mit der Badehose als ‚Mittelmeer-Ölzeug‘ getragen passt das ganz gut zum Wetter.

An der Südwestseite Astypalaias kreuzen wir unseren Kurs vom 1. November

Die Jacke bleibt aber trocken, und auf der Höhe der Südwestseite der Insel kommt auch die Sonne raus – wir haben die etwas längere Route gegen den Uhrzeigersinn gewählt, um nach genau einem Monat die Umrundung von Astypalaia abzuschließen. Nach 25 Seemeilen (das letzte Stück aufgekreuzt) erreichen wir den Hafen und legen an unserem Stammplatz an, wobei die Nachbarin vom schottischen Boot die Leinen entgegennimmt – alles wie immer …

Die nächsten Tage bleiben wir erst mal hier, erledigen die Einkäufe, waschen per Hand ein paar Sachen durch – und warten gespannt auf Nachrichten von der weiteren Entwicklung. Die kommen am Donnerstag – natürlich gibt es die nächste Lockdown-Verlängerung 🙁 Auf Astypalaia ist es ja richtig nett, aber so langsam bereitet uns die Wetterentwicklung Sorge, nach der stabilen Nordlage im November kündigen sich jetzt immer mehr Südstürme an, und die sind hier deutlich gefährlicher als die Windstärke-7-Schönwetter-Meltemis.

Dennoch verlassen die Nachbarn von der ‚Unda‘ den Hafen – sie haben von der Port Police auf Kreta eine Sondererlaubnis zum Einlaufen bekommen (wohl wegen irgendwelcher Passangelegenheiten – mit Corona und Brexit ist man aber auch wirklich doppelt gestraft), und auf den 90 Seemeilen dahin gibt es eh keine Zwischenstopps. Wir aber müssen wohl weiter ausharren und dabei nervös die Wettervorhersagen studieren …

Astypalaia im Adventsschmuck

Unterdessen ist den ganzen Tag das Dorfverschönerungskomitee tätig und schmückt die Uferpromenade und die Kaianlage mit weihnachtlichem Lichterschmuck (unter den Augen der Port Police ohne Masken zu tragen; na ja, wofür auch auf unserer nach wie vor coronafreien Insel). Das passt zwar nicht so ganz zur Witterung – mit dem Scirocco steigen die Temperaturen wieder über 20 Grad – aber wir freuen uns über das beachtliche Engagement in dieser winzigen Gemeinde!

In der Nacht zum Freitag bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf die Verhältnisse im Hafen bei Südwind: draußen haben sich etwa anderthalb Meter Schwell aufgebaut, und im Hafenbecken wird es ganz schön kabbelig – und das bei einer Windgeschwindigkeit von gerade mal 20 Knoten …

Blick über die Chora und den Hafen; in der Bildmitte winzig klein liegt die ‚Orion‘

Zwei Tage später haben sich die Wolken zusammen mit dem Wind weitgehend verzogen, es weht nur noch eine laue Brise aus Südost; für uns eine Gelegenheit, die erlaubte ‚Sportliche Betätigung im Freien‘ mal etwas auszudehnen und eine ganztägige Wanderung über die Insel zu unternehmen. Wir erklimmen zunächst die Bergflanke über dem Hafen und erhalten von dort die ersten tollen Ausblicke über die Chora; die asphaltierte Straße geht wenige Meter nach den letzten Häusern in eine Schotterpiste über, und dabei bleibt es dann auch. Die Masken wandern in die Hosentasche, wir sehen in den nächsten Stunden keine Handvoll Menschen. Das Wetter ist für unsere Vorstellung dieser Jahreszeit – wir schreiben den 5. Dezember – unbeschreiblich: die vom tiefblauen Himmel strahlende Sonne hat noch ordentlich Kraft, der sanfte Wind ist bei Lufttemperaturen deutlich über 20 Grad mehr als willkommen, denn der Schweiß fließt in Strömen, während wir höher und höher in das gebirgige Innere der Insel vordringen. Feinstes T-Shirt-Wetter – wäre es noch wärmer, würde Bergwandern keinen Spaß mehr machen, so ist es perfekt.

Blick nach Osten über Astypalaia; gut zu erkennen die schmale Inselmitte mit den großen Buchten nach Norden und Süden; rechts der Mitte Analipsi, links hinten Vathi

Warum wohl Blau und Weiß die griechischen Farben sind ….

Auch unser Weg ist es: wir bauen langsam und beständig etwa 300 Höhenmeter auf und können dann kilometerweit auf dieser Höhe laufen und die Aussicht genießen. Im Laufe der Wanderung kommen praktisch alle Seiten der äußerst verzweigten Küste mal ins Blickfeld; die Fernsicht ist hervorragend, wir können deutlich im Osten das türkische Festland und im Süden als Andeutung am Horizont sogar die weit entfernte (aber auch sehr hohe) Insel Kreta erkennen. Eigentlich wollten wir nach einigen Kilometern umkehren, aber es gefällt uns so gut, dass wir spontan beschließen, eine große Runde zu gehen, die uns bis in die fast 500 Meter hohen Felsenkämme an der Westküste führt. Die Luft duftet stellenweise so intensiv nach Thymian und Salbei, dass man sich wie mitten in einem Kräutergarten fühlt – ein Traum!

Frühling im Dezember

Am höchsten Punkt unserer Wanderung überwinden wir einen Bergkamm aus steil aufragenden Felsen an einem kleinen Sattel; direkt dahinter finden wir eine hübsche Kapelle über einer sonnenbeschienenen und feuchteren Südwestflanke, auf der unzählige Krokusse blühen – wir fühlen uns in jeder Hinsicht ins Frühjahr versetzt.

Als wir nach knapp 20 Kilometern und 6 Stunden wieder an Bord sind, können wir gar nicht aufhören uns über einen sehr schönen Tag zu freuen – wären nicht die unheilverkündenden Wettervorhersagen, könnte es uns kaum besser gehen als im Lockdown auf Astypalaia

Am Nikolaustag verlassen wir den Hafen wieder, da für den nächsten Tag mal wieder Starkwind aus Süd angekündigt ist; bei (noch) herrlichem Wetter runden wir erneut die Ostseite der Insel und steuern die Bucht Vathi an, die wir ja schon in der Woche zuvor kennengelernt hatten.

Die Kaltfront mit Starkregen und Gewitter ist aber bei weitem nicht das Schlimmste, was der Montag bringt: es wird die Meldung verbreitet, dass das Verbot für Reisen innerhalb Griechenlands bis zum  7. Januar verlängert wird! Und das, während die Wettervorhersagen immer nur mehr Wind und noch mehr Wind vermelden … so langsam fangen wir an, die Situation als wirklich kritisch zu empfinden – und an Absurdität nicht zu überbieten: die ‚Schutzmaßnahmen‘ bringen in einem Gebiet, in dem es überhaupt keine Infizierten gibt, die Gesunden in Lebensgefahr …

Inselspaziergang

Mittwoch ist zur Abwechslung mal wieder ein Schönwettertag mit mäßigem Wind, was wir für einen Landgang nutzen; wir setzen mit dem Dinghi zur Südseite unserer Bucht über und versuchen, von dort einen kürzeren Weg zur Inselmitte zu finden, was uns auch gelingt; so langsam lernen wir wirklich die ganze Insel kennen (die außerhalb der Besiedlungsachse ChoraAnalipsi wirklich praktisch menschenleer ist, von den 11 Einwohnern Vathis abgesehen). Schön ist es hier auch, und nach dem häufigeren Regen der letzten Wochen sprießt sogar überall frischen Grün!

Zum Wochenende wird es wieder regnerischer, erst am Montag dreht der Wind endlich wieder auf Nord – wir wissen ja inzwischen, das bringt beständigeres Wetter! Windiges aber auch – und da es diesmal praktisch keine Lücke mit nutzbarem Wind zwischen Starkwind aus Süd und Starkwind aus Nord gibt, bleiben wir erst mal in Vathi, um feststellen zu können, dass auch der Nordschutz dort sehr gut ist. Somit ist es vor Anker in der Bucht aber auch schwer, die Bedingungen draußen zu beurteilen: am Mittwoch nämlich beschließen wir, wieder die Reise um die Insel anzutreten, da ’nur‘ noch gut 20 Knoten Nordwind angesagt sind. Kaum stecken wie die Nase aus der Einfahrt zur Bucht, zeigt das Anemometer eher 30 Knoten – wahrer Wind, nicht scheinbarer. Und die ersten drei Seemeilen müssen wir nach Norden gegenan …

Angesichts der überschaubaren Distanz beschließen wir trotz der beeindruckenden Wellen, mal ein wenig zu experimentieren, wie man denn ernsthaft bei Windstärke 7 Strecke gegen den Wind machen kann; wir untersuchen drei Möglichkeiten:

    • mit viel Segelfläche: das geht erstaunlich gut – entgegen unserer Erwartung stoppen uns die Wellen keineswegs auf, sondern wir machen bei einem Winkel von 60 Grad zum wahren Wind fast 6 Knoten über Grund. Das hat allerdings seinen Preis: die ‚Orion‘ liegt mit 30 bis 40 Grad auf der Seite (wiederum gemessen, nicht gefühlt – darüber reden wir nicht …), und die durchaus mal 4 Meter messenden Wellen gehen massiv übers gesamte Vorschiff, am Steuerrad kommen die von der Sprayhood abgelenkten Wassermassen dann herunter …
    • mit wenig Segelfläche: das geht erstaunlich schlecht – nur mit Kuttersegel reduziert sich zwar die Lage des Bootes und die Wasserbelastung des Steuermanns drastisch, die Fahrt aber auch, bei gleichem Windwinkel sind kaum noch drei Knoten herauszuholen.
    • unter Maschine gegenan; katastrophal. Gerade mit unserer arg klein bemessenen Schraube bringt der Motor die Kraft nicht aufs Wasser, man hört am Geräusch dass wir nur die See schaumig schlagen; mehr Drehzahl bringt nur mehr Schaum. Die ‚Orion‘ stampft sich mit kaum anderthalb Knoten fest.

Unser Fazit: das Boot kann das verdammt gut, wenn man es entsprechend segelt. Die Crew allerdings braucht definitiv keine 7 Windstärken und dazugehörigen Wellen – die Vorstellung, so statt einer halben Stunde einen ganzen Tag (oder länger) am Steuer zu stehen, ist äußerst abschreckend (von kälterem Wasser als 19 Grad wollen wir mal gar nicht anfangen). Wir müssen wohl doch eingestehen, eher Schönwettersegler zu sein 🙂

Nach dem Runden der Inselspitze sind wir entsprechend froh, abfallen zu können und legen den Rest der Strecke zügig und ohne besondere Vorkommnisse zurück; hinter dem Südostende Astypalaias kommen wir in die Wellenabdeckung, der Wind schafft es aber ganz gut über die Insel: auf Halbwindkurs mit Windstärke 6 und glattem Wasser, ein Traum!

Am Donnerstag bekommen wir Bescheid von der Küstenwache aus Kalamata, wo wir angefragt hatten, ob wir denn unter Umständen dort auch vorzeitig eingelassen würden; nein, keine Chance; und die Tatsache, dass wir seit 7 Wochen vor einer vollkommen virenfreien Insel ankern und somit wohl die uninfektiösesten Menschen Europas sind, spielt dabei auch keine Rolle (wie es ja bei Sachargumenten immer der Fall zu sein scheint, wenn es um Corona geht). Nun ja … die (übrigens ganz ausgesprochen netten und hilfsbereiten!) Kollegen von der lokalen Küstenwache  können daran auch mit ausgedehnten Telefongesprächen nichts ändern, also bleiben wir hier, egal was kommt und wie lange es dauert – vom Problem des Südsturmrisikos mal abgesehen können wir damit ja auch gut leben.

Wir bleiben zwei Nächte im Hafen, am Freitag fahren wir wieder rüber nach Analipsi, um dort zu ankern; der Samstag bringt sonniges Wetter, Sonntag ist es etwas trüber, aber Montag setzt wieder stärkerer Nordwind ein, welcher die Wolken wegpustet.

Nur eine schmale Landbrücke verbindet die beiden Inselhälften

Wir unternehmen eine Wanderung über die Inselmitte zum neueren Fähranleger auf der Nordseite und staunen dabei, wie schmal die Verbindung der beiden Inselhälften tatsächlich ist – viel mehr als eine Straße passt da wirklich nicht drauf! Gäbe es eine Klappbrücke nach holländischem Vorbild, könnte das die Zeit für einen wetterbedingten Wechsel der Inselseite drastisch verkürzen 🙂

Agios Andreas, der neue Fährhafen, hat auf seiner Innsenseite auch Platz für ein paar kleine Boote; mehrere Fischer liegen dort, aber für ein Segelboot wäre gerade noch Platz – für einen möglichen Sturm aus Süd der beste Platz, den wir bislang ausfindig machen konnten. Die Frage, ob man dort denn auch Schutz suchen dürfe, hat übrigens bei der Coast Guard mal wieder Erstaunen ausgelöst: dafür sei ein Hafen doch schließlich da … an unserer deutschen Erwartungshaltung, alles im Zweifelsfall erst mal für verboten zu halten und nur im Ausnahmefall für erlaubt, müssen wir hier doch noch arbeiten, denn in Griechenland ist es eher umgekehrt!

Die ‚Hauptstadt‘ der Insel voraus – T-Shirt-Segeln an Heiligabend

Am Morgen des 24. verlassen wir den Ankerplatz und fahren zurück in den Inselhafen – zum Plätzchenbacken und für die Zubereitung eines opulenten Weihnachtsmenüs lockt der Landstromanschluss 🙂 Das Wetter ist hinreißend: die Luft durchaus kühl, so dass es sich nicht völlig unwinterlich anfühlt, aber die vom unendlich weiten und tiefblauen Himmel strahlende Sonne wärmt so, dass man bequem im T-Shirt segeln kann.

Kaum im Hafen angekommen, knattert ein uns unbekannter Mann auf seinem betagten Moped heran und reicht uns eine Tüte mit selbstgepflückten Orangen und hausgemachtem Gebäck herüber – from the family of my cousin … nun, das engt die Urheberschaft nicht wirklich ein, den jeder Inselbewohner ist Cousin oder Cousine werweißwievielten Grades eines Großteils der jeweils anderen 🙂 Jedenfalls sind wir wirklich ergriffen: wo bekommt man schon Weihnachtsgeschenke von Fremden? Jemandem muss das Schicksal der fern der Heimat gestrandeten Segler wohl zu Herzen gegangen sein! Wir sind einmal mehr aufrichtig beeindruckt davon, mit wieviel Freundlichkeit und Menschlichkeit man uns hier begegnet – in kaum drei Monaten haben die Griechen im Allgemeinen und die Menschen auf Astypalaia im Besonderen unsere Herzen erobert – so vermissen wir zwar unsere Freunde in der Heimat, können uns aber auch auf schöne Weihnachtstage auf unserer Insel am Ende der Welt freuen, die in vielerlei Hinsicht deren wahre Mitte ist …

Schönstes Ausflugswetter am zweiten Weihnachtstag

Den ersten Weihnachtstag verbringen wir hauptsächlich mit Kochen und Backen, am zweiten Weihnachtstag (der zugleich der 50. Tag des Lockdowns ist …) dagegen steht ein sportlicheres Programm an, denn es herrliches Ausflugswetter: bei gut 20 Grad und Sonnenschein wir wandern zur 8 Kilometer entfernten Bucht Vatses, um die Höhe Spilaio Negrou zu erkunden; nach Überwindung von gut 200 Höhenmetern am Strand von Vatses angekommen, müssen wir feststellen, dass sich der Eingang zur Höhle etwa 150 Meter über unseren Köpfen in der Felswand befindet – also gleich wieder steil bergan, und diesmal völlig ohne Weg und Pfad; ohne GPS-Koordinaten (36.516160°N, 26.315150°E) hätten wir den Eingang niemals gefunden …

Hoch überm Strand von Vatses liegt der Eingang zur Tropfsteinhöhle

Der Lohn der Mühe: nach den ersten paar Metern, die man sich gerade eben durch die Felsen quetschen kann, öffnet sich die Höhle und verzweigt in mehrere Richtungen; große Räume mit zahlreichen, farbenprächtigen Stalagtiten tun sich auf. Man kann ziemlich tief in den Berg hinein, die Luft wird dabei immer wärmer und feuchter. Ein großes Abenteuer jedenfalls, soll hier doch ein Piratenschatz versteckt liegen!

Weihnachtlicher Lichterschmuck in der Chora

Leider ohne Schatz geht es dann den Steilhang wieder herunter bis zum Strand, nur um dann die gleichen Höhenmeter auf dem Rückweg wieder hochzusteigen – der direkte Weg auf gleicher Höhe ist höchstens für Freiwandkletterer gangbar, so schroff ist das Gelände. Nach fast sieben Stunden erreichen wir wieder die ‚Orion‘, die brav im Hafen gewartet hat. Es ist schon nach Sonnenuntergang, und so können wir uns noch am stimmungsvollen Lichterschmuck in der Chora erfreuen – also, wir können Weihnachten auf Astypalaia durchaus weiterempfehlen 🙂

Am Sonntag ist es nach tagelangem Schönwetter wieder unfreundlicher; vor allem erschwert uns der kräftige Südostwind das Leben, der die Gischt über die Hafenmole fliegen lässt und für beträchtlichen Schwell im Hafenbecken sorgt; die schweren, stählernen Ruckdämpfer (die Gummivariante hat schon vor gut einem Jahr in Spanien ihr Leben ausgehaucht) bekommen gut zu tun – und sind auch absolut unverzichtbar. Man versteht auch die Vorzüge der mediterranen Anlegemethode mit Buganker und Heckleinen: lägen wir Längsseits an der Pier, gäbe es garantiert Bruch, gegen die Berg- und Talfahrt wäre Abfendern unmöglich. So sind die Heckleinen mit den Stahlfedern auf 5 Meter herausgelassen, und 40 Meter Ankerkette halten das Boot auf sicherem Abstand zum Land. Entspannt geht aber dennoch anders – bei Südwind taugt der Hafen einfach nichts, und es sind gerade mal 6 bis 7 Windstärken; nicht auszudenken, wie es hier bei Sturm sein wird …

Am Wasserspeicher von Astypalaia

Auch am vorletzten Tag des Jahres unternehmen wir nochmal eine Wanderung, diesmal zu dem kleinen Stausee, welcher die Insel mit Wasser versorgt. Kein spektakuläres Gewässer, aber uns wird bewusst, dass wir seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr so viel  Süßwasser auf einmal gesehen haben. Am Ufer finden wir einen lauschigen Rastplatz unter Laubbäumen, die im Wind rauschen – fast wie Zuhause 🙂

Silvester schließlich verlassen wir nach einer Woche Aufenthalt mal wieder den Hafen – das neue Jahr wollen wir vor Analipsi begrüßen, irgendwie ist uns dieser Ort doch ans Herz gewachsen! Dort verbringen wir die Nacht und den Neujahrstag am Pier des kleinen Fischerhafens – in aller Ruhe, da in Griechenland Feuerwerk zum Jahreswechsel nicht üblich ist (jedenfalls nicht am Ende der Welt).

Der Silvesterabend ist mild, wir können bis Mitternacht im Cockpit sitzen und auf ein Jahr zurückblicken, in welchem wir häufiger am Segeln gehindert waren, als dies möglich war; dennoch haben wir in den 5 nutzbaren Monaten immerhin gut 2.400 Seemeilen zurückgelegt und Griechenland erreicht – was sich nun wirklich gelohnt hat! 🙂

Für Montag den 4. ist schon wieder Starkwind angesagt – aus Südsüdost, was sonst; wir probieren mal was Neues und verholen uns in die Bucht Agrilidi – ja genau, hier waren wir vor 2 Monaten schon einmal. 45 Meter Ankerkette auf 5 Meter Wassertiefe sollten genügen, aber beeindruckend ist es schon, was für Wellen draußen vorbeirollen!

Die Nacht zum Dienstag wird recht unruhig: zwar hält der Anker, aber nachdem kurz nach Mitternacht die Front durchgezogen ist, dreht der Wind innerhalb von Minuten um 120 Grad auf West – die ‚Orion‘ folgt brav und liegt damit nun quer zu den Wellen, die noch für mehrere Stunden von Süden in die Bucht laufen … kein Vergnügen, soviel sei gesagt!

Entsprechend übernächtigt hängen wir den folgenden Tag noch in Agrilidi ab, bevor wir am Mittwoch mal wieder für ein paar Tage in den Hafen übersetzen, um neue Elektronen in die Batterien und Lebensmittel in den Kühlschrank zu bekommen.

Dort ist es wie immer angenehm, die Sonne scheint, wir können Wäsche waschen und täglich frisches Brot kaufen; lange hält die Freude aber nicht an, denn schon am Wochenende setzt wieder der elende Südost ein. Für Dienstag den 12. sind 30 bis 40 Knoten angesagt, und am Ende wieder mit Drehung auf West – uns fällt kein anderer Ort als die große Bucht Vathi ein, wo man das heil überstehen kann. Da wir aber gar keine Lust haben, schon wieder um die Insel zu gurken, greifen wir frohen Mutes den Hinweis der ‚Vitamine‘ auf, es gäbe auf der Ostseite der Insel Kounoupoi (ja, auf deren Westseite waren wir auch schon mal …) mehrere stabile Muringbojen, die man verwenden könne – dass der Ort grundsätzlich gut geschützt ist war uns wohl bekannt, aber wir hatten ihn wegen ungeeigneten Ankergrundes (riesige Steinplatten …) verworfen. So kreuzen wir also Sonntagmorgen gegen den zulegenden Südostwind auf, um Kounoupoi in Augenschein zu nehmen. Nördlich der Insel dann das erste Malheur des Tages: aus dem Nichts erwischt uns beim Verlassen der Windabdeckung eine Fallbö und legt uns 45° auf die Backe – an sich nicht weiter schlimm, der Stabilitätsumfang der ‚Orion‘ fängt da ja gerade mal richtig an; der Aufschlag aufs Wasser ist aber so heftig, dass es eine Relingstütze abknickt und das Relingkleid komplett von den Drähten fetzt. Entsprechend bedient sind wir auch, als wir kurz darauf an der sehr solide aussehenden Leine der Muringboje festmachen können. Doch jetzt fängt der Spaß erst richtig an: die Leine mag zwar gut aussehen, aber das unten daran hängende Betongewicht schleifen wir langsam aber sicher über den Grund – und das bei kaum mehr als 5 Windstärken! Bei der Vorhersage für die nächsten Tage brechen wir also gleich wieder auf, um doch noch nach Vathi zu fahren – nun wenigstens mit Rückenwind, aber immer mehr zulegender Windstärke und Wellenhöhe. Als wir zweieinhalb Stunden später – wieder kurz vorm Ziel – das Vorsegel einrollen wollen, fährt eine Bö mit gepflegten 30 Knoten ins Tuch; die Luvschot beginnt wie wild zu schlagen – und mäht prompt einen der Doradelüfter auf dem Vordeck ab. Wir ankern beim letzten Tageslicht, aber weil das immer noch nicht genügte, hält der Anker nicht, und wir dürfen ihn ein paar Stunden später in finsterster Nacht nochmal neu setzen.

Klar, es geht immer mal was schief, aber das Gefühl, ständig nur noch auf der Flucht vor dem nächsten Südsturm zu sein, während der sichere Platz in der Marina von Kalamata in (politisch bedingt) unerreichbarer Ferne auf uns wartet, ist schon ziemlich frustrierend!

Blick über den kargen, unbewohnten Norden der Insel

Drei Tage später fahren wir zurück in den Inselhafen – wir brauchen Zeit, Ruhe und Landstrom, um die Schäden der letzten Ausfahrt zu beseitigen. Zwischendurch unternehmen wir immer wieder mal Wanderungen in die Berge (obwohl wir die drei möglichen Zugangswege auch langsam kennen …) oder verholen uns bei Nordwind (der leider nur sehr kurze Zwischenspiele gibt) in die Ankerbucht von Analipsi. Wir lernen einen junggebliebenen Vorruheständler aus Deutschland kennen, der seit Jahren hier auf der Insel lebt, und uns viel über Land und Leute erzählen kann, was wir sehr gerne annehmen; nebenbei verbringen wir natürlich die eine oder andere kurzweilige Stunde miteinander 🙂

So nimmt uns der Charme Astypalias und seiner Bewohner immer mehr für die Insel ein, gleichzeitig reißen aber auch die Schwierigkeiten nicht ab: alle paar Tage droht das nächste Tief mit Sturm aus Süd. Für die Nacht vom 26. auf den 27. Januar sind dreieinhalb Meter Welle und Sturmböen bis Stärke 10 abgesagt; wir beschließen dennoch im Hafen zu bleiben, weil uns das nach monatelanger Auseinandersetzung mit dem Thema immer noch sinnvoller erscheint als die Alternativen, da Wind und Welle keinerlei Ostanteil aufweisen sollen (sonst wäre die Einschätzung eine völlig andere!). Dennoch verunsichert es uns ungemein, als am Nachmittag ein freundlicher Mitarbeiter der Coast Guard vorbeikommt und uns warnt, im Hafen könne es gefährlich werden – das sehen wir nicht anders, nur wo bitteschön ist es denn nicht gefährlich?!? Eine schlaflose Nacht später wissen wir, dass über zehntausende Seemeilen gesammelte Erfahrung doch auch etwas wert ist: der Schwell hielt sich in Grenzen, Anker und Leinen hatten keine Schwierigkeiten, das bockende Boot von allen Betonmauern fernzuhalten. Prima – aber in drei Tagen kommt das nächste Tief … Spaß macht das nicht.

Dieses bringt bis zu 9 Windstärken aus Südost – wir weichen daher in die Ankerbucht von Agrilidi aus, wo wir eine weitere schlaflose, aber sichere Nacht verbringen; im Eingangsbereich der Bucht brechen sich die Wellen so hoch, dass wir nicht mehr auf die See hinausschauen können … später zurück im Hafen sehen wir Bilder, wie die Wellen am Vortag die massive Hafenmole überspülten, als sei sie nur Spielzeug.

Zum Ende der ersten Februarwoche stellt sich aber erstmals im neuen Jahr ruhigeres Wetter ein: der Wind geht auf etwa 10 Knoten zurück, und die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel; richtig frühlingshaft ist es, die im Herbst noch so karge Insel erstrahlt in neuem Grün, überall bedecken Blumen die Berge. Wir unternehmen einen kleinen Auflug, segeln ‚einfach mal so‘, ohne vor einem Sturm davonzulaufen … wir haben fast vergessen, wie das ist.

An den ‚Red Rocks‘ der zerklüfteten Südküste

Wir steuern eine als ‚Red Rocks‘ bekannte Stelle an der Südküste an, die im Sommer bei Ausflugsbooten beliebt ist; hier kann man unter günstigen Bedingungen mit dem Boot in einen Einschnitt mit senkrecht abfallenden Felswänden einfahren und längsseits festmachen, wir können das aber nicht ausprobieren, es steht einfach noch zu viel alter Schwell.

Ganz in der Nähe finden wir aber einen Ankerplatz für den Nachmittag; der Wind schläft weitestgehend ein, und in der Sonne wird es so heiß, dass wir gerne kopfüber ins kristallklare und mit knapp 20 Grad noch relativ frische Wasser springen, um uns abzukühlen. Gut gekühlter Weißwein passt hervorragend zur sommerlichen Stimmung, und dem ersten Abendessen vom Grill des neuen Jahres steht auch nichts mehr im Wege 🙂

Der perfekte Abschluss für einen schönen Segeltag

Kurz nach Sonnenuntergang lichten wir den Anker, um noch in den Hafen zurückzufahren; vor uns im Westen färbt sich der Himmel blutrot, bis sich nach einer Weile die Dunkelheit und die Sterne durchsetzen können. Die Lichter der Chora weisen uns den Weg, und wir freuen uns sehr, nach drei Monaten Lockdown mal wieder einen Tag nach unseren Vorstellungen gelebt zu haben!

Allzu lange hält das Wetterglück aber nicht vor: für den kommenden Montag sind schon wieder 7-8 Windstärken aus Südost angesagt …

Entsprechend wiederholt sich am Sonntagmittag mal wieder das Spiel der Vorwoche: gegen Mittag verlassen wir den Hafen uns segeln herüber nach Agrilidi; anders als beim letzten Mal brauchen wir allerdings vier Versuche, bis der Anker zufriedenstellen hält – das dauert, und gibt auch kein besonders Vertrauen für die Dinge, die da kommen … ensprechend wird die Nacht vor dem Sturm schlaflos, und die danach (Adrenalin …) ebenso.

Astypalaias ‚Sollbruchstelle‘

Dienstag ist der Spuk vorbei, wir warten noch bis die Welle sich etwas gelegt hat und segeln am späten Nachmittag zurück in den Hafenort. Dabei wirft die tiefstehende Sonne ein besonders schönes Licht auf die steile Klippe eines Inselchens, bei der man sehr schön den messerscharfen Übergang der braun-brüchigen Gesteine, aus denen die westliche Inselhälfte besteht, in die hellgauen, festen Schichtgesteine, welche die östliche Inselhälfte dominieren, studieren kann – Anschauungsunterricht in Geologie im Vorbeisegeln 🙂

Am Sonntag den 14. Februar – dem einhundertsten Tag des Lockdowns – bekommen wir mal etwas Abwechslung: der nächste Sturm bringt Nordwind! Die Richtung passt uns ja deutlich besser, aber die Stärke kann sich sehen lassen: Sturmtief ‚Medea‘ bringt Wind mit bis zu 60 Knoten – das sind 11 Windstärken bzw. ‚orkanartiger Sturm‘. Die Wellenvorhersage gibt gut 7 Meter charakteristische Wellenhöhe an – das möchte man nicht auf See erleben! Nebenbei wird es saukalt – in Athen fällt ein halber Meter Schnee, Verkehr und Stromversorgung brechen zusammen; selbst hier fällt das Quecksilber auf frische 6 Grad, und es fallen ein paar Schneeflocken (oder besser gesagt, sie fliegen waagerecht an den Fenstern vorbei …). Wir suchen Schutz hinter der Pier von Analipsi und sind hier auch gut aufgehoben, während draußen die Welt untergeht – an Schlaf ist allerdings drei Tage lang kaum zu denken, so laut schreit der Wind im Rigg …

Ein unerwarteter Anblick auf der Pier: ein hübsches Schwein auf Erkundungstour

Nach Durchzug des Sturms herrscht für den Rest des Monats dann eher ein Wetter, wie es im November noch war: wieder wärmer, sehr viel Sonnenschein und abwechselnd kräftiger – aber nicht stürmischer – und in den Pausen schächerer Nordnordwest. Wir wechseln wieder wochenweise zwischen dem Inselhafen (zum Batterieladen und Einkaufen während der Schwachwindtage) und Analipsi, wo wir bei Starkwind aus Nord bestens an der Fischerpier liegen. Viel passieren tut dieser Tage nicht: wir bekommen mal unerwarteten Besuch, erfreuen uns einer halben Stunde Segelns bei den Überfahrten – und warten ansonsten sehnsüchtig auf Neuigkeiten bezüglich eines möglichen Endes des Lockdowns, aber bislang vergeblich …

Agios Nikolaos wacht über Agrilidi

Als ebenso vergeblich erweist sich unser Hoffen, das Winterwetter nun schon hinter uns zu haben – im März kehren die Südostwinde zurück, und wir müssen uns wieder regelmäßig in Agrilidi verstecken. Außerdem jährt sich am 12. März der Beginn des Lockdowns in Spanien: wir blicken mit wenig Begeisterung auf ein Jahr zurück, von dem wir gerade mal 4 Monate nutzen durften – ein gewaltiger Verlust von Lebenszeit, den alle Menschen erleiden, von dem aber niemand wirklich spricht …

Eine Woche später ist Tagundnachtgleiche, der astronomische Frühlingsanfang; das Wetter hat das aber nicht wirklich mitbekommen, es bleibt stark windig. Wenn allerdings gerade mal kein Wind weht und die Sonne vom wolkenlosen Himmel brennt, ist sofort Sommer – die Mittagshöhe beträgt gut 53°, so viel wie bei uns Anfang Mai; die Wassertemperatur verharrt bei etwa 19°C, tiefer wird sie wohl auch nicht mehr sinken.

Mit dem April kommt in Deutschland das Osterfest, hier dagegen müssen wir noch bis Anfang Mai auf den Osterhasen warten – die orthodoxe Kirche berechnet den Frühlingsanfang nach dem julianischen Kalender. Ansonsten schlagen wir die Zeit tot, wenn wir nicht gerade auf der Flucht vor dem nächsten Sturm sind (was alle paar Tage der Fall ist). Am Montag den 5. April probieren wir auf Anraten der Fischer für angekündigte 40 Knoten Südost einen neuen Ankerplatz auf der kleinen Insel Glyno aus – ja, es gibt tatsächliche noch Buchten, in denen wir noch nicht geankert haben 😉

Beängstigend: eine Bootslänge hinterm Heck beginnt die Brandungszone

Dieser erweist sich als gut geschützt, und der Anker hält auch – was er aber auch muss, denn wenige Meter hinter dem Heck peitscht die See das Wasser meterhoch gegen die Felsen. Beruhigend ist das nicht – und da es nur der Höhepunkt einer einwöchigen Phase mit Starkwind aus wechselnden Richtungen ist, sind wir vor Schlafmangel langsam am Ende.

Dennoch raffen wir uns am Mittwoch, als der Sturm durchgezogen ist, zu einem kleinen Spaziergang über die unbewohnte kleine Insel auf, die unseren Ankerplatz umschließt – um einmal mehr festzustellen, wie traumhaft schön unser Gefängnis ist!

Die Ruhe nach dem Sturm: ‚Orion‘ in der Ankerbucht

So vergeht weiter Woche um Woche: es wird immer wärmer, bleibt aber stürmisch. Zu unserer Erbauung bemühen wir uns um die Zuteilung einer temporären griechischen Sozialversicherungsnummer – diese ist Voraussetzung zur Teilnahme am griechischen Impfprogramm. Nicht dass uns persönlich besonders viel an einer Impfung liegen würde, aber wir haben umgekehrt auch kein Problem damit, und wenn das nun die Voraussetzung sein soll, irgendwann mal weiterreisen zu dürfen …

Allerdings endet die ansonsten sensationelle Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Griechen an der Schwelle des zuständigen Bürgerbüros – manche Dinge gleichen sich eben überall auf der Welt 😉 Man ist sich allerdings auch untereinander nicht ganz einig, ob unser Ansinnen nun gerechtfertigt oder unverschämt ist (immerhin rät uns die griechische Regierung, in ebendieser Amtsstube zu erscheinen) und führt eine zehnminütige, äußerst lautstarke Diskussion darüber quer durch den Raum – in dessen Mitte wir stehen und die Köpfe einziehen. Eine filmreife Situation …

Schließlich setzt sich die ‚Bürger-droht-mit-Arbeit‘-Fraktion durch, und wir werden unverrichteter Dinge weggeschickt. Aber Astypalaia wäre nicht Astypalaia, wenn nicht jemand jemanden kennen würde, der den Bürgermeister kennt, welcher daraufhin mit dem preußisch-griechischen Staatsdiener ein dem Hörensagen nach mindestens ebenso lautstarkes Gespräch führt, und eine Woche später bekommen wir Nachricht, dass wir unsere Sozialversicherungsnummer abholen können – geht doch 🙂

Und es kommt sogar noch besser: da man offenbar wegen des etwas suboptimalen Auftritts im Bürgerbüro ein schlechtes Gewissen pflegt, wird uns in Rekordzeit ein Impftermin zugewiesen; das geht zwar im ersten Anlauf nochmal schief, weil die Sozialversicherungnummer noch nicht freigeschaltet war, aber zwei Tage später ist es dann soweit, am 24. April erhalten wir unsere erste Dosis Impfstoff (BioNTech) – und haben damit wohl immer noch alles in den Schatten gestellt, was in Deutschland in unserer Altersgruppe möglich gewesen wäre …

In der letzten Aprilwoche mehren sich die Anzeichen, dass Mitte Mai der Lockdown in Griechenland beendet werden wird – die Infektionszahlen sind zwar dreimal so hoch wie im Februar, als man dies kategorisch abgelehnt hat, aber was stört uns unser Geschwätz von gestern … wir wittern Morgenluft und treffen eine gewagte Entscheidung: wir wollen einen Ausflug machen! Gewagt, weil a) eigentlich ja Segeln nach wie vor verboten ist, wir b) keine Ahnung haben ob wir noch wissen wie das geht und c) ob nicht die Motten inzwischen das Großsegel aufgefressen haben 😉

Syrna voraus!

Ziel ist die 22 Seemeilen entfernte Insel Syrna – diese ist unbewohnt, so dass wir berechtigten Grund haben anzunehmen, dass der Gesetzesverstoß unentdeckt bleiben wird. Am Dienstag den 27. April sind die Bedingungen ideal, nach mehreren Tagen Nordwind der Stärke 7 bis 8 weht sich dieser langsam aus, und wir können bei schönstem Sonnenschein gute Fahrt machen und unser Ziel schon gegen 14 Uhr erreichen, so dass uns noch genug Zeit für eine Inselwanderung bleibt. Wir steuern eine ausgedehnte Bucht mit kobaltblauem Wasser an und machen an einer Muring fest, die dort für schutzsuchende Fischer installiert wurde – ein nützlicher Tipp, denn die Wassertiefe ist beträchtlich.

Etliche Ziegen gibt es, zwei Kapellen und die Reste kleiner Behausungen – unglaublich, dass hier bis vor einigen Jahrzehnten noch Menschen gelebt haben, die Insel ist äußerst karg und trocken. Es existieren keinerlei Pfade, wir müssen uns den Weg querfeldein über Stock und Stein bahnen; aber die völlige Ruhe und Abgeschiedenheit (keinerlei Mobilfunkempfang!) sowie das Gefühl, die einzigen Menschen im Umkreis dutzender Kilometer zu sein, sind schon ein Erlebnis. Und überhaupt, nach fast einem halben Jahr mal wieder irgendetwas zu unternehmen …

In der Nacht kommt neuer Wind aus Südost auf, so dass es leider etwas unruhig wird am Ankerplatz. Am nächsten Morgen bläst es unerwartet stark mit 7 Beaufort, was uns erst mal schnell zurück nach Astypalaia schiebt; nach einer Stunde ist es aber schlagartig vorbei damit, und den Rest des Rückwegs dümpeln wir eher mit flappenden Segeln in der alten See.

Das Spektakel beginnt!

Mit dem Mai kommt für uns nicht nur das Halbjahresinseljubiläum, sondern nun auch endlich das Osterfest; dieses stellt für die mehrheitlich orthodoxen Griechen das höchste kirchliche Fest und auch überhaupt den Höhepunkt des Jahres dar. So wie bei uns zum Jahreswechsel, wird hier die Nacht vom Samstag zum Sonntag mit einem großen Feuerwerk gefeiert; dem voran geht ein mehrstündiger Gottesdienst, zum dem allerdings heutzutage auch nicht mehr alle Gläubigen das nötige Sitzfleisch mitbringen. Umso größer ist aber die Anteilnahme am Feuerwerk: stundenlang fährt die Dorfjugend schon mit ihren Motorrädern Kreise um den Hafen und trifft Vorbereitungen, die Ungeduldigen zünden die ersten Böller (und was für welche: China-Import, in Deutschland garantiert verboten; die ganze Insel erzittert).

Nach einer Viertelstunde glüht der Himmel

Um Mitternacht ist es dann endlich soweit: am Hafen und auf allen Anhöhen werden bengalische Feuer entzündet, und die ersten Raketen steigen in den Himmel. Da absolut kein Wind weht, bleibt der ganze Rauch im Talkessel hängen, und der Himmel reflektiert die roten Feuer: Astypalaia leuchtet glutrot in der Nacht! Vom Vordeck aus haben wir einen Logenplatz, und die Temperaturen um Mitternacht ermöglichen immer noch, das Schauspiel im T-Shirt zu betrachten; vor sechs Monaten haben wir die Möglichkeit, zu Ostern immer noch auf der Insel festzuhängen, zwar noch als Scherz formuliert, aber nun müssen wir bei aller Frustration doch auch anerkennen, dass wir wohl einen der besten Orte getroffen haben, das griechische Osterfest zu erleben!

Einfach toll!

Nach etwa einer Viertelstunde geht den Feuerwerkern die Munition aus – wir lassen uns berichten, dass man früher dreimal so lange gefeiert hat, aber die wirtschaftliche Lage nach der letztjährigen Katastrophe in Verbindung mit den nicht unbedingt besseren Aussichten für’s laufende Jahr bewirken eben, dass kaum jemand Geld in der Tasche hat. Wer weiß, vielleicht war dies das letzte Feuerwerk für lange Zeit …

Übrigens soll nicht unerwähnt bleiben, dass hier nach wie vor eine nächtliche Ausgangssperre gilt – über der Polizeistation waren aber besonders viele hübsche Raketen zu bewundern 🙂

Inselhopping in den Kykladen (15.10. – 06.11.)

Hinter uns bleibt Monemvasia zurück

Am Mittwochvormittag verbringen wir noch einige Stunden in Monemvasia, denn wir haben es nicht eilig: es weht ein kräftiger Südwest, und mit dem wollen wir in die Kykladen übersetzen, den in einem großen Kreis verstreut liegenden mehreren Dutzend Inseln und Inselchen mitten in der Ägäis. Die Entfernung zu den nächstgelegenen Zielen beträgt 70 bis 80 Seemeilen, zu viel also, um sie innerhalb der inzwischen schon recht zusammengeschrumpften Tagstunden zurückzulegen, eine Nachtfahrt ist also unumgänglich; umgekehrt ist die Entfernung dafür recht gering, daher wollen wir also nicht so früh los, um nicht vor Tagesanbruch anzukommen – denken wir.

Die ersten 8 Stunden der Reise verlaufen auch der Planung und der Wettervorhersage entsprechend: es weht im Mittel mit 5 bis 6 Windstärken, in Böen auch mal mit 7, und mit zunehmendem Abstand zur Peloponnes baut sich ensprechend mehr Welle auf. Bei strahlendem Sonnenschein beste Bedingungen für die ‚Orion‘: die Windfahne übernimmt das Ruder, und nur unter Klüver machen wir noch 4 bis 5 Knoten. Natürlich wäre mehr drin, aber warum sich die Mühe machen das Großsegel zu setzen, es reicht ja auch so – denken wir. Dass nach Sonnenuntergang der Wind etwas nachlässt, irritiert uns noch nicht, das ist hier ja meistens so; da durchgängig noch 15 Knoten Wind für die ganze Nacht angesagt sind, bleibt es also bei der Besegelung.

Sonnenuntergang über der Peloponnes

Dummerweise ist drei Stunden später der Wind komplett weg – nicht aber die Welle: wie ein Korken hüpft das Boot mit schlagendem Segel in der alten See. Mal wieder zeigt sich, dass Flaute ähnlich schlimm sein kann wie Sturm: nach einigen Stunden liegen die Nerven blank, jedes ‚flapp‘ dringt durch den ganzen Körper. Aber erst mal ist es etwas abschreckend, mitten in der Nacht den Gennaker zu setzen, und dann wird auch dies immer sinnloser, denn ohne Wind hilft auch das Leichtwindsegel nicht mehr.

Auch mit dem neuen Tag – für den wohlgemerkt immer noch durchgängig 4 Beaufort angesagt sind! – wird es nicht besser; wir dümpeln noch bis zum Mittag mit 1 bis 2 Knoten Fahrt vor uns hin, bis wir schließlich aufgeben und die letzten 15 Seemeilen motoren. Soweit zum Thema Wettervorhersagen …

Psili Ammos / Serifos
Serifos in Sicht!

Gegen 15 Uhr erreichen wir nach 27 Stunden und 90 Seemeilen – von denen wir die Hälfte im ersten Drittel der Zeit zurückgelegt haben – unser Ziel, die Insel Serifos. Aus der Ferne verrät sich die Insel durch ihr Häubchen aus Konvektionswolken, beim Näherkommen sehen wir eine zerklüftete Felsenküste – der Legende nach König Polydektes, der hier durch eine List Perseus mit Hilfe des Hauptes der Medusa zu Stein erstarrt ist.

Der Strand von Psili Ammon

Dieses Schicksal bleibt uns erspart, wir finden mit Psili Ammos eine kaum bebaute Ankerbucht mit sauberem Sandgrund, klarstem Wasser  und einem feinen Strand, an dem eine Reihe Tamarisken wächst. Ein Bad im 26 Grad warmem Wasser wäscht die wenig erbauliche Nacht ab, und als am Abend der ganze Himmel in malerischen Orangetönen strahlt und sich am Horizont überall andere Inseln abzeichnen, fühlen wir uns so richtig angekommen auf den Kykladen.

Ermoupoli / Syros

Am nächsten Tag werden wir für die enttäuschenden Windverhältnisse vom Donnerstag entschädigt: 10 bis 15 Knoten aus Südsüdost sind angesagt, und weil wir dem nicht trauen, machen wir uns schon um 9 Uhr auf den Weg; aber nachdem wir aus der Windabdeckung unserer Ankerbucht heraus sind, kommt schnell brauchbarer Wind auf, und unter Code 0 machen wir zügige 5 bis 6 Knoten Fahrt – das macht Spaß!

Der Himmel ist mal wieder praktisch wolkenlos, und die Ägäis strahlt in intensivstem Kobaltblau; überall am Horizont zeichnen sich Inseln ab, wir sind ja mittendrin im Inselmeer der Kykladen, die Entfernungen zwischen den benachbarten Inseln betragen oft nur 15 bis 25 Seemeilen. Ein geradezu perfektes Segelrevier: immer angenehme Tagesdistanzen, reichlich Ankermöglichkeiten mit Schutz vor jeder Windrichtung auf allen Inseln, und dazwischen das Gefühl richtigen Seesegelns, das alles bei herrlich warmem, aber nicht zu heißem Wind – was will man mehr?

Ermoupoli voraus!

So dauert es auch nicht lange, bis wir die weiter östlich gelegene Insel Syros erreichen, ihre Südspitze runden und nach 30 Seemeilen den Hafen von Ermoupoli ansteuern können. Der Ort ist mit rund 11000 Einwohnern die größte Ansiedlung auf den ganzen Kykladen und Verwaltungssitz der gesamten Region – dies gibt vielleicht einen Eindruck von der Besiedlungsdichte der Inseln. Wir machen fest in der sogenannten Marina – ein großangelegtes Entwicklungsprojekt, dem kurz vor der Fertigstellung das Geld ausgegangen ist; nun rosten die funktionslosen Strom- und Wassersäulen vor sich hin, aber man kann das Boot sicher festmachen, und kostenlos ist es natürlich auch.

Der Rathausplatz in Ermoupoli

Am Samstag ist es eher bedeckt, und es regnet auch ein paar Tropfen (wirklich nicht viele …); wir nutzen den Tag für Einkäufe und bleiben ansonsten an Bord. Am Sonntag dagegen scheint die Sonne wieder häufiger, und wir machen uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden.

Soooo viele Stufen!

Der Ort wirkt sehr belebt und quirlig – jedenfalls gemessen an der üblichen Verschlafenheit der Kykladen. Es gibt eine große Werft, die für einen etwas industriellen Eindruck sorgt, und an der man von der Marina kommend zunächst vorbeilaufen muss; hat man aber erst mal das eigentliche Zentrum erreicht, findet man eine sehr charmante Reihe von Einkaufs- und Restaurantzeilen vor. Von dort aus zieht sich ein endlos erscheinendes Gewirr von Treppen und Gassen den Berg hoch bis zur Kathedrale; nach gefühlten 1000 Stufen kann man vor dort einen herrlichen Ausblick über die ganze Bucht genießen.

An der Hafenpromenade

Eine Besonderheit der Stadt ist, dass es neben der griechisch-orthodoxen auch eine römisch-katholische Kathedrale gibt; bis zum massiven Zustrom von Flüchtlingen während des griechischen Unabhängigkeitskrieges waren die Bewohner der Insel nämlich mehrheitlich katholisch – ein Umstand, der bis auf die Zeit des vierten Kreuzzugs zurückgeht und dazu führte, dass Syros im Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen unter französischem Schutz stand, was wiederum die Insel zur sicheren Zufluchtsstätte machte. Die orthodoxen Kriegsflüchtlinge erst gründeten das heutige Ermoupoli, welches schnell mit der ursprünglichen Siedlung am gleichen Ort – Ano Syros – zusammenschmolz.

Uns gefällt Ermoupoli gut; wir holen uns zur Belohnung für die Höhenmeter eine unbeschreiblich köstliche Bougatsa und genießen diese mit Blick auf den Stadthafen. So kann man es aushalten!

Phinikas / Syros

Montagmorgen müssen wir Ermoupoli verlassen: für die kommenden Tage ist starker Nordwind angesagt, und dafür finden sich in den Anlagen der ‚Marina‘ nur wenige geschützte Plätze, und die sind natürlich alle mit Dauerliegern belegt. Aber auf der anderen Inselseite gibt es die Bucht von Phinikas, die perfekten Schutz gegen Nordost bietet und in der man sowohl gut ankern als auch am Gemeindeanleger festmachen kann.

Gut besucht: der Gemeindeanleger von Phinikas

Wie legen bei 15 bis 20 Knoten Nordwind ab und machen gute Fahrt bis zur Südostspitze der Insel; dort kommen wir in deren Windabdeckung, so dass wir letztendlich doch rund dreieinhalb Stunden für die 12 Seemeilen brauchen. In Phinikas angekommen, sehen wir, dass es noch gute Liegeplätze an der Mole gibt und entscheiden uns, hier mit Heckanker und Bugleine anzulegen, es gibt nämlich Wasser und Strom, und außerdem wollen wir unbesorgt Landausflüge machen können, während die Starkwindperiode anhält. Später am Nachmittag füllt sich die Mole dann noch bis auf den letzten Platz; in der großen Mehrheit sind es riesige Charteryachten von 44 bis 50 Fuß Länge (und unbeschreiblicher Breite!), die hier anlegen, praktisch alle von Deutschen gechartert.

Gut geschützt: die Bucht von Phinikas

Die gesamte Ägäis ist berüchtigt für ihren starken, sommerlichen Nordwind, den Meltemi; typischerweise bringt dieser hohen Luftdruck und schönes Wetter mit sich, bläst die Segler aber mit 6 bis 8 Windstärken durch, und das gerne auch schon mal tagelang. Ob man bei unserer momentanen Wetterlage Ende Oktober noch von Meltemi oder einfach von gewöhnlichem Nordwind spricht, wissen wir nicht so genau; jedenfalls pustet es drei Tage lang ohne Pause.

Die Mastixdistel bringt Farbe in die karge Landschaft

Wir nutzen die Zeit für eine ausgedehnte Wanderung – die längste seit Pfingsten auf Mallorca: endlich ist es nicht mehr so heiß, und der frische Wind hilft zusätzlich, die Anstiege ohne Hitzekollaps zu bewältigen. Die Landschaft hier auf Syros ist nun, am Ende des langen, heißen, Sommers, schon sehr ausgedörrt; die ausgedehnten Thymianfelder sind besser an ihrem Duft als an den vertrockneten Blättern zu erkennen.

Am Kap Velostasi

Eine große Anzahl an Meerzwiebeln strecken jedoch ihre blattlosen Blütenstände der Sonne entgegen, Mastixdisteln sorgen für leuchtende Farbtupfen im steinigen Boden, und der Blick von den Höhenzügen an der Südwestspitze der Insel, dem Kap Velostasi, über die See und die Bucht von Phinikas ist ohnehin toll. So vergehen zwei Starkwindtage wie im Fluge, und am Donnerstag kann es weitergehen 🙂

Ormos Agios Ioannou / Paros

Weiter geht es dann auch wirklich – allerdings nicht wirklich mit weniger Wind, als an den vergangenen zwei Tagen wehte: die Wettervorhersagen kündigten zwar nur noch 16-18 Knoten Nordwind an, aber als wir langsam den Schutz der Bucht von Phinikas verlassen, sind es schon deutlich über 20 Knoten, und in den folgenden Stunden nähern wir uns auch den 30 Knoten, je mehr Abstand wir zwischen uns und Syros bringen.

Ordentlich Wind auf See …

Das Tagesziel ist die Insel Paros, gut 25 Seemeilen in Richtung Südost; wir haben also Halbwindkurs, und nur unter Klüver macht die ‚Orion‘ sechseinhalb Knoten Fahrt. Später, als wir immer häufiger die Windstärke 7 auf der Anzeige für den wahren Wind sehen, tauschen wir diesen gegen das Kuttersegel – und damit sind es immer noch fünfeinhalb Knoten.

… und herrliche Ruhe in der Ankerbucht

Nun ja, wir hatten uns den Tag etwas weniger sportlich vorgestellt, aber dafür sind wir schneller da: schon kurz nach 15 Uhr stehen wir vor der Einfahrt zur geräumigen Bucht von Naousa auf der Nordseite von Paros. Eigentlich scheint diese Inselseite bei Nordwind ungeeignet, aber die Bucht hat eine derart ausgeprägte Einbuchtung nach Norden, dass man hinter einer Halbinsel perfekten Meltemi-Schutz in idyllisch-einsamer Umgebung findet: ausgewaschene Felsen bilden bizarre Formationen und leuchten in der Sonne, und gleich nebenan steht eine kleine Kapelle (namensgebend für die Ankerbucht, dem Hl. Johannes gewidmet). Der Wind weht unterdessen mit immerhin noch 5 Beaufort weiter, und dabei bleibt es auch über Nacht, aber hier liegen wir prächtig – eigentlich besser als zuletzt im Hafen von Phinikas

Kalantos / Naxos

Am Freitag stellen wir fest, dass sich die Wettervorhersagen inzwischen der Realität angepasst haben. Ursprünglich sollte es kaum noch Wind geben, aber inzwischen hat man auf die 5 Windstärken erhöht, die die ganze Zeit schon wehen; grundsätzlich kommt uns das gelegen, wollen wir doch auch heute ein ganzes Stück segeln, aber zum Verlassen der Bucht von Naousa müssen wir natürlich erst mal gegenan – und gegen die Welle, die inzwischen 4 Tage Zeit hatte, sich aufzubauen: eine feuchte Angelegenheit … aber nach zwei Stunden können wir abfallen und vor dem Wind in die Meerenge zwischen Paros und Naxos einbiegen.

Reger Fährverkehr in der Paros-Naxos-Straße

Diese ist nur zweieinhalb Seemeilen breit und verläuft in Nord-Süd-Richtung, weswegen wir etwas nervös den dort wohl herrschenden Wind- und Seeverhältnissen entgegensehen – wie sich dann zeigt aber unbegründeterweise: es setzt ein kräftiger Strom nach Süd, und der hilft eher, dass die See flacher wird, als dass ein Auflaufen zu beobachten wäre. Der Wind legt auch noch zu, und bald sind es wieder gute 25 Knoten, die uns anschieben; wieder nur unter Klüver, machen wir mit Hilfe des Stroms fast 7 Knoten über Grund. Ein herrliches Gleiten ist das, so genau vor Wind und See; passenderweise hat sich auch die Sonne durchgesetzt, und wir sind nach 28 gesegelten Meilen früh genug an unserem Übernachtungsziel, der Bucht von Kalantos auf der Südseite von Naxos, um noch den Grill anzuwerfen und den – trotz des anhaltenden Nordwindes sommerlichen – Abend angemessen ausklingen zu lassen.

Livadi / Iraklia

Samstag hat es sich mit dem Wind dann auch erledigt – und zwar gleich so gründlich, dass wir keine Chance haben, unter Segeln weiter zu kommen, obwohl unser Ziel nicht gerade weit entfernt liegt: nur 5 Seemeilen südlich von Naxos liegt Iraklia, die erste Insel einer als ‚Kleine Kykladen‚ bekannten Gruppe von 30 Inseln und Inselchen, auf denen insgesamt (!) etwa 600 Menschen leben. Dabei gibt es hier schon sehr lange Menschen, eine Besiedelung bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. konnte nachgewiesen werden.

Unsere Ankerbucht auf Iraklia, von der alten Festung aus gesehen

Wir ankern auf der Ostseite vorm langen Sandstrand von Livadi, gleich unter den Ruinen des Kastro, einer aufs 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr. datierten Festungsanlage. Die Lage ist wunderbar, der Sand fein und weiß, das Wasser hat noch 25 Grad – und wie immer ist praktisch niemand da. Wie wir bei einem Spaziergang nach Agios Georgios, dem 100 Einwohner starken Hafenort, feststellen können, gibt es einige Ferienappartements, und zwei Tavernas haben geöffnet – damit erschöpft sich das Tourismusangebot auf dieser Insel. Wie immer können wir nur staunen, wie viele menschenleere Strände es hier gibt, hinter denen in Spanien achtstöckige Hotels stehen würden …

In Panagia

Am Sonntag wollen wir mal wieder die Beine benutzen und unternehmen eine fünfstündige Wanderung, über Panagia, die Chora der Insel (welches aber heute nur noch drei Dutzend Einwohner zählt) durch die Berge bis zur Tropfsteinhöhle von Agios Ioannis.

In der Höhle Agios Ioannis

Hier muss man sich durch einen kaum 50 Zentimeter hohen Eingang quetschen, um so in eine Reihe von zusammen etwa 2000 Quadratmeter umfassenden Höhlen zu gelangen. Diese sind sicher nicht so spektakulär wie die von Diros, dafür nicht ‚bewirtschaftet‘ und man ist völlig allein. Etwas unheimlich fühlt es sich aber schon an, so ins Innere der Berge vorzudringen …

Die Wanderung selbst ist kräftezehrend, immerhin 400 Höhenmeter sind zu überwinden, und die Sonne brennt heiß vom Himmel; ein paar Cirren machen es aber halbwegs erträglich, und die Aussicht, die sich vom Bergrücken bietet, ist phänomenal: wohin man schaut, rundherum liegen Inseln eingebettet in das blaueste Blau, das man sich nur vorstellen kann!

Panoramablick über Iraklia; am Horizont links Naxos, daneben die Inseln der Kleinen Kykladen
Aligaria / Schinoussa

So gut uns Iraklia gefällt, am Montag ziehen wir dann doch weiter – direkt gegenüber lockt ja die nächste Insel, Schinoussa. Es ist auch schwacher Wind angesagt, und wir lichten hoffnungsvoll unter Segel den Anker, nur um 5 Minuten später hilflos Richtung Felsen zu treiben – es herrscht absolute Flaute. Es sind aber nur 4 Seemeilen bis vor den Strand von Aligari, also muss der Motor nicht allzu lange laufen. Pünktlich mit der Ankunft fängt dann auch der Wind an, sich zu regen … 

Kapelle auf Schinoussa

Wir finden einen schönen Ankerplatz, rundherum stehen einige luxuriöse Villen an Land; die böse Überraschung folgt erst, als wir mit dem Dinghi anlanden: der Strand ist zwar öffentlich, aber das Gelände dahinter nicht, es ist also unmöglich, ihn zu verlassen (und damit auch, ihn von Land zu betreten). Wir probieren mehrere Wege und stehen entweder vor Verbotsschildern oder gleich vor Stacheldraht; schließlich steigen wir wieder ins Dinghi, landen weiter entfernt an einem viel unzugänglicheren Küstenstreifen an und kämpfen uns durch die Wildnis bis zur nächsten Straße. Später finden wir heraus, dass die gesamte Halbinsel, die unsere Bucht einschließt, offenbar einem Entwicklungsprojekt zugehört, welches in einer parkartigen Landschaft mehrere Luxusanwesen errichtet hat – und im Interesse ihrer Besitzer dafür sorgt, dass das gemeine Volk keinen Zugang hat. Gleich drei sogenannte ‚öffentliche‘ Strände sind damit vom Zugang abgeschnitten – ein schlechter Scherz, ihnen noch diesen Namen zu geben. Die Einheimischen machen im Internet ihrem Ärger darüber Luft, nutzen tut ihnen dies aber auch nichts. Schade, dass offenbar auch hier mit genug Geld Gesetze bedeutungslos werden …

Die Insel ist viel flacher als Iraklia, der Weg zur Chora bietet also weniger tolle Aussichten, ist damit aber auch weniger anstrengend; der Ort selbst hübsch anzusehen mit seinen strahlend weißen Häusern, viel los ist hier aber auch nicht gerade. Immerhin gibt es einen Minimarkt, in welchem wir etwas Gemüse erstehen können.

Almyros / Schinoussa

Am Dienstag wollen wir uns nur eben auf die andere Seite der Insel verholen, weil am folgenden Tag ein Frontendurchzug aus Südwest droht. Nach dem Erlebnis des Vortages fahren wir diesmal nicht gleich los, sondern warten erst mal auf den Wind – gegen 13 Uhr geben wir dann auf und motoren gleich um die südliche Halbinsel. Obwohl Schinoussa nicht groß ist, bietet die Insel durch ihre vielen ‚Arme‘ prächtige Ankerbuchten in großer Auswahl; wir ankern auf einer ausgedehnten Sandfläche mit vier bis 5 Metern Tiefe und Schutz von Ost über Süd und West bis Nord – perfekt für das angedrohte Mistwetter.

Die Ruhe vor dem Sturm in der Bucht von Almyros

Dienstagabend ist aber alles noch still und friedlich, und wir genießen den lauen Abend im Cockpit, bis wir alles reinräumen und das Boot regenfest machen. Am Mittwochmorgen geht es dann auch vor 8 Uhr noch los: am Himmel naht eine scharf abgegrenzte Wolkenwand, Böen von fast 30 Knoten fallen aus dem Nichts ein, und dann schüttet es auch schon aus Kübeln. In einer Ankerbucht wie dieser mit Schutz vor der See, genug Platz in alle Richtungen und Sandgrund kein Grund zur Sorge – den Anker haben wir fast mit Vollgas eingefahren, es schaut gerade noch der obere Rand vom Bügel aus dem Boden, der Schaft und die ersten Meter Kette sind nicht mehr zu sehen, wie wir gestern beim Schnorcheln noch überprüft haben (die Sicht auf fünf Meter Tiefe ist wie immer kristallklar). Wir können es uns also an Bord gemütlich machen und das Mistwetter regelrecht genießen: wie schön, nicht draußen sein zu müssen! Endlich kann man mal wieder die Vorhänge aufziehen, die sonst immer die Sonne und Hitze draußen halten sollen, und sogar die Petroleumlampe anzünden – der erste Herbsttag des Jahres!

Paralia Pori / Pano Kouphonisi

In der Nacht ziehen noch die letzten Regenfelder durch, und am Donnerstagmorgen erwartet uns schönstes Rückseitenwetter: der Südwestwind ist auf etwa 5 Windstärken zurückgegangen, und die Sonne strahlt auf einzelne Wolken, die eilig über den Himmel ziehen. Wir können den Anker lichten und uns gleich vom Klüver aus der Ankerbucht ziehen lassen – immer ein gutes Vorzeichen für den Tag, wenn er ohne Motorgeräusche beginnt 🙂

Unterm Regenbogen zieht Kato Kouphonisi vorbei

Nur unter Vorsegel machen wir gute Fahrt, wenn es auch in der aufgelaufenen See etwas schaukelt, aber auch für die heutige Strecke lohnt es sich nicht, das Großsegel auszupacken: sieben Seemeilen sind es entlang der unbewohnten Insel Kato Kouphonisi bis zur Nachbarinsel Pano Kouphonisi, wo wir in der fast kreisrunden Bucht vor Paralia Pori den Anker in gut 4 Meter tiefem Wasser fallen lassen.

Paralia Pori, unsere Ankerbucht auf Pano Kouphonisi

Da es ja noch früh am Tage ist, können wir mit dem Dinghi übersetzen und eine kleine Wanderung unternehmen. Die Landschaft zieht uns völlig in ihren Bann: unsere Bucht leuchtet in sattem Türkis, und die zerklüftete Felsenküste in allen vorstellbaren Terrakotta- und Umbratönen.

Felsformationen an der Küste

Überall hat die See kleine Einbuchtungen geschaffen und Höhlen ausgespült, in denen sich gurgelnd die Wellen brechen, der Wind hat bizarre Formen aus dem weichen Gestein gearbeitet; die Aussicht Richtung Südost auf die bergigen Nachbarinseln Keros und Amorgos ist hinreißend, und die schnell ziehenden Wolkengebilde krönen das sich uns bietende Bild. Jeder Beschreibung spottet aber der Duft: die überall wachsenden Wildkräuter haben den Regen des vergangenen Tages aufgesogen, und nun, von der warmen Sonne beschienen, geben sie ihre ätherischen Düfte in einer Intensität ab, die man kaum für möglich gehalten hätte.

Unser Zen-Strand

Wir finden einen kleinen Strandabschnitt, der vollständig mit kleinen Kieseln bedeckt ist; die kräftige Brandung kann diese in Bewegung versetzten, und beim Zurückziehen jeder Welle rollen sie mit einem feinen Klickern zurück. Dort verharren wir und lassen das gesamte Sinneserlebnis auf uns wirken: die Farben, der Duft, die Geräusche, alles so intensiv und durchdringend … ein kleines Stück vom Paradies!

Kouphonisi / Pano Kouphonisi
Die weißen Häuser von Kouphonisi; im Hintergrund Naxos mit seiner üblichen Wolkenkrone

Am Freitag ist ein Windloch während der Drehung von Südwest auf den üblichen Nordwind angesagt, und das wollen wir für einen Hafentag nutzen; wir motoren gleich nach dem Aufstehen zwei Seemeilen von unserer Ankerbucht in den einzigen Ort und Hafen der Insel, der auch ebenso wie sie heißt. Im kleinen, aber gut geschützten Hafenbecken liegen eine Handvoll Fischerboote, sonst niemand; es gibt sogar Muringleinen, so dass man nicht im Hafen den Anker ausbringen muss – das wissen wir schon zu schätzen, ebenso wie die Stromanschlüsse auf der Pier. Nach einer Stunde erscheint ein alter Seemann mit Piratentuch auf dem Kopf, erkundigt sich, wie lange wir bleiben wollen und kassiert 10 Euro für eine Nacht inklusive Strom – bar auf die Hand und ohne Quittung, versteht sich. Nun, wir sind mit dem Tarif zufrieden, und die örtliche Fischergilde mit dem Gegenwert einer Flasche Ouzo auch – was geht den Fiskus ein Geschäft unter Freunden an, denkt sich der Grieche 😉

Wir brechen danach zu einer Wanderung über den Teil der Insel auf, den wir gestern nicht gesehen haben, erklimmen dabei den mit gut 100 Metern höchsten Punkt der Insel, wo sich eine phantastische Rundumsicht bietet.

Aussicht von der höchsten Erhebung Kouphonisis

Hübsch anzusehen ist auch der kleine Ort mit seinen strahlend weißen Häusern; es gibt eine Bäckerei und einen kleinen Supermarkt, außerdem natürlich zahlreiche Restaurants, die meisten aber geschlossen – vielleicht für immer, wer weiß, wie kleine Familienbetriebe den Einkommensverlust eines ganzen Jahres verkraften werden …

Zurück an Bord werden wir noch Zeugen eines besonderen Erlebnisses: die ‚Orion‘ beginnt unter unseren Füßen merklich zu zittern! Nach kaum einer halben Minute, während wir uns noch fragen, ob wir das geträumt haben, wiederholt sich der Spuk … Recherchen im Internet ergeben, dass sich in der Nähe von Samos – also 150 Kilometer entfernt – ein Erdbeben der Stärke 6.9 ereignet hat, wohl das stärkste Beben in der Ägäis seit Jahren. Erdbeben an sich sind hier aber nicht ungewöhnlich, die Ägäis ist das Gebiet mit der größten Erdbebenhäufigkeit Europas – nun, jetzt wissen wir auch, wie sich das auf dem Wasser anfühlt.

Nikouria / Amorgos
Amorgos liegt voraus und füllt den ganzen Horizont

Am letzten Tag des Oktobers verlassen wir Kouphonisi und halten knapp 20 Seemeilen nach Osten auf Amorgos zu; mal wieder weht eine frische 5 bis 6 aus Nord, wir brauchen nur den Klüver, um 6 Knoten Fahrt zu machen. Unser Ziel ist von Anfang an nicht zu übersehen: etwa 33 Kilometer lang, nur wenige Kilometer breit und über 800 Meter hoch liegt die Insel wie eine riesige Wand quer am Horizont, ein beeindruckender Anblick, darauf zuzusegeln!

Die Einfahrt in die Meerenge zwischen Nikouria und Amorgos

Die besondere Form hat allerdings auch ihre Tücken: Amorgos weist so gut wie keine geschützten Häfen und Ankerbuchten auf, und schon gar nicht an der dem Meltemi abgewandten Südseite. Auf der windzugewandten Nordseite gibt es eine kleine vorgelagerte Insel, Nikouria, die es auch immerhin auf knapp 350 Meter Höhe bringt; bei der Einfahrt in die sich zwischen den Inseln befindliche Bucht sind wir sehr an norwegische Fjorde erinnert, nur dass die Berge viel trockener sind.

Der Vollmond geht über den Bergen auf

Hier finden wir guten Schutz vor der draußen auflaufenden See, der ohnehin schon kräftige Wind wird aber durch die Bergflanken noch verstärkt: direkt überm Wasser erreichen die Fallböen extreme Geschwindigkeiten, heulen laut und peitschen meterhohe Sprühnebel auf – ein abenteuerlicher Ankerplatz in völliger Einsamkeit, und der bald nach Sonnenuntergang aufgehende Vollmond vervollständigt das perfekte Halloween-Szenario 🙂

Ormos Livadi / Astypalaia

Gerne würden wir mehr Zeit auf Amorgos verbringen, aber dazu bräuchte es ruhigeres Wetter, bei dem momentan herrschenden ständigen Nordwind könnten wir nur in dieser Bucht bleiben, die mit ihren Fallwinden zwar ein spektakuläres, aber wirklich kein gemütliches Plätzen ist; also gehen wir kurz nach Sonnenaufgang gegen 7 Uhr in der Frühe Anker auf, um uns an die gut 50 Seemeilen weite Überfahrt nach Astypalaia zu machen. Für den heutigen Sonntag sind nur 4 bis 5 Beaufort Nordwind angesagt – auf längere Sicht eher ein Schwachwindfenster, häufiger sind es hier 5 bis 6, gerne auch 6 bis 7 Windstärken – jeweils im Mittel, die Böen legen gerne nochmal etwas drauf. Dies führt zusammen mit der ungewöhnlich großen Distanz dazu, dass wir nach der Rundung des Südwestendes von Amorgos nach längerer Zeit mal wieder das Großsegel auspacken müssen; so sind wir dann unter Vollzeug mit halbem Wind und 6 bis 7 Knoten unterwegs, während die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel scheint – ein herrlicher Segeltag!

Ormos Livadi, Astypalaia

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir die Bucht von Livadi auf Astypalaia; diese Insel gehört eigentlich gar nicht mehr zu den Kykladen, sondern zum Dodekanes, wurde in der Antike aber noch zu ersteren gezählt, weswegen wir auch unseren Abstecher nach Astypalaia unter der obigen Überschrift belassen. Wir ankern vorm Strand auf 5 m Tiefe auf Sandgrund – der Halt ist hervorragend, was auch gut so ist, denn schon in der kommenden Nacht soll der Wind wieder zulegen.

Die Chora, überragt von der Festungsruine

Am Montag setzen wir mit dem Dinghi zum Strand über und ersteigen den unmittelbar über der Ankerbucht aufragenden Berg mit der Chora der Insel; gekrönt wird diese von den Ruinen einer venezianischen Festungsanlage, die bei dem schweren Erdbeben von 1956 starke Zerstörungen erlitten hat, aber immer noch beeindruckend ist. Die eigentliche Festung ist umgeben von einem Ring ineinandergeschachtelter weißer Häuser, die sich an den steilen Hang schmiegen und durch eine Vielzahl von Treppen verbunden sind.

Die ganze Anlage hat eine starke Wirkung auf uns: die steil aufragenden Festungsmauern, der überwältigende Ausblick von den höchsten Türmen, die zurückhaltende, schlichte Schönheit der strahlend weißen Häuser mit ihren blauen Akzenten und den schon übernatürlich intensiv leuchtenden Bougainvillien -hinreißemd! Der Tourismus ist auf Astypalaia noch wenig entwickelt – die Insel ist einfach zu schwer zu erreichen – und so sind wir praktisch die einzigen Besucher; lediglich einigen Einwohnern begegnet man, die ihren alltäglichen Gewohnheiten nachgehen – etwa an der Straße sitzend ihren Kaffee trinken zum Beispiel – und unzähligen Katzen, die sich in der Sonne räkeln. Wer Ruhe sucht, ist hier richtig!

Agrilidi / Astypalaia

Am Dienstag zeigt sich der Himmel etwas bedeckter, dafür ist es auch weniger windig; wir wollen das nutzen um die folgende Nacht in einer etwas abgelegeneren Ankerbucht zu verbringen.

Agrilidi – wildromantischer Ankerplatz mitten im Nichts

Ganze 5 Seemeilen sind es hinüber auf die östliche Hälfte der Insel, wo sich eine fjordartige Bucht eine halbe Seemeile tief ins Land hineinschneidet; an deren Ende finden sich eine Kapelle, ein paar verfallene Gebäude mit einem aufgegebenen Olivenhain, etliche Ziegen – und sonst rein gar nichts. Wir wandern um die Bucht herum, trauen uns angesichts des schwächeren Windes trotz des bedeckten Himmels mal wieder ins Wasser (wo es sich bei 24 Grad wärmer als außerhalb anfühlt) und genießen ansonsten die wildromantische Abgeschiedenheit und das Läuten der Ziegenglocken …  

Analipsi / Astypalaia

Früh am nächsten Morgen beginnt der Wind, wieder zuzulegen, weswegen wir uns auf einen geräumigeren Ankerplatz verholen wollen – Astypalaia bietet eine breite Auswahl an Buchten mit Nordschutz, da kann man wählerisch werden …

Blick vom Ankerplatz auf Analipsi

Wir lassen uns mit halbem Wind wieder drei Seemeilen zurück nach Westen schieben und ankern vorm breiten Strand von Analipsi; da es noch früh am Tag ist, setzen wir gleich mit dem Dinghi über und gehen eine Runde durch das winzige Dorf.

Die besonders hübsche Kirche von Analipsi

Es gibt genau zwei Geschäfte: einen Minimarkt und eine Taverne; letztere sieht so einladend aus, dass wir einkehren und einen griechischen Mokka trinken. Es gibt nur wenige, kleine Tische, alles ist liebevoll gestaltet; die Speisekarte ist ein handschriftlich beschriebenes Schulheft und verspricht ausschließlich selbstgemachte Köstlichkeiten.  Spontan beschließen wir, am Abend nochmal wiederzukommen, obwohl der Wind bis dahin noch weiter zugelegt haben soll.

Unsere kleine Taverna

Das tut er dann auch, gegen 18 Uhr bläst es schon mit über 20 Knoten; mit einem etwas flauen Gefühl im Magen lassen wir die ‚Orion‘ mit 30 Metern Kette auf knapp 4 Meter Wassertiefe zurück. Das Abendessen belohnt uns für den kleinen Nervenkitzel: alles ist köstlich, hier wird noch richtig gekocht: nach unserer Bestellung geht der Wirt (und Koch in Personalunion)  erst mal rüber in den Laden und holt frische Zucchini … Die Leute sind unaufgesetzt freundlich, man freut sich wirklich dass es uns schmeckt, auch die Preise sind sehr angemessen. Und als wir wieder am Strand stehen und unser Ankerlicht noch an gleicher Stelle leuchtet, ist wirklich alles perfekt 🙂

Im Laufe der Nacht zum Donnerstag legt der Wind immer weiter zu, mittlere Windstärken von 30 bis 35 Knoten (also immerhin 7 Beaufort) sind für den folgenden Nachmittag angesagt; bei strahlendem Sonnenschein verbringen wir den Tag vor Anker und freuen uns zuschauen zu können, wie der Windgenerator die Batterien füllt.

Lange währt die Freude aber nicht, denn es gibt schlechte Nachrichten aus unerwarteter Richtung: vom Samstag den 7. November an befindet sich ganz Griechenland im Corona-Lockdown! Zwar schießen die Infektionszahlen auch hier seit Wochen in die Höhe, aber noch zwei Tage zuvor hatte die griechische Regierung eine Karte veröffentlicht, in dem das Land in zahlreiche Bezirke eingeteilt ist, für die jeweils eine von drei Warnstufen und damit einhergehende Maßnahmen gelten. Nur für wenige Regionen – rund um Athen und Thessaloniki – galt die höchste Warnstufe, für andere wie auch die südostägäischen Inseln die niedrigste. Ein gut nachvollziehbares Konzept – warum dieses allerdings zwei Tage später schon wieder eingestampft wird und kurzerhand alle Regionen zum Hochrisikogebiet erklärt werden, völlig unabhängig vom Infektionsgeschehen, ist uns völlig schleierhaft …

Aufgrund der schlechten Erfahrungen in Spanien fürchten wir auch eine Schließung der Häfen und verholen uns deshalb am Freitagmittag bei nur leicht nachlassendem Wind noch schnell in den Fischerhafen von Astypalaia, um hier der Dinge zu harren, die da kommen; mit dem wunderschönen Segeln von Insel zu Insel hat es jetzt jedenfalls erst einmal ein Ende, so viel ist sicher 🙁

 

Um die Finger der Peloponnes ( 21.09. – 14.10. )

Am Montagmorgen holen wir nochmal die neuesten Wettervorhersagen ein, die aber keine großen Neuigkeiten bringen, und so lichten wir dann gegen 9 Uhr den Anker (ganz sportlich unter Segeln) und verlassen die Bucht von Portopalo am Südostzipfel Siziliens. Eigentlich sollte gleich am Vormittag ein kräftiger Westwind einsetzen, der zum Nachmittag hin dann auch bis zu Windstärke 6 erreichen soll – nun, diese Wettervorhersage geht als erstes über Bord, als wir nach kaum einer Stunde beschließen, doch den Motor anzuwerfen, um wenigstens nicht länger die Mole von Portopalo anschauen zu müssen …

Zwei Stunden später bessert sich die Lage aber etwas: Westwind kommt auf, und unter Gennaker können wir zufriedenstellende Fahrt machen. Aus den vorhergesagten 20-25 Knoten wird aber auch für den Rest des Tages nichts, aber solange wir vorwärts kommen ist ja alles gut, und so genießen wir den Nachmittag Leichtwindsegeln bei ruhiger See und strahlendem Sonnenschein.

Als die Sonne aber tief im Westen steht, sehen wir, wie sich dort dicke Gewitterwolken aufbauen, wie so häufig in letzter Zeit. Und natürlich kommen die direkt auf uns zu – also erst mal schnell den Gennaker runter. Auf dem Radar beobachten wir, wie die Gewitterzellen Jagd auf uns machen; zwei erwischen uns auch und spülen das Boot gründlich mit Süßwasser. Erst nach Mitternacht beruhigt sich das Wettergeschehen, dafür hält uns das Schiffsaufkommen auf Trab: ein unaufhörlicher Strom von Containerschiffen und Tankern hält genau auf Gegenkurs auf uns zu. Tja, alles was aus den Suezkanal kommt peilt eben auch den südlichsten Punkt Siziliens an … Dank AIS können wir meistens entscheiden wie die Passage ablaufen soll, aber in einem Fall müssen wir per UKW Kontakt aufnehmen und eine beidseitige Kursänderung nach Steuerbord vereinbaren, um nicht frontal zusammenzustoßen – was das 300-Meter-Schiff wohl weniger beeinträchtigen würde als uns …

Der Dienstag bringt zunächst Flaute, am frühen Morgen muss der Motor wieder ran; gegen 11 Uhr kommt aber Wind auf, und den Rest des Tages können wir wieder segeln. Die leichten und wechselhaften Winde bedeuten aber eine Menge Arbeit, weil wir laufend versuchen, die Segelauswahl und -stellung zu optimieren. Davon abgesehen wird es aber ein entspannter Tag – und ein besonderer ist es noch dazu, denn heute ist Äquinoktium, der Tag ist genauso lang wie die folgende Nacht; das muss selbstredend – obwohl auf See – mit einem Glas Wein zum Abendessen gewürdigt werden.

Mittwoch kommt endlich mehr Wind – und dann natürlich gleich reichlich, wie sollte es sonst sein. Es legt immer mehr zu, bis es am Nachmittag 5-6 Beaufort sind, in den Böen sehen wir auch mal die 7. Aber der Wind kommt raum, die Welle ist moderat, die Sonne strahlt – nichts vermittelt ein Schlechtwettergefühl, und das Geschehen ist im Einklang mit den über NAVTEX erhaltenen Wetterberichten, also reffen wir mal nicht und fahren mit vollem Großsegel, Kutter und Klüver, schließlich haben wir was aufzuholen. Der Stundenmittelwert der Fahrt über Grund übersteigt die 5 Knoten, erreicht die 5.5 … na da gehen doch auch 6.0! Tatsächlich, und 6.5 werden es auch noch – im Mittel, wohlgemerkt: zeitweise rauscht die ‚Orion‘ mit 7.5 Knoten durchs Wasser. Das ist ungewohnt, meistens sind wir doch langsamer unterwegs, aber so macht es schon gewaltig Spaß, gerade auch wegen der großen Masse und des schlanken Rumpfes: wir haben geradezu das Gefühl das Wasser zu zerschneiden und im hohen Bogen wegzuschleudern, wenn wir in eine Welle fahren, ohne dass man auch nur die geringste Bremsbeschleunigung spürt.

Nun schmelzen die verbleibenden Seemeilen nur so dahin, der Punkt auf der Karte bewegt sich endlich; am Abend lässt der Wind etwas nach, aber über die ganze Nacht bleibt es noch brauchbar. Erst am Donnerstagmorgen ist es schlagartig vorbei: völlige Flaute. Aber wir sind kaum noch 30 Seemeilen von der griechischen Küste entfernt, und so motoren wir nochmal ein, zwei Stunden, bis wieder neuer Wind – diesmal aus Nordwest – aufkommt und uns am frühen Nachmittag (die Uhren haben wir eine Stunde vorgestellt, Griechenland liegt in der Osteuropäischen Zeitzone) nach 338 Seemeilen und 78 Stunden in die Bucht von Methoni schiebt.

Methoni

Am Donnerstagabend feiern wir noch die geglückte Überfahrt, aber ansonsten ruft erst mal die Koje; erst am Freitag erkunden wir unsere Umgebung. Wir sind am äußersten Finger der Peloponnes (Insel des Pelops, eine Sagengestalt) gelandet. Auf dieser Halbinsel liegen so geschichtsträchtige Städte wie Olympia, Sparta und Korinth – dreitausend Jahre Geschichte liegen vor uns.

In Methoni

Wir setzen mit dem Dinghi über und finden erst mal einen einladenden – und so gar nicht überlaufenen – Badestrand, der die ganze Bucht mit ihrem blaugrünen Wasser einrahmt. Dahinter ein malerischer, kleiner Ort mit so vielen gepflegten alten Häusern – hier vornehmlich aus Naturstein gebaut und nicht verputzt oder gestrichen – wie wir es sonst kaum je gesehen haben; die zahlreichen Tavernen sind äußerst einladend, und selbst das einzige als Strandhotel erkennbare Gebäude hat ganze zwei Stockwerke und ist gut anzusehen. Sind wir etwa endlich jenseits des Massentourismus angekommen?

Wir finden eine ziemlich schicke Konditorei mit unglaublich verführerischen Auslagen – natürlich ohne Preise … in Deutschland hätten wir uns kaum hineingetraut, aber hier müssen wir das Risiko ja mal eingehen, und siehe da: das Preisniveau liegt weit unter dem, was das Ambiente vermuten lässt.

Blick über Methoni, die Ankerbucht und teile der Festung
Das Zugangstor zur inneren Festung

Einzige Attraktion Methonis – wenn man den liebenswerten Ort selbst mal bei Seite lässt – ist die ausgedehnte Festungsruine auf der Südspitze der Halbinsel. Deren Anfänge liegen in unergründlicher Vergangenheit, schließlich wird Methoni schon in der Ilias erwähnt, hier verschwimmen Geschichte und Sagen; sicher ist aber, dass der Ort 620 v. Chr. unter die Herrschaft der Spartaner kam. Viel später, während des römischen Bürgerkrieges, bastelte auch mal Markus Antonius an der Anlage herum; es folgten Zeiten byzantinischer und venezianischer Herrschaft. Vor allem die Venezianer bauten die Festung stark aus – vergeblich aber, 1498 eroberten die Ottomanen Methoni. Erst 1827 wurde die Stadt in Folge des griechischen Unabhängigkeitskrieges wieder Teil des Königreichs Griechenland.

Blick von Süden auf das Seetor

Innerhalb der Festung ist nicht viel erhalten, aber die Anlage ist sehr umfangreich, es gibt viele Wälle, Türme und Mauern zu erklettern – und vor allem erlaubt sie einen hinreißenden Ausblick über die ganze Umgebung und das leuchtend blaue Meer! Wir verbringen einen schönen ersten Tag in Griechenland und nehmen einen sehr guten ersten Eindruck mit – so kann es gerne weitergehen 🙂

Nisos Sapientza

Am Samstagmorgen warten wir erst mal auf eine angekündigte Winddrehung, die uns helfen sollte, unser nächstes Ziel zu erreichen; leider bleibt diese aus: während die aktuellen Wettermodelle behaupten, dass vor Methoni Westwind weht,  haben wir merkwürdigerweise Südost … das ist wohl mehr als knapp daneben 🙂 Irgendwann verlieren wir die Geduld und beschließen, den Motor zu Hilfe zu nehmen, schließlich sind es nur 5 Seemeilen, die wir uns vorgenommen haben.

Die Ankerbucht von Sapientza, Port Longos

Gleich südlich der Bucht von Methoni liegt nämlich die Insel Sapientza, die uns schon am Donnerstag bei unserer Ankunft in Griechenland mit ihren sanften Hängen und tiefgrünen Vegetation begrüßt hat – da müssen wir doch hin! Für den Nachmittag und Abend ist auch mal wieder Starkwind angesagt, doch die Insel bietet dafür eine hervorragend geschützte Bucht – wie wir später feststellen müssen, ist der Schutz gegen Westen fast zu gut: es kommt so wenig Wind über die Berge, dass sich unser Bug eher gegen die Windrichtung nach Osten ausrichtet, was natürlich immer dann, wenn es doch mal ein 30-Knoten-Windstoß bis zu uns schafft, für etwas Verwirrung vor Anker sorgt. Problematisch ist das aber nicht, und wir genießen die völlig einsame Umgebung.

Am nächsten Morgen hat das Wetter sich beruhigt, und wir können einen Landausflug unternehmen. Die etwa 7 Kilometer lange Insel ist unbewohnt und – bis auf einen Leuchtturm – auch völlig unbebaut. Die Hügel sind von dichtem Buschwerk überzogen, alles ist sehr, sehr grün – hier regnet es offenbar doch häufiger als an unseren letzten Aufenthaltsorten. Wir erklimmen den steinigen Pfad zum Leuchtturm mit der Gewissheit, die Insel für uns zu haben (von einer Menge wilder Bergziegen mal abgesehen) – am einzigen Bootssteg liegt nur unser Dinghi.

Blick vom Leuchtturm über Sapientza

Der Leuchtturm stellt sich als aufgegeben heraus, man kann das Gebäude betreten und die Wendeltreppe erklimmen; im letzten Stück geht diese allerdings in eine Stahlkonstruktion über, der der Rost so sehr zugesetzt hat, dass wir uns ihr doch lieber nicht anvertrauen wollen … das macht aber nichts, das Panorama über Insel, Land und See von hier ist umwerfend, die Farben überwältigend – jeder Meter Kraxelei hierher hat sich gelohnt!

Koroni
Segeln bei Traumbedingungen vor Akrotirio Akritas

Kaum zurück vom Landgang, machen wir uns gleich auf den Weg, denn über Mittag soll etwas Wind aufkommen, und heute wollen wir immerhin noch 20 Seemeilen zurücklegen. Wir können noch am Anker das Groß setzen und uns vom Wind aus der Bucht wehen lassen – so fangen Segeltage schon mal gut an! Und es geht auch bestens weiter: die Sonne strahlt, das Meer glitzert dunkelblau, und wir haben schönsten Halbwind um 4 Beaufort, die ‚Orion‘ zeigt sich von ihrer besten Seite – da wird auch mal der Weg zum Ziel!

Blick vom Ankerplatz auf Koroni und die Festungsmauern

Wir runden Akrotirio Akritas, den südlichsten Punkt des westlichsten ‚Fingers‘ des Peloponnes, und fahren damit in den Messenischen Golf ein. Für den morgigen Montag ist eher schlechtes Wetter mit südöstlichen Winden angesagt, wofür wir am Nachmittag Schutz hinter der Landzunge von Koroni und der Hafenmole des Ortes suchen; erst mal aber genießen wir den Abend, und das schon wieder mit Blick auf die Ruinen einer (wenigstens zuletzt) venezianischen Festung: wie schon in Methoni unterhielten die Venezianer hier einen Stützpunkt, um ihre Handelsrouten nach Konstantinopel zu schützen, bis sie diesen an die Osmanen verloren.

Die Klosterkirche innerhalb der Festung

Am Dienstag ist es wie angekündigt grau und regnerisch, der Wind hält sich aber sehr in Grenzen, und wir verbringen einen ruhigen Tag vor Anker; am Mittwochmorgen aber präsentiert sich der Himmel wieder blau und sonnig, und wir setzen mit dem Dinghi über, um den Ort und die Burg – Kastro Koronis – anzuschauen. Nach einem nicht ganz unbeschwerlichen Aufstieg finden wir im Inneren der beeindruckenden Festungsmauern ausgedehnte Olivenhaine, eine Kirche mit angeschlossenem Friedhof und eine Klosteranlage; diese steht Besuchern offen (angemessene Kleidung vorausgesetzt, d.h. bedeckte Knie und Schultern), und man wird von recht betagten orthodoxen Nonnen aufs Freundlichste begrüßt (die in ihrem schwarzen Ornat offenbar keinerlei Probleme mit den Temperaturen haben). Der Klostergarten ist schön angelegt und verströmt zeitlose Ruhe, und von der Akropolis, dem höchsten Punkt der Festung, hat man einen tollen Ausblick über Koroni, den Hafen und den ganzen Messinischen Golf.

Aussicht von der Akropolis über Koroni
Petalidi
Blick vom Ankerplatz vor Petalidi auf die Berge der Mani-Halbinsel im Abendlicht

Kurz nach unserer Rückkehr an Bord frischt der Wind auf – also schnell die Segel gesetzt und hoch mit dem Anker! Bei etwas wechselhaftem aber insgesamt frischen Wind fliegt die Küste nur so vorbei, und nach gerade zwei Stunden sind wir schon am Ende des Messenischen Golfes angekommen, wo wir vor der Kleinstadt Petalidi ankern. Eigentlich wollen wir ja nach Kalamata, aber die dortige Marina verlangt ab Oktober – also übermorgen – nur noch die Hälfte, und da können wir und doch gut noch etwas gedulden 🙂 Das Wetter ist weiter herrlich, und bei Nordwestwind der Ankerplatz so sicher und ruhig, dass wir hier einen schönen Tag verbringen, den wir mit einem köstlichen Abendessen in einer kleinen Taverne abschließen.

Kalamata

Am Donnerstag den 1. Oktober legen wir die letzen 10 Seemeilen bis Kalamata zurück; es wehen gerade mal sechs bis sieben Knoten Wind, und wir befürchten schon motoren zu müssen, aber siehe da, mit dem neuen Code 0 machen wir bei völliger Abwesenheit von Welle immer noch gut 3 Knoten Fahrt – prima! In Kalamata angekommen, machen wir in der Marina fest – keine Selbstverständlichkeit, denn anders als im westlichen Mittelmeer gibt es in Griechenland nur sehr wenige Marinas, also speziell auf Sportboote ausgelegte Häfen mit entsprechender Infrastruktur. Hier werden knapp 24 Euro Liegegeld pro Nacht fällig – auch das eine andere Größenordnung als in Spanien und Italien üblich.

Der Empfang ist freundlich und unkompliziert; da wir ja nicht nach Tunesien fahren konnten brauchen wir auch dringend Diesel, und die örtliche Bootstankstelle ist seit Jahren außer Betrieb, und so fürchten wir schon Probleme – aber die gibt es nicht, der Hafenmeister zückt sein Mobiltelefon und eine Stunde später steht ein Tanklaster auf der Pier. Mit € 1,19 pro Liter kommen wir auch noch wesentlich günstiger davon als in Spanien (€ 1,40) oder Italien (€ 1,60, jeweils Bootstankstellenpreise – Aufschläge von 50% auf den Straßenpreis sind nicht ungewöhnlich), wenn auch nicht so günstig wie es in Tunesien gewesen wäre. Aber daran ist nichts zu ändern, die ‚Orion‘ hat nun wieder 400 Liter Diesel im Bauch und ist damit für viele Monate gerüstet.

Detail einer der vielen orthodoxen Kirchen

Am nächsten Tag erkunden wir Kalamata; berühmt ist die Stadt für die gleichnamigen Oliven, und natürlich decken wir uns auch mit denen sowie einem 5-Liter-Kanister Olivenöl ein, Grundzutat der griechischen Küche. Obwohl die Stadt natürlich uralt ist wie alles hier, gibt es wenig historische Gebäude zu sehen – zu viel ist wohl bei diversen Kriegen und Erdbeben zerstört worden. In der jüngeren griechischen Geschichte aber hat sich Kalamata einen zentralen Platz gesichert, hier nämlich wurde am 23. März 1821 der Beginn des Unabhängigkeitskampfes gegen die türkischen Besatzer erklärt, der schließlich zu Wiedergeburt Griechenlands als selbstständiger Staat führte.

In der Altstadt von Kalamata

Wir finden eine offene, freundliche und lebendige Stadt vor, mit großzügig angelegten Hauptachsen und kleinen, hübschen Sträßchen in der Altstadt. Mit der frischen, klaren Luft aus dem umgebenden Bergen und der sehr warmen Sonne fühlt es sich eher wie Frühling als wie Herbst an – uns gefällt es hier, auch ohne großartige Attraktionen.

In der Nähe des Hafens gibt es auch richtig große Supermärkte, so dass wir auch noch mehrere Einkaufstouren unternehmen – wer weiß, wann sich solche Möglichkeiten wieder bieten …

Am Samstag verlassen wir Kalamata wieder; es weht kaum Wind, aber irgendwo viel weiter im Süden gibt es wohl welchen, weswegen ein beachtlicher Schwell von anderthalb Metern Höhe in den Messenischen Golf rollt. Schutz gegen Süd ist in dieser Bucht kaum zu finden; die Hafenmole von Koroni, unser vorletzter Stopp vor Kalamata, ist das noch das beste Angebot, und so segeln und motoren wir in sieben Stunden die 13 Seemeilen dorthin. Den ganzen Sonntag ankern wir dort bei gutem Schutz gegen den Schwell und völliger Flaute, bevor wir am Montagmorgen zur Überquerung des Meeresarms aufbrechen.

Diros
Die ‚Orion‘ in der Bucht von Diros

Gegenüber liegt die Halbinsel Mani; mit ihren bis 2400 Meter hohen Gebirgszügen ist sie sehr unzugänglich, weswegen sich Fremdherrscher seit Jahrtausenden die Zähne an ihren als streitbar bekannten Bewohnern ausgebissen haben. Wirklich geschützte Ankerbuchten gibt es auch keine, zu steil fallen die Berge ins Meer ab. Nun kommt uns aber zu Gute, dass seit Tagen kein Wind weht: die See ist fast still, die Windrichtung umlaufend bei 0-5 Knoten; es nervt zwar gehörig, dass wir den größeren Teil der 24 Seemeilen langen Überfahrt motoren müssen, aber so können wir in der nach Westen völlig offenen Bucht von Diros ankern.

Hierhin zieht uns nämlich die größte Attraktion der Mani-Halbinsel: die Höhlen von Diros. Wir brauchen nur ein paar Ruderschläge mit dem Dinghi, um das Eingangsgebäude zu erreichen; um ein Ticket zu erweben, muss man dann aber dennoch 200 Meter den Berg herauflaufen …

Der Eintritt ist mit 10 Euro nicht gerade geschenkt, die Höhlen aber wirklich spektakulär: zunächst wird man mit einem kleinen Kahn einige hundert Meter durch den überfluteten Teil der Höhle gestakt, dann steigt man wieder aufs Trockene und geht den Rückweg zu Fuß. Der Weg mit dem Boot ist toll: die kühle Luft, der Geruch des Kalksteins, das völlig unbewegte, kristallklare Wasser, die Stille … und überall die tollsten Tropfsteinformationen! Schade aber, dass wir nur eine drastisch verkürzte Version zu sehen bekommen – Corona-Auflagen … weswegen es signifikant gefährlicher ist, mit der selben Anzahl (maskentragender) Menschen 20 statt 5 Minuten in dem selben Boot zu sitzen, entzieht sich – wie so oft beim Thema Corona – der spontanen Einsicht …

Tropfsteinformationen

Selbst wenn man sich für den Fußweg viel Zeit lässt, ist man aufgrund der verkürzten Bootsroute nach 20 Minuten wieder draußen – die Höhle ist zwar mit einer Gesamtlänge von über 15 Kilometern das längste Höhlensystem Griechenlands, aber nur der geringste Teil liegt über dem Meeresspiegel. Dennoch, was man zu sehen bekommt, ist toll, und die Stimmung geradezu magisch!

Ob dies der Fluss Styx sein könnte, welcher in der griechischen Mythologie in die Unterwelt, das Reich des Hades, führt? Immerhin liegt der Eingang der Sage nach auch auf dieser Halbinsel, allerdings weiter südlich. Unser Fährmann hat sich nicht vorgestellt, aber vielleicht hieß er Charon … 😉

Gerolimenas

Nach der Höhlenbesichtigung machen wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg; es ist nicht viel Wind angesagt, deshalb nehmen wir uns mit 15 Seemeilen auch keine lange Strecke vor, aber selbst diese stellt unsere Geduld auf die Probe … wir nutzen unter Code 0 jeden Knoten Wind, aber zwischenzeitlich treiben wir sogar rückwärts wieder auf die Bucht von Diros zu. Schließlich müssen wir gegen 18 Uhr doch für die letzten Seemeilen den Motor starten, um nicht im Dunkeln ankern zu müssen.

Gerolimenas: sympathisch am Abend …

Dies erweist sich als gute Entscheidung, den der Ankerplatz vor dem kleinen Fischerdorf Gerolimenas erweist sich als recht beengt, und natürlich kommt pünktlich zur Ankunft der erste nennenswerte Wind des Tages auf; da wir alleine sind, finden wir aber einen akzeptablen Platz, wenn auch in Rufweite der Tavenas am Pier – was den Vorteil hat, dass für (durchaus geschmackvolle) musikalische Untermalung gleich gesorgt ist.

… wie am Morgen

Überhaupt überrascht uns Gerolimenas mit der Anzahl der bewirtschafteten Gebäude (die der Gesamtanzahl der Gebäude recht nahe kommt): hier, kurz vorm Ende der Mani-Halbinsel, gibt man sich einige Mühe, den Touristen diesen doch sehr abgelegenen  Ort schmackhaft zu machen, man hat sogar Scheinwerfer installiert, welche die imposante Felswand auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht anstrahlen – kein schlechter Platz, um hier am Wasser seinen Wein zu genießen.

Porto Kagio
Ákra Taínaron

Am nächsten Morgen besuchen wir noch kurz den kleinen Minimarkt, bevor wir unter Segeln den Anker lichten – es weht nämlich Wind aus der Bucht! Das Vergnügen hält aber nicht lange vor – und der kaum vorhandene Wind kommt auch noch (genau entgegengesetzt zur Vorhersage) von vorne! Wir kreuzen tapfer gegen die Flaute an, bis wir schließlich (nach 5 Stunden und ebensovielen Seemeilen) Ákra Taínaron, die südliche Spitze der Mani-Halbinsel und zugleich den südlichsten Punkt des griechischen Festlands sowie – nach dem spanischen Tarifa – das zweitsüdlichste Kap Europas (und, nicht zu vergessen, den vermeintlichen Eingang zum Hades) umrunden und damit vom Messenischen in den Lakonischen Golf wechseln. Normalerweise gilt die Rundung als nicht gerade einfach, weil die hohen Berge der Mani-Halbinsel für kräftige Winde sorgen – nun, heute scheint eine Ausnahme zu sein … wieder müssen wir den Motor zu Hilfe nehmen, um nicht vor dem Kap für die Nacht einzuparken.

Vor Porto Kagio

Nur wenig nördlich finden wir einen Ankerplatz in der Bucht von Porto Kagio; statt wie die anderen Boote vor dem kleinen Ort zu ankern, entscheiden wir uns aber für einen einsamen Strand an der Westseite. Im zweiten Anlauf hält auch der Anker, aber ein Tauchgang enthüllt die ganze Wahrheit: der vermeintliche Sand ist nackter Fels, und die Spitze des Ankers hat sich hinter einer faustgroßen Felsnase verhakt … nun ja, es gefällt uns hier, also hoffen wir darauf, dass sich der Zugwinkel der Kette nicht ändert und wir nicht mitten in der Nacht vom Ankeralarm unsanft geweckt werden 🙂

Elafonisos

Nach einer etwas angespannten Nacht – der Anker hat zwar gehalten, aber darauf zu warten, dass er es nicht tut, ist doch nicht so entspannend – brechen wir am Donnerstagmorgen zur Querung des Lakonischen Golfs auf; knapp 30 Seemeilen liegen vor uns, und heute soll es endlich mal Wind geben!

Die Ostseite von Elafonisos ist schon toll …

Den gibt es auch tatsächlich – je weiter wir uns von den schützenden Bergen der Mani-Halbinsel in unserem Rücken entfernen, desto mehr legt es zu, und entsprechend höher werden die Wellen. Aber dafür sind wir – nur unter Klüver – recht schnell, und schon gegen 15 Uhr liegt unser Ziel, die kleine Insel Elafonisos vor der Südspitze des dritten ‚Fingers‘ der Peloponnes, vor uns. An ihrer Südseite finden sich zwei außerordentlich schöne Ankerbuchten, aber die inzwischen ein bis zwei Meter hohe Windsee läuft zu sehr hinein, so dass wir die Südostpitze der Insel noch runden und vorm Strand von Leukes an der Ostseite trotz 30 Knoten Wind einen ruhigen Ankerplatz finden.

… aber die Ankerbucht an der Südseite stellt das noch in den Schatten!

Auch hier ist es schon sehr schön, aber wir wollen doch auch die Doppelbucht im Süden erleben, und so verholen wir uns am nächsten Morgen, als der Westwind sich gelegt hat, drei Seemeilen zurück in die Bucht von Akra Elena. Diese kleine Halbinsel trennt einen viele Kilometer langen Sandstrand in zwei ungleiche Teile, und in der Tat ist es toll hier: das Wasser ist perfekt klar, und der endlose weiße Sandgrund lässt es in allen Blau- und Türkistönen leuchten. Herrliche Strände erstrecken sich so weit das Auge reicht, und gerade mal eine Handvoll Menschen bevölkern dieses kleine Paradies – keine Hotels, keine lärmende Musik, nichts! So etwas gibt es wohl nur noch in Griechenland: karibische Traumstrände, und niemand ist da … auch keine anderen Yachten, wir sind allein – und bleiben es die nächsten zwei Tage.

Hinreißend: die Doppelbucht im Süden von Elafonisos

Wir landen am Strand an und erwandern die Umgebung der Bucht; von der höchsten Erhebung der Halbinsel bietet sich ein unvergesslicher Anblick: Elafonisos hat sich spontan den Spitzenplatz unserer besten Ankerbuchten erobert!

Ormos Kamili

Am Sonntagmorgen verlassen wir schweren Herzens unsere Traumbucht, für die übernächste Nacht zeichnet sich nämlich ein Frontendurchzug mit Starkwind aus Süd ab, und da wäre es ganz schnell vorbei mit dem Paradies …

Akrotirio Maleas querab

Wir segeln mit noch sehr gemächlichem Wind unter Gennaker gen Osten; nach einigen Stunden runden wir Akrotirio Maleas, das Kap am Südende der Lakonischen Halbinsel – und damit sind wir nun nicht mehr im Ionischen Meer, sondern in der Ägäis! Ein tolles Gefühl, nach weit mehr als 5000 Seemeilen das (inoffizielle) Ziel im Mittelmeer erreicht zu haben 🙂

Wie so häufig frischt es direkt ums Kap etwas auf, aber das Schicksal von Odysseus, der hier auf der Heimreise von einem Sturm 9 Tage gen Süden vertrieben wurde, bleibt uns erspart; wir erreichen am Abend die wenig frequentierte Ankerbucht Ormos Kamili. Zunächst fragen wir uns, warum hier kaum jemand ankern mag, landschaftlich hat sie doch alles zu bieten; erst in der Nacht, als plötzlich Fallwinde aus den Bergen auftreten, erkennen wir ihre Nachteile: der ganze Grund besteht aus PKW-großen Felsplatten mit kaum mal einem Sandflecken dazwischen. Wir haben uns zwar alle Mühe gegeben den Anker in einem solchen zu platzieren, aber mit den einsetzenden Böen schrubbert die Kette über die Felsen, bleibt immer mal wieder in den Kanten hängen, löst sich dann schlagartig – was das Boot mit kleinen Bocksprüngen quittiert. Da der Wind auch stundenlang nicht nachlassen will und mit 5 bis 7 Windstärken auf uns einprügelt (die Wettervorhersage sprach von Windstärke 2 …), wird die Nacht (mal wieder) äußerst unergiebig.

Monemvasia

Dafür sind wir am nächsten Morgen in einer guten Startposition, um uns einen Liegeplatz im nur noch 10 Seemeilen entfernten Stadthafen von Monemvasia zu sichern, wir erwarten nämlich in Anbetracht des angesagten Frontendurchzugs noch einigen Andrang. Der Hafen bietet perfekten Schutz: stabile Betonpiers, teilweise sogar mit Strom- und Wasseranschlüssen, und ein freies WLAN gibt es auch noch – und das alles kostenlos! Unsere Begeisterung wird etwas gedämpft, als jemand auf einem Roller vorgefahren kommt und uns mitteilt, wir dürften hier auf keinen Fall längsseits liegen, nur vor Buganker und Heckleine – in Griechenland ja durchaus üblich, aber wenn 50 Knoten Seitenwind drohen keine allzugute Idee; selbst wenn noch andere Boote kommen, sollten die sich lieber hinter uns einreihen und schließlich Päckchen bilden. Ein anderer Segler rät uns aber, das zu ignorieren, das sei nur ein selbsternannter Ordnungshüter ohne jede Befugnis.. Um sicher zu gehen rufen wir bei der zuständigen Hafenbehörde an, und siehe da, wir können uns auf Englisch verständigen (undenkbar in Spanien!), und man hat auch überhaupt kein Problem mit unserem Ansinnen – warum auch, der Hafen ist halb leer und bleibt es auch zum Abend.

Monemvasia – das bedeutet ’nur ein Zugang‘ …

Die Nacht wird wie erwartet stürmisch, aber am nächsten Morgen ist die Welt wieder in Ordnung, und wir machen uns auf den Weg, das alte Monemvasia zu erkunden. Die byzantinische Gründung liegt am Hang und auf der Spitze einer steil aufragenden Insel, die mit dem Festland nur mit einer kleinen Brücke verbunden ist. Mehrere Befestigungsreihen halten unerwünschte Besucher ab, und das – aufgrund der besonderen Lage – so erfolgreich, dass der Ort als das ‚Gibraltar des Ostens‘ bezeichnet wurde. Was nutzt es aber, eine kleine Festung zu halten, wenn alles drumherum erobert ist – und so durchlief auch Monemvasia die üblichen Phasen osmanischer und venezianischer Herrschaft.

Die Unterstadt ist heute ein wirklich sehenswertes Touristenziel …

Nach der griechischen Unabhängigkeit 1821 wurde der Ort nach und nach verlassen – was den großen Vorteil mit sich bringt, dass bis zu seiner touristischen ‚Wiederentdeckung‘ praktisch nichts verändert worden ist. Die von steilen Mauern geschützte Unterstadt ist ein Gewirr winziger Gassen zwischen den völlig unregelmäßig in den steilen Hang gebauten Häusern, von denen viele liebevoll restauriert sind und Cafés, Restaurants und kleine Hotels beherbergen.

… der Weg auf die Festung beschwerlich …

Eine endlose Treppe führt ganz hinauf in die eigentliche Festung; hier ist viel mehr verfallen, aber dennoch bekommt man noch einen guten Eindruck von der ursprünglichen Anlage – und die Ausblicke von hier oben sind begeisternd! Leicht kann man sich beim Blick herab auf die steile, gewundene Treppe vorstellen, dass dieser Ort praktisch uneinnehmbar war – und die Bewohner ziemlich sportlich, denn schließlich musste ja auch alles und jedes hier heraufgeschleppt werden!

An Siziliens Südküste (03.09. – 20.09.)

Am Mittwochvormittag bleiben wir erst mal noch etwas am Ankerplatz, während eine kleine Front durchzieht, um uns dann auf deren Rückseite auf den Weg zur Überfahrt nach Sizilien zu machen, der größten Insel im Mittelmeer; gut 160 Seemeilen liegen vor uns, und laut der auf den aktuellen GRIB-Daten basierenden Berechnung soll die Reise gut 50 Stunden dauern, ganz ohne Motoreinsatz – man darf gespannt sein …

Malerischer Abendhimmel auf dem Weg nach Sizilien

Die ersten Stunden entsprechen schon einmal nicht der Wettervorhersage: während wir eigentlich wenig Wind haben sollten, sind wir zügig unterwegs, und parallel zu uns bewegt sich eine drohend-dunkle Wolkenwand. Die eigentlich durchgezogen geglaubte Front hat wohl noch mal Verstärkung geholt … es wird aber nicht unangenehm, und wir freuen uns über die unverhofft gute Fahrt. Am späten Nachmittag reißt dann auch der Himmel komplett auf, der Wind lässt deutlich nach, und am Abend bekommen wir mal wieder einen hinreißenden Sonnenuntergang – auf See ist der Himmel einfach immer am schönsten!

In der Nacht und am ganzen folgenden Donnerstag versuchen wir, die beobachteten Windrichtungen und -stärken (besser sollte man von ‚Windschwächen‘ reden) mit der Wettervorhersage in Einklang zu bringen – vergeblich: eigentlich sollte der Wind eine Drehung über Südwest auf Nordwest durchlaufen und nie unter 7-8 Knoten fallen, tatsächlich bleibt er aber bei Süd, bis er sich in Nichts auflöst. Entsprechend versuchen wir unzählige Male die Segelstellung anzupassen und tauschen mehrfach die gesamte Garderobe durch, aber letztendlich muss dennoch der Motor gestartet werden, wenn wir nicht auch noch eine dritte Nacht für die eigentlich übersichtliche Passage aufwenden wollen.

Erst am Donnerstagabend setzt wieder Wind ein – aus Nordost … aber besser am Wind segeln als motoren! Nach Sonnenuntergang bietet sich uns ein besonderes Schauspiel: der östliche Horizont wird zunächst völlig schwarz, Himmel und Meer sind nicht mehr auseinanderzuhalten, als auf einmal mitten in dieser Schwärze eine blutrote Glut aufflammt, und darüber ein paar Wolkenstreifen beginnen, orangerot zu brennen! Bricht da auf Sizilien gerade ein Vulkan aus? Nein, obwohl es wirklich so aussieht: der Vollmond geht auf!

Der Wind legt immer weiter zu – auch das war nicht vorhergesagt. Wir reduzieren die Segel, bis wir schließlich mit zweitem Reff im Groß und Kuttersegel bei bis zu 25 Knoten am Wind gen Osten eilen. Im ersten Tageslicht sehen wir Land: die Sizilien vorgelagerten Ägadischen Inseln liegen vor uns.

Der Wind lässt auch etwas nach, so dass wir schon kurz nach 10 Uhr problemlos den Hafen von Marsala ansteuern können. Dort bekommen wir einen Liegeplatz in der Marina Mothia und können uns erst mal etwas von dieser Überfahrt erholen, deren Windverhältnisse höchstens im Mittelwert etwas mit der Vorhersage zu tun hatten.

Marsala
Die Kathedrale von Marsala

Die westlichste Stadt Siziliens ist eine karthagische Gründung und trug zunächst den Namen Lilybaion; als Folge des Ersten punischen Krieges wurde sie 241 v. Chr. – trotz jahrelanger Belagerung unerobert – an das Römische Reich abgetreten. Den heutigen Namen erhielt sie erst 1000 Jahre später durch die Araber (مرسى علي, ‚Marsā ʿAliyy‚), und bekannt geworden ist sie durch den gleichnamigen Likörwein, den wir in Deutschland gerne mal nach dem Essen beim Italiener ausgeschenkt bekommen.

Grüne Oase in einem Innenhof

Selbstredend decken wir uns hier mit dieser Spezialität ein, aber auch einen Rundgang durch die Stadt lassen wir uns nicht entgehen: viele prachtvoll restaurierte historische Gebäude säumen stimmungsvolle Straßen und Plätze, dazwischen finden wir Ausgrabungsstätten mit antiken Gemäuern. Auf der anderen Seite fällt aber auch auf, wie schnell sich das Stadtbild abseits der hergerichteten Straßen verändert: hier sieht es eher heruntergekommen aus, viele ehemals durchaus sehenswerte Bauten sind dem Verfall preisgegeben. Marsala ist wohl kein typisches Touristenziel, und das sieht man halt …

Spiaggia di Mazara

Am Samstagmorgen schleppen wir zunächst 80 Liter Diesel von einer nahegelegenen Straßentankstelle heran – es gibt zwar auch eine Bootstankstelle, aber die verlangt einen Aufpreis von stolzen 32 Cent pro Liter! Mit € 1,28 ist es so schon nicht gerade geschenkt – ach, wie schön wäre es doch gewesen, in Tunesien tanken zu können, dort soll der Diesel um die 50 Cent kosten …

Kurz darauf verlassen wir die Marina; mit etwa 17 Seemeilen entlang der sizilianischen Küste liegt zwar kein langer Weg vor uns, aber viel Wind gibt es auch nicht, und die Flaute kommt auch noch – wie sollte es anders sein – von vorne. Die vorbeiziehende Küste bietet einen eher unspektakulären Anblick (die hohen Vulkane Siziliens finden sich eher am gegenüberliegenden Ende der großen Insel und sind von hier natürlich nicht zu sehen), aber wir genießen das entspannte Leichtwindsegeln ohne große Streckenvorgabe bei allerschönstem Sonnenschein.

Abendhimmel überm Capo Feto

Als Übernachtungsplatz haben wir uns den Strand vor der Fischereistadt Mazara del Vallo ausgeschaut; dieser bietet zwar keinen nennenswerten Schutz, aber diese Eigenschaft teilt er sich mit dem gesamten Rest der 160 Seemeilen langen Südwestküste … wir bekommen noch einen tollen Abendhimmel geboten, der Lärm von den Strandbars hält sich auch in erträglichen Grenzen, und windmäßig ist die Nacht auch völlig ruhig – wäre da nur der Schwell nicht, der die ‚Orion‘ die ganze Nacht von der einen Seite auf die andere rollen lässt 🙁

Selinunte

Entsprechend übermüdet machen wir uns am nächsten Morgen wieder auf den Weg weiter die Küste entlang; es weht wenig Wind, und der kommt uns natürlich entgegen, aber wir nehmen es sportlich und kreuzen gegen die Flaute auf, so dass doch etliche Seemeilen durchs Wasser zusammenkommen, bis wir am frühen Abend vorm Strand von Selinunte ankern. Überm Strand ragen die Ruinen alter Tempel auf: die Siedlung ist eine Gründung dorischer Griechen aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und wuchs sehr schnell an Größe und Bedeutung; mit dazu bei trugen die hervorragenden Bedingungen für die Landwirtschaft – bei der heutigen kargen Landschaft schwer vorstellbar, dass Sizilien bis zur Abholzung durch die Römer eine recht fruchtbare Insel war.

Ankern vor der Akropolis von Selinunte

Der Schwell am Ankerplatz ist im Vergleich zur vorhergehenden Nacht nicht besser geworden, im Gegenteil – die Nacht wird sehr unerbaulich, und am nächsten Morgen brechen sich die Wellen so hoch am Strand, dass eine Landung mit dem Dinghi kaum aussichtsreich erscheint. Da wir aber unbedingt die Ausgrabungsstätten ansehen wollen, bleiben wir erst mal den ganzen Montag vor Anker liegen und warten auf bessere Bedingungen.

Die kommen mit dem Dienstag, und wir setzen zum Strand über; nach einem kleinen Umweg durch den Ort (es kommen wohl nur wenige Besucher vom Wasser …) erreichen wir den Eingang zum  Parco Archeologico. Für 6 € Eintritt gibt es eine Menge zu sehen: allein das parkartige und äußerst ausgedehnte Gelände ist schon sehr ansprechend, aber die Vielzahl der darüber verteilten historischen Stätten begeistert uns richtig: nicht nur ein gutes Dutzend Tempel liegen darin verstreut, sondern die Reste einer sehr großen, antiken Großstadt ragen aus dem Sand. Wie umfangreich war diese Stadt, wie städtebaulich durchgeplant angelegt – und das vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren! Das zivilisatorische Niveau zur Zeit der griechischen Kolonien von Magna Graecia ist überaus beeindruckend – und fand ein jähes Ende mit der Eroberung durch die Karthager 409 v. Chr.; danach wurde die Stadt zwar teilweise wieder aufgebaut, fand aber nie zu alter Größe zurück, bis sie im Ersten Punischen Krieg 250 v. Chr. von den Römern endgültig zerstört wurde.

Den Rest erledigten dann diverse Erdbeben und von diesen ausgelöste Flutwellen, die auch die monumentalen Tempel in sich zusammenstürzen ließen; den gewaltigen Steinblöcken und -trommeln, aus denen diese errichtet waren, konnte all dies aber nichts anhaben, sie zeugen heute noch vom Glanz längst vergangener Zeiten. Teile einiger Tempel wurden von den Wissenschaftlern im Laufe der letzten 100 Jahre wiedererrichtet, und so ist eine gelungene Mischung aus Originalfundstätten und wiederbelebter Geschichte entstanden – wirklich ein Erlebnis!

Nach der Rückkehr auf die ‚Orion‘ verbringen auch den dritten Abend noch vorm Strand vor Selinunte, um noch einmal die Sonne hinter der Akropolis untergehen zu sehen – wahrlich ein besonderer Ankerplatz (wenn nur der Schwell nicht wäre …)!

Sciacca
Im Hafen von Sciacca

Am Mittwoch verlassen wir Selinunte und folgen der Küste weiter bis Sciacca; hier finden wir außerordentlich freundliche (und mit 40 € für hiesige Verhältnisse günstige) Aufnahme an der Steganlage der Lega Navale, einem landesweit operierenden Wassersportverein. Die 40.000 Einwohner zählende Kleinstadt ist – selbstredend – sehr alt, hat aber keinen herausragenden Platz in der Geschichte eingenommen (bemerkenswerte Ausnahme ist die mittelalterliche Geschichte zweier verfeindeter Familien, deren Kämpfe ein Jahrhundert lang die Geschicke der ganzen Stadt maßgeblich bestimmt haben – als hätte sich Shakespeare auf Sizilien inspirieren lassen …).

In der Altstadt von Sciacca

Dennoch – oder gerade deswegen – gefällt es uns hier wirklich gut; auch abseits der historischen Bauten wirkt die Stadt nicht so heruntergekommen wie wir es z.B. in Marsala empfanden. Lediglich der Straßenlärm – hervorgerufen durch tausende Fahrzeuge in verschiedenen Verfallszuständen  mit zwei bis vier Rädern und deren ununterbrochenes Hupkonzert – ist für den gemeinen Nordeuropäer etwas schwer zu ertragen und setzt dem Sightseeing dann doch irgendwann ein Ende.

Eigentlich wollten wir am Donnerstagmittag Sciacca wieder verlassen, aber ein kleiner Unfall beim Ablegen verhindert das erst einmal und bringt uns statt dessen die nähere Bekanntschaft des italienischen Gesundheitssystems ein – eine Erfahrung, auf die man durchaus auch verzichten kann …

Eine Woche später, am Donnerstag den 17., versuchen wir es dann erneut – und diesmal können wir den Hafen von Sciacca (der in den vergangenen 8 Tagen ein kleines Vermögen an uns verdient hat – nein, Wochenpreise gibt es leider nicht) sogar unfallfrei verlassen …

Schneeweiß leuchtet das Capo Bianco gegen die blaue See

Die Wettervorhersage für Donnerstag und Freitag ist eigentlich optimal – tagsüber jeweils frischer Westwind bei sonnigem Wetter; das Problem ist nur die Nacht dazwischen: besagter Wind sorgt für knapp zwei Meter Welle, und die verschwindet leider auch über Nacht, wenn der Wind sich legt, nicht mal eben – und geschützte Ankerplätze gibt es halt keine, ebensowenig wie passend gelegene Häfen. Wohl oder übel müssen wir also gleich eine Nacht durchfahren – und natürlich gibt es auch noch mehr Wind als angesagt … aber wenigstens machen wir gut Strecke, und die ‚Orion‘ zieht – zeitweise bei fast 30 Knoten Rückenwind nur unter Kuttersegel mit dennoch 5-6 Knoten Fahrt – ihre Bahn, während die Windsteueranlage das Steuern übernimmt. So erreichen wir am Freitagmittag nach knapp 130 Seemeilen die Bucht von

Portopalo di Capo Passero

Gelegen am äußersten Südostende Siziliens, bietet diese geräumige Bucht den einzigen brauchbaren Ankerplatz an der gesamten Südküste. Sie beherbergt einen kleinen Fischereihafen, und hat wahrscheinlich deshalb noch zwei steinerne Molen spendiert bekommen, die den ohnehin schon guten Schutz noch verbessern. Landschaftlich spektakulär ist die Bucht nicht, aber außer bei Südwind hat man hier endlich mal Ruhe vorm Schwell – was wir erst mal für zwei Pausentage nutzen, während derer sich auch kaum ein Lüftchen regt.

Auf dem höchsten Punkt von Portopalo steht der schmucke Leuchtturm

Am Samstag setzen wir mit dem Dinghi an den Strand über und laufen knapp zwei Kilometer bis zum Ort Portopalo; hierhin scheint sich kaum ein Tourist zu verirren, und wir bekommen ein Stück ‚Echtes‘ Sizilien zu sehen: am Strand baden Familien, und vor den (zahlreichen!) Cafés und Bars sitzen die alten Herren im Schatten und tauschen sich über die Neuigkeiten aus. Wir bekommen eine herrlich erfrischende Granita zum untouristischen Preis und können im Dorfsupermarkt nochmal Vorräte ergänzen – ganz wichtig, wir planen nämlich die Überfahrt nach Griechenland!

Mindestens 330 Seemeilen sind es übers Ionische Meer vom Ende Siziliens bis zum nächstgelegenen Punkt auf dem Peloponnes – also vergleichbar weit wie über die Nordsee von Borkum bis Utsira. Die Wettervorhersage verspricht ziemlich gute Bedingungen – nicht zu viel Wind, aber auch nicht zu wenig. Natürlich beobachten wir über das ganze Wochenende, ob und wie sich die Vorhersagen verändern: Sonntag ist es teilweise etwas mehr geworden, teilweise etwas weniger – die Spannung wird immer größer, wie es Montagmorgen aussieht …

Sardinien (29.06. – 02.09.)

 Am frühen Sonntagmorgen geht es los, nach einer letztlich dann doch eher unruhigen Nacht, da eine am späten Abend noch in die Cales Coves eingelaufene Yacht meinte, die Nacht für eine laute Party nutzen zu müssen …

Mit allzuviel Wind war ja nicht zu rechnen, so dass wir eher positiv überrascht waren, ab der Illa de l’Aire einige Stunden schön segeln zu können; dann war es aber auch vorbei damit, die nächsten 16 Stunden musste der Motor uns durch die Flaute schieben, damit wir wenigstens am nächsten Tag den weiter östlich wehenden Wind erwischen.

So kommt es tatsächlich auch: am Montag beginnt sich ein zaghafter Nordwestwind zu regen, der am Nachmittag immerhin um 15 Knoten erreicht, so dass die ‚Orion‘ unter Großsegel und Code Zero gute Fahrt macht. Während der gesamten Überfahrt ist der Himmel strahlend blau, und die Sonne brennt auf uns herab – am Nachmittag wird das schon unangenehm, weil man sich nirgendwo an Deck davor verstecken kann; dafür gibt es, wie so oft auf hoher See, die traumhaftesten Sonnenuntergänge und den unglaublichsten Sternenhimmel.

Unser blinder Passagier – keine Maus weit und breit ….

Etwas verblüfft sind wir, als sich am späten Montagnachmittag ein gefiederter Besucher einfindet, der zunächst etliche unterschiedliche Ruheplätze ausprobiert und sich dann für die Dampferleuchte als Nachtquartier entscheidet – was hat der hier verloren, Mäuse gibt es im Umkreis von mehreren 100 Kilometern garantiert keine?!? Wie wir aber später durch fachkundige Beratung erfahren, handelt es sich um einen Turmfalken, der durchaus weite Strecken zurücklegen und das Mittelmeer überqueren kann; unser Exemplar jedenfalls scheint sich schon etwas übernommen zu haben und ist dankbar für die schwimmende Insel. Am nächsten Morgen – wir können noch kein Land sehen, er aber vielleicht schon – macht er sich wieder auf den Weg Richtung Osten.

Capo Caccia

Wenig später zeichnet sich dann auch die Silhouette Sardiniens am Horizont ab, wir brauchen aber noch bis zum Abend, bis wir nach 200 Seemeilen und 60 Stunden die im spektakulären Capo Caccia auslaufende Steilküste erreichen und hinter dem Kap in der ausgedehnten Bucht Porto Conte einen Übernachtungsplatz suchen. Die ganze Umgebung ist ein Meeresschutzgebiet, das Ankern auf Seegras ist verboten – was bedeutet, effektiv überall; aber es gibt ein Feld mit Muringbojen, die kostenlos (!) benutzt werden dürfen. So fällt es uns etwas leichter als auf den Balearen, daran zu glauben, dass es hier um den Naturschutz und nicht ums Geldverdienen geht …

Die Rückseite der Steilküste besteht aus dicht bewaldeten, grünen Hügeln, und die Umgebung ist ruhig und idyllisch – der ideale Ort, um sich auch am folgenden Tag noch vom Schlafmangel der ansonsten ja unproblematischen Überfahrt zu erholen. Die Temperatur stellt dabei neue Rekorde auf, knapp 40 Grad im Schatten wird es am Nachmittag, und das Wasser hat 27 Grad – es ist Juli, der Sommer ist da!

Alghero
Hinter dicken Festungsmauern blickt Alghero aufs Meer

Frisch und ausgeruht legen wir am Donnerstagmorgen die wenigen Seemeilen bis in den Hafen von Alghero zurück. Die Aufnahme in der Marina ist sehr freundlich – und sehr italienisch, Lorenzo, der unsere Leinen entgegennimmt, könnte jeder klischeebeladenen TV-Produktion über Italien entstiegen sein. Die Marina Ser-Mar ist familiengeführt und wirklich sympathisch; nur Duschen kann man uns nicht anbieten, das ist leider wegen Corona verboten … ansonsten scheint man es aber nicht so genau mit den Vorschriften zu nehmen, von den Masken, deren Gebrauch laut offiziellen Verlautbarungen schon beim Anlegevorgang verpflichtend ist (bei knapp 40 Grad im Schatten!), sieht man beim Personal nichts; auch nicht im kleinen Büro, wo es statt dessen einen kräftigen Händedruck gibt – in Spanien unvorstellbar, aber zweieinhalb Jahrtausende Zivilisation lassen sich halt auch durch einen Virus nicht mal eben auslöschen.

Auf der Stadtmauer

Alghero, die mit etwa 44.000 Einwohnern fünftgrößte Stadt Sardiniens, stellt aufgrund seiner Geschichte den idealen Übergang nach den vielen Monaten in Spanien dar: im Jahre 1354 wurde die Stadt von Katalanen erobert und die einheimische Bevölkerung fast vollständig verdrängt, wodurch Kultur und Baustil sehr stark katalanisch geprägt sind; selbst die Sprache hat sich gehalten, alle Straßenschilder sind zweisprachig, und viele alte Menschen sprechen noch einen katalanischen Dialekt. Dennoch sind wir unverkennbar in Italien: an jeder Ecke gibt es Pizza und Gelato, und die Inneneinrichtungen der Geschäfte scheinen alle zu einer Designausstellung zu gehören.

Alghero: pittoreske Gassen …

Die Häuser, Gassen und Plätze der Stadt bieten aber auch die passende Kulisse: alles ist äußerst pittoresk und strömt förmlich Geschichte aus. Zusammen mit dem Italienisch, welches so betont und melodisch wie wohl kaum eine andere Sprache ist, ergibt sich ein äußerst stimmiges Bild: ja, wir sind in Bella Italia!

… und Plätze durchziehen die Altstadt

Wir laufen Stunden durch die historische Altstadt, essen natürlich ein köstliches Eis, kaufen viel zu viel Lebensmittel ein – alles sieht so verlockend aus – und holen uns zum Abendessen eine Pizza zum Mitnehmen, die wir auf einem lauschigen Platz im Schatten verzehren. Ein kulinarisches Erlebnis, für dessen Beschreibung kaum Worte zu finden sind – mit dem in Deutschland erhältlichen, gleichnamigen Lebensmittel aus oft pakistanisch-chinesisch-türkischer Produktion hat es jedenfalls nichts gemein. Und riesengroß war der Traum mit Mozzarella di Bufala auch noch – und mit 6 € geradezu absurd günstig. Ach, könnte man diesen Künstler seines Fachs doch in die niedersächsische Provinz locken …

Bosa

Am Freitag besuchen wir noch den Markt von Alghero, gegen Mittag verlassen wir dann den Hafen und machen uns auf den Weg weiter nach Süden. Heute weht der Mistral, von dem wir auf der Überfahrt etwas mehr hätten gebrauchen können, umso kräftiger; besonders die Wellen, die sich auf den mehreren hundert Seemeilen Anlaufstrecke aufbauen, sind beeindruckend. Nur unter Vorsegel rauschen wir so mit 6 Knoten dem Tagesziel Bosa entgegen, wo wir einen Liegeplatz in der am Fluss Temo gelegenen Marina finden (im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf den Ruf per UKW reagiert niemand, so dass wir schließlich in eine beliebige freie Box einfahren; beim Besuch beim freundlichen Hafenmeister stellt sich dann heraus, dass das Funkgerät ausgeschaltet war, was aber seinem sonnigen Gemüt keinerlei Kummer bereitet).

Bosa mit dem Castello Malaspina im Hintergrund

Erst am nächsten Vormittag besuchen wir den zwei Kilometer flussaufwärts gelegenen, kleinen Ort, der malerisch von einer Burg aus dem 12. Jahrhundert überragt wird. Hier ist es bei weitem nicht so touristisch wie in Alghero, die alte Bausubstanz ist auch nicht so herausgeputzt, aber dafür sehen wir ein Stück sardischen Alltag – und erstehen allerköstlichste Dolci Sardo, ein Oberbegriff für unzählige Arten kunstvollen Kleingebäcks, für die es eigene Geschäfte gibt, in denen der Einkauf schon zum Erlebnis wird.

Am Nachmittag verlassen wir die Marina, um gleich hinter der Mole an der Mündung des Temo wieder zu ankern – für die Weiterfahrt ist es zu spät und zu windig, aber das Liegegeld für eine weitere Nacht wollen wir uns sparen; zwar ist Bosa mit 42 € der günstigste Ort an der gesamten Küste, aber geschenkt ist es nun auch nicht gerade ….

Cala Saline

Am Sonntag hat es sich erst mal ausgeweht, so dass wir erst gegen Mittag, als sich der erste thermische Wind regt, am Anker das Großsegel setzen und dann diesen aufholen. 19 Seemeilen führt uns der Weg entlang der Küste gen Süden, und das unter idealen Bedingungen: um 10 bis zunehmend 15 Knoten Halbwind, die ‚Orion‘ fühlt sich wohl und rauscht unter Vollzeug durchs Wasser – ach, könnte man den Wind doch fest auf Stärke 4 einstellen …

Vor Capo Mannu

Vorbei zieht eine windgebeutelte Küste, die sich unter dem ständigen Mistral wegzuducken scheint, mit hohen Bergzügen im Hintergrund – Sardiniens Inland verfügt über ausgedehnte Gebirge mit über 1800 Metern Höhe. Schließlich runden wir das Capo Mannu und finden dahinter, am Strand von Cala Saline, zwischen den Orten Porto Mandriola und Putzu Idu, etwas Schutz vor dem wie immer aus Nordwest anrollenden Schwell.

Hochbetrieb am Strand der Cala Saline

Am Strand und in der Bucht ist eine Menge los, und anders als in Spanien hält man hier nicht viel von Absperrungen: Schwimmer, Surfer, Segler und Motorboote tummeln sich in einem bunten Durcheinander. Geht offenbar auch, und macht es uns leicht, einen guten Ankerplatz auf Sand zu finden.

Nach Sonnenuntergang verlegt sich der Badebetrieb in mehrere Beach-Bars, doch der Abstand zu Strand ist groß genug, dass die Musik hinreichend gedämpft in die Koje dringt, um ausreichenden Schlaf zu ermöglichen.

Tharros

Auch am Montag lohnt es sich, mit dem Aufbruch etwas zu warten: erst gegen 11 Uhr regt sich der erste, zaghafte Nordwestwind. Bis zur kommenden Nacht soll dieser aber deutlich zulegen: vom Golfe du Lion weht mal wieder der Mistral mit 8 bis 9 Beaufort übers Mittelmeer; soviel Wind soll hier zwar nicht ankommen, aber genug Schwell: angesagte 3 Meter signifikante Wellenhöhe erfordern den richtigen Zufluchtsort für die Nacht. Der ist an dieser Küste gar nicht so leicht zu finden, nicht umsonst heißt es, dass die meisten Segler die Westküste Sardiniens meiden und lieber die nicht dem Mistral ausgesetzte Ostküste entlangfahren.

Vor Tharros

So sind wir auch nicht allzu zuversichtlich, als wir die hinter der Sinis-Halbinsel liegende Bucht von Tharros anlaufen, doch der Platz erweist sich als hervorragend geschützt, kein bisschen Welle kommt um die Landspitze herum. Wieder einmal zeigt es sich, dass sich die Qualitäten eines Ankerplatzes (oder dessen Mangel an solchen) kaum an der Seekarte ablesen lassen, lokale Gegebenheiten wie der Tiefenverlauf und die Beschaffenheit des Meeresbodens spielen eine zu große Rolle.

Ankern darf man hier nicht, da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, aber es gibt ein Feld mit Muringbojen. Diese sind zwar nicht kostenlos wie in Porto Conte, aber gegen akzeptable 15 € pro Nacht zu benutzen – wenn man erst mal dahintergekommen ist, wie man diesen Obolus zu entrichten hat, die notwendigen Informationen zum nicht unkomplizierten Prozedere (Banküberweisung und anschließende Übermittlung der Überweisungsbestätigung an eine Mailadresse) sind nämlich ausschließlich auf Italienisch in den Tiefen etlicher Untermenüebenen der Webseite zu finden – und die Guardia di Finanza (ja, in Italien gibt es eine eigene Finanzpolizei!) kommt kontrollieren und verhängt empfindliche Bußgelder gegen ahnungslose Ausländer …

Nichts als Ruinen, aber davon eine Menge …

Der hervorragende Schutz dieser Bucht hat schon in der Bronzezeit zu einer Besiedlung geführt; die Phönizier bauten diese zur Stadt aus, die zur Zeit der Punier zu einer bedeutenden Hafenstadt wuchs. Nach der Eroberung durch die Römer war diese unter dem Namen Tharros bekannt. Heute stehen hier nur noch Ruinen – wie und wann es zur Zerstörung oder Aufgabe der Stadt kam, ist nicht genau bekannt.

Das Bojenfeld liegt direkt vor den Ruinen – Baden mit Aussicht auf über 3000 Jahre Geschichte, während wenige 100 Meter entfernt, auf der anderen Seite der Halbinsel, mächtige Wellen gegen die Felsen laufen, das hat schon was!

Wir bleiben noch eine weitere Nacht an der Muringboje vor Tharros, denn auch wenn der Wind sich auf zum Segeln geeignete Stärken beruhigt hat, so steht immer noch ein Schwell von gut 2 Metern, und es gibt voraus in erreichbarer Entfernung keinen einzigen Ankerplatz oder Hafen, in dem man bei solchen Bedingungen übernachten könnte.

Spiaggia di Funtanazza

Tags drauf sieht das anders aus: weniger als 1 Meter Schwell, Tendenz weiter abnehmend – dafür natürlich kein Wind mehr. Doch wie schon zuvor lohnt es sich zu warten: gegen 11 Uhr regt sich das erste Lüftchen aus West, und dann kann man den ganzen Nachmittag herrlich segeln. Der thermische Seewind scheint sich sehr zuverlässig einzustellen, wird – ohne Überlagerung mit ‚echtem‘ Mistral – nicht sehr stark, aber gerade stark genug, um zügiges und entspanntes Vorankommen unter vollem Tuch zu ermöglichen – so dürfte das immer sein!

Vorbei zieht eine Küste, an der sich Strände und felsige Abschnitte abwechseln, mit zunehmend hohen Bergen im Hintergrund, und die sehr dünn besiedelt ist – oder gar nicht, wie das umfangreiche militärische Sperrgebiet ums Capo Frasca. Hier schießt die NATO mit uran- und thoriumhaltiger Munition; die Krebsraten und Missbildungen bei Kindern in der Umgebung steigen dementsprechend, aber das ist natürlich kein Grund, dies zu unterlassen – und direkt nebenan befindet sich das Naturschutzgebiet, in dem man mit dem Anker keinen Posidonia-Halm krümmen darf! Ob da wohl mit zweierlei Maß gemessen wird?

Vor Funtanazza – die Hotelruine gerade nicht im Bild …

Aber im Sommer ruht in Italien alles, auch die so wichtige ‚Verteidigung‘, und so können wir ohne großen Umweg (und ohne beschossen zu werden) durch das äußere Sperrgebiet segeln. Am Nachmittag werfen wir den Anker vorm Strand von Funtanazza – auch hier unberührte Natur, mit einer nicht zu übersehenden Ausnahme: am Ufer steht riesengroß die Ruine einer Ferienanlage, welche für die Familien von Minenarbeitern in den 1950er Jahren errichtet wurde. Das sieht regelrecht unheimlich aus, aber ansonsten ist es hier schön, und tatsächlich wird der Schwell aus Nordwest immer weniger, so dass wir eine ruhige Nacht verbringen.

Spiaggia di Portixeddu
Vor Portixeddu

Am Donnerstag verfolgen wir die gleiche Taktik: erst mal warten bis sich der erste Westwind regt, und dann das Großsegel hoch und den Anker gelichtet, ohne die Maschine zu starten. Die als so zuverlässig gelobte Thermik zeigt sich heute aber prompt launisch: nach 10 Minuten schläft der Wind wieder ein, und die nächsten 6 Stunden dümpeln wir mit einem halben Knoten Fahrt dahin. Gegen 17 Uhr geben wir auf und starten den Motor, der uns in gut einer Stunde durch den Rest der gerade mal 13 Seemeilen langen Tagesstrecke schiebt. Kaum haben wir aber das Capo Pecora gerundet und vorm Strand von Portixeddu den Anker geworfen, kommt kräftiger Wind auf – auch nur für eine Stunde, aber immerhin. Mit der Wettervorhersage hatte jedenfalls all das nicht viel zu tun …

Sonnenuntergang hinterm Capo Pecora

Der Ankerplatz jedenfalls ist sehr schön vor dem winzigen Ort mit seinem langen Strand gelegen und bietet einen tollen Abendhimmel beim Untergang der Sonne hinter den schroffen Felsen; der Grund besteht aus einer ausgedehnten Fläche reinen Sandes, hier gibt es besten Halt für den Anker und eine Menge Platz. Schutz gegen den Nordwestwind und -schwell allerdings sucht man vergebens; für uns kein Problem, denn durch die anhaltende Flaute gibt es auch kaum Schwell, aber es verdeutlicht uns, dass wir ohne diese tagelange Schwachwindphase diese Küste auch nicht so kennenlernen könnten.

Spiaggia di Masua

Für den Freitag steht eine noch kürzere Distanz auf dem Plan: kaum 9 Seemeilen sind es bis zum Ankergrund vor Masua – und das ist auch gut so, denn wieder erfordert es sehr viel Geduld, diese Strecke unter Segeln bei abwechselnden Phasen von 4-5 und 0-1 Knoten Wind  zurückzulegen …

Pan die Zucchero voraus!

Dafür erwartet uns am Ziel eines der Postkartenmotive Sardiniens: die kleine Felseninsel Pan di Zucchero, die dicht vor der nicht weniger spektakulären Steilküste 133 Meter aus dem Meer ragt. Direkt gegenüber befindet sich einer der außergewöhnlichsten ‚Häfen‘ der Welt: Porto Flavia, 1924 als Erzverladehafen errichtet. Die ganze Gegend ist reich an Erzvorkommen, die Anfang des 20. Jahrhunderts so an Bedeutung gewannen, dass man eine neue Lösung für die Verschiffung des Erzes suchte – bis dahin wurde dieses von Hand in Körben am Strand auf kleine Segelschiffe verladen, die dieses dann nach Carloforte brachten, wo es – ebenso in Handarbeit – auf Dampfschiffe umgeladen werden konnte. Für den Transport von tausenden von Tonnen eine unvorstellbare Knochenarbeit – bis der Ingenieur Cesare Vecelli einen ungewöhnlichen Platz für einen Hafen fand: man sprengte hunderte Meter Tunnel und neuen riesige Silos in die Felsen der Steilküste, so dass die Erzfrachter darunter anlegen und per Förderband die Fracht übernehmen konnten; benannt wurde dieses technische Meisterwerk nach der Tochter Vecellis. Inzwischen wird die – weltweit einmalige – Anlage nicht mehr genutzt, kann aber besichtigt werden.

Toll ist auch der Ankerplatz davor: zwischen dem Pan di Zucchero und der Küste findet sich eine halbe Seemeile reinen Sandgrundes, von dem man auch auf 10 Metern Tiefe schon jedes Detail erkennen kann; bei 25 Grad Wassertemperatur wunderbar zur Abkühlung nach dem heißen, windstillen Tag, und das noch mit der Aussicht … der bislang beste Ankerplatz auf Sardinien!

San Pietro / Carloforte

Am Samstag bekommen wir etwas mehr und beständigeren Wind, so dass die Überfahrt nach San Pietro, einer der Sardinien im Südwesten vorgelagerten Inseln, mühelos gelingt; den Samstagabend ankern wir noch vor der kleinen Isola Piana, bevor wir am Sonntagmorgen in den Hafen von Caloforte einlaufen – wie immer gilt es, bei den gepflegten Marinapreisen die Aufenthaltszeit zu maximieren. Der Empfang in der Marina ist aber – wie bislang immer in Italien – ausgesprochen freundlich, und 10 Euro günstiger als im Internet ausgeschrieben ist es dann auch noch – Corona-Rabatt?!?

In Carloforte

Die Vorfahren der heute etwa 6000 Einwohner von Carloforte haben eine bewegte Geschichte hinter sich: ursprünglich aus einer Gegend an der ligurischen Küste stammend, sind sie 1542 auf die Insel Tabarca von der tunesischen Küste ausgewandert, um dort die nächsten 200 Jahre nach Korallen zu tauchen, bis dies nicht mehr einträglich genug war und praktisch die gesamte Einwohnerschaft auf die bis dahin noch unbewohnte Insel San Pietro umsiedelte und Carloforte gründete. Viel Ruhe fanden die Menschen dort aber zunächst nicht: 1798 wurden fast 1000 Einwohner von maurischen Piraten als Sklaven nach Nordafrika verschleppt, bis sie nach 5 Jahren freigekauft werden konnten.

Schöne restaurierte Häuser säumen die kleinen Straßen

So ist Carloforte kulturell gesehen eigentlich kein Teil von Sardinien: die Einwohner sprechen einen mittelalterlichen ligurischen Dialekt, und auch der Baustil mutet eher genuesisch an. Sehenswert ist es allemal: die vor 250 Jahren recht planmäßig angelegte Kleinstadt hat ihren Originalzustand weitgehend erhalten können, es macht Spaß die vielen kleinen Straßen zu erkunden und – wie sollte es anders sein – sich mit einem ausgezeichneten Gelato zu belohnen.

Allein die Versorgungslage ist eher bescheiden – es gibt zwar mehrere kleine Supermärkte, aber allzu gut bestückt sind diese nicht, und einen Wochenmarkt finden wir leider auch nicht; die Lage als Insel vor einer Insel hat wohl ihren Preis.

Punta Nera / Spiaggia di Guidi
Reichlich Ankerplatz für alle: Spiaggia di Guidi

Am Montagnachmittag verlassen wir Carloforte und segeln wenige Seemeilen bis zur Südspitze von San Pietro; wir runden die Punta Nera und finden gleich dahinter einen Ankerplatz vor Spiaggia di Guidi. Hier ist eine Menge los, aber wie immer verschwinden die meisten Boote am frühen Abend, und es kehrt Ruhe ein.

Die Bucht ist weiträumig und hat – anders als der Name andeutet (Spiaggia heißt Strand)- ein eher felsiges Ufer; vor allem fällt uns auf, wie spärlich hier alles bebaut ist; auf den Balearen stünde hier eine Luxusvilla neben der anderen …

Torre Cannai

Dienstagmorgen setzt der Wind schon früher ein, daher lichten wir schon um 10 Uhr den Anker und machen uns auf den Weg zur nächsten Insel, Sant’Antioco; diese kommt im Norden San Pietro recht nahe, erstreckt sich aber viel weiter nach Süden, so dass wir etliche Meilen an ihrer Westküste entlangsegeln, um hinter ihrem Südende Schutz für die nächste Nacht zu finden.

Das ging wohl schief – die ‚CDRY BLUE‘ auf den Felsen

Dabei passieren wir das Wrack des hier am 21. Dezember vergangenen Jahres in einem Sturm auf die Felsen getriebenen Frachters ‚CDRY BLUE‘; der 108 m lange Havarist war mit einer Ladung auf dem Weg von Cagliari nach Alicante (also gerade erst ausgelaufen), als er wegen zu schwerer See beidrehen und hinter Sant’Antioco Schutz suchen wollte – offenbar ist das Manöver misslungen. Dies und die im Internet zu findenden Bilder der italienischen Küstenwache vermitteln einen Eindruck davon, was an Sardiniens Westküste bei Mistral los sein kann …

Torre Cannai, eine sichere Ankerbucht in unberührter Natur

Tatsächlich erleben auch wir eine Zunahme der Windgeschwindigkeit bis auf 6 Beaufort und ansehnliche  Wellenhöhen, als wir Capo Sperone, das Südende der Insel, umrunden; gleich dahinter wird es aber wieder friedlicher, und in der Bucht vor Torre Cannai finden wir wieder einen wunderschönen Ankerplatz mit ausgedehnten Sandflächen und völlig unverbauter Natur – außer dem namensgebenden, alten Turm steht hier nichts. Nach Süden bietet sich ein hinreißender Ausblick auf die Gruppe der drei kleinen Inseln Il Toro, La Vacca und Il Vitello (Stier, Kuh und Kalb), und am Horizont zeichnet sich die bergige Südwestküste Sardiniens ab. Hier möchte man gerne länger bleiben, aber in wenigen Tagen zeichnet sich eine Windzunahme ab, und da wollen wir Sardiniens Südspitze umrundet haben – wir haben ja gerade gesehen, was Sturm hier anzurichten vermag …

Porto Tramatzu
Capo Teulada, die Südspitze Sardiniens

Knapp 20 Seemeilen liegen am Mittwoch vor uns, um die Südspitze Sardiniens, das Capo Teulada, zu runden. Eigentlich sollte schon ab dem frühen Vormittag ein recht gleichmäßiger Nordwestwind um 10 Knoten einsetzten, aber der lässt dann doch auf sich warten, so dass wir dann nach einigen Stunden Dümpelei doch den Gennaker rausholem – und, wie nicht anders zu erwarten, legt von dem Augenblick an der Wind zu. Je näher wir dem Capo Teulada kommen, gewinnen auch die Wellen an Höhe, und so gerät dann auch die Rundung des Kaps zu einer recht sportlichen Angelegenheit – bei über 20 Knoten Wind ist es gar nicht mehr so einfach, den Bergeschlauch über das Leichtwindsegel zu ziehen.

Hinterm Kap beruhigt es sich sehr schnell wieder; im Lee der Bergrücken segeln wir erstmals seit Wochen wieder auf nördlichem Kurs. Eine traumhafte Ankerbucht nach der anderen zieht vorbei, doch das gesamte Gebiet ist – mal wieder – militärisches Sperrgebiet und darf eigentlich nicht befahren werden. Dennoch sehen wir einige Boote dicht unter Land – wie man liest werden die Verbote im Juli/August nicht durchgesetzt, aber nach irgendeiner offiziellen Aussage, ob man nun dort ankern darf oder nicht, haben wir vergeblich das halbe Internet durchsucht.

Hochbetrieb am Strand, aber ansonsten Natur pur: Porto Tramatzu

Die erste ‚legale‘ Ankermöglichkeit – Porto Tramatzu – ist nicht viel weniger hübsch als die vorher passierten Buchten, nur naturgemäß deutlich voller: einige Yachten ankern hier schon, und am Strand herrscht reger Badebetrieb. An kleinen Muringbojen warten rund 25 gut motorisierte RIBs auf Mieter – wir wissen durchaus zu schätzen, dass diese zur Zeit durch Abwesenheit glänzen, sonst müsste man wohl die Weingläser auf dem Cockpittisch festkleben …

Baia di Nora
Capo Spartivento, die Windscheide Südsardiniens

Am Donnerstag ist er dann wieder da, der Mistral; für den Nachmittag sind 6 Beaufort angesagt, am Vormittag weht es noch etwas verhaltener. Da Porto Tramatzu in einem tiefen Einschnitt liegt und wir daher zunächst Südostkurs segeln, freuen wir uns über 4-5 Knoten Fahrt nur unter Vorsegel, bis wir kurz nach 12 Uhr das Capo Spartivento erreichen, und feststellen müssen, dass dieses seinen Namen – ‚den Wind  teilend‘ – nicht umsonst trägt: statt den Nordwest hinter dem Kap in abgeschwächter Form zu erfahren, bekommen wir wild umlaufende Windrichtungen, durchsetzt mit fast völliger Flaute. Verrückt, wenn man bedenkt, dass über hunderte Seemeilen kräftiger Mistral übers Mittelmeer heranweht, aber genau von dieser Ecke an ist man offenbar hinreichend weit ‚hinter‘ den Bergen Sardiniens, um in das Wettersystem der Ostküste zu kommen.

Die Baia di Nora

 

Römisches Theater, Nora

Wenn wir damit auch windmäßig die Westküste als abgeschlossen betrachten können und auch nicht mehr weit von Cagliari entfernt sind, so bietet dieser Küstenabschnitt aber noch ein besonderes Ziel an: die Baia di Nora bei der kleinen Stadt Pula. Diese bietet nicht nur großflächige Ankergründe mit türkisfarbenem Wasser über weißem Sand vor grüner Bergkulisse – das ist ja nun wirklich nichts Besonderes mehr – sondern eine Ausgrabungsstätte mit den Ruinen der wohl ältesten Stadt Sardiniens, Nora.

Reste luxuriöser Villen …

Im Jahre 1889 wurden durch eine Springflut auf einer kleinen Halbinsel alte Überreste freigelegt; man fing an zu graben – und ist bis heute nicht fertig damit: in Schichten finden sich die Spuren von knapp 3000 Jahren Besiedlung. Die erste Stadtgründung geht auf die Phönizier im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück, Menschen lebten hier aber schon seit der Bronzezeit, wie im phönizischen Tempel wiederverwendete, aus Nuraghen stammende Steinblöcke beweisen. Den Phöniziern folgten die Karthager, bis im Jahre 238 v. Chr. Sardinien von den Römern erobert wurde; aus den darauf folgenden Jahrhunderten stammen die meisten der ausgegrabenen Relikte. So findet man etwa ein gut erhaltenes römisches Theater, die Überreste einer einst beeindruckend großen Therme sowie hunderte Grundmauern von Häusern, einige davon großzügige Villen, deren kunstvolle Mosaikböden zum Teil immer noch vollständig erhalten sind.

… mit teilweise hervorragend erhaltenen Mosaikböden

Man geht zum Teil auf den alten römischen Straßen – ein merkwürdiges Gefühl, die Füße auf jahrtausendealte Pflastersteine zu setzen und sich vorzustellen, wie es damals rundherum ausgesehen haben mag, wie sich der Alltag der hier lebenden Menschen gestaltete, wie belebt wohl das Forum, wie prachtvoll ausgestattet die Thermen waren. Mit dem Untergang des römischen Reiches verfiel die Stadt und versank – wie ganz Europa – in ein tausendjähriges Vergessen.

Abendstimmung überm Ankerfeld in der Baia di Nora

Da dies unser letzter Ankerplatz vor Cagliari ist und es uns gut gefällt, bleiben wir ganze drei Nächte; am Samstag füllt es sich dann auch ganz beträchtlich, sicher 20 Segler ankern mit uns und bleiben auch über Nacht, dazu noch viele kleinere Motorboote, die nur zum Baden kommen – mit so vielen Booten haben wir lange nicht mehr in einer Bucht geankert! Aber Platz ist ja hier genug; fragt sich nur, wieviel weniger in diesem Jahr los ist als üblicherweise – immerhin, die ersten Deutschen auf einem Charterboot sehen wir auch (und ausgerechnet die müssen dadurch negativ auffallen, dass sie eine Bootslänge hinter uns ankern müssen, während eine halbe Seemeile Platz zur Verfügung stünde …).

Cagliari
Cagliari liegt vor uns

Sonntag legen wir dann die letzten 15 Seemeilen bis zu unserem Sommerlager in Cagliari zurück, bei gleichmäßigen 10 Knoten Rückenwind und ruhiger See nochmal schön unter Gennaker; gegen 16 Uhr treffen wir dann in der Marina del Sole ein – hier soll die ‚Orion‘ am Dienstag aus dem Wasser gekrant werden.

Bis dahin bleibt noch eine Menge zu tun: es gilt herauszubekommen wo man Farben und Material zu vernünftigen Preisen bekommen kann, das Dinghi muss gesäubert und zusammengelegt, die Aries, unsere Windsteueranlage, demontiert und gewartet, und die Einzelheiten des Kranvorgangs mit dem Marinapersonal besprochen werden – wir sind nicht wenig nervös, wie das so werden wird …

Die ‚Orion‘ hängt am Haken

Am Dienstag den 21. Juli ist es dann soweit: die ‚Orion‘ wird mit stehendem Mast aus dem Wasser gehoben, ein ganzes Stück durch den Hafen auf das Lagergelände gefahren und dort auf einem Lagerbock abgesetzt. Dann kann es auch schon losgehen: noch am Dienstag werden alle Anbauteile demontiert, Mittwochmorgen noch ‚eben‘ Farbe besorgt (zwei Stunden mit dem Fahrrad quer durch die Stadt), und dann beginnt das große Schleifen: da die alte Lackierung so sehr gelitten hat, muss richtig viel runter, bis Samstagmittag läuft das Schleifgerät ganztägig – bei 35 Grad im Schatten kein Vergnügen … 

Mit der ersten Schicht Primer sieht es aber schon wieder viel besser aus, und am Sonntag folgt dann auch der Decklack; nur mit den blauen Streifen gibt es ein Problem: damit man bei diesen Temperaturen überhaupt lackieren kann, hat uns das Farbenfachgeschäft einen besonders hochsiedenden Verdünner empfohlen; das hat auch gut funktioniert, aber nun trocknet der Lack halt so langsam, dass er noch nicht abgeklebt werden kann – erst Stress, dann Warten 🙁

Erst am Vormittag des 29. Juli, im letzten Moment vor dem Heimflug, fühlt sich der weiße Lack halbwegs trocken an – also schnell noch die blauen Streifen lackiert, und dann mit Farbflecken auf den Händen in den Flieger …

Zurück ins Wasser

Am Dienstag den 25. August fliegen wir zurück nach Cagliari und sind gegen 21 Uhr endlich wieder an Bord – was für eine Erleichterung, die ‚Orion‘ erwartet uns unversehrt (aber reichlich verdreckt). Am nächsten Morgen gibt es dann aber die erste unschöne Überraschung: vor vier Wochen sah der Lack aber wesentlich besser aus … es scheint so, dass der extra langsam trocknende Lack es geschafft hat, die alten Lackschichten etwas anzulösen, so dass die Oberfläche nun wie marmoriert aussieht! Nun ja, wenigstens hat sie keine Risse wie zuvor (bleibt nur abzuwarten, wie lange das so bleibt …).

Die Arbeit geht auch munter weiter: am Mittwoch wird neues Antifouling aufgebracht, am Donnerstag kommen alle zuvor demontierten Teile wieder an ihren Platz – und das alles bei fast 40 Grad in der Sonne, selbst in der Nacht schaffen die Temperaturen unter Deck es kaum unter 30 Grad. Aber irgendwann ist alles geschafft, und am Freitagmorgen geht es endlich wieder ins Wasser!

Die nächste böse Überraschung folgt sogleich: auf der minutenkurzen Fahrt zum Liegeplatz ertönt der Temperaturalarm des Motors … und los geht die Fehlersuche: da die ‚Orion‘ eine Kielkühlung statt einer Seewasserkühlung hat, scheiden die üblichen Ursachen – defekter Impeller oder verstopfte Seewasserzufuhr – gleich aus; bleiben der Thermostat und die Kühlwasserpumpe. Um diese kontrollieren zu können, muss zunächst das Kühlwasser abgelassen werden, und dazu wiederum muss zunächst der Frischwassertank ausgebaut werden (ja, die Zugänglichkeit des Motors gehört nicht zu den Vorzügen der Feltz-Konstruktionen …). Kaum zwei Stunden später – alles im Boot ist inzwischen reines Chaos – können wir schon das Ablassventil öffnen, und es kommt … nichts! Wie sich zeigt, fehlen ca. 15 Liter Kühlwasser (bei einem Gesamtvolumen von etwa 60 Litern); kaum sind die aufgefüllt, zeigt ein Probelauf keinerlei Probleme mehr. So weit, so gut; aber wo ist das Kühlwasser geblieben? Zweifellos ist das Boot in den letzten Wochen an Land regelrecht durchgekocht worden, doch kann so eine Menge durch den kleinen Druckausgleich verdampfen?!? Ein ungutes Gefühl bleibt … 

Stadtbesichtigung

Am Samstag ist endlich Zeit, sich mal in Cagliari umzuschauen; die gut 150.000 Einwohner zählende Hauptstadt Sardiniens wurde als phönizische Kolonie unter dem Namen Karalis gegründet und durchlief in den nächsten zweieinhalb Jahrtausenden die üblichen Besitzerwechsel. Dabei sind besonders die Jahrhunderte der Unabhängigkeit hervorzuheben, in denen die Insel in vier Judikate unterteilt war; dies spiegelt die bekannte, viergeteilte sardische Flagge wieder.

Blick über Cagliari

Beim Rundgang durch die Stadt finden wir Zeugnisse aller Epochen: das in einen natürlichen Felseinschnitt gebaute römische Amphitheater, welches seinerzeit beeindruckenden 20.000 Zuschauern Platz geboten haben soll, die ab 1217 im pisanischen Stil errichtete Kathedrale Santa Maria di Castello, die zahlreichen Überreste der Stadtbefestigung, oder auch der 1866 eröffnete botanische Garten, in dem wir ein wenig Erholung von der Hitze der Stadt finden. Alles in allem eine sehenswerte Stadt, in der natürlich auch das kulinarische Angebot nicht fehlt!

Und wieder mal: Corona

Eigentlich wollten wir am Sonntag nur noch die ‚Orion‘ reisefertig machen, um am frühen Montagmorgen nach Tunesien aufzubrechen. Seit Monaten verfolgen wir die Reisebestimmungen, und seit Anfang Juni ist die Einreise aus Europa uneingeschränkt möglich. Ist? Nein, ‚war‘ muss es heißen: seit dem 26. August benötigen Einreisende einen negativen PCR-Test, sonst wird die Einreise verweigert. Statt uns Montagmorgen auf den Weg zu machen, laufen wir uns statt dessen stundenlang die Füße wund, um uns in Cagliari einem solchen Test zu unterziehen. Der freundliche Arzt im medizinischen Testcenter erklärt uns, dass PCR-Tests zur Diagnose der Erkrankung bei Personen angewandt werden, bei denen ein begründeter Verdacht besteht, nicht aber bei völlig Gesunden, und daher nur vom Arzt angeordnet werden können, aber nicht auf Verlangen durchgeführt werden. Außerdem äußert er sich sehr skeptisch über den Sinn einer so umfassenden Maßnahme, kann man doch so nur den recht kleinen Teil der Infizierten erfassen, bei denen noch keine Symptome vorliegen, aber bereits genug virale DNA vorhanden ist, um vom Test erfasst zu werden – eine simple ärztliche Untersuchung bei der Einreise wäre da unterm Strich ebenso effizient.

Zur Abrundung des Gesamteindrucks muss man noch wissen, dass diese Vorschrift nur für Individualreisende aus Ausgangsländern mit dem niedrigsten Risiko – so nach Einschätzung der tunesischen Behörden Italien – gilt, Reisende aus Ländern mit mittlerem Risiko – darunter Deutschland – müssen zusätzlich 7 Tage in Quarantäne. Nun könnte man ja sagen, das ergibt durchaus einen Sinn – wenn da nicht das kleine Detail wäre, dass dies alles nicht für Pauschaltouristen gilt, selbst dann nicht, wenn sie aus einem Land mit höherem Risiko einreisen! Diese brauchen keinen Test, keine Quarantäne, gar nichts …. müssen aber ihrer Reiseleitung versprechen, sich an die Hygienevorschriften zu halten! – ja, dann … 

Zusammenfassend: die jüngsten Erlasse der tunesischen Administration sind erstens von zweifelhafter Sinnhaftigkeit und stellen zweitens ein effektives Einreiseverbot dar, weil es in Italien unmöglich ist, den explizit geforderten PCR-Test auf Verlangen abzulegen –  vernünftigerweise sind den Italienern ihre Testkapazitäten zu schade für solch einen Unsinn. Aber wie wir ja schon im Frühjahr in Spanien erleben durften, genügt das Wort ‚Corona‘, um die offiziellen Entscheidungsträger von jeder Rechtfertigungspflicht zu entbinden – wenn es gegen Corona ist, muss es ja richtig sein.

Spiaggia di Poetto
Endloser Strand: Spiaggia di Poetto

So ändern wir also unsere Reisepläne, was umso ärgerlicher ist, da darüber ein geeignetes Wetterfenster ungenutzt verstrichen ist; wir verlassen also Montagnachmittag frustriert die Marina del Sole, nur um fünf Seemeilen weiter vorm Strand von Poetto zu ankern. Dieser ist einer der längsten Sandstrände des ganzen Mittelmeers und bietet hervorragende, ausgedehnte Ankerflächen – der richtige Ort, um sich von einer Folge von äußerst anstrengenden und ärgerlichen Tagen zu erholen!

Der Abend schenkt uns noch wunderbare Pastelltöne am Himmel, und wir verbringen eine sehr schöne, ruhige Nacht vor Anker – nach so vielen Wochen ist es erst mal wieder ungewohnt, aber schnell erinnern wir uns wieder, dass eine schöne Ankerbucht ohne Schwell besser ist als jeder Hafen 🙂

Cava Usai

Dienstag machen wir uns auf den Weg zum Südostende der Insel; dabei nehmen wir erstmal seit dem Auskranen den elektrischen Autopiloten wieder in Betrieb, der sich prompt mit dem Auslösen der Sicherung verabschiedet – wie es aussieht, hat ausgerechnet die in Cagliari vorgenommene Reinigung einen Kurzschluss verursacht, der dem Leben der Motortreiber ein Ende gesetzt hat. Prima, also auch kein Autopilot mehr …

Der Leuchtturm auf der Isola dei Cavoli

Mit schönem Rückenwind segeln wir gen Südosten, runden wir das Capo Carbonara, passieren die kleine Isola dei Cavoli und ankern nach 20 Seemeilen vor  Cava Usai, einem längst aufgegebenen Granitsteinbruch aus dem 19. Jahrhundert. Dort erwartet uns – mal wieder – herrlich klares Wasser über feinstem Sandgrund und Natur pur: außer den beiden Leuchttürmen auf der Insel und der Landspitze sind ein paar Badende am Strand die einzigen Spuren menschlicher Anwesenheit, abgesehen von den halb abgetragenen Bergflanken, die sich die Vegetation aber größtenteils schon wieder zurückerobert hat.

Die alten Steinbrüche von Cava Usai

Hier verbringen wir eine ruhige Nacht und machen am Mittwochmorgen Pläne für die Überfahrt nach Sizilien: viel Wind ist nicht gerade angesagt, und es bleibt abzuwarten, wie viele Nächte wir uns für die mit 160 Seemeilen eigentlich nicht sehr lange Überfahrt um die Ohren schlagen dürfen … tja, das gute Wetterfenster wäre eben am Montag gewesen, aber das durften wir ja mit der vergeblichen Suche nach einem Corona-Test verstreichen lassen 🙁

Abschied von den Balearen: Menorca (06.06. – 28.06.)

Die Überfahrt nach Menorca am Samstag, den 6. Juni ähnelt in vielerlei Hinsicht dem vorherigen Segeltag: zunächst mal weht der Wind eher frischer als angesagt, wieder sind wir mit gut 20 Knoten unterwegs, und wieder fahren wir vorm Wind; da die Passage lediglich mit etwa 25 Seemeilen veranschlagt ist, fahren wir nur mit ausgebaumtem Klüver: keine Sorgen um Windzunahme und Halsengefahr, und auf den letzten Knoten Geschwindigkeit können wir dafür ganz gut verzichten.

Wieder liegt die Schwierigkeit eher in der Auswahl des Tagesziels: der südliche Wind macht alle Ankerbuchten an der Südseite der Insel unbrauchbar, und die wesentlich weitere Fahrt bis auf die Nordseite scheuen wir, denn gleich am nächsten Tag soll der Wind ja auf Nordost drehen, dann sieht es ganu umgekehrt aus. Die naheliegende Wahl wäre der Hafen von Ciutadella an der Westküste, welcher Schutz bei allen Wetterlagen bietet, aber der ist ja … gesperrt wegen Corona, da war es wieder. Nun soll es aber zwei kleine Calas in unmittelbarer Nähe geben, die auch halbwegs akzeptablen Schutz bieten könnten; die erste davon, Cala Santandria, laufen wir also zunächst einmal an. Dort erwartet uns aber eine böse Überraschung: der geschützte Teil der Cala ist vollständig mit gelben Bojen abgesperrt, man kann nur noch in der Öffnung ankern, wo sich in unmittelbarer Nähe zwei Meter hohe Wellen an den Felsen brechen. Also nichts wie weg hier, es gibt ja noch eine Alternative, die Cala Degollador, keine Seemeile entfernt.

Dort angekommen glauben wir aber ein Déjà-vu zu erleben: gelbe Sperrbojen verhindern die Einfahrt, und im Außenbereich der – sehr engen – Cala brechen sich die Wellen an schroffen Felswänden. Aus lauter Verzweiflung versuchen wir dennoch ein Ankermanöver – nach der durchwachten Nacht zuvor und einem langen, windigen Tag möchten wir endlich ankommen. Wir bringen Bug- und Heckanker aus, und dennoch liegen wir so nahe an den felsigen Klippen, dass man über das Ausbringen von Fendern nachdenken kann – während das Boot von den aus allen Richtungen reflektierten Wellen herumgeschüttelt wird. Nein, das wird nichts – unter erheblichen Mühen holen wir den Heckanker wieder auf (von Hand, während das Heck anderthalb Meter Fahrstuhl auf und ab fährt …) und machen uns auf den Weg zur Rundung der Insel, weitere 12 Seemeilen …

Solche Absperrungen sind uns grundsätzlich nicht unbekannt: eigentlich dienen sie dem Schutz von Schwimmern und werden zu Beginn der Hauptsaison ausgebracht; häufig jedoch dienen sie auch einfach nur dazu, das Ankern unmöglich zu machen und so die Yachten zu zwingen, sich für 250 Euro eine Nacht in der nahegelegenen Marina zu erkaufen. Im konkreten Fall ist dies überdeutlich: die betreffenden Calas sind extrem lang und schmal, die kurzen Badestrände liegen 100 Meter und mehr von den Absperrungen am Eingang entfernt – so weit schwimmt niemand durch den schmalen Schlauch, um sich dann vom Sog der Wellen an den Felsen zerschmettern zu lassen.

Was in normalen Jahren einfach nur unverschämte Abzocke ist, wird dieses Jahr aber zur allen seemännischen Traditionen widersprechenden Gefährdung der Segler, denn der einzige Schutz bietende Hafen ist ja gesperrt – ein Ärgernis sonder gleichen, und so völlig sinnlos in jeglicher Hinsicht, denn es spült ja noch nicht mal Geld in die Kassen der Marinas. 

Cala Algaiarens
Die Belohnung nach endlos langen anderthalb Tagen

Nach dem Runden des westlichen Endes der Insel verbessert sich der Seegang spürbar, und während wir nach Nordosten und dann Osten segeln, wird es geradezu ruhig auf dem Wasser. So finden wir endlich – nach 40 Seemeilen insgesamt – einen sicheren Ankerplatz in der Cala Algaiarens. Und einen wunderschönen noch dazu: völlig ohne Bebauung bieten sich dem Blick zwei lange Strände dar, dahinter Dünen (eine ziemliche Seltenheit hier!) und bewaldete Hügel; türkisfarben leuchtet eine endlos große Ankerfläche mit 4-5 Metern Wassertiefe – warum nicht gleich so?

Nach einem schnellen Abendessen und einem hinreißenden Abendhimmel nach dem Sonnenuntergang hinter den Klippen fallen wir in die Koje, um nach knapp 40 Stunden endlich zu schlafen ….

Cala Son Saura

Am Sonntagmorgen begrüßt uns unfreundliches Wetter: es regnet schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage, was wir ganz schön unverschämt finden 😉 Überhaupt scheint die mehrwöchige Periode stabilen Sommerwetters jetzt wieder unbeständigerer Witterung zu weichen, die zahlreichen Winddrehungen sprechen ja auch für sich. Wie vorhergesagt dreht der Wind denn auch auf Nordost, und wir müssen wohl oder übel unseren schönen Ankerplatz verlassen – nach den sehr anstrengenden Tagen zuvor wäre uns ein Ruhetag sehr willkommen gewesen.

Innerhalb kurzer Zeit legt der Wind auch ordentlich zu, und wir segeln den gleichen Weg, den wir am Nachmittag zuvor mit Südwest heraufgesegelt sind, vor dem frischen Nordost wieder zurück. Nach der eindrücklichen Erfahrung des Vortages lassen wir Ciutadella sprichwörtlich links liegen und steuern die Südseite der Insel an, um nach 18 Seemeilen in der Cala Son Saura den Anker zu werfen, während sich hinter uns schwarze Gewitterwolken auftürmen. Auch hier ist es schön – wenn auch nicht ganz so spektakulär wie in der Cala zuvor, allerdings gibt es einen gewichtigen Unterschied: der von drei Tagen Südwestwind aufgebaute Schwell ist natürlich nicht gleich verschwunden, und so ankern wir zwar sicher mit ablandigem Wind, aber von Süden rollen lange Wellenzüge heran, die uns nicht besonders ruhig liegen lassen. Die Gewitter ziehen glücklicherweise vorbei, und der zusätzlich ausgebrachte Heckanker verspricht etwas Besserung, aber unruhig bleibt es; natürlich wäre auch heute wieder der Hafen von Ciutadella die richtige Wahl gewesen, aber wir erinnern uns, da war ja was …

Cala Son Saura – ausnahmsweise mal mit bedecktem Himmel

In der Nacht zum Montag lässt der Schwell etwas nach, und die Wetteraussichten erlauben es auch, einen weiteren Tag in der Cala Son Saura zu verbleiben. Leider bleibt es aber bedeckt, die Sonne lässt sich kaum blicken, und wieder regnet es ein paar Tropfen – schade, denn heute gibt es etwas zu feiern: die Balearen sind in Phase 3 der Exit-Strategie eingetreten! Reisen zwischen den Inseln sind wieder erlaubt; damit ist die ‚Orion‘ endlich nicht mehr illegal unterwegs, und wir müssen nicht immer nach Polizeibooten Ausschau halten 😉

Warum aber nach wie vor die Sportboothäfen gesperrt sind, entzieht sich mal wieder jeder vernünftigen Erklärung: mit der Fähre darf man (zusammen mit vielen fremden Menschen auf engem Raum) von Alcúdia nach Ciutadella reisen und dort an Land gehen, als Segler zwar im Prinzip auch, aber nur wenn man ankert und dann mit dem Dinghi anlandet … offenbar wirken sich Steganlagen positiv auf Virenvermehrung aus, wer hätte das gedacht!

Ciutadella
Vorbei zieht der Leuchtturm am Cap d’Artrutx (1859)

Den Dienstag warten wir noch in der Cala Son Saura ab, da für Mittwoch die besten Bedingungen angekündigt sind, um noch einmal einen Anlauf zu unternehmen, Ciutadella einen Besuch abzustatten. So holen wir um kurz nach 8 Uhr bei ziemlicher Flaute die Anker auf und motoren gemächlich die knapp 8 Seemeilen bis zur Cala Santandria, in der wir bereits am Samstag eine Runde gedreht haben.

Heute, praktisch ohne Wind und mit aus nördlicher Richtung laufendem Schwell, sieht es hier ganz anders aus: ohne meterhoch spritzendes Wasser trauen wir uns, in der Öffnung der Cala, gleich vor der Absperrung, die ‚Orion‘ zwischen Bug- und Heckanker so auszurichten, dass der Bug Richtung Meer zeigt und einlaufenden Wellen die geringste Angriffsfläche bietet. Nachdem wir die Lage einige Zeit beobachtet und für sicher befunden haben, landen wir mit dem Dinghi an und machen uns auf den Weg in die etwa 3 Kilometer entfernte Stadt. 

Ciutadella wurde von den Karthagern gegründet und zählt heute etwa 30.000 Einwohner; neben den obligatorischen Besitzerwechseln zwischen Mauren und Christen stand die Stadt – wie der Rest der Insel – von 1708 bis 1802 unter britischer Herrschaft (mit Unterbrechungen und einem französischen Intermezzo). Am 9. Juli 1558 wurde sie bei einem Überfall osmanischer Truppen schwer zerstört, weswegen vor allem die darauf folgenden Jahrhunderte das heutige Stadtbild prägen: barocke und klassizistische Fassaden begegnen uns auf Schritt und Tritt.

Hauptattraktionen sind der sich endlos lang und schmal bis tief in die Stadt erstreckende Naturhafen, die engen Gassen der gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt sowie die im 14. Jahrhundert errichtete Kathedrale Santa Maria de Ciutadella. Besonders in der Altstadt gefällt es uns gut, wenn es auch wegen der vielen geschlossenen Geschäfte etwas ausgestorben wirkt.

Am Nachmittag ziehen mal wieder drohend schwarze Gewitterwolken auf, so dass wir uns – schwer mit Einkäufen bepackt – auf dem Rückweg ganz schön beeilen; völlig unnötig, wie sich herausstellt, denn kurz nach unserer Rückkehr ist der Spuk vorübergezogen, und wir können den Abend in der Cala Santandria genießen.

Cala Fontanelles
Far de Punta Nati (1913)

Weniger angenehm verläuft die Nacht: zwar bleibt der Ankerplatz sicher, aber der unerwartete Wind am Nachmittag hat doch so viel Welle aufgebaut, dass es in der engen Cala durch das Schlagen der Wellen unter die Felsüberhänge einfach unglaublich laut ist. So hält uns am Donnerstagmorgen nichts davon ab, früh aufzubrechen, was sich als ganz gut herausstellt: der erst für Mittag angekündigte kräftige Südwind ist wohl auch Frühaufsteher, so dass die ‚Orion‘ mal wieder nur unter Klüver zügig vor dem Wind dahineilt, während sie auf dem Weg an die Nordküste das Cabo Nati mit seinem Leuchtfeuer rundet.

‚Blitz‘ und ‚Orion‘ in der Cala Fontanelles

Ziel ist eigentlich die am vergangenen Samstag bereits angelaufene Cala Algaiarens, während wir aber in diese einbiegen wollen, sehen wir in einem Seitenarm, der Cala Fontanelles, die niederländische ‚Blitz‘ ankern, die wir zuletzt auf Mallorca getroffen haben. Für die für den folgenden Freitag angekündigte Winddrehung auf West  ist dieser Platz auch besser geeignet, also ändern wir kurzerhand den Plan und ankern wenige Bootslängen entfernt. Am Abend begießen wir das Wiedersehen mit einigen Flaschen Tinto und verbringen eine ruhige Nacht, da die Hügel den größten Teil der angesagten 25 bis 30 Knoten Südwind abfangen.

Am Freitag zieht es uns an Land, und wir erwandern etwas die Umgebung. Dies ist auf ganz Menorca besonders leicht möglich, da es einen durchgehenden Weg entlang der Küste gibt, den Camí de Cavalls; dieser geht auf das 14. Jahrhundert zurück, wurde zur Erschließung und Verteidigung der Insel angelegt und ist heute ein wunderbarer Wanderweg durch vielerorts noch unberührte Natur mit grandiosen Ausblicken über das Meer.

Blick über die Cala s’Escala, links im Bild der Camí de Cavalls

 

Cala Algaiarens – Strand und Ankergrund paaradiesisch

Wir folgen dem Weg ein Stück die Küste entlang bis zur westlichen Nachbarbucht, biegen dann ins Inland ab und laufen durch lichte Pinienwälder in einem großen Bogen bis zur östlicherer gelegenen Cala Algaiarens, deren weißer Strand und leuchtend türkisfarbenes Wasser auch aus der Perspektive von Land aus begeistern. Ein einmaliger Ankerplatz – den man sich allerdings in einem ‚gewöhnlichen‘ Juni mit 40-50 anderen Yachten teilen müsste; jetzt liegt lediglich ein französischer Katamaran hier …

Fornells

Am Samstagmorgen fällt es uns – ebenso wie der ‚Blitz‘ – recht schwer, den Ankerplatz zu verlassen, zu gut hat es uns hier gefallen; doch die Nordküste verspricht noch so viele tolle Ankerplätze, die besucht werden wollen, also rollen wir schweren Herzens den Klüver aus, während wir den Anker lichten und uns vom Wind aus der Bucht treiben lassen.

Cap de Cavalleria, der nördlichste Punkt der Balearen

Draußen weht mal wieder mehr Wind als angekündigt: West mit gut 20 Knoten, statt der angekündigten 12 Knoten; der schon bereitgestellte Gennaker bleibt also in seinem Sack, und nur unter Vorsegel fahren wir mit 5 Knoten unserem Ziel entgegen, der Bucht von Fornells. Dabei passieren wir den nördlichsten Punkt Menorcas, das Cap de Cavalleria, dessen steile Klippe fast 100 Meter über der See aufragt und einen 1857 erbauten Leuchtturm trägt.

Nach kaum drei Stunden erreichen wir Fornells, welches in einer gegen die anlaufenden Wellen gut geschützten Bucht liegt; aufgrund der eher niedrigen Landbarriere ist sie aber dennoch dem Nordwind stark ausgesetzt, was vielleicht erklärt, warum der Ort trotz der Lage sehr klein und eher jung ist – das Dorf entstand erst im 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Errichtung eines Wehrturms zur Piratenabwehr.

Blick über die Bucht von Fornells

Heute lebt Fornells von der Langustenfischerei und natürlich vom Tourismus, und da dieser ja in diesem Jahr praktisch ausgefallen ist, ist recht wenig los, und der einzige Supermarkt ist noch dauerhaft geschlossen. Das Ankern in der äußerst geräumigen Bucht ist gar nicht so einfach, wie man erwarten sollte: der Grund ist praktisch lückenlos mit Seegras bewachsen, und da darauf nicht geankert werden darf, bleiben nicht viele Möglichkeiten. Eine sind die zahlreichen Muringbojen, die gegen gutes Geld gebucht werden können, eine andere ein winziges Fleckchen Sand direkt hinter der Hafenmole – und dieses nutzen wir, um hier bei wenig Wind eine ruhige Nacht zu verbringen (und außerdem im Schutze der Dunkelheit im Hafen ein paar Kanister Trinkwasser zu ‚organisieren‘).

Cala ’n Tosqueta

Am Sonntag besorgen wir noch frisches Brot und Gebäck in der kleinen Bäckerei, und dann verlassen wir Fornells auch schon wieder; gleich um die Ecke verspricht die Cala ’n Tosqueta eine noch viel schönere Umgebung.

Die kaum 4 Seemeilen legen wir unter Maschine zurück, da kaum Wind weht; dies in Verbindung mit dem sonnigen Wochenende bewirkt, dass auch noch andere auf die gleiche Idee gekommen sind: um die 10 Boote ankern bereits in der kleinen Cala. Wir können noch einen Platz auf Sandgrund finden, müssen aber Bug- und Heckanker ausbringen, um nicht gegen die anderen Ankerlieger zu treiben; die kurz danach eintreffende ‚Blitz‘ geht einfach bei uns längsseits.

Die Beliebtheit ist verständlich: die verwinkelte Bucht verfügt über mehrere Strände und eine kleine Insel, die zusätzlichen Schutz bietet; von Land ist sie unzugänglich, es gibt keine Straßenanbindung und keinerlei Bebauung. Das glitzernde Wasser, die zerklüfteten Felsen, die sensationellen Farben, der weiße Sand, und über allem der Duft von Meer und Rosmarin – ein kleines Paradies!

Cala ’n Tosqueta, ein kleines Paradies

Das bunte Treiben hält nicht lange an, ab 19 Uhr gehört die Cala uns allein, die anderen Boote waren nur lokale Tagesausflügler; den folgenden Montag bleiben wir hier, und lediglich ein einziges Motorboot leistet uns für ein paar Stunden Gesellschaft. Der Tag vergeht mit Wandern entlang der Klippen, Schnorcheln (wir sehen viele verschiedene Fischarten, etliche auch richtig bunt gefärbt; zahlreiche Seeigel bewohnen die Felsspalten), Sonnenbaden und abendlichem Grillen wie im Fluge – und irgendwie auch völlig zeitlos. Für Orte wie diesen lohnt sich der weite Weg ins Mittelmeer!

Cala Presili
Far de Favàritx (1922)

Am Dienstag machen wir uns schweren Herzens wieder auf den Weg Richtung Südosten; eigentlich sollte etwas Wind wehen, es überschreitet aber nie 5 Knoten, womit wir mal wieder motoren müssen, Glücklicherweise ist es nicht weit, nach gut 10 Seemeilen runden wir das Cap Favàritx mit seinem auffälligen Leuchtturm und finden auf der Südseite der gleichnamigen Halbinsel einen Ankerplatz in der Cala Presili, bei der es sich nicht wirklich um eine ins Land einschneidende Ankerbucht handelt, eher eine kleine Delle im Küstenverlauf mit schönem Sandgrund davor.

Alles im blauen Bereich – Cala Presili, im Hintergrund Cap Favàritx

Viel los ist hier nicht, es gibt keinerlei Bebauung, und die Strände sind landseitig nur durch eine Wanderung zu erreichen, so dass man nur wenige Menschen sieht. Umso mehr bietet es sich an, selbst eine Wanderung über die felsige Halbinsel bis zum Leuchtturm zu unternehmen und dabei die – trotz der Trockenheit doch erstaunlich vielfältige – Natur zu bestaunen; so überraschen uns prächtig blühende Dünennarzissen mitten im kargen Gelände, und der ständige Rosmarinduft gehört ohnehin dazu.

Illa d’en Colom

Am Mittwoch geht es weiter, diesmal sogar nur 4 Seemeilen gen Süden; dort liegt die vorgelagerte Illa d’en Colom, eine unbewohnte (und ziemlich unzugängliche) kleine Insel, deren Rückseite halbwegs geschützte Ankerplätze bietet. Gleichzeitig liegt dort an Land das kleine Dorf Es Grau, welches einen Minimarkt bietet, der sogar geöffnet hat und frisches Brot führt.

Parc natural de s’Albufera des Grau
Die im Mittelmeerraum verbreitete Landschildkröte (Testudo hermanni)

Der Ort markiert den Eingang zum Nationalpark s’Albufera mit seiner ausgedehnten Lagune; dieser ist für seinen Vogelreichtum  bekannt, uns begeistern aber vor allem die dort vorkommenden – und auch tatsächlich anzutreffenden – Schildkröten: die sind ja soooo niedlich 🙂

Am Abend werden wir noch Zeugen eines Malheurs: eine französische Segelyacht fährt zu tief in die seichte Passage zwischen der Illa d’en Colom und dem Festland und kommt dort fest. Alle Versuche, die Dehler 43 wieder in tieferes Wasser zu bekommen (so durch Ausbringen des Ankers unter tatkräftiger Mithilfe des Autors), scheitern kläglich, obwohl noch nicht einmal der Wind aufs Flach drückt, lediglich der lange Schwell von etwa einem Meter Höhe hat die Yacht in eine so hoffnungslose Lage gebracht.

Leider gar nicht so stimmungsvoll wie es aussieht: die festgekommende ‚Force 7‘

Ursächlich für die Havarie war das große Vertrauen des Skippers  in die Navionics-Karte auf seinem iPad – diese zeigt einen Detailreichtum, von dem auf der offiziellen spanischen Seekarte, wie sie an Bord der ‚Orion‘ verwendet wird, absolut nichts zu sehen ist (dort ist einfach alles ‚weniger als 5 Meter‘ tief, was Anlass zu größter Vorsicht gibt). Auch schon in anderen Ankerbuchten legte der Vergleich der online zugänglichen Navionics-Karten mit der Realität den Verdacht nahe, dass deren Detailreichtum oftmals eher der Phantasie als einer Vermessung entspringt.

Erst am nächsten Morgen kann ein PS-starkes SAR-Boot aus Mahón die Yacht freischleppen – wer weiß unter welchen Schäden am Kiel …

Cales Coves
Far de l’Illa de l’Aire (1860)

Am Donnerstag runden wir die Südostspitze Menorcas; zunächst mal gibt es dazu Gegenwind, die ersten 10 Seemeilen kreuzen wir gegen frische vier Windstärken an. Das läuft eigentlich ganz gut, dennoch ist es etwas ärgerlich, dass der Wind buchstäblich in dem Augenblick nachlässt, als wir endlich auf einen Halbwindkurs abbiegen können. Doch auch dies ist nicht von Dauer: aus vollständiger Flaute entwickelt sich innerhalb weniger als einer Minute wieder Starkwind jenseits der 20 Knoten. Ein abwechslungsreicher Segeltag …

Vor Anker in den Cales Coves

Am frühen Nachmittag biegen wir in eine kleine Öffnung der Steilküste ein, die sich zu einer zweiarmigen Cala öffnet: die Cales Coves, die Höhlenbuchten. Hier finden sich unzählige kleinere und größere Höhlen, die in der Bronzezeit als Begräbnisstätten angelegt und in den folgenden drei Jahrtausenden immer wieder als Wohnstätten genutzt wurden. Aber der Ort hat noch viel mehr zu bieten als die lange Geschichte, die er ausstrahlt: es ist einfach wunderschön zwischen den steilen Felswänden, das Wasser strahlt mit dem Himmel um die Wette, die Luft ist erfüllt von warmem Duft aromatischer Kräuter und dem Zirpen unzähliger Zikaden.

Bis Freitag liegen wir hier noch mit der ‚Blitz‘ allein, am Samstag dagegen füllt sich die Cala mit unzähligen kleineren Ausflugsbooten, wie wir es am vergangenen Wochenende auch erlebt haben. Glücklicherweise verzichten diese aber auf laute Musikbeschallung, und so verbringen wir eine schöne Zeit an diesem wundervollen Flecken: wir unternehmen kleine Wanderungen in die Umgebung, schnorcheln um die Felsen und genießen die sommerlichen Temperaturen von knapp 30 Grad im Schatten am Nachmittag, während es am Abend angenehm mild ist und ein hinreißender Sternenhimmel über uns funkelt – was will man mehr?!?

Vom mühsam zu ersteigenden Felsplateau bietet sich ein überwältigender Ausblick über die Cales Coves
Maò

Sonntagmittag verlassen wir die Cales Coves und segeln zurück gen Osten, passieren erneut die Illa de l’Aire und laufen dann in die Hafenzufahrt von Maó ein, bei uns besser bekannt unter dem kastilischen Namen Mahón – der örtliche Dialekt spricht dagegen noch etwas kürzer von Mô; gemeint ist immer die Hauptstadt Menorcas (jedenfalls seit der britischen Besatzung, vorher war das Ciutadella). Heute endet nämlich der Alarmzustand in Spanien (für Madrid wohl immer noch Wochen zu früh, für die Balearen eher Monate zu spät), und die Häfen akzeptieren wieder Besucher!

Die Stadt liegt an einem volle drei Seemeilen langen Meeresarm, der durch eine relativ schmale Einfahrt geschützt wird und durchgängig regelmäßige Tiefen und gute Ankergründe aufweist. So verfügt die Stadt über einen der größten Naturhäfen der Welt (über die exakte Reihenfolge streitet man sich offenbar z.B. mit Sydney und Pearl Harbor), was schon den legendären Genueser Großadmiral Andrea Doria (1466 – 1560) zu der Aussage verleitete, es gäbe nur drei wirklich sichere Häfen im Mittelmeer: Juli, August und Mahón. Rundherum finden sich zahlreiche Befestigungen aus der Zeit, als die Bucht den verschiedenen Besitzern als Marinebasis diente; eine davon, die Festung La Mola, erlangte traurige Berühmtheit dadurch, dass sie während der Franco-Diktatur 1939-1975 als Gefängnis und Folterstätte für Regimegegner diente.

Cala Teulera, stadtnahes Naturidyll zwischen alten Seefestungsanlagen

Wir nutzen dieses Geschenk der Natur für die erste Übernachtung vor Anker in der Cala Teulera, bevor wir am nächsten Morgen – gerade noch rechtzeitig vor aufkommendem Starkwind aus Nord – die Marina Menorca anlaufen; hier hat man uns eine Übernachtung zum absoluten Schnäppchenpreis von € 50 angeboten – normalerweise wäre im Juni schon das Doppelte fällig …

die umfangreichen Anlagen der Marina Menorca – nur einer von drei Sportboothäfen in der Stadt

Was für ein besonderer Moment, nach fast 100 Tagen ohne Landstromversorgung das Stromkabel einzustecken, und kurz danach aus einem Schlauch Süßwasser in beliebigen Mengen über das salzverkrustete Deck fließen zu lassen! Und erst mal die Hafendusche – nach drei Monaten ein unvergessliches Erlebnis! Aber der teuer erkaufte Marina-Luxus bringt auch eine Menge Arbeit mit sich: Schrubben, Putzen, Saugen, Spülen, Waschen, Reparieren, und nicht zuletzt das Auffüllen der Vorräte: zum nächsten Supermarkt sind es gut 20 Minuten bergauf, und wir schleppen etliche 20-Kilo-Rucksäcke zum Boot, während uns bei wolkenlosem Himmel der 35 Grad heiße Wind wie aus dem Fön ins Gesicht bläst. Am nächsten Mittag sind wir völlig fertig mit der Welt, haben zwar die Zeit im Hafen optimal genutzt, aber noch nicht einmal etwas von der Stadt gesehen – doch das ist kein Problem, wir verlassen nach über 30 Stunden die Marina und fahren wieder zurück in die Cala Teulera, um dort zu ankern und am nächsten Tag nochmal mit dem Dinghi zurück in die Stadt zu fahren.

Blick über einen Teil des riesigen Naturhafens

Dies erweist sich als sehr lohnend: Maò hat eine sehenswerte Altstadt hoch auf den Felsen über dem Hafen aufzuweisen, viele schöne Geschäfte und Restaurants, wo man gegen kleines Geld (für deutsche Maßstäbe) hervorragende Fischgerichte essen kann, wovon wir auch Gebrauch machen – schließlich ist es voraussichtlich die letzte spanische Stadt, die wir besuchen!

Eine kleine kulinarische Anekdote sei noch angemerkt: angeblich verdankt die allseits beliebte Mayonnaise ihren Namen der Stadt Mahón, da sie während der französischen Besatzung als Abwandlung der lokalen Aioli nach Frankreich und von dort in die Welt gelangt sein soll …

Am Donnerstag den 25. Juni verlassen wir die Cala Teulera und fahren zurück in die Cales Coves, um dort auf passendes Wetter für die Überfahrt nach Sardinien zu warten – und auch einfach, um noch ein paar Tage in dieser tollen Ankerbucht zu verbringen. Am Donnerstagabend sind noch drei andere Yachten da, aber erstaunlicherweise legen diese alle am Freitag ab, so dass wir die Bucht für uns allein haben! Erst am Samstagmittag erscheinen die unvermeidlichen Wochenendausflügler in den Motorbooten, aber glücklicherweise halten diese sich beim Aufdrehen der Radios zurück.

Mit dem Wetter ist es so eine Sache: noch vor ein paar Tagen war zwischen Sonntag und Mittwoch kräftiger Nordwestwind – Mistral – angesagt, der wird aber von Tag zu Tag weniger; nun wollen wir zum einen aber auch nicht mehr wochenlang warten, und zum anderen soll es auch nicht zu viel Wind werden (der Mistral kann auch richtig zulangen, 7 bis 8 Windstärken – bei strahlend blauem Himmel – sind durchaus drin!), also beschließen wir, trotz der bescheidenen Windvorhersage am Sonntag den 28. Juni loszufahren – und uns in Geduld zu üben!

Das Segeln in den Zeiten der Corona (27.05. – 05.06.)

Zurück nach Mallorca

Am frühen Mittwochmorgen des 27. Mai lichten wir den Anker und verlassen die Cala Portinatx, kurz nach der niederländischen ‚Blitz‘, die mit der ‚Orion‘ zusammen nach Mallorca übersetzen will. Schon ein seltsames Gefühl nach beinahe 11 Wochen auf Ibiza, von denen wir auch noch die meiste Zeit auf einem Fleck vor Sant Antoni verbracht haben – man entwickelt ja schon langsam ein Heimatgefühl …

Mit dem Leuchtturm an der Punta d’es Moscarter bleibt Ibiza in der ersten Morgensonne zurück

Die Wettervorhersage war keineswegs besonders positiv, lediglich das kleinste Übel in einer ewigen Folge von Nordostwind; eigentlich sollte während des Vormittags noch ein brauchbarer Nordnordost wehen, gegen den man zunächst mal einen halben Tag gen Osten fahren kann, um dann in der Winddrehung auf Ost zu wenden und in der zweiten Tageshälfte auf Nordkurs Mallorca zu erreichen. Beim Aufbruch weht aber statt der angekündigten 10-12 Knoten … rein gar nichts. Nach einer Stunde Motorfahrt, als wir uns schon einen langen Tag durch das Mittelmeer dieseln sahen, kam aber wie aus dem Nichts dann doch noch Wind aus 020 auf, und der für den Mittag angekündigte Ostwind fiel sogar zunächst stärker als vorhergesagt aus, so dass wir besser als erwartet vorangekommen sind.

So ganz ohne Probleme wäre es aber doch langweilig – wie im vergangenen November der Gennaker, so fiel diesmal der neue Code 0 nach einem Knall aus dem Masttopp neben der ‚Orion‘ ins Wasser – die Reparatur des Umlenkblocks hatte also keinen dauerhaften Erfolg, nach Ersatz des primitiven Originalschäkels durch ein kernigeres Exemplar ist nun halt der Wirbel ausgerissen … man muss aber positiv feststellen, dass sich das etwas steifere Tuch des Code 0 deutlich einfacher an Bord ziehen lässt als das feine Gewebe des Gennakers 😉

Belohnung nach einem langen Tag auf See: der Abendhimmel über Sa Dragonera

Erst im Windschatten Mallorcas – der aber 20 Seemeilen herausreicht – war es dann vorbei mit dem Segelvergnügen, und die letzten 4 Stunden musste doch wieder der Motor ran. Nach 14 Stunden und knapp 60 Seemeilen konnten wir dann gegen 21 Uhr vorm Strand von Sant Elm an der Südwestspitze der Insel den Anker fallen lassen.

Die direkt vor Sant Elm liegende Insel Sa Dragonera versperrt zwar den Blick auf den Sonnenuntergang, aber der Abendhimmel dahinter leuchtet in den prächtigsten Farben – Mallorca hat uns wieder!

Sant Elm

Am nächsten Morgen begrüßt uns die Sonne über einer wirklich schönen Ankerbucht; der Ort verspricht auch eine Bäckerei zu haben, so dass es frisches Brot zum Frühstück geben könnte 🙂

Sant Elm, ein sehr adrettes Örtchen

Beim Anlanden mit dem Dinghi macht sich aber eine gewisse Nervosität breit – wie geht man hier wohl mit dem Corona-Problem um? Gibt es auch überall Polizei, die Strafzettel verteilen will? Schließlich sind wir ja nicht ganz legal hier, es sollte besser niemand nachfragen wo die ‚Orion‘ herkommt … es zeigt sich aber, dass die Stimmung hier eher entspannter ist, als wir es auf Ibiza erlebt haben, und das, obwohl es ja hier erheblich mehr Infektionen gab (wenn auch, gemessen an der Bevölkerung, immer noch bescheiden wenige): es gehen doch tatsächlich Leute ohne Mundschutz in die Bäckerei, und niemand beschwert sich! So weit, so gut – aber es ist schon bemerkenswert, wie diese Krise das Erleben verändert hat: die Unbeschwertheit ist weg, man wartet ständig auf neue Drangsalierungen durch die Ordnungskräfte (die nie etwas mit einer medizinisch begründbaren Vireneindämmung zu tun haben) … haben wir nicht alle gedacht, solche Zeiten nie mehr erleben zu müssen?

Port de Sóller

Am Freitag verlassen wir Sant Elm schon wieder – die Wettervorhersage verspricht Südwestwind, zwar nur sehr wenig, aber immerhin kein Gegenwind, und wir machen uns gewisse Hoffnungen, dass auf der eigentlich windabgewandten Seite der Insel die See so ruhig ist, dass der Gennaker auch bei wenig Wind noch steht.

Sa Dragonera bleibt im Kielwasser zurück

Die Hoffnungen werden nicht enttäuscht: zwar sind es nur um 5 Knoten Wind, die wir vorfinden, aber bei kaum noch einem Dezimeter Schwell liegt die ‚Orion‘ so ruhig auf dem Wasser, dass das Leichtwindsegel problemlos vom lauen Lüftchen gefüllt wird. So gleiten wir – vollkommen aufrecht und ohne wirklich wahrnehmbare Bewegung – mit anderthalb bis zweieinhalb Knoten über die tiefblaue See: nicht schnell, aber ein tolles Segeln ist das, bei dem man das Sangriaglas auf dem Tisch stehen lassen kann!

Majestätisch ragen die Gipfel der Serra de Tramuntana über Sóller auf

Und die vorbeiziehende Landschaft erst: das sich an der gesamten Nordwestküste Mallorcas entlangziehende Gebirge wird stetig höher und bietet einen majestätischen Anblick, der kaum Spuren von Bebauung oder Nutzung zeigt – Natur pur. Definitiv eine gute Entscheidung, auf dieser Seite der Insel zurückzufahren!

Gegen 18 Uhr erreichen wir die Bucht von Sóller – der einzige Einschnitt in einer 50 Seemeilen langen Küste, der ausgerechnet da liegt, wo die Berge am höchsten sind, etliche Gipfel über 1000 Meter rahmen den fast kreisrunden Naturhafen ein. Direkt vor dem Strand von Port de Sòller ankern wir und genießen den Ausblick in die Berge.

Sóller
Sant Bartomeu in Sóller

Am Samstagmorgen – vor der Mittagshitze – wandern wir die 4 Kilometer ins Tal hinaus zum eigentlichen Ort Sóller, zum einen natürlich um diesen kennenzulernen, aber auch, weil es nur dort einen richtigen Supermarkt gibt – 12 Tage nach Sant Antoni sind die letzen Frischvorräte wirklich verbraucht. Normalweise verbindet eine historische Straßenbahn den Hafen mit dem Ort, aber diese wird nur noch von Touristen frequentiert, und da es die dieses Jahr nicht gibt …

Die kleine Stadt hat eine reiche Geschichte, die eng mit dem Anbau und Export von Orangen verknüpft ist; der damit erworbene Reichtum ist noch gut an zahlreichen, wirklich hübschen alten Villen zu sehen. Überhaupt ist der Ort recht sehenswert, besonders der zentrale Plaça Constitució mit der die Baustile etlicher Jahrhunderte vereinenden Kirche Sant Bartomeu. Auch einen schönen Markt gibt es, der sogar wieder geöffnet ist (aber natürlich nur mit Mundschutz zu betreten). Der Umgang mit den Sicherheitsvorschriften erscheint übrigens sehr wechselhaft: überall schreien einen Hinweisschilder an, aber viele Menschen scheinen sich die Masken vom Gesicht zu reißen und keinen Wert mehr auf Abstand zu legen, sobald keine Polizei in der Nähe ist. Wer das nicht versteht soll mal versuchen, mit so einem Ding bei 30 Grad im Schatten statt norddeutscher Frische herumzulaufen – wir wissen, wovon wir reden …

Im Rausch der Farben – Ausblick auf die Bucht von Sóller

Am Pfingstsonntag versuchen wir uns an der ersten ernstzunehmenden Wanderung seit einer gefühlten Ewigkeit – genau, seit Februar. Die Umgebung von Sóller ist dazu ideal geeignet – wenn man mal von den Temperaturen absieht: obwohl wir uns schon relativ früh auf den Weg machen, hängt uns schon bald die Zunge zum Hals heraus, die Sonne brennt wirklich unbarmherzig auf uns nieder. Aber die umgebende Natur entschädigt für die Mühen: wir wandern auf Pfaden, die schon in römischer Zeit angelegt wurden, durch Olivenhaine, die auf die maurische Herrschaftsperiode zurückgehen, und wenn der Pinienwald mal den Blick auf die Bucht von Sóller freigibt, verschlägt es einem den Atem: solche Blautöne des Wassers, besonders im Kontrast zum Grün der Wälder, sehen schon fast unecht aus – wir können aber beschwören, dass die Fotos der Realität entsprechen 🙂

500 Jahre kann so ein Olivenbaum durchaus alt sein

Nach 4 Stunden und etwa 8 Kilometern (bei gerade mal 250 Höhenmetern – man ist wirklich nicht schnell unterwegs in diesem Klima) sind wir wieder an Bord und springen erst mal ins inzwischen 25 Grad warme Wasser der Bucht, und danach wartet eine kühle Sangria – ja, jetzt fühlt es sich langsam wieder wie Urlaub an!

Wir beschließen, dass dieser Ausflug nicht der letzte bleiben soll – nur wollen wir für fernere Ziele noch früher aufbrechen, um der Mittagshitze zu entgehen.

Deià

Am Pfingstmontag sollen im Laufe des Vormittags ein paar Wolken durchziehen – diese Chance nutzen wir gleich, um gegen 8 Uhr zu einer Wanderung in das Bergdorf Deià aufzubrechen. Tatsächlich ist es zunächst auch etwas bedeckt – aber dennoch warm genug, der Schweiß fließt in Strömen, während wir uns Meter um Meter Höhe erkämpfen. Der Weg führt gut 12 Kilometer in 200 – 300 Metern Höhe entlang der schroffen, felsigen Küste, abwechselnd durch Pinienwälder und uralte Olivenhaine. Schließlich biegt man um eine Kurve, und auf einmal liegt Deià vor einem, eingebettet in einen Talkessel mit über 1000 Meter hohen Bergen, in der Mitte ein Hügel mit der Kirche über den in den Hang gebauten Häusern.

Wie gemalt liegt Deià vor uns

In alten Zeiten ein normales Bergbauerndorf, später auch mal Schmugglernest, ist der Ort schon Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem von Künstlern als Wohn- und Wirkungsstätte entdeckt worden. Dies hat bewirkt, dass das Dorf vom Bauboom der 70er Jahre verschont geblieben ist: Plattenbauten sucht man hier vergeblich, alle neueren Gebäude müssen in bescheidener Höhe und dem traditionellen Felsmauerwerk ausgeführt werden. Der Aufwand lohnt sich: obwohl der Ort natürlich ausschließlich vom Tourismus und den Zugereisten lebt, fühlt es sich nicht so an; man hat eher das Gefühl, eine Zeitreise zu unternehmen. Wir laufen durch die steilen, verwinkelten Gassen, pflücken Zitronen und Orangen von den Bäumen, können uns kaum sattsehen an der überquellenden Fülle der Blumen vor den Terracotta-Tönen der Mauern, immer mit dem mächtigen Felsmassiv im Hintergrund – hinreißend!

Wir kehren in einer der wenigen geöffneten Gastwirtschaften ein (Corona-bedingt ist natürlich rein gar nichts los im Ort), sitzen auf einer schattigen Terrasse mit Meerblick und bekommen ein dreigängiges Menú del día mit ausschließlich hausgemachten, mallorquinischen Spezialitäten inklusive Wasser und Wein (ohne den geht’s hier nicht) für € 12,50 serviert – offenbar hat man sich vom Tourismus noch nicht verderben lassen, wir sind äußerst angetan!

Alles strahlt eine gewisse Ruhe und Zeitlosigkeit aus; schließlich entdecken wir hinter der Kirche den kleinen Friedhof – und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus: dass das Durchschnittsalter der Verstorbenen 80 bis 90 Jahre beträgt, kann einen in dieser Umgebung ja kaum überraschen, aber dass wir innerhalb weniger Minuten schon über 5 oder 6 Inschriften stolpern, die von über 100-jährigen künden, ist schon verblüffend. So ungesund kann das Leben fernab ärztlicher Versorgung, aber auch ohne Bürojob, Luftverschmutzung und Stress wohl nicht sein …

Ausblick vom ‚Friedhof der Hundertjährigen‘

Um 15:45 fährt ein Bus zurück nach Port de Sóller, den wir beschließen zu nehmen – 8 Stunden Programm sind genug, der Rückweg zu Fuß würde ja noch einmal knapp 4 Stunden dauern, und inzwischen brennt die Sonne auch wieder ungefiltert. Mal wieder sind wir begeistert vom öffentlichen Verkehrssystem in Spanien: der Bus ist auf die Sekunde pünktlich und verlangt € 1,65 für eine gut halbstündige Überlandfahrt …

Cala Sant Vicenç

Am Dienstag ist erst mal Ruhe angesagt nach drei aufeinanderfolgenden Wandertagen, aber Mittwochmorgen geht es dann weiter: die Wetterdienste sagen schwachen Südwestwind bei praktisch nicht vorhandener Welle vorher, und wir hoffen die angenehme Gennaker-Schleichfahrt vom vergangenen Freitag wiederholen zu können.

Cala Sant Vicenç, sicherer Ankerplatz an einer abweisenden Küste

Die Realität sieht aber anders aus: Windstärke und Welle stimmen zwar, aber der schwache Wind kommt aus Nordost statt Südwest – nun ja, ein Fehler von 180 Grad kann ja mal passieren … wir fahren immer weiter raus und hoffen auf Besserung, schließlich gibt es nirgendwo im Umkreis von 100 Seemeilen Nordostwind in den Vorhersagemodellen, doch vergeblich – letztendlich läuft es auf 5 Stunden Motorbetrieb hinaus, gegen 4 Knoten Wind ankreuzen ist nichts für die ‚Orion‘ … erst als wir in die zur Übernachtung auserkorene Cala Sant Vicenç einbiegen, weht uns Südwestwind entgegen – hier also hat der sich versteckt!

Abendlicht auf den Bergen der Formentor-Halbinsel

Die Ankerbucht und der dazugehörige kleine Ort liegen direkt gegenüber von Port de Pollença und schnüren quasi die Formentor-Halbinsel ab; am schönen Strand liegen einige weniger dekorative Hotels (wir haben jedoch schon bei weitem schlimmere Bausünden gesehen), aber die Bucht selbst ist toll: eingerahmt von schroffen Felsen bietet sie weitreichenden Schutz und über hunderte Meter perfekten, weißen Sandgrund zum Ankern – eine absolute Ausnahme an dieser abweisenden Nordwestküste.

Auch für die Nacht liegt die Wettervorherssage völlig daneben, statt mit 25 Knoten aus der Bucht heraus weht es ebenso stark hinein – kein Problem bei dem perfekten Ankergrund, aber die sich sofort aufbauende Windsee macht eine Menge Lärm.

Port de Pollença
Schroffe Berglandschaften ziehen vorüber

Entsprechend früh brechen wir am nächsten Morgen auf; heute haben wir mehr Glück mit dem Wind, eine raume Brise von rund 12 Knoten lässt uns zügig aufs Cap de Formentor zusegeln, welches wir schon gegen 11 Uhr runden. Hier schließt sich der Kreis: vor fast 4 Monaten haben wir hier Mallorca erreicht, und nun die Insel – mit einem kleinen Abstecher nach Ibiza und zehnwöchiger Corona-Gefangenschaft – umrundet. Fast fühlt es sich heimatlich an, haben wir doch hier im Februar eine schöne Zeit verbracht …

Der Kreis schließt sich: Cap de Formentor querab

Nach dem Flautenloch beim Runden des Kaps weht uns der Wind nun entgegen, und auf um 20 Knoten zugelegt hat er auch; da noch Vollzeug steht, darf die ‚Orion‘ die verbleibende Strecke mal wieder mit erheblicher Lage zurücklegen, aber so ganz ohne Welle dicht unter Land macht es großen Spaß, mit 7 Knoten dem Ziel entgegenzueilen.

Kurz nachdem der Anker – bei mittlerweile auch 25 Knoten Wind, der Himmel hat sich sehr plötzlich mit Wolken gefüllt – vor Port de Pollença gefallen ist, beginnt es tatsächlich zu regnen: ein bemerkenswertes Ereignis, der erste Regen seit knapp drei Wochen!

Cala Son Moll

Eigentlich wären wir gerne ein paar Tage in Port de Pollença geblieben, doch die Wetterbedingungen legen uns nahe, gleich am nächsten Morgen wieder aufzubrechen: Freitag weht kräftiger Nordwestwind, der zum Samstag auf Südwest dreht; ab Sonntag gibt es aber erst mal Nordost, womit die Chance nach Menorca zu segeln vertan wäre. Also zerlegen wir die Überfahrt in zwei Etappen: erst mal fahren wir über die Bucht von Alcúdia bis zum östlichen Ende von Mallorca, um dann am folgenden Tag die eigentliche Überquerung des Canal de Menorca anzugehen.

Großes Hotel, kleine ‚Orion‘ – Cala Son Moll

Die Fahrt verläuft problemlos und bei 20 bis 25 Knoten Rückenwind auch recht zügig, so dass wir schon gegen 15 Uhr das Far de Capdepera umrunden und nach einem Übernachtungsplatz suchen. Dies ist nicht ganz einfach, da aufgrund des frischen Windes die See recht hoch geht und der sich direkt vor unserer Nase befindliche und perfekten Schutz bietende Hafen von Cala Rajada gesperrt ist – Corona sei Dank. So ankern wir statt dessen ein paar hundert Meter weiter vorm Badestrand der Cala Son Moll – eigentlich kein schlechter Platz, geräumig und guter Halt, aber der Schwell … als gegen Abend der Wind auch noch – statt wie angekündigt auf Südwest zu drehen – statt dessen einen mehrstündigen Ausflug über Ost macht, hat es sich mit der Nachtruhe endgültig erledigt, die ‚Orion‘ rollt im Zweisekundentakt von einer Seite auf die andere.

Hinter uns bleibt der Leuchtturm ‚Far de Capdepera‘ zurück

Erst am frühen Samstagmorgen stellt sich dann der versprochene Südwestwind ein; übernächtigt holen wir den Anker auf und richten den Bug auf Menorca. Hinter uns zurück bleibt eine Insel, die uns im Laufe der zwei Besuche oftmals positiv überrascht und abseits der überfüllten Tourismuszentren viel zu bieten hat. Ohne den langen Zwangsaufenthalt auf Ibiza wäre der zweite Besuch auf Mallorca auch sicher deutlich länger ausgefallen; so aber bleibt uns nur, uns über die gewonnenen Eindrücke zu freuen – und darüber, in den vergangenen 14 Tagen keinem Polizeiboot mehr begegnet zu sein … 

 

Gefangen auf Ibiza (12.03. – 26.05.)

Am frühen Donnerstagmorgen geht es noch vor Sonnenaufgang los: 50 Seemeilen sind es bis Ibiza, und wir wollen nicht allzu spät ankommen. Es ist Südwind um 10 Knoten angesagt, mit dem neuen Code 0 sollte sich damit ganz gut Fahrt machen lassen.

Bei Sonnenuntergang nähern wir uns Ibiza

Tatsächlich weht zunächst deutlich mehr Wind, dafür aber aus einer viel östlicheren Richtung; damit machen wir einige Stunden sehr  gute Fahrt, bis gegen Mittag der Wind auf das angesagte Maß zurückgeht, ohne aber die Richtung zu ändern. Am Wind kann der Code 0 mit 10 Knoten noch einiges anfangen, vorm Wind dagegen … wir wechseln also auf den Gennaker, und später am Nachmittag auch wieder zurück; so schmilzt der zunächst herausgefahrene Vorsprung dahin, und wir erreichen Ibiza nach 20 Uhr; wenigstens durften wir zuvor noch einen tollen Sonnenuntergang auf See bewundern!

Cala Portinatx

Die für die Ankunft ausgesuchte Ankerbucht begrüßt uns mit einer Überraschung: wir sind nicht allein, ein kanadischer Katamaran ankert dort bereits – um diese Jahreszeit ja eher außergewöhnlich. Da außerdem viele alte Murings oder deren Überreste im Wasser schwimmen, ist es in der Dunkelheit nicht ganz einfach, einen brauchbaren Ankerplatz zu finden, aber nach ein paar vorsichtigen Runden gelingt es uns doch.

Cala Portinatx

Am nächsten Morgen setzen wir gleich mit dem Dinghi zum Strand über, es soll nämlich gleich zwei Supermärkte und eine Bäckerei im Ort Portinatx geben, und wir wollen die Ankunft mit einem anständigen Frühstück feiern – dem ist auch so, aber die Supermärkte sind noch sowas von geschlossen, der ganze Ort ruht noch; die Saison hat hier noch lange nicht begonnen. Ein Baguette können wir aber glücklicherweise erwerben, das Willkommensfrühstück ist gerettet!

Danach halten wir uns aber nicht mehr lange auf, den wir wollen ein paar Seemeilen weiter die Küste entlang in eine andere Ankerbucht, die

Cala Benirràs

Dort angekommen sind wir begeistert: bizarre Felsenformationen in der Einfahrt und unbeschreiblich klares Wasser begrüßen uns, der Schutz gegen Ostwind und Schwell ist prima – was will man mehr!

Cala Benirràs

Am Strand befinden sich einige alte Fischerhütten, außerdem auch zwei einfache Strandbars, die aber – natürlich – noch geschlossen sind. Dennoch zieht die Cala einige Menschen an, die am Strand in der Sonne – und manchmal auch im mit 17 Grad noch recht frischen Wasser – baden oder Yogaübungen auf den Felsen ausführen. Ibiza ist nicht nur für seine Party-Clubs in den Städten bekannt, sondern auch für eine sehr alternative Szene abseits davon – und dieser entlegene Strand scheint den Inselhippies gut zu gefallen, am Abend finden sich Gruppen von Menschen zusammen, die mit rhythmischem Trommeln den Sonnenuntergang begleiten.

Abendstimmung über der Cala

Uns gefällt es auch gut, wir bleiben zwei Tage, machen Landausflüge und genießen die Wärme des Nachmittags und den tollen Abendhimmel; nur weil langsam die Frischvorräte zur Neige gehen und außerdem eine Wetterverschlechterung angesagt ist, machen wir uns am Sonntag wieder auf den Weg. Dass der Wind dabei so günstig weht, dass wir unter Segeln den Anker aufholen können, versüßt noch den Abschied …

Ibizas Nordwestküste bei Cabo Novo

Die vorbeiziehende Nordwestküste Ibizas ist steil und felsig, aber mit einigen 100 Metern weniger hoch und unzugänglich als die Mallorcas. Auch bedecken meist Wälder die Hügel, nur Zivilisation sieht man praktisch keine – eine tolle Landschaft! Der Wind weht nach wie vor aus östlichen Richtungen, was bedingt durch die Abdeckung durch die Steilküste zu sehr abwechslungsreichen Segelbedingungen führt, zwischen 0 und 20 Knoten Wind ist alles drin, aber wir haben es nicht eilig, können die Segel den Maximalwerten anpassen und in den Windlöchern eben etwas länger die spektakulären Steilhänge betrachten 🙂

Sant Antoni de Portmany
Selbst ohne Corona wohl noch vorsaisonbedingt geschlossen: das berühmte Cafe del Mar

Wir ankern noch eine Nacht direkt vorm Strand von Sant Antoni, bevor wir am nächsten Vormittag in den Gemeindehafen einlaufen. Dort sind wir sehr erstaunt, nach 5 Tagen ohne Kontakt mit der Zivilisation feststellen zu müssen, dass die Corona-Panik in der Zwischenzeit auch Spanien fest im Griff hat: wir dürfen nur für die notwendigsten Besorgungen die Steganlagen verlassen, und ob wir überhaupt wieder auslaufen dürfen, ist noch unklar.

Beim Gang zum Supermarkt fühlen wir uns wie in einem Endzeitfilm: die Straßen sind fast menschenleer, nur vermummte Arbeiter sprühen Wege und Wände mit Desinfektionsmitteln ein; den Supermarkt kann man nur einzeln durch eine Schleuse betreten, um dann vor leeren Regalen zu stehen. Alle Restaurants etc. sind geschlossen, und wir erfahren, dass es auch keine Flüge von und zu den Inseln mehr geben soll – na das kann ja noch heiter werden!

Cala Codolar

Mittwoch bekommen wir dann wenigstens doch die Erlaubnis, auszulaufen – allerdings verdeutlicht man, dass wir nirgendwo anders wieder einlaufen dürfen … wir können also in der Umgebung von Sant Antoni ankern, bei Bedarf dort mit dem Dinghi anlanden um einzukaufen, und in Notfällen sogar im Hafen anfragen, um dort nochmal festzumachen … na prima.

Quarantänestation Cala Codolar

Wir segeln knapp 10 Seemeilen aus der Bucht von Sant Antoni heraus, denn diese ist mit ihrer dichten Hotelbebauung nicht unbedingt attraktiv; viel schöner ist es in der Cala Codolar: ein paar Villen überblicken den Ankerplatz, ansonsten Natur und tolle Felsformationen – das kristallklare Wasser bedarf ja keiner Erwähnung mehr. Solange der Wind aus nordöstlicher Richtung weht – und das tut er auf Tage hinaus – können wir hier bleiben; wo wir bei Starkwind aus Nordwest an dieser gesamten Küste unterkommen sollen, steht allerdings in den Sternen, ebenso, wie lange dieser Zustand anhalten soll … die aktuellen Verordnungen gelten zunächst mal bis Ende des Monats, also mindestens zwei Wochen, in denen wir uns am Rande der Legalität bewegen, denn jeder unnötige Aufenthalt im Freien – also auch die Benutzung von Sportbooten – ist ja untersagt, ebenso wie ein Spaziergang an Land, um nach tagelangem Herumsitzen mal die Beine zu benutzen 🙁

Zurück in Sant Antoni

Am Montag den 23. verlassen wir unseren Ankerplatz, da für Dienstag Starkwind und bis 2 Meter Schwell angesagt sind – den möchten wir ungern in der zur See hin offenen Cala abbekommen, die Erinnerung an Cala Figuera wirkt da noch nach.

Sonnenuntergang über der Bucht von Sant Antoni

Die Bucht von Sant Antoni bietet guten Schutz bei den meisten Bedingungen, und man kann mit dem Dinghi bequem an Land kommen, um einzukaufen; wir stellen fest, dass auch einige der hier ankernden oder an Muringbojen liegenden Boote bewohnt sind – es gibt also doch noch mehr Corona-Gefangene. Die Aussicht Richtung Land ist halt weniger schön als draußen in der Natur, aber da sich das Wetter in den nächsten Tagen eh launisch zeigt, ist das nicht so schlimm, und wir bleiben vorerst an diesem gut geschützten Ankerplatz. Die totale Ausgangssperre in Spanien ist inzwischen bis mindestens zum 11. April verlängert worden – das kann noch heiter werden. So vergehen Tag um Tag recht ereignislos – wäre es wenigstens wärmer und sonniger, könnten endlich mal alle erdenklichen Edelstahlteile an Deck poliert werden, aber so …

Osterausflug

Zum Wochenende bessert sich wenigstens das Wetter: für die Karwoche ist Sonnenschein angesagt, und so holen wir am Samstag den 4. April den Anker auf und machen uns wieder auf den Weg zu einem Ankerplatz mit schönerer Aussicht, nachdem wir in Sant Antoni nochmal Frischvorräte ergänzt haben – sonst dürfen wir ja nirgends an Land …

In der Cala Carbò

Wir fahren etwas weiter nach Südwesten als bei unserem letzten Ausflug; Ziel ist eigentlich die Cala d’Hort in knapp 15 Seemeilen Entfernung, doch weil noch einiger Schwell aus Südwest angelaufen kommt und der angedachte Ankerplatz dagegen recht ungeschützt ist, schauen wir uns schon kurz vorher die Cala Carbò an, welche weniger offen ist. Hübsch ist es da, aber auch recht eng, und der Ankergrund besteht aus großen Steinen – kaum möglich den Anker einzugraben, und genug Kette kann man erst recht nicht stecken, in der Breite hat es kaum 25 Meter bis zu den Felsen. Nun liegen da aber zwei hübsche, leuchtend weiße Muringbojen – im klaren Wasser lässt sich mühelos erkennen, dass diese für schwere Boote ausgelegt und in hervorragendem Zustand sind. Bestimmt gehören sie zu der Villa auf der Anhöhe, aber deren Bewohner dürfen ja eh nicht vorbeikommen – auch Fahrten zum Zweitwohnsitz übers Wochenende sind strengstens verboten … also schanghaien wir uns eine und liegen nun prächtig für die nächsten Tage 🙂

Der perfekte Ibiza-Sonnenuntergang

Vorteil dieses Ankerplatzes ist der unversperrte Blick Richtung Westen – die Sonnenuntergänge an Ibizas Westküste sind nicht grundlos berühmt! Uns war in Sant Antoni schon aufgefallen, dass gegen 20 Uhr die Einwohner von ihren Balkons aus johlen und applaudieren – in Zeiten der totalen Ausgangssperre versucht man wohl wenigstens an einigen Traditionen festzuhalten. Hier ist es vollkommen menschenleer, und die Sonne geht nur für uns unter …

Inzwischen gibt es schon wieder schlechte Neuigkeiten: schon eine Woche vor dem Ablauf des Ausnahmezustandes hat die spanische Regierung gleich mal zwei Wochen nachgelegt. Damit sind wir also mindestens bis zum 25. April interniert 🙁

Norwegische Aussicht: die Islas Vedràs

Am Mittwoch ist nach tagelanger Flaute die See so ruhig, dass wir uns um die Ecke in die Cala d’Hort verholen; hier gibt es viel mehr Platz, besten Sandgrund und … einen tollen Ausblick auf die vorgelagerten Islas Vedràs! Fast 400 Meter hoch ragen deren Felsen steil aus dem Meer – wir fühlen uns doch sehr ans nördlichere Norwegen erinnert! Nur wärmer ist es natürlich – bei ständigem Sonnenschein erreichen die Nachmittagstemperaturen 22° im Schatten, und selbst das Wasser schafft die 18°-Marke – immer noch reichlich frisch, aber nach Wochen ohne Dusche gibt es kein Halten mehr …

So vergehen die Tage bis Ostern, das sonnige, ruhige Wetter bleibt uns erhalten; getrübt wird die Zeit nur von der Nachricht, dass der Premierminister seine Meinung kundgetan hat, die Ausgangssperre müsse wohl noch einmal um weitere zwei Wochen verlängert werden – dies zu kommunizieren, bevor auch nur der aktuelle Zeitraum (der ja die zweiwöchige Verlängerung des ursprünglichen Zeitraums ist) abgelaufen und die ja ohnehin bereits erlassene, vierzehntägige Verlängerung begonnen hat, mutet doch etwas übereifrig an. Überhaupt scheint auch die Polizei beim Verteilen von Strafzetteln mit einem Eifer vorzugehen, welcher das übliche Niveau dieses Berufsstandes deutlich übertrifft; insgesamt können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass ein kleiner Teil der spanischen Bevölkerung geradezu begeistert davon ist, den größten Teil einsperren und verfolgen zu dürfen, von ’so viel wie eben nötig‘ kann hier keine Rede sein (exemplarisch sei hier die Überwachung von völlig entlegenen Gebieten mit Drohnen genannt) – merkt man daran vielleicht, dass mit dem Ideengut der Franco-Diktatur nie richtig aufgeräumt wurde?!?

Und wieder Sant Antoni …

Am Dienstag den 14. April verlassen wir die Cala d’Hort und machen uns wieder auf den Weg nach Sant Antoni – nach 10 Tagen ist der Kühlschrank mal wieder leer, und außerdem ist für die folgenden Tage schlechteres Wetter angesagt.

Am Donnerstag besucht uns ein RIB der Guardia Civil – wir hätten doch kürzlich noch weiter südlich geankert, das ginge so aber nicht, einfach woanders hinzufahren! Wir erklären, dass sich vor einem Monat der Hafenkapitän noch anderweitig geäußert hat – egal, jetzt jedenfalls geht das nicht mehr. Auf die Frage, in wiefern wir zur Verbreitung des Virus beitragen, wenn wir ja eh nicht das Ufer betreten dürfen, verzichten wir gleich – dieser Corona-Wahnsinn hat längst das Stadium verlassen, in dem man Sinnfragen stellen konnte. Nun ist es also amtlich: wir können hier versauern und uns noch wochenlang den menschenleeren Strand von Sant Antoni anschauen – die nächste zweiwöchige Verlängerung des Ausnahmezustandes wird nämlich auch gleich verkündet. Als ziemliche Ironie wirkt dabei doch das Zugeständnis, welches die Regierung dabei für die Kinder gemacht hat: bis zum Alter von 13 Jahren dürfen sie ab der nächsten Woche einen Elternteil auf dem einzig zugelassenen Weg zum Supermarkt begleiten! Nach 6 Wochen Wohnungshaft werden sich die Kleinen sicher sehr über diese Abwechslung freuen …

Wie den Medien zu entnehmen ist, ist auch bei den Spaniern die Begeisterung über die Maßnahmen nicht gerade hoch – einerseits hier auf den Inseln, wo der Virus ja schon praktisch kein Thema mehr ist und man sich eher mit der bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit in der völlig vom Tourismus abhängigen Region befasst, andererseits aber auch in Madrid und den anderen Großstädten, wo die Leute nicht verstehen können, warum sie sich zwar zweimal täglich in die überfüllte U-Bahn quetschen müssen, um ihrem Job nachzugehen, aber dann nach Feierabend nicht allein im Wald spazieren gehen dürfen. Tja, wer darin einen Sinn findet, der darf ihn behalten …

Unterdessen hängen wir hier also weiter ab, mit dem abendlichen Applaus als einzige Abwechslung; wie eine gewöhnlich gut unterrichtete Leserin dieses Reiseberichts zu berichten wusste, gibt es diesen inzwischen in ganz Spanien, und wird dort dem Einsatz der Pflegekräfte gewidmet – ob das hier inzwischen auch so verstanden wird, entzieht sich unserer Kenntnis, aber in jedem Fall wurde in Sant Antoni auch schon vor Corona-Zeiten allabendlich dem Sonnenuntergang zugejubelt, im Sommer von mehreren tausend Menschen, die sich am Sunset Strip, dem Westufer der Stadt, versammeln; vielleicht war das ja sogar die Inspiration zum jetzigen, landesweiten Event. Die Pflegekräfte auf Ibiza haben jedenfalls mangels Coronapatienten nicht besonders viel zu tun (momentan gelten noch 63 Menschen auf Ibiza und Formentera als infiziert, bei 160.000 Einwohnern) …

Schlimmer geht immer

Am Freitag den 24. April erwartet uns eine neue Überraschung: die Guardia Civil besucht uns und teilt mit, dass wir bis Montagmorgen die spanischen Gewässer verlassen haben müssen, ansonsten droht eine Geldstrafe von 30.000 Euro – ja, genau die gleiche Polizei, die seit knapp 6 Wochen sagt, dass wir auf keinen Fall wegfahren dürfen. Dass dies praktisch unmöglich ist, stört dabei offenbar wenig …

Nun, was tut man in so einem Fall: man wendet sich an das Deutsche Konsulat in Palma – die sind doch dafür da, die Interessen von Bundesbürgern im Ausland zu vertreten, oder? Dort ist man aber erst mal ganz anderer Ansicht und gibt den hilfreichen Rat, man möge sich an einen spanischen Anwalt wenden und vor dem obersten Gerichtshof auf die Einhaltung von EU-Rechten klagen. Ganz anders die Reaktion beim nächsten Anruf beim Auswärtigen Amt in Deutschland: doch, natürlich würde man helfen! Allerdings hat man dann intern den Fall wieder nach Palma weitergereicht, worauf sich die dortige Leiterin gemeldet und in der Folge ein mehrtägiges Lehrstück darüber abgeliefert hat, wie ein kaiserlich-preußischer Beamte den Bürger auflaufen lässt, wenn dieser zu lästig wird. Nun, Leiterin und Stellvertreter des Deutschen Konsulats in Palma haben sich mit jeder Beschreibung spottender Arroganz den unangefochtenen Spitzenplatz auf der Liste derjenigen Staatsdiener erkämpft, für die jeder Cent der gezahlten Steuern verschwendet ist.

Einziger Lichtblick ist das holländische Boot, welches 100 Meter entfernt ankert: die haben ebenfalls ihre Botschaft kontaktiert und eine völlig verschiedene Auskunft bekommen: selbstverständlich werde man sich der Sache annehmen, sie sollten sich keinerlei Sorgen machen, und auf keinen Fall in See stechen und irgendein Risiko eingehen. Der Hinweis darauf an die deutschen Diplomaten und der Vorschlag, man könne doch mit den holländischen Kollegen Kontakt aufnehmen und an einem Strang ziehen, wurde abschlägig beantwortet: dazu habe man keine Veranlassung. Also, unsere letzten Hoffnungen ruhen auf unseren freundlichen Nachbarn im Westen, die das Gutsherrentum nicht nur der Form nach abgelegt haben …

Phasenweise Lockerungen

Tatsächlich beruhigt sich die Lage wieder, und das ausschließlich Dank des Einsatzes der niederländischen Botschaft: nachdem der Botschafter persönlich tagelang versucht hat, einen Vertreter der lokalen Hafen- oder Polizeibehörde ans Telefon zu bekommen (die sich teilweise auf geradezu komödiantisch anmutende Weise von ihren Sekretärinnen haben verleugnen lassen), ist auf einmal keine Rede mehr von Ausweisungen oder Geldstrafen – das Boot der Guardia Civil schaut noch einmal vorbei, sieht aber gar kein Problem mehr, und danach lassen sie sich die Beamten kein einziges Mal mehr blicken … wieviel man als offizieller Landesvertreter mit nichts weiter als einem Telefon erreichen kann, ist doch erstaunlich – und demaskiert die Aussage der deutschen Amtskollegen ‚wir können nichts für sie tun‘ als eben die dummdreiste Lüge, die sie ist.

Unterdessen stellt der spanische Premierminister einen stufenweisen Plan vor, wie man bis zur Phase 3 schrittweise das Leben im Land wieder zulassen will – und damit das auch ja nicht zu schnell geht, fängt man bei Null an zu zählen … aber selbst die ‚Phase 0‘ bringt für die Menschen schon Fortschritte: man darf erstmals seit fast zwei Monaten wieder einen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen, wenn auch nur in einem engen Radius um die Wohnung und zu festgesetzten Zeiten – aber auf einmal sieht man wieder Menschen (ohne Hund) auf der bislang wie ausgestorben wirkenden Insel.

Zum zweimonatigen Jubiläum des Ausnahmezustandes wird dann sogar wieder das Sporttreiben erlaubt, und theoretisch dürfte man in diesem Rahmen auch sein Segelboot benutzen – für Tagesausflüge im Gebiet der Heimatgemeinde. Nun, was immer das für ausländische Boote bedeutet, zunächst mal ist das Wetter zu instabil, um darüber auch nur nachzudenken, bis zu 35 Knoten Wind schütteln die Ankerlieger ordentlich durch, aber zum Wochenende des 16./17. Mai beruhigt sich das Wetter, und die Wettervorhersagen künden davon, dass der Sommer da ist: soweit man blicken kann nur Tage mit 14 Sonnenstunden, 28 Grad im Schatten und laue Winde. Ab Montag den 25. soll die Phase 2 beginnen und wieder die Überfahrt nach Mallorca erlauben, wovon wir natürlich Gebrauch machen wollen – ob wir die Woche bis dahin schon nutzen, um uns still und heimlich in kleinen Schritten entlang der Küste nach Norden vorzuarbeiten? Falls die Polizei vorbeikommt, können wir ja die niederländische Gastlandflagge als Nationale setzen, und sie werden einen großen Bogen um uns machen 😉

Aufbruch

Am Montag den 18. Mai ist es tatsächlich soweit: wir verlassen die Bucht von Sant Antoni! Zusammen mit zwei anderen Booten machen wir uns auf den Weg zum Nordende der Insel, um bei günstiger Wetter- und Gesetzeslage die Überfahrt nach Mallorca vorzubereiten.

Cala Salada, ein kleines Paradies direkt neben Sant Antoni

Zunächst geht es nicht gerade weit, in der gut 3 Seemeilen entfernten Cala Salada werfen wir den Anker; doch obwohl Sant Antoni noch so nah ist, sind wir in einer anderen Welt: völlig klares Wasser, Natur, keine Plattenbauten. Wir trauen uns einen – außerhalb der Zeitfenster am Morgen und Abend – noch immer illegalen Spaziergang zu machen, da auch einige Einheimische verbotenerweise die Strände nutzen. Am Nachmittag -glücklicherweise wieder zurück an Bord – erleben wir dann ein besonderes Schauspiel: an Land tauchen drei Beamten der Guardia Civil  auf und beginnen, die Personalien der Anwesenden aufzunehmen – neue Einnahmen für die Staatskasse. Am entfernten, von einem felsigen Abschnitt getrennten Bereich des Strandes bekommen die Natursuchenden dies mit und versuchen sich aus dem Staub zu machen, worauf die Polizisten in einer filmreifen Aktion ausschwärmen und versuchen, den Flüchtenden den Weg abzuschneiden – das muss schließlich geahndet werden, man bedenke, wieviel kriminelle Energie dahintersteckt, sich nach neunwöchigem Aufenthalt in einer kleinen Plattenbauwohnung einfach so an den Strand zu begeben! Wir jedenfalls haben vom Boot aus den perfekten Überblick, beobachten die Bewegungen oben auf den Felsen und geben den Flüchtenden Zeichen, in welche Richtung sie laufen müssen, um ihren Verfolgern zu entgehen. Tatsächlich gelingt dies auch einer Gruppe, die sich hinterher herzlich bedankt. Nach Abzug der Beamten gehört der Strand wieder den Senioren und Hundebesitzern, für die er um diese Zeit reserviert ist, sprich: er ist menschenleer.

Die ‚Orion‘ kann noch segeln!

Am Dienstag weht ein schöner Südwest, und wir legen ein längeres Stück entlang der Küste zurück, volle 12 Seemeilen diesmal, und richtig unter Segeln – was für ein tolles Gefühl, nach zwei Monaten Zwangspause wieder den Gennaker leuchten zu sehen! Am Nachmittag erreichen wir den Puerto de Sant Miquel, anders als der Name vermuten lässt kein Hafen, sondern eine große, gut geschützte Bucht. Hier gibt es strandnah ein paar große Hotelburgen (ausgestorben, versteht sich), in jeder anderen Richtung ist es aber rundherum recht hübsch. Auch hier erwandern wir die Umgebung, sehen aber keine Polizei mehr – offenbar sind wir nun weit genug von den ‚Städten‘ entfernt.

Das Wetter ist einfach traumhaft: in der Sonne sehr warm, nachts aber noch angenehm kühl, makellos blauer Himmel und 23° warmes Wasser. Einzig wie es weitergehen soll ist immer noch unsicher: zum einen ist es wenige Tage vor Beginn der Phase 2 immer noch nicht klar, ob es dann erlaubt sein wird, nach Mallorca überzusetzen, zum anderen soll der Wind pünktlich zum 25. auf Nordost drehen und dabei auf längere Sicht bleiben – Gegenwind, was sonst.

So sieht gutes Wetter aus – das Meer vor Puerto de Sant Miquel

Nach zwei Nächten verholen wir uns ein kleines Stück in die nächste Ankerbucht, die Cala Es Canaret; laut Revierführer einer der schönsten Ankerplätze auf Ibiza, die wir auf dem Hinweg Mitte März leider auslassen mussten, weil die See zu unruhig für den eher offenen Ankerplatz war. Nun sieht es ganz anders aus: es weht kaum ein Lüftchen, und das Mittelmeer liegt spiegelglatt vor uns.

Abendhimmel über der Cala Es Canaret

Tatsächlich ist der Ort einfach traumhaft: die Farben des Wassers und der Felsen, die Umgebung (keine Hotels, eine einzige Luxusvilla stellt die einzige Bebauung dar), die das Boot umspielenden Fischschwärme, das Vogelgezwitscher, die Aussicht … besser geht es kaum noch! Einzig allein die Mobilfunkabdeckung lässt zu wünschen übrig, was für das Einholen neuerer Wettervorhersagen etwas nachteilig ist, daher verlassen wir schweren Herzens am Samstag wieder dieses kleine Paradies und fahren ins zwei Seemeilen entfernte Portinatx, welches wir auf dem Hinweg schon besucht haben.

Cala Es Canaret – wirklich der schönste Ankerplatz, den wir auf Ibiza erleben durften
Magische Lichtstimmung in den Grotten

Tatsächlich haben in Portinatx inzwischen ein paar Restaurants und ein Minimarkt den Betrieb aufgenommen, so dass der Ort etwas belebter wirkt als auf dem Hinweg. Nach wie vor weht aber Nordostwind, was für die Überfahrt nach Mallorca denkbar ungünstig ist, so dass wir erst mal hier verweilen. Wir erfreuen uns am nach wie vor traumhaften Wetter, unternehmen Ausflüge mit dem Dinghi in nahegelegene Grotten und hängen ansonsten einfach ab. 

Endlich wieder Leben am Strand von Portinatx!

Am Montag den 25. treten die Balearen in die Phase 2 der Corona-Exit-Strategie ein; nun ist erstmals seit 10 Wochen wieder das Baden im Meer erlaubt, und augenblicklich wandelt sich der Anblick des Strandes: statt ausgestorben vor uns zu liegen, erfüllen nun wieder die Rufe planschender Kinder die ganze Cala. Für die Einheimischen bietet sich eine besondere Situation: zwar sind die meisten von existenziellen Nöten bedroht, dafür haben sie aber erstmals seit vielen Jahrzehnten den Strand für sich alleine. Wir freuen uns mit den Menschen, die endlich wieder in die Freiheit entlassen wurden!

Diese Freiheit erstreckt sich freilich nur auf die Insel, Reisen auf die Nachbarinsel sind nach wie vor untersagt (damit wir auch ja nicht den Virus vom inzwischen völlig coronafreien Ibiza auf das nahezu coronafreie Mallorca tragen); wir wollen aber den für Mittwoch angesagten, halbwegs brauchbaren Wind nutzen und einen Ausbruchversuch unternehmen, zusammen mit der niederländischen ‚Blitz‘ – wenn uns die Polizei anhält, wird deren Flagge sie hoffentlich in die Flucht schlagen 😉

Auf Mallorca (10.02. – 11.03)

Überfahrt

Am frühen Montagmorgen ist es endlich soweit: der Kapitän des Saugbaggers fährt in einem kleinen Boot voraus und weist uns den Weg durch die schmale Rinne, welche aus dem Hafen von El Masnou führt. Glücklicherweise hat sich die Richtung, aus der die Wellen anlaufen, etwas geändert, so dass sich die See nicht mehr auf ganzer Breite der Einfahrt an der Sandbank bricht. Vorsichtig tasten wir uns voran, und tatsächlich schaffen wir es, ohne Grundberührung tieferes Wasser zu erreichen – was für eine Erleichterung! Der freundliche Baggerkapitän bekommt noch eine Flasche Wein hinübergereicht, und dann zeigt der Bug Richtung Mallorca 🙂

Wenigstens für den Vormittag ist eigentlich eher schwächerer Wind angesagt, was ideal zum Ausprobieren des neuen Code Zero sein sollte; aber schon beim Setzen des Großsegels sind es schon 12 bis 15 Knoten, so dass wir doch erst mal nur Klüver- und Kuttersegel dazunehmen. Wie sich 10 Minuten später zeigt, eine gute Entscheidung: es bläst munter mit 25 Knoten und mehr – Windstärke 6, in Böen 7. Definitiv zu viel für das Leichtwindsegel – und eigentlich auch schon für das gesetzte Vollzeug, aber was soll’s, die ‚Orion‘ hat ja genug Ballast im Kiel … so rauschen wir also auf perfektem Halbwindkurs mit über 7 Knoten durchs Wasser – endlich wieder!

Entsprechend werden auch die Wellen langsam höher – die Vorhersage sprach von einem Meter signifikanter Höhe, aber die haben wir schon lange überschritten. Wind und Wellen erreichen ihr Maximum am frühen Nachmittag, als wir im Bereich der Schelfkante segeln, wo die Wassertiefe schnell von unter 100 auf über 1500 Meter abfällt; wir haben inzwischen die Segelfläche reduziert, um nicht ganz so sehr auf der Seite zu liegen, und auch, um nicht zu früh anzukommen – eine Erfahrung, die man auf einem schweren Langkieler nicht so häufig macht 😉 Aber die Strecke bis zum Cap de Formentor, der Nordostspitze Mallorcas, beträgt nur 100 Seemeilen – zu viel, um es selbst bei günstigsten Bedingungen im Laufe eines Tages zu erreichen, aber wenig genug, um bei solchen Geschwindigkeiten mitten in der Nacht anzukommen, und das wollen wir vermeiden. Die letzten Wolken haben sich unterdessen verzogen, die Sonne strahlt, die Wellen glitzern – was will man mehr!

Sonnenuntergang auf halber Strecke nach Mallorca

Am frühen Abend beruhigen sich Wind und Wellen, es weht nur noch mit knapp 20 Knoten (5 Beaufort), und die Wellen bewegen sich nun im Bereich der vorhergesagten Verhältnisse; es bleibt bei einem gemäßigten Amwindkurs, und aufgrund des aufgebauten Vorsprungs können wir nur mit Großsegel ruhig durch die Nacht fahren. Es bietet sich uns ein phantastischer Sonnenuntergang dar, wie so oft weit draußen auf See; der darauf folgende Sternenhimmel steht dem in nichts nach, und bald steht im Süden der Orion am Himmel, und wir rauschen durch die Nacht auf unseren Namensgeber zu.

Magisch: Cap de Formentor im ersten Licht des neuen Tages

Mit dem ersten Licht der Morgendämmerung erreichen wir das Cap de Formentor, sein Leuchtturm hat uns schon seit Stunden den Weg gewiesen. Hoch ragt die bergige Nordküste der Insel auf, und das fahle Licht schält die Klippen wie magisch aus der Dämmerung – für solche Momente lohnen sich die Strapazen einer Nachtfahrt!

Kaum im Windschatten des Kaps hat es sich mit dem Wind natürlich erledigt; wir motoren also noch über die Bucht von Pollença und legen um 10 Uhr an der Mole von Puerto de Bonaire an, um dort ein frischen Brot fürs Frühstück zu kaufen. Ein Mann auf der Mole spricht uns an – auf Deutsch natürlich, damit wir auch wissen, dass wir auf Mallorca sind 🙂 Er klärt uns auf, dass der kleine Supermarkt im Ort nur in der Saison geöffnet ist – bietet sich aber gleich an, uns eben nach Alcúdia zu fahren. Das ist echt nett, und rettet das Willkommensfrühstück!

Ausblick vom Ankerplatz vor Bonaire

So können wir also bald wieder ablegen und ein paar hundert Meter vor der Hafeneinfahrt vor der Playa de Sant Joan auf 3 Meter Wassertiefe über reinem Sandgrund den Anker fallen lassen. Das Wasser ist kristallklar, man meint die Sandkörner zählen zu können; inzwischen ist es 11 Uhr, und die Sonne entwickelt eine enorme Kraft, es wird richtig warm; Kaffee, Brot, Eier und Orangensaft schmecken hervorragend – wir sind definitiv angekommen!

Port de Pollença
Im Hafen von Port de Pollença

Nach einer relativ ruhigen Nacht vor Anker (erst am frühen Morgen kommt etwas Schwell aus Nordost auf) begrüßt uns der neue Tag etwas bewölkt: überm Ligurischen Meer befindet sich ein kleines Randtief, ein Ausläufer des Sturmtiefs, das am vergangenen Wochenende Nord- und Mitteleuropa heimgesucht hat; dieses drückt eine kleine Delle in unser schönes Azorenhoch und ist auch für den Schwell verantwortlich, aber der Effekt ist nur sehr vorübergehend. Dennoch verholen wir uns für den Rest des Tages und die kommende Nacht in den Hafen von Port de Pollença, bei Nordost findet sich in der ganzen Bucht kein vernünftiger Schutz, und eine Dusche ist ja auch nicht zu verachten …

Zahlreiche Havaristen liegen am Strand

Ein Teil des Hafens wird von der Hafenbehörde der Balearen verwaltet, hier kommt man deutlich günstiger unter als in den privaten Marinas; in der Nebensaison zahlen wir keine 23 € pro Nacht, das ist für mallorquinische Verhältnisse äußerst günstig. Der Hafen ist freundlich und modern ausgestattet, der kleine Ort wirkt zu dieser Jahreszeit recht verschlafen, bietet aber gute Einkaufsmöglichkeiten. Beim Rundgang entdecken wir am Strand zahlreiche gestrandete – und zum Teil schwer beschädigte und vollgelaufene – Boote, die sich während des schweren Sturms ‚Gloria‘ vor gut drei Wochen von ihren Murings losgerissen haben; ein schlimmer Anblick! Da sind wir mit unserer Sandbank vor El Masnou ja noch glimpflich davongekommen …

Am Donnerstag ist es mit dem Nordost wieder vorbei, die Bewölkung lockert auch schon wieder auf; wir verlassen den Hafen und ankern die kommende Nacht eine knappe Seemeile entfernt direkt vorm Strand, kaum eine Kabellänge vom Übungsparcours einiger Jollen entfernt, die fleißig den schwachen Wind mit dem Spinnaker einfangen.

Cala Murta

Für Freitag und das Wochenende ist Traumwetter angesagt, bis 21° und strahlender Sonnenschein; dafür haben wir uns eine schöne Ankerbucht gleich vorm Cap de Formentor ausgesucht. Freitagmorgen ist aber von der Sonne nichts zu sehen, im Gegenteil: dichter Nebel hüllt die gesamte Bucht von Pollença ein, wir können den Strand nicht mehr sehen. Wir warten noch ein paar Stunden ab, aber als es nicht besser wird, brechen wir trotzdem auf, um die 6 Seemeilen bis zum Ankerplatz unter vorsichtiger Motorfahrt zurückzulegen. Tatsächlich reißt es kurz vor Erreichen der Küste etwas auf, so dass wir mit akzeptabler Sicht in die Cala Murta einlaufen und einen Sandfleck zum Ankern aussuchen können. Viel Platz ist hier nicht gerade, die Cala ist vielleicht 50 Meter breit; wir bringen zusätzlich den Heckanker aus, um das Schwojen den Bootes zu begrenzen.

In der Cala Murta

Das Wasser der Cala ist schon fast unwirklich klar, so als wäre es gar nicht vorhanden, der Grund unter der ‚Orion‘ besteht aus fast weißem Sand, zum Strand hin von Felsen durchsetzt; in reinem Türkisblau leuchtet es um uns herum.

Nach einer ruhigen Nacht setzt sich am Samstag endlich die Sonne durch; wir setzen mit dem Dinghi zum Kieselstrand über und unternehmen eine kleine Wanderung. Der Weg führt hinauf zur Straße, welche den Leuchtturm am Cap de Formentor mit dem Landesinneren verbindet, und über diese hinweg zu einer Bucht an der Nordseite der Halbinsel, der Cala Figuera.

Wir laufen im strahlenden Sonnenschein durch Pinienwälder und über Bergflanken, die Landschaft bildet einen tollen Kontrast mit dem tiefblauen Himmel – hier ist es wirklich schön! Die Temperaturen erreichen zwar nicht die angekündigten Werte, aber das macht nichts, in der Sonne ist es dennoch herrlich warm; wir beschließen den Tag entsprechend mit dem ersten Grillabend der Saison.

Blick über die Cala Figuera

Am Sonntag hat es die Sonne wieder etwas schwerer, sich durchzusetzen, erst am Nachmittag hat sie die Wolken verscheucht; wir genießen die Ruhe an unserem Ankerplatz, die nur ab und an von Wanderern oder einem Motorboot mit Ausflüglern unterbrochen wird, die sich aber selten länger als eine Viertelstunde in der Cala aufhalten. Ansonsten haben wir den Ort für uns allein – abgesehen von einer Herde liebreizender Esel, die sich ab und zu am Strand blicken lassen.

Port d’Alcúdia

Am Montagvormittag verlassen wir nach drei Tagen die Cala Murta, denn für die kommende Nacht ist viel Wind und Schwell angesagt. Wir segeln 15 Seemeilen gen Süden bei 8-12 Knoten Wind in die Bucht von Alcúdia – Amwindkurs, endlich eine Gelegenheit, den neuen Code Zero mal zu testen! Tatsächlich macht sich das Leichtwindsegel gut, es steht faltenfrei und verleiht uns immerhin 3 bis 4 Knoten Fahrt – bei solchen Bedingungen kämen wir mit unseren schweren Standardsegeln kaum voran, und der leichte Gennaker ist nur bei achterlichem Wind zu gebrauchen.

In Port d’Alcúdia

Am Nachmittag erreichen wir die Marina von Port d’Alcúdia und nutzen die letzten Sonnenstrahlen für einen Rundgang durch den Ort. Alles etwas größer als in Port de Pollença, aber auch hier eher gepflegte Hotels als entsetzliche Bausünden – wir sind positiv überrascht!

Am Abend zieht es sich zu, und der angekündigte Nordnordost setzt ein; am nächsten Morgen ist es aber auch schon wieder vorbei, die Sonne versucht tapfer, die Wolken zu verdrängen, und wir richten uns darauf ein, die Marina auch schon wieder zu verlassen.

Allzu weit haben wir es aber nicht – gleich um die nächste Ecke gibt es einen netten Ankerplatz vorm Strand von Alcanada, wo wir die kommende Nacht verbringen.

Cala Pi de la Posada

Mittwochmorgen begrüßt uns strahlender Sonnenschein – so muss das! Wir machen uns am späten Vormittag auf den Weg zurück in die Bucht von Pollença; da es nicht weit ist, versuchen wir mit dem wenigen Wind noch zu segeln. Dummerweise kreuzen wir dabei vorm Cap de Pinar weit Richtung Osten heraus, als plötzlich Wind aufkommt – exakt vor vorne, natürlich. So muss dann doch noch der Motor mithelfen, um unser Ziel, die ausgedehnte Bucht Cala Pi de la Posada kurz vor Port de Pollença, noch bei gutem Licht zu erreichen – was wichtig ist, um die Beschaffenheit des Grundes gut beurteilen zu können,  in der gesamten Bucht besteht nämlich eigentlich ein Ankerverbot zum Schutz der Neptungraswiesen (Posidonia oceanica). In der Saison werden (selbstverständlich kostenpflichtige) Muringbojen ausgelegt, so früh im Jahr fehlen diese jedoch noch; umso wichtiger ist es, darauf zu achten, Anker und Kette auf Sandgrund und nicht in die Neptungraswiesen zu legen.

Traum in Blau – Cala Pi de la Posada

Am Ankerplatz genießen wir noch die Stunde um Sonnenuntergang, bevor wir eine ruhige Nacht in der von pinienbewachsenen Berghängen umschlossenen Bucht verbringen. 

Der nächste Tag beginnt schon mit wolkenlos blauem Himmel; wir verbringen den ganzen Tag vor Anker und genießen das schöne Wetter. Die Luft ist mit etwa 16 Grad noch eher kühl, aber in der Sonne ist die  Badehose völlig angemessen. Vom Ankerplatz bietet sich ein herrlicher Panoramablick über die Badia de Pollença mit der Ila de Formentor im Vorder- und dem Bergrücken des Penya des Migdia (354 m) im Hintergrund, das Blau des Himmels und des Wassers strahlen um die Wette – so kann man es aushalten! Gerne verbringen wir auch noch eine weitere Nacht an diesem schönen Ort, bevor wir am folgenden Morgen in den nahegelegenen Hafen von Port de Pollença verholen.

Landgang
Ausblick vom Mirador d’es Colomer

Die nächsten Tage verbleibt die ‚Orion‘ im Hafen von Port de Pollença, und wir erkunden das Inselinnere mit dem Mietwagen. Der erste Ausflug führt über die in den 1930er Jahren errichtete Straße zum Cap Formentor; diese führt auf geradezu atemberaubende Weise (für Menschen mit Höhenangst nicht zu empfehlen!) entlang der steilen Bergflanken und bietet hinreißende Panoramablicke über die wilde Gebirgslandschaft und das tiefblaue Meer.

Vom gleichen Straßenbauingenieur, Antonio Paretti, stammt auch die Straße nach Sa Calobra durch die Serra de Tramuntana, welche wir am nächsten Tag bewundern dürfen – eine großartige Leistung, diese Folge von Serpentinen ohne Hilfe von Maschinen in der abweisenden Umgebung zu errichten! Beim Nus de sa Corbata (‚Krawattenknoten‘) überquert sich die Straße in einer 270°-Kurve sogar selbst; ein kleiner Parkplatz ermöglicht es die Aussicht zu genießen, die wahrlich unvergesslich ist.

Am Nus de sa Corbata
Cala de Sa Calobra

Am Ende der Straße gelangt man zum winzigen Ort Sa Calobra, welcher bis zur Fertigstellung der Straße 1932 nur auf dem Seeweg oder über steile Bergpfade zu erreichen war; heute ist der Ort das Ziel zahlreicher Touristen und selbst Ende Februar schon gut besucht …

Neben beeindruckenden Berglandschaften bietet Mallorca auch zahlreiche sehenswerte Ortschaften: wir besuchen Selva, Pollença, Artà, Capdepera und Binissalem; überall finden wir schöne alte Häuser, malerische enge Gassen und freundliche Plätze mit regem Straßenleben. Die Mischung aus römischen und maurischen Einflüssen auf Architektur und Stadtplanung hat ihren besonderen Reiz, und dass vielerorts die Zeit stillzustehen scheint, trägt zum Gesamterlebnis bei.

Immer wieder zieht es uns aber in die Serra de Tramuntana, die vom höchsten Berg Mallorcas, dem 1445 Meter hohen Puig Major, gekrönt wird; die Sonne strahlt Tag für Tag, die Temperaturen sind perfekt zum Bergwandern geeignet, und die Luft duftet nach Rosmarin und Pinienwäldern – hier findet man so viel mehr als Pauschalhotels und Badestrände!

Panoramablick vom Castell d’Alaró (825m) über die Serra de Tramuntana
Es geht weiter

Am Mittwoch lassen wir in Port de Pollença noch einen kleinen Sturm durchziehen, aber am Donnerstag verlassen wir dann den sympathischen Hafen und machen uns daran, die Insel zu umrunden. Zunächst weht noch sehr viel weniger Wind als angekündigt, bis in die Bucht von Alcúdia müssen wir motoren; zum Ausgleich kommt dann umso mehr Wind auf, von vorne natürlich: innerhalb einer Stunde bläst es uns mit 6 bis 7 Beaufort ins Gesicht. Wir kreuzen viele Stunden geduldig gegenan, mit dem zweiten Reff im Groß und Kuttersegel kommen wir durchaus noch vorwärts, nur anstrengend ist es natürlich; erst gegen 19 Uhr finden wir nach 37 Seemeilen  vorm Strand von Cala Millor einen Ankerplatz, der halbwegs Schutz vor den inzwischen ganz beachtlichen Wellen aus Südwest bietet.

Vor Anker in der Cala Mitjana

Am frühen Morgen dreht aber der Wind auf Nordost, und es hat sich mit dem Schutz schnell erledigt; wenigstens können wir nun mit raumem Wind bequem segeln, und so erreichen wir schon gegen Mittag den nächsten Ankerplatz, die völlig im Land eingeschlossene Cala Mitjana. Nicht gerade geräumig, wir legen uns zwischen Bug- und Heckanker, aber ein wahrhaft paradiesischer Platz: zerklüftete Felsen, weißer Sandgrund, türkisfarbenes Wasser und an Land ein ausgedehntes Anwesen, für das die gesamte Umgebung zu einem mediterranen Landschaftsgarten wie aus dem Bilderbuch gestaltet wurde. Ja, so könnte man wohl wohnen – nun, wir können es immerhin für eine Nacht 🙂

Malerisch: Cala Figuera

Am Samstag segeln wir noch ein kleines Stück weiter bis Cala Figuera; hier müssen wir erst mal ein paar Tage pausieren, denn der nächste Sturm steht vor der Tür: bei Windvorhersagen von 40 bis 50 Knoten und 4 Meter charakteristischer Wellenhöhe wollen wir lieber nicht auf See sein.

Blütenpracht bei Santanyi

Der kleine Fischerhafen sollte eigentlich auch über einen Supermarkt verfügen, aber der hat noch Winterpause; so laufen wir am Samstagnachmittag ins 6 Kilometer entfernte Santanyí, um Frischvorräte einzukaufen und die Landschaft anzuschauen, welche sich hier eher flach und unspektakulär gibt, aber dafür Blumenwiesen in einer Pracht und Dichte bietet, wie wir sie selten gesehen haben.

Die See brandet in der Einfahrt zur Cala Figuera

Die folgenden Tage zeigen aber auch mal wieder, wie nahe beim Segeln die außergewöhnlich schönen Erlebnisse und die Tage, an denen man ernsthaft über ein anderes Hobby nachdenkt, beieinanderliegen: während wir auf eine Möglichkeit zur Weiterreise warten und der Wind immer mehr zunimmt, wird die Situation im Hafen immer unerträglicher. Mehr und mehr Schwell arbeitet sich in die Cala und lässt die ‚Orion‘ wie wild an ihren Festmachern zerren, während der Wind in Sturmstärke im Rigg pfeift. Die erste Nacht ist schon schlaflos und kostet einem Festmacher mit Gummiruckdämpfer das Leben, in der zweiten wird es so schlimm, dass wir uns um 2 Uhr in der Frühe auf die andere Seite der Mole zwischen die Fischerboote verholen – glücklicherweise bestätigt der Hafenmeister am nächsten Morgen wenigstens, dass wir dort bleiben dürfen, von ruhiger Lage kann aber auch hier keine Rede sein … und dafür zahlt man auch noch Geld!

Damit haben wir aber noch nicht das Ende unserer Schwierigkeiten in Cala Figuera erreicht: am Dienstagmorgen schrammt ein ablegendes Fischerboot an unserem Heck vorbei und rasiert den Flaggenstock ab. Der Hafenmeister empfiehlt, auf die Rückkehr des Bootes zu warten und dann die Schadensregulierung mit dem Kapitän zu kläre, warnt aber gleichzeitig, dieser sei nicht so ganz zurechnungsfähig … diese Einschätzung finden wir leider am Nachmittag bestätigt: statt sich zu entschuldigen, erweist sich der Fischer als Psychopath erster Güte und droht damit, noch mehr Schaden anzurichten. Wir haben die Wahl, die Polizei zu rufen oder den Hafen vorm Ablegen der Fischerboote zu verlassen – wir wählen letztere Möglichkeit und legen am Mittwoch um kurz nach 3 Uhr in der Frühe ab, als sich der tagelange Sturm endlich gelegt hat.

Palma
Hafen und Kathedrale von Palma

Die Wellen sind noch ganz schön beachtlich, aber glücklicherweise nicht so kurz, und so kommen wir gut voran und erreichen wir am späten Mittag nach 38 Seemeilen Palma, die Inselhauptstadt. Schon aus der Ferne begrüßt einen die beeindruckende Kathedrale über dem sehr ausgedehnten Hafen – neben den Fähr- und Frachthäfen bieten hier 9 (!) Yachthäfen ihre Dienste an. Für einige davon sind wir mindestens 50 Meter zu kurz, und die meisten wollen wir nicht bezahlen; lediglich eine Marina, die als Heimatbasis für Charterboote errichtet wurde, füllt ihre in der Woche leerstehenden Plätze zu akzeptablen Tarifen mit Gastliegern auf. Da in den folgenden Tagen schon wieder Starkwind von 30 bis 40 Knoten angesagt ist, buchen wir uns für 4 Nächte ein und besuchen in den folgenden Tagen die Stadt.

La Llotja de Palma

Nach der Eroberung durch die Römer 123 v. Chr. war Palma über 5 Jahrhunderte wichtige Hafen- und Handelsstadt, bis die Stadt nach dem Untergang des römischen Reiches mehr und mehr an Bedeutung verlor und schließlich 903 unter maurische Herrschaft geriet. Dies führte zu einer Wiederbelebung unter islamischer Ausrichtung, bis die ganze Insel 1229 zurückerobert wurde. Zunächst ein eigenständiges Königreich, dann zu Aragon und schließlich zu Spanien gehörend, stellt heute – natürlich – der Tourismus das wirtschaftliche Fundament Mallorcas dar.

Kathedrale ‚La Seu‘

Neben der Kathedrale gibt es im Stadtbereich 31 weitere Kirchen und unzählige andere historische Bauten, wie den königlichen Palast, das Rathaus und die direkt vor der Marina gelegene, 1447 vollendete Seehandelsbörse Llotja de Palma; aber auch die engen, verwinkelten Gassen der Altstadt sind einen Besuch wert, und die vielen einladenden Restaurants (wir probieren eine köstliche Paella) und Cafés sowieso!

Cala Portals

Am Sonntag hat sich der Wind endlich gelegt, und wir können weiter; leider hat er sich so gründlich gelegt, dass wieder der Motor läuft: es scheint nur noch zu viel Wind oder gar keinen wind zu geben. Zu viel Strecke nehmen wir uns unter diesen Bedingungen nicht vor, nach nur 10 Seemeilen werfen wir in der Cala Portals den Anker.

Cala Portals

Hier ist ganz schön was los: rund ein Dutzend Motor- und Segelboote ankern über die Bucht verteilt, und zahlreiche Sonnenhungrige liegen auf den warmen Felsen rund herum. Ach richtig, es ist Sonntag! Um 17 Uhr verlässt dann auch ein Boot nach dem anderen die Cala, bis wir schließlich allein sind.

In den Höhlen

Da wir auf passendes Wetter für die Überfahrt nach Ibiza warten und es uns in der Cala gut gefällt, bleiben wir gleich drei Nächte. So bleibt auch Zeit, eine kleine Wanderung entlang der Ufer der mehrarmigen Bucht zu unternehmen; dabei erkunden wir beeindruckend große Höhlen, die offenbar seit alter Zeit genutzt und erweitert wurden – ein kleines Abenteuer!

Port d’Andratx
Cap de Cala Figuera

Am Mittwoch den 11. März ziehen wir schließlich weiter zum Hafen von Andratx – bevor wir nach Ibiza übersetzen wäre eine Dusche ganz angenehm. Leider gibt es zwei unangenehme Überraschungen: zunächst weht der angekündigte Wind nicht, so dass wir weitere 12 Seemeilen motoren müssen (okay, das ist eigentlich keine Überraschung mehr), und dann sind die Duschen noch bis Freitag nicht zugänglich wegen Reparatur – dumm gelaufen. Bleibt nur, den Ort anzuschauen und ein paar Einkäufe zu erledigen.

Port d’Andratx

Port d’Andratx wirkt sehr sauber und schick – kein Wunder, wohnt hier doch ein guter Teil der ‚Prominenz‘. Man versucht sich deutlich vom Billigtourismus abzuheben, große Hotels sucht man hier vergeblich, dafür finden wir eine Menge Restaurants, Einrichtungsgeschäfte, Boutiquen und nicht zuletzt Immobilienmakler, die ihre Dienste ausschließlich auf Deutsch bewerben … alles klar. Die Lage des Ortes in einer großen, geschützten Bucht, offen zum Sonnenuntergang und mit bewaldeten Bergen im Hintergrund ist aber wirklich ganz reizvoll; wer gerade ein paar Millionen für eine Finca anzulegen hat, sollte Andratx ruhig in Erwägung ziehen.

 

(Fehl-)Start in die neue Saison (13.01. – 09.02.)

Zurück in El Masnou

Am 13. Januar landen wir wieder in Barcelona und erreichen nach kurzer Fahrt mit dem Zug El Masnou; erfreut stellen wir fest, dass es der ‚Orion‘ gut ergangen ist, sie liegt da wie vor einem Monat 🙂

Der Dienstagmorgen begrüßt uns mit dem Wetter, welches wir zu Hause vermisst haben: wolkenlos blauer Himmel und in der Mittagssonne T-Shirt-Temperaturen, es fühlt sich an wie Frühling. Wir nutzen in den nächsten Tagen das schöne Wetter für eine ganze Reihe von Arbeiten am Boot: für den Gennaker und den neuen Code Zero muss noch eine Aufnahme am Bugspriet vorbereitet werden, mit dem aus Deutschland importierten Epoxyspachtel (in Spanien kennt man nur Polyester) gilt es einigen kleinen Roststellen beizukommen, und schließlich braucht die Toilette neue Dichtungen. Auch packen wir die Fahrräder aus und unternehmen Einkaufstouren, unter anderem ins benachbarte Premià de Mar, 6 Kilometer immer direkt am Strand lang, ein hinreißender Ausblick!

So vergehen fünf Tage wie im Fluge, und auch das schöne Wetter hält genau bis zum Abschluss der Lackarbeiten; am Sonntag setzt dann wie aus dem Nichts starker Nordostwind ein, und es beginnt zu regnen, ab Montag auch heftig. Vier Tage lang stürmt es, bei sehr konstanten mittleren Windstärken um 6 und Böen bis zu 10 Beaufort (an Bord gemessen). Als der Wind immer östlicher dreht beginnt es im Hafen brenzlig zu werden: das gesamte Päckchen der Seite an Seite liegenden Boote beginnt sich immer mehr zu verschieben, und der ganze Druck kommt schließlich bei der ‚Orion‘ an, die ihn an ein Motorboot weitergeben muss, dessen Deck ungefähr anderthalb Meter höher ist als unseres – eine Katastrophe zum Abfendern. Gleichzeitig steigt im ganzen Hafen der Wasserstand immer mehr, die am Heck abgefenderten Boote beginnen gegen die Betonpier zu schlagen, da die Fender herausspringen; bei einem Boot gegenüber ist das Vorstag gebrochen, und die abgerollte Genua knattert waagerecht in der Luft.

Zum Größenvergleich: die Hafenmole ist etwa 6 Meter über Normalnull …

Die Wetterberichte für das angrenzende Seegebiet sprechen von einer charakteristischen Wellenhöhe von 7 Metern; wir trauen uns am Dienstag in einer Regenpause  kurz das Boot zu verlassen und an den angrenzenden Strand zu laufen: der Anblick ist mehr als beeindruckend, die Wellen kommen in einer solchen Höhe angelaufen, dass sie sich schon hunderte Meter vor dem eigentlichen Strand anfangen zu brechen, die See ist ein einziges Inferno.

Wir überstehen den Sturm ohne Schaden, aber nur weil wir an Bord waren; was wenig Begeisterung auslöst ist mitanzusehen, wie das Personal der Marina achtlos an beginnenden Unglücken vorbeiläuft, ohne auch nur eine Hand z.B. zum Verrücken eines Fenders an die richtige Stelle zu rühren – für 450 Euro im Monat darf man wohl nicht zu viel erwarten …

Am Donnerstag ist der Spuk so schnell vorbei wie er begonnen hat: am Morgen regnet es noch etwas, ab 11 Uhr kommt die Sonne durch und es ist sofort wieder warm – bei völliger Flaute. Ein Ausflug mit dem Fahrrad entlang der Strandpromenade zeigt, dass dieser Sturm wohl das Maß des Üblichen deutlich überschritten hat: der Weg, den wir vor 6 Tagen noch so schön fanden, ist auf ganzer Länge verwüstet – überall haben sich tiefe Krater aufgetan, Bäume sind ausgegraben, die viele 100 Kilogramm schweren Betonbänke sind 10 Meter weiter landeinwärts wiederzufinden, vormals mit Holz beplankte Terrassen sind vollständig abgedeckt, und alles ist mit den kopfgroßen Bruchsteinen bedeckt, die einmal die Uferbefestigung bildeten. In Kenntnis des hiesigen Reparaturtempos gehen wir davon aus, dass es so etwas nicht alle Tage gibt … wie war das mit dem Klimawandel?

Ein Blick in die Nachrichten bestätigt dann den Eindruck: Sturm ‚Gloria‘ ist die größte Katastrophe, die spanische Mittelmeerküste und die Balearen seit geraumer Zeit heimgesucht hat. Mindestens 9 Tote hat es gegeben, und im Internet kursierende Videos zeigen 14 Meter hohe Wellen, die zweistöckige Gebäude wie Spielzeug aussehen lassen – die 7 Meter charakteristische Wellenhöhe aus dem Seewetterbericht waren also keine bloße Phantasie …

Im Hafen gefangen

Am Wochenende kristallisiert es sich dann immer deutlicher heraus: wir haben ein Problem! In der Hafeneinfahrt hat sich während des Sturms Sand abgelagert, und der Hafen ist komplett gesperrt; während man zunächst noch in Aussicht stellt, das Problem mit eigenen Mitteln beheben zu können, kommt dann am Montag die ernüchternde Wahrheit ans Licht: ein großer Bagger muss herangeschafft werden, und allein das dauert erst einmal … man reißt sich auch nicht gerade Arme und Beine aus, um die Sache zu beschleunigen.

Ehemals die Hafeneinfahrt, jetzt ein neuer Badestrand …

Wir unternehmen eine Wanderung zum Molenkopf und können das ganze Ausmaß der Katastrophe mit eigenen Augen sehen: man kann fast trockenen Fußes quer über die Hafeneinfahrt laufen. Jemals in Aussicht zu stellen, das in absehbarer Zeit mit lokalen Mitteln zu lösen, war von Anfang an absurd – hat aber erst mal einige Tage gekostet. Nun sind wir also bis auf weiteres gefangen in El Masnou – Ende offen …

Alternativprogramm

Besonders ärgerlich für unsere extra aus Norwegen angereiste Crewverstärkung: eigentlich wollten wir zusammen die Costa Brava bereisen, und das Wetter wäre dazu auch perfekt geeignet, aber der Termin für die Öffnung einer Passage rückt in immer weitere Ferne. So bleibt uns nicht anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen: wir genießen die Sonne, trinken Sangría, polieren Edelstahl und Chrom an Deck und lernen das wichtigste spanische Wort: mañana – morgen …

Arc de Triomf, Barcelona

Natürlich fahren wir auch noch zweimal mit dem Zug nach Barcelona: dort gibt es so viel zu sehen, und uns gefällt die Stadt mit jedem Besuch noch besser. Wir verbringen viel Zeit bei herrlichstem Wetter am sehr ausgedehnten Yachthafen und entdecken immer wieder neue Plätze und Straßen in der Altstadt; so stoßen wir mitten im Trubel der Stadt auf den Innenhof des alten Hospital de la Santa Creu aus dem 15. Jahrhundert: hier zwitschern die Vögel in den Orangenbäumen, ein Brunnen plätschert, und ein Straßenmusiker spielt (hinreißend!) Akkordeon – die Zeit steht still, und man mag gar nicht mehr weggehen …

Unseren letzten Besuch beschließen wir mit einem köstlichen Abendessen in einem kleinen Lokal in der Altstadt und freuen uns, die Stadt kennengelernt zu haben!

Mediterrane Natur wie aus dem Bilderbuch

Zwischendurch unternehmen wir auch einen Ausflug in die Natur: wir fahren eine Station mit der Bahn bis Montgat und wandern von dort in einem großen Bogen durch das bergige Hinterland zurück nach El Masnou, etwa 20 Kilometer. Wir sind den ganzen Tag unterwegs, und die Hügel erreichen gut 400 Meter Höhe; von hier bietet sich ein hervorragender Ausblick über Barcelona und Umgebung, und natürlich über das strahlend blaue Meer. Die Vegetation wird von Pinien und Zypressen bestimmt, die Luft duftet nach Harz und Rosmarin, ein leichter Wind macht die Wärme angenehm – obwohl die Lufttemperatur im Schatten ’nur‘ 20 Grad erreicht, ist es in der Nachmittagssonne knackig warm, es fühlt sich an wie Frühsommer in Mitteleuropa.

Baggerarbeiten
Einige unserer gut 1000 Mitgefangenen in Port Masnou

Unterdessen ist endlich ein größerer Saugbagger eingetroffen – gearbeitet hat dieser bislang aber nur wenige Stunden: zunächst entstand am Mittwoch wegen eines nördlicher durchziehenden Starkwindfeldes zu viel Schwell, und das Schiff schaukelte den ganzen Tag in einigem Abstand zum Land vor Anker. Donnerstag war das Meer wieder ruhig – statt aber die Arbeit aufzunehmen, fuhr der Saugbagger wieder weg! Die Nachfrage im Hafenbüro ergab, dass man nun wegen einer fehlenden Genehmigung pausiert: offenbar ist den Verantwortlichen in der Zwischenzeit aufgefallen, dass sie zur Wiederherstellung der Strände große Mengen Sand benötigen, und was liegt da näher, als die Genehmigung zum Baggern mit der Auflage zu Verknüpfen, dass der entfernte Sand am Strand aufgeschüttet wird. Da der weit angereiste Saugbagger dies aber nicht leisten kann (er kann nur seinen Laderaum im tiefen Wasser entleeren), passiert erst mal wieder …. nichts.

Fluchtpläne

Zum Wochenende dann die Überraschung: der Kapitän des kleinen Baggers klopft an und erklärt, dass er bald eine schmale Rinne auf 2 Meter Tiefe gebracht hat! Die Überprüfung der Wettervorhersagen ergibt ein günstiges Wetterfenster für Montag, und auch das Hochwasser wird passenderweise für 9 Uhr erwartet – zwar beträgt der Tidenhub ganze 20 Zentimeter und wird normalerweise nicht berücksichtigt, aber wenn es wie hier um jede Handbreit geht … also, wenn nichts dazwischen kommt und wir tatsächlich durch die Ausfahrt kommen, können wir am Montag, den 10. Februar nach gut 2 Monaten El Masnou verlassen und Kurs auf Mallorca nehmen!